רשמים של בית העלמין היהודי אוגסבורג

November 30, 2011

מדרום לעיר העתיקה של אוגסבורג בשכונת האוכפעלד יש בית הקברות היהודי

 


תמונות של בית הכנסת לשעבר קריגסהבר

November 20, 2011

 


 הוקם על 1680, שוחזר בשנת 1862, שימש עד 1941

 שימוש לרעה על ידי הנאצים, לאחר מלחמת העולם השנייה שימשה הכנסייה הנוצרית וכן מחסן

 ההזנחה הארוכה גרמה נזקים קשים

 עכשיו, עבודות בנייה לשיקום המבנה נמצאים בעיצומם

בעתיד בבניין יהיה עוד הממלכתי מוזיאון היהודי

 

Currently the building of the former Synagogue of Kriegshaber (Augsburg) is restored. After decades of neglect there now is the aim to establish another stately “Jewish Museum”. 

Die Restaurierungsarbeiten in der ehemaligen Synagoge von Kriegshaber sind nun voll im Gange, werden aber wohl noch über ein Jahr andauern. Am Ende soll im dann sanierten Gebäude eine Filiale (bzw. “dépandance”) des staatlichen “Jüdischen” Museums untergebracht werden.


Über die Juden im schwäbischen Schlipsheim

November 17, 2011

Schlipsheim liegt vier Kilometer westlich von Steppach und ist wie dieses seit rund 40 Jahren Teil des Städtchens Neusäß welches westlich von Augsburg ist. Mit rund 500 Einwohnern ist Schlipsheim der kleinste der nach Neusäß eingemeindeten Orte.

Postcard of Schlipsheim with an unknown tower or church (ca. 1910)

Out of Schlipsheim. Zwar wird die Geschichte des „Straßendorfes“ bis ins 10. Jahrhundert zurückdatiert, jedoch handelt es sich dabei nicht um Geschichte im Sinne erzählter Geschichten, sondern eher um Datierungen, auf die in zunächst recht großen Abständen weitere folgen. Die werden dann mit der Zeit kleiner, aber etwa achthundert Jahre nach den legendären Anfängen – im Jahr 1719 – (er)zählt der Hainhofener Pfarrer Mayr in Schlipsheim ganze elf Häuser. Seinem Bericht nach hatte der Ortsherr Josef von Rehlingen „die Juden“ in dem Ort aufgenommen. Sehr viele können dies jedoch nicht gewesen sein, obwohl bekannt ist, dass in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im benachbarten Steppach und Kriegshaber, zeitweilig wohl auch in Leitershofen Juden lebten, nicht zu vergessen in den näher bei Augsburg liegenden Dörfer Oberhausen und Pfersee jüdische Gemeinden vorhanden waren. In Steppach und Kriegshaber bildeten sich gar stattliche Zentren mit mehreren hundert Menschen heraus.

Immer beliebt sind auch Einträge aus Regierungsakten, die Aufschluss geben über Steuerleistungen, die Juden in einzelnen Dörfern leisten konnten, durften, wollten oder mussten, da sie ggf. zumindest etwas über die Wirtschaftskraft der Juden besagen können, wo es schon sonst an Erkenntnisse mangelt. Im letzten Quartal des Jahres 1754 zahlten im österreichischen Burgau die Juden von Kriegshaber 43 Gulden, Ichenhausen 36 Gulden, Buttenwiesen 25, Binswangen 15, Hürben 12, Pfersee 9, Steppach 8 und Schlipsheim 1 Gulden und 45 Kreuzer. Für einen Gulden konnte man 5 Mahlzeiten in einem Gasthof mit 10 Liter Bier erhalten. Da in dieser Zeit der Monatslohn eines Tagelöhners etwa bei 5 Gulden, der eines Buchhalters bei ungefähr 30 Gulden lag, kann man sich unschwer ausmalen, dass der Beitrag aus Schlipsheim nicht gerade üppig war.

In Philipp Röders 1792 erschienenem zweiten Band des „Geographisch Statistisch-Topographischem Lexikon von Schwaben“ heißt es zur Ortsbeschreibung von Schlipsheim: „Dorf und Schloss an der Schmutter im Burgau, gehört dem Kloster heil. Kreuz in Augsburg. Am Anfang dieses Jahrhunderts gehörte es den von Rehling, kam an die Bach und ist 1785 durch das Oberamt Günzburg an das Kloster heilig Kreuz in Augsburg um 21.000 Gulden (fl.) verkauft worden. Hier sind auch Juden, die eine Sinagoge haben.“

Erste ordentliche Statistiken aus dem Jahre 1809 zählen im „Lechkreis“ im Landgerichtsbezirk Göggingen 650 Juden, davon 104 in Schlipsheim, 82 in Pfersee, 169 in Steppach und 295 in Kriegshaber. Zwei Jahre später, 1811 zählt man in Schlipsheim nur noch 36 Juden, 103 in Pfersee, 181 in Steppach und in Kriegshaber 243. (Montgelas-Statistiken, 25 Bde.: Volkszahl in Bayern, 1809/10, 1811/12, Band 10)

1818 vermerkt Georg Heinrich Keyser in seiner Beschreibung „Augsburg in seiner ehemaligen und gegenwärtigen Lage“ (S. 123) ganz eigentümlich: „Schlipsheim, Ort, von Juden bewohnt, mit einem Schloss. Man findet hier einen Israelitischen Opticus, der gute Augengläser macht.“ Das genannte Schloss wurde bereits 1823 abgerissen, wie es hieß wegen Baufälligkeit. Als einziger Überrest gilt die Nikolaus-Kapelle an der heutigen Schlipsheimer Straße.

Depiction of the old Schlipsheim castle from a painting inside the St. Nikolaus chapel

Das Bayerische Intelligenz-Blatt für den Ober-Donau-Kreis erwähnt im Jahr 1828 den aus Schlipsheim stammenden israelitischen Schul-Expendanten (Anwärter) Aaron (Ascher) Fränkl der zum israelitischen Schuldienst in Altenstadt (Illereichen) befördert wurde. Im Jahr darauf meldet das Blatt seine Ausstellung, womit die Zurückstellung vom Militärdienst gemeint war, „mit einem außer seinem Schullehrers Gehalte dem selben ausgeworfenen Wehr-Bezugs von 60 Gulden (fl.) und 20 Gulden Mietzinsvergütung“. Aaron Ascher Fränkls verwitwete Mutter Sara wohnte in Schlipsheim in einem der neun Wohnungen im sogenannten „Judenhaus“. In Altenstadt heiratete er Viktoria, die Tochter des wenige Tage vor der Hochzeit im Januar 1829 verstorbenen Mosche Katz, der als Geldmakler in Rottweil bekannt war und seiner Tochter eine Mitgift von tausend Gulden ermöglichte. Seine Frau und Viktorias Mutter Sara hingegen stammt wie ihr Schwiegersohn Aaron Ascher aus Schlipsheim, wo sie als Tochter des Krämers Mayer Samuel geboren wurde. Ascher blieb bis zu seinem Tod 1851 Lehrer in Altenstadt.

Für das Jahr 1832 wird der Ort in Josef Eisenmanns bayerischem Lexikon mit 56 Häusern und 350 Einwohnern beschrieben. Erwähnt wird auch eine hölzerne Brücke über die Schmutter mit „50 Schuh Länge“, was in etwa der Breite des kleinen, sich bei Schlipsheim oft windenden (mäandernden) Flüsschen entsprechen könnte.

Aus dem August 1825 stammt eine Notiz von Karl F. Stuhlmüller (1787 – 1832), seines Zeichens „königlich baierisch Polizey Commissair, Vorstand des Zwangsarbeitshauses zu Plassenburg und Mitglied des Civilverdienst-Ordens der baierischen Krone“ der in seinen einschlägigen „Vollständigen Nachrichten über eine polizeyliche Untersuchung gegen jüdische durch ganz Deutschland und dessen Nachbarstaaten verbreitete Gaunerbanden“ und zahlreichen Punkten auch sogenannte Passvergehen erwähnt. Unter (vielem) anderen prangert der Kommissar die Unsitte an, dass Ortsvorsteher Juden, die vorgeben ihre Pässe verloren zu haben, gutgläubig Atteste ausstellten. Entsprechend handelte dann wohl auch Ortsvorsteher Schmidt zu Schlipsheim, der dem „Erzgauner Baruch Benjamin“ ein solches Attest ausstellte und damit offenbar die Weiterreise ermöglichte. Baruch Benjamin stammte der Beschreibung gemäß aus dem fränkischen Fürth, wo ihm wegen nicht genannter Delikte der Pass erst abgenommen wurde. Mit dem Attest nun konnte er in Hall am Neckar einen neuen Pass erhalten und ganz ungestört seine Gaunerstreiche unter der Maske eines ehrlichen Handelsmann fortsetzen. Damit dürfte jener Baruch Benjamin nun einer der wenigen gewesen sein, der Schlipsheim etwas Positives abgewinnen konnte, denn die allgemeine Beschreibung des Ortes muss wohl recht trostlos gewesen sein.

Depiction of a Kohen who instead of doing a Shechita obviously is trying to stab in the back of the animal, what of course reveals that the artist had not the faintest idea regarding the practise he wanted to illustrate …

Worin in jener Zeit der Reiz bestanden haben mag in Schlipsheim zu wohnen, erschloss sich sodann auch dem Verfasser des „Archiv für die Geschichte des Bistums Augsburg“ Anton Steichele nicht so recht. Im zweiten Band seines Werkes aus dem Jahr 1858 schreibt er: „Die Feld- und Wiesenflur des Dorfeserstere auf einem niederigen Hügelrücken westlich des Ortes, letztere an der Schmutter ausgebreitet, gehört nur Wenigen, nämlich zwei großen Bauern, dem Wirt und vier Sölden an. Die übrigen Bewohner leben nur von der Hand in den Mund als Taglöhner, Besenbinder, Hirten, etc. in der Nähe und Ferne Erwerb suchend. Darum (dafür) ist Schlipsheim auch weit bekannt, wenn auch ohne Ruhm.“ (Band 2, S. 359) Direkt schmeichelhaft für die Schlipsheimer war auch das nicht.

rear view of the former so called “Judenhaus” (Jews house) of Schlipsheim

Das sogenannte Schlipsheimer „Judenhaus“ nun befand sich am südlichen Ende des heutigen Ortes an der von Hainhofen führenden Schlipsheimer Straße, etwa 300 m von der Schmutter entfernt, von der die Hauptstraße von saftigen, mitunter sumpfigen Wiesen getrennt ist. Die Bewohner des בית היהודים besaßen keines der großen Grundstücke, hatten aber zu gleichen Anteilen gemeinsamen Nutzen an den Wiesen (2004, 55 ההיסטוריה הגרמנית-יהודית שירשנו, עמ הנרי וסרמן,). Heute ist das Haus dreigeteilt mit den Hausnummern 124-128. Der vordere Teil des Hauses wurde vor Jahren abgerissen und neu aufgebaut.

בית היהודים לשעבר בכפר שליפסהיים

Zeitweilig lebten bis zu 50 Personen im Haus, das wohl etwas übertrieben mitunter auch als „Synagoge“ bezeichnet wird. In den 1840er Jahren sind einige Namen der Bewohner des Hauses überliefert. Unter anderem lebten hier die Familien von Isaak Weil, Abraham Gruber, David Heinemann wie auch die bereits erwähnte Sara Fränkel. Da wie im obigen Beispiel zitiert, 1809 offizielle Statistiken über hundert Juden in Schlipsheim verzeichnen, ist es zweifelhaft, ob es am Ort wirklich nur dieses eine „Judenhaus“ gab, in welchem Juden am Ort lebten. Der frühere Flurname „Judendauch“ deutet recht sicher auf die Existenz einer Mikwe in Schlipsheim hin. 1852 ermittelt die “Unions-Volkszählung” im Dorf Schlipsheim, dass noch 40 Personen im “Judenhaus” wohnten, aber seinen Namen nach inzwischen treffender “Christenhaus” genannt worden wäre, da bereits 22 der 40 Bewohner Christen waren (siehe Stadtarchiv Neusäß).

Auch im benachbarten Ortsteil Hainhofen soll es in früheren Zeiten einen „Judenberg“ (Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, S. 277) gegeben haben und einen nordwestlich außerhalb des Ortes gelegenen „Judenweg“, der aber wohl nur eine unbewohnte umgangssprachlich so titulierte Wegstrecke war.

reflecting gallows at river Schmutter some 400 m from the former Hauptstr. in Schlipsheim

Über das Ende der jüdischen Gemeinschaft in Schlipsheim berichtet „Der Israelit“ in einer Meldung vom 20. November, in welchem die Frage aufgeworfen wird, was nachdem die „Synagoge“ der Gemeinde aufgehört hat zu existieren, nun mit dem Inventar des Betraums geschehen soll. Ein Herr K. hat die beiden noch vorhandenen Tora-Rollen nach München „zum Verkauf geschickt“. Eine (weitere) Rolle wurde offenbar von einem Betrüger ergaunert und in Augsburg an einen Händler verkauft, der die Rolle wiederum in Nürnberg weiterverkauften haben soll. Damit endet sodann die Geschichte der Juden in Schlipsheim, im früher gängigen Klischee (heutige Schlipsheimer sind ganz gewiss ehrbare Leute) fast schon wieder ortstypisch mit einer Gaunerei.

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Besten Dank für die Führung durch die kleine Kapelle St. Nikolaus von Tolentino und zahlreiche Erläuterungen an Fr. Bührle in Schlipsheim

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Als bekanntester Schlipsheimer gilt der 1819 dort geborene Maler und Kunsthändler David Heinemann, der seit 1872 in München lebte und zumindest ab 1884 eine angesehene Kunsthandlung (am Promenadenlatz, ab 1903 am Lehnbachplatz, bald mit Filialen in Frankfurt und Nizza) besaß, die zunächst von seinem Sohn Hermann (1857-1920) und schließlich die bis zur „Enteignung“ durch die Nazis im Jahre 1938 noch von seinem Enkel Theo weitergeführt wurde. Zwei seiner eigenen Werke, darunter sein Selbstportrait befinden sich im Münchner Stadtmuseum.  Die Online-Datenbank der „Galerie Heinemann“ erfasst heute weit über 40.000 bedeutende Gemälde aller Epochen (siehe: http://heinemann.gnm.de).

David Heinemann (http://heinemann.gnm.de)

 


Reiseberichte über die jüdischen Gemeinden von Augsburg, Kriegshaber, Steppach und Pfersee in der Mitte des 19. Jahrhunderts

November 15, 2011

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Um die Mitte der 1840er Jahre erschienen in der jüdischen Wochenzeitung „Der Israelit im neunzehnten Jahrhundert – eine Wochenschrift für die Kenntnis und Reform des israelitischen Lebens“ in loser Folge „Aufzeichnungen eines reisenden Schullehrers“ . Der anonyme Autor der Berichte, freilich mit offenkundigen Beziehungen zum Judentum der schwäbischen Landgemeinden, nutzt ganz natürlich das damals im Aufbau befindliche Eisenbahnnetz in Bayern und liefert demgemäß sogleich auch wohl einen der ersten Überland-Reisebeschreibungen mit der damals weltverändernden Technik. Seine Exkursionen führen in das seit rund vier Jahrzehnten bestehende Gebiet von Bayrisch-Schwaben und somit auch nach Augsburg und seine benachbarten, später eingemeindeten zuvor österreichischen westlichen Vororte. Damals, also im Sommer 1847 hatte Augsburg etwa 38.000 Einwohner, wovon nur etwa 100 Juden waren. Einen eigenständigen Synagogenbau gab es zu dieser Zeit noch nicht. Erst im Jahre 1861 wurde die jüdische Gemeinde als Israelitische Kultusgemeinde formell durch das Königreich Bayern anerkannt und der Sitz des Distriktrabbinats von Kriegshaber nach Augsburg verlegt. Der Reisebericht kann auch als eine Bestandsaufnahme angesehen werden, wie sich seit der dauerhaften Wiederansiedlung von Juden in der ehemaligen Reichsstadt jüdisches Leben in der Region entwickelt hat oder auch nicht:

Wir erzählen nichts von unserer Fahrt auf der Eisenbahn, denn die Judenfrage wird in Deutschland nicht mit Dampf betrieben und wir dürfen daher diese heterogene Dinge hier nicht in Verbindung bringen.

Wir versetzen dich (gemeint ist der Leser) aber sogleich noch schneller als die Eisenbahn nach Augsburg. Den dortigen jüdischen Zuständen tut aber einige Dampfkraft dringend Not. Auf der ganzen Reise und nirgends fand ich sie so im Argen liegend. Du findest hier keine israelitische Schule, keine öffentliche Anstalt für den Religionsunterricht der jüdische Kinder und man darf sagen fast keine Synagoge. Denn als das Haus, in welchem sich das enge Betstüblein befand, zum Verkaufe kam, gab man sich der Hoffnung hin, die aus 12 Gliedern bestehende sehr reiche Gemeinde – sie zählt einen Millionär und mehrere, die Hunderttausende besitzen zu den ihren – werde das Haus erwerben. Aber nein! Es ging in den Besitz eines Christen über und die Augsburger Judenschaft ist mit ihrer Andacht zur Miete zu einem Garkücher geflüchtet.. Von der Stube, der Speisestube, gelangt man in ein beschränktes Kämmerchen, groß genug für die Stände und um sich allenfalls noch zum Nachbarn zur lauten Besprechung von Börsenangelegenheiten bewegen zu können. Eine finstere Klause neben an, die bei hellem Tage beleuchtet werden muss, dient dem schönen Geschlecht zum Ort des öffentlichen Gebets. Muss der Speisewirt eines schönen Tages diese gemietete Wohnung räumen, so sehen wir nicht, was die Andächtigen (? – so im Originaltext) anfangen werden. Doch der Rabbiner, den wir bald näher kennen lernen werden, führte ja beim Auszug aus der alten Synagoge den Spruch an:

 בכל מקום אשר אזכיר את שמי

Das erst genannte enge Betstüblein befand sich im eigentlich recht geräumigen Wohnhaus am Obstmarkt, das Jakob Obermayer (1755-1828) bei seinem Umzug nach Augsburg erworben hatte, das aber von seinem Sohn Isidor nach dem Tod seiner Mutter Ida im Februar 1845 verkauft wurde. Isidor Obermayer (1783-1862) war auch der angesprochene Millionär in der jüdischen Gemeinde, der inzwischen jedoch im stattlichen Wohnhaus an der Maximilianstraße, dem heutigen Augsburger Standesamt wohnte. Obwohl das prächtige Patrizierhaus ungleich mehr Platz bot, war dort die Einrichtung einer neuen Betstube für Isidor Obermayer offenbar kein Thema. Doch kam ja wie oben gesagt jeder Ort der Wahl in Betracht.

In der nächsten Ausgabe fuhr der Bericht des reisenden Schullehrers fort:

Das hiesige Gymnasium und die polytechnische Schule werden von mehreren israelitischen Jünglingen besucht. Sie erhalten auf höhere Anordnung Religionsunterricht in wöchentlich zwei Stunden von Seiten des Rabbiners, müssen aber die Kosten hierfür (60 Gulden jährlich) selbst bestreiten. Unsere Regierung ist oft zärtlich für den israelitischen Religionsunterricht besorgt; es darf ihr aber nichts kosten. –

Der zuständige Rabbiner hat aber seinen Sitz in dem eine Stunde entfernt liegenden Dorfe Kriegshaber, welches 60 Gemeindeglieder (= Familien), mit einer Religionsschule von nur 30 Kindern besucht, besitzt, die in einem kürzlich erst neu und zweckmäßig hergerichteten Lokale von dem Religionslehrer Herrn Bachmann angemessenen Unterricht in täglich vier Stunden erhalten. Dieses Lokal wurde לתלמוד תורה verstiftet und konnte also nicht zweckmäßiger verwendet werden. Sehr befremdete es mich, in einem anständigen Wirtshaus eine echt jüdelnde Unterhaltung mit anhören zu müssen. Lärmend und schreiend saßen modern gekleidete Leute bedeckten Hauptes um einen Tisch herum und stritten sich um eine יגדל Melodie, ob sie am י’ט oder י’ט gesungen werde. Endlich wurde der kompetenteste Richter, der Vorsänger, aus dem Garten zur Entscheidung herein geholt. In diesem Kreise fiel mir ein junger Mann von seinem Benehmen. Ich erfuhr, dass es der Kaufmann Jakob Feucht war, in dessen schönem Hause der Prinz Luitpold mit Gemahlin bei der letzten Revue sich einlogiert und seinem Wirte mit Zusendung seines und seiner hohen Gemahlin Bildnis in köstlichem Rahmen nebst Handschreiben beehrt hatte. Ich ließ mir später das schöne Haus nebst den Bildnissen zeigen. Man trifft überhaupt hier und in anderen schwäbischen Dörfern herrliche Häuser von Juden erbaut und bewohnt. Aber die hiesigen Juden machen es nicht wie die Herren Augsburger; sie wollen nicht in Häusern von Zedern wohnen, während die Lade Gottes hinter Teppichen ruht.

Obgleich sich hier eine ziemlich schöne Synagoge befindet, die erst noch nicht lange durch Subsellien verschönert worden ist, so wollen sie gleichwohl eine neue großartige Synagoge an die Straße hin bauen und soll bereits hierzu ein durch freiwillige Gaben aufgebrachter Fond von 10.000 Gulden vorhanden sein. – Es besteht hier ein Verein, der für jüdische Handwerkslehrlinge das Lehrgeld bezahlt und seit der langen Zeit seines Bestehens schon viel geleistet hat. – Herr Rabbiner Guggenheimer, in den fünfziger Jahren stehend, genießt allgemein Achtung. Er ist einer der ersten geprüften und deutschsprechenden Rabbiner gewesen, der auch viel über sich sprechen lassen musste. Seine Predigten, die er frei und unabhängig von Konzept etwas zu rasch vorträgt, sind gehaltreich. Die in der schwäbischen Synagogenordnung angeordnete Confirmation hat er schon einigemal feierlich abgehalten. Die anderen Rabbiner dieses Kreises ignorieren diese Bestimmung gänzlich. Eben zu der Zeit meiner Anwesenheit hatte sich ein kleiner Federkrieg gegen ihn erhoben. Ein schöngeistiger Commis glaubte ihm eine öffentliche Rüge erteilen zu müssen, weil er bei einem vorkommenden Todesfall unaufgefordert keine Grabrede gehalten hatte. Herr Guggenheimer replizierte angemessen und mit Würde. Eine Duplik strich die Augsburger Zensur und man wollte sie durch die Münchner bringen. Ob es gelang, hat für uns alle kein Interesse.“

Rabbiner Aaron Guggenheimer (1793-1872) erteilte demgemäß in Kriegshaber täglich vier Stunden Religionsunterricht, im „eine Stunde entfernten“ Augsburg hingegen, wo es keinen eigenen jüdischen Lehrer gab, lediglich zwei Stunden pro Woche. Der jüdische Religionsunterricht in jener Zeit setzte sich zusammen aus dem Erlernen der hebräischen Quadrat- und Kursivschriften, dem Übersetzen von Gebeten und biblischen Texten und dem Singen von Liedern. Hinzu kam biblische und jüdische Geschichte und die Vermittlung geographischer Kenntnisse des Landes Israel. Die älteren Jahrgänge lernten zusätzlich Raschi-Kommentare und Einführungen in die Mischna, etc. Man kann sich jedoch leicht vorstellen, wie weit man dabei mit der ungleichen Anzahl an Wochenstunden vorankam. Immerhin befähigte ihre Bildung aber Kriegshaber Juden zu einem eigenartigen Wirtshausstreit über die Frage, welche Melodie eines Gebetes man an Jom Kipur oder an anderen Feiertagen sang. Anders sah der reisende Schullehrer die Verhältnisse in Augsburg, wo reiche Juden zwar in edlen Häusern wohnten, die Tora aber sozusagen versteckten. Rabbiner Guggenheimer, der zu den gemäßigten Reformern gehörte, entsprach offensichtlich dem Geschmack des Blattes, das bekanntlich Reformen befürwortete. Guggenheimer‘s Konfirmationen, die analog zum Christentum, nicht individuelle Bar Mitzwa – Feiern waren, sondern für einen Jahrgang gesammelt an Schawuot stattfanden, wurden dem Vernehmen nach von den anderen Rabbinern des Distrikts trotz staatlicher Weisung ignoriert. Man sieht hier das Spannungsfeldzwischen Tradition und Reform auf der einen Seite und am Negativbeispiel von Augsburg die mitunter völlige Vernachlässigung andererseits. Die damals geplante neue Synagoge, deren Fassade orientalisch anmutende Elemente aufweisen sollte, kam über das Entwurfsstadium nicht hinaus und wurde nicht gebaut. Stattdessen wurde die alte, heute baufällige Synagoge an der Ulmer Straße nochmals renoviert.

In dem nahen Steppach wohnen 40 Judenfamilien, welche eine alte verfallene dickbauchige Synagoge und eine von 16 Schülern besuchte Religionsschule haben. Doch haben alle Religionslehrer dieses Kreises wenigstens 200 Gulden Gehalt, während die Mittelfranken in der Regel nur 150 Gulden beziehen. Was Umsicht und Beharrlichkeit in jenem Gebiet vermögen, das beweist wieder der hiesige Religionslehrer Herr Laudenbacher, mein teuerer Freund und früherer Seminargenosse. Seit 10 Jahren arbeitet er an der Zustandebringung einer vereinigten Schule, wiederholte misslungene Schritte bei der Gemeinde, den Schulbehörden, der Kreisregierung schreckten ihn nicht ab, immer wieder neue Versuche zu machen. Die Gemeinde hat sich endlich in ihrer großen Mehrheit dafür erklärt.“

Zuletzt besuchte der reisende Schullehrer nun auch noch Pfersee:

Pfersee heißt ein Dorf in der Nähe, in welchem 22 jüdische Familien wohnen, deren Religionsschule 24 Schüler dermalen besuchen. Schreckt einen nur die kerkerähnliche Vorhalle der Synagoge nicht ab, diese selbst ist für die kleine Gemeinde nicht übel eingerichtet. Der Lehrer Herr Crailsheimer ist auch Vorsänger und betreibt einen kleinen Bücherhandel nebenbei. Mitten im Dorfe befindet sich eine Tafel mit einem Gebet zur Bekehrung der Juden. Den dortigen Christen wäre eine Bekehrung zu dem uns allen gleich heiligen Gebot der Nächstenliebe nicht überflüssig, dann würden judenfeindliche Gesinnungen nicht oft in unchristlichen Ausbrüchen sich zeigen! – Ich besuchte hier einen Vetter, der 40 Morgen Grundstück besitzt und den ich ackernd mit drei Pferden traf. So soll es sein!“

Den Wortlaut der Pferseer Tafel ist uns an anderer Stelle überliefert. Nahe der Synagoge bei einem kleinen Bauernhäuschen war ein Marienbild mit einem von Strahlen umgebenen Stern und einem fünfzeiligen Reim angebracht:

Hilf, o heller Morgenstern!

Dass die Juden sich bekehr’n

Irrtum lassen, endlich fassen,

Dass Ein Gott, Personen Drey

Christus der Messias sey!

(„Der Bayerische Volksfreund – ein Unterhaltungsblatt für alle Stände“, Band 4, München 1827, S. 349).

 Die Tafel wurde wohl ca. 1825 aufgestellt und blieb bis ca. 1850 bestehen. Der Bezug auf den Stern war sicherlich auch als Anspielung auf die früher Pfersee dominierende Familie der Ulmo zu verstehen, deren bekanntes Familienwappen drei Sterne aufwies. Zu dieser Zeit hatte die heilige jüdische Gemeinde von Pfersee jedoch bereits ihre herausragende Stellung eingebüßt. Eine Meldung der Regensburger Zeitung aus dem November 1835 berichtete sodann auch davon, dass “böse Geister” für häusliche Probleme ganz anderer Art bei den einst stolzen Juden von Pfersee sorgten: „Aus glaubwürdiger Quelle erfährt man, dass man den Brandstifter, welcher schon einigemal bei einem Israeliten in Pfersee Feuer legte, ausgemittelt habe. Es war die eigene Magd desselben; man fand Kohlen, in Lumpen von ihr eingewickelt, und dadurch verdächtigt gestand sie auch also bald die Tat, mit dem Vermerken, ein böser Geist habe sie zu dem abscheulichen Vorhaben verleitet. Sie sitzt in der Fronfeste beim königlichen Landgericht Göggingen.“

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In 1847 a Jewish travelling Jewish school teacher visited the Jewish community of Augsburg as well as the neighboring rural communities in Kriegshaber, Steppach and Pfersee as one of the first railroad travelers of his time. Although Augsburg had a rich Jewish community with a millionaire and many other wealthy members, some four decades after the permission of an anew permanent residence of Jews in Augsburg actually had no synagogue but a small prayer room in the backyard of a cook-shop. In the neighboring פג”ש communities Jews farmed their land, squabbled about melodies of prayers in the pub next to the synagogue and Jewish children had four hours daily Jewish lessons – while in Augsburg their fellow believers only had two a week – hold by the rabbi of Kriegshaber.


Samuel Steinfeld (1863-1933) jüdischer Kantor in Augsburg

November 13, 2011

Samuel ben Meir Steinfeld wurde am 6. Juli 1863 im hessischen Josbach (bei Marburg) geboren, wo Angehörige eine Matzen-Bäckerei betrieben. Seine Ausbildung zum Lehrer und Kantor erhielt er in Köln, in Meckenheim, Gailingen und Sinsheim die ersten Anstellungen. In Sinsheim heiratete er Cecilie Kahn mit der er sechs Töchter und einen Sohn hatte. 1890 erhielt er eine Anstellung als Hilfskantor in Karlsruhe. 1895 bewarb er sich um die Stelle des ersten Kantors bei der Israelitischen Gemeinde in der Wintergasse in Augsburg. Zuvor wurden immer wieder die „Zustände“ in der Augsburger Gemeinde Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen. So meldete die Zeitschrift „Der Israelit“ beispielsweise im Februar 1893, dass zu einem Gottesdienst am Montagmorgen keiner der beiden angestellten Kantoren erschienen war und spekulierte ob deren Fernbleiben mit einem Opernball am Vorabend zu tun haben oder einen anderen Grund haben könnte, da ihre Abwesenheit unerklärt blieb. Schließlich seien aber zwei ältere Herren für die Abwesenden eingesprungen, wovon der eine die Gebete vortrug und der andere die Lesung aus der Thora vorgenommen habe. Ein solcher Vorfall hatte in jener Zeit für eine jüdische Zeitung offenbar durchaus noch Nachrichtenwert, wenngleich die Schlussbemerkung der Kurznachricht dies auch bereits relativiert: „Ein Indifferentismus in religiösen Sachen, wie er hier existiert, ist nirgends anzutreffen. Wolle man die Missstände, die in religiöser Beziehung dahier herrschen, alle aufzählen, so bedürfte man dazu bedeutend mehr Raum, als im ‘Israelit’ zu Verfügung steht.”

Die Aufgabe des Kantors umfasste die Organisation der Gottesdienste, den Synagogen-Chor, den Religionsunterricht für die jüdischen Kinder der Gemeinde, wie auch für Konvertiten, die zum Judentum übertraten, schließlich auch die Betreuung der Armenkasse und die Funktion als Beschneider (Mohel). Zweifellos hatte Augsburg also Bedarf für einen verlässlichen neuen Kantor und Samuel Steinfeld, der aus sechzig Bewerbern ausgewählt wurde, entsprach offenbar den Vorstellungen und Ansprüchen und blieb sodann bis zu seinem Abschied im Jahre 1929 ganze 34 Jahre im Amt. Der Überlieferung nach war Samuel Steinfeld auch der erste der in Augsburg in der Synagoge elektrisches Licht anschaltete. In der Halderstraße war auch sein Wohnsitz gemeldet und er war unter der Augsburger Direktwahl mit der zweistelligen Telefonnummer „15“ zu erreichen, was darauf schließen läßt, dass er auch hier zu den Ersten in der Stadt gehörte.

Zu seinem Abschied vermeldete die „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung“ (14/1929):

Am 1. Juli trat außer dem Bezirksrabbiner Dr. Grünfeld ein weiterer sehr verdienter Beamter der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg in den Ruhestand, Herr Oberkantor Samuel Steinfeld. Schon an dem Ehrenabend für Herrn Dr. Grünfeld hatte der erste Vorstand Herr Justizrat Dr. Eugen Strauß, bei der Betonung des guten Verhältnisses zwischen Rabbinat und Beamtenschaft auch des aus dem Amte scheidenden Oberkantors Steinfeld gedacht. Eingehend und gebührend gewürdigt aber wurden dessen Verdienste, namentlich um den Gottesdienst, in einem ehrenvollen Handschreiben der Kultusverwaltung, das insbesondere hervorhebt, dass der der nach 34jähriger arbeitsreicher Augsburger Amtstätigkeit in den Ruhestand tretende Beamte durch wundervolle Gestaltung des Gottesdienstes Erhebliches für die religiöse Befriedigung der Gemeindeangehörigen geleistet hat. Zum Zeichen des Dankes wurde gleichzeitig von der Verwaltung eine Ehrengabe übermittelt. Auch der Stadtrat Augsburg sandte ein sehr ehrendes Anerkennungsschreiben und betonte das gewissenhafte und erfolgreiche Wirken als Religionslehrer in der städtischen höheren Mädchenschule. Der Direktor dieser Schule, Herr Oberstudiendirektor Dr. Hermann, erfreute den scheidenden Beamten durch eine intime Feier im Lehrerzimmer und dankte demselben für seine ersprießliche Dienstleistung. Die Übergabe eines Erinnerungsgeschenkes des Lehrerkollegiums und die Dankworte des Gefeierten beschlossen die Feier. Die Schülerinnen erfreuten ihren Lehrer in der letzten Unterrichtsstunde durch ein sinniges Geschenk. Herr Hauptlehrer Rosenfeld (München) machte sich in seiner Eigenschaft als erster Vorstand des Israelitischen Lehrervereins für Bayern zu dessen Dolmetsch, und in gleicher Herzlichkeit brachten die Ortskollegen ihre Wünsche zum Ausdruck.

Bei dem Abschiedsgottesdienst am 29. Juni wurde Oberkantor Steinfeld als Erster aufgerufen und mit einem von Oberkantor Heimann verfassten und überaus wirkungsvoll vorgetragenen „Mischeberach“ beehrt. Mehrere Kompositionen des scheidenden Oberkantors, darunter eine sehr melodische „Keduschah“ werden seinen Namen mit der musikalischen Ausschmückung des Gottesdienstes verbunden halten.“

Die Auflistung der Ehrenbekundungen liest sich in ihrem Formalismus heute etwas eigenartig. Samuel Steinfeld starb am 13. März 1933. Die Grabrede für Steinfeld am jüdischen Friedhof im Stadtteil Hochfeld hielt Rabbiner Walter Jacob. Vier Tage zuvor hatten die Nationalsozialisten auch in Augsburg mit der Absetzung des 1929 gewählten Stadtrats das Rathaus übernommen und gewaltige Hakenkreuzfahnen aufgehängt. Diese sollten, wie Gauleiter Wahl abends bei einem Fackelzug der Nazis durch die Augsburger Innenstadt bekundete zeigen, dass nun „eine Neue Zeit angebrochen“ sei. Die politischen Verhältnisse brachten es mit sich, dass weder seine Frau noch eines seines Kinder in Augsburg blieben. Seine 1892 in Karlsruhe geborene Tochter Bianca, die zum Zeitpunkt seines Todes bei der St. Moritzkirche in der Maximilianstraße ein angesehenes Kaffeegeschäft betrieb, wanderte nach Israel aus, während ihre ältere Schwester Rosa 1942 in das „Durchgangslager“ Izbica deportiert wurde, von wo Gefangene in die Lager Belzec und Sobibor verschickt wurden. Hier verliert sich ihre Spur. Ihre Geschwister und Mutter emigrierten in die USA.

Steinfelds älteste am 29. September 1887 in Sinsheim geborene Tochter Martha studierte (wie später ihre jüngere Schwester Selma) ab 1906 in München Zahnmedizin und lernte dabei den aus Nürnberg stammenden Ernst Viktor Spitzer kennen. 1911, also vor hundert Jahren kam es in der heute regulär benutzten damaligen Hochzeitssynagoge in Augsburg deshalb auch zu einer wohl noch immer einzigartigen jüdischen Zahnarzt-Heirat. Die Trauung nahm Dr. Richard Grünfeld vor, während der Gottesdienst von Marthas Vater Samuel geleitet wurde. Die beiden Zahnärzte zogen jedoch nach Nürnberg, wo beide eigenständige Zahnarztpraxen betrieben. Aus der Ehe hervor gingen zwei Kinder, Tochter Helen und Sohn Helmut (1921-2007). In der Nazizeit emigrierte das Zahnarztehepaar nach Chicago, Illinois, wo Martha gemäß einer Todesanzeige im deutsch-jüdischen „Aufbau“ bereits am 10. Oktober 1946 verstarb.

 

(source: „Aufbau“, Friday 18th October 1946): Obituary for Dr- Martha Spitzer Steinfeld by her husband Dr Ernst Spitzer, son in law and daughter Jack and Ellen Sandmann, and then unmarried son Helmut R. Spitzer

Ebenfalls nach Chicago waren auch der am 8. September 1895 geborene Julius (Isaak) Steinfeld und seine Mutter Cecilie gekommen. Julius war 1922 zunächst nach Mannheim, wo er Medizin studierte und sich bald als Psychologe und Nervenarzt bald Ruhm und Ansehen erwarb. 1936 emigrierte er mit seinen verwandten über Frankreich in die Vereinigten Staaten. In Des Plaines, einem nördlichen Vorort von Chicago im Staate Illinois gründete er das Forest Sanatorium, in welchem auch seine Mutter bis zu ihrem Tod im Jahre 1950 bei ihm wohnte. Julius Steinfeld widmete sich vor allem der Schizophrenie, einem Bereich in dem er als Autorität geschätzt wurde, verfasste aber bereits 1927 fachliche Beiträge zur damals noch recht jungen Sexualforschung, zu einer Zeit als sich Kinsey noch mit Wespen beschäftigte.

Leider spielte Julius Steinfeld noch eine traurige (Neben-)Rolle in einem spektakulären Mordfall, der im Herbst 1955 Chicago und darüber hinaus die gesamte amerikanische Nation erschütterte. Damals hatten sich drei Jungen im Alter von 11 bis 13 Jahren an einem Sonntagnachmittag mit Erlaubnis ihrer Eltern zu einem Kinobesuch verabredet, von dem sie jedoch niemals mehr zurückkamen. Ihre später aufgefundenen Leichen ließen wenig Zweifel daran, dass es sich um Sexualverbrechen handelte. Anton Schuessler, 42jähriger Vater zweier der Opfer erlitt bei der Identifikation der Leichen seiner Söhne einen Nervenzusammenbruch und verlor den Lebensmut. Als er in den Folgetagen immer öfter Andeutungen über seinen Selbstmord machte, veranlasste seine Frau Eleanor Schuessler am 9. November seine Einlieferung in eine Nervenklinik, eben in jenes Forest Sanatorium and Rest Home in Des Plaines. Dr. Steinfeld befasste sich ausführlich mit seinem neuen Patienten, da sich jedoch keine Besserung seines Zustands ergab, verordnete er eine, damals durchaus gängige Behandlung durch Elektroschocks. Dabei starb der Patient jedoch, 26 Tage nach seinen Söhnen. Da der Mord an den drei Jungen unaufgeklärt blieb und noch lange Zeit bleiben sollte, wurde der Vater sozusagen als viertes Mordopfer aufgefasst. Flugblätter die in Chicago verteilt wurden hoben hervor, dass es ein jüdischer Arzt war, der den trauernden Vater ermordet habe und fragten, warum dem wohl so sei. Entsprechend wurden die ermordeten (katholischen) Kinder einem klassischen jüdischen Ritualmord-Komplott zugeschrieben, gedeckt von dem leitenden polizeilichen Ermittler Lohman, der ebenfalls Jude war und seitens der Stadtregierung die offenbar für angemessen gehaltene Ausschreitungen gegen „die anderen Juden“ fürchtete. Ärztekollegen, offenbar beeindruckt von dem Aufruhr den, das nach seinen Opfern „Peterson-Schuessler-Case“ benannte Verbrechen hervorrief, griffen Dr. Steinfeld in seiner ärztlichen Kompetenz an und deuteten den Zusammenbruch des Vaters vor der Einlieferung in seine Klinik als Herzanfall und unterstellten, dass er wissentlich einem Herzkranken Elektroschocks verabreicht habe und so dessen Tod bewirkt habe. Zwar ergaben die Krankheitsakten des Verstorbenen keinerlei Hinweise auf ein bekanntes Herzleiden, doch in der Fülle und Konsequenz der massiven Anschuldigungen, die mitunter offen ausgeprägte antisemitische Züge annahm, schloss Dr. Steinfeld seine Klinik und verließ kurz darauf Chicago und seine neue Wahlheimat. Er übersiedelte nach Zürich in die Schweiz, wo er wenig später ernüchtert und entkräftet 1956 verstarb. Der Mörder der Kinder Kenneth Hanson wurde erst 1994 ermittelt, als dieser längst wegen anderer Delikte – er hatte 1973 seinen Halbbruder ermordet – in Haft saß. Zur Tatzeit im Jahre 1955 war er 22 Jahre alt. 1995 wurde er zu weiteren 300 Jahren Haft verurteilt, starb aber bereits im Jahr 2007.

Fachpublikationen von Dr. Julius Steinfeld (1895-1956):

Julius Isaac Steinfeld: “Ein Beitrag zur Analyse der Sexualfunktion,”
Zeitschrift für die Gesamte Neurologie und Psychiatrie 107 (1927).

Julius Isaac Steinfeld: Therapeutic studies on psychotics;
a psychological and psychosomatic approach in four papers. [1st ed.] Des Plaines
, 111. [1951] 262 p

Julius Isaac Steinfeld-: Therapeutic studies on psychotics : a psychological and psychosomatic approach in four paper[s] / by Julius I. Steinfeld. (Des Plaines, Ill. : Forest Press, c1951) (page images at HathiTrust), 262 p. http://catalog.hathitrust.org/Record/001564476

Julius Isaac Steinfeld: A new approach to schizophrenia. (New York, Merlin Press, 1956), 195 p. http://catalog.hathitrust.org/Record/001565037

Literatur zum Mordfall in Chicago 1955:

James A. JackThree Boys Missing: The Tragedy That Exposed the Pedophilia Underworld, Chicago 2006

http://www.prairieghosts.com/spmurders.html

Samuel ben Meir Steinfeld (1863-1933) from 1895 until 1929 was cantor (chazan, חזן) of Augsburgs Jewish community and more than others influenced the appearance of Augsburgs Jewry in this time. He died a couple of days after the Nazis in Augsburg took over the townhall and flew their swastika flags within the city. Steinfeld was buried at the Hochfeld Cemetery in Augsburg, where his grave markers still exist. He had six daughters and a son. Daughter Rosa, mentioned at his grave marker was murdered in German occupied Poland, his wife and other children managed to ecape the Nazi. His son Julius (Isaak) however had to face US-American antisemites ten years after Hitler.


פרשת וירא

November 11, 2011

gut schabbes 😉

 


Eröffnung der neuen Synagoge in Speyer

November 9, 2011

Heute am denkwürdigen 73. Jahrestag der sogenannten “Kristallnacht” wurde in der alten Schum-Stadt Speyer die neue Synagoge eingeweiht, wozu wir herzlich gratulieren, da die jüdischen Verbindungen nach Augsburg und Fagasch bereits Jahrhunderte zurückreichen.

Ein aktueller Bericht mit Photos findet sich hier: http://www.rlp.de/no_cache/einzelansicht/archive/2011/november/article/synagoge-setzt-sichtbares-zeichen-fuer-grosse-juedische-tradition/

Jüdische Gemeinde Speyer: http://www.jgs-online.de/