Eine jüdische Episode am Gut Bannacker im Süden von Augsburg

April 27, 2015

Am südwestlichen Ende Augsburgs nahe Bobingen befindet sich der 1972 eingemeindete Stadtteil Bergheim und mit ihm auch der bei vielen Augsburgern wenig bekannte Weiler Bannacker. Dieser ist benannt nach einem Gutshof, der bis 1930 im Besitz der Familie Fugger-Babenhausen war, von 1930 bis zur „Arisierung“ aber den jüdischen Konvertiten Weininger gehörte und seit wenigen Jahren nunmehr als Veranstaltungsort für Konzerte im Rahmen des „Mozart@Augsburg“ Festivals wachsende Beachtung findet. Zeit also, um die zwar kurze, so aber doch durchaus illustre „jüdische“ Episode am südlichsten Punkt von Augsburg etwas nähere zu beleuchten, zu deren Facetten mit Privatflugzeugen eintreffende Weltstars ebenso gehörten, wie auch verängstigte jüdische Jugendliche, die im temporären zionistischen Schulungslager auf die Schnelle landwirtschaftliche Fähigkeiten erwerben mussten, um in Israel eine vage Zukunft vor Augen zu haben.

Bannacker Augsburg Bannackerstr Oberschönenfelderstr

Das Herrenhaus wurde von dem Johann Gottlieb von Süßkind  (1767-1849) errichtet, der aus dem etwa 20 km südöstlich von Stuttgart gelegenen Nürtingen stammte. Der lutherische Bankier war in Augsburg zunächst für die gleichfalls christlichen Bankiers der Familie Halder (nach welcher die Augsburger Halder-Straße benannt ist in welcher sich die Synagoge befindet) tätig und war während der Napoleonischen Kriege durch Wechsel- und Spekulationsgeschäfte zu exorbitanten Reichtum gekommen und galt als „reichster Mann Schwabens“. Süßkind wurde 1821 vom bayerischen König Maximilian I. in den Freiherren-Stand erhoben und erwarb in den Folgejahren zahlreiche Landgüter, darunter das Schloss  Haunsheim bei Lauingen, das fränkische Barockschloss Dennenlohe bei Ansbach und das der Schloss der Fugger im schwäbischen Dietenheim. Den Weiler Bannacker, in dem sich zuvor nur wenige Gehöfte und eine kleine Kapelle befanden, ließ er zum Landschloss mit Herren-haus und Stallungen ausbauen. Seine Erben verkauften den Besitz jedoch an die Familie Fugger-Babenhausen, die den Gutshof  Bannacker 1930 an Richard Weininger veräußerten.

mehr: Die Weiningers – eine jüdische Episode am Gut Bannacker im Süden von Augsburg

Bannacker Augsburg

The Weininger Days in Bannacker – from celebrities to Zionists at the South end of Augsburg

In the southernmost end of Augsburg is the hamlet Bannacker (lit. “banned field”). Almost two hundred years ago the Christian banker Johann Süßkind built a large manor house with some stables, the estate Bannacker. By 1860, the heirs sold the property to the Fugger Babenhausen family. The Fugger however in 1930 sold it to the entrepreneur Richard Weininger from Berlin, a converted Jew, whose older brother, the philosopher Otto Weininger in 1903 at the age of 23 had committed suicide in Vienna after publishing a number of highly controversial and fierce misogynist and anti-Semitic books that were bestsellers and made him a person of sensational international fame.

Richard Weininger and his wife established the Bannacker estate as meeting place for the international high society, where musicians, actors, politicians, aristocrats, industrialists and other celebrities organized private golf and polo tournaments, to which the VIPs arrived with their  luxurious limousines or even with their own sport aircrafts at the existing private Bannacker airport.

However, given the racial fanaticism of the Nazis, the celebration days were counted on Bannacker because although Hitler had great respect for Otto Weininger, “the Protestant baptized Jew who committed suicide out of decency”, the local Nazis, of course did not oversee the “detail”, that his brother Richard Weininger, who himself at the age was baptized as well, had Jewish parents in Vienna.

In the Olympic year of 1936 the Weininger couple, up to now German patriots, allowed the temporary placement of a camp for youth Zionist pioneers in a house of their estate, where the youngsters were rather improvised were (re-)educated for garden- or farm work, maybe useful in Eretz Israel. Many of the Zionist youngsters however did not arrive the Holy Land, but the Concentration camps of the Nazi. After the games the policy of the Nazis intensified again and so now also the Bannacker property was “aryanized” and thus the short Jewish episode in the very South of Augsburg came to an end.

Today, after several decades and years of slumber, with the organization of classical Mozart concerts some kind of social life returns to Bannacker, although of course at least so far it cannot keep up with the international splendor of the Weininger Days at the estate.

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Im schwäbischen Haunsheim

April 18, 2012

Haunsheim castle entrance

Das schwäbische Haunsheim bei Gundelfingen mit seinem Ortsteil Unterbechingen umfasst zusammen etwa 1500 Einwohner und liegt etwa auf halber Strecke zwischen Dillingen und Giengen an der Brenz und knapp vier Kilometer nordwestlich von Lauingen an der Donau, dessen jüdische Geschichte aus dem 14. Jahrhundert sich vielfach mit Augsburg verbindet. So stammte der „Hochmeister“ Rabbi Jehuda, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts auch in Augsburger Steuerlisten verzeichnet ist aus Lauingen. Seine Tochter heirate in Augsburg Moses den Sohn des Augsburger Gemeindevorsitzenden Jehuda Kalonymos Kohen (1273-1366). Ihr Enkel Awraham (1326-1406), Sohn ihres Sohnes Pinchas war gleichfalls Rabbiner in Augsburg und ist in den Steuerlisten sparsam als „Abraham der Hochmaister“ notiert. Sein Grabstein hat die Zeiten und somit auch die Zerstörung des Augsburger „Judenkirchhofs“ einigermaßen gut überstanden und befindet sich im Lapidarium des Augsburger Maximilianmuseums.

In frühen Urkunden des 13. Jahrhunderts hieß Haunsheim zunächst Sailheim, dann Saunsheim, schließlich Sauesheim. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts zählte auch ein Zweig der Güßen zu den Ortsherren. Ob es wie in Lauingen im nahegelegen Haunsheim und in Bechingen ebenfalls Juden gab, ist wie die Frühgeschichte des Ortes nur sehr lückenhaft überliefert. In der 1978 verfassten zwei-seitigen Religionsgeschichte des kleinen Ortes ist für das Jahr 1600 ein Jude namens Seligman im Zusammenhang mit dem Verkauf der Ortschaft an den aus Brixen stammenden Zacharias Geizkofler (1560-1617) erwähnt. Seligman erstattet darüber dem Wittelsbacher Herzog Ludwig-Philipp von Pfalz-Neuburg (1547-1614) offenbar Bericht. Der wörtliche „Geiz“ bezieht sich, wie auch das Familienwappen belegt, zumindest nicht direkt auf Habgier, sondern auf die „Geiß“, die Ziege oder (heraldisch) den Ziegenbock, während ein „Kofler“ ursprünglich ein Keufler, Käufler, sprich ein Kaufmann, bzw. Händler war.

Geizkofler of Haunsheim “goat of arms” 🙂

Damals konnten Ziegenhändler es demnach wohl zu einigem Wohlstand bringen, denn die neuen Ortsherren erbauten in den Folgejahren ein elegantes Schloss, das heute neogotisch mit Resten von Graben und Ummauerung noch besteht. Zacharias Geizkofler, der überwiegend in Augsburg lebte und mit der von dort stammenden Patriziertochter Maria von Rehlingen verheiratet war, war die letzten zwanzig Jahre seines Lebens „Reichspfennigmeister“, also in etwa Steuereintreiber der Kaiser oder Finanzminister. Bekannt wurde er u.a. für die Erhebung der „Türkensteuer“, die aber nicht Türken zu zahlen hatten, sondern all jene die sich von ihnen bedroht fühlten und das war damals offenbar die Allgemeinheit im Reich. Die Einnahmen der Steuer dienten deshalb dem Zweck, Kriege gegen die Türken zu finanzieren, und so womöglich auch Haunsheim vor dem Schicksal Konstantinopels zu bewahren. Da es sich um eine Kopfsteuer handelte geben heute die alten Steuerlisten, so noch erhalten, zumindest doch ansatzweise Auskunft über die Anzahl der Bewohner einzelner Orte.

האונזהיים טירה

Es ist anzunehmen, dass im Umfeld der Burg sicher auch jüdische Bewohner oder Händler zugegen waren. Sehr häufig benötigten Burg- und Schlossherren jüdisches knowhow, Kontakte und Handelsbeziehungen zur Errichtung und Aufrechterhaltung ihrer Herrschaftssitze in nicht minderem Maße als gewöhnliche Dienerschaft und Bauern zur Versorgung.  Um 1650 wird jedoch unter dem nun dominanten Einfluss der Protestanten dort ein Handelsverbot für Juden erlassen, was aber zumindest einen vorherigen solchen Handel voraussetzt. In der weiteren Entwicklung stagniert der Ort nun. 1704 hatte John Churchill von Marlborough im Haunsheimer Schloss sein Quatier.

1806 gelangt „Hausa“ wie die schwäbische Aussprache des Ortes lautet, an Bayern. 1823 wird der Besitz durch die Augsburger Bankierfamilie Süßkind erworben. Johann Gottlieb Süßkind (1767-1849) stammte aus Württemberg und arbeitete in Augsburg zunächst für das Bankhaus Halder (nach ihm ist die Halderstraße benannt, die parallel zur Bahnhofsstraße Königsplatz und Bahnhof verbindet und in welcher sich die 1917 fertig gestellte Augsburger Synagoge befindet). Durch Wertpapierspekulation während der Napoleonischen Kriege erlangte der evangelische Christ enormen Reichtum. Süßkind war ein Freund des Augsburger Bankiers von Schaezler und war auch mit der Enkelin des Freiherrn von Liebert verheiratet, dem Erbauer des Schaezler-Palais. Neben vielem anderen Besitz erwarb Süßkind das Haunsheimer Schloss.

1845 wird Haunsheim als ein evangelisches Pfarrdorf beschrieben, von dessen Schloss am Hügel man eine schöne Aussicht habe, letzteres ist zweifelsfrei auch heute noch so. Gezählt wurden damals 103 Haupt- und 54 Nebengebäude, sowie 612 Einwohner. Die Vorfahren der heutigen Besitzer der Familie Hauch erwarben das Schloss in den 1860er Jahren. Um 1900 lebten rund tausend Menschen in Haunsheim. Mit der Eingemeindung von Unterbechingen, schwankt die Einwohnerzahl zwischen 1500-1600. Im Schlossgarten werden heute gelegentlich Jazz Konzerte veranstaltet.

former school building at Schulsstraße in Haunsheim

Haunsheim a small village somewhat halfway between Stuttgart and Munich, is dominated by its neo-Gothic castle where in summer time are some Jazz concerts. The village first was mentioned in deeds from late 13th century, when the name referred to sows. In the year 1600 however Zacharias Geizkofler (lit. a goat dealer), who was married to a Augsburg patrician daughter acquired the place and built the castle which is inhabited until today.

Little is known about Jews in Haunsheim, which is only 3 miles from Lauingen at the Danube where were several Jewish communities as well as synagogues. Rabbi Yehuda from Lauingen in 1355 is recorded as rabbi of Augsburg. His great grandson Abraham bar Pinchas also was rabbi in Augsburg until 1407. Since in 1650 a ban for Jewish traders in Haunsheim was issued it is obvious that before there must have been Jews there. Since legal prohibitions, especially local ones, in previous times were as ineffective as they are today (ever heard that somewhere on earth any law against tax dodging or illegal parking actually has settled a problem once and for all?), most likely also there were Jews afterwards. However, the castle of Haunsheim without doubt is worth visiting.

At the Christian cemetery of Haunsheim all newer graves have identical markers

mehr / further information (in German): http://www.bndlg.de/schloss-haunsheim/


Die Herkunft der mittelalterlichen Augsburger Juden

August 30, 2010

Über die Bedeutung der jüdischen Gemeinde im mittelalterlichen Augsburg geben nicht zuletzt auch die Orte ab, aus denen Juden in die Reichsstadt zogen. Auch die städtischen Steuerlisten ab dem 14. Jahrhundert geben darüber Zeugnis, dass nicht nur Juden aus den benachbarten Regionen, sondern auch aus fernerliegenden bekannten Zentren jüdischer Gelehrsamkeit nach Augsburg kamen, um mittels Heirat, als Rabbiner oder als Schüler Bestandteil der schwäbischen Gemeinde zu werden.

Im Einzugsgebiet werden dabei Orte genannt, die heute nicht unbedingt immer auf Anhieb mit mittelalterlichen jüdischen Gemeinden in Verbindung gebracht werden: Dinkelsbühl, Nördlingen, Oettingen, Pappenheim, Regensburg, Harburg, Donauwörth, Neuburg, Ingolstadt, Lauingen, Dillingen, Höchstädt, Wertingen, Schrobenhausen, Aichach, Freising, München, Friedberg, Zusmarshausen, Burgau, Ulm, Biberach, Mindelheim, Memmingen, Landsberg und Mühldorf am Inn.

Aber auch aus Orten und Städten in größerer Entfernung kamen Juden nach Augsburg: Köln, Mainz, Worms, Speyer, Straßburg und das benachbarte elsässische Bischoffsheim, Rothenburg ob der Tauber, Zürich, Nürnberg und das kärntische Millstatt (Muelrestat) .

Freilich ist es nicht im sicher, einzelne Orte sicher zu identifizieren. Beispielsweise gibt es nicht weniger als drei schwäbische Orte mit dem Namen Biberach, einige Neuburgs und da die meisten Schreibweisen noch variabel waren könnte ein Rothenburg auch als Rottenburg gelesen werden und der Ort Werd, den wir nicht zu Unrecht wir als Werd an der Donau deuten, sprich als Donauwörth, könnte aber auch der heute noch so heißende kleine Ort Wörth sein, gleichfalls an der Donau, unweit von Regensburg, aber, da Angaben zum Fluss fehlen vielleicht auch Wörth an der Isar, Wörth am Rhein, Wörth am Main und warum nicht auch Wörth an der Sauer im Elsaß ..? Sicher behaupten lässt sich das ebenso wenig wie die Annahme alle genannten Juden -insofern keine Verwandtschaft plausibel ist – kämen aus einem einzigen Werd.

The origin of the medieval Jews of Augsburg

The significance of the Jewish community in medieval Augsburg, also is explained by the places from which Jews moved to the Imperial City. Also the municipal tax records from 14 Century on provide evidence that Jews not only from the neighboring regions but also from more distant known centers of Jewish scholarship moved to Augsburg to get member of the Swabian Jewish community by marriage as a rabbi or student.

In the catchment area of the Imperial City there are many places, which today are not necessarily always instantly connect to the medieval Jewish communitiest: Dinkelsbuehl, Noerdlingen, Oettingen, Pappenheim, Regensburg (Ratisbon), Harburg, Donauwoerth, Neuburg, Ingolstadt, Lauingen, Dillingen, Hoechstaedt, Wertingen, Schrobenhausen , Aichach, Freising, Munich, Friedberg, Zusmarshausen, Burgau, Ulm, Biberach, Mindelheim, Memmingen, Landsberg and Muehldorf am Inn.

However, even from in towns and cities further away Jews came to Augsburg: Cologne, Mainz (Mayence), Worms, Speyer, Strasbourg and the neighboring Alsatian Bischoffsheim, Rothenburg ob der Tauber, Zurich, Nuremberg and the Carinthian Millstatt (Muelrestat). Of course it is not always safe to identify individual toponyms. For example, there are no fewer than three Swabian places called Biberach, some Neuburgs (new castle) and since most writing still is variable Rothenburg eventually also could be read as Rottenburg and place Werd, which we identify not without reason as Werd at the Danube = Donauwoerth, actually also may be quite another Woerth on the Danube, near Regensburg, but perhaps also Worth on the Isar, Worth on the Rhine, Worth on the Main, and why not Worth on the Sauer in Alsace .. ? We do not know in all cases for sure and there also is no guaranty that all entries actually refer only to one single one of them.


עוד משהוא על הזחל מלאוינגן בשוואבן

August 8, 2010

זחל, שרצה לדעת, מה יש למעלה

The caterpillar who wanted to know what is up there … a bunch of questions all caterpillar in the world are facing until today 😉


The Jews of Lauingen

August 6, 2010

In Lauingen at the Danube, hometown of Albertus Magnus (1206 – 1280) there was a medieval Jewish community with many family relations to the Augsburgs Jewry. In Lauingen today there are two landmarks supposed to be witnesses of the medieval community. One is a mikveh inside a small chapel dedicated to the Blessed Virgin Mary of the fountain. About the same time when Jews reportedly were pursued under the accusation of “well poisoning” their likely mikveh only a chain or some 20 yards away from the Danube river was rededicated to the Christian mariolatry, since the water of the supposed mikvah now was considered curative and miraculous. Actually it is not safe to say if the few down steps with the small quadratic water basin really are the remnants of a 14th century mikveh as it is told, since the existing building material surely isn’t, but more likely from 18th or 19th century. However there also is the rumor that the supposed mikveh itself was a part of the earliest synagogue of Lauingen, what because of the close proximity to the river is hardly probable and very implausible. The riverbed of the Danube at this juncture is some 80 yards (or 75m), but the level of the Danube today of course is lowered and rectified. So it is not conceivable to believe that the Jews of Lauingen would have build their synagogue next to bank of an untamed wayward river, which repeatedly caused floodings. A mikveh on the other hand at the same spot is at least to some respect a little bit more likely, since a flooded bath is no serious damage and maybe only needs cleansing. But since there is no original structure components left anyway, there of course is no way to determine any extent of an alleged mikveh. The structure is in a small chapel, which is a maybe older part of a regular church St. Alban and again is part of a retirement home and so there of course are many different overlapping stories and legends at the compound at the banks of the Danube river.

 The second supposed landmark is a huge house in the former Judengasse (today Hirschstr.), were above the doorframe is a Hebrew inscription which reads זחל (sakhal), literally meaning “caterpillar”. The inscription is interpreted as (an abbreviation?) meaning “this is the gate to *Yahwe*”, what of course is pointless, as explicitly explained in the German text above. More likely the inscription is a mere remnant of a more extensive inscription, not necessarily from the supposed synagogue which by the way is one of the few houses in the street which is not oriented towards Jerusalem as most others does. Of course we would love to identify such old remains of medieval Jews in Lauingen, which by the way is a quite lovely town with many remarkable landmarks of all kind, but those two structures are quite doubtful.


Die Juden von Lauingen an der Donau

August 5, 2010

 In mittelalterlichen Urkunden, Steuerlisten und Schriften Augsburger Gelehrter finden sich immer wieder Belege für eine enge Verbindung der Augsburger Judengemeinde zu Lauingen an der Donau. Über die Anfänge der jüdischen Gemeinde zu Lauingen ist offenbar nichts bekannt. Das ist in der Region nun aber beileibe keine Ausnahmesituation. Vielerorts hat sich die Geschichtsschreibung auf den Topos der Juden-Verfolgung kapriziert, zumal dieser sich als eine Art gemeinsamer Nenner von eingefleischten Antisemiten und jüdischen Reformern und Emanzipationsapologeten gleichermaßen stereotyp behauptet, einen relativ objektiven Anschein vermittelte. Während die einen zahlreiche Verfolgungen und Vertreibungen anführten, um für die Gleichberechtigung der Juden zu werben, nahmen die erbitterten Gegner selbiges zum Anlass, um aufzuzeigen, dass Juden „immer schon“ heftige Reaktionen auf sich gezogen hätten und dass dies wohl kein Zufall sein könne, wenn dies „immer & überall“ geschehe.

Entsprechend beginnt die Geschichte der Juden von Lauingen nun eben auch mit der sog. „Rintfleisch-Verfolgung“ des Jahres 1298. Damals war es in Kriegswirren zu der Anschuldigung gekommen, Juden im fränkischen Roettingen eine sog. „Hostie“ (lat. hostia = Schlachtopfer) für die christliche Eucharistiefeier geschändet, was dem mal als Ritter mal als Metzger (die Unterschiede waren vielleicht auch nicht so gravierend in jener Zeit) beschriebenen Herrn Rintfleisch Anlass gab, heute so genannte Pogrome gegen Juden in Süddeutschland anzuzetteln. In der Jewish Encyclopedia heißt es dazu : „The persecutions spread from Franconia and Bavaria to Austria, and within six months about 120 congregations, numbering 100,000 Jews, were swept away”. Graetz zitiert die angeblich zeitgenössische Notiz über „מאה וארבעים וששה ישובים“, also 146 Gemeinden. Abgesehen davon, dass es durchaus eine Bewandnis hat mit dem Geschehen als solchen und auch Berichte existieren aus verschiedenen Orten, etwa aus Nürnberg, dort freilich weniger legendary, sondern mit konkreten Personen verbunden, sind diese Zahlen doch anachronistisch, weil unglaublich hoch für eine Zeit in der sich schwerlich eine entsprechende Gesamtbevölkerung des Gebietes (die drei größten Städte damals Augsburg, Nürnberg und Regensburg hatten jeweils weniger als 10.000 Einwohner, ansonsten gab es nur eine Anzahl von kleinen Dörfern und Burgen, etc.) in dieser Höhe nachweisen ließe … Wie nun auch immer, wird ohne weiteren Beleg vorausgesetzt, dass sich auch Lauingen unter dieser Anzahl von hingeschlachteten jüdischen Gemeinden befunden hat, da nur an wenigen Orten Juden dem entkommen sein sollen, darunter scheinbar prominent Regensburg und Augsburg. Vorauszusetzen, dass es eine jüdische Gemeinde zu dieser Zeit gab, sie im Zuge der Rintfleisch-Verfolgungen vernichtet wurde, passt in das allgemeine Raster und erübrigt offenbar auch weitere Fragestellungen. Die „nächsten“ Nachweise finden sich so dann auch erst (wieder?) im Jahre 1324, doch bereits in den sog. Pestjahren 1348, 1349, 1350 sollen die Juden in Lauingen beschuldigt worden sein, Brunnen vergiftet zu haben.

Eine heilkräftige Mikwe in Lauingen ..?

Aus dieser Zeit soll auch eine Mikwe stammen, die unweit des Donau-Ufers errichtet wurde und als (Teil der) erste(n) (?) Synagoge in Lauingen interpretiert wird. Der Form nach ist ein Teil der Mikwe noch erhalten (jedoch kaum was das Material anbetrifft), jedoch in recht eigentümlicher Weise, da sie sich nun in einem Raum befindet, der eine christliche Marienkapelle mit vielleicht 30 Sitzplätzen ist. Unweit des kleinen Altars mit markanter Marienfigur ist die Mikwe, deren Stufen zu einem kleinen, nicht gerade tiefen Becken führt. Der Gebetsraum nennt sich „Krypta unserer lieben Frau beim Brunnen“ und befindet sich im Seitentrakt der Spitalkirche des heutigen Altenheims St. Alban. Die Kombination basiert offenbar auf dem Glauben, dass das Wasser der Mikwe (insofern es eine solche dort jemals gab) heilkräftige Wirkung hatte – was zugegeben ein interessanter Gegensatz zur angeblich zeitgleich vertretenen Anschuldigung der Brunnenvergiftung ausmacht.

Nun ist es wenig wahrscheinlich, dass die damalige jüdische Gemeinde eine Synagoge so nahe an der für ihre Hochwasser berüchtigte Donau baute, deren Flussbett weder begradigt noch tiefgelegt war wie heute. Eine Mikwe dort in der Nähe zu errichten, ist sicher weniger problematisch, da ein zeitweilig überschwemmtes Bad keine weiteren Schäden hinterlässt.

Wo befand sich die Synagoge ..?

1367 sind Juden wieder in Lauingen verzeichnet und im Weberviertel des Ortes in der Judengasse (heute: Hirschstraße) präsent. Nach der weiteren „Ausweisung „ der Juden aus Lauingen im Jahre 1450 soll die dort vermutete frühere Synagoge in ein Pilgerhaus für christliche Wallfahrer umgestaltet worden sein. Am Haus befinden sich zwei, wenngleich auch etwas widersprüchliche Hinweistafeln, die sich aber in der Bezeichnung „Seelhaus“ einig sind:

Seelhaus –ehem. Judenschule, Pilger- u. Armenhaus, Hebräische Inschrift über dem Eingang ‚Das ist das Tor zu Jahwe‘, seit 1348 im Besitz der Spitalstiftung

Die zweite liest sich so: „Seelhaus, zweite Synagoge für die Juden Lauingens nach ihrer Vertreibung 1348 und erneuter Wiederansiedlung 1368; nach 1451 im Besitz des Spitals. Bauwerk des 15.-17. Jhdts.“

In der Tat deutet wenig an dem hohen stattlichen Bau auf eine frühere Verwendung als Synagoge. Gegen die Annahme, dass es sich zumindest überhaupt um einen ursprünglichen Synagogenbau handelte, spricht zunächst die Ausrichtung des Gebäudes. Diese nämlich müsste, wie bei mittelalterlichen Synagogen üblich, Richtung Jerusalem sein – erst in den letzten Jahrhunderten ist man davon aus verschiedenen Gründen abgewichen zugunsten einer pauschalen aber nicht plausiblen Orient-ierung nach Osten. Die Ausrichtung des Gebäudes freilich ist fast entlang Nord-Ost, Richtung Berlin oder Barcelona. Freilich kämen die regulären Nebengebäude in Betracht, da sie tatsächlich relativ genau sogar Richtung Augsburg, München und damit von Lauingen aus auf das rund 2800 km entfernte Jerusalem verweisen.

Warum nun aber ausgerechnet das fast einzige Haus in der Straße, das diesem Kriterium nicht entspricht die Synagoge gewesen sein soll, ist ohne weiteres nicht einleuchtend, zumal das Gebäude mit großen Ladefenstern und einem zentralen Flaschen- oder Ladeaufzug, der in früheren Zeiten zur Einlagerung von Waren in den Dachböden benutzt wurde. In (nicht nur schwäbischen) Synagogen hat man aber auf Dachböden allenfalls verbrauchte Schriftrollen, Gebetbücher, Schale und dergleichen zeitweilig eingelagert. Diese waren dann kaum so zahlreich oder schwerwiegend, dass es dazu eines externen Lastenaufzugs bedurft hätte. Selbstverständlich wurde das Haus im Laufe der Jahrhunderte wohl verschiedentlich baulich verändert, aber um behaupten zu können, dass es sich überhaupt um eine Synagoge in der ehemaligen Judengasse handelte, müsste auch feststellbar sein, welche Bauteile ursprünglich vorhanden waren und entsprechend genutzt wurden. Als deutlichstes Indiz am Haus selbst ist eine rotbraune hebräische Inschrift, die auf der metallenen Hinweistafel geschrieben steht „Das ist das Tor zu Jahwe“ heißen soll. Das jedenfalls kann schon mal nicht sein, da es sich nur um ein Wort handelt, das aus drei Buchstaben besteht: „זחל“ Die behauptete Bedeutung der Inschrift „זחל“ als „dies ist das Tor zu Jahwe“ ist aus einem Wort nicht zu lesen, müsste also eine Abkürzung sein. „Jahwe“ ist eine phantastische (und zudem falsche) Deutung des biblischen Gottesnamens, der abseits vom Kohen im Jerusalemer Heiligtum nicht ausgesprochen, in schriftlicher Form aber meist entweder mit einem Buchstaben yud oder he ( י – ה) abgekürzt wird. „Dies …“ oder „das ist“ ist hebräisch einfach זה (se, mask.) oder זאת (sot, fem.). Für Tür steht im Hebräischen von klein nach groß zur Verfügung דלת (dellet), פתח (petach) und etwas größer als Tor auch שער (scha’ar), weshalb im Rahmen einer Abkürzung auch nur die Buchstaben D (ד), P (פ)oder SCH (ש) vorhanden wären, stattdessen steht als zweiter Buchstabe jedoch „ח“ , was wenig wahrscheinlich allenfalls noch als „ה“ in Frage käme. Der letzte Buchstabe „L“ (ל) ist im Hebräischen für sich genommen eine reguläre Vorsilbe „le“ mit der Bedeutung „für“, „zu“, etc., an die man natürlich alles und jedes anhängen kann, ohne es abkürzen zu können.

Die Aussage „dies ist das Tor zu Jahwe“ ist auf Hebräisch  זה השער לה   – se (ha)scha’ar le’Haschem – was in zahlreichen Synagogen relativ häufig belegt ist und wenn man dies nun noch so abkürzen wollte, müsste es sodann zumindest ש לה ז geschrieben sein, um wenigstens auf dem dritten Blick verständlich zu sein. Eine andere, noch geläufigere Inschrift lautet זה השער צדיקים יבואו בו (se ha-scha’ar zadikim jawo bo), “dies ist das Tor, durch welches die Gerechten kommen“. Weder das eine noch das andere steht nun aber auf dem kleinen Inschriftenfeld, das nur drei Buchstaben umfasst. Es ist aber zu vermuten, dass die Deuter der Inschrift offenbar versuchten, die oben genannten Beispiele in die vorhandene Inschrift hineinzuinterpretieren, was sich aus der Inschrift freilich nicht ergibt und sich nicht ohne zahlreiche Verrenkungen ableiten lässt.

Was tatsächlich vorhanden ist, ergäbe, ergibt … Hebräisch gedacht nun auch eine eher seltsame Inschrift über einem Türstock, da זחל (sachal) im früheren Sprachgebrauch etwa Wurm, Gewürm würde heute spezifisch eine Raupe (caterpillar) bezeichnen, also jenen wurmförmigen Entwicklungsschritt hin zu später fliegenden Faltern oder Schmetterlinge. (פרפרים), usw. Als Inschrift über einer Synagogentüre macht das wenig Sinn, zumal im vermuteten 14. Jahrhundert der זחל אמיתי als solcher ebenso wenig erforscht waren wie זחל”ם (sachl“am, sog. Raupen- oder Halbkettenfahrzeuge) entwickelt. Als Verb könnte man זחל (sachal) freilich auch analog dazu als „kriechen“ oder „schlängeln“ deuten, was aber auch keinen rechten Sinn ergibt. Da das Gebäude in seiner gegenwärtigen Form ohnehin nicht den äußeren Anschein erweckt, als wäre es eine Synagoge aus dem 14. Jahrhundert, ist natürlich auch eher zweifelhaft, ob es sich bei der Inschrift über dem Eingang nun überhaupt um eine ursprünglich dort angebrachte handeln sollte. Es spricht auch nichts gegen die Annahme, dass die drei Buchstaben nur Reste einer früher umfangreicheren Inschrift sind und das erhaltene Wort זחל könnte noch einen geistreichen Fortgang oder vorangestellte Buchstaben gehabt haben. Das freilich würde zahllose Deutungen ermöglichen. Schon ein vorangestelltes מ (m-) beispielsweise würde schon erlauben, das Wort wegen seines wenig spezifischen „ז“ (sayin = s) dieses als „ו“ (vav = v, o, u) und mit den oft sehr ähnlich oder gar identisch formulierten ח als ה nun als מוהל (mohel) zu lesen, also Beschneider. Ob das allein genommen über einer Türe stehend mehr Sinn macht, ist natürlich auch fraglich, da wir nichts weiter über die jüdische Gemeinde von Lauingen wissen und uns nicht vorstellen können, ob ein Beschneider in dieser Weise für seine (kaum alleinige) Tätigkeit über der Türe geworben hätte. Wohl eher nicht. Das Beispiel eines bloß angedachten „Mohel-Haus“ soll nur aufzeigen, dass eine nicht vollständig erhaltene Inschrift, und davon ist auszugehen, eine ganze Reihe anderer Deutungen zulässt, zumal es unwahrscheinlich ist, dass sie tatsächlich in dieser Weise über der Türe des Gebäudes angebracht worden war. Da es nun zweifelsfrei mittelalterliche jüdische Gemeinden in Lauingen gab, gab es sicher auch verschiedene von Juden gemeinschaftlich benutzte Gebäude und jede Menge Möglichkeiten, wo und zu welchem Zweck Inschriften vorhanden sein konnten. Es ist anzunehmen, dass ein Rest eine solchen Inschrift „irgendwo“ (vielleicht auch in der tatsächlichen Synagoge, die sich in fast jedem Nebengebäude des „Seelhauses“ befunden haben kann) gefunden und nachträglich in das Haus eingesetzt wurde. Es wäre diesbezüglich natürlich von Wert die Überlieferungsgeschichte der Lauinger Besiedelung – und nicht nur der jüdischen – genauer zu untersuchen, bzw. festzustellen, aus welcher Zeit welcher Belege vorhanden sind. Bis dahin bleibt das geschriebene זחל (sachal) als Raupe gedeutet, nun wohl auch Programm, da sich die eigentlich, ursprüngliche Bedeutung wohl noch entpuppen muss. Wenn vielleicht aber schon keine Synagoge draus entstehen kann, dann vielleicht aber ein weiterer Konzertsaal ..? Das bleibt abzuwarten.

Mittelalterliche Lauinger Juden

Als erster Lauinger Jude ist in den Augsburger Steuerlisten „Hohmaister Judaeos de Lauingen“ im Jahre 1355 notiert. Es handelt sich um Rabbi Jehuda Leo ben Jitzchak, dem Sohn von Jitzchak ben Yakov (gest. 1336) der Rabbiner in Lauingen war und dessen Frau Mina (gest. 1348). Ob die Eltern in Augsburg bestattet wurden, kann nur vermutet werden, ist aber eher wahrscheinlich. Rabbi Jehuda war dem Anschein nach Rabbiner in Augsburg, da er als „Hochmeister“ in den Steuerlisten aufgeführt ist, jedoch ist er dort im selben Jahr bereits wieder gestrichen, aber erst im Jahre 1359 verstorben. Verheiratet war er Rivka der Tochter des Meir ben Moses und der Hanna, die 1366 starb. Mit den Söhnen Jakob und Isaak und einer namentlich fassbaren Tochter sind drei Kinder von Jehuda Leo einige ihrer Nachkommen bekannt. Seine Tochter etwa heirate in Augsburg Moses ben Jehuda Kalonymos Kohen (1273-1366), den Sohn des Augsburger Gemeindevorsitzenden. Beide waren auch die Eltern von Pinchas, dessen Sohn Awraham (1326-1406) gleichfalls Rabbiner in Augsburg war, was auch die Steuerlisten sparsam als „Abraham der Hochmaister“ notieren. Sein Grabstein hat die Zeiten und somit auch die Zerstörung des Augsburger „Judenkirchhof“ einigermaßen gut überstanden und befindet sich seit geraumer Zeit im Lapidarium des Augsburger Maximilianmuseums, wo wir ihn im Juli 2008 noch relativ unzugänglich aus der Entfernung fotografieren durften und somit entschlüsseln konnten. Er ist der Urahn prominenter jüdischer Geschäftsleute in Frankfurt. Inzwischen ist das Lapidarium besser sortiert und der Stein frei zugänglich, weshalb wir ihn beim Besuch von Ambassador Peter Rosenblatt und seiner Frau Naomi Harris Rosenblatt im Mai dieses Jahres auch nochmals aufsuchten, zumal es sich um einen freilich sehr weiverzweigten mittelalterlichen Vorfahren handelt. Über die in Augsburg nachweisbaren Juden aus Lauingen lässt sich durch die Heiratspolitik, falls man von einer solchen sprechen kann, jedenfalls sagen, dass sie sich sozusagen mit dem Establishment der Augsburger Judenschaft verbanden, welches über lange Jahrzehnte die Gemeinde und das Judentum in Schwaben prägten.

offspring of medieval Lauingen Jews

Die jüdische Gemeinschaft Lauingens kann demnach auch nicht unbedeutend gewesen sein. Josef der Sohn Isaak und Enkel von Rabbi Jehuda Leo aus Lauingen erhält im Oktober des Jahres 1425 seitens der Stadt Augsburg, deren Bürger und Steuerzahler er ist, die Erlaubnis wieder in Lauingen zu leben. Die Gründe dafür können wir erahnen, jedoch ist bekannt, dass sich die innerstädtischen Verhältnisse in Augsburg für die Juden deutlich verschlechterten, da die christlichen Prediger den Rat der Stadt immer vehementer gegen die Juden aufwiegelten, was zu einer schleichenden aber merklichen Erosion ihrer verbrieften Rechte führte. Josef, der mit der Tochter des Augsburger Juden Liebermann verheiratet war, weicht vielleicht aber auch deshalb nach Lauingen aus, um einen etwaigen Fluchtpunkt in den Herkunftsort seiner Vorfahren vorzubereiten. Gleichzeitig behält er aber gegen die jährliche Zahlung von drei Gulden ein Rückkehrrecht als Augsburger Bürger. In dieser Weise ist er indirekt bis 1438 verzeichnet, dem Jahr in welchem die Ausweisung der inzwischen unterprivilegierten Juden aus Augsburg beschlossen wurde und seine Voraussicht mag sich diesbezüglich als äußerst weise erwiesen haben.