Gibt es eine jüdische Zukunft in Schwaben ..?

November 30, 2010

Als Außenstehende und im Wortsinn beinahe „displaced persons“ war es für uns durchaus eine bemerkenswerte, aber leider auch sehr kurzfristige Erfahrung, gewissermaßen im Vorprogramm einer zweitägigen Fachkonferenz von Museumsvertretern die sich mit der „Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben“ beschäftigt, als „jüdischer Verein“ einen Vortrag zu halten und dabei Grundlagen und Ziele anzusprechen und dabei einige Einblicke in bereits vier Jahre unserer Aktivitäten und Interessen zu resümieren. Der Zeitplan freilich, mit einer direkt auf unseren Vortrag folgenden Mittagspause, der mit Schneefall einbrechende Winter und insbesondere der Ende November schon früh beginnende Schabbes am Freitagnachmittag ermöglichten uns jedoch lediglich nach unserem Beitrag, einmal um das Gelände der Klosteranlage zu laufen und abzufahren. Es bot sich uns deshalb leider keine Gelegenheit, ein Feedback zu bekommen, die gewiss auch für unsere Arbeit interessanten Vorträge der Fachleute und ihre ganz anderen Perspektiven und Erfahrungen zu hören und Anregungen oder sonst immer willkommene Kritik aufzunehmen. Lediglich einige wenige Wortwechsel am Rande vor und nach unserem Beitrag waren erreichbar, so wie wir auch einige Bekannte von früheren Exkursionen, wie etwa Frau Atzmon oder Herrn Auer bei der Konferenz antreffen konnten. Von den bis Freitagmittag anwesenden rund 30 Teilnehmern der Tagung in Irsee stellte der JHVA zusammen mit unseren Mitgliedern Jakow Samoylovych und Agnes Maria Schilling immerhin vier.

Der Gastgeber der Tagung Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl vom Bezirk Schwaben, der in seiner Eingangsrede bereits einige kritischen Punkte ansprach und die berechtigte Fragte aufwarf, ob die sog. “Erinnerungsarbeit” die etablierte Institutionen leisteten die real existierenden Juden in der Region überhaupt erreichten und berührten. Schon seine frühere Erfahrung in “jüdisch-christlichen” Gesellschaften, zu denen kaum oder kein Jude kam und wo Christen selbst eigene Abarten jüdischer Feste feierten, um sich den (nicht anwesenden) Juden “irgendwie verbunden” zu fühlen, haben ihn daran zweifeln lassen, ob es sich nicht eher um ein Nebeneinander handle…

Das wäre dann vielleicht auch so, als wenn Juden ohne Christen Karfreitag feierten … 🙂

Die Perspektive des JHVA ist – bei allen individuellen Standpunkten und Voraussetzungen der einzelnen Mitglieder- in der Summe doch etwas anders. Grundlage für das Selbstverständnis ist Talmud – Thora, weniger im Sinne vom Sammeln alter Bücher, sondern vom Studium der Inhalte und den Ableitungen daraus für das tägliche Leben. Mitglieder des JHVA müssen keine Juden sein, jedoch sollten sie einen Bezug zu Gott haben, ob katholisch, islamisch oder … eben jüdisch, andernfalls lässt sich die Geschichte auch vor Ort nicht erfassen und weiter vermitteln, außer man beschränkt sich auf Steuerlisten.

Schon aus der geschichtlichen Betrachtung ergeben sich zugleich entsprechende Interessen oder Sympathien: wo und wie haben Juden gelebt, unter welchen Verhältnissen und Beziehungen an welchen Orten, wie haben sie diese Begebenheiten nutzen können, um vor Ort die Gebote der Thora zu erfüllen und auf welche Widerstände und Besonderheiten sind sie dabei gestoßen. Welche Beziehungen gab es zu Christen und anderen und welchen Einfluss haben sie untereinander genommen, wie haben sie die gemeinsame Geschichte bewerkstelligt, wo waren Gemeinsamkeiten, wo Gegensätze, wie der Alltag.

Das wesentliche Ziel ist es den zugewanderten Juden aus Osteuropa, die in zweiter, dritter oder gar vierter Generation Nachkommen einer bereits verlorenen Generation von Juden entstammen in der neuen, alten Heimat Anhaltspunkte zu geben, zur Tradition der Voreltern  zurückzufinden. Nur wer die Vergangenheit am eigenen Ort kennt, kann sich in ihr zurechtfinden und seinen Anteil daran finden und für die Zukunft wirken. Erinnerung ist ein wesentliche Bestandteil der talmudischen Tradition und fundierte ihn. In einer gedankenverlorenen Gesellschaft, die vergessen hat, dass ihre schon oft auch nur noch sehr vagen Symbole auf in Vergessenheit geratene ganz konkreten Funktionen basieren, ist es eine ebenso mühevolle wie aussichtslose Anstrengung diese praktischen Funktionen wieder ins Leben zu rufen. Es mag für manchen schön sein, Schabbesleuchter zu sammeln. Aber das nutzt nichts, wenn man sie nicht benutzt. Ohne Funktion ist nur ein totes Symbol, das schön glänzen kann und teuer sein kann, damit aber auch eine gedankliche Hürde aufbaut, denn man muss nicht reich sein, um die Lichter für den Schabbes zu entzünden. Dafür reichen wenigstens zwei einfache Kerzen und heutzutage in einer zwar geschäftstüchtigen Gesellschaft, die vor einen Weihnachtsabend gerne zwei Monate Weihnachtsgeschäft als Vorlauf schaltet eventuell auch bereits etwas Courage und Unerschrockenheit. Bloße Erinnerung, Sammeln von Symbolen ist sinnlos wen es nicht zum aktiven Handeln führt.

Die Thora befiehlt uns zum Schabbes „sachor“ und „schamor“ – gedenken und bewachen, damit ist kein Schabbes-Museum gemeint, … sondern es zeigt auf den untrennbaren Zusammenhang zwischen Erinnern und Handeln. Handeln ohne Erinnern ist bestenfalls Dummheit und Erinnern ohne Handeln ist allenfalls komatös.

Abgesehen von unserer Webseite, die den praktischen Zweck, schnell effektiv und mehrsprachig viele Menschen in aller Welt zu erreichen und immer weitere neue Kontakte zu erhalten und zu vermitteln, stellen wir nichts aus und betreiben auch kein „History Marketing“. Wir sehen in der jüdischen Geschichte und ihren materiellen Überresten und ihren menschlichen Vertretern auch keine „Ware“, deren Daten unzugänglich und unter Verschluss bleiben und so offenbar schwerer zu beschaffen sind als illegale CDs mit Namen und Daten von Steuersündern. Unser Anliegen ist es deshalb unsere Forschung öffentlich erreichbar zu machen, damit Nachkommen in aller Welt freien Zugang dazu haben.  Einem Urenkel in Australien nutzt es gar nichts, wenn seine Vorfahren vielleicht in einem Buch erwähnt sind, dass mit 200 Stück Auflage in der einen oder anderen Dorf-Bücherei steht. Das sehen wir alles ganz im Sinne der Nachkommen und Verwandten, die ja ab und an auch weitverzweigte eigene sind. Thematisch sprachen wir auch für uns aktuelle Fälle wie die Eisentüre von Donauwörth oder geplante Gedenktafel am ehemaligen “Obermayer – Palais” an.

Ansonsten wollen wir dazu einen Beitrag leisten, das in Deutschland ermordete Judentum aus der „Leichenhalle Museum“ zu befreien und Impulse für eine neue Zukunft zu geben. Da nun „Talmud“, „Schächten“ oder „Beschneidung“ auch unter vielen unserer russischen Zuwanderern, die zur Wintersonnenwende gerne ein angeblich nur russisches, nun aber gar in keiner Weise christliches Fest mit geschmückten Tannenbaum im Wohnzimmer feiern, mitunter aber noch fast ekelerregende Begriffe sind, wird das zwar vergeblich sein und wahrscheinlich ist es sogar idiotisch, aber interessanter und keineswegs langweiliger als vieles anderes, was man tun kann, zumal wir als Narren ja dann auch wieder eine gewisse Art von Freiheit haben.

Der tägliche Umgang etwa mit talmudischen Speisen und Kochrezepten oder die Erforschung mittelalterlicher Schriften oder Schneiderarbeiten und Trachten geben uns immer neue Einblicke in die Lebensweisen unserer Vorfahren in der Region. Da wir nicht nach Geld, Auszeichnungen oder Titel streben, genügt es uns im Prinzip, dass wir mit der Erforschung der Geschichte auch unsere eigene Lebensqualität verbessern können und freuen uns natürlich darüber, wenn wir mit dieser einfachen Botschaft auf schwierigem Terrain andere Menschen erreichen können. Ganz im Sinne von Süßkind von Trimberg kann man sich immer noch „nach alter juden leben“ auf den Weg machen. 

The tiles at the walls of the restrooms of the former monastry and current conference hotel depict six-pointed stars. That of course graveled us somewhat, since in an historical Christian facility one rather would expect crosses … but the times are changing and now there is no timidity to exhibit Jewish symbols to the public even in a former cloister …

Essensgutschein, den uns ein Teilnehmer der Konferenz zeigte. Die Überschrift täuscht etwas über den Inhalt der Tageskarte hinweg. But as Forrest Gumps momma always said: “Life is like a box of chocolates. You never know what you’re gonna get.”

Zum Abschluss unseres Vortrages und zugleich auch um einen Einblick in einen wesentlichen Aspekt unserer Arbeit zu vermitteln trugen einen Abschnitt unseres geschätzten Pferseer Gelehrten und Gemeinde- und Landesvorsitzenden Schimon Ulmo aus einem seiner um 1700 verfassten Sechs Kapitel vor. Daraus hier zwei kleinere Abschnitte:

Es ist deshalb sehr ratsam, sich nicht mit Mächtigen einzulassen, da diese nur mit der Verwirklichung ihrer eigenen Absichten beschäftigt sind. Das erste Vorliebe ist immer ihre Stellung zu sichern und wenn sie diese doch räumen, dann nur für Ihresgleichen auf Gegenleistung. Ein tatsächliches Interesse am Wohlergehen anderer haben sie nicht. Dies hat nur zeitweilig den Anschein, wenn es ihren Interessen dient und ihnen nützlich erscheint. Das Wesen der politischen Macht besteht darin, jene die sie besitzen von den anderen Menschen im Volk zu trennen. Da mögen nun also der Bauer und der Kaufmann fleißig ihre Gulden abgeben, der Fürst wird damit grimmige und kräftige Kerle bezahlen, die mit Schwert und Pistole daran hindern mit ihrem Fürsten zu sprechen. Die Struktur der Machtposition basiert auf der Unabhängigkeit von den Untergebenen und ist mit diesen nur deshalb und deshalb nur lose verbunden. Ein Hund kann kein Schaf sein und ein Mächtiger kein guter Hirte. Jede Annäherung durch Politiker wird aus diesem Grunde von bloßem Eigennutz angestrebt. Wäre dem nicht so und wollte eine Sache tatsächlich zum Wohl anderer Menschen geschehen, so wäre mit diesen eine Gemeinschaft geschaffen und die Rangfolge aufgehoben.”

Willst du dich also der Gier entsagen zu welchem Zweck also willst du einen Rabbiner in deiner Gemeinde der reich an Bildung sein mag und arm an Taten bleibt? Er mag dir leere Worte ohne Ende predigen, aber er wird keines der Gebote der Tora für dich ausführen. Denkst du etwa, er wird dir Geld geben, damit du den Armen spenden kannst? Und so er dies auch tun würde, denkst du es würde dir im Himmel angerechnet? Denkst du dann auch es nutzt wenn er deine Kinder segnet, wenn du es nicht tust oder nicht kannst? Und mehr noch: bedarf es nicht mehr der zehn verständigen Männer um das Gebet zu sprechen oder warum wollt ihr nicht gar zehn Rabbiner anstellen, um für euch die Gebete zu sprechen und die Gebote zu erfüllen? Folge also nicht der Versuchung der Gier und diesem leeren, eitlen Streben, sondern halte dich fern von jeder Art davon und bedenke, dass es heißt, von jedem Menschen zu lernen, da er wie du im Schatten Gottes steht. Bedenke, dass jede Übertretung der Tora die nächste nach sich zieht, denn der Lohn der Übertretung ist die nächste Übertretung, der Vorteil eines Fehlers ist der nächste Fehler, der Gewinn aus der Sünde ist die nächste Sünde. So du also damit beginnst, um Anerkennung zu buhlen, so wirst du immer mehr von der Sünde getrieben.“

(All pictures by JHVA, Yakiv Samoylovych, except the first and the last six ones, which are by Yehuda Shenef)

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Vom Leben der Juden im wundervollen Creglingen

August 12, 2010

קרעגלינגען

Creglingen im “malerisch schönen” Taubertal, rund 20 Kilometer nordwestlich von Rothenburg ob der Tauber gelegen, ist ein relativ kleiner Ort, der mit seinen neun eingemeindeten Nachbardörfern über weniger als 5000 Einwohner verfügt. Das seit 1437 nachweisbare Wappen Creglingens zeigt zwei schwarze Leoparden mit roten Zungen und gibt das Emblem des fränkischen Fürstenhauses Hohenlohe wieder, die in der ins 11. Jahrhundert zurückreichende Burg Brauneck, unweit des heutigen Creglinger Ortsteils Reinsbronn einen Herrschaftssitz hatten. Im Schatten der Burg dürften die kleinen Weiler nur jeweils aus wenigen Gebäuden bestanden haben, die im Zusammenhang mit der landwirtschaftlichen Nutzung standen.

Um dies zu ändern bedurfte es eines Wunders.  Einer genau datierten Ortslegende gemäß, fand ein namentlich nicht genannter Bauer am Nachmittag des 10. August des Jahres 1384 auf einem Acker eine „unversehrte Hostie“ und brachte diese sofort zu den hohenloher Herren auf die Burg. Diese waren der Überlieferung nach von diesem „Wunder“ sehr angetan – immerhin entspricht die Hostie (lat. Schlachtopfer)  in der katholischen Mythologie dem „Leib Christie“. Freilich trifft dies auf geweihte Hostien zu, die deshalb auch von noch nicht geweihten streng geschieden werden. Bei dem Fund des Bauern muss es sich demnach wohl um eine geweihte Hostie gehandelt haben, wobei unklar bleibt, welche äußerlichen Merkmale dies zu erkennen gaben. Mittelalterliche Hostien sollen den Überlieferungen gemäß in der Weise ungesäuerter jüdischer Matzen gebacken worden sein, offenbar jedoch in wesentlich kleineren Durchmesser. Die hohenloher Herren jedenfalls waren sich ihrer Sache dann aber wohl sehr sicher, ließen sie doch am zunächst wohl eher kleinen Fundort der Hostie eine Herrgottskirche errichten, die 1389 fertig gestellt, in der Folgezeit aber dem knapp 900 m nördlicher gelegenen Ort Creglingen wie der Region zu einen gewissen Aufschwung verhalfen. Anders erging es dem Stifter, dessen männliche Linie bereits im Folgejahr ausstarb. Die Kirche hingegen wurde zum Wallfahrtsort und nach 1500 mit einem vielbeachteten, neun Meter hohen Marienalter in der Form einer Monstranz ausgestattet, der heute als eines der bedeutendsten mittelalterlichen Holzschnitzwerke gilt. Sein Schöpfer soll Tilman Riemenschneider aus Würzburg gewesen sein, doch das ist womöglich ebenfalls legendär, da der Altar ab 1530, nachdem die Kirche evangelisch wurde, für rund 300 Jahre von schnöden Holzbretten verhüllt gewesen sein soll. So wurde er erst 1832 wieder entdeckt, während für die Zeit zuvor weder Autorenschaft noch Standort des Alters belegt werden können (vgl. Holger Simon: Der Creglinger Marienaltar von Tilman Riemenschneider, Berlin 1998, S.181 ff.).

Spätestens als um 1520 die Juden aus der nur 18 km entfernten Reichsstadt Rothenburg vertrieben wurden, ist damit zu rechnen, dass sich zumindest einige von ihnen auch in der einen oder anderen Weise in der näheren Umgebung niederließen, was ein Dokument aus dem Jahre 1532 zumindest in Bezug auf Creglingen für einen gewissen Josef von Biberach für die Dauer von zwei Jahren bestätigt. Jedoch überliefert die Geschichte des Ortes, der seit 1448 zur Markgrafschaft Ansbach gehörte, erst am 9. Juli 1618 den Schutzbrief für den Händler Simson aus Reinsbronn, der mit seiner Frau und seinen unverheirateten Kindern und seinen gleichfalls unverheirateten Dienern in Creglingen unter dem Schutz des Markgrafen Joachim Ernst von Brandenburg – Ansbach wohnen darf und das Haus in der heutigen Badgasse 3 erwirbt, in welchem nun das Jüdische Museum untergebracht ist. Reinsbronn freilich war nur 4 Kilometer entfernt und ist heute in Creglingen eingemeindet.

http://www.juedisches-museum-creglingen.de

Viele der späteren Creglinger Juden stammen von jenem Simson ab, von dem ansonsten nur wenig bekannt ist und bis zur Einweihung der Synagoge in der Neuen Straße im Jahr 1800 diente sein Haus, ab 1635 im Besitz seines Sohnes Isaak, in Creglingen auch als Lebensmittelpunkt der wenigen Juden am Ort und bot folglich auch die entsprechende Räumlichkeit für das Lernen und Beten. Lange später wird das Gebäude deshalb auch noch als „alte Judenschule“ bezeichnet. Später war das Gebäude eine Scheune und heute befindet sich darin, das im Jahr 2000 eingerichtete Jüdische Museum,  ermöglicht unter anderem durch den Ankauf des Gebäudes durch Arthur Sinsheimer Obermayer, ein in 12. Generation abstammender Nachkomme des Simson von Reinsbronn. Neben zahlreichen Dokumenten und Ausstellungsstücken zur Geschichte der Creglinger Juden, von gräflichen Schutzbriefen, Reisekoffern und Strümpfen über Betpulte und -bücher, Reste von Synagogenleuchtern bis hin zu Mobiliar, das die finstere Epoche der Arisierung des Besitzes aus jüdischen Haushalten überdauerte, bietet sich heutigen Schülern, aber auch älteren Semestern, an Computerterminals die Gelegenheit Basiswissen über die jüdische Ortsgeschichte, wie auch über das Judentum selbst zu begegnen. Beispielsweise der an vielen anderen musealen Orten weit weniger gewürdigten Tatsache, dass der „Holocaust“ weder Höhepunkt noch Endpunkt der jüdischen Geschichte in Deutschland war.

1655 sind 30 Personen in sieben Familien verzeichnet, natürlich in Steuerakten, da sich das Interesse an den Juden mitunter auf die Höhe ihrer Steuerleistungen beschränkt(€). Im weiteren urkundlich fassbaren Zeitraum machten die Juden rund ein Zehntel der Bevölkerung von Creglingen aus, das stark von Landwirtschaft und Viehhandel geprägt war und aber im Verlaufe des 19. Jahrhundert mit einer durchschnittlichen Einwohnerzahl von ca. 1250 Einwohnern insgesamt stagnierte. Ein weiteres Wunder blieb aus. Für die Juden in Creglingen hatte es die Konsequenz, dass sie zumindest in nachnapoleonischer Zeit keine eigenen Rabbiner im neudefinierten Sinne aufweisen konnten und folglich in der Zeit von 1834 – 1914 dem Rabbinat in Weikersheim und ab da bis 1939 dem Rabbinat in Mergentheim zugeordnet waren. Eine Zählung im Jahre 1925 ermittelte in Creglingen 1191 Personen, wovon 77 Juden und 22 Katholiken waren, die übergroße Mehrheit hing dem protestantischen Christentum an.

Einen besonderen Stellenwert in der Spätgeschichte der Juden von Creglingen nimmt bis heute das Geschehen vom „25. März 1933“ ein. An jenem Tag, einem Samstag, zwei Wochen nach Purim, nahm die regionale Nazi Organisation der SA mehrere, man spricht von sechzehn, Creglinger Juden fest, um sie zu „verhören“ (oder eher zu verhöhnen). Als der bereits 67jährige Pferdehändler Hermann (Zvi bar Menachem) Stern versuchte zu fliehen, wurde er von den SA-Leuten geschlagen und im Sitzungsaal des Rathaus, gegenüber der damaligen Schule, ohne ärztliche Hilfe den Nachmittag über liegen gelassen, so dass er noch am selben Abend, vor Schabbes-Ende um halb acht Uhr zu Hause verstarb. Hermann Stern war der letzte jüdische Eigentümer des Hauses in der Badgasse, in welchem die nachweisbare jüdische Ortsgeschichte ansetzt und sein 1900 geborener Sohn Emil, auch er zählte zu den Überfallenen, soll 1939 als letzter in Creglingen wohnender Jude den Ort verlassen haben. An den Folgen der offenbar recht brutalen Behandlung durch die Nazis stirbt kurz darauf, am 2. April 1933, in einem Würzburger Krankenhaus auch Arnold (Aharon Mosche ben Meir) Rosenberg, ein 53jähriger Viehhändler. Bereits am Tag nach der Begebenheit, also am 26. März verstirbt in Creglingen auch die 57jährige herzkranke Peppi Sinsheimer – wegen der Aufregung. Ihr Ehemann Rudolf (Rafael) Sinsheimer , im Ersten Weltkrieg noch Frontsoldat der deutschen Wehrmacht und mit einem Ehrenkreuz ausgezeichnet, gehörte gleichfalls zu den Verhafteten und Misshandelten, überlebte aber. Er konnte 1940 über Spanien und Portugal in die USA emigrieren.

Der Sitzungssaal im ehemaligen Rathaus, in welchem Hermann Stern stundenlang schwer verletzt am Boden lag, ist heute ein eigener und durchaus eigentümlicher Gedenkraum. Zum einem ist er leer und abseits einer kargen alten Deckenleuchte ohne jegliche Einrichtung, dafür ist er in der dem damaligen Aussehen nachempfunden grünlichen Farbe gestrichen und mit technisch versierten Fenstern versehen, die in regelmäßigen Abständen milchig trüb und dann wieder klar werden (wie um den Raum zeitweilig zu verhüllen), während die Lampe, wie uns Herr Martin Heuwinkel vom jüdischen Museum erläuterte, in der Abenddämmerung anginge und sich erst um etwa ein Uhr nachts ausschalte. Auf diese Weise gibt Creglingen nun dem unfassbaren Geschehen des „25. März 1933“ Raum und Besuchern – es leben keine Juden mehr am Ort – zugleich auch Freiraum für eigene Reflektionen, während das Datum und die Geschehnisse in Creglingen über den Ort hinaus als „Pogrom“, „Mord“ oder als „Beginn des Holocausts“ und Hermann Stern gar als „erstes Holocaust-Opfer“ schematisiert werden. Die Schandtaten der Nazischergen waren schlimm genug, und schon am Folgetag brachen sie einer Frau in Creglingen im Wortsinn das Herz, jedoch erscheint eine solche Attribution doch als eine Art makabere Suche nach einem Superlativ, der womöglich helfen soll, drei Tote aus über sechs Millionen herauszuheben und Ihr Leiden unendlich zu machen. Ein wenig erinnert dies konzeptionell doch an jenen (ganz) anderen Juden, dessen weit länger noch zurückliegende Leiden an vielen Hölzern oder noch einfacher als in Gold gefasstes Backwerk zur Schau gestellt wurde. Es irritiert, zumal man sich fragt, was diesem Beispiel folgend, wohl in den Verhörräumen anderer, größerer deutscher Städte eingerichtet werden sollte? Wo nun aber jenen Toten, in aller Stille und Bescheidenheit und ohne Schmuck und Kränze nicht am Ort ihrer Bestattung, am Creglinger Friedhof gedacht werden soll, so ist vielleicht, beim Versuch der inneren Leere zu entfliehen, ein Leerraum noch die geeignetste Position um einer weiteren Symbolisierung entgegenzutreten.

Memorial plate at Creglingen Jewish Cemetery

Creglingen a small townlet in the valley of the Tauber river, only 20 km from famous main tourist attraction Rothenburg ob der Tauber is regarded as scene of a medieval host miracle as well as of the beginning of the holocaust. Since 2000 inside an old barn there is a Jewish Museum in Badgasse 3 dedicated to the maybe 400 years of Jewish history in Creglingen and now incorporated villages as Archshofen or Reinsbronn, while a single and entirely empty room in the former townhall just remembers one Shabbes afternoon in the history of the place.