Ber Ulmo – Tage des Gerichts

November 12, 2012

Aktuell: Buch-Lesung am Mittwoch 12. November 2012, 18 Uhr im ehemaligen Zollhaus Kriegshaber

Am Abend des 23. September 1803 wurden im heutigen Bayerisch-Schwaben, das damals teilweise noch zu Österreich gehörte, an über einem Dutzend Orten zeitgleich die jüdischen Gemeinden Gegenstand polizeilicher Razzien. In Pfersee, Kriegshaber, Steppach, Fischach, Binswangen, Buttenwiesen, Ichenhausen, Hürben, Fellheim, Altenstadt, Osterberg, Hainsfarth, Pappenheim und wahrscheinlich noch an anderen Orten kam es zum selben Szenario.

Während die Juden an jenem Freitag-Abend in ihren Synagogen waren und zwei Tage vor dem Versöhnungsfest Jom Kippur den Beginn des Schabbat feiern wollten, drangen überall grimmige mit Bajonetten bewaffnete Soldaten ein und hielten Männer, Frauen und Kinder stundenlang fest. Unter massiven Drohungen durfte niemand aufstehen oder reden. Einzelne jüdische Männer, in der Regel Vorstände ihrer Gemeinden oder zumindest angesehene Kaufleute, wurden verhaftet und entweder nach Günzburg oder Donauwörth gebracht. Die Anzahl der Verhafteten kann auf über 60 Personen geschätzt werden. Oft dauerte es aber Wochen oder gar Monate, ehe die Häftlinge in den Eisenhäusern erfuhren, weshalb sie überhaupt verhaftet und angeklagt wurden. Willkürlich und kafkaesk wie die Verhaftungen waren auch die Bedinungen der Haft und der Ermittlungen.

Vor dem Hintergrund europaweit operierender Geldfälscherbanden, die sich besonders darauf spezialisiert hatten sog. Wiener Bankozettel zu fälschen, wurden die Verhafteten beschuldigt, einen jüdischen Fälscherring zu betreiben und an ihren Wohnorten in Dachböden versteckte Druckereien zu betreiben. In Straßburg gab es in den darauffolgenden Jahren eine Serie von Prozessen gegen Geldfälscher, die meist von Frankreich oder dem damals noch nicht unabhängigen Belgien heraus operierten. Sie fälschten insbesondere Wiener Banknoten, aber auch andere Währungen, verteilten sie aber hauptsächlichen in deutschen Gebieten, vor allem an Handelsorten wie Frankfurt und Leipzig, aber auch in Süddeutschland. In der Mehrzahl der Banden arbeiteten Christen und Juden als Fälscher zusammen. Meist waren jedoch die Juden für den Umtausch oder Verkauf der Banknoten zuständig, während ihre christlichen Komplizen Druckplatten gravierten, Papier besorgten, usw. Manche der Fälscherbanden weigerten sich aber auch mit Juden zusammenzuarbeiten. Der Gedanke, im damals österreichischen Schwaben eine rein jüdische Fälscherbande als Drahtzieher der internationalen Geldfälschungen ausfindig zu machen, muss für die Ermittler ein sehr verführerischer Gedanke gewesen sein, weshalb sie den falschen Anschuldigungen eines gleichfalls schwäbischen Denunzianten nur zu bereitwillig Glauben schenkten. Dieser war selbst ein Jude, konvertierte später jedoch zum Katholizismus und wurde Diener eines Kardinals in Rom.

Grabmal des Ber Ulmo am jüdischen Friedhof Pfersee / Kriegshaber (Augsburg)

Einer der unschuldig Verhafteten war Ber Ulmo (1751-1837), auch bekannt als Bernhard Ullmann, der von 1781 bis zu seinem Tod insgesamt 56 Jahre lang Vorsitzender der jüdischen Gemeinde von Pfersee bei Augsburg war, die lang den Sitz des angesehenen und berühmten Rabbinats von Medinat Schwaben innehatte. Ber Ulmo begann noch in der Haft einen Bericht über die Verhaftung und Haftbedingungen zu verfassen und vollendete ihn wenige Wochen nach der Freilassung im Frühjahr oder Sommer des Jahres 1804.

Als im Jahre 1861 in Augsburg die Israelitische Kultusgemeinde formell durch den bayerischen König Maximilian II anerkannt wurde, übersetzte Ber Ulmos Sohn Jonas den Text seines Vaters in jüdisch-deutscher Sprache. 1928 fertigte Jonas Neffe Carl Jonas Ulmann von dieser jiddischen Fassung in New York eine englische Übersetzung und ließ sie als Privatdruck in einer kleinen Auflage von hundert Exemplaren drucken. Diese verschwanden im Laufe der Zeit. Nur einige wenige Exemplare befinden sich in Bibliotheken über den Globus verteilt. Ab und an taucht auch ein Exemplar im Onlineangebot eines Antiquariats auf.

Anhand einer Abschrift der hebräischen Handschrift ist es Yehuda Shenef gelungen, den hebräischen Text erstmals in deutsche Sprache zu übersetzen und dabei die Fehler der englischen Übersetzung zu vermeiden. Damit konnte ihm auch gelingen die wesentlichsten Protagonisten der Handlung zu ermitteln und den historischen Kontext der Handlung herauszuarbeiten. Neben den tatsächlich stattfindenden Fälscherprozessen jener Jahre ist dies insbesondere die parallel verlaufende Geschichte der Ansiedlung jüdischer Bankierfamilien aus Kriegshaber in Augsburg. Sie waren von den Verhaftungen nicht betroffen, beschafften den verschuldeten Augsburgern jedoch horrende Kreditsummen und erhielten als erste Juden seit dem Mittelalter die Garantie eines bleibenden Wohnrechts in der Reichsstadt, während in Pfersee die kostbare Talmudhandschrift abhandenkam, die als älteste fast vollständig erhaltene der Welt gilt und deshalb von zentraler Bedeutung für das Judentum ist. Ihr letzter bekannter jüdischer Besitzer war Ber Ulmo. Heute befindet sich die “Pferseer Handschrift” in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Ber Ulmos Augenzeugenbericht ist ein authentisches Zeugnis jüdisch-schwäbischer Literatur aus der Umbruchzeit der Napoelonischen Kriege, in welcher unsere heutige moderne Welt ihre Gestalt annahmen. Seine Schilderungen bieten eine Fülle von Informationen aus erster Hand und ermöglichen es die moderne Geschichte der Juden in Augsburg unter anderen Gesichtspunkten zu sehen. Ein Muss für jeden historisch interessierten Leser.

Im Herbst 2012 als Buch mit Begleitkapiteln, Karten und Abbildungen erschienen im Kokavim-Verlag

Yehuda Shenef – Tage des Gerichts, der Bericht des Ber Ulmo

152 S. , 24.50 Euro

ISBN 978-3-944092-00-3

Erhältlich in jeder guten Buchhandlung oder online

bei Amazon, Ebay, Weltbild und Co.

http://www.amazon.de/Tage-Gerichts-Bericht-Ulmo-Pfersee/dp/3944092007

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Die Herkunft der mittelalterlichen Augsburger Juden

August 30, 2010

Über die Bedeutung der jüdischen Gemeinde im mittelalterlichen Augsburg geben nicht zuletzt auch die Orte ab, aus denen Juden in die Reichsstadt zogen. Auch die städtischen Steuerlisten ab dem 14. Jahrhundert geben darüber Zeugnis, dass nicht nur Juden aus den benachbarten Regionen, sondern auch aus fernerliegenden bekannten Zentren jüdischer Gelehrsamkeit nach Augsburg kamen, um mittels Heirat, als Rabbiner oder als Schüler Bestandteil der schwäbischen Gemeinde zu werden.

Im Einzugsgebiet werden dabei Orte genannt, die heute nicht unbedingt immer auf Anhieb mit mittelalterlichen jüdischen Gemeinden in Verbindung gebracht werden: Dinkelsbühl, Nördlingen, Oettingen, Pappenheim, Regensburg, Harburg, Donauwörth, Neuburg, Ingolstadt, Lauingen, Dillingen, Höchstädt, Wertingen, Schrobenhausen, Aichach, Freising, München, Friedberg, Zusmarshausen, Burgau, Ulm, Biberach, Mindelheim, Memmingen, Landsberg und Mühldorf am Inn.

Aber auch aus Orten und Städten in größerer Entfernung kamen Juden nach Augsburg: Köln, Mainz, Worms, Speyer, Straßburg und das benachbarte elsässische Bischoffsheim, Rothenburg ob der Tauber, Zürich, Nürnberg und das kärntische Millstatt (Muelrestat) .

Freilich ist es nicht im sicher, einzelne Orte sicher zu identifizieren. Beispielsweise gibt es nicht weniger als drei schwäbische Orte mit dem Namen Biberach, einige Neuburgs und da die meisten Schreibweisen noch variabel waren könnte ein Rothenburg auch als Rottenburg gelesen werden und der Ort Werd, den wir nicht zu Unrecht wir als Werd an der Donau deuten, sprich als Donauwörth, könnte aber auch der heute noch so heißende kleine Ort Wörth sein, gleichfalls an der Donau, unweit von Regensburg, aber, da Angaben zum Fluss fehlen vielleicht auch Wörth an der Isar, Wörth am Rhein, Wörth am Main und warum nicht auch Wörth an der Sauer im Elsaß ..? Sicher behaupten lässt sich das ebenso wenig wie die Annahme alle genannten Juden -insofern keine Verwandtschaft plausibel ist – kämen aus einem einzigen Werd.

The origin of the medieval Jews of Augsburg

The significance of the Jewish community in medieval Augsburg, also is explained by the places from which Jews moved to the Imperial City. Also the municipal tax records from 14 Century on provide evidence that Jews not only from the neighboring regions but also from more distant known centers of Jewish scholarship moved to Augsburg to get member of the Swabian Jewish community by marriage as a rabbi or student.

In the catchment area of the Imperial City there are many places, which today are not necessarily always instantly connect to the medieval Jewish communitiest: Dinkelsbuehl, Noerdlingen, Oettingen, Pappenheim, Regensburg (Ratisbon), Harburg, Donauwoerth, Neuburg, Ingolstadt, Lauingen, Dillingen, Hoechstaedt, Wertingen, Schrobenhausen , Aichach, Freising, Munich, Friedberg, Zusmarshausen, Burgau, Ulm, Biberach, Mindelheim, Memmingen, Landsberg and Muehldorf am Inn.

However, even from in towns and cities further away Jews came to Augsburg: Cologne, Mainz (Mayence), Worms, Speyer, Strasbourg and the neighboring Alsatian Bischoffsheim, Rothenburg ob der Tauber, Zurich, Nuremberg and the Carinthian Millstatt (Muelrestat). Of course it is not always safe to identify individual toponyms. For example, there are no fewer than three Swabian places called Biberach, some Neuburgs (new castle) and since most writing still is variable Rothenburg eventually also could be read as Rottenburg and place Werd, which we identify not without reason as Werd at the Danube = Donauwoerth, actually also may be quite another Woerth on the Danube, near Regensburg, but perhaps also Worth on the Isar, Worth on the Rhine, Worth on the Main, and why not Worth on the Sauer in Alsace .. ? We do not know in all cases for sure and there also is no guaranty that all entries actually refer only to one single one of them.


Karte: Die Juden in Bayerisch-Schwaben

January 31, 2010

Orte mit nachmittelalterlicher jüdischer Geschichte im Bayerischen Schwaben, in Nordschwaben, der ehemaligen österreichischen Marktgrafschaft Burgau und im Medinat Schwaben.

Places in Bavarian Swabia, Northern Swabia, the former (Upper) Austrian Margravate of Burgau and Medinat Shwaben with postmedieval Jewish history.