Juden im mittelalterlichen Freising

November 13, 2015

Unter den im mittelalterlichen Augsburg genannten Juden sind auch welche „von Freising“ erwähnt, einem etwa 70 km (Luftlinie) östlich gelegenen, von seinem Klostersitz beherrschten Ort, dessen Geschichte wenig oder meist gar nicht mit Juden in Verbindung gebracht wird.

In den Augsburger Steuerlisten ist 1380 und 1384 ist „Jakob Freysingen“ notiert, 1382 wohl derselbe als „Smoes Tochtermann aus Freisingen“, im selben Jahr auch ein eigens zu versteuerndes „domus Jacob Freisingen“, 1404 finden wir seine als „Jacobin Freysing“ genannte Witwe. Aus anderen Quellen ergibt sich, dass Jakob aus Freising mit Mara, der Tochter von Samuel aus Donauwörth („Samuel Werd“, bzw. Schmuel oder Smoe) verheiratet war. Samuel Werd findet sich von 1376 bis 1384 in den Steuerlisten, dürfte aber bereits vor 1382 verstorben sein, da seine Frau dann als „Samuelin Werd, Wirtin“ auftaucht. Jakob aus Freising hat also die Tochter des alten, kranken, dann verstorbenen Wirts geheiratet und mit seiner Frau und der Schwiegermutter das Leuthaus, d.h. die Schenke in der Judengasse betrieben, die sich dort „im Hof vor der Apothek“ befand, nach heutigem Verständnis also in etwa da wo sich das Kino Mephisto befindet. Es handelte sich um eine Schenke, bei der selbstgebrautes Bier geboten wurde, aber auch Backwaren. Eine Michung wie man sie auch heute noch antreffen kann. 1404 registriert das Steuerbuch „Jacobin Freysing“, woraus wir schließen können, dass Maras Mann im Vorjahr verstorben war. 1420 tritt Eysik (= Isaak) Freisinger in Erscheinung, bei dem es sich wahrscheinlich um den Sohn der „Jacobin“ handelte. Denkbar wäre auch, dass es sich um einen Schwager handelte, also einen männlichen Verwandten ihres Mannes, der aus Freising zur Übernahme des Besitzes in die Stadt kam, da Frauen nicht rechts-und geschäftsfähig waren und im ungünstigen Fall nur das väterliche Erbe verwalten durften, bis der Sohn 13 Jahre alt wurde oder ein anderer männlicher Verwandter gefunden wurde. Gab es diesem nicht, konnte der Besitz von der Stadt als „verwaist“ in Anspruch genommen werden. Fest steht jedenfalls, dass Isaak Freising das Leuthaus weiterführte und mit seiner Frau drei namentlich bekannte Söhne hatte: Mauschi (Moses), Jos (wohl Josef oder Josua) und Sender, der “Herdmann” (wohl der Koch oder Bäcker). Letzterer führte das Leuthaus in der nächsten Generation. Nach 1440 verlieren sich die Spuren der Freisinger Familie. Da sich wenigstens vier Männer mit dem Namen Moses finden, die aus Augsburg in anderer Orte abwanderten, aber man kann allenfalls nur spekulieren, ob der jener aus der Familie Freisinger stammenden in Ulm, Lauingen, Nördlingen oder Donauwörth landete. Letzter Ort hätte eine gewisse Plausibilität, da der Vater von Moses Großmutter aus Donauwörth stammte, aber einen Beleg dafür haben wir nicht.

Ausgburg Judengasse mit Welserhauslinks: Welserhaus (frühere Apotheke) vor der Augsburger Judengasse

Wie dem auch immer sei, ist mit der Geschichte der Freisinger Familie im mittelalterlichen Augsburg noch nichts über Juden in Freising selbst gesagt, für deren Existenz keine eigenen Belege überliefert worden sind. Selbst ein namentlich genanntes ehemaliges Judentor, andernorts ein sicheres Indiz für die Existenz von Juden im Ort, wird so interpretiert, dass vor dem Tor wahrscheinlich irgendwann Juden lebten … jedoch ist eine solche Deutung wohl ebenso einzigartig wie albern.

Freising Bahnhofstr Mauer Münchner TorBahnhofstr. in Freising where once was the “Münchner Tor” (Munich Gate)

Aus zeitgenössischen hebräischen Quellen ergeben sich, was durchaus zeittypisch in der Region wäre, Hinweise auf zwei verschiede jüdische Ansiedlungen im mittelalterlichen Freising. Die erste befand sich im Süden der Stadt, in einem Eruw (Häuser mit verbundenen Innenhöfen), knapp hinter dem Münchner Tor (heute der Häuserblock um Bahnhofstraße / Am Wörth). Sie bestand bis etwa 1350, was also auf die berüchtigten “Pestjahre” und die Überfälle auf als “Verursacher” der Epidemie verdächtigte Juden Bezug nimmt. An Ort und Stelle gab es auch die erwartbare Infrastruktur (Bethaus, Gemeindehaus, Tauchbad). Ein für Mikwen erforderlicher Bachlauf ist heute noch unmittelbar vorhanden, die Überlieferung insofern plausibel. Von einem jüdischen Friedhof oder Begräbnisfeld ist freilich nirgendwo und zu keiner Zeit etwas überliefert, ein fast sicheres Indiz, dass es womöglich nie einen gab.

Lage Münchner Tor Freising Bayernposition of the former Munich Gate in the south of the medieval city

Münchner Tor Erinnerung Freising

Die zweite, spätere Niederlassung, die wohl nach der Wiederansiedlung nach 1350 zustande kam und wohl spätestens bis in die Zeit um 1470 bestand, geht mit dem namentlich überlieferten „Judentor“ im Nordosten der Altstadt am Ostende des Unteren Grabens einher. Anders als für das Münchner Tor, gibt es für das frühere “Judentor” in Freising keine Erinnerungstafel.

Abbildung Judentor in Freising 1642 Stadtplan 1810שער יהודים בימי הביניים בעיירה הבווארית פרייזינג

Freising Judentor Unterer Grabenalso the Judentor in Freising was removed

Eine Anzahl auch anderswo als Juden „von Freising“ registrierter Personen ist nun aber doch ein Indiz für die zumindest zeitweilige Existenz einer jüdischen Gemeinschaft. Oft zitiert wurde, dass 1464 Kaiser Friedrich Vertreter jüdischer Gemeinden aus der Region (Mergentheim, Laupheim, usw.) nach Freising lud, u.a., um von ihnen Auskunft über gegen sie erhobene Vorwürfe wegen „übermäßigen Wuchers“ zu erörtern. Abgesehen davon, dass Friedrich die Gunst der Stunden nutzte, um sich bei den befragten Juden selbst Geld zu leihen, war die Zusammenkunft wohl nicht sehr ergiebig, da die Vorwürfe wohl (womöglich auch gerade auf diese Weise) entkräftet wurden. Im historischen Halbwissen haften geblieben ist bei manchen Autoren der Neuzeit der sonst selbst lokalgeschichtlch allenfalls begrenzt bedeutsame Vorfall aber als “auch in Freising warf man den Juden Wucher vor“.

Bürgerturm Freisingsomewhat similar nearby Bürgerturm at Unterer Graben

Aussagekräftiger ist dagegen wohl der Umstand, dass sich im Freisinger Stadtbuch, das im (aus heutiger bayerischer Sicht womöglich etwas überraschend) auf dem Vorgaben des Schwabenspiegels basiert, dann eben doch eine Anzahl von Bestimmungen aufweist, die sich auf Juden beziehen, was ohne die Anwesenheit von Juden in der Stadt keinen Sinn ergeben kann. Das „Freisinger Rechtbuch“ genannte Kompendium einem gewissen “Ruprecht von Freising” zugeschrieben und auf das Jahr 1328 datiert, obwohl die erhaltenen Handschriften weder Jahreszahlen noch Autoren nennen („es fehlt durchaus jeder Grund dieses zu bezweifeln…“), stattdessen jedoch sowohl in der Anordnung als sogar auch im Vokabular der einzelnen Sätze sich mitunter eindeutig unterscheiden. Die mit dem Jahr 1473 jüngste datierte, von insgesamt fünf archivierten Handschriften (1408, 1436, 1441) ist jedenfalls bereits nach dem Treffen des Kaisers mit den schwäbischen Juden entstanden und steht somit im zeitlichen Kontext dazu.
In der oberflächlichen, bloß auf wenige Gegensätze abzielenden Betrachtung wird gewöhnlich übersehen, dass Juden und Christen im mittelalterlichen Rechtssystem mehr oder minder gleichgestellt waren. Die wenigen Ausnahmen rührten daher, dass Juden per se den rechtlichen Status von Geistlichen des Christentums eingeräumt wurde.

Im Freisinger Rechtbuch (in der standardisierten Endfassung von 1473) kommt dies in Artikel 168 zum Ausdruck

Freisinger Rechtbuch Cap. 168 von Pfaffen und Juden(Quelle: Stadt- und Landrechtbuch, Ruprecht von Freysing, nach fünf Münchner Handschriften, ein Beitrag zur Geschichte des Schwabenspiegels, von Ludwig v. Maurer, 1839, Cotta, Stuttgart & Tübingen)

Von pfaffenn vnnd von judnn: Pfaffenn dye nicht beschorrn sein vnnd nicht pfäflich gewanntt an tragenn vnd fürnntt sy messer oder swert oder annder waffen oder vinndet man sy in dem fraunhaus oder in ainem leuthaus dy sol man richtnn als ainen anndernn layenn und was man jn tuet in solicher weis da chumt nyemandtz in den pan vnnd als ich gered hab von pfaffenn alzo sprich ich von den judenn.”

Heißt: Unrasierte, nicht an ihrer Kleidung erkenntliche Pfaffen, die mit Messern, Schwertern oder sonst wie bewaffnet sind, in Hurenhäusern oder Wirtshäusern anzutreffen sind, darf man wie gewöhnliche Leute behandeln und wer so verfährt, hat keinen Bann zu befürchten. Selbiges trifft auch zu, wenn ungekennzeichnete Juden in selber Weise anzutreffen sind. Der Passus ist nur dann verständlich, wenn man andererseits zur Kenntnis nimmt, dass ordentliche Pfaffen (und Juden) quasi über dem (allgemeinem) Gesetz stehen, weil sie unter kaiserlichen oder bischöflichen Schutz stehend, weitgehend Immunität genießen und für sie in bestimmten Belangen eigene Gesetze existieren, vgl. mit Diplomaten in heutiger Zeit.

In Cap. 173 heißt es u.a.: Vom Leben der Juden: Die Juden soll niemand zwingen zu christlichen Glauben. Mang man sie mit guten Worten dazu bringen, soll man das tun, wird aber ein Jud Christ und danach von Glauben (ab)stehen, so soll in geistliches und weltliches Gericht zwingen dass er darin bleibt. Will er das nicht tun, soll man ihn (ver)brennen wie einen Ketzer.”

Wer erstmal den Fehler beging, zum Christentum überzutreten, konnte demnach mit damit rechnen, wieder zur angestammten Wesiheit zurückzukehren.

Wenig feundlich freilich waren die Umgangsbestimmungen von Chrsiten gegenüber Juden vorgesehen:

Den Christen ist verboten mit den Juden essen und niemand soll sie (in) einer Wirtschaft (ein)laden. Kein Christ soll mit einem Juden baden. ”

 

* * *

Although there are a number of Jews recorded in medieval Augsburg and elsewhere as as Jews from Freising, as well as discription of two different Jewish settlements in medieval Freising, a Jews Gate (Judentor) which until 19th century was recorded in the city maps of Fresing as well as a number of regulations in the medieval town book regarding Jews, their legal status, rights and duties, and the like … most historians asume that until 1870 there were no Jews in Freising, an old medieval city, famous for its cloister and the neighborhood to Munichs international airport.

 


Ber Ulmo – Tage des Gerichts

November 12, 2012

Aktuell: Buch-Lesung am Mittwoch 12. November 2012, 18 Uhr im ehemaligen Zollhaus Kriegshaber

Am Abend des 23. September 1803 wurden im heutigen Bayerisch-Schwaben, das damals teilweise noch zu Österreich gehörte, an über einem Dutzend Orten zeitgleich die jüdischen Gemeinden Gegenstand polizeilicher Razzien. In Pfersee, Kriegshaber, Steppach, Fischach, Binswangen, Buttenwiesen, Ichenhausen, Hürben, Fellheim, Altenstadt, Osterberg, Hainsfarth, Pappenheim und wahrscheinlich noch an anderen Orten kam es zum selben Szenario.

Während die Juden an jenem Freitag-Abend in ihren Synagogen waren und zwei Tage vor dem Versöhnungsfest Jom Kippur den Beginn des Schabbat feiern wollten, drangen überall grimmige mit Bajonetten bewaffnete Soldaten ein und hielten Männer, Frauen und Kinder stundenlang fest. Unter massiven Drohungen durfte niemand aufstehen oder reden. Einzelne jüdische Männer, in der Regel Vorstände ihrer Gemeinden oder zumindest angesehene Kaufleute, wurden verhaftet und entweder nach Günzburg oder Donauwörth gebracht. Die Anzahl der Verhafteten kann auf über 60 Personen geschätzt werden. Oft dauerte es aber Wochen oder gar Monate, ehe die Häftlinge in den Eisenhäusern erfuhren, weshalb sie überhaupt verhaftet und angeklagt wurden. Willkürlich und kafkaesk wie die Verhaftungen waren auch die Bedinungen der Haft und der Ermittlungen.

Vor dem Hintergrund europaweit operierender Geldfälscherbanden, die sich besonders darauf spezialisiert hatten sog. Wiener Bankozettel zu fälschen, wurden die Verhafteten beschuldigt, einen jüdischen Fälscherring zu betreiben und an ihren Wohnorten in Dachböden versteckte Druckereien zu betreiben. In Straßburg gab es in den darauffolgenden Jahren eine Serie von Prozessen gegen Geldfälscher, die meist von Frankreich oder dem damals noch nicht unabhängigen Belgien heraus operierten. Sie fälschten insbesondere Wiener Banknoten, aber auch andere Währungen, verteilten sie aber hauptsächlichen in deutschen Gebieten, vor allem an Handelsorten wie Frankfurt und Leipzig, aber auch in Süddeutschland. In der Mehrzahl der Banden arbeiteten Christen und Juden als Fälscher zusammen. Meist waren jedoch die Juden für den Umtausch oder Verkauf der Banknoten zuständig, während ihre christlichen Komplizen Druckplatten gravierten, Papier besorgten, usw. Manche der Fälscherbanden weigerten sich aber auch mit Juden zusammenzuarbeiten. Der Gedanke, im damals österreichischen Schwaben eine rein jüdische Fälscherbande als Drahtzieher der internationalen Geldfälschungen ausfindig zu machen, muss für die Ermittler ein sehr verführerischer Gedanke gewesen sein, weshalb sie den falschen Anschuldigungen eines gleichfalls schwäbischen Denunzianten nur zu bereitwillig Glauben schenkten. Dieser war selbst ein Jude, konvertierte später jedoch zum Katholizismus und wurde Diener eines Kardinals in Rom.

Grabmal des Ber Ulmo am jüdischen Friedhof Pfersee / Kriegshaber (Augsburg)

Einer der unschuldig Verhafteten war Ber Ulmo (1751-1837), auch bekannt als Bernhard Ullmann, der von 1781 bis zu seinem Tod insgesamt 56 Jahre lang Vorsitzender der jüdischen Gemeinde von Pfersee bei Augsburg war, die lang den Sitz des angesehenen und berühmten Rabbinats von Medinat Schwaben innehatte. Ber Ulmo begann noch in der Haft einen Bericht über die Verhaftung und Haftbedingungen zu verfassen und vollendete ihn wenige Wochen nach der Freilassung im Frühjahr oder Sommer des Jahres 1804.

Als im Jahre 1861 in Augsburg die Israelitische Kultusgemeinde formell durch den bayerischen König Maximilian II anerkannt wurde, übersetzte Ber Ulmos Sohn Jonas den Text seines Vaters in jüdisch-deutscher Sprache. 1928 fertigte Jonas Neffe Carl Jonas Ulmann von dieser jiddischen Fassung in New York eine englische Übersetzung und ließ sie als Privatdruck in einer kleinen Auflage von hundert Exemplaren drucken. Diese verschwanden im Laufe der Zeit. Nur einige wenige Exemplare befinden sich in Bibliotheken über den Globus verteilt. Ab und an taucht auch ein Exemplar im Onlineangebot eines Antiquariats auf.

Anhand einer Abschrift der hebräischen Handschrift ist es Yehuda Shenef gelungen, den hebräischen Text erstmals in deutsche Sprache zu übersetzen und dabei die Fehler der englischen Übersetzung zu vermeiden. Damit konnte ihm auch gelingen die wesentlichsten Protagonisten der Handlung zu ermitteln und den historischen Kontext der Handlung herauszuarbeiten. Neben den tatsächlich stattfindenden Fälscherprozessen jener Jahre ist dies insbesondere die parallel verlaufende Geschichte der Ansiedlung jüdischer Bankierfamilien aus Kriegshaber in Augsburg. Sie waren von den Verhaftungen nicht betroffen, beschafften den verschuldeten Augsburgern jedoch horrende Kreditsummen und erhielten als erste Juden seit dem Mittelalter die Garantie eines bleibenden Wohnrechts in der Reichsstadt, während in Pfersee die kostbare Talmudhandschrift abhandenkam, die als älteste fast vollständig erhaltene der Welt gilt und deshalb von zentraler Bedeutung für das Judentum ist. Ihr letzter bekannter jüdischer Besitzer war Ber Ulmo. Heute befindet sich die “Pferseer Handschrift” in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Ber Ulmos Augenzeugenbericht ist ein authentisches Zeugnis jüdisch-schwäbischer Literatur aus der Umbruchzeit der Napoelonischen Kriege, in welcher unsere heutige moderne Welt ihre Gestalt annahmen. Seine Schilderungen bieten eine Fülle von Informationen aus erster Hand und ermöglichen es die moderne Geschichte der Juden in Augsburg unter anderen Gesichtspunkten zu sehen. Ein Muss für jeden historisch interessierten Leser.

Im Herbst 2012 als Buch mit Begleitkapiteln, Karten und Abbildungen erschienen im Kokavim-Verlag

Yehuda Shenef – Tage des Gerichts, der Bericht des Ber Ulmo

152 S. , 24.50 Euro

ISBN 978-3-944092-00-3

Erhältlich in jeder guten Buchhandlung oder online

bei Amazon, Ebay, Weltbild und Co.

http://www.amazon.de/Tage-Gerichts-Bericht-Ulmo-Pfersee/dp/3944092007


Toooor in Donauwörth, Tor in Donauwörth …!

August 26, 2011

Regelmäßige Seher der “sky” – Bundesliga – Konferenz kennen entsprechende Ausrufe, falls gerade in einem anderem Spiel, als das was eben gezeigt wird ein Treffer gefallen ist, wonach meist sofort dorthin umgeschalten wird. Zwar ist der FC Donauwörth O8 weit entfernt davon, in der ersten Bundesliga mitzuspielen, doch die zur Zeit in Donauwörth zu sehende Ausstellung zur Mangold – Burg rechtfertigt den Torschrei allemal, wird dort doch auch das ansehnliche Eisentor ausgestellt, welches eine stilisierte achtarmige Chanukkia zeigt.

Die Beschriftungstafel sagt dazu dieses: “Die 110 kg schwere Eisentüre verschloss vermutlich die Schatzkammer des Rathaus. Der Tradition nach stammt sie von der 1308 abgetragenen Mangoldsburg.”

Ein im österreichischen Moedling ausgestelltes siebenarmiges, ansonsten völlig identisches Vergleichsstück wird freilich als Synagogentüre erkannt, was zugegeben auch nicht schwer festzustellen ist, entspricht die Darstellung der Menora der in Hochmittelalter üblichen, wie wir von zahllosen Illustrationen wissen. Es ist durchaus denkbar, dass nach dem Ende der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde, das Tor im Donauwoerther Rathaus verwendet wurde. Dies erklärte wenigstens, warum die Tür überhaupt noch erhalten ist. Von der Mangold – Burg freilich wird sie kaum stammen, es seie denn diese war eine jüdische Burg. Das wäre in der tat noch bemerkenswerter, aber ziemlich unwahrscheinlich.

Seltsamerweise ist das markenteste Ausstellungsstück im Begleitkatalog weder abgebildet noch überhaupt erwähnt. Eine Abteilung der Ausstellung thematisiert aber die Ausgrabungen am Gelände bei der Burg selbst. Hinter einem üblichen Bauzaun befinden sich sodann Geröll, Schaufeln, Handschuhe und dergleichen … aber auch Knochen, die wir hoffen, nicht echt sind. Aber man weiß ja nie …

Die Ausstellung ist  noch bis zum 25. September 2011 geöffnet, täglich von 11 bis 18 Uhr.
Ein Bericht mit zahlreichen Photos zur weiteren Ausstellung:

http://www.myheimat.de/donauwoerth/kultur/sonderausstellung-zur-mangoldburg-in-donauwoerth-ein-unbedingtes-muss-d2065629.html

An exhibition in Donauwoerth on the history of the old Mangold castle (destroyed in 1308) shows the iron door, which probably is from the old synagogue.

 


Jakob von Linz, Arzt der Kaiser

December 28, 2010

Jakow von Linz wurde als Jakow bar Jechiel (ca. 1435-1511) im mittelalterlichen Augsburg geboren. Als Kind wanderte mit seinen Eltern nach der Ausweisung im Jahre 1439 aus der Reichsstadt wie viele andere zunächst in aufnahmefähige Herkunftsorte Augsburger Juden, etwa nach Ulm oder Lauingen. In den frühen 1450ern finden wir Jakow in Ulm als Schüler von Rabbi Meir (ca. 1410-1478), dem Sohn Rabbi Jakob Weil (1380-1456), bis 1438 der letzte Rabbiner in Augsburg. Rabbi Meir war Vorsitzender des Gerichts in Ulm und amtierte zugleich auch als Rabbiner von Burgau, dem Sitz der österreichischen Marktgrafschaft. Jakow schloss sich Jakob Weil (1435-1515) an, dem gleichfalls noch in Augsburg geborenen Sohn Rabbi Meirs und Enkel Jakob Weils, als dieser um 1455 nach Donauwörth berufen wurden, zunächst als Vorsänger, schließlich als Rabbiner und zuletzt als Vorsitzender des Gerichts. Dem Vernehmen nach war auch Jakow eine Weile als Kantor in Donauwörth und mit Rivke (Edel) der Enkelin Rabbi Jakob Weils und Schwester seines Freundes verheiratet, ehe er (mit ihr) nach Prag und Wien ging, wo er sich seine medizinische Ausbildung erwarb. Schließlich finden wir ihn um 1460 als Leibarzt am Hofe des Habsburgers Friedrich III. (1415-1493), seit 1424 Herzog von Kärnten, ab 1440 römischer König und seit 1452 schließlich auch Kaiser des Reiches (פרידריך השלישי, קיסר האימפריה הרומית).

 Jakow bar Jechiel verfasste auch medizinische Schriften (dazu später mehr) und lehrte am Hofe Friedrichs in Linz unter anderem auch Johannes Reuchlin (1455-1522) aus Pforzheim, einem der bedeutendsten christlichen und humanistischen Gelehrten des Mittelalters, der als bedeutendster humanistischer Philosoph, Hebraist und christlicher Verteidiger des Talmuds in die Geschichte einging. Es wird allgemein angenommen, dass Reuchlin seinem Lehrer Rabbi Jakow in seinem Werk „De arte cabbalistica“ literarisch würdigte.

Den Angaben von Heinrich Graetz (1866) gemäß wurde Jakow von Kaiser Friedrich für seine überragenden Dienste sogar auch zum Ritter ernannt, was für einen Juden im Mitteleuropa des 15. Jahrhunderts völlig beispiellos sein dürfte und blieb bis zum Tod des Kaiser im Jahre 1493 dessen Leibarzt.

Nach Friedrichs Tod wechselte Jakow in die Dienste dessen Sohnes und Nachfolgers Maximilian I. (1459-1519), dem er gleichfalls als persönlicher Leibarzt diente und begleitete. Maximilian war in der Wiener Neustadt geboren und bereits seit 1486 deutscher König, 1493 als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. Herzog von Österreich und 1508 schließlich auch Kaiser. Kaiser Maximilian, der auch als enger Vertrauter der Fugger gilt, hielt sich in 17 nachgewiesenen Aufenthalten über mehr als zweieinhalb Jahre in Augsburg auf, wo er sich 1504 ein Haus der Patrizierfamilie Meuting in der heutigen Heilig-Kreuz-Gasse als Wohnhaus erwarb. Bereits 1473 hatte er seinen Vater Friedrich erstmals nach Augsburg begleitet. Man baute eigens für ihn, ein heute zumindest namentlich noch als „Alter Einlass“ erinnertes Tor in die Stadtmauer, die in diesem Teil rund 200 Jahre zuvor von den Augsburger Juden selbst errichtet wurde, und nannte ihn mal liebevoll mal scherzhaft „Bürger-„ oder gar „Bürgermeister von Augsburg“.  

(Meuting-Haus in Augsburg, von 1504 bis 1519 im Besitz von Kaiser Maximilian I)

Auch die Augsburger Steuerlisten verzeichneten jüdische Ärzte in der Stadt. Der erste ist Sanwel von Friedberg, zu dem angemerkt ist „ir arzet und ir fleischheckel“. Man kann hoffen, dass der Nebenjob des Fleischhackers ansonsten keinen Aufschluss über seine Tätigkeit als Arzt gab, jedoch ist der aus dem (wohl benachbarten) Friedberg stammende Samuel immerhin in der Zeit von 1355 bis 1377 als Steuerzahler registriert, was auf eine gewisse Beständigkeit und Verlässlichkeit schließen lässt.  Im Jahre 1377 erwähnen die Unterlagen einen namentlich nicht genannten Sohn des Klein Pendit ebenfalls mit dem Zusatz „ir arzat“. Klein Pendit (clain pendit) selbst ist neben seinem Bruder Sueskind von 1367 bis 1380 (bzw. 1277) verzeichnet. Von 1380 bis 1384 wird Mair (Meir) als Arzt genannt, bei dem es sich wohl um den vorgenannten, zuerst namentlich nicht genannten Sohn des Klein Pendit handelt.

Jakows Beiname Loans, hebräisch als לואנש überliefert, basiert übrigens sehr wahrscheinlich auf der Linzer Mundart, d.h. dem gängigen oberösterreichischen Dialekt, wie mir ein „hoibada Loanser“ (ein halber Linzer) glaubhaft versicherte und meint demnach nach heutigem Gebrauch לינץ, bzw. ganz üblich Jakow (von) Linz, die Landeshauptstadt von Oberösterreich mit knapp 200.000 Einwohnern nach Wien und Graz drittgrößte Stadt Österreichs und zusammen mit Vilnius (ווילנע) 2009 Kulturhauptstadt Europas. Weniger wahrscheinlich wäre ein Bezug zum Tiroler Dorf Lans bei Innsbruck, um 1200 erstmals urkundlich als „Lannes“ erwähnt, jedoch ohne bekannte Bezüge zu einer jüdischen Geschichte, die ein entsprechendes Toponym begründen könnte.  

In Linz sind Juden seit dem 13. Jahrhundert im Bereich des heutigen Altstadtviertel mit der Synagoge in der heutigen Hahnengasse nachweisbar. Die Linzer Juden wurden jedoch 1421 im Zuge der „Wiener Gesera“ meist ermordet. Einige wurden zwangsgetauft, nur wenige konnten fliehen. In der Folgezeit hielten sich Juden in Linz nur zeitweilig auf und bildeten kleine, instabile Gemeinden für einige Jahre oder Jahrzehnte. Erst um 1850 etablierte sich eine neue dauerhafte Gemeinde, die bald 1000 Mitglieder hatte. Ein Linzer Schulfoto aus dem Jahr 1901 zeigt den jüdischen Philosophen Ludwig Wittgenstein und Adolf Hitler als Mitschüler. Schon 1939 freilich waren nur noch 30 Juden in Linz. 1968 wurde die neue, heute noch bestehende Synagoge in der Bethlehemstr. eingeweiht. 

Yakov of Linz(ca. 1435-1511)was born in Augsburg and married in Donauwoerth Rivka (or: Edel), the granddaughter of Rabbi Jakob Weil, the last medieval rabbi of Augsburg until 1438. She was the daughter of Rabbi Meir, the teacher of Yakov and the sister of Jakob Weil II., who was head of the Bet Din in Donauwoerth. Yakov bar Yekhiel was chazzan (cantor) and composed some piyutim, pieces of synagogal poems. He moved to Vienna and to Prague, where he was properly trained as doctor of medicine. About 1460 Yakov appears as personal physician of Frederic III, King of Germany and since 1452 Roman Emperor at his court in Linz (Austria). After Frederic’s death in 1493 he was the personal doctor of his son Emperor Maximilian I. who, as is well known, in very good terms with the Augsburg Fugger and who acquainted in 1501 a house in Augsburg. The house still exists today at the backside of Augsburg’s City Theater. However Yacov of Linz is best known as Jakob Loans and as Hebrew teacher of Johannes Reuchlin, a Christian scholar who became famous as fierce defender of the Talmud and as humanist and hebraist. According to common tradition Yacov bar Yekhiel died in 1506 in Linz, but other more substantial sources however maintains that he died at the 10th day of Omer in 5271 what is the 25th of the month Nissan in the Hebrew Calendar in Burgau (what corresponds to Wednesday 23rd of April in 1511) and also was buried there. His grave marker, which as the whole Jewish cemetery of Burgau does no longer exist, mentions him as רופא לקיסרים – rofe lekesarim – doctor for the emperors. According to that in 2011 we may commemorate the 500th anniversary of the death of the remarkable Augsburg born chazzan, poet, rabbi and physician, who after the expulsion of the Jews from Augsburg returned several times to his hometown with the entourage of two Roman Emperors in a time when Augsburg reportedly was “free of Jews”.  Among his offspring, as is widely assumed is Jossel of Rosheim (1478-1554), who represented and defended as leader and speaker of the Jews in the Reich their interests at the Imperial Diet. Other descendents we find later as inhabitants of the Jewry in Pfersee, near Augsburg.  

(note the swastika like ornaments)


Gibt es eine jüdische Zukunft in Schwaben ..?

November 30, 2010

Als Außenstehende und im Wortsinn beinahe „displaced persons“ war es für uns durchaus eine bemerkenswerte, aber leider auch sehr kurzfristige Erfahrung, gewissermaßen im Vorprogramm einer zweitägigen Fachkonferenz von Museumsvertretern die sich mit der „Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben“ beschäftigt, als „jüdischer Verein“ einen Vortrag zu halten und dabei Grundlagen und Ziele anzusprechen und dabei einige Einblicke in bereits vier Jahre unserer Aktivitäten und Interessen zu resümieren. Der Zeitplan freilich, mit einer direkt auf unseren Vortrag folgenden Mittagspause, der mit Schneefall einbrechende Winter und insbesondere der Ende November schon früh beginnende Schabbes am Freitagnachmittag ermöglichten uns jedoch lediglich nach unserem Beitrag, einmal um das Gelände der Klosteranlage zu laufen und abzufahren. Es bot sich uns deshalb leider keine Gelegenheit, ein Feedback zu bekommen, die gewiss auch für unsere Arbeit interessanten Vorträge der Fachleute und ihre ganz anderen Perspektiven und Erfahrungen zu hören und Anregungen oder sonst immer willkommene Kritik aufzunehmen. Lediglich einige wenige Wortwechsel am Rande vor und nach unserem Beitrag waren erreichbar, so wie wir auch einige Bekannte von früheren Exkursionen, wie etwa Frau Atzmon oder Herrn Auer bei der Konferenz antreffen konnten. Von den bis Freitagmittag anwesenden rund 30 Teilnehmern der Tagung in Irsee stellte der JHVA zusammen mit unseren Mitgliedern Jakow Samoylovych und Agnes Maria Schilling immerhin vier.

Der Gastgeber der Tagung Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl vom Bezirk Schwaben, der in seiner Eingangsrede bereits einige kritischen Punkte ansprach und die berechtigte Fragte aufwarf, ob die sog. “Erinnerungsarbeit” die etablierte Institutionen leisteten die real existierenden Juden in der Region überhaupt erreichten und berührten. Schon seine frühere Erfahrung in “jüdisch-christlichen” Gesellschaften, zu denen kaum oder kein Jude kam und wo Christen selbst eigene Abarten jüdischer Feste feierten, um sich den (nicht anwesenden) Juden “irgendwie verbunden” zu fühlen, haben ihn daran zweifeln lassen, ob es sich nicht eher um ein Nebeneinander handle…

Das wäre dann vielleicht auch so, als wenn Juden ohne Christen Karfreitag feierten … 🙂

Die Perspektive des JHVA ist – bei allen individuellen Standpunkten und Voraussetzungen der einzelnen Mitglieder- in der Summe doch etwas anders. Grundlage für das Selbstverständnis ist Talmud – Thora, weniger im Sinne vom Sammeln alter Bücher, sondern vom Studium der Inhalte und den Ableitungen daraus für das tägliche Leben. Mitglieder des JHVA müssen keine Juden sein, jedoch sollten sie einen Bezug zu Gott haben, ob katholisch, islamisch oder … eben jüdisch, andernfalls lässt sich die Geschichte auch vor Ort nicht erfassen und weiter vermitteln, außer man beschränkt sich auf Steuerlisten.

Schon aus der geschichtlichen Betrachtung ergeben sich zugleich entsprechende Interessen oder Sympathien: wo und wie haben Juden gelebt, unter welchen Verhältnissen und Beziehungen an welchen Orten, wie haben sie diese Begebenheiten nutzen können, um vor Ort die Gebote der Thora zu erfüllen und auf welche Widerstände und Besonderheiten sind sie dabei gestoßen. Welche Beziehungen gab es zu Christen und anderen und welchen Einfluss haben sie untereinander genommen, wie haben sie die gemeinsame Geschichte bewerkstelligt, wo waren Gemeinsamkeiten, wo Gegensätze, wie der Alltag.

Das wesentliche Ziel ist es den zugewanderten Juden aus Osteuropa, die in zweiter, dritter oder gar vierter Generation Nachkommen einer bereits verlorenen Generation von Juden entstammen in der neuen, alten Heimat Anhaltspunkte zu geben, zur Tradition der Voreltern  zurückzufinden. Nur wer die Vergangenheit am eigenen Ort kennt, kann sich in ihr zurechtfinden und seinen Anteil daran finden und für die Zukunft wirken. Erinnerung ist ein wesentliche Bestandteil der talmudischen Tradition und fundierte ihn. In einer gedankenverlorenen Gesellschaft, die vergessen hat, dass ihre schon oft auch nur noch sehr vagen Symbole auf in Vergessenheit geratene ganz konkreten Funktionen basieren, ist es eine ebenso mühevolle wie aussichtslose Anstrengung diese praktischen Funktionen wieder ins Leben zu rufen. Es mag für manchen schön sein, Schabbesleuchter zu sammeln. Aber das nutzt nichts, wenn man sie nicht benutzt. Ohne Funktion ist nur ein totes Symbol, das schön glänzen kann und teuer sein kann, damit aber auch eine gedankliche Hürde aufbaut, denn man muss nicht reich sein, um die Lichter für den Schabbes zu entzünden. Dafür reichen wenigstens zwei einfache Kerzen und heutzutage in einer zwar geschäftstüchtigen Gesellschaft, die vor einen Weihnachtsabend gerne zwei Monate Weihnachtsgeschäft als Vorlauf schaltet eventuell auch bereits etwas Courage und Unerschrockenheit. Bloße Erinnerung, Sammeln von Symbolen ist sinnlos wen es nicht zum aktiven Handeln führt.

Die Thora befiehlt uns zum Schabbes „sachor“ und „schamor“ – gedenken und bewachen, damit ist kein Schabbes-Museum gemeint, … sondern es zeigt auf den untrennbaren Zusammenhang zwischen Erinnern und Handeln. Handeln ohne Erinnern ist bestenfalls Dummheit und Erinnern ohne Handeln ist allenfalls komatös.

Abgesehen von unserer Webseite, die den praktischen Zweck, schnell effektiv und mehrsprachig viele Menschen in aller Welt zu erreichen und immer weitere neue Kontakte zu erhalten und zu vermitteln, stellen wir nichts aus und betreiben auch kein „History Marketing“. Wir sehen in der jüdischen Geschichte und ihren materiellen Überresten und ihren menschlichen Vertretern auch keine „Ware“, deren Daten unzugänglich und unter Verschluss bleiben und so offenbar schwerer zu beschaffen sind als illegale CDs mit Namen und Daten von Steuersündern. Unser Anliegen ist es deshalb unsere Forschung öffentlich erreichbar zu machen, damit Nachkommen in aller Welt freien Zugang dazu haben.  Einem Urenkel in Australien nutzt es gar nichts, wenn seine Vorfahren vielleicht in einem Buch erwähnt sind, dass mit 200 Stück Auflage in der einen oder anderen Dorf-Bücherei steht. Das sehen wir alles ganz im Sinne der Nachkommen und Verwandten, die ja ab und an auch weitverzweigte eigene sind. Thematisch sprachen wir auch für uns aktuelle Fälle wie die Eisentüre von Donauwörth oder geplante Gedenktafel am ehemaligen “Obermayer – Palais” an.

Ansonsten wollen wir dazu einen Beitrag leisten, das in Deutschland ermordete Judentum aus der „Leichenhalle Museum“ zu befreien und Impulse für eine neue Zukunft zu geben. Da nun „Talmud“, „Schächten“ oder „Beschneidung“ auch unter vielen unserer russischen Zuwanderern, die zur Wintersonnenwende gerne ein angeblich nur russisches, nun aber gar in keiner Weise christliches Fest mit geschmückten Tannenbaum im Wohnzimmer feiern, mitunter aber noch fast ekelerregende Begriffe sind, wird das zwar vergeblich sein und wahrscheinlich ist es sogar idiotisch, aber interessanter und keineswegs langweiliger als vieles anderes, was man tun kann, zumal wir als Narren ja dann auch wieder eine gewisse Art von Freiheit haben.

Der tägliche Umgang etwa mit talmudischen Speisen und Kochrezepten oder die Erforschung mittelalterlicher Schriften oder Schneiderarbeiten und Trachten geben uns immer neue Einblicke in die Lebensweisen unserer Vorfahren in der Region. Da wir nicht nach Geld, Auszeichnungen oder Titel streben, genügt es uns im Prinzip, dass wir mit der Erforschung der Geschichte auch unsere eigene Lebensqualität verbessern können und freuen uns natürlich darüber, wenn wir mit dieser einfachen Botschaft auf schwierigem Terrain andere Menschen erreichen können. Ganz im Sinne von Süßkind von Trimberg kann man sich immer noch „nach alter juden leben“ auf den Weg machen. 

The tiles at the walls of the restrooms of the former monastry and current conference hotel depict six-pointed stars. That of course graveled us somewhat, since in an historical Christian facility one rather would expect crosses … but the times are changing and now there is no timidity to exhibit Jewish symbols to the public even in a former cloister …

Essensgutschein, den uns ein Teilnehmer der Konferenz zeigte. Die Überschrift täuscht etwas über den Inhalt der Tageskarte hinweg. But as Forrest Gumps momma always said: “Life is like a box of chocolates. You never know what you’re gonna get.”

Zum Abschluss unseres Vortrages und zugleich auch um einen Einblick in einen wesentlichen Aspekt unserer Arbeit zu vermitteln trugen einen Abschnitt unseres geschätzten Pferseer Gelehrten und Gemeinde- und Landesvorsitzenden Schimon Ulmo aus einem seiner um 1700 verfassten Sechs Kapitel vor. Daraus hier zwei kleinere Abschnitte:

Es ist deshalb sehr ratsam, sich nicht mit Mächtigen einzulassen, da diese nur mit der Verwirklichung ihrer eigenen Absichten beschäftigt sind. Das erste Vorliebe ist immer ihre Stellung zu sichern und wenn sie diese doch räumen, dann nur für Ihresgleichen auf Gegenleistung. Ein tatsächliches Interesse am Wohlergehen anderer haben sie nicht. Dies hat nur zeitweilig den Anschein, wenn es ihren Interessen dient und ihnen nützlich erscheint. Das Wesen der politischen Macht besteht darin, jene die sie besitzen von den anderen Menschen im Volk zu trennen. Da mögen nun also der Bauer und der Kaufmann fleißig ihre Gulden abgeben, der Fürst wird damit grimmige und kräftige Kerle bezahlen, die mit Schwert und Pistole daran hindern mit ihrem Fürsten zu sprechen. Die Struktur der Machtposition basiert auf der Unabhängigkeit von den Untergebenen und ist mit diesen nur deshalb und deshalb nur lose verbunden. Ein Hund kann kein Schaf sein und ein Mächtiger kein guter Hirte. Jede Annäherung durch Politiker wird aus diesem Grunde von bloßem Eigennutz angestrebt. Wäre dem nicht so und wollte eine Sache tatsächlich zum Wohl anderer Menschen geschehen, so wäre mit diesen eine Gemeinschaft geschaffen und die Rangfolge aufgehoben.”

Willst du dich also der Gier entsagen zu welchem Zweck also willst du einen Rabbiner in deiner Gemeinde der reich an Bildung sein mag und arm an Taten bleibt? Er mag dir leere Worte ohne Ende predigen, aber er wird keines der Gebote der Tora für dich ausführen. Denkst du etwa, er wird dir Geld geben, damit du den Armen spenden kannst? Und so er dies auch tun würde, denkst du es würde dir im Himmel angerechnet? Denkst du dann auch es nutzt wenn er deine Kinder segnet, wenn du es nicht tust oder nicht kannst? Und mehr noch: bedarf es nicht mehr der zehn verständigen Männer um das Gebet zu sprechen oder warum wollt ihr nicht gar zehn Rabbiner anstellen, um für euch die Gebete zu sprechen und die Gebote zu erfüllen? Folge also nicht der Versuchung der Gier und diesem leeren, eitlen Streben, sondern halte dich fern von jeder Art davon und bedenke, dass es heißt, von jedem Menschen zu lernen, da er wie du im Schatten Gottes steht. Bedenke, dass jede Übertretung der Tora die nächste nach sich zieht, denn der Lohn der Übertretung ist die nächste Übertretung, der Vorteil eines Fehlers ist der nächste Fehler, der Gewinn aus der Sünde ist die nächste Sünde. So du also damit beginnst, um Anerkennung zu buhlen, so wirst du immer mehr von der Sünde getrieben.“

(All pictures by JHVA, Yakiv Samoylovych, except the first and the last six ones, which are by Yehuda Shenef)


דלת הברזל של בית הכנסת דונאווערט

November 2, 2010

בעיר דונאווערט בנהר הדנובה הייתה קהילה יהודית מהמאה ה -12 המאוחרות ועד 1518.

על פי כללי, היום אין שרידים בעיר של עבר היהודי, רק יודעים איפה בערך היה הסמטה של הקהילה היהודית – אבל אף אחד לא יודע איפה, למשל, היה בית הכנסת בעיר או בית הקברות. אחרי 500 שנה זה באמת לא הפתעה.

אבל יש הפתעות אחרות במוזיאון של ההיסטוריה העיר :דלת ברזל עם ייצוג של מנורה עם שמונה זרועות, אנחנו יודעים כחנוכיה.

בעיר הם מאמינים כי דלת הברזל של טירה עתיקה נהרס ב 1308,אין להם מושג שיש קשר ליהדות או בית הכנסת. זה קשה להבין כי הסמל של המנורה מאוד ידועה גם בגרמניה, כמובן. אבל מצאנו באינטרנט שיש עוד דלת הברזל אחר אשר דומה מאוד הדלת בעיר דונאווערט. גם הדלת הזה עם מנורה, אבל עם שבעה זרועות. גם דלת הזה במוזיאון בעיירה קטנה מעדלינג 15 ק”מ מווינה, הבירה של אוסטריה גם על הדנובה הנהר. במוזיאון זה ידוע כי דלת הברזל של בית הכנסת, זה ידוע גם כי הדלת עשויה זמן לפני .1420 שתי הדלתות הם דומים כל כך, שצריך להיות קשר. אולי הם נעשו בסדנה אותה. ייתכן גם כי יש דלתות יותר בבתי כנסת אחרים.

 1 – Donauwoerth at the Danube / Bavaria /Germany  2 – Moedling near Vienna / Austria
Maria Zelzer – Geschichte der Stadt Donauwoerth, Band 1: Von den Anfängen bis 1618; Donauwoerth, 1958, 1979; S. 196 b Mödling, ehemalige Tür der Synagoge, vor 1420; Museum Mödling – Thonetschlössl (Bezirks-Museums-Verein Mödling), www.museum.moedling.at.tf 

 www.david.juden.at/2008/77/8_paulus.htm 


Spuren der jüdischen Geschichte in Donauwoerth

November 1, 2010

Aus der mittelalterlichen Geschichte der Juden in Augsburg sind eine Reihe von Juden bekannt, die bezeichnet werden als „von Werd“. Zwar spricht vieles dafür, dass es sich dabei um das heutige 45 km nördlich von Augsburg gelegene Donauwörth handelt, da schon früh eine „civitas de Werde“ überliefert ist. Andererseits ist „Werd“ (oder „Werth“) kein seltener Name und findet sich recht häufig als Ortsbezeichnung, da das mittelhochdeutsche Wort schlicht „Insel“ heißt, doch solche gibt es – namensgebend an Flüssen oder Seen – allenthalben. Zwar sind die meisten Bezeichnungen als Toponyme heute verschwunden, viele kleine Orte existieren aber noch unter diesem Namen und selbst an der Donau hat sich als Wörth (bei Regensburg) der Ortsname Werd (an der Donau) gehalten, während anderenorts die Bezeichnung vielfach in bloße Flurbezeichnungen oder Straßennamen übergegangen ist. Als Unteres Werdli wird eine der kleinen Inseln am Untersee des Bodensees bezeichnet. Da alle Inseln sind, heißt auch jede Werd und insgesamt spricht man tautologisch zur Verdeutlichung von den Werd-Inseln. In der elsässischen Grafschaft Werd existiert heute noch das Château de Werde, usw.

Donauwörth verdankt seine Besonderheit dem Zusammenfluss von Wörnitz und Donau – auch Zusam und Lech fließen in relativer Nähe in die Donau.  Donauwörth lag also recht günstig für den Schiffsverkehr, andererseits lag die ursprüngliche Insel (heute Ried genannt) wie auch das Umland in Hochwassergefahr und bot wenig Expansionsmöglichkeiten, weshalb sich zunächst der Mangoldfelsen anbot, auf dem eine Burg errichtet wurde. Dort wurde auch ein Kloster errichtet, das eines Splitter vom Kreuz des Jesus bedurfte, um die erforderliche Aufmerksamkeit auf die Ansiedlung zu lenken. 1193 wird der Ort „Werd“ von Heinrich VI. zur Stadt erhoben und um 1214 lässt sich der Deutsche Orden in Werd nieder. Die ältesten urkundlichen Belege registrieren im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts auch Juden an dem kleinen Ort, der auf der vorgelagerten Insel Ried, in der Gegend um das Rathaus und um den Mangoldfelsen herum erst spärlich besiedelt war.  Der in Speyer geborene Rabbi Jehuda bar Schmuel Kalonymos, zuletzt bis seinem Tod Rabbiner in Regensburg und der Nachwelt am besten als Jehuda ha-Chassid bekannt, hielt sich aber als allseits respektierte Autorität bereits im Frühsommer am Neumond des Tamus 1195 oder 1198 zur Schlichtung eines Rechtsstreits in der  קהל וערד  auf, was wir durchaus als jenes Werd deuten können, da in dieser Zeit wohl kein anderes als Sitz einer jüdischen Gemeinde in Frage kommt. Wer andere Informationen hat, möge es uns wissen lassen.

Eine genauere Datierung ist nicht möglich, da wegen der Verwechselbarkeit der Buchstaben ה und ח  4955oder 4958 in Frage kommen, zumal in beiden Jahren der Neumond auf das Ende des Schabbats fiel und der Abschnitt Korach gelesen wurde, weshalb die zusätzlichen Angaben in beiden Fällen zutreffen. Beim fraglichen Neumondstag Tamus handelt es sich also um Sonntag den 18. Juni  1195 oder  um Sonntag den 14. Juni 1198, wobei der Rabbi gewiss wegen des Schabbats vorher angereist sein und sich wahrscheinlich sozusagen übers Wochenende dort aufgehalten haben dürfte. Aber angesichts der ansonsten stillen Ortsgeschichte fällt die kleine Datierungsunsicherheit auch nicht weiter ins Gewicht, interessanter ist schon die Frage, wo er sich aufhielt und wo die Gemeinde (קהל) ihren Sitz hatte. Erst in späterer Zeit ist ein einzelnes Haus in Nähe des Rathauses als Sitz der Juden genannt, freilich mit sogleich 16 Wohnungen. Der früheste Nachweis eines Rathauses geht auf das Jahr 1236 zurück und war noch ohne das später zum Ausbau genutzte Steinmaterial von der aufgelassenen Burg. Das schließt nicht aus, dass schon damals Juden neben dem dann eben erst später entstehenden Rathaus wohnten, ist aber bloßes Raten, zumal es erste noch reichlich ungenaue Stadtpläne erst ca.300 Jahre später gibt. Möglich ist auch, dass schon in der Stauferzeit Juden in der „Judengasse“ oder am „Judenberg“ wohnten, auch wenn die Namen erst später genannt werden.

Im Jahre 1256 ließ der Wittelsbacher Herzog Ludwig von Bayern auf der Burg seiner Frau Maria von Brabant aus Eifersucht den Kopf abschlagen, da ein Bote zwei Briefe verwechselt haben soll. Der christliche Lehrer und Verlagsunternehmer Ludwig Auer (1839-1914) widmete dem Drama ein „fünfaktiges Trauerspiel“, das immer noch in unmittelbarer Nähe des Geschehens in der Freilichtbühne am Mangoldfelsen aufgeführt wird. Bereits im Jahre 1266 wird die Burg verpfändet, was in späterer Zeit wiederholte male das Schicksal von Werth an der Donau sein sollte. Die Burg Mangoldstein wurde bereits im Jahre 1301 durch den Habsburger König Albrecht I. (1255-1308) zerstört, freilich brachte ihm das kein Glück ein, wurde er selbst 1308 von seinem Neffen Johann von Schwaben getötet, als dieser ihm mit einer Axt den Kopf spaltete.  Zur selben Zeit wurden Steine von der Burg für den Ausbau den Rathauses der nunmehr Freien Reichsstadt abgetragen.

Am Abend des 23. August des Jahres 1298 zählen Joseph von Werde und Mosman sin sun zu den 15 namentlich genannten Vertretern der Augsburger Judengemeinde, die sich gegenüber der Stadt Augsburg dazu verpflichten, einen ca. 400 Meter langen Abschnitt der Stadtmauer vom (Augsburger) Kloster Heilig Kreuz bis zum jüdischen Friedhof (Judenkirchhof) an der Blauen Kappe (heutige Bezeichnung beim Curt Frenzel Stadion) nach Maßgabe der Stadtpfleger Hartman dem Langemantel und Konrad dem Langen binnen vier Jahren zu bauen. Es handelte sich ohne Zweifel um ein bauliches Großprojekt, da die Mauer ca. sieben Meter hoch und ca. einen Meter breit war, was einem Volumen von ca. 2800 m³ entspricht. Der Name Klinkermauer (nachdem auch das Klinker Tor benannt wurde), lässt darauf schließen, dass sie nach dem damals noch neuen Verfahren als Hartbrandziegel hergestellt wurden, ebenso wie auf eine parallele innerstädtische Maueranlange (Wehrgang), deren Fundamente 2008 beim ehemaligen Klinkertor freigelegt waren und nachvollzogen werden konnten. Wie nun auch immer, waren Josef und Mosman, Vater und Sohn aus Werd (Donauwörth) stammende Juden als führende Mitglieder der Augsburger Gemeinde am Bau dieses Werkes aktiv beteiligt. Bis 1438 sind die Brüder Josef und Chaim (Heye) noch als sechste Generation von Josefs und Mosmans (Moses) Nachkommen aus Werd in Augsburgs Steuerlisten verzeichnet.    

Die räumliche Nähe der Judengasse an der Stadtmauer zum direkt außerhalb befindlichen Kaibach legt nahe, dass sich hier auch die Mikwe der Gemeinde befunden hat. Der Verlauf der Straße kann aufgrund älterer, aus jüdischer Sicht freilich weit späterer Zeit, in etwa nachvollzogen werden. Bauliche Substanz aus dieser frühen Zeit ist freilich nicht mehr vorhanden und Ausgrabungen wie sie aktuell im Zusammenhang mit einem Neubau in unmittelbarer Nähe zum Mangoldfelsen gerade stattfinden sind im Bereich der Judengasse wohl auch nicht zu erwarten, da hier trotz der Umbenennung der Straßen in Ölgasse und Ölberg auch nicht mit entsprechenden solchen Funden zu rechnen ist. Im Jahre 1495 ist der Sitz der Gemeinde hier verbürgt, angeblich im Sinne eines „Ghettos“ und ohne Kenntnis darüber, wo sich die Synagoge oder andere Einrichtungen der Gemeinde befunden haben mögen. Bald darauf bis zur Ausweisung im Jahre 1518 gab es einen eigenen Friedhof der Juden von Werd, dessen Lage unbekannt ist, der sich aber wegen der räumlichen Verhältnisse wohl außerhalb der Stadt, vielleicht in einem der abgesteckten Felder befand, die östlich der Stadtmauer im Burgfriedensplan von 1544 zu sehen sind, ein Bereich der auch heute noch entlang der „Promenade“ kaum besiedelt ist.

Schwäbischwerd wurde bereits von Kaiser Ludwig dem Bayern und in der Folgezeit auch von dessen Nachfolger Karl IV verpfändet, obwohl dieser zuvor ausdrücklich vertraglich zusicherte, dies nicht zu tun. Bereits 1607 endete die Geschichte von Werd oder Schwäbisch Werd als Freie Reichsstadt und der Ortname lautete nunmehr Thonauwörth. Historisch bedeutsam ist die Schlacht am Schellenberg bei Donauwörth im Juli 1704, als John Churchill der Duke of Marlborough, ein Vorfahr von Winston Churchill über die Bayern siegte und die Stadt arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. In der Folge blieb Donauwörth jedoch eine allenfalls regional bedeutsame Kleinstadt, die erst durch die Gebietsreform in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Eingemeindungen seine heutige Größe erreichte und aktuell etwa 18.000 Einwohner hat.

An die jüdische Stadtgeschichte erinnert heute – fast 500 Jahre nach der Auflösung der letzten bekannten jüdischen Gemeinde – in Donauwörth gar nichts. Freilich könnte eine 1979 in der zweiten Auflage des bereits 1958 verfassten ersten Bands von Maria Zelzers „Geschichte der Stadt Donauwörth“ abgebildete „Eiserne Tür von der Mangoldburg“ einen Bezug zur hochmittelalterlichen Judengemeinde in Donauwörth haben.  In der Bildbeschreibung am Ende des Bandes heißt es: „Eiserne Tür, die vermutlich die Schatzkammer im Rathaus verschloss. Der Tradition nach vom Mangoldstein, heute im Donauwörther Heimatmuseum“. Ob sich die Eisentür heute noch dort befindet, konnten wir bei unserem Kurzbesuch in Donauwörth nicht aufklären, da das Museum am späten Nachmittag geschlossen war und auch das zunächst anvisierte „Haus der Stadtgeschichte“ gemäß der Internetpräsenz der Stadt Donauwörth „nur auf Anfrage geöffnet“ hat. Die Eisentür jedenfalls ist mit verschiedenen Beschlägen kunstvoll gestaltet und zeigt im oberen von zwei Querverstrebungen gebildeten Vierteln unzweifelhaft eine Menora, also einen ursprünglich jüdischen und typischen Leuchter, wie man ihn in verschiedenen Varianten in aller Welt kennt. Vom mittleren Schaft zweigen übereinandergesetzt drei runde, jeweils zwei Arme bildende Bögen ab, während der Schaft selbst in zwei Bögen endet. An der Spitze jeder der acht Bogenenden befindet sich ein Abschluss der relativ deutlich die Funktion als Kerzenhalter bestätigt. Es deutet deshalb daraufhin, dass die Illustration keine gewöhnliche Menora als siebenarmigen Leuchter, sondern die besondere Form des achtarmigen Leuchters darstellt, wie er für das jüdische Weihefest Chanucka erforderlich ist. 

(Abbildung aus Maria Zelzer – Geschichte der Stadt Donauwoerth – Erster Band Von den Anfängen bis 1618, S. 196 b, im Anhang ist der Hinweis “Foto: K. Rothlauf”)

Die gesamt Darstellung ist recht eigentümlich, erinnert ihre Machart, insbesondere was auch den Fuß des Leuchters und die weiteren Darstellungen auf der Türe anbetrifft doch sehr deutlich an klassische Darstellungen jüdischer Leuchter und Thoraschreine aus der Antike, insbesondere aus Israel, aber auch an zahlreiche entsprechende Darstellungen in römischen Katakomben des zweiten, dritten oder vierten Jahrhunderts. Die örtliche Tradition, wie den Angaben von Zelzers Buch zu entnehmen ist, schreibt die Herkunft des Tores der bereits 1308 abgetragenen Burg am Mangoldfelsen zu. Freilich ist es fraglich, warum die Burgherren der Mangold ein explizit jüdisches Symbol für eine Eisentüre hergestellt und/oder verwendet haben sollten. Wie auch immer blieb die Türe wohl erhalten, weil sie im späteren Rathaus der Stadt Verwendung fand. Von dort nun aber muss sie in irgendeiner Weise in das Museum gekommen sein, um dort 1979 fotografiert zu werden.  Maria Zelzer (1921-1999) zog 1961 nach Stuttgart, wo sie sich interessanter Weise mit der jüdischen Ortsgeschichte befasste, aber „wegen ihrer Recherche zum jüdischen Gedenkbuch immer stärker angefeindet wurde“ und in späteren Jahren sogar von Amts wegen für schizophren erklärt und unter Vormundschaft gestellt wurde. Die Bezugnahmen auf die Juden in Donauwörth im Jahre 1958 freilich waren noch recht dürftig. Beispielsweise wird erwähnt, dass die Juden sich nach 1495 trotz der strengen Ratserlässe „ganz wohl gefühlt haben“ und sich in Donauwörth vermehrten und sie „aufeinander steckten wie Fledermäuse“.  (Zelner, Bnd. 1, S. 161) Doch trotz der Abbildung der Menora-Türe im Buch blieb die naheliegende Deutung und Erklärung aus.

Dies zu gewährleisten ist heute freilich nicht einfacher. Zunächst fehlen der Geschichtsschreibung Belege für die Lokalisierung der Synagoge in Donauwörth. Die Legende schreibt das Tor der Burg zu, wohl mangels einer anderer Erklärung, wobei aber unklar bleibt, warum eine unzweifelhaft erkennbare Menora (Chanuckia) keinen Gedanken auf Juden aufkommen ließ, gerade auch bei der Archivarin der Stadt, die sich bald darauf mit der Geschichte der Juden in Stuttgart befasste – und bereit war, sich dafür offen anfeinden zu lassen. Die Art der Darstellung erinnert sehr an antike Vorbilder, was ohne weiteres nicht zu erklären ist, solange vergleichbare Darstellungen aus der mittelalterlichen Zeit fehlen. Trotz der antiken Darstellungsweise ist eine solch frühere Herkunft wenig wahrscheinlich. Sollte die Türe Bestandteile aus Holz haben, wären diese vielleicht datierbar. Die Möglichkeit, dass die Eisentüre eine womöglich alte Türe aus einer ehemaligen Synagoge der Juden in Donauwörth sein könnte, ist wohl nicht auszuschließen, außer man kann die eindeutige Abbildung als bloß „zufälliges“ Ornament abtun. Die Argumentationskette diesbezüglich freilich dürfte dann ggf. recht interessant werden, da es in der mittelalterlichen Stadt ohne Zweifel eine jüdische Gemeinde gab und eine fast identische, auf das Jahr 1420 datierte Eisentüre sich im österreichischen Mödling bei Wien befindet, wo sie als Synagogentüre identifiziert wurde:

http://www.david.juden.at/2008/77/8_paulus.htm

(Illustration by Chana Tausendfels)

(Kurzbiographie von Maria Zelzer: http://historischer-verein-donauwoerth.de/images/pdf/ZELZER-BIOGRAPHIE.pdf / )

 

The history of the Jews in Donauwoerth (in medieval times Werd or Sabian Werd on the Danube) usually is easily answered. The first records are from the times of the Hohenstaufer dynasty and since 1518 there is no Jewish community in the town. In the meantime there was a house with 16 flats near the townhall were the Jews lived in and in their last years they were forced to leave the spacious house and to move into an own quarter of the town consisting of two alleys – the “Judengasse” and the “Judenberg”. What apparently appears as substantial betterment local historians however have portrayed in terms of “force” or “ghetto”. Of course there are some taxpayer records and other deeds. However it is not even known where the synagogue or mikveh was or if there were any, but in their last decade there was an own Jewish cemetery and nobody knows where. So there are no traces left and basically that’s it. 

On the other hand there is an old iron gate photographed in 1979 and displayed at the museum of local history with a eight-branched menorah on it as we use it until today for the festival of Chanucka, but no one ever considered it as a Jewish symbol. An almost identical iron door at the small town Moedling near Vienna however with seven branches is dated 1420 and identified as door of the medieval synagogue. See link above