Über die Juden im schwäbischen Schlipsheim


Schlipsheim liegt vier Kilometer westlich von Steppach und ist wie dieses seit rund 40 Jahren Teil des Städtchens Neusäß welches westlich von Augsburg ist. Mit rund 500 Einwohnern ist Schlipsheim der kleinste der nach Neusäß eingemeindeten Orte.

Postcard of Schlipsheim with an unknown tower or church (ca. 1910)

Out of Schlipsheim. Zwar wird die Geschichte des „Straßendorfes“ bis ins 10. Jahrhundert zurückdatiert, jedoch handelt es sich dabei nicht um Geschichte im Sinne erzählter Geschichten, sondern eher um Datierungen, auf die in zunächst recht großen Abständen weitere folgen. Die werden dann mit der Zeit kleiner, aber etwa achthundert Jahre nach den legendären Anfängen – im Jahr 1719 – (er)zählt der Hainhofener Pfarrer Mayr in Schlipsheim ganze elf Häuser. Seinem Bericht nach hatte der Ortsherr Josef von Rehlingen „die Juden“ in dem Ort aufgenommen. Sehr viele können dies jedoch nicht gewesen sein, obwohl bekannt ist, dass in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im benachbarten Steppach und Kriegshaber, zeitweilig wohl auch in Leitershofen Juden lebten, nicht zu vergessen in den näher bei Augsburg liegenden Dörfer Oberhausen und Pfersee jüdische Gemeinden vorhanden waren. In Steppach und Kriegshaber bildeten sich gar stattliche Zentren mit mehreren hundert Menschen heraus.

Immer beliebt sind auch Einträge aus Regierungsakten, die Aufschluss geben über Steuerleistungen, die Juden in einzelnen Dörfern leisten konnten, durften, wollten oder mussten, da sie ggf. zumindest etwas über die Wirtschaftskraft der Juden besagen können, wo es schon sonst an Erkenntnisse mangelt. Im letzten Quartal des Jahres 1754 zahlten im österreichischen Burgau die Juden von Kriegshaber 43 Gulden, Ichenhausen 36 Gulden, Buttenwiesen 25, Binswangen 15, Hürben 12, Pfersee 9, Steppach 8 und Schlipsheim 1 Gulden und 45 Kreuzer. Für einen Gulden konnte man 5 Mahlzeiten in einem Gasthof mit 10 Liter Bier erhalten. Da in dieser Zeit der Monatslohn eines Tagelöhners etwa bei 5 Gulden, der eines Buchhalters bei ungefähr 30 Gulden lag, kann man sich unschwer ausmalen, dass der Beitrag aus Schlipsheim nicht gerade üppig war.

In Philipp Röders 1792 erschienenem zweiten Band des „Geographisch Statistisch-Topographischem Lexikon von Schwaben“ heißt es zur Ortsbeschreibung von Schlipsheim: „Dorf und Schloss an der Schmutter im Burgau, gehört dem Kloster heil. Kreuz in Augsburg. Am Anfang dieses Jahrhunderts gehörte es den von Rehling, kam an die Bach und ist 1785 durch das Oberamt Günzburg an das Kloster heilig Kreuz in Augsburg um 21.000 Gulden (fl.) verkauft worden. Hier sind auch Juden, die eine Sinagoge haben.“

Erste ordentliche Statistiken aus dem Jahre 1809 zählen im „Lechkreis“ im Landgerichtsbezirk Göggingen 650 Juden, davon 104 in Schlipsheim, 82 in Pfersee, 169 in Steppach und 295 in Kriegshaber. Zwei Jahre später, 1811 zählt man in Schlipsheim nur noch 36 Juden, 103 in Pfersee, 181 in Steppach und in Kriegshaber 243. (Montgelas-Statistiken, 25 Bde.: Volkszahl in Bayern, 1809/10, 1811/12, Band 10)

1818 vermerkt Georg Heinrich Keyser in seiner Beschreibung „Augsburg in seiner ehemaligen und gegenwärtigen Lage“ (S. 123) ganz eigentümlich: „Schlipsheim, Ort, von Juden bewohnt, mit einem Schloss. Man findet hier einen Israelitischen Opticus, der gute Augengläser macht.“ Das genannte Schloss wurde bereits 1823 abgerissen, wie es hieß wegen Baufälligkeit. Als einziger Überrest gilt die Nikolaus-Kapelle an der heutigen Schlipsheimer Straße.

Depiction of the old Schlipsheim castle from a painting inside the St. Nikolaus chapel

Das Bayerische Intelligenz-Blatt für den Ober-Donau-Kreis erwähnt im Jahr 1828 den aus Schlipsheim stammenden israelitischen Schul-Expendanten (Anwärter) Aaron (Ascher) Fränkl der zum israelitischen Schuldienst in Altenstadt (Illereichen) befördert wurde. Im Jahr darauf meldet das Blatt seine Ausstellung, womit die Zurückstellung vom Militärdienst gemeint war, „mit einem außer seinem Schullehrers Gehalte dem selben ausgeworfenen Wehr-Bezugs von 60 Gulden (fl.) und 20 Gulden Mietzinsvergütung“. Aaron Ascher Fränkls verwitwete Mutter Sara wohnte in Schlipsheim in einem der neun Wohnungen im sogenannten „Judenhaus“. In Altenstadt heiratete er Viktoria, die Tochter des wenige Tage vor der Hochzeit im Januar 1829 verstorbenen Mosche Katz, der als Geldmakler in Rottweil bekannt war und seiner Tochter eine Mitgift von tausend Gulden ermöglichte. Seine Frau und Viktorias Mutter Sara hingegen stammt wie ihr Schwiegersohn Aaron Ascher aus Schlipsheim, wo sie als Tochter des Krämers Mayer Samuel geboren wurde. Ascher blieb bis zu seinem Tod 1851 Lehrer in Altenstadt.

Für das Jahr 1832 wird der Ort in Josef Eisenmanns bayerischem Lexikon mit 56 Häusern und 350 Einwohnern beschrieben. Erwähnt wird auch eine hölzerne Brücke über die Schmutter mit „50 Schuh Länge“, was in etwa der Breite des kleinen, sich bei Schlipsheim oft windenden (mäandernden) Flüsschen entsprechen könnte.

Aus dem August 1825 stammt eine Notiz von Karl F. Stuhlmüller (1787 – 1832), seines Zeichens „königlich baierisch Polizey Commissair, Vorstand des Zwangsarbeitshauses zu Plassenburg und Mitglied des Civilverdienst-Ordens der baierischen Krone“ der in seinen einschlägigen „Vollständigen Nachrichten über eine polizeyliche Untersuchung gegen jüdische durch ganz Deutschland und dessen Nachbarstaaten verbreitete Gaunerbanden“ und zahlreichen Punkten auch sogenannte Passvergehen erwähnt. Unter (vielem) anderen prangert der Kommissar die Unsitte an, dass Ortsvorsteher Juden, die vorgeben ihre Pässe verloren zu haben, gutgläubig Atteste ausstellten. Entsprechend handelte dann wohl auch Ortsvorsteher Schmidt zu Schlipsheim, der dem „Erzgauner Baruch Benjamin“ ein solches Attest ausstellte und damit offenbar die Weiterreise ermöglichte. Baruch Benjamin stammte der Beschreibung gemäß aus dem fränkischen Fürth, wo ihm wegen nicht genannter Delikte der Pass erst abgenommen wurde. Mit dem Attest nun konnte er in Hall am Neckar einen neuen Pass erhalten und ganz ungestört seine Gaunerstreiche unter der Maske eines ehrlichen Handelsmann fortsetzen. Damit dürfte jener Baruch Benjamin nun einer der wenigen gewesen sein, der Schlipsheim etwas Positives abgewinnen konnte, denn die allgemeine Beschreibung des Ortes muss wohl recht trostlos gewesen sein.

Depiction of a Kohen who instead of doing a Shechita obviously is trying to stab in the back of the animal, what of course reveals that the artist had not the faintest idea regarding the practise he wanted to illustrate …

Worin in jener Zeit der Reiz bestanden haben mag in Schlipsheim zu wohnen, erschloss sich sodann auch dem Verfasser des „Archiv für die Geschichte des Bistums Augsburg“ Anton Steichele nicht so recht. Im zweiten Band seines Werkes aus dem Jahr 1858 schreibt er: „Die Feld- und Wiesenflur des Dorfeserstere auf einem niederigen Hügelrücken westlich des Ortes, letztere an der Schmutter ausgebreitet, gehört nur Wenigen, nämlich zwei großen Bauern, dem Wirt und vier Sölden an. Die übrigen Bewohner leben nur von der Hand in den Mund als Taglöhner, Besenbinder, Hirten, etc. in der Nähe und Ferne Erwerb suchend. Darum (dafür) ist Schlipsheim auch weit bekannt, wenn auch ohne Ruhm.“ (Band 2, S. 359) Direkt schmeichelhaft für die Schlipsheimer war auch das nicht.

rear view of the former so called “Judenhaus” (Jews house) of Schlipsheim

Das sogenannte Schlipsheimer „Judenhaus“ nun befand sich am südlichen Ende des heutigen Ortes an der von Hainhofen führenden Schlipsheimer Straße, etwa 300 m von der Schmutter entfernt, von der die Hauptstraße von saftigen, mitunter sumpfigen Wiesen getrennt ist. Die Bewohner des בית היהודים besaßen keines der großen Grundstücke, hatten aber zu gleichen Anteilen gemeinsamen Nutzen an den Wiesen (2004, 55 ההיסטוריה הגרמנית-יהודית שירשנו, עמ הנרי וסרמן,). Heute ist das Haus dreigeteilt mit den Hausnummern 124-128. Der vordere Teil des Hauses wurde vor Jahren abgerissen und neu aufgebaut.

בית היהודים לשעבר בכפר שליפסהיים

Zeitweilig lebten bis zu 50 Personen im Haus, das wohl etwas übertrieben mitunter auch als „Synagoge“ bezeichnet wird. In den 1840er Jahren sind einige Namen der Bewohner des Hauses überliefert. Unter anderem lebten hier die Familien von Isaak Weil, Abraham Gruber, David Heinemann wie auch die bereits erwähnte Sara Fränkel. Da wie im obigen Beispiel zitiert, 1809 offizielle Statistiken über hundert Juden in Schlipsheim verzeichnen, ist es zweifelhaft, ob es am Ort wirklich nur dieses eine „Judenhaus“ gab, in welchem Juden am Ort lebten. Der frühere Flurname „Judendauch“ deutet recht sicher auf die Existenz einer Mikwe in Schlipsheim hin. 1852 ermittelt die “Unions-Volkszählung” im Dorf Schlipsheim, dass noch 40 Personen im “Judenhaus” wohnten, aber seinen Namen nach inzwischen treffender “Christenhaus” genannt worden wäre, da bereits 22 der 40 Bewohner Christen waren (siehe Stadtarchiv Neusäß).

Auch im benachbarten Ortsteil Hainhofen soll es in früheren Zeiten einen „Judenberg“ (Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, S. 277) gegeben haben und einen nordwestlich außerhalb des Ortes gelegenen „Judenweg“, der aber wohl nur eine unbewohnte umgangssprachlich so titulierte Wegstrecke war.

reflecting gallows at river Schmutter some 400 m from the former Hauptstr. in Schlipsheim

Über das Ende der jüdischen Gemeinschaft in Schlipsheim berichtet „Der Israelit“ in einer Meldung vom 20. November, in welchem die Frage aufgeworfen wird, was nachdem die „Synagoge“ der Gemeinde aufgehört hat zu existieren, nun mit dem Inventar des Betraums geschehen soll. Ein Herr K. hat die beiden noch vorhandenen Tora-Rollen nach München „zum Verkauf geschickt“. Eine (weitere) Rolle wurde offenbar von einem Betrüger ergaunert und in Augsburg an einen Händler verkauft, der die Rolle wiederum in Nürnberg weiterverkauften haben soll. Damit endet sodann die Geschichte der Juden in Schlipsheim, im früher gängigen Klischee (heutige Schlipsheimer sind ganz gewiss ehrbare Leute) fast schon wieder ortstypisch mit einer Gaunerei.

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Besten Dank für die Führung durch die kleine Kapelle St. Nikolaus von Tolentino und zahlreiche Erläuterungen an Fr. Bührle in Schlipsheim

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Als bekanntester Schlipsheimer gilt der 1819 dort geborene Maler und Kunsthändler David Heinemann, der seit 1872 in München lebte und zumindest ab 1884 eine angesehene Kunsthandlung (am Promenadenlatz, ab 1903 am Lehnbachplatz, bald mit Filialen in Frankfurt und Nizza) besaß, die zunächst von seinem Sohn Hermann (1857-1920) und schließlich die bis zur „Enteignung“ durch die Nazis im Jahre 1938 noch von seinem Enkel Theo weitergeführt wurde. Zwei seiner eigenen Werke, darunter sein Selbstportrait befinden sich im Münchner Stadtmuseum.  Die Online-Datenbank der „Galerie Heinemann“ erfasst heute weit über 40.000 bedeutende Gemälde aller Epochen (siehe: http://heinemann.gnm.de).

David Heinemann (http://heinemann.gnm.de)

 

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