אהבת ישראל

November 27, 2012

יהודה כץ

אהבת ישראל

(464)

 

 


Jüdischer Friedhof in Berlin Weißensee

November 26, 2012

Der 1880 angelegte jüdische Friedhof im nordöstlichen Berliner Stadtteil Weißensee (seit 2011: Bezirk Pankow) gilt mit einer Fläche von ca. 43 Hektar als größter erhaltener jüdischer Friedhof in Europa. Die Zahl von fast 115.000 Grabmalen ist die höchste in Deutschland.

Zugang zum Friedhof erhält man heute am Eingang an der Herbert-Baum-Straße, die benannt wurde nach dem zionistischen und sozialistischen Untergrundkämpfer Herbert Baum (1912-1942), dessen sog. meist aus Juden bestehende „Herbert Baum – Gruppe“ in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft aktiven Widerstand leistete. Neben der Verteilung regimefeindlicher Flugblätter verübte die Gruppe u.a. im Mai 1942 im Berliner Lustgarten einen Brandanschlag auf eine anti-sowjetische Ausstellung. Das Nazi-Regime ließ daraufhin wahllos 500 jüdische Männer verhaften. Wahrscheinlich kam es deshalb zur Denunziation der Gruppe. Etwa 30 von ihnen, darunter eben auch Herbert Baum und seine Frau wurden verhaftet und von den Nazis hingerichtet. Auf dem für Herbert Baum nach dem Krieg in der DDR am Friedhof aufgestellten Ehrenmal neben dem Tahara-Haus steht zu lesen: „Er war ein vorbildlicher Kämpfer gegen Krieg und Faschismus“.

Das von weitem schon sichtbare Tahara-Haus mit Sitz der Friedhofsverwaltung findet sich gleich am Eingang hinter der Mauer und dem schmiedeeisernen Gitter des Eingangs. Vor der Tahara befindet sich eine kleine runde Parkanlage zum Gedenken an „sechs Millionen“ ermordeter Juden mit einzelnen Steinen, welche eine Auswahl von Namen von Konzentrationslagern nennen. In der Mitte befindet sich ein Stein mit der Widmungsinschrift: „Gedenke Ewiger was uns geschehen. Gewidmet dem Gedächtnis unserer ermordeten Brüder und Schwestern 1933 – 1945 und den Lebenden die das Vermächtnis der Toten erfüllen sollen. – Die Jüdische Gemeinde zu Berlin“

Herbert Baum (1912 – 1942)

Entlang der Umfassungsmauern des Friedhofs befinden sich eine imposante Anzahl monumentaler Grabmalanlagen, die keinen Zweifel daran lassen, dass ihre Errichtung kostspielig war. Sie heben sich damit sehr deutlich von den meist eher bescheidenen, in der Mehrzahl auch sehr schlichten Grabsteine innerhalb der einzelnen Sektionen im Inneren des Friedhofs ab, wo monumentale Grabmale nicht die Regel sind. Ähnliche Grabmonumente kann man auf jüdischen Friedhöfen reformerischer Gemeinden überall im Lande sehen. Der Weißenseer Friedhof kann aber als wesentlichster Friedhof des deutschen Reformjudentums gelten und bietet diesbezüglich zweifellos eine Reihe an Superlativen, was Anzahl und Ausmaße entsprechender Monumente anbetrifft. Das Anliegen vieler hier bestatteter Personen reichte über das Bekenntnis zum Judentum hinaus und fixierte sich eher die Demonstration zur Zugehörigkeit zur Bildungs- und Finanzelite des Bürgertums und des Deutschen Reiches. Sehr viele der hier beigesetzten Verstorbenen und ihrer Angehörigen verfügten in ihren Biographien über sehr rasanter öffentliche Karrieren die sie schnell berühmt und reich werden ließen. Mit den bescheidenen Lebensweisen traditioneller und orthodoxer Juden hatten imposante Grabmale, die oft wenig mehr als den bloßen Familiennamen verkündeten nichts zu tun, von frommen Taten ist selten oder gar nicht die Rede.

Grabmal der Familie Rathenau in Berlin Weißensee

Zwar hat die Berliner Stadtregierung die Pflegschaft für eine Reihe der Grabmonumente übernommen, doch beträgt ihre Anzahl nur etwa ein Promille der vorhandenen Gräber und so gibt es unter der großen Menge stark beschädigter Monumente und Grabsteine zweifellos einen Prominenten-Bonus. Selbstverständlich ist dabei das Attribut „prominent“ im zeitlichen Kontext sehr variabel. Tendenziell bevorzugt die gegenwärtige Friedhofspflege aber Hauptwege gegenüber hinteren Reihen und entsprechend werden auch eher repräsentative Monumente restauriert als solche die (heute?) weniger bekannten Namen und Personen zugeordnet werden. Während viele Wege zwischen einzelnen Sektoren des Friedhofs offensichtlich regelmäßig sogar von Herbstlaub gereinigt werden, wachsen viele Zwischenräume einzelner Grabreihen fast mannshoch mit Gestrüpp zu. Während das eine ein fast tägliche Pflege signalisiert, ist letzteres ein Indiz dafür, dass hier jahrelang überhaupt nichts gemacht wurde. Obwohl zwar die Weisheit gilt, dass im Tod alle Menschen gleich sind, heißt dies aber offenbar nicht, dass sich die Lebenden gegenüber jedem Toten gleich verhalten. Davon kann kaum die Rede sein. Andererseits ist an vielen der prächtigen Grabmale zu sehen, dass trotz allem Aufwand zu ihrer Errichtung vielerorts nur noch Bruchstücke der beschriebenen Namen und Identitäten erhalten geblieben sind. Falls überhaupt noch vorhanden sind zahlreiche Trümmer ehemals kostbarer Grabsteininschriften übereinander gepurzelt, mit Dreck verschmiert, von Staub und Spinnenweben eingehüllt oder teilweise von Efeu und anderem Gestrüpp zugewachsen. Monumentaler Prunk und achtloser Zerfall vermischen sich deshalb tausendfach in stets neuen Variationen.

The Jewish Cemetery of Berlin Weißensee, established in 1880 with some 115.000 grave sites is one of the largest in Europe (in Lodz for instance there are 160.000). Only the major paths of the cemetery are maintained carefully. The City of Berlin has a special care for a prominent 0.1 % of the grave markers. So some of the ways at the cemetery are kept free of daily leaf fall while at many other parts the space between two rows of graves are overgrown entirely. Many prominent monuments get some care and restoration, while many others vanish away.
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Augsburger Rechenkunst

November 22, 2012

Man weiß aus der Augsburger Geschichte, dass selbst gelehrige Mathematiker, die sich ihrer Vernunft und scharfen Sinne rühmen mitunter in falsche, weil sogar künstliche, Äpfel beißen, und dies durchaus auch aus Übermut. Die Schlussfolgerung daraus war in gelehrsamer Runde, dass wenn die schärfsten Sinne und die Vernunft sich bereits in kleinen, nebensächlichen Dingen täuschen lassen, wie dann eigentlich größere, komplexere, sublimere Zusammenhänge erkannt werden sollen, wenn alle Erkenntnis doch der Wahrnehmung der selben Sinne unterliegen.

So erging es dem Augsburger Mathematiker Fredericus (Friedrich) Podamicus, einem strengen Luther-Anhänger, der um 1600 in Venedig zu einem Gespräch eingeladen wurde, das man heute wahrscheinlich als interdisziplinäres und internationales Symposium bezeichnen würde. Die Teilnehmer stammten aus Paris, Konstantinopel, Antwerpen, Sevilla, Augsburg und sie folgten der Einladung des Paulus Coronaeus. „Das „Gespräch“ der Versammelten (darunter eben der Augsburger Mathematiker, aber auch ein Jude namens Salomon Bar Cassio (Schlomo Kohen) ist abgehandelt in dem etwas vergessenen Werk „Colloquium Heptaplomeres“ das dem französischen Gelehrten Jean Bodin (1529-1596), der vorallem als Staatstheoretiker bekannt ist, zugeschrieben wurde. Der etwas arrogant auftretende Augsburger Mathematiker, der seinen eigenen – protestantischen – Glauben als den einzig wahren, beweisbaren und bewiesenen  ansieht und dabei insbesondere den jüdischen Diskussionsteilnehmer angeht, wird dabei nun vom katholischen Gastgeber mit dem gefälschten Apfel hereingelegt und als jemand vorgeführt, dessen Sinne durchaus dazu in der Lage sind, sich täuschen zu lassen. Da die Täuschung nun bereits in Nebensächlichkeiten nachgewiesen wurde, warum sollte man annehmen, dass er imstande sei, für alle verbindlich eine einzige Wahrheit zu behaupten ..?

Manche Schwaben lasen gerne mal eine Fünf gerade (sein), andere sind mit einer Fünf in Mathe gerade noch mal gut bedient und davongekommen, doch seit einigen Monaten verkünden an Bus- und Straßenbahn-Haltestellen städtische Plakate spezifisch Augsburger Rechenkunststücke. Wenn da in Ziffern steht “1 + 3 = 13”, usw. ist das (wenn überhaupt) nur in den ersten Monaten halbwegs “lustig” , immer und immer wieder Besuchern aus anderen Ländern zu erklären, “was” und “wie” das gemeint ist, war, sein soll …

two and two make five

The somehow forgotten book “Colloquium of the Seven about the Secrets of the Sublime” (Princeton University Press 1975), written about 500 years ago, relates the story of Frederic Podamicus, a mathematician from Augsburg, who was invited to Venetia to be one of the six sophisticated guests of host Paulus Coronaeus. Frederic, a staunched Lutheran acknowledges only one “true faith” in the world – his own of course. Since his manner offends the other guests, especially the Jewish one who actually not even shares the Christian believes all others have in common, the host takes the braggart in, who appears to be overly proud of himself, his senses and  reasoning. He offers him an artificial apple and the mathematician from Augsburg bites it. Thus the zealot was made to look a bit more silly as he wanted to. Since his senses failed to perceive a doubtless negligible factor, for what reason one may assume that in more difficult and sublime questions his senses will be trust worthier. This is the lesson known as the mathematician from Augsburg who bit the wrong apple. Contemporary wise guys in Augsburg of course are witty as well but sometimes having a hard time even with rather simple math. We all know the equation “2 + 2 = 5” from Orwell’s “1984”. For couple of month in Augsburg municipal posters give a quite good account with additional knowledge such as “1 + 3 = 13” or “6 + 4 = 64”. Guess how many school teachers roll their eyes …


Jüdische Geschichte im Zollhaus Kriegshaber

November 20, 2012

Das Zollhaus in Kriegshaber, das bis 1805 die Grenze zwischen dem Gebiet der Reichsstadt Augsburg zur österreichischen Markgrafschaft markierte wurde 1730 Mosche Jehuda Günzburger (ca. 1670-1734) und seinem Sohn Eleasar Mosche Günzburger (1697-1764) erbaut, nachdem im Jahr zuvor der wesentlich ältere Vorgängerbau eingestürzt war. Diesen hatte Mosches Vater Jehuda Löb Günzburger (1640-1709), ein Nachkomme des Schimon Elieser Ulmo Günzburg(1506-1585) , von dessen Söhnen sich einige als „Ulmo“ im benachbarten Pfersee neiderließen, etwa um 1695 angemietet und dann gekauft. Wie dieses war auch der Neubau der Günzburger eigentlich in erster Linie das private Wohnhaus der Familie Günzburger, andererseits aber auch wenigstens formell „das Zollhaus“, was in der Praxis bedeutete, dass der Vogt zeitweilig eine Stube benutzen durfte, bzw. im Nebengebäude einen kleinen Anbau hatte, gegenüber dem Stadel, der damals zum Anwesen gehörte. Zweifellos war das Zollhaus jedoch niemals ein offizielles Amtsgebäude, sondern Privatbesitz der jüdischen Familie Günzburger. Zeitweilig wurden Teile des Hauses auch von Mitgliedern der verschwägerten Hoffaktorenfamilie der Mendle bewohnt.

Als Architekt des Hauses gilt heute der schwäbische Baumeister Josef Dossenberger (1721-1785), der den Bau aber kaum als neunjähriger ausgeführt haben wird. Denkbar wäre aber, das Dossenbergers Vater gemeint war, der als Maurermeister und Architekt überliefert wird. Wie dem auch sei, kann man voraussetzen, dass die gestalterischen Vorgaben nun aber doch vom Auftraggeber und Finanzier des Baues stammten.

Als im September 1803 die jüdischen Gemeinden in Pfersee, Kriegshaber, Steppach und einem guten Dutzend weiterer Orte in damals noch österreichischen Schwaben überfallen wurde, zählte auch das Haus der Familie Günzburger zu denen, die durchsucht, durchwühlt und im Dachboden aufgebrochen wurden, auf der erfolglosen Suche nach illegalen Druckmaschinen. Da ward das Zoll- zum Tollhaus. Als zwei Jahre später Vorderösterreich von der Landkarte verschwand und viele seiner Gebiete dem mit Napoleon verbündeten Herzogtum Bayern, künftig ein Königreich, geschenkt wurden, bedurfte es keines ohnehin nur theoretischen Zollhauses in Kriegshaber. Juda Mosche Günzburger (1757-1833)  verkaufte das ebenso stattliche wie stabile Haus. Eine Reihe seiner Nachkommen blieben in Kriegshaber wohnen oder siedelten später nach Augsburg, andere – wie sein Sohn Natan – zog es sofort nach München, wo die Verwandten Mendles gut etabliert waren. Zwei der Söhne von Natan Günzburger (1780-1841) wurden wie zahlreiche ihrer Vorfahren am jüdischen Friedhof von Kriegshaber / Pfersee bestattet: Isaak Günzburger (1809-1879) und Israel Günzburger (1805-1883). Mit ihnen endet offenbar die Geschichte der Familie Günzburger in Kriegshaber.

Jüdischer Friedhof Kriegshaber / Pfersee: vorne Grabstein für Israel Günzburger (1805-1883)

Im Gebäude richtete das nunmehr bayerische Kriegshaber 1806 eine kleine Schule ein. Später wurde ein großes Schulgebäude errichtet und ab 1916 wurde im Haus eine Polizeidienststelle eingerichtet. Seit einigen Jahrzehnten sind im ehemaligen Wohnhaus der Günzburger an der Ulmer Straße 182 eine Reihe von Vereinen und Organisationen untergebracht, darunter die örtliche Arbeiterwohlfahrt (Vereinslokal) und ihr „Altenclub“, der Schach Klub Kriegshaber www.skk.de dessen erste Mannschaft in der Oberliga aktiv ist, und viele andere mehr.

The old tollhouse of Kriegshaber, once at the border between Austrian Kriegshaber and the territory of the Imperial City of Augsburg, in 1730 was built by the Jewish Guenzburger family, who two centuries were residents of Kriegshaber. The house actually was their own private home and was not used for toll or custom purposes, beside that in some times a small office cell was granted to the local bailiff. When in the end of 1805 the Austrian Forelands became part of the newly founded Kingdom of Bavaria (a present by Napoleon to his Bavarian allies), there was no more need for an already only formal tollhouse. The Guenzburger family in 1806 sold the house to the local community which established the first local (non-Jewish) school in Kriegshaber. In 1916, when a egular school house was built in the backyard, the house was used as police station. Today it hosts a number of social clubs and organizations as well as the local chess club of Kriegshaber, which actually is the biggest one in Augsburg. However, there is no reference to the Jewish family who built the house and lived there two centuries.

When in September 1803 among others also the Jewish community of Kriegshaber was attacked on Erev Shabbos (Friday evening) before Yom Kippur, also the Guenzburger family was raided by the soldiers who searched for illegal printing machines. So – as a scene of the story – it was a good place to introduce the German translation of the report by Pfersee rabbi Ber Ulmo at the club house’s pub right here to a small but very interested audience.

http://en.wikipedia.org/wiki/Ber_Ulmo

הבית המכס של קריגסהבר באוגסבורג נבנה בשנת 1730 על ידי המשפחה היהודיה גינצבורגער

http://www.amazon.com/gp/product/3944092007/ref=olp_product_details?ie=UTF8&me=&seller=


Ber Ulmo – Tage des Gerichts

November 12, 2012

Aktuell: Buch-Lesung am Mittwoch 12. November 2012, 18 Uhr im ehemaligen Zollhaus Kriegshaber

Am Abend des 23. September 1803 wurden im heutigen Bayerisch-Schwaben, das damals teilweise noch zu Österreich gehörte, an über einem Dutzend Orten zeitgleich die jüdischen Gemeinden Gegenstand polizeilicher Razzien. In Pfersee, Kriegshaber, Steppach, Fischach, Binswangen, Buttenwiesen, Ichenhausen, Hürben, Fellheim, Altenstadt, Osterberg, Hainsfarth, Pappenheim und wahrscheinlich noch an anderen Orten kam es zum selben Szenario.

Während die Juden an jenem Freitag-Abend in ihren Synagogen waren und zwei Tage vor dem Versöhnungsfest Jom Kippur den Beginn des Schabbat feiern wollten, drangen überall grimmige mit Bajonetten bewaffnete Soldaten ein und hielten Männer, Frauen und Kinder stundenlang fest. Unter massiven Drohungen durfte niemand aufstehen oder reden. Einzelne jüdische Männer, in der Regel Vorstände ihrer Gemeinden oder zumindest angesehene Kaufleute, wurden verhaftet und entweder nach Günzburg oder Donauwörth gebracht. Die Anzahl der Verhafteten kann auf über 60 Personen geschätzt werden. Oft dauerte es aber Wochen oder gar Monate, ehe die Häftlinge in den Eisenhäusern erfuhren, weshalb sie überhaupt verhaftet und angeklagt wurden. Willkürlich und kafkaesk wie die Verhaftungen waren auch die Bedinungen der Haft und der Ermittlungen.

Vor dem Hintergrund europaweit operierender Geldfälscherbanden, die sich besonders darauf spezialisiert hatten sog. Wiener Bankozettel zu fälschen, wurden die Verhafteten beschuldigt, einen jüdischen Fälscherring zu betreiben und an ihren Wohnorten in Dachböden versteckte Druckereien zu betreiben. In Straßburg gab es in den darauffolgenden Jahren eine Serie von Prozessen gegen Geldfälscher, die meist von Frankreich oder dem damals noch nicht unabhängigen Belgien heraus operierten. Sie fälschten insbesondere Wiener Banknoten, aber auch andere Währungen, verteilten sie aber hauptsächlichen in deutschen Gebieten, vor allem an Handelsorten wie Frankfurt und Leipzig, aber auch in Süddeutschland. In der Mehrzahl der Banden arbeiteten Christen und Juden als Fälscher zusammen. Meist waren jedoch die Juden für den Umtausch oder Verkauf der Banknoten zuständig, während ihre christlichen Komplizen Druckplatten gravierten, Papier besorgten, usw. Manche der Fälscherbanden weigerten sich aber auch mit Juden zusammenzuarbeiten. Der Gedanke, im damals österreichischen Schwaben eine rein jüdische Fälscherbande als Drahtzieher der internationalen Geldfälschungen ausfindig zu machen, muss für die Ermittler ein sehr verführerischer Gedanke gewesen sein, weshalb sie den falschen Anschuldigungen eines gleichfalls schwäbischen Denunzianten nur zu bereitwillig Glauben schenkten. Dieser war selbst ein Jude, konvertierte später jedoch zum Katholizismus und wurde Diener eines Kardinals in Rom.

Grabmal des Ber Ulmo am jüdischen Friedhof Pfersee / Kriegshaber (Augsburg)

Einer der unschuldig Verhafteten war Ber Ulmo (1751-1837), auch bekannt als Bernhard Ullmann, der von 1781 bis zu seinem Tod insgesamt 56 Jahre lang Vorsitzender der jüdischen Gemeinde von Pfersee bei Augsburg war, die lang den Sitz des angesehenen und berühmten Rabbinats von Medinat Schwaben innehatte. Ber Ulmo begann noch in der Haft einen Bericht über die Verhaftung und Haftbedingungen zu verfassen und vollendete ihn wenige Wochen nach der Freilassung im Frühjahr oder Sommer des Jahres 1804.

Als im Jahre 1861 in Augsburg die Israelitische Kultusgemeinde formell durch den bayerischen König Maximilian II anerkannt wurde, übersetzte Ber Ulmos Sohn Jonas den Text seines Vaters in jüdisch-deutscher Sprache. 1928 fertigte Jonas Neffe Carl Jonas Ulmann von dieser jiddischen Fassung in New York eine englische Übersetzung und ließ sie als Privatdruck in einer kleinen Auflage von hundert Exemplaren drucken. Diese verschwanden im Laufe der Zeit. Nur einige wenige Exemplare befinden sich in Bibliotheken über den Globus verteilt. Ab und an taucht auch ein Exemplar im Onlineangebot eines Antiquariats auf.

Anhand einer Abschrift der hebräischen Handschrift ist es Yehuda Shenef gelungen, den hebräischen Text erstmals in deutsche Sprache zu übersetzen und dabei die Fehler der englischen Übersetzung zu vermeiden. Damit konnte ihm auch gelingen die wesentlichsten Protagonisten der Handlung zu ermitteln und den historischen Kontext der Handlung herauszuarbeiten. Neben den tatsächlich stattfindenden Fälscherprozessen jener Jahre ist dies insbesondere die parallel verlaufende Geschichte der Ansiedlung jüdischer Bankierfamilien aus Kriegshaber in Augsburg. Sie waren von den Verhaftungen nicht betroffen, beschafften den verschuldeten Augsburgern jedoch horrende Kreditsummen und erhielten als erste Juden seit dem Mittelalter die Garantie eines bleibenden Wohnrechts in der Reichsstadt, während in Pfersee die kostbare Talmudhandschrift abhandenkam, die als älteste fast vollständig erhaltene der Welt gilt und deshalb von zentraler Bedeutung für das Judentum ist. Ihr letzter bekannter jüdischer Besitzer war Ber Ulmo. Heute befindet sich die “Pferseer Handschrift” in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Ber Ulmos Augenzeugenbericht ist ein authentisches Zeugnis jüdisch-schwäbischer Literatur aus der Umbruchzeit der Napoelonischen Kriege, in welcher unsere heutige moderne Welt ihre Gestalt annahmen. Seine Schilderungen bieten eine Fülle von Informationen aus erster Hand und ermöglichen es die moderne Geschichte der Juden in Augsburg unter anderen Gesichtspunkten zu sehen. Ein Muss für jeden historisch interessierten Leser.

Im Herbst 2012 als Buch mit Begleitkapiteln, Karten und Abbildungen erschienen im Kokavim-Verlag

Yehuda Shenef – Tage des Gerichts, der Bericht des Ber Ulmo

152 S. , 24.50 Euro

ISBN 978-3-944092-00-3

Erhältlich in jeder guten Buchhandlung oder online

bei Amazon, Ebay, Weltbild und Co.

http://www.amazon.de/Tage-Gerichts-Bericht-Ulmo-Pfersee/dp/3944092007


Der 9. November in Augsburg – ein Jubiläum ohne Jubilar

November 9, 2012

Vor exakt hundert Jahren, am Samstag-Abend des 9. November 1912 wurde am St. Anna Platz vor dem Stetten-Institut der Goldschmiedebrunnen feierlich enthüllt. Gestiftet hatte ihn Sabine Bühler (geb. Ullmann, 1857-1930), Witwe des jüdischen Bankiers und Mäzens August Bühler, dessen früheres Bankhaus den Augsburgern heute als „Deutsche Bank“ am Königsplatz bekannt ist.

Die Brunnen-Figur, die einen Goldschmiede-Lehrling mit Pokal darstellen soll, wurde von ihrem Neffen dem renommierten Berliner Bildhauer Professor Hugo Kaufmann (1868-1919) geschaffen.

Der frühere St. Anna – Platz heißt seit den 1930er Jahren Martin-Luther-Platz. Auch das Stetten-Institut ist längst verschwunden. Das Institut ist umgezogen, das Haus am Platz wurde abgerissen, um einem modernen Betonbau Platz zu machen, der seit Jahrzehnten bereits das Kaufhaus „Karstadt“ beheimatet.

Nun, ganz pünktlich zum Jubiläum ist auch der Brunnen mitsamt der Figur „verschwunden“.

Zum 100 Jahrestag: Koan Brunnen – es bleibt dem Leser überlassen, das bayerisch oder japanisch zu deuten

Im Rahmen der im Gange befindlichen Umgestaltung der Innenstadt, die der Annastraße nach zweitausendfuffzig Jahren ein neues Straßenpflaster einbrockte, soll der Brunnen nur versetzt werden und zwar angeblich an seinen ursprünglichen Standort direkt an der am Platz vorbeiführenden Annastraße bei der heutigen Sparkasse.

Zwar zeigen auch frühe Vorkriegsbilder den Brunnen nur an seinem bisherigen Platz

(siehe z.B. http://www.bildindex.de/obj20461482.html#|home  )- aber was hilft hier Lamentieren?

Ausschnitt aus einem Augsburg Stadtplan des Jahres 1929, No. 3 = Goldschmiedebrunnen

Quelle: http://www.projekt-augsburg-city.de/innenstadt/

Im Januar hatten wir bereits auf den bevorstehenden Jahrestag hingewiesen:

https://jhva.wordpress.com/2012/01/12/der-augsburger-goldschmiedebrunnen/

Es ist nicht das erste Verschwinden der Brunnenfigur, deren Pokale schon immer immer wieder geklaut wurde. Die Nazi-Stadtverwaltung demontierte den Goldschmiede – Lehrling bereits im Jahr 1943, um das Material für Rüstungszwecke zu spenden. Dazu kamm es dann doch nicht. 1950 wurde die Figur auf einem Schrottplatz in Hamburg gefunden und fort wieder nach Augsburg gebracht.

Schade,  dass der Brunnen nun so punktgenau  vor dem heutigen runden hundertsten Jubiläum seiner Einweihung demontiert, zerbröckelt und abtransportiert wurde.

Die Chance, dem Datum 9. November in Augsburg wenigstens eine kleine, positiv besetzte jüdische Bedeutung zukommen zu lassen, wurde damit natürlich buchstäblich mit dem Presslufthammer beseitigt.

* * *

On 9th of November 1912 the Goldsmith Fountain was inaugurated. The remarkable monument was donated by Jewish widow Sabine Bühler (Nee Ullmann) to the City of Augsburg and was modelled by famous sculptor Prof. Hugo Kaufmann from Berlin, who was Mrs. Bühlers nephew. Now to the day one hundred years later,there is no ceremony, festivity or whatever in order to remember the anniversary. Instead, believe it or not, the fountain actually in the last days was dismantled. Neither local press nor TV took any notice.

Dead on time there just is a small heap of rubble left. The fountain however will be transfered to the other end of the place. Some day.

All pictures were taken between 1st and 9th of November 2012


Spuren jüdischer Geschichte im mittelalterlichen Berlin

November 8, 2012

Video:

Ausgrabungen am “Großen Jüdenhof” in Berlin Mitte (Grunerstraße / Jüdenstraße beim Stadthaus). The voices in the background of the video belong to a German school class (prob. age 16) which attended the tower at the same time.

 

Berlin feierte in diesem Jahr seinen 775. Geburtstag. Das Datum bezieht sich auf die älteste bekannte Erwähnung bezieht sich auf einen Priester namens Symeon von Cölln (Köln) vom anderen Ufer der Spree. Der älteste urkundliche Beleg für den Ort Berlin selbst stammt erst aus dem Jahr 1244 und weitere sieben Jahre später, 1251 wird jenes Berlin auch erstmals als Stadt bezeichnet. Ein Siegel aus dem Jahr 1253 notiert den Namen sogar als Berlinburg. Erst im Jahre 1709 schließen sich Berlin und Kölln (die Schreibweisen variieren in den Jahrhunderten) zur gemeinesamen Stadt Berlin zusammen, die dann auch den Namen des bevölkerungsreicheren Teils annimmt.

Rekonstruktion von Altberlin und Cölln von Karl Friedrich von Klöden (1786-1856)

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1e/Kl%C3%B6denplan-Berlin-K%C3%B6lln-Anfang-13tes-Jahrhundert.jpg

 

Eine Widmungstafel am Mauerrest in der Waisenstraße markiert einen „Rest der mittelalterlichen Berliner Stadtmauer“ (der eigentlichen Berliner Mauer sozusagen …):

Errichtet um 1250 – im 14. Jahrhundert ergänzt – die Stadtmauer umgab beide Stadtteile Berlin und Cölln – die noch vorhandenen Mauerteile wurden durch an An- und Umbauten verändert – im 17. Jahrhundert verstärkt durch Bastionen.

Um 1680 zwischen Stralauer Strasse und Klosterkirche durch Häuser ergänzt – seit 1924 befindet sich im Hause Waisenstrasse 16 die Gaststätte „Zur letzten Instanz“. Die 1963 restauriert und erweitert wurde.“

Eine jüdische Besiedlung Alt-Berlins ist am sog. Großen Jüdenhof (Jüdenstraße/ Grunerstraße) bereits im 13. Jahrhundert belegt, wo derzeit archäologische Grabungen unterwegs sind in der Hoffnung, dort Überreste des mittelalterlichen Eruws zu finden. Die Mehrzahl der Funde datieren aber in weit jüngere Zeit. Bis in die Neuzeit hinein war der Hof von 12 Häusern umgeben. Erst in der Zeit der DDR wurden die Bauten neben dem Stadthaus abgerissen und als Parkplatz benutzt. Die archäologischen Grabungen, die man von einem Aussichtsturm aus gut überblicken kann, liefern deshalb überwiegend auch Gemäuer aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Lediglich eine derzeit freigelegte Wand ist erkennbar mittelalterlich, wie auch die Grabungsleiterin gerne erklärt und dabei Auskunft darüber gibt, dass bislang keine plausiblen Indizien für die gesuchte Synagoge oder den offenbar noch stärker erhofften Fund einer mittelalterlichen Mikwe zum Vorschein kamen. Offenbar aber ist man diesbezüglich in Berlin dann aber doch etwas nüchterner als etwa in Erfurt …

Schenkt man der Beschreibung Glauben, hatten die Juden es nicht weit vom Judenhof (wo sie als autonome Selbstversorger wohl alles was sie zum Leben brauchten bereits hatten) zum Molkemarkt, um dort Kredite zu geben oder Geld zu wechseln, wahrscheinlich (- Molk = Melk = Milch -) gegen Milch oder Käse, die damalige Landeswährung von Alt-Berlin und Cölln, die bei unsachgemäßer (Be)Handlung schnell ranzig oder sauer werden konnte. Welch ein Glück, dass solche Beschreibungen heutzutage ohne Klischees auskommen …

Am Aussichtsturm beschreibt ein angeblich genauerer Übersichtsplan das Grabungsgelände. Daraus ergibt sich, dass der Bereich der länglich nach Südosten ausgerichteten Häuser 2,3 und 4 direkt am Stadthaus bislang nicht ausgegraben und untersucht wurden. Zwar ist aus dem Sachzusammenhang eher dort die Synagoge zu erwarten, doch … wie die Archäologen mitteilen, sind dort für Grabungen (zumindest bislang) keine weiteren Mittel bewilligt.

Remnant of a medieval house wall at the “Great Jews Court” in the heart of Berlin

 

Die erste bekannte Ansiedlung im alten Berlin bestand bis zur Ausweisung der Stadt im Jahre 1573. Zwischenzeitlich kam es wie andernorts auch gelegentlich zu Übergriffen auf die jüdische Gemeinde. Ohne dies relaitivieren zu wollen, ist es nicht verkehrt zu berücksichtigten, dass sich die Chrisen in allen Jahrhunderten gegenseitig noch weit mehr und grausameres zufügten. Im Sommer 1510 sollen aber nach einem Schauprozess vierzig Juden getötet worden sein (zehn weitere brachte man vorher schon um), weil ein Christ aussagte, er habe einem Juden eine „geweihte Hostie“ (was das nun ist, erklärt, wie wir gesehen haben das “Jüdische Museum in Berlin  *hüst*  wörtlich heißt es ja “Schlachtopfer”) verkauft, damit dieser selbige mit seinen anderen Judengenossen sie „schänden“ könne. Inwieweit solche “Berichte” (es kommendort natürlich auch der Toposvom geschlachteten Kind für die Matzen vor, während Beschreibungen der örtlichen jüdsichen Verhältnisse dürftig sind) authentisch sind, ist wie andernorts strittig. Aber vorausgesetzt wäre es eben vorausgesetzt. Als die Gemeinde 1573 ausgewiesen wurde hatte sie ihren Sitz mit der Synagoge offenbar in der heutigen Klosterstraße.

Immerhin erinnert heute an der Mollstraße 11 ein Denkmal an das Ereignis des Jahres 1510, bzw. an die Geschichte:

Dieser trägt sogar eine hebräische (!) Inschrift:

 

פו נקברו

עצמות הטהרים מתושבי קהלתנו הקדמוניה

ברלין

נהרגים והנשרפים על קדושת השם ביום יב אב

שנת ה’רע

ויצב מאיר בן ר אברהם סלומונסקי מצב הזאת

על משכבותם בשנת תרצ”ה לפק

Das heißt nun: „Hier sind die reinen Gebeine der Mitglieder unserer vorhergehenden Gemeinde Berlin, ermordet und verbrannt zur Heiligung des Gottes am 12. Aw 270. Meir ben Abraham Slomonski setzte dieses Denkmal im Jahr 675.“

Der 12. Aw (5)270 entspricht im christlichen Kalender dem 19. Juli 1510, das Jahr (5)695 dem christlichen Jahr 1935.

Der in Berlin geborene Meir (Martin) Salomonski (1881-1944) war von 1910 bis 1925 Rabbiner in Frankfurt an der Oder. 1911 erwarb er mit seiner Arbeit „Gemüseanbau in der Mischna“ seinen Doktortitel. Während des Ersten Weltkriegs war er Feldrabbiner und wurde dafür mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Ab 1925 war er Rabbiner der „Liberalen Synagoge“ in Berlin und in den Jahren 1939-1940 in der Neuen Synagoge Oranienburger Straße. Die von ihm gestiftete Tafel zur Erinnerung an die Ermordung der Menschen der jüdischen Gemeinde im Jahre 1510 wurde 1935 in der Lietzmannstraße, der späteren Gerlachstr. Aufgestellt. Heute befindet es sich etwas versetzt an der Mollstraße. Salomonski komponierte auch Orgelwerke für den Dienst in der Synagoge seiner Gemeinde. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert wo er am 16. Oktober starb.

1988 wurde der Tafel noch auf Deutsch zugefügt: „Im Jahre 1510 wurden 38 Berliner Juden wegen angeblicher Hostienschändung verbrannt. Ihre Gebeine sind hier bestattet.“

Ob nun tatsächlich am ersten oder jetzigen Standort des 1935 errichteten Denkmals im Jahr 1510 auf gerichtliche Anordnung verbrannte Juden bestattet wurden, ist nicht nachweisbar. Der Umstand, dass der Stifter des Denkmals selbst in Auschwitz umkam ist in diesem Zusammenhang natürlich zusätzlich tragisch-makaber, besagt dazu aber nichts.

Am fünfhundertsten Jahrestag legte der Kultursstaatsekretär Berlins einen Kranz an das Denkmal und forderte bei einer Rede zu “Toleranz” auf. Unklar blieb jedoch, ob nun endlich gegen die Täter ermittelt werden soll – so langsam wäre es an der Zeit!

 

* * *

 

Zeitgleich zur mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Alt-Berlin bestand eine weitere im heutigen Stadtteil Spandau. In der dortigen „Jüdenstrasse“ versucht eine etwas eigenartige Inschrift daran (?) zu erinnern:

Bis 1938 hieß diese Straße JÜDENSTRASSE, ob es sich dabei ursprünglich um Ghetto gehandelt hat oder ob von Anbeginn an diese Straße Mitbürger jüdischen und christlichen Glaubens nebeneinander lebten, verliert sich im Dunkeln der Spandauer Stadtgeschichte. Tatsache ist, dass es im Laufe der Geschichte in Spandau Judenverfolgungen gegeben hat.

Die Umbenennung der Jüdenstraße dokumentierte für alle erkennbar den dem Nationalsozialismus innewohnenden Rassenhass, der selbst äußerliche(n) Symbole jüdischen Glaubens ausmerzen wollte. Dieser Rassenhass bedeutete für unsere jüdischen Mitbürger den unausweichlichen Gang in die Gaskammern der Konzentrationslager und die fat völlige Vernichtung. Jeder von uns ist aufgerufen, diesen Teil der deutschen Geschichte nie zu vergessen und diese Unmenschlichkeit nie wieder zuzulassen.“

 

Die Inschrift besagt nichts über die mittelalterliche Geschichte der Juden in Spandau, die durchaus erwähnenswert wäre, schließlich befand sich in Spandau der jüdische Friedhof, der auch von den Juden aus Berlin benutzt wurde. Aber die mittelalterliche Geschichte der Juden „verliert sich im Dunkeln“ wie konstatiert wird. Dies scheint nicht weiter tragisch zu sein, da es scheinbar „Tatsache ist“, dass es in Spandau sowieso zu „Judenverfolgungen“ kam. Da „Judenverfolgung“ und „jüdische Geschichte“ offenbar als (weitgehend) synonyme Begriffe aufgefasst und vermittelt werden (sollen), ist das solcherart wohl auch schon wieder hinreichend erklärt. Diese Stilisierung findet ihre Fortsetzung in der Hypothese, der (zweifellos nicht von Juden erdachte) Name „Jüdenstraße“ sei ein – Zitat – „äußerliches Symbol jüdischen Glaubens“. Nicht minder schwülstig und leer ist das Gerede von „Mitbürgern jüdischen und christlichen Glaubens“ die im mittelalterlichen Spandau nebeneinander gelebt hätten. Es stellt sich die Frage, warum nun ein Miteinander ausgeschlossen werden muss. Schon das benachbarte Berliner Beispiel des Judenhofs (es gab zwei davon, weshalb der eine nun der Große J. heißt) zeigt aber bereits, dass es sich nicht um ein “Ghetto” im Sinne romantischer Antisemiten handelte, sondern um einen von Juden so gewünschten Eruv. Aber wer interessiert sich schon für die jüdische Perspektive jüdischer Geschichte?

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Der mittelalterliche Friedhof in Spandau, seit 1314 urkundlich nachweisbar und als „Spandauer Judenkiwer“ (man vermutet eine Ableitung von hebr. קבר – kewer = Grab) bekannt, befand sich wie vermutet wird auf dem Gebiet Hasenmark genannten nördlich des alten Spandau. Eine Reihe der Grabsteine wurden von den Christen nach 1510 als Baumaterial missbraucht. Heute sind 75 bei verschiedenen Bauarbeiten gefundenen Steine und Fragmente im Keller der Bastion Königin in der Spandauer Zitadelle erhalten. Als ältestes Fundstück gilt der Grabstein des ר יונה בר דן (Rabbi Jona ben Rabbi Dan), bei dem offenbar nur glatte Flächen beschrieben wurden. Zu seinem Tod ist angegeben שהלך לעולמו בירח מרחשון ה לפרט, … der zu seiner Welt ging im Monat Marcheschwan, 5 nach der Zählung. Deutet man die (vollständige?) Angabe als Jahreszahl 5, d.h. als 5005, so entspricht das Datum etwa dem Oktober 1244. Ein weiterer Stein wurde einem ר בנימיו בר מרדכי (Rabbi Binjamin ben Rabbi Mardechai) gewidmet, der im am 27. Tamus des Jahres 44 (= 5044) starb, was nach christlichem Kalender dem 12. Juli 1284 entspräche. Ein anderer ist רבקה בת יהודה (Riwka bat Jehuda) gewidmet und stammt womöglich aus dem Jahr 104 (= 5504, bzw. 1344). Der jüngste Stein der Sammlung wird auf das Jahr 1474 datiert.

 

 

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Von A nach B

Über mittelalterliche Juden aus Berlin ist abgesehen von nicht weiter systematisierten Grabsteinfragmenten und dort genannten Namen wenig bekannt. Ins mittelalterliche Augsburg führt eine Spur zu ר קלמן יוסף מי עיר קולין was wahrscheinlich als Cölln und nicht als Köln (קלן) zu verstehen ist, der im Jahre 1331 von dort kommend auch als Händler in Augsburg in Erscheinung trat. In jener Zeit war Brandenburg im Besitz des Wittelsbacher Kaisers Ludwig dem Bayer, der dort seinen Sohn als Herrscher einsetzte. Kaiser Ludwig hatte recht gute Beziehungen zu den Führern der jüdischen Gemeinde in Augsburg, die ihm immer wieder stattliche Summen liehen und ihn so erlaubten, sich in Szene zu setzen. Bei einer Gelegenheit verpfändete er dafür sogar seinen Sitz München. Es ist deshalb plausibel, dass Kalman Josef in diesem Zusammenhang von Berlin nach Augsburg kam, offenbar um von dort Waren, darunter auch Wein nach Berlin zu liefern. Ob es der einzige Zweck seines Aufenthaltes war, ist unklar, aber eine leichte Reise wird das damals nicht gewesen sein.

Auch die neuere Berliner Gemeinde hat Bezüge zum schwäbischen Judentum. Zu den ersten Juden, die 1670 der Einladung des Brandenburger Kurfürsten folgten gehörten Hirschel und Abraham Ries, die aus Wien kamen, aber wie der Name schon sagt, aus dem Ries stammten. Aus ihrer Ansiedlung und der ihrer Kollegen ging die größte jüdische Gemeinschaft hervor, die um das Jahr 1930 über 150.000 Menschen umfasste.

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Quellen:

Michael Brocke – “Die hebräischen jüdischen Grabmale in Spandau 1244-1474“, in: Ausgrabungen in Berlin. Forschungen zur Ur- und Frühgeschichte, Berlin 9 (1994)

wikipedia

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