Eine jüdische Episode am Gut Bannacker im Süden von Augsburg

April 27, 2015

Am südwestlichen Ende Augsburgs nahe Bobingen befindet sich der 1972 eingemeindete Stadtteil Bergheim und mit ihm auch der bei vielen Augsburgern wenig bekannte Weiler Bannacker. Dieser ist benannt nach einem Gutshof, der bis 1930 im Besitz der Familie Fugger-Babenhausen war, von 1930 bis zur „Arisierung“ aber den jüdischen Konvertiten Weininger gehörte und seit wenigen Jahren nunmehr als Veranstaltungsort für Konzerte im Rahmen des „Mozart@Augsburg“ Festivals wachsende Beachtung findet. Zeit also, um die zwar kurze, so aber doch durchaus illustre „jüdische“ Episode am südlichsten Punkt von Augsburg etwas nähere zu beleuchten, zu deren Facetten mit Privatflugzeugen eintreffende Weltstars ebenso gehörten, wie auch verängstigte jüdische Jugendliche, die im temporären zionistischen Schulungslager auf die Schnelle landwirtschaftliche Fähigkeiten erwerben mussten, um in Israel eine vage Zukunft vor Augen zu haben.

Bannacker Augsburg Bannackerstr Oberschönenfelderstr

Das Herrenhaus wurde von dem Johann Gottlieb von Süßkind  (1767-1849) errichtet, der aus dem etwa 20 km südöstlich von Stuttgart gelegenen Nürtingen stammte. Der lutherische Bankier war in Augsburg zunächst für die gleichfalls christlichen Bankiers der Familie Halder (nach welcher die Augsburger Halder-Straße benannt ist in welcher sich die Synagoge befindet) tätig und war während der Napoleonischen Kriege durch Wechsel- und Spekulationsgeschäfte zu exorbitanten Reichtum gekommen und galt als „reichster Mann Schwabens“. Süßkind wurde 1821 vom bayerischen König Maximilian I. in den Freiherren-Stand erhoben und erwarb in den Folgejahren zahlreiche Landgüter, darunter das Schloss  Haunsheim bei Lauingen, das fränkische Barockschloss Dennenlohe bei Ansbach und das der Schloss der Fugger im schwäbischen Dietenheim. Den Weiler Bannacker, in dem sich zuvor nur wenige Gehöfte und eine kleine Kapelle befanden, ließ er zum Landschloss mit Herren-haus und Stallungen ausbauen. Seine Erben verkauften den Besitz jedoch an die Familie Fugger-Babenhausen, die den Gutshof  Bannacker 1930 an Richard Weininger veräußerten.

mehr: Die Weiningers – eine jüdische Episode am Gut Bannacker im Süden von Augsburg

Bannacker Augsburg

The Weininger Days in Bannacker – from celebrities to Zionists at the South end of Augsburg

In the southernmost end of Augsburg is the hamlet Bannacker (lit. “banned field”). Almost two hundred years ago the Christian banker Johann Süßkind built a large manor house with some stables, the estate Bannacker. By 1860, the heirs sold the property to the Fugger Babenhausen family. The Fugger however in 1930 sold it to the entrepreneur Richard Weininger from Berlin, a converted Jew, whose older brother, the philosopher Otto Weininger in 1903 at the age of 23 had committed suicide in Vienna after publishing a number of highly controversial and fierce misogynist and anti-Semitic books that were bestsellers and made him a person of sensational international fame.

Richard Weininger and his wife established the Bannacker estate as meeting place for the international high society, where musicians, actors, politicians, aristocrats, industrialists and other celebrities organized private golf and polo tournaments, to which the VIPs arrived with their  luxurious limousines or even with their own sport aircrafts at the existing private Bannacker airport.

However, given the racial fanaticism of the Nazis, the celebration days were counted on Bannacker because although Hitler had great respect for Otto Weininger, “the Protestant baptized Jew who committed suicide out of decency”, the local Nazis, of course did not oversee the “detail”, that his brother Richard Weininger, who himself at the age was baptized as well, had Jewish parents in Vienna.

In the Olympic year of 1936 the Weininger couple, up to now German patriots, allowed the temporary placement of a camp for youth Zionist pioneers in a house of their estate, where the youngsters were rather improvised were (re-)educated for garden- or farm work, maybe useful in Eretz Israel. Many of the Zionist youngsters however did not arrive the Holy Land, but the Concentration camps of the Nazi. After the games the policy of the Nazis intensified again and so now also the Bannacker property was “aryanized” and thus the short Jewish episode in the very South of Augsburg came to an end.

Today, after several decades and years of slumber, with the organization of classical Mozart concerts some kind of social life returns to Bannacker, although of course at least so far it cannot keep up with the international splendor of the Weininger Days at the estate.

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Im schwäbischen Haunsheim

April 18, 2012

Haunsheim castle entrance

Das schwäbische Haunsheim bei Gundelfingen mit seinem Ortsteil Unterbechingen umfasst zusammen etwa 1500 Einwohner und liegt etwa auf halber Strecke zwischen Dillingen und Giengen an der Brenz und knapp vier Kilometer nordwestlich von Lauingen an der Donau, dessen jüdische Geschichte aus dem 14. Jahrhundert sich vielfach mit Augsburg verbindet. So stammte der „Hochmeister“ Rabbi Jehuda, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts auch in Augsburger Steuerlisten verzeichnet ist aus Lauingen. Seine Tochter heirate in Augsburg Moses den Sohn des Augsburger Gemeindevorsitzenden Jehuda Kalonymos Kohen (1273-1366). Ihr Enkel Awraham (1326-1406), Sohn ihres Sohnes Pinchas war gleichfalls Rabbiner in Augsburg und ist in den Steuerlisten sparsam als „Abraham der Hochmaister“ notiert. Sein Grabstein hat die Zeiten und somit auch die Zerstörung des Augsburger „Judenkirchhofs“ einigermaßen gut überstanden und befindet sich im Lapidarium des Augsburger Maximilianmuseums.

In frühen Urkunden des 13. Jahrhunderts hieß Haunsheim zunächst Sailheim, dann Saunsheim, schließlich Sauesheim. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts zählte auch ein Zweig der Güßen zu den Ortsherren. Ob es wie in Lauingen im nahegelegen Haunsheim und in Bechingen ebenfalls Juden gab, ist wie die Frühgeschichte des Ortes nur sehr lückenhaft überliefert. In der 1978 verfassten zwei-seitigen Religionsgeschichte des kleinen Ortes ist für das Jahr 1600 ein Jude namens Seligman im Zusammenhang mit dem Verkauf der Ortschaft an den aus Brixen stammenden Zacharias Geizkofler (1560-1617) erwähnt. Seligman erstattet darüber dem Wittelsbacher Herzog Ludwig-Philipp von Pfalz-Neuburg (1547-1614) offenbar Bericht. Der wörtliche „Geiz“ bezieht sich, wie auch das Familienwappen belegt, zumindest nicht direkt auf Habgier, sondern auf die „Geiß“, die Ziege oder (heraldisch) den Ziegenbock, während ein „Kofler“ ursprünglich ein Keufler, Käufler, sprich ein Kaufmann, bzw. Händler war.

Geizkofler of Haunsheim “goat of arms” 🙂

Damals konnten Ziegenhändler es demnach wohl zu einigem Wohlstand bringen, denn die neuen Ortsherren erbauten in den Folgejahren ein elegantes Schloss, das heute neogotisch mit Resten von Graben und Ummauerung noch besteht. Zacharias Geizkofler, der überwiegend in Augsburg lebte und mit der von dort stammenden Patriziertochter Maria von Rehlingen verheiratet war, war die letzten zwanzig Jahre seines Lebens „Reichspfennigmeister“, also in etwa Steuereintreiber der Kaiser oder Finanzminister. Bekannt wurde er u.a. für die Erhebung der „Türkensteuer“, die aber nicht Türken zu zahlen hatten, sondern all jene die sich von ihnen bedroht fühlten und das war damals offenbar die Allgemeinheit im Reich. Die Einnahmen der Steuer dienten deshalb dem Zweck, Kriege gegen die Türken zu finanzieren, und so womöglich auch Haunsheim vor dem Schicksal Konstantinopels zu bewahren. Da es sich um eine Kopfsteuer handelte geben heute die alten Steuerlisten, so noch erhalten, zumindest doch ansatzweise Auskunft über die Anzahl der Bewohner einzelner Orte.

האונזהיים טירה

Es ist anzunehmen, dass im Umfeld der Burg sicher auch jüdische Bewohner oder Händler zugegen waren. Sehr häufig benötigten Burg- und Schlossherren jüdisches knowhow, Kontakte und Handelsbeziehungen zur Errichtung und Aufrechterhaltung ihrer Herrschaftssitze in nicht minderem Maße als gewöhnliche Dienerschaft und Bauern zur Versorgung.  Um 1650 wird jedoch unter dem nun dominanten Einfluss der Protestanten dort ein Handelsverbot für Juden erlassen, was aber zumindest einen vorherigen solchen Handel voraussetzt. In der weiteren Entwicklung stagniert der Ort nun. 1704 hatte John Churchill von Marlborough im Haunsheimer Schloss sein Quatier.

1806 gelangt „Hausa“ wie die schwäbische Aussprache des Ortes lautet, an Bayern. 1823 wird der Besitz durch die Augsburger Bankierfamilie Süßkind erworben. Johann Gottlieb Süßkind (1767-1849) stammte aus Württemberg und arbeitete in Augsburg zunächst für das Bankhaus Halder (nach ihm ist die Halderstraße benannt, die parallel zur Bahnhofsstraße Königsplatz und Bahnhof verbindet und in welcher sich die 1917 fertig gestellte Augsburger Synagoge befindet). Durch Wertpapierspekulation während der Napoleonischen Kriege erlangte der evangelische Christ enormen Reichtum. Süßkind war ein Freund des Augsburger Bankiers von Schaezler und war auch mit der Enkelin des Freiherrn von Liebert verheiratet, dem Erbauer des Schaezler-Palais. Neben vielem anderen Besitz erwarb Süßkind das Haunsheimer Schloss.

1845 wird Haunsheim als ein evangelisches Pfarrdorf beschrieben, von dessen Schloss am Hügel man eine schöne Aussicht habe, letzteres ist zweifelsfrei auch heute noch so. Gezählt wurden damals 103 Haupt- und 54 Nebengebäude, sowie 612 Einwohner. Die Vorfahren der heutigen Besitzer der Familie Hauch erwarben das Schloss in den 1860er Jahren. Um 1900 lebten rund tausend Menschen in Haunsheim. Mit der Eingemeindung von Unterbechingen, schwankt die Einwohnerzahl zwischen 1500-1600. Im Schlossgarten werden heute gelegentlich Jazz Konzerte veranstaltet.

former school building at Schulsstraße in Haunsheim

Haunsheim a small village somewhat halfway between Stuttgart and Munich, is dominated by its neo-Gothic castle where in summer time are some Jazz concerts. The village first was mentioned in deeds from late 13th century, when the name referred to sows. In the year 1600 however Zacharias Geizkofler (lit. a goat dealer), who was married to a Augsburg patrician daughter acquired the place and built the castle which is inhabited until today.

Little is known about Jews in Haunsheim, which is only 3 miles from Lauingen at the Danube where were several Jewish communities as well as synagogues. Rabbi Yehuda from Lauingen in 1355 is recorded as rabbi of Augsburg. His great grandson Abraham bar Pinchas also was rabbi in Augsburg until 1407. Since in 1650 a ban for Jewish traders in Haunsheim was issued it is obvious that before there must have been Jews there. Since legal prohibitions, especially local ones, in previous times were as ineffective as they are today (ever heard that somewhere on earth any law against tax dodging or illegal parking actually has settled a problem once and for all?), most likely also there were Jews afterwards. However, the castle of Haunsheim without doubt is worth visiting.

At the Christian cemetery of Haunsheim all newer graves have identical markers

mehr / further information (in German): http://www.bndlg.de/schloss-haunsheim/