Zur Ausstellung “Ma Tovu – wie schön sind deine Zelte Jakob, Synagogen in Schwaben”

March 18, 2013

Synagoge Ichenhausen Former Synagogue of Ichenhausen (Bavaria, Germany)

Bericht und Kommentar: Am gestrigen Sonntag wurde ab 17 Uhr in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen die Ausstellung  „Wie schön sind deine Zelte, Jakob …“ – Synagogen in Schwaben eröffnet. Über die Initiatoren wie auch über Sinn und Zweck der Veranstaltung referierten eine Reihe von Rednern, die im eigenem Wortlaut gewiss am besten für sich sprechen können. „Musikalisch umrahmt“ wurden die Redebeiträge durch den Kantor der Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg, Nikola David, der mit Klavierbegleitung u.a. eine Gesangsfassung des hebräischen Ausstellungstitel „ma tovu“ zum Besten gab.

 

Ichenhausen Ma Tovu Ausstellung Eröffnung Synagogen in SchwabenVeranstaltungsplakat

Dr Benigna Schoenhagen Ichenhausen SynagogeDr. Benigna Schönhagen

Die Leiterin des „Jüdischen Kulturmuseums Augsburg Schwaben“ Frau Dr. Benigna Schönhagen (gemäß Wikipedia 1952 geboren und 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet) stellte in ihrer einführenden Rede kurz „das Netzwerk“ vor, welches die Ausstellung organisierte und ausarbeitete. Am Schluss der Ausstellung selbst, so Schönhagen sei dargestellt, dass „nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus eine Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen und insbesondere mit den lokalen Ausformungen begann. Nach langen Jahren des Verschweigens und Verdrängens der Verbrechen während der Herrschaft des Nationalsozialismus fingen seit Ende der 1980er Jahre erst Einzelpersonen und Initiativen, dann in Kommunen und Körperschaften damit an, sich für den Erhalt und die Restaurierung von Synagogenbauten einzusetzen – Ichenhausen ist ein schönes Beispiel dafür – so entstanden Gedenkorte an denen nicht nur an die Zerstörung erinnert, sondern auch das Bewusstsein für das einst jüdische Leben der Region geweckt und wachgehalten wird. 2003 hat das jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben die politische für diese Gedenkorte Verantwortlichen und die praktisch für diese Gedenkorte Tätigen an einen runden Tisch geladen, … um gemeinsam darüber nachzudenken, wie die die Initiativen und Arbeiten vor Ort gebündelt und durch gemeinsame Aktivitäten verstärkt werden können.“

So nun sei jener Verbund entstanden, der sich den „vielleicht etwas schwierigen, aber zutreffenden“ Namen „Netzwerk Historische Synagogenorte in Bayrisch-Schwaben“ gab und dessen „Radius von Hainsfarth im Norden bis nach Kempten im Süden, von Altenstadt im Westen bis nach Augsburg als östlichsten Punkt“ reiche. Mit dem Baden-Württembergischen Bopfingen-Oberdorf reiche das „Netzwerk“ „aus historischen Gründen“ sogar noch „über die Grenzen des Freistaats hinaus“.

Ichenhausen Synagogen Schwaben Ausstellung Schönhagen

Synagoge Ichenhausen Kantor Nikola David

  Kantor und Tenor Nikola David

Souzana Hazan Synagoge Ichenhausen

Kuratorin Souzana Hazan

Nächste Rednerin war die 1979 in Bulgarien geborene Kuratorin der Ausstellung Souzana Hazan (Сузане Хазан), die von 2009-2011 ein „Wissenschaftliches Volontariat“ im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben absolvierte und gegenwärtig am Aufbau eines Archivs zu den Synagogen in Schwaben mitwirkt, das der Ankündigung von Dr. Schönhagen online zugänglich werden soll. In ihrem akustisch mitunter nur schwer zu verstehenden Vortrag widmete Frau Hazan sich der regionalen Baugeschichte der Synagogen in Schwaben: 

“Erste eigenständige Synagogenbauten entstanden in großer Zahl Ende des 17. Jahrhunderts. Die jüdischen Gemeinden hatten nun – damals genügend Mitglieder – um rechtmäßig Gottesdienste abzuhalten und eigene Gotteshäuser zu errichten. In einigen Fällen lösten die Bauvorhaben Beschwerden der Geistlichkeit aus … dennoch gelang es vielen jüdischen Gemeinden in dieser Zeit stattliche Bauten zu realisieren. … oft standen diese Synagogen frei und hoben sich deutlich von ihrer Umgebung ab. In der Regel waren sie Mehrzweckbauten, die neben dem Betsaal auch andere Gemeinderäume enthielten. Zwischen 1780 und 1820 entstanden in Schwaben auffallend repräsentative Synagogen. Ihre Größe und Architektur spiegelten sowohl das gewachsene Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinden als auch die Akzeptanz wieder die die Juden schon am Vorabend der Emanzipation erreicht hatten. Waren die frühen Synagogen in der Tradition profaner Bauten eingerichtet so sind die Synagogen in Ichenhausen, Altenstadt und Hürben von ihrer Identität und Gestaltungswillen mit zeitgenössischen Kirchen zu vergleichen …“

Synagoge Schwaben Ausstellung Ichenhausen KriegshaberAusstellungstafel “Synagoge Kriegshaber”

Prof Rolf Kießling Synagoge Ichenhausen SchwabenProf. Dr. Rolf KießlingProf Rolf Kießling Vortrag Synagoge Ichenhausen

Prof. Dr. Rolf Kießling, der bereits 1969 promovierte Leiter des Forschungsprojektes „Juden in Ostschwaben während der Frühen Neuzeit“ am Institut für Europäische Kulturgeschichte an der Universität Augsburg gilt vielen als „einer der angesehensten Landeshistoriker Deutschlands“. In seinem Vortrag in Ichenhausen resümierte er zunächst über die Darstellung der Synagogen in der jüdischen Geschichtsschreibung, von der im engeren Sinne erst recht spät und zunächst auch nur spärlich eine Rede sein könne. So habe Heinrich Graetz in seiner umfangreichen „Geschichte der Juden“ (zwischen 1853 und 1875 in elf Bänden erschienen) dem „Landjudentum“ kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Auch ansonsten sei dieses kein Gegenstand „jüdischer Historizität“ gewesen. Daran habe sich erst um und nach 1900 in Ansätzen etwas geändert. Kießling nannte hierzu mit jeweiligen lokalen Bezügen Namen wie Leopold Löwenstein, Israel Lammfromm, schließlich auch Aaron Tänzer, Richard Grünfeld und Theodor Harburger. Aber auch von „nichtjüdischer Seite“ habe es mit den „Sakralbauten“ der Juden zunächst überhaupt keine systematische Auseinandersetzung gegeben. 

Letzteres erklärte Prof. Kießling damit, dass die Juden in ihrer schwäbischen Umgebung als eine Art „Fremdkörper“ aufgefasst worden seien: „Man muss soweit gehen, zu sagen, dass jüdische Gemeinden nicht zu dem gehörten, was man als ‚Schwaben‘ begriff. Es gehörte nicht zur schwäbischen Identität – denn diese Identität war vorwiegend als eine ethnische Homogenität des schwäbischen Stammes gedacht, der schwäbischen Menschen – und hier konnten die Juden nicht eingepasst werden.“

Ichenhausen Synagoge Vortrag Prof Kießling

Das Schlusswort hielt der 1932 geborene ehemalige Bezirkstagspräsident von Schwaben Georg Simnacher (CSU), der in seiner aktiven politischen Zeit Wikipedia gemäß „halb-spöttisch“ den Beinamen „Schwabenkönig“ erhalten habe. Auch er wurde u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Synaoge Ichenhausen Schwaben Ausstellung Simnacher
Georg Simnacher Synagoge Ichenhausen 

Die Ausstellung, so Simnacher sei ein „voller Erfolg“, der auch andernorts gelingen werde. Schließlich, könne man mit Gewissheit sagen, dass es sich hier um eine Ausstellung von „europäischen Rang“ handele. Simnacher bedankte sich bei den Rednern, insbesondere bei Prof. Kießling: „Sie haben eine schwäbische geschichtliche Meditation uns gegeben durch ein Beispiel ganz besonderer Art in unser eigenen historischen Werk. Vielen herzlichen Dank! Es ist sehr nachdenkenswert was Sie hier gesagt haben und ich hab (mir hat?) besonders imponiert, wie Sie aus der Vergangenheit die Gegenwart gemacht haben.“

Schließlich schloss Simnacher die Veranstaltung mit Hinweisen auf die im Vorraum aufgereihten Gläser mit Sekt, Wein und Wasser: „Wir haben uns auch erlaubt, ein bisschen “Nass” aufzustellen, solcher und solcher Art. Wer Wasser will nehme Wasser, wer den Wein bevorzugt, nehme diesen, aber in Maßen.“ (lautes Gelächter im Saal)

Synagoge Ichenhausen Wein Sekt Wasser

“Ichenhausener Nass”

Synagoge Ichenhausen Austellung Simnacher Schönhagen Hazan KießlingSimnacher, Schönhagen, Hazan, Kießling

Allem Anschein und Vernehmen nach waren Redner wie Gäste, darunter offenbar einige lokale Prominenz aus Politik und Forschung, sehr zufrieden mit dem Abend und sich selbst. 

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Synagogue Ichenhausen lights

Ma Tovu Synagogen in Schwaben Ausstellung Ichenhausen

?.. מה טוב זה

Es ist nicht ganz einfach, die verschiedenen Aspekte der Ausstellung und Veranstaltung auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, zumal ganz offensichtlich die eigene Sozialisation die Blickrichtung wie auch die wesentlichen Kriterien und Grundhaltungen voraussetzt und vordefiniert. Ob man nun “die Nazi-Vergangenheit” (die schon aus Gründen des “Verfallsdatums” persönlich kaum noch jemand überhaupt haben kann) reflektiert, was bekanntlich auch längst nicht jedermanns Sache ist oder das „Schicksal“ ihrer jüdischen „Opfer“ nachvollzieht, sich die eine oder andere Brise „Jüdischkeit“ als eine Art von Hobby, Parfüm oder Anstecker gönnt (womöglich um parallel den “Staat Israel” zu schelten) oder ob man sich einen akademischen Judaismus als Zweit- oder Drittberuf oder Aufbaukurs leistet, führt offensichtlich zu ganz anderen Ergebnissen, als wenn all das, was sich hinter den bei Wikipedia oder in einführenden Taschenbüchern und Glossaren nachzulesenden Schlagworten “zum Judentum” die Alltäglichkeit offenbart, die Talmud-Tora zum Wirkstoff des (zumal ländlichen) Judentums mach(t)en. Mit großer Gewissheit lässt sich wohl voraussetzen, dass letzteres (Talmud-Tora) der eigentliche Antrieb für die Erbauer und Nutzer der thematisierten jüdischen Bet- und Versammlungshäuser war. Abgesehen von opernhaft vorgetragenen Gesängen – die zweifelsfrei der Kunst genügen und für manche moderne Zeitgenossen die selbige gar erst ausmach(t)en – war und ist von diesem Inhalt (Talmud-Tora) nichts zu sehen und nichts zu spüren. Wo die Funktion erloschen ist, genügen bekanntlich Symbole. Das kann auch kaum anders sein, da die in jenen „Synagogenorten“ heimischen Menschen bekanntlich ermordet oder wenigstens weit genug in die Flucht geschlagen wurden. “Nach dem Krieg” hat man Türken oder Jugoslawen eingeladen, keine Juden, die kamen erst gründlich säkularisiert (und damit wohl “entschärft”) aus der Konkursmasse des Sovjetimperiums, als Konzertpianisten, Ingenieure und nicht so selten in Mischehen.

Aus der Perspektive der Nachkommen der damaligen Täter und Schaulustigen erscheint es so, dass Jahrzehnte vergingen, ehe „man“ sich vereinzelt, dann kommunal und heute im Wesentlichen wohl nur noch institutionell mit „der Vergangenheit“ auseinandersetzt(e), wie man oft gesagt bekommt: wahrscheinlich, weil man warten musste, bis die Täter verstorben waren. Vielleicht aber auch, um den Tod der überlebenden Opfer abzuwarten, deren Überlebenschancen wenigstens nicht höher sein mussten. Das Sprichwort sagt zwar, dass die Zeit Wunden heile, aber das trifft allenfalls in einer Alzheimerschen Realität im vollen Umfang zu – soweit man das von Außen überhaupt sagen kann.

Von Innen jedenfalls fühlt es sich äußerst eigenartig an, Reden und Ausstellungen vom eher abstrakt abgehandelten „Komplex“ (sic!) „Juden/tum“ umgeben zu sein. Eine Synagoge ohne Tora ist nicht heilig, sondern einfach nur ein Gebäude. Etwas anderes kann darin nur sehen, für den Talmud-Tora keine reale Bedeutung hat und für den auch HaSchem nur ein Begriff aus der reichhaltigen Sammlung lateinischer „Bindestrich-Theismen“ ist. Dass dies alles aber mit der Lebenswirklichkeit jener Menschen, in deren geplünderten oder zerstörten Gebetsräumen man eher nichtsahnend nach Verständnis ringt, praktisch rein gar nichts zu tun hat, ist so sicher wie Imbiss oder Sekt nach dem Vortrag. Dazu passt auch die fast zwangsläufige Systematik jüdische Quellen zur Geschichte nicht zu kennen, weil sie in Hebräisch geschrieben wurden, was in der Trardition verbleibene Juden bis heute und übermorgen tun. Wenn man aber nur jene Quellen heranzieht, die in der Anpassung an das christliche Bildungssystem auf deutscher Sprache publiziert wurden, dann sollte man sich aber zumindest bewusst sein, welche Konsequenz dies für das Ausmaß an “Wirklichkeit” hat.  

Spätestens wenn man zum dreiunddreißigsten mal jemanden über „jüdisches Erbe“ hat reden hören, fühlt man sich schon nicht mehr so lebendig, sondern schon ein wenig tot. Man wartet fast auf einen Beitrag wie Kafkas “Bericht für eine Akademie” oder fürchtet, um einen solchen gebeten zu werden. So ziemlich alles was gesagt, gesungen oder gezeigt wird, lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es einen verspätet artikulierten Schlussstrich konnotiert, und zwar unter „das Judentum“. Dabei geht es nicht mal darum, dass die aktuelle, zu je einem Drittel russisch, museal oder akademisch Realität des „deutschen Judentums“ nicht mal erwähnt wird. Es kommt auch niemand der „politisch Verantwortlichen“ auf den rein menschlich wohl plausibelsten Gedanken, die restaurierten „ehemaligen“ Synagogen den heutigen Juden in der Region zurückzugeben und dafür zu werben, dass es künftige Synagogen werden. Es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass ein intakter Synagogenbau den Zuzug weiterer Juden bewirken könnte. Das aber wird nicht passieren, denn eine solche Rückgabe würde den Umgang mit der Vergangenheit, so wie er sich in den letzten Jahren etabliert hat, faktisch zunichtemachen, da es eine störende Gegenwart und eine ungewisse Zukunft gäbe. Man stelle sich vor, dass im Winter womöglich russische statt deutsche Adventslieder in einer jener “Begegnungsstätten” erklängen – oder vielleicht noch schlimmer: Binswangen, Harburg, Ichenhausen oder Kriegshaber gelangten in die (frommen) Hände von Chabadniks. Wäre das ein Alptraum?

Wahrscheinlich. Wenn wir die Worte aus Prof. Kießlings „schwäbisch geschichtlicher Meditation“ rekapitulieren, so ist dessen Analyse eigentlich recht finster, besagt er doch, dass Juden in Schwaben eigentlich immer schon fremd waren, weil diese angeblich ein ethnisch homogener „Stamm“ wären. Natürlich kann man sich fragen, ob einer solchen Einschätzung überhaupt (noch) irgendeine Relevanz zukommt, wenn man sich den aktuellen Anteil an Ausländern vergegenwärtigt oder gar realisiert, wie hoch der Prozentsatz von Personen mit sog. Migrationshintergrund auch im ländlichen Schwaben mittlerweile ist. Ob nun aber zugewanderte thailändische Hilfsköche, russische Ingenieure oder ein ägyptischer Muezzin besser in den homogenen schwäbischen Stamm passen, als es jahrhundertelang in der Region heimische Juden waren, kann ohnehin nur die Zukunft zeigen. Falls aber die These stimmen sollte – und daran gibt es ganz erhebliche Zweifel – dass Schwaben und Juden nicht zusammenpassen, dann ist auch die Frage erlaubt, was man als bewusster Jude nun vom Gedenken an das tote jüdische Erbe halten soll.  Berücksichtigt man das Publikum der Ichenhausener Veranstaltung, die offenbar für 12 mal 12 also 144 sitzende Besucher konzipiert war, aber (Veranstalter und Redner inklusive) nur 81 anzog, so fällt auf, dass die große Mehrheit deutlich ältere Semester waren und nicht mal eine Handvoll jünger als 40 Jahre alt war. Dieses Phänomen, so es denn eines ist, ist uns auch bereits bei vielen anderen Veranstaltungen vergleichbarer Art – und ab und an machen wir ja auch selbst Führungen oder halten Vorträge – aufgefallen: das Interesse von jungen Leuten (ohne Schulzwang) ist denkbar gering, schließlich lernt man ja bereits in der Schule fast alles über „die Nazis“ und nebenbei wohl auch, dass ein eigenständiges Judentum (etwa orthodox, zionistisch oder gar beides) gesellschaftlich weder relevant noch erwünscht ist. Wie auch immer können (und werden) künftige Generationen als „politisch Verantwortliche“ absehbar zu anderen Ergebnissen und Grundhaltungen kommen, wie mit jenem „jüdischen Erbe“ umgegangen werden soll, ob aus der reformierten Theater- und Opern-Religion nur noch museale Relikte für einen akademisch, sich selbst dienenden Apparat übrigbleibt oder ob eine zumindest um Authentizität bemühte jüdische Basis nachwachsen kann. 

Wenig bis nichts deutet auf eine positive Wendung (im Sinne von Talmud-Tora) in der nahen oder mittleren Zukunft und so scheint es dann letztlich ungewollt ganz passend zu sein, (nur) von Zelten zu reden, wo es in zwei Jahrzehnten spätestens für künftige Häuser des Judentums an Menschen, Mittel und Methode fehlen wird. 

Ichenhausen Brunnen

Deutsches Gedenken: Der Frieden um die Ecke (am Brunnen Ichenhausen)

Ichenhausen Bahnhof train stationTor zur Welt: Bahnhof Ichenhausen

Orte: Altenstadt-Illereichen, Augsburg, Binswangen, Buttenwiesen, Fischach, Hainsfarth, Harburg, Hürben, Ichenhausen,  Kriegshaber, Nördlingen, Oettingen, Wallerstein

Die Ausstellung ist geöffnet bis 14. April 2013

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PS: I have no idea why the layout is that meshugga this time, but I Know for sure that I haven’t any stomach to waste anything more on it.


Die Geschichte der Juden in Emersacker

January 11, 2013

Emersacker Schloss

Castle of Emersacker

Emersacker ist ein kleiner Ort etwa 25 km nordwestlich von Augsburg gelegene Gemeinde mit etwa 1400 Einwohnern. Mit dem Flüsschen Laugna, dem Johannesbach und dem Weiherbach gibt es drei Wasserläufe.

Das Zentrum des Ortes an dem auch drei Wege zusammenlaufen ist durch das Burgschloss geprägt, dessen Anfänge auf das 12. Jahrhundert datiert werden.  Die Reste des ehemaligen Schlosses mit zwei kleinen Rundtürmen, werden von der Gemeinde als Rathaus genutzt  und stammen aus dem frühen 18. Jahrhundert. Nach ihren Bauherren wird es allgemein „Fuggerschloss“ genannt. Andere, teilweise weniger gut gepflegte Teile des nicht mehr geschlossenen Ensembles beherbergen die freiwillige Feuerwehr (FFW) und die offenbar einzige (zudem nur abends geöffnete) Dorfgaststätte „Jonnys Kneipe mit Pfiff – Night Rider“ deren äußerer Fensteraushang auch schon etwas vergilbt ist. Die Bank und Sparkasse, der Bäcker und ein kleines Lebensmittelgeschäft haben nur bis Mittag geöffnet, wenn Schülerlotsen in den fast verkehrsfreien Straßen die kleinen Kinder aus der wenige Meter entfernten Schule sicher über die autofreie Straße bringen. Ansonsten besteht der Ort hauptsächlich aus privaten Wohnhäusern, worunter sich einige Neubauten befinden, die eigentümlichen Kontrast zum Zerfall wertvoller alter Bausubstanz stehen.

Emersacker Jonny's Kneipe mit Pfiff Night Rider

Emersacker Schloss Feuerwehr

Emersacker Castle from the outside: next to the pub is the volunteer fire department

Emersacker Rathaus im Schloss

Amtlichen Angaben gemäß sind neun von zehn Einwohnern Katholiken, es gibt einen Bürgerverein, der sich vor zehn Jahren gründete, um wegen der „Strahlengefährdung“ einen Sendemast für Mobiltelefone zu verhindern (wie man das heute sieht, wo jeder drei Smartphones und zwei Tablets hat?), einen Motorradclub der sich um die Restauration eines Feldkreuzes kümmerte und die besagte Musikkneipe, die der örtlichen Burschenschaft („Vereinszweck: Erhaltung und Förderung von Glaube und Sitte, Berufstüchtigkeit und Heimatliebe, Frohsinn und Scherz.“) die erforderlichen Trinkkrüge spendierte, während sich der örtliche Soldatenverein seit zwei Jahrzehnten für die Wiederbelebung der Emersacker WallfahrtMaria zum Blute“ stark macht.

Emersacker Kirchberg Schloss Bank

Blick vom Kirchberg auf Schloss und Hauptstraße

Emersacker Brunnen

fountain at Emersacker cemetery

Emersacker Kirche

St. Martin Kirche Emersacker

Emersacker Kriegsdenkmal Schloss

“Unseren Helden” War Memorial Emersacker

Schloss Emersacker

Schlossbau im Sumpfland

Kaum zu glauben, dass es auch mal eine jüdische Gemeinde in Emersacker gab, die seinerzeit mit etwa 25 Familien sicher die Mehrheit der Bewohner des Ortes ausmachte. Die Zuwanderer kamen auf Einladung der Augsburger Ortsherren Koch und Langenmantel vorallem aus Binswangen, aber auch sogar auch aus Fürth und Bamberg. Demnach ist es auch kein Wunder, dass den Emersacker Juden die alte Gebetsstube bald nicht mehr ausreichte und sie sich eine eigene  Synagoge bauten. Sogar zu einem eigenen Friedhof brachten sie es in Emersacker, weshalb wir auch Dank des Dorfbachs das unbedingte Tauchbad (Mikwe)voraussetzen dürfen. Die jüdische Blüte währte jedoch nur 15 Jahre.

Sparkasse Emersacker

Sparkassengebäude im Bereich der ehemaligen jüdischen Siedlung in Emersacker,  die um 1695 errichtete Synagoge?

Eine erste Ansiedlung in Emersacker soll bereits um 1580 bestanden haben, jedoch ist darüber sonst nichts bekannt und auch jüdischerseits gibt es dazu keine Quellen.

Die ersten Notizen über die Anwesenheit von Juden in Emersacker datieren in das Frühjahr 1685 als der Jude Moses Levi („Mauschi Leve“) Ende März ein Haus mit Grundstück kauft. Offenbar war er aber nicht der einzige Jude am Ort, denn bereits Mitte Mai, also kaum sechs Wochen später schließt die Gemeinde Emersacker mit der jüdischen Gemeinschaft einen Vertrag über Weiderechte, Wegegelder, Quartier, usw. was dem Ort immerhin jährliche zwanzig Gulden einbringt. Entweder war Moses Levi nicht der erste Jude der sich in jenen Wochen in Emersacker niederließ oder aber ihm folgten sehr rasch eine Reihe weiterer Familien. Im Januar wurde den Juden in Emersacker angetragen, dass sie die leer stehenden Gnadenhäuser übernehmen und ausbauen sollten. Als solche verstand man die von einer Ortsherrschaft für das arme Volk erbauten, meist eher dürftigen Hütten, deren Bewohner dementsprechend als „Gnadenhäusler“ bezeichnet wurde. Diese verdienten in der Regel als Tagelöhner ihr eher karges Brot oder waren auf bettelei angewiesen.

Emersacker Bachgasse

Schon 1658 war Emersacker in den Besitz der Fugger gelangt. Vierzehn Jahre später erwarb der böhmische Adelige Heinrich von Schaumburg durch seine Ehe mit einer Fugger den Ort. Er ließ aus seiner Heimat Klatovy (Klattau) eine Kopie eines Marienbildes fertigen, die sodann in der Kirche in Emersacker aufgehängt wurde. Die Landwirtschaft in Emersacker brachte wegen zahlreicher Überschwemmungen nicht viel ein, zudem war der Winter 1684/5 sehr hart und frostig. Während die Bausubstanz des Schlosses wohl unter Frostschäden litt, kostete die Versorgung der Bettler und Tagelöhner der Herrschaft viel Geld. Schaumburg kam deshalb auf die naheliegende Idee, aus dem nur knapp zehn Kilometer entfernten Binswangen Juden anzuwerben und ihnen gegen Gebühren und Abgaben die Gnadenhäuser unterhalb des Schlossbergs entlang der Hauptstraße und der Bachgasse (bei der heutigen Kreissparkasse) und Weiderecht bis zur Laugna käuflich zu überlassen, wo sie nun ihre Schafe und Rinder halten konnten und als Metzger und Händler den Ort belebten. Die unmittelbare Nähe zum Bach ermöglichte problemlos die Einrichtung einer zwingend erforderlichen Mikwe für die kleine Gemeinde. Der Auf- und Ausbau des jüdischen Emersacker verlief offenbar ganz gut. 1688 jedoch starb der Ortsherr von Schaumburg. Seine Witwe, die als gebürtige Fugger sicher ein besseres Leben gewohnt war, verkaufte den Ort desillusioniert an den Augsburger Patrizier Matthias Koch. Als Lutheraner ließ er Schaumburgs Marienbild, für das auch seine Witwe nichts übrig hatte, aus der Kirche entfernen und vor einem Baum aufhängen, wo es bald zum Anlaufpunkt der Katholiken und zum Gegenstand der Anbetung wurde. Dieses sollte sich nun steigern, weshalb man eine Kapelle für das Bild bauen wollte. Die Marienverehrung war zweifellos auch als Waffe gegen den protestantischen Ortsherren gedacht, vielleicht auch als Instrument gegen die Juden. Um das Jahr 1700 wurde nun für das Bild eine Kapelle gebaut und diese später zur Kirche erweitert. Der Umstand, dass das Bild scheinbar der Witterung trotzte und unbeschädigt blieb (was sollte bei täglicher Pflege durch fromme Pilger aber auch schon passieren?), wurde nun als „Wunder“ erkannt und zur Wallfahrt aufgerufen. Damit sollten nun Pilger angelockt werden, was dem Vernehmen nach aber nur mäßigen Erfolg brachte. Irgendwann schien die „Wallfahrt” auch schon einmal in Vergessenheit geraten zu sein, ehe man sie bereits um 1880 mal wieder aufleben ließ.

Emersacker Bach an der hauptstraße

In einem amtlichen Protokoll vom Mai 1688 sind nun bereits zwölf jüdische Haushaltsvorstände aufgeführt: Samuel, Jakob Levi, Schimmele (Samuel), Abraham, Hitzig (Isaak) mit einem Sohn, Natan Levi, Arele (Ariel) Levi, Schimmeles Sohn Natan, Jakob Sohn des Altmann, Matthes Schechter und Isaak Levi. Wir können davon ausgehen, dass sich bei jeden dieser Steuerzahler eine Familie mit Frau und Kindern, ggf. auch Geschwister und Gehilfen befand, weshalb man üblicherweise von acht bis zehn Personen pro Haushalt ausgehen kann. Die Menschen waren es damals gewohnt beengt zu wohnen, was in der Regel wenig anderes bedeutete, als in der knappen arbeits- oder schlaffreien Zeit in der Stube zu sitzen und sich aufzuwärmen. Trotzdem bedurfte jede Familie gewiss eines eigenen Hauses nebst Stallungen für das Vieh, Gerätschaften, aber auch Kutschen und Wägen mit welchen man in andere Orte zum Handeln fuhr.

Emersacker Pfarrer VerzeichnisAus dem Januar 1689 ist die Beschwerde des Pfarrers von Emersacker über den Christen Hans Kehrer erwähnt, der sich offenbar wohl mit jüdischen Kollegen ordentlich betrunken hatte und anschließend für Radau sorgte. Im Juni veräußert Moses Levi seinen Besitz an seine Söhne Jakob und Isaak Levi, während Natan ein Pferd verkauft. Am 15. Tamus des Jahres 5449 (bzw. Montag 23. Juni 1689) kommt es in Emersacker zur Hochzeit von Abraham Levi, dem Sohn des Ariel Levi mit „Schefe“ der Tochter von Matthes Schechter. Die Jungvermählten wohnten bereits in Emersacker.

Emersacker Kirche

Im August siedelt auch  David Levi aus dem fränkischen Schopfloch mit seiner Familie nach Emersacker. Ihm gleich tut es Moses Polak, der vorgibt, aus Binswangen zu stammen. Da dies aber offenbar nicht stimmt, wird er drei Jahre später, als es aufkommt, des Ortes verwiesen. Am 19. Mai des Jahres 1690 erhalten nach Vorsprache von Moses Polak und Moses Levi beim Ortsherren die Emersacker Juden nun sogar die Erlaubnis am Flurstück „an der kalten Ecke“ (an der Ecke Schmiedgasse und Bachgasse) einen eigenen Begräbnisplatz mit der Fläche eines Viertel Tagwerks (ca. 20 auf 40 m =800 m²). Der Friedhof sollte den Juden auch dann noch zustehen, wenn sie dereinst mal nicht mehr am Ort leben sollten. Ob er überhaupt benutzt wurde ist unklar, aber zumindest für die Zeit von 1690 bis 1696 recht plausibel. Für das Jahr 1690 nämlich finden sich in den Aufzeichnungen des Jakob Blumenstengel, seines Zeichens Vogt zu Biburg, unter den 24 gestorbenen Juden, deren Transport zum jüdischen Friedhof von Pfersee und Kriegshaber er aus steuerlichen Gründen protokollierte – für jeden Leichenzug musste Wegzoll gezahlt werden – auch auswärtige Juden notiert. Sie stammten aus Fischach, „Bünßwangen“, Siegertshofen und Emersacker. Entsprechende Notizen sind erst wieder für das Jahr 1695 erwähnt. Selbiges triff auch auf das 1696 als unter 27 registrierten auswärtigen Juden auch wieder welche aus Emersacker sind, bzw. auf Jahr 1698, als für neun tote Juden aus Kriegshaber, Emersacker und Binswangen Wegzoll entrichtet und protokolliert wird. Falls es sich bei diesen nicht um Fälle handelt, in welchen Familienangehörige zusammengelegt wurden, können wir doch davon ausgehen, dass der Friedhof der den Juden in Emersacker eingeräumt wurde, auch entsprechen genutzt wurde. Spuren finden sich davon heute freilich keine mehr.

Im Spätsommer des Jahres 1690 erwirbt der Pferdehändler Abraham Fromm ein weiteres ehemaliges Gnadenhaus und 300 Mauersteine aus welchen er einen Backofen baut und seiner Frau fortan das Gewerbe der Bäckerin ermöglicht. Am selben Tag an dem Abraham Fromm sein Haus erwirbt kommt es zu einem unerfreulichen Zwischenfall, da Matthias Schächter vom Dorfschmied beleidigt und tätlich angegriffen wird. Die Ursache des Streits ist unbekannt, jedoch wird der Schmied auf die Anzeige Schechters hin mit einer Geldbuße bestraft. Einige Monate später, im Mai 1691 wird Matthes Schechter selbst wegen Körperverletzung („Schlaghandel“) angezeigt, sein Opfer ist Natan Simon (der 1688 als Natan Schimeles Sohn aufgeführt wird). Im November des Jahres wird Schmuel Levi wegen Diebstahls angezeigt. Er hatte offenbar seinen Vetter Jakob Levi bestohlen.

Am 10. Dezember 1691, am vierten Tag des Chanucka-Festes bittet der bereits erwähnte Abraham Fromm mit seinem Bruder Jako Fromm aus Binswangen für dessen Aufenthaltsrecht in Emersacker. Da Jakob Fromm sich aber bereits seit 14 Tagen in Emersacker aufhielt ohne, dass er dafür eine Genehmigung erhalten hatte, musste zunächst eine recht saftige Strafgebühr von einem halben Gulden bezahlt werden.

Urkunde 1692 Emersacker Wertingen Juden Friedhof

Datiert auf den 4. Oktober 1692 betrifft das Schreiben “die Juden-Sepultur” in Binswangen, in welchen dort bestattete Juden auch aus Emersacker erwähnt werden. (“So viel die dem Inhaber Wertingen zu Nachstand aufgesteckte Juden-Sepultur anbelangt, weilen nit allein die Juden sich zu keinem Grund-Zins einverstehen, sondern als so gar von Emersacker all dahin geführter Juden halben gegen einen löblichen Burgauischen Oberamt geklagt worden, eine hönische Antwort erfolgt: Als ist des Herren Barons von Pappenheim verlangen, dass die Juden-Sepultur abgetan, und die Sach in alten Stand integrè gesetzt werden solle“).

Emersacker alte SchuppenReste eines alten Hofes in Emersacker

Im Februar 1692 erhielt Benjamin Levi aus Höchstädt, Bruder des Natan Levi das Aufenthaltsrecht in Emersacker. Im Frühsommer geriet Moses Polak in Streit mit dem Christen Hans Schmied wegen ausstehender Pfandrückzahlungen. Bei der Vorsprache beim Ortsherren Matthias Koch ergibt es sich, dass Polak bezüglich seiner Herkunft gelogen hatte und er nicht aus Binswangen stammte, wie er bei seiner Niederlassung angegeben hatte. Er wurde wie bereits gesagt, des Ortes verwiesen. Ob er wenigstens jetzt nach Binswangen ging, ist leider nicht bekannt.  Etwa zur selben Zeit langte der Emersacker Schmied wieder zu und wird dafür, dass er dem Pferdehändler Samuel Levi beleidigt und an der Gurgel gepackt und geschlagen haben soll, seitens der Ortsherrschaft bestraft. Man darf wohl vermuten, dass es bei einem handgreiflichen Streit zwischen einem Schmied und einem Pferdehändler um die Qualität und den Wert der geleisteten Arbeit ging.

Laugna bei Emersacker

 Bach Laugna bei Emersacker

Am 18. Juli 1692 gibt Abraham Fromm bekannt, dass das Kind seines Bruders in seiner Obhut gestorben ist und dass er bereit ist das „Todfallgeld“ zu bezahlen. Dieses war sicherlich die örtliche Gebühr, die von den Juden verlangt wurde, um ihre Toten auf ihrem örtlichen Friedhof beisetzen zu dürfen. Zweifellos war dies auch der Grund, warum den Juden der Begräbnisplatz gestattet wurde: er war für den Ortsherren eine weitere Einnahmequelle. Eine Woche nach dem Trauertag des 9. Aw war der Tod des Kindes für die Familie Fromm sicherlich ein sehr trauriges Datum. Da für das Jahr 1692 wie bereits gesagt Einträge für Überführungen von Emersacker nach Pfersee und Kriegshaber fehlen, können wir recht sicher davon ausgehen, dass der jüdische Friedhof von Emersacker tatsächlich benutzt wurde. In der Woche darauf gibt Simon Schlang zu Protokoll, dass er seine Tochter „Melam“ mit Maram Weyl aus Steinhart bei Oettingen verheiratete und dass der Bräutigam sich mit seiner verwitweten Mutter ebenfalls in Emersacker niederlassen möchte. Im Oktober erwarb Benjamin Levi nun ein eigenes Haus in Emersacker. Er war im Februar aus Höchstädt zu seinem Bruder gezogen. Maram Weyl hingegen kaufte das Gnadenhaus des Natan Simon, während Simon Schemel eine Sölde erwarb, also ein kleines Stück Wiese, wahrscheinlich für seine Schafe. Natan Levi und Abraham Fromm treten in Wertingen und Modelshausen aus Händler n Erscheinung und verkaufen dort Ochsen und Pferde. Ihnen behilflich sind Jakob Levi und Levi Salomon.

Im Februar 1693 wird das Haus des ausgewiesenen Moses Polak „vergantet“, das zwangsvollstreckt, bzw. versteigert. Im Mai wird dem vorhin genannten Levi Salomon der Zuzug nach Emersacker bewilligt, er stammte aus Fürth. Wenige Tage später starb Aaron Levi, der ebenfalls nicht nach Kriegshaber überführt wird, sondern wohl in Emersacker bestattet wird. Simon Schlang begleicht seine Schuld unter der Anwesenheit von Natan Simon als zeugen, bei der Witwe des Verstorbenen, die damit wohl die Begräbnisgebühr für ihren verstorbenen Gatten bezahlen kann. Im Oktober erwirbt sich der zugezogene Levi Salomon ein Haus. Im Januar 1694 überträgt Simon Schlang seinen Besitz auf seinen Sohn Jakob, der beim Ortsherren eigenartiger Weise geloben muss, zu gehen, so er dazu aufgefordert werden sollte. Im März 1694 kommt es wieder zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung. Salomon Levi verklagt seinen Vetter Benjamin wegen eines tätlichen Angriffs. Benjamin wird zu einer Strafe verurteilt, Salomon Levi wiederum soll seine Schuld von 12 Gulden bezahlen. Dies war offenbar der Anlass des Streits. Im April zieht nun auch Josef Max aus dem fränkischen Bamberg nach Emersacker, wo seit einigen Monaten auch Elias Epstein lebt. Im September folgt Josef Merk, dessen Herkunftsort nicht genannt wird.

Emersacker altes HausRemnants of Rural Architecture in former Austrian Swabia

Am 11. November bitten die Vorstände der Juden zu Emersacker, unter ihnen sind auch der Schächter Natan Schimon und Schmuel, darum auf dem am Vortag bewilligten Gnadenplatz ein neues „Judenhaus“ errichten zu dürfen, da das jetzt genutzte Haus „elend“ sei und man dort die nötigen „Ceremonien“ nicht mehr passend verrichten könne. Die jüdische Gemeinde von Emersacker erreicht nun ihren geschichtlichen Höhepunkt. Dies ruft auch sofort den Pfarrer auf den Plan, der sich jedoch mit den Juden über die Höhe der Stolgebühren einigen kann. Die jüdische Gemeinde verpflichtet sich dazu für nunmehr 22 Familien in Emersacker jährlich sechs Gulden zu zahlen und diesen Betrag zu erhöhen, falls die Gemeinde weiter wachsen sollte. Das neue Gebetshaus wird rasch gebaut und mit Jakob Levi aus Höchstädt und seiner Familie gibt es im März weiteren Zuwachs.

Im September 1695 werden die Schutzgelder für Isaak Levi und Matthes Schechter neu ausgehandelt, da der eine erblindet ist und keinem Gewerbe mehr nachgehen kann, während Schechter in der fertig gestellten und zu Suckot eingeweihten Synagoge nun die Funktion des Rabbiners und Schulmeisters einnimmt. Zwei Monate später stirbt Mosche Levi, der 1685 wahrscheinlich als erster nach Emersacker gekommen war. Mit seinem Tod geht womöglich auch die „gute Zeit“ in Emersacker zu Ende. Natan Levi übernimmt die Vormundschaft für die Waisenkinder. Da für das Jahr 1695 wieder eine Beisetzung aus Emersacker in Kriegshaber verzeichnet wird, kann es sein, dass dies Moses Levi betraf.

emersacker 1550Historical depiction of Emersacker about 1690

Im Januar 1696 bittet Matthes Schechter um Hilfe beim Emersacker Ortsherren, um von dem christlichen Händler Friedrich Rampf aus Binswangen die offenstehende Kreditsumme von 14 Gulden zurückzubekommen. Offenbar von der Forderungssumme eindruckt verlangt Matthias Koch nun eine höhere Abgabe von den Juden in Emersacker. Er teilt ihrem Rabbiner Matthes Schechter und dem Gemeindevorstand Samuel Levi mit, dass die jährliche Abgaben der Gemeinde nunmehr 25 Gulden betragen soll. Samuel Levi entschließt sich offenbar spontan den Ort zu verlassen und geht nach Steppach, weshalb schon wenige Tage danach sein Haus versteigert wird. Von dort kommt jedoch Abraham Eppstein nach Emersacker, der das Haus des Benjamin Levi erwirbt. Im Dezember 1697 verlassen auch Abraham Fromm und Benjamin Levi den Ort. Letzterer bittet ein Jahr später um seine erneute Aufnahme.

jüdische Figuren in Emersacker Kirche

Jewish shepherds as depicted in Emersacker Church St. Martin

Da seine finanziellen Vorstellungen offenbar nicht realisiert werden, verkauft Koch nun seinen Besitz wieder an die Fugger. Im Sommer 1700 mehren sich deshalb bereits die Verkäufe von Sölden und Häuser durch die Juden von Emersacker. Unter den Verkäufern sind Simon Schlang, David Levi, Jakob Levi, der Sohn des verstorbenen Moses Levi, Jakob Levi Höchstätter, Natan Levi, Natan Simon, Abraham Eppstein und Schmuel Levi. Im Jahr darauf ist nur noch Abraham Levi erwähnt, der in Emersacker Handel treibt. Als seinen Herkunftsort nennt man nun Schlipsheim. 1705 verkauft Juda Polak aus Steppach ein Haus, das ihm in Emersacker gehörte. Dieses hatte er offenbar ohne in Emersacker gewesen sein von Schmuel gekauft, der inzwischen nach Buttenwiesen übergesiedelt war. Im Jahr 1710 kommt Benjamin Levi wieder für ein Geschäft nach Emersacker, auch er wohnt inzwischen in Schlipsheim. Ähnlich verhält es sich mit Ber Levi und Isaak Levi, die 1712 gleichfalls zur Abwicklung von Geschäften aus Schlipsheim nach Emersacker kommen. Mit ihnen vor Ort sind auch Mayerle Levi und Feist Bacharach aus Binswangen sowie Lazarus Günzburger aus Kriegshaber (dem Besitzer des dortigen Zollhauses) und Chaim Abraham aus Buttenwiesen.

alte Segmühle am Bach in Emersackerthe old lumber brook mill of Emersacker

In den folgenden Jahrzehnten finden sich nur sporadische Hinweise von jüdischen Händlern in Emersacker, meist stammen sie aus Binswangen oder Buttenwiesen, sehr wahrscheinlich mit abnehmenden Bezug zu Emersacker. Nach dem Abzug der Juden aus Emersacker blieb dieses für zweihundert Jahre in der weiteren Entwicklung stecken, weshalb sich die demographischen Daten der Jahre 1700 und 1900 kaum unterscheiden.

Emersacker beSefer Shaar haChasak

Auszug aus dem hebräischen Buch HaSchaar haChasak (mit kleinen Setzfehlern) , etwa um 1750 in Lublin gedruckt, mit einer kurzen Beschreibung der landwirtschaftlichen Bedingungen von Emersacker und einer Würdigung des Rabbiners:

כפר הקטן בשואבין נקרא עמרסאקר בשם כי יש חיטה טובה אנשים קראים אמר או עמר

בסתיו ואביביש שיטפנות רבים כל ההשנה ותמיד הרס את היובל

חיטה טובה אבל האדמה היא ביצה

זכרונות מורה והראש קהילת ר מתיס שייכטער ב’ר אנשל נולד בעיר פירדא ומת בק’ק שטפאך ליד פרשא

( “… das kleine Dorf in Schwaben genannt Emersacker mit Namen, weil es dort guten Weizen gibt den die Leute Amer oder Emer nennen. Im Herbst und im Frühling gibt es jedes Jahr viele Überschwemmungen, welche immer die Ernten zerstören. Zwar wäre der Weizen gut, doch die Erde ist ein Sumpf.

Gedenken an den Lehrer und Haupt der Gemeinde Rabbi Matis Sohn des Rabbi Anschel, geboren in der Stadt Fürth, gestorben in der heiligen Gemeinde Steppach bei Pfersee.”)

Wie man sich vergewissern kann, ähneln die örtlichen Bedingungen in Emersacker denen in Schlipsheim doch einigermaßen, abgesehen davon, dass es von dort nicht weit zu den FaGaSch-Gemeinden war.

https://jhva.wordpress.com/2011/11/17/uber-die-juden-im-schwabischen-schlipsheim/  

Bocksberg (Laugna) Emersacker Schafe

From about 1685 until 1700 there was a vital Jewish community in Emersacker with an own synagogue and cemetery, although today the Jews of Emersacker are almost forgotten. Almost …

Quellen: Adel: Fugger-Laugna, Lit. 20-22 (Emersacker Amtsprotokolle) in: http://digbib.bibliothek.uni-augsburg.de/1174/1.1_Archivfuehrer.pdf (dort auch Einträge zu Bocksberg, Laugna, Leitersbrunn, etc.)

ספר השער החזק

Koutná-Karg, Emersacker im späten 17. Jahrhundert. Bemerkungen zu der jüdischen Gemeinde, in: JHVD 93 (1991)

www.emersacker.de

www.statistik.bayern.de


Ber Ulmo – Tage des Gerichts

November 12, 2012

Aktuell: Buch-Lesung am Mittwoch 12. November 2012, 18 Uhr im ehemaligen Zollhaus Kriegshaber

Am Abend des 23. September 1803 wurden im heutigen Bayerisch-Schwaben, das damals teilweise noch zu Österreich gehörte, an über einem Dutzend Orten zeitgleich die jüdischen Gemeinden Gegenstand polizeilicher Razzien. In Pfersee, Kriegshaber, Steppach, Fischach, Binswangen, Buttenwiesen, Ichenhausen, Hürben, Fellheim, Altenstadt, Osterberg, Hainsfarth, Pappenheim und wahrscheinlich noch an anderen Orten kam es zum selben Szenario.

Während die Juden an jenem Freitag-Abend in ihren Synagogen waren und zwei Tage vor dem Versöhnungsfest Jom Kippur den Beginn des Schabbat feiern wollten, drangen überall grimmige mit Bajonetten bewaffnete Soldaten ein und hielten Männer, Frauen und Kinder stundenlang fest. Unter massiven Drohungen durfte niemand aufstehen oder reden. Einzelne jüdische Männer, in der Regel Vorstände ihrer Gemeinden oder zumindest angesehene Kaufleute, wurden verhaftet und entweder nach Günzburg oder Donauwörth gebracht. Die Anzahl der Verhafteten kann auf über 60 Personen geschätzt werden. Oft dauerte es aber Wochen oder gar Monate, ehe die Häftlinge in den Eisenhäusern erfuhren, weshalb sie überhaupt verhaftet und angeklagt wurden. Willkürlich und kafkaesk wie die Verhaftungen waren auch die Bedinungen der Haft und der Ermittlungen.

Vor dem Hintergrund europaweit operierender Geldfälscherbanden, die sich besonders darauf spezialisiert hatten sog. Wiener Bankozettel zu fälschen, wurden die Verhafteten beschuldigt, einen jüdischen Fälscherring zu betreiben und an ihren Wohnorten in Dachböden versteckte Druckereien zu betreiben. In Straßburg gab es in den darauffolgenden Jahren eine Serie von Prozessen gegen Geldfälscher, die meist von Frankreich oder dem damals noch nicht unabhängigen Belgien heraus operierten. Sie fälschten insbesondere Wiener Banknoten, aber auch andere Währungen, verteilten sie aber hauptsächlichen in deutschen Gebieten, vor allem an Handelsorten wie Frankfurt und Leipzig, aber auch in Süddeutschland. In der Mehrzahl der Banden arbeiteten Christen und Juden als Fälscher zusammen. Meist waren jedoch die Juden für den Umtausch oder Verkauf der Banknoten zuständig, während ihre christlichen Komplizen Druckplatten gravierten, Papier besorgten, usw. Manche der Fälscherbanden weigerten sich aber auch mit Juden zusammenzuarbeiten. Der Gedanke, im damals österreichischen Schwaben eine rein jüdische Fälscherbande als Drahtzieher der internationalen Geldfälschungen ausfindig zu machen, muss für die Ermittler ein sehr verführerischer Gedanke gewesen sein, weshalb sie den falschen Anschuldigungen eines gleichfalls schwäbischen Denunzianten nur zu bereitwillig Glauben schenkten. Dieser war selbst ein Jude, konvertierte später jedoch zum Katholizismus und wurde Diener eines Kardinals in Rom.

Grabmal des Ber Ulmo am jüdischen Friedhof Pfersee / Kriegshaber (Augsburg)

Einer der unschuldig Verhafteten war Ber Ulmo (1751-1837), auch bekannt als Bernhard Ullmann, der von 1781 bis zu seinem Tod insgesamt 56 Jahre lang Vorsitzender der jüdischen Gemeinde von Pfersee bei Augsburg war, die lang den Sitz des angesehenen und berühmten Rabbinats von Medinat Schwaben innehatte. Ber Ulmo begann noch in der Haft einen Bericht über die Verhaftung und Haftbedingungen zu verfassen und vollendete ihn wenige Wochen nach der Freilassung im Frühjahr oder Sommer des Jahres 1804.

Als im Jahre 1861 in Augsburg die Israelitische Kultusgemeinde formell durch den bayerischen König Maximilian II anerkannt wurde, übersetzte Ber Ulmos Sohn Jonas den Text seines Vaters in jüdisch-deutscher Sprache. 1928 fertigte Jonas Neffe Carl Jonas Ulmann von dieser jiddischen Fassung in New York eine englische Übersetzung und ließ sie als Privatdruck in einer kleinen Auflage von hundert Exemplaren drucken. Diese verschwanden im Laufe der Zeit. Nur einige wenige Exemplare befinden sich in Bibliotheken über den Globus verteilt. Ab und an taucht auch ein Exemplar im Onlineangebot eines Antiquariats auf.

Anhand einer Abschrift der hebräischen Handschrift ist es Yehuda Shenef gelungen, den hebräischen Text erstmals in deutsche Sprache zu übersetzen und dabei die Fehler der englischen Übersetzung zu vermeiden. Damit konnte ihm auch gelingen die wesentlichsten Protagonisten der Handlung zu ermitteln und den historischen Kontext der Handlung herauszuarbeiten. Neben den tatsächlich stattfindenden Fälscherprozessen jener Jahre ist dies insbesondere die parallel verlaufende Geschichte der Ansiedlung jüdischer Bankierfamilien aus Kriegshaber in Augsburg. Sie waren von den Verhaftungen nicht betroffen, beschafften den verschuldeten Augsburgern jedoch horrende Kreditsummen und erhielten als erste Juden seit dem Mittelalter die Garantie eines bleibenden Wohnrechts in der Reichsstadt, während in Pfersee die kostbare Talmudhandschrift abhandenkam, die als älteste fast vollständig erhaltene der Welt gilt und deshalb von zentraler Bedeutung für das Judentum ist. Ihr letzter bekannter jüdischer Besitzer war Ber Ulmo. Heute befindet sich die “Pferseer Handschrift” in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Ber Ulmos Augenzeugenbericht ist ein authentisches Zeugnis jüdisch-schwäbischer Literatur aus der Umbruchzeit der Napoelonischen Kriege, in welcher unsere heutige moderne Welt ihre Gestalt annahmen. Seine Schilderungen bieten eine Fülle von Informationen aus erster Hand und ermöglichen es die moderne Geschichte der Juden in Augsburg unter anderen Gesichtspunkten zu sehen. Ein Muss für jeden historisch interessierten Leser.

Im Herbst 2012 als Buch mit Begleitkapiteln, Karten und Abbildungen erschienen im Kokavim-Verlag

Yehuda Shenef – Tage des Gerichts, der Bericht des Ber Ulmo

152 S. , 24.50 Euro

ISBN 978-3-944092-00-3

Erhältlich in jeder guten Buchhandlung oder online

bei Amazon, Ebay, Weltbild und Co.

http://www.amazon.de/Tage-Gerichts-Bericht-Ulmo-Pfersee/dp/3944092007


Das Portrait des Gabriel Wolf (1766-1855), Metzger aus Ichenhausen

February 2, 2010

Vor kurzem notierte Marvin J. Rosenthal zu unserem Beitrag zur “ehemaligen Synagoge Ichenhausen” vom 21. Dezember, dass er ein Portrait des Ichenhausener Kunstmalers Florian Kurringer (1804-1877), der einen Ichenhausener Juden namens „Gabrial Goldf“  und fragte, ob wir vom JHVA Informationen zum einem und anderen haben.

Florian Kurringer, so ließ sich in verschiedenen Internet-Seiten ermitteln war ein Kunst- und Kirchenmaler in Ichenhausen. Gemäß den Angaben von Frau Gabriele Walter war Kurringer jedoch selbst in seinem Heimatort weitgehend in Vergessenheit geraten. Sie fand dennoch ca. 20 Ölgemälde und Skizzen von ihm. Geboren wurde er am 3, Mai 1809 als fünftes Kind von Josef Kurringer und seiner Frau Marie Cecilia, geborene Schroeck. 1829 begann er ein Kunststudium in München, kehrte danach aber wieder nach Ichenhausen zurück wo er 1835 Josefa Bader aus Illertissen heiratete. Josefa starb nach der Geburt des dritten Kindes. 1839 heiratete er Viktoria Schweimayer, die ihm weitere acht Kinder gebar von denen vier im Kindesalter starben.

Florian Kurringer verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Ichenhausen, wo er am 18. August 1877 im Alter von 68 Jahren verstarb und am Folgetag am Willibaldsfriedhof bestattet wurde. Das Grab existiert nicht mehr, da der Friedhof im Jahre 1960 beseitigt wurde.   

  • Soweit zum Maler Kurringer. Doch wen nun portraitierte er? Zunächst war klar, dass “Gabrial” sicher “Gabriel” heißen musste, doch “Goldf” konnte nur ein Schreib- oder Lesefehler oder allenfalls eine Abkürzung sein, eventuell für den Familiennamen Goldfarb.

 

Marvin Rosenthal war heute so freundlich, uns eine Bilddatei des von ihm geerbten Portraits zu senden und eine weitere, welche die Notizen auf der Rückseite des Bildes zeigen.

Die beiden Notizen sind beide in englischer Sprache und ermöglichten es mir, den Dargestellten als Gabriel Wolf zu identifizieren.

 

Der obere Zettel liest  sich als

 “1847 – Painted  

Kurringer

Painter of Sam’s grandfather

(deutsch: “1847 gemalt, Kurringer, Maler von Sam’s Großvater”)

Der kleinere untere Zettel lautet:

 “Gabriel Wolf

died 1856

over 100 years old

died in Ichenhausen

Bavaria Germany

(„Gabriel Wolf, gestorben 1856, über 100 Jahre alt. Gestorben in Ichenhausen, Bayern, Deutschland“)

In den Standesregistern (online zu finden unter: http://www.jgbs.org/db.php) zu Ichenhausen entdeckte ich tatsächlich einen Gabriel Wolf, der am 10. Juni 1855 (entspricht dem 18. Tamus 5615 im jüdischen Kalender) starb. Dem Eintrag gemäß war er Metzger und wurde 88 Jahre alt. Das ist zwar nicht „über 100“ Jahre, aber doch ein (gerade auch in der damaligen Zeit) erstaunlich hohes Alter, das vielleicht in späterer Unkenntnis der genauen Daten von den Nachkommen entsprechend kolportiert wurde. Geboren wurde er demnach 1766 oder 1767. Auch im Matrikelregister findet sich Gabriel Wolf als Metzger wieder. Mit ihm genannt ist jedoch auch sein Vater Isak Wolf, der ebenfalls Metzger war und wohl vor ihm die Lizenz besaß.

Die Notiz auf dem oberem Zettel erwähnt den “Maler von Sam‘s Großvater”, woraus hervorgeht, dass Gabriel Wolf einen Nachkommen namens Samuel (Sam dürfte den späteren US-amerikanischen Hintergrund aufzeigen). Im Sterberegister findet sich ein Samuel Wolf, der am 4. November 1858 im Alter von 46 starb, also 1812 geboren wurde. Auch Samuel Wolf war Metzger in Ichenhausen und offenbar der Sohn von Gabriel und Enkel des Isaak Wolf. Das Hochzeitsverzeichnis notiert für den 21. Juni 1842 seine Heirat mit Nanette Goetz aus Fischach (eine Familie die am jüdischen Friedhof von Fischach, den wir erst letzte Woche besuchten, noch mehrfach auffindbar ist). Die Trauung nahm dem Eintrag gemäß Rabbiner Joseph Landauer aus Fischach vor. Im Geburtenregister findet sich noch ein zweiter Gabriel Wolf, der am 14. August 1856 im Alter von nur 26 Tagen starb. Möglicherweise ist ihm einer der abseits stehenden, inzwischen unleserlichen Kindergräber an der Friedhofsmauer beim Eingang gewidmet? Das Geburtsregister jedenfalls besagt, dass der Metzger Samuel Wolf sein Vater war, woraus wir schließen können, dass er seinen Sohn nach seinem eigenen im Vorjahr verstorbenen Vater benannte. Weitere Einträge, die sich erkennbar auf diese Familie beziehen ließen sich kurzfristig nicht finden. Vermutlich haben andere Nachkommen Ichenhausen verlassen und einer davon wird einen Sohn namens Samuel gehabt haben, der die Notiz auf der Rückseite des Bildes erklärt.

Jedenfalls ergibt sich nun eine bereits vier Generationen umfassende Abfolge

Isak Wolf, Metzger in Ichenhausen (x – x)

Gabriel Wolf (1766/67-1855), der protraitierte Metzger

Samuel Wolf (1812-1858), verheiratet mit Nanette Goetz aus Fischach

Gabriel Wolf Jun. (19. Juli – 14. August 1856)

Den Ichenhausener Friedhof hatten wir erst Anfang Dezember 2009 besucht. Trotz Dauerregen konnten wir in kurzer Zeit einige hundert Photographien machen, jedoch befinden sich darunter keine die sich auf diese Familie Wolf beziehen. Der Friedhof ist zwar bereits dokumentiert, d.h. nach Auskunft der Stadtverwaltung wurden die teilweise wahllos herumliegenden Steine und Fragmente genau vermessen und die überwiegend hebräischen Inschriften abgeschrieben, aber die Angaben bleiben offenbar auf (un?)absehbare Zeit unter Verschluss und sind bislang auch nicht übersetzt worden. Wie das Beispiel des Gabriel Wolf jedoch zeigt, wäre es natürlich wünschenswert, wenigstens die grundlegenden Information der Allgemeinheit im Internet frei zugänglich zu machen. Wie sonst sollen Nachkommen und Erben auch die richtige Spuren finden?

Die hebräischen Inschriften zu lesen, wäre kein Problem, jedoch konnten wir vor zwei Monaten nicht ahnen, dass wir auf Grabsteine einer speziellen Familie Wolf ein besonderes Augenmerk legen sollten. Dies müssen wir bei einer künftigen Gelegenheit nachholen, insofern entsprechende Grabsteine oder Fragmente überhaupt erhalten sind.

Einstweilen gilt aber unser besonderer herzlicher Dank Herrn Marvin J. Rosenthal, der uns auf dieses bemerkenswerte und unschätzbare Portrait und damit auch auf die Ichenhauser Metzger-Familie aufmerksam machte. Wir entsprechen sehr gerne seiner Bitte, das Bild und Informationen dazu öffentlich zugänglich zu machen, um sowohl dem Maler Florian Kurringer als auch dem dargestellten Metzger Gabriel Wolf die verdiente Aufmerksamkeit zu ermöglichen.

* * *

Many thanks to Mr. Marvin J. Rosenthal who called our attention to the remarkable as well as invaluable painting of Florian Kurringer from 1847. It is an honor to conform his wish to make the painting and the related background  information publicly accessible in order to attract attention to the painter as well as the portrayed butcher Gabriel Wolf from Ichenhausen.


Otto Weiss – the mysterious last Jew from Fischach

February 1, 2010

Leaving the Jewish cemetery, we were looking for other Jewish traces in the Bavarian Swabian village Fischach and we met an old Turkish man. His warm clothing revealed that for a quite long time he had accepted snow, ice and winter . I however was a last time tramping with the blackish Chinese low shoes (completely worn out and with huge leaks on both inner sides) I’d acquired for Yom Kippur because they were made from rubber … and of course I had my “famous blue raincoat”… He obviously was much better equipped for the weather, but on the other hand his old age exacted its toll and so he walked and talked very slowly, what did not stop him from addressing us on the street. When he had figured out that we were in the village because of the Jewish history, he seemed to be as happy as a lark and wanted to help us. At the end of the street, he told us “there in a house is the Jewish neighbor Otto Weiss” who “knows everything” und could help us – at least that was what we had grasped. Underway at very slow speed (both walking and talking) he reported from a (former?) workmate he once invited for Turkish food, which was either “hot” (scharf) or sheep (Schaf) or both. He also maintained that there are “about one million Jews in Turkey” (Wikipedia says there only are some 23.000) and “almost all of them are friendly” (Wikipedia has no answer regarding this). We finally reached a house “at the end of the road” and our Turkish friend and helper managed safely to climb some stairs as the door opened and a prying woman ask him: “May I help you ..?” The old man now explained that we are looking for the Jewish cemetery. Now we realized that there was at least one misunderstanding. The huge name plate at the door left no doubt that this was not the house of a person “Otto Weiss” but of a quite other family with a typical German name. I told Mrs. D. that our Turkish “guide” obviously misunderstood that we already visited the Jewish cemetery and thus we have not been looking for it. She sighed with relief and smiled. She also has not known any Otto Weiss but now we realized that in front of Mrs. D.s house actually there was a white car … so we did not understand what the man actually was trying to tell us: He wanted to ask a neighbor in a house at the end of the street about where is “the Jewish” (cemetery) and in front of the house there is a white car or as he pronounced it: “oto wi-se” (car, white). So we understood there will be an Otto Weiss at the end of the street, the last Jew of Fischach who could answer all our questions. But probably there never was an Otto Weiss in Fischach – he was just a phantasm and non-durable as for instance Unumpentium (Uup) but nonetheless it is a quite funny road episode midway between the Jewish cemetery of Fischach and the former synagogue at the old heart of the village, which explains best the difference between now and then.

Ein akustisches Misverständnis erweckte in Fischach den imaginären Juden Otto Weiss in ein kurzfristiges gedachtes Leben, in welchem er uns hätte erzählen können über die alten Juden von Fischach, … ehe es bald klar wurde, dass ein alter türkischer Fischacher uns unaufgefordert zu Nachbarn führen wollte, vor deren Haus ein weißes Auto (“oto wais”) stand. Die Bewohnerin hieß natürlich nicht Weiss und waren auch keine Juden. Sie hätte uns natürlich den Weg zum jüdischen Friedhof in Fischach erklären können, aber von dort kamen wir gerade …

One moment in time ...


Impressions from the Jewish Cemetery of Fischach near Augsburg

January 29, 2010

 

A Jewish Community in Fischach at least exists since the 1570’s. Until the establishment of an own cemetery in 1774 the Jews of Fischach (and Siegertshofen, now a part of Fischach) frequently buried their dead at the cemetery of Kriegshaber / Pfersee, which is some 19 km away. The Fischach Jewish cemetery is surrounded by a solid stone wall and has a remarkable wooden Tahara (were also is a hearse). There are some 400 grave markers left, among them are two wooden headboards from 1815 and 1833 belonging to Josef Moses ben Abraham Levi and his spouse Brendel. Other than the rotten Kriegshaber wooden plate (which now without any substitution is in the Museum of “Jewish Culture” in Augsburg)  the ones in Fischach are in quite good condition, still legible and at their destined place in oder to commemorate the buried.

jüdischer Friedhof

 

Kindergrabstein Fischach

jüdischer Friedhof Fischach


Der jüdische Friedhof im schwäbischen Fischach

January 28, 2010

Die Marktgemeinde Fischach mit ca. 4.600 Einwohnern liegt etwa 23 km westlich von Augsburg zu deren Landkreis sie auch gehört. Die Anwesenheit von Juden in Fischach ist zumindest seit 1573 bezeugt. Bis 1803 war auch Fischach österreichisch in der Marktgrafschaft Burgau und wurde sodann bayerisch. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war die Hälfte der etwa 400 Personen im Dorf Juden. Im Jahr 1900 lebten noch 210 Juden in Fischach und machten mehr als ein Viertel der Bevölkerung aus.

Jewish cemetery Fischach map

Johann  Lambert Kolleffel notierte 1750, der Ort verfüge über großen und guten Feldbau. Die in seinem Plan eingezeichneten sechs Häuser im jüdischen Besitz sollen von 32 Haushaltungen bewohnt  gewesen sein und liegen allesamt in der Straße die auch heute noch den Namen „Am Judenhof“ trägt. Im Haus 4 war wie eine Widmungstafel besagt von 1739 bis 1938 die Synagoge. Äußerlich deutet wenig auf die frühere Vorgeschichte des Gebäudes, lediglich an der Ostseite des Hauses sind noch Konturen synagogaler Fenster eingelassen. Heute befindet sich im Haus eine Zahnarztpraxis, die sicher nicht bei allen positivere Assoziationen wecken wird. Wie auch immer gilt diese Synagoge als erste und einzige in Fischach. Das jedoch ist wenig plausibel, da für das Jahr 1698 bereits die Bestattung eines „Rabbiners aus Fischach“ am Friedhof von Kriegshaber Pfersee amtlich vermerkt ist. Sich vorzustellen, dass Fischach in dieser Zeit zwar einen Rabbiner aber keine Gebetsräume hatte ist abwegig. Im leer stehenden Nebenhaus 6 befand sich das Gemeindehaus und die jüdische Schule des Ortes – dort so erzählte Frau Kaes habe ihr (christlicher) Großvater noch etwas Hebräisch-Unterricht genossen, um die jüdischen Mitschüler zu verstehen. Fraglich ist wo genau sich die erforderliche Mikwe der Gemeinde befand. Jedoch befinden sich Neufnach und Schmutter, die in Fischach ineinander münden in unmittelbarer Nähe zum Fischacher Siedlungskerns um Synagoge und Kirche.

Sichtbarste Spur  der jüdischen Präsenz in Fischach ist der jüdische Friedhof im Süden des historischen Ortskerns. Dem Vernehmen nach wurde er erst 1774 angelegt. Zumindest in der Zeit von 1670 („ein Kind von Fischach“) bis 1706 wurden immer wieder verstorbene Juden aus Fischach, aber wie 1690 auch Siegertshofen (heute ein Teil Fischachs) zur Bestattung nach Pfersee/Kriegshaber gebracht. 1696 waren dies neben dem namentlich nicht genannten „Rabbiner von Fischach“ auch zwei gleichfalls anonyme Kinder. Im Jahr darauf werden insgesamt 9 Todesfälle bei David Ulmo in Pfersee zur Bestattung angemeldet und taxiert. In diesem Jahr verteilen sie sich ohne „Mengenangabe“ auf die Herkunftsorte Pfersee, Kriegshaber, Steppach und Fischach. Eher selten ist es, dass die Notizen der burgauischen Vogtbeamten auch Namen festhalten, etwa 1675 „Samson aus Fischach“ oder 1698 „Hayumb, Judenkind aus Fischach“ (= Hayum bzw. Chaim). Die vorhandenen Aufzeichnungen der christlichen Schreiber sind in dieser Zeit wie so oft nur bruchstückhaft und fehlerhaft. Anders als die feststehenden hebräischen Schreibweisen der Personennamen sind die in lateinischen Buchstaben umlautenden „deutschen“ Schreibweisen nur nach Gehör und subjektiver Vorstellung wiedergeben, was zur Folge hat, dass sich die Schreibweise eines Namens bereits in der Folgezeile wieder geändert haben kann. Zuordnungen der Einträge zu anderen Quellen sind deshalb schwierig, oft aber einziger Anhaltspunkt.

Tahara und Gedenkstein am jüdischen Friedhof Fischach

Der jüdische Friedhof ist von einer unversehrten Steinmauer umgeben und in einem vergleichsweise guten Bewahrungszustand. In der hölzernen Tahara gleich neben dem Eingangstor soll auch ein Leichenwagen erhalten sein.

Sichtbar jedoch ist ein Gedenkstein mit gleich zwei Inschriften (schwäbische Sparsamkeit?). Die eine Seite trägt die Inschrift:

„DEN OPFERN DER RASSENVERFOLGUNG GEWEIHT

1933 1945

DEN TOTEN ZUM GEDENKEN, DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG“

Auf der Rückseite desselben Steins steht nun aber zum Gedenken an die jüdischen Soldaten des ersten Weltkriegs:

„ZUM GEDENKEN UNSERER GEFALLENEN

1914 – 1918

BENNO KLOPFER

HERMANN LEVI

ISDOR ERLANGER

SAMUEL MENDLE

ALBERT MAIER

EDMUND HIRSCHMANN

HUGO MENDLE“

 Grabreihe am jüdischen Friedhof Fischach 

Insgesamt sind etwa  400 Grabsteine vorhanden. Das letzte Begräbnis fand noch 1942 statt.  Zwar sind viele der älteren Inschrift inzwischen abgeblättert und nur noch teilweise zu lesen, während einige der etwas neueren Grabsteine von Schimmel befallen sind, doch finden sich nur wenig herumliegende Äste, wie auch Bäume im allgemeinen die Standsicherheit der Gräber nicht gefährden. Dies lässt auf eine kontinuierliche Pflege über einen längeren Zeitraum schließen, was in der Region keineswegs Standard ist.

jüdischer Friedhof Fischach

Am bemerkenswertesten am Friedhof sind sicherlich die hölzernen Grabmale des Ehepaars Abraham Levi (gest. 1815) und seiner Frau Brendel (gest. 1833), die anders als das Grabmal von Mordechai Cassel in Kriegshaber nicht nur relativ gut erhalten sondern auch an den bestimmungsgemäßen Grabplätzen geblieben sind. Durch eine intelligente Ummantelung sind sie von den gröbsten Witterungseinflüssen geschützt, haben keinen schädlichen Bodenkontakt und haben zugleich Frischluft, die die Feuchtigkeit trocknen kann.  In Folge dessen sind die Inschriften auch heute noch gut lesbar, ganz im Gegensatz zu vielen teilweise jüngeren längst abgebröckelten Sandsteinen.

 Holzgrabmale am Friedhof Fischach

Berühmter noch als die beiden Holzgrabmale von Fischach ist natürlich die gleichfalls hölzerne Sucka (Laubhütte) aus Fischach, die 1934 im Haus der Fischacher Familie Deller wieder entdeckt und noch Ende der 1930er Jahre nach Israel gebracht werden konnte. Seit 1965 ist die Deller-Laubhütte Bestandteil der Dauerausstellung zum Judentum im Jerusalemer Israel-Museum (in welcher auch der kunstvolle parochet aus Kriegshaber gezeigt wird) , bzw. dessen Vorläufer dem Bezalel Museum. Die Suckah stammt aus den 1850er Jahren und ist handbemalt. Ihr Initiator ist Jakob Deller, der in Fischach ein Zigarren- Wein- und Spirituosen-Handlung betrieb, nachdem ihm 1832 eine anfangs bewilligte Lizenz zum Kaffeee- und Bierausschank 1832 widerrufen wurde. Als Jude sei er dafür angeblich „nicht geeignet“ gewesen. Die Laubhütte wurde von seinem Enkel Albert(o) Deller aus Quito (Ecuador) dem Museum vermacht und ist deshalb ein vielbeachteter Zeuge für das schwäbische Judentum. Gegenwärtig wird die Sucka in der Bretagne restauriert und dann im Laufe 2010 wieder in Jerusalem ausgestellt zu werden.

Deller Grabstein Fischach

(Grabstein des Abraham ben Naftali ha-Levi “Albert” Deller, 1860 – 1935 am jüdischen Friedhof Fischach)

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Frau Kaes in Fischach die uns trotz eisiger Kälte (von ca. – 10 ° Celsius) eine kurze Besichtigung des jüdischen Friedhofs ermöglichte und uns hilfreiche Hinweise für die folgende Ortsbesichtigung und Spurensuche gab.

The Jewish Cemetery of Fischach near Augsburg