Die Ausnahme bestätigt die Regel

December 29, 2010

One of the most surprising questions among commentators of international political affairs is the one whether it is “possible“ to criticize Israel. The answer is much simpler as the question: of course it is and in fact there is hardly any country in the world what got more of criticism from international institutions as well as from the media worldwide  in the course  of the last decades. The negative attention Israel gets around the globe is disproportional by far, while other conflicts and crisis’s in the world with far more victims are underrepresented in the news as well as in UN bodies. Since many of the statements are biased against Israel the next question is: are all critics of Israel anti-Semites? Well, actually, what if ..? Would your coffee taste different?

To understand Anti-Semitism is easy if you realize that it only needs to follow few basic rules: the first is, not to like Jews, the second is to come up with special criteria which may be ridiculous or awkward if applied in other contexts. The third rule is too similar to the first one, to mention it, but implies that regarding Anti-Semitism only Jews are biased. As all governments in the world also the one Israel deserves and needs criticism as national and international feedback, but in order to be productive complaints and objections need to be rational, fair and coherent, applying the same universally valid principles, without recourse to traditional anti-Semitism with a new livery as so called anti-Zionism more than often does.

 

Um den Hass auf Juden zu verstehen genügen im Prinzip wenige Grundregeln. Er richtet sich gegen Juden, er schafft immer neue, oft lächerliche Sonderregeln, die so nur zur negativen Beurteilung von Juden gelten und ansonsten nicht zum Einsatz kommen. Dieser rote Faden schlängelt sich durch die Jahrhunderte und verdichtet in immer neuen Varianten tradierter Klischees zu scheinbar neuen Einsichten. Alte Argumentationsmuster, die sich zur Bekämpfung des „Ewig Jüdischen“ als untauglich erwiesen haben, werden dabei bereitwillig als Fehler eingestanden und durch „zeitgemäße“, „moderne“, sprich „wissenschaftliche“ ersetzt. Die Distanzierung von den alten Beweismitteln schafft dabei eine vorgeblich erfrischende, von Ballast befreite Pseudo-Objektivität und neuen Elan, ist methodisch aber nur eine Wiederholung oder christliche gesprochen: alter Wein in neuen Schläuchen

Das bekannteste Beispiel dafür ist der Begriff des Antisemitismus – den Antisemiten heute in aller Regel bereits als Last empfinden und als „Totschlagargument“ oder „Keule“ in Abrede stellen, wissend, dass er viel zu populär und einschlägig negativ besetzt ist, um sich gegen ihn noch behaupten zu können. Er basiert jedoch selbst schon auf der willkürlichen linguistischen Einteilung der Sprachen in sog. Familien, etwa slawische, germanische, semitische, usw. Unter letzterem versteht man beispielsweise  Arabisch, Hebräisch, Phönizisch, Aramäisch, aber auch das äthiopische Amharisch. Diese allgemein anerkannte Definition ist jedoch recht spekulativ und leugnet die immense Verwandtschaft und gegenseitige Beeinflussung etwa der hebräischen (=semitisch) und griechischen (= indogermanisch) Sprachen. Nicht nur sind die frühen Buchstabenschriften beider Sprachen nahezu identisch (wo dies nicht geleugnet werden kann, spricht die objektive Wissenschaft dann freilich vorsichtshalber nicht von Hebräisch, sondern von „Phönizisch“) , auch die Namen der Buchstaben stimmen weitgehend überein (Alef = Alpha; Bet = Beta, Gimmel = Gamma, Dalet = Delta, …). Natürlich gibt es eine recht hohe Menge an  gemeinsamen Vokabular, doch es ist vom Standpunkt der Sprachwissenschaft im 19. Jhd. plausibler eine enge Verwandtschaft zwischen Griechisch und Indisch zu (er)finden, während die Sprachen der beiden Mittelmeeranrainer gänzlich unterschiedlich zu bleiben.

Folgerichtig ist auch schon der vorgeblich „neutrale“ Begriff des „Semitischen“ bereits willkürlich, und ein Beleg die bereitwillige Anwendung der „antijüdischen Sonderregel“, basiert er doch auf der legendären biblischen Randfigur des „Sem“ (Schem), einem Sohn Noachs. Im Gegenzug leitet sich die Definition der germanischen Sprachen nach dem eher fiktiven Sammelnamen der Germanen benannt werden (was die Römer erfanden; wobei Plutarch sie etwa noch mit den keltischen Kimbern verwechselte …) und nicht etwa nach der gleichfalls biblischen Randfigur des Aschkenas, im Mittelalter immerhin noch einigermaßen gängigen Bezeichnung für “Deutsche”, insbesondere bei Juden, die selbst aber übrigens „Taitsch“ redeten, etwas heute objektiv als „Jiddisch“ bezeichnet wird…

Bereits im preußischen Staatslexikon von 1865 ist das Adjektiv „antisemitisch“ eingeengt auf „gegen das typisch Jüdische gerichtet“.  In den 1870er Jahren machte der deutsche Journalist Wilhelm Marr den „linguistischen“ Begriff populär und wandte ihn in verschiedenen Schriften immer wieder und gegen „die Juden“ und keineswegs gegen die Sprecher (anderer) „semitischer“ Sprachen. Das muss man anmerken, da manch vermeindlich “kluger Kopf” sich an seinen Fingern abzählt, Araber können gar keine Antisemiten sein, da sie selbst Semiten wären … Richtig, Al Capone konnte keine Mafioso sein, da er ja selbst Italiener war. Jetzt ist auch das geklärt.

Nachdem Juden nach der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts längst keine einheitlichen Positionen mehr vertraten (falls sie das vorher jemals taten), suchten Gegner der ohnehin nur sehr zögerlich von statten gehenden  „Emanzipation“ nach neuen Kriterien, um die tradierte Abneigung aufrechtzuerhalten. Wie viele andere lehnte Marr deshalb auch die religiös motivierte Ablehnung der Juden als nicht zeitgenössisch ab. Was auch wollte man den Juden im Zeitalter der Industrialisierung und rasanten Verstädterung auch vorwerfen, etwa dass sie sich beschneiden ließen anstatt an eine jungfräuliche Geburt zu glauben? Juden lebten in keinem wie auch immer definierten Ghetto mehr, sondern waren Fabrikarbeiter, Lehrer, Bauern, Soldaten, Journalisten, Kaufleute, Arbeitslose, Geschäftsinhaber, Kriegsinvaliden, Opernbesucher oder Sportler wie Christen auch. Insbesondere in Deutschland hatten sich zahlreiche Juden, insofern sie nicht gleich zum Christentum konvertierten als „Liberale“ weitgehend angepasst. Hatte Heinrich Heine die Konversion zum Christentum, scherzhaft oder nicht, noch als „entre billet zur europäischen Kultur“ bezeichnet, so waren nach ihm der Grad der Anpassung an christliche Gebräuche geradezu der Maßstab für ein reformiertes oder liberales Judentum, meist protestantischer Ausprägung. Zum Ausdruck kam dies insbesondere durch Kirchenorgeln und Chöre in der Synagoge, aber auch durch Rabbiner, die nicht nur die Gewänder christlicher Geistlicher nachahmten, sondern wie diese auch entsprechende deutsche Predigten in den Blickpunkt der Gottesdienste stellten. Wo also zahlreiche Juden sich bereitwillig den christlichen Gepflogenheiten anpassten, manchmal auch anbiederten, mussten auch ihre Gegner Schritt halten und sich neue Strategien ausdenken, um Assimilationen und Konversionen als nichtig und unwirksam zu definieren.

Folglich mussten bestimmte, unveränderliche Eigenschaften der Juden, die auf den tradierten Klischees des christlichen Mittelalters und des in Bezug auf Juden wenig bis gar nicht aufgeklärten Humanismus basierten, neu arrangiert werden. Der religiös-kulturell motivierte Hass auf Juden wich so zunehmend einem „modernen“, mit der „Abstammung“ der Juden begründeten „Antisemitismus“. Ob der Jude nun ein Kaufhaus besaß oder Tagelöhner bei einem Bauern oder in einer Fabrik war, als Opernsängerin oder Reserveoffizier, als Kommunist, Fußballer, Bierbrauer oder Talmudschüler „in Erscheinung trat“, traditioneller, „liberaler“ oder getaufter Jude war, spielte von nun an keine Rolle mehr, da er allein durch seine Abstammung über Eigenheiten verfügte, die er weder durch Orts- noch Berufs- oder Religionswechsel einbüßen konnte, stammten sie aus der biologistischen Sicht der politischen Naturalisten doch ggf. von anderen Affen ab als sie selbst.

Ein Karl Marx, dessen ursprünglich jüdische Eltern noch vor seiner Geburt zum Christentum übertraten, “konnte” so natürlich „Jude“ bleiben, während sein Kollege Engels, ähnlich wie Lenin oder Stalin natürlich nicht in selber Weise als „Christ“ betrachtet wurde, sondern nur als Kommunist. Ebenso sieht man auch in Hitler heute keinen Christen, obwohl er von christlichen Eltern abstammend, getauft und christlich erzogen wurde und niemals aus der katholischen Kirche austrat und sich das Programm der NSDAP ausdrücklich auf das “positive” Christentum beruft. Stattdessen versuchen Verschwörungstheoretiker Hitler einen etwaigen jüdischen Vorfahren anzudichten, vielleicht, weil damit „alles“ erklärt werden könnte?  Auch ein Pol Pot wird nicht als buddhistischer Mönch gesehen, der er war und wie viele Apologeten versuchten uns in den letzten Jahren zu erklären, dass Osama Bin Laden, kein richtiger Muslim ist ..?  Dies verdeutlicht einmal mehr die Besonderheit des Hasses auf Juden, die Regel nämlich, dass für die (negative) Beurteilung der Juden immer Sonderregeln ersonnen werden, die ansonsten – wohl ganz zu Recht – nicht zur Anwendung kommen.

Dieser Mechanismus prägte bereits das mittelalterliche Feindbild und betrifft die „judentypische“ Eigenschaft der Gier und des Wuchers. Das Klischee, das auch angeblich wohlmeinende Autoren immer wieder bemühen, argumentiert mit dem kirchlichen Zinsverbot einerseits und dem Ausschluss von Juden aus ehrbaren Berufen des Handwerks andererseits. In der Summe ließ dies Juden sodann gar keine andere Wahl, als unter hohen Risiken Kredite gegen hohe Zinsen zu verleihen. Mit dieser „verständnisvollen“ Rechtfertigung wird jedoch nur das Klischee zementiert und neuerlich auf ein scheinbar stabiles Fundament gestellt. Einer unvoreingenommenen Prüfung hält dies freilich nicht stand. Zum einem ist aus mittelalterlichen Dokumenten nicht zu entnehmen, dass Juden keine Handwerker waren und sein konnten. Sie gerbten Leder, buken Brot, brauten Bier, waren Lehrer, Schreiber, Köche, Schmiede, Soldaten, Mathematiker, Metzger, usw. In Augsburg beispielsweise bauten die Juden um das Jahr 1300 sogar einen 400 m langen Abschnitt der sieben Meter hohen Stadtmauer. Wie alle anderen Verbote seit Menschheitsgedenken, wurde wenig überraschend auch das Zinsverbot der Kirchen immer wieder gebrochen und wo es seitens der Kirche und weltlichen Herrscher ausdrücklich so gewollt war, sogar institutionell umgangen.  Man vereinbarte sodann eben keine Zinsen sondern Wechsel mit entsprechenden Gebühren. Ähnlich praktiziert es heute noch der Islam. Man nimmt einen Kredit über 1.000 Euro auf, bekommt aber nur 900 Euro ausbezahlt und zahlt den Rest in Raten zurück – … und welch Wunder: man zahlt keine Zinsen.  In mittelalterlichen Steuerlisten sind kaum mehr als 5 % der genannten jüdischen Steuerzahler im sog.  „Geldhandel“ tätig, wobei die meisten wiederum nur kleine kurzfristige Pfandgeschäfte mit Nachbarn aushandelten. Zur Stigmatisierung der Juden reichte das freilich aus – bis heute, gelten „Geschäftstüchtigkeit“ und eine bestimmte Form von „Gerissenheit“ doch immer noch als „typisch jüdisch“. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Bettler oder Fabrikanten handelt, da der scheinbare Erkenntnisgewinn durch das vorangestellte Attribut „jüdisch“ erzielt wird und ein „jüdischer Fabrikant“ ebenso wie ein „jüdischer Bettler“ im Rahmen der Sonderbeurteilung, ganz eigene Assoziationen weckt, die andernfalls nicht zwangsläufig vorhanden sind.

Der Hass auf Juden geht sogar so weit zu erdichten, dass es ihn immer und überall gab. Auch das ist natürlich Unsinn.  Es gibt keinen weltweiten Hass auf Juden und keinen der bei allen Völkern existiert, selbst die abermals entschuldigend gedachte Nachkriegsmetapher eines „Antisemitismus ohne Juden“, den Wohlmeinende anführen, um zu erklären, dass Juden nicht am Antisemitismus Schuld seien, untermauert das Vorurteil, dass es zu beseitigen sucht. Tatsächlich wirkt auch hier wieder der Mechanismus der bedingten Sonderregel. Wollte man wirklich einen Antisemitismus ohne Juden lokalisieren, so müsste man diesen am besten in Gegenden finden, in denen es keine Juden gab, etwa unter den Massai, in Japan, in China, Indien oder bei den Eskimos – aber dort wird man ihn vergeblich suchen. Zugleich wird mit der postulierten Verfolgung der Juden zu allen Zeiten natürlich auch die wirkliche Geschichte des jüdischen Volkes geleugnet, aus Unkenntnis oder aus Berechnung sei dahingestellt. Dies hängt natürlich auch mit dem christlichen Wunschbild zusammen, dass auf die Ablehnung des Jesus durch die Juden eine „ewige Strafe“ erfolgte, die Juden in aller Welt zu armseligen Untertanen degradieren sollte. Im mittelalterlichen Spanien, aber auch im Deutschen Reich besaßen Juden jedoch weitgehende Autonomie, wie sie sonst nur den Kirchen zugebilligt wurde.  Als sog. „Kammerknechte“ unterstanden Juden nur bei Kapitalverbrechen der direkten Gerichtsbarkeit des Kaisers und seiner Vögte, was zur Folge hatte, dass sie die meisten anderen Rechtsstreitigkeiten autonom regeln konnten, während Auseinandersetzungen mit Christen im Beisein des kaiserlichen Vogtes im Gericht der Synagoge verhandelt wurden. Das soll nicht heißen, dass Juden in Mittelalter nicht Verfolgungen und Ausschreitungen ausgesetzt waren, doch verglichen mit der Stellung der meisten Christen, die das Pech hatten weder den Patriziern noch dem Klerus anzugehören, besaßen sie doch eine herausgehobene und relativ sichere Rechtsposition.  Dass es vor Mohamed aber jüdische Könige wie Dhu Nawaz in Saudi Arabien gab, oder das zum Judentum konvertierte Königreich der Chasaren im Kaukasus gab, ganz zu schweigen von zahlreichen autonomen jüdischen Fürstentümern in Babylonien, die fast acht hundert Jahre existierten, muss man für wie vieles andere für die These des „ewig verfolgten Opfers“ … opfern. Und auch dann, wenn eine historische Person, wie der persische König zur Zeit von Ester sich gegenüber den Juden ausgesprochen positiv verhielt, verfremdete eine judenfeindliche Überlieferung auch diesen zum Zerrbild und so mutierte um 1600 mit dem „Volksbuch vom Ewigen Juden“ König Ahasver selbstredend zum zeitlos umherirrenden jüdischen Ungeist, zum „Wandering Jew“, der mal als verräterischer Judas oder auch noch im von Wes Craven präsentierten Gruselfilm als „Dracula 2000“ in Erscheinung tritt.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass das Stilmittel der negativen Umdeutung auch vor dem millionenfachen Massenmord der Nazis nicht Halt machte. Der rassische Antisemitismus hatte nach Auschwitz natürlich ausgedient, zum einem wegen der Scham über den Gigantismus des Verbrechens an den europäischen Juden, zum anderen weil auf wissenschaftlicher Basis nicht belegt werden konnte, dass sich das Blut eines Christen der zum Judentum konvertierte, tatsächlich verwandelte. Die Scham (oder war es bloßes Schweigen?) hielt einige Jahre an, bis diverse Prozesse gegen Nazi-Verbrecher und „Entschädigungszahlungen“ auf jeweils eigene Weisen die „jüdische Frage“ erneut ins Bewusstsein brachten. Schnell waren nun wieder Stimmen zu hören, die den Juden unterstellten, die „üblichen Geschäfte“ zu machen, ja sogar noch vom Tod enteigneter und ermordeter Verwandter profitieren zu wollen. Revisionisten versuchen seitdem die Zahl der Holocaust-Opfer systematisch herunter zurechnen, andere die Verbrechen der Nazis mit angeblichen des israelischen Militärs zu relativieren. Und so erfährt die altbekannte Methode auch in den jüngsten Jahren neue Facetten. Die neue Gewandung nennt sich deshalb auch „Anti-Zionismus“ und so wie Marr einst bestritt, dass sein rassischer Antisemitismus religiöse Muster beinhalte, so wehren sich heutige „Israel-Kritiker“ gegen den Vorwurf „antisemitische Klischees“ zu bedienen.

Zionismus als solcher bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als das Recht der Juden auf einen eigenen Staat. Die Eigenstaatlichkeit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker sind an sich nichts, was sonst einer weiteren Diskussion bedürfte. Anders verhält es sich natürlich,  wenn es sich dabei um Juden handelt. Dann nämlich wird folgerichtig natürlich wieder eine „Sonderregel“ ersonnen, die im Zionismus bloßen „Rassismus“ sieht (so urteilte die UN 1975), den es zu bekämpfen und zu beseitigen gilt und so wird dem Judenstaat als „Jude unter den Staaten“ als einzigem Land der Welt mühelos das Existenzrecht abgesprochen.

Klassischer Antisemitismus ist das natürlich nicht, denn man billigt den (überlebenden?) Juden durchaus zu, in einem gemeinsamen arabisch-jüdischen Staat als tolerierte Minderheit zu existieren. Möglicherweise als sog Dhimmis unter dem Schutz der Scharia, was ja auch im spanischen Mittelalter gut geklappt haben soll, zumindest behaupten das auffällig viele Bücher seit der „Ölkrise“ in den frühen 1970er Jahren. Während linke und rechte Extremisten Israel einen „Holocaust an den Palästinensern“ vorwerfen, sehen auch die Wohlmeinenden die Anhänger der Hamas als „Opfer der Opfer“ und versuchen stattdessen die „Hardliner“ unter den Israelis auf „Friedenskurs“ zu bringen. Diese Friedensdefinition verlangt freilich, dass Israel einseitige Nachteile in Kauf nehmen soll, um zu erreichen, was Israels Gegner weder mit militärischen noch terroristischen Mitteln durchsetzen konnten. Leute denen es völlig egal ist, ob im Sudan arabische Muslime pro Tag tausend schwarze Muslime aus rassistischen Gründen töten, schreien empört auf, wenn Israel einen Terroristen der Hamas tötet und ziehen Vergleiche zu den Verbrechen der Nationalsozialisten. Das tun auch manche Araber gerne, die sich freilich nicht ganz einig sind, ob sie Hitler für die Ermordung von Millionen jüdischer Zivilisten danken oder den Davidstern mit dem Hakenkreuz gleichsetzen sollen. Nach dem Leitfaden der antijüdischen Sonderregel setzt man vielleicht auch besser vorsichtshalber auf beide Varianten. Das ist nicht weiter schlimm, schließlich hatten die Nazis ja auch den Juden zeitgleich vorgeworfen, Drahtzieher des Kommunismus wie des Kapitalismus zu sein.

Wegen der Nazis gilt Antisemitismus aber noch immer vor allem als eine Besonderheit der extremen politischen Rechten, gerade auch weil liberale oder linke Parteien und Gruppen dies gerne zum Instrument im Kampf gegen Rechte benutzen. Auf Antisemitismus beruhender Populismus kann sich aber bei Bedarf überall finden, wo es zweckdienlich erscheint, man denke an die FDP mit Möllemann. Linke und christliche Pazifisten finden nichts dabei, gegen „Israels Verbrechen“ zu demonstrieren und dabei Seite an Seite mit Vertretern der Hamas und Fatah in Deutschland zu marschieren.  Sie finden auch leicht den einen oder anderen Israeli oder Juden als Kronzeugen für ihre Position. Aber verglichen mit der paramilitärischen und logistischen Kooperation der linksextremen RAF mit arabischen Terrorgruppen etwa beim Olympia – Massaker an israelischen Sportlern 1972 in München, ist dies harmlose, weil folgenlose Folklore, die eher der Wahrung eigener Traditionen dient und erkennbar ohne Einfluss auf die äußere Realität bleibt.

Aber auch dies ist kein Makel einer einzelnen politischen Richtung. Als deutsche katholische Bischöfe vor einem Jahr in den „Nahen Osten“ reisten, kamen sie mit dem merkwürdigen Vergleich zurück, der Gaza-Streifen gleiche dem Warschauer Ghetto. In diesem kämpften im Frühjahr 1943 „totgeweihte“ Juden noch nicht mal mehr um ihre Freiheit, sondern um die Art ihres Todes. 30 % der städtischen Bevölkerung wurden auf 2 % der Fläche zusammengedrängt und systematisch ausgehungert und dezimiert. Im Gaza-Streifen jedoch feuerte die Hamas einen scheinbar unbegrenzten Vorrat an Raketen und Mörsern auf jüdische Wohngebiete in Israel ab. Es ist klar, dass die Gleichsetzung des einem mit dem anderen einer gewissen Übung bedarf – allgemein „Kritik üben“ genannt. Und in der Tat, gibt es auch hier offenbar ein Argumentationsmuster: Vergleiche zur Nazizeit sind nur dann gängig und gebilligt, wenn sie zu Ungunsten der Juden ausfallen. Der Augsburger Bischof Mixa etwa bemerkte vor einem Jahr bei einer Rede zum „politischen Aschermittwoch“ die Zahl der „sechs Millionen Opfer des Holocausts“ sei „durch die Zahl der Abtreibungen inzwischen längst übertroffen“ worden.

Leugnung und Relativierung des Holocausts findet bei Revisionisten über die „unfassbare“ Zahl der auf- oder abgerundeten „sechs Millionen“ ermordeter Juden im Nazi-Reich statt. Ein umstrittener englischer Bischof tat dies auf eben diese Weise und wollte allenfalls zwei- oder dreihunderttausend ermordeter Juden „einräumen“. Sein Augsburger Kollege tut dies ausdrücklich nicht. Er anerkennt das Verbrechen, aber er merkt, dass die Zahl der Abtreibungen die der Holocaust-Opfer „bereits“ übertrifft. Das kann stimmen oder nicht, aber was sollte diese Verknüpfung nun eigentlich besagen?

 Die Zahl von sechs Millionen Toten ist vielfach übertroffen worden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich ca. eine Million Menschen Suizid begehen. Wenn das stimmt, wären das über sechzig Millionen Selbstmörder seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Können wir daraus einen relevanten Vergleich zur Zahl der Holocaust-Opfer konstruieren oder zur Zahl der Abtreibungen? Oder wie wäre es mit der Zahl der Verkehrstoten, die alleine in den Mitgliedsstaaten der EU jährlich bei rund 50.000 liegen soll? Welchen sachlichen Zusammenhang gibt es also zwischen Holocaust und Abtreibung? Vermutlich keinen, außer man wollte sagen, dass jene die vor der Barbarei des Hitler-Regimes abgetrieben wurden, dem Holocaust entgingen. Vielleicht wollte der Bischof ausdrücken, dass er die Anzahl der Abtreibungen für skandalös hält und mit der Feststellung, dass sie bereits höher als die Zahl der Holocaust-Opfer sei, vergleichsweise zu wenig Beachtung findet. Auch das mag sein.  

Die Frage wäre dann freilich, warum er die Abtreibungen nun ausgerechnet den jüdischen Nazi-Opfern entgegen hält? Die Zahl der sechs Millionen bezieht sich ausschließlich auf sie. Aber kamen nicht auch zahlreiche weitere Menschen in den KZs oder bei Erschießungen, usw. um und nicht nur Juden? Warum sind nur die jüdischen Nazi-Opfer der Maßstab? Das leuchtet nicht ein. Ist ihm, dem deutschen Bischof die Zahl nichtjüdischer Nazi-Opfer etwa unbekannt?

Als die Bischöfe im Gaza-Streifen waren, kam ihnen nicht in den Sinn festzustellen, warum denn wegen ein paarhundert getöteter Palästinenser international so viel Aufhebens gemacht werde. Im Vergleich zu den Millionen Opfern des Holocausts sei dies schließlich fast gar nichts. Zugegeben ein solcher Vergleich wäre nicht geschmackvoller und auch nicht angemessener und fast jeder würde sich zu recht fragen, was die Palästinenser mit Auschwitz zu tun hätten? So aber fragen wir uns, was Abtreibungen damit zu tun haben und warum Vergleiche dieser Art scheinbar immer zu Ungunsten der Juden ausgehen „müssen“? Würde sonst niemand die etwaige „Pointe“ verstehen? Nicht minder unverständlich ist freilich der Umstand, dass dem englischen Bischof, der den Holocaust relativierte, ein deutscher Haftbefehl drohte, während der iranische Parlamentspräsident, der ihn komplett bestreitet, auf der Münchner „Sicherheitskonferenz“ seine Ansichten dazu frei äußern konnte, ohne belangt zu werden, womit wir schon wieder eine weitere Sonderregel aufgespürt hätten. 

Ein Detail der Regel ist so auch, dass die bloße (Schatten-)Existenz eines gewiss noch immer vorhandenen rechtsextremen Antisemitismus in der Gesellschaft eine Art Deckmantel für einen ansonsten nicht minder virulenten allgemeinen ist. Da gibt es Einzelne und Gruppen, die heute einen jüdischen Friedhof, morgen eine Synagoge oder ein Museum besuchen, dann zum Klezmer-Konzert gehen, um in der Woche darauf gegen den „Israelischen Völkermord an den Palästinensern“ zu demonstrieren. Der Besuch im jüdischen Museum oder der Kauf einer Klezmer-CD ist Beweis genug, dass man kein Antisemit ist und schon ist man in der glücklichen Position „unter Freunden“ Kritik üben zu dürfen. Dass man mit dem Kauf eines Döners in selber Weise zugleich aber auch die Hamas ebenso emotional „kritisieren“ könnte, kommt nicht in den Sinn, zu Recht, weil der türkische Döner-Schneider mit dieser sehr wahrscheinlich auch gar nichts zu tun hat. 

Die übergroße Mehrheit der Juden in Deutschland stammt aus der ehemaligen Sowjetunion und kennt „das Judentum“ fast nur aus einer merkwürdig anmutenden säkularen, christlich-kommunistischen Perspektive. Sie stellen zum Jahresende einen Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer und bestreiten vehement, dass dies etwas mit dem Christentum zu tun haben könnte und behaupten stattdessen, es sei schlicht ein „alter russischer Brauch“, den früher „alle“ befolgt hätten. Abseits davon ist „jüdisches Leben“ in Deutschland im wesentlichen auf museale Aspekte reduziert. Es gibt klassische Konzerte in ehemaligen Synagogen, ansonsten unbenutzte „Ritualgegenstände“ in Vitrinen und natürlich traurige Gedenkfeiern mit Kranzniederlegungen und dergleichen. Thora, Talmud und die eineinhalb Jahrtausende lange Geschichte des Judentums hingegen sind im Bereich von fast „mystisch“ anmutenden Geheimwissenschaften und werden wenn überhaupt auf dem Niveau von einführenden Taschenbüchern oberflächlich abgehandelt. Dementsprechend verfallen auch die Grabsteine „ewiger Ruhestätten“ auf jüdischen Friedhöfe, insofern sie in der Nazi-Zeit nicht schon zerschlagen und entwendet wurden. Analog zum christlichen Brauch reserviert man das inzwischen offenbar als ermüdend empfundene Gedenken an die Verstorbenen, das auf dem Gebot Vater und Mutter zu ehren basiert, für einige wenige „herausragende“ Personen, etwa, Bankiers oder  Rabbiner. Warum sollte man auch einem Bettler oder einem Kind gedenken? Genealogische Beziehungen, die insbesondere für Nachkommen deutscher Juden in aller Welt durchaus von Interesse sind, werden hingegen mit erstaunlicher Eifersucht unter meist akademischen Verschluss gehalten und bruchstückhaft in teureren oder der Allgemeinheit schwer zugänglichen Publikationen vermarktet. Dabei basieren sehr viele dieser Informationen auf Registern, die Nazi-Ideologen in den 1930er Jahren den jüdischen Gemeinden geraubt hatten. In den Reichssippenämtern, die alle Standesämter ersetzen sollten, wollte man so Aufschluss darüber erhalten, wer eventuell doch jüdische Großeltern haben mochte oder wer im Umkehrschluss mit dem „Ariernachweis“ studieren oder Beamter werde durfte. Wer dies für ein Randthema des Nationalsozialismus hält, hat diesen nicht wirklich verstanden. Noch im Frühjahr 1945 nämlich, als das Nazi-Reich schon zu großen Teil verwüstet und besetzt war, fotografierten die damit beauftragten Experten im thüringischen Schloss Rathsfeld noch eifrig tagein, tagaus ein Standesregister nach dem anderen. Später wurden diese Filme teilweise an Bundesländer und Institutionen gewinnbringend verkauft und da die meisten Originale vernichtet wurden sind sie heute oft Grundlage einer staatlich gesponserten akademischen Forschung. Da viele Mitarbeiter der Reichssippenämter in der Nachkriegszeit auch schnell wieder zu gewöhnlichen Standesbeamten oder Professoren wurden, gibt es in vielen Fällen auch eine in der Regel wenig reflektierte Kontinuität. Gäbe es nicht das Problem, dass die meisten der heutigen Experten kein Hebräisch können, müsste man annehmen, dass die Nachkommen derer, die einst das Judentum ausrotten wollten, in die Rolle der Bewahrer geschlüpft sind.

Hannah Arendt hatte völlig zurecht darauf hingewiesen, dass Antisemitismus per se internationalistisch und im Prinzip antinational sei. Dies haben zuletzt auch die Auseinandersetzungen um die sog. „Hilfsflotte“ für Gaza untermauert. Bekannte schwedische Krimiautoren wie Henning Mankell reiten sich da zusammen mit Hamas-Führern, Pax Christi Aktivisten, Abgeordneten der deutschen Linkspartei und bewaffneten Aktivisten der islamistischen türkischen IHH, während die Nachrichtenagentur Reuters zugestehen musste, Bilder manipuliert zu haben, um die Kämpfer des vermeintlichen türkischen Hilfsschiffs „Mavi Marmara“ unbewaffnet erscheinen zu lassen. Der Druck der Medien und der Politik in Europa war ebenso rasch wie einhellig und einseitig. Selbst der deutsche Entwicklungshilfeminister schien in das Fahrwasser seines früheren Parteikollegen Möllemann zu geraten und drohte Israel finster und zweideutig, dass es nun gar „fünf vor zwölf“ sei, weil er anders als von ihm verstanden, nicht zu Propagandazwecke in den von der Hamas beherrschten Gaza-Streifen reisen durfte.

Doch bereits im Mai unterzeichnete die neue US-Regierung in New York eine Resolution zum Atomwaffensperrvertrag, die namentlich die (inoffizielle) Atombewaffnung Israels in Frage stellt, jedoch den Iran unerwähnt lässt, obwohl es diesbezüglich eine Reihe von Deklarationen des UN Sicherheitsrates und anderer internationaler Gremien gibt.  Andernfalls hätten der Iran und zahlreiche arabische Staaten die Konferenz boykottieren wollen. Der Preis den Obama für die Teilnahme bereit war zu zahlen, war die gemeinschaftliche Verurteilung Israels. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, der sich fast ausschließlich nur mit Israel und seiner Verurteilung befasst und vielleicht sogar zu diesem Zweck gegründet wurde. Tatsächlich kann dies aber auch daran liegen, dass auf dem restlichen Globus die Menschenrechte tatsächlich geachtet werden und es keine Probleme gibt, die es lohnen würde international zu thematisieren. Die von Obama verkündete „Annäherung an die islamische Welt“ zeigt Wirkung. Dies geht soweit, dass die US Regierung künftig Begriffe wie „Islamismus“ vermeiden will, um die Muslime der Welt nicht „pauschal“ zu beleidigen, während im Gegenzug suggeriert wird, dass Anti-Zionismus nicht antisemitisch sei, sondern … ähm, nun ja, sich ja vielleicht nur ganz zufällig gegen Juden richte. Kann ja mal passieren, oder? Während der Judenstaat also zunehmend als “Sicherheitsrisiko” empfunden wird – zwei Drittel in Deutschland nannten in einer Umfrage  Israel “die größte Bedrohung des Weltfriedens” – zünden muslimische Einwanderer in Deutschland Synagogen an oder bewerfen jüdische Tänzer, wie letztens bei einem Stadtteilfest in Hannover mit Steinen und rufen „Juden raus!“, ohne dass sich die deutsche Öffentlichkeit ob solcher “Bagatellen” groß dafür interessiert.  Die ist damit beschäftigt auf der Straße zu tanzen und Fußballer national zu instrumentalisieren, während Umfragen in Israel während der Fußball-WM ergaben, dass das deutsche Team bei den Israelis am meisten Sympathien hatte, dicht gefolgt von den Holländern.

Zugegeben, das Judentum in Deutschland, das in der Nachkriegszeit personell und institutionell sozusagen ausgeblutet war, kann man als „faktisch tot“ betrachten, daran ändern auch erst spät in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgezogene Museen und restaurierte ehemalige Synagogen wenig. Diese dienen auch nicht den zugewanderten Juden, sondern dem guten Gewissen der akademischen “Elite”, die dort bei entsprechender Neigung in der ehemaligen Synagoge ein vorweihnachtliches Adventssingen genießen kann. Die Reste an Akten und Relikten werden gehütet, als wären es heilige Grale. Die akademische Inbesitznahme der jüdischen Überreste, gerne „Spuren“ genannt, scheint unter dem Gebot des von Christen beanspruchten Gebots „liebe deine Feinde“ damit sozusagen fast um „Endsieg“ ausgebaut worden zu sein, während die akut wachsende Bedrohung jüdischer Gemeinden wegen der Angst „ausländerfeindlich“ zu erscheinen, ignoriert wird.

Wo es nun aber kein Judentum mehr gibt, ist es auch nicht verwunderlich, dass Antisemitismus sich heute fast ausschließlich nur noch über den „Umweg Israel“ definieren kann. Und so bleibt es nicht aus, dass wann immer es im „Nahen Osten“ zu militärischen Konflikten kommt – und das kann im Prinzip von heute auf morgen so sein  – mit Anschlägen auf Synagogen, Friedhöfe und andere jüdische Einrichtungen zu rechnen ist – nur dass die ermittelten Täter in aller Regel keine deutschen Neonazis, sondern meist Muslime sind. Andererseits gibt es auch einige wenige Linke, die ganz entschieden für Israel sind und auch so auftreten, doch sie nennt man innerhalb der „Szene“ warum auch immer „Antideutsche“. Auch das sind Besonderheiten, die für ein halb museales, halb „russisches“ Judentum in Deutschland wenig Gutes versprechen.

(Mai und Juni 2010, erschienen im „Euro Journal  pro management“  4 / 2010 (Dezember)

Method of Antisemitism, how it works: The Exception proves the Rule

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Jakob von Linz, Arzt der Kaiser

December 28, 2010

Jakow von Linz wurde als Jakow bar Jechiel (ca. 1435-1511) im mittelalterlichen Augsburg geboren. Als Kind wanderte mit seinen Eltern nach der Ausweisung im Jahre 1439 aus der Reichsstadt wie viele andere zunächst in aufnahmefähige Herkunftsorte Augsburger Juden, etwa nach Ulm oder Lauingen. In den frühen 1450ern finden wir Jakow in Ulm als Schüler von Rabbi Meir (ca. 1410-1478), dem Sohn Rabbi Jakob Weil (1380-1456), bis 1438 der letzte Rabbiner in Augsburg. Rabbi Meir war Vorsitzender des Gerichts in Ulm und amtierte zugleich auch als Rabbiner von Burgau, dem Sitz der österreichischen Marktgrafschaft. Jakow schloss sich Jakob Weil (1435-1515) an, dem gleichfalls noch in Augsburg geborenen Sohn Rabbi Meirs und Enkel Jakob Weils, als dieser um 1455 nach Donauwörth berufen wurden, zunächst als Vorsänger, schließlich als Rabbiner und zuletzt als Vorsitzender des Gerichts. Dem Vernehmen nach war auch Jakow eine Weile als Kantor in Donauwörth und mit Rivke (Edel) der Enkelin Rabbi Jakob Weils und Schwester seines Freundes verheiratet, ehe er (mit ihr) nach Prag und Wien ging, wo er sich seine medizinische Ausbildung erwarb. Schließlich finden wir ihn um 1460 als Leibarzt am Hofe des Habsburgers Friedrich III. (1415-1493), seit 1424 Herzog von Kärnten, ab 1440 römischer König und seit 1452 schließlich auch Kaiser des Reiches (פרידריך השלישי, קיסר האימפריה הרומית).

 Jakow bar Jechiel verfasste auch medizinische Schriften (dazu später mehr) und lehrte am Hofe Friedrichs in Linz unter anderem auch Johannes Reuchlin (1455-1522) aus Pforzheim, einem der bedeutendsten christlichen und humanistischen Gelehrten des Mittelalters, der als bedeutendster humanistischer Philosoph, Hebraist und christlicher Verteidiger des Talmuds in die Geschichte einging. Es wird allgemein angenommen, dass Reuchlin seinem Lehrer Rabbi Jakow in seinem Werk „De arte cabbalistica“ literarisch würdigte.

Den Angaben von Heinrich Graetz (1866) gemäß wurde Jakow von Kaiser Friedrich für seine überragenden Dienste sogar auch zum Ritter ernannt, was für einen Juden im Mitteleuropa des 15. Jahrhunderts völlig beispiellos sein dürfte und blieb bis zum Tod des Kaiser im Jahre 1493 dessen Leibarzt.

Nach Friedrichs Tod wechselte Jakow in die Dienste dessen Sohnes und Nachfolgers Maximilian I. (1459-1519), dem er gleichfalls als persönlicher Leibarzt diente und begleitete. Maximilian war in der Wiener Neustadt geboren und bereits seit 1486 deutscher König, 1493 als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. Herzog von Österreich und 1508 schließlich auch Kaiser. Kaiser Maximilian, der auch als enger Vertrauter der Fugger gilt, hielt sich in 17 nachgewiesenen Aufenthalten über mehr als zweieinhalb Jahre in Augsburg auf, wo er sich 1504 ein Haus der Patrizierfamilie Meuting in der heutigen Heilig-Kreuz-Gasse als Wohnhaus erwarb. Bereits 1473 hatte er seinen Vater Friedrich erstmals nach Augsburg begleitet. Man baute eigens für ihn, ein heute zumindest namentlich noch als „Alter Einlass“ erinnertes Tor in die Stadtmauer, die in diesem Teil rund 200 Jahre zuvor von den Augsburger Juden selbst errichtet wurde, und nannte ihn mal liebevoll mal scherzhaft „Bürger-„ oder gar „Bürgermeister von Augsburg“.  

(Meuting-Haus in Augsburg, von 1504 bis 1519 im Besitz von Kaiser Maximilian I)

Auch die Augsburger Steuerlisten verzeichneten jüdische Ärzte in der Stadt. Der erste ist Sanwel von Friedberg, zu dem angemerkt ist „ir arzet und ir fleischheckel“. Man kann hoffen, dass der Nebenjob des Fleischhackers ansonsten keinen Aufschluss über seine Tätigkeit als Arzt gab, jedoch ist der aus dem (wohl benachbarten) Friedberg stammende Samuel immerhin in der Zeit von 1355 bis 1377 als Steuerzahler registriert, was auf eine gewisse Beständigkeit und Verlässlichkeit schließen lässt.  Im Jahre 1377 erwähnen die Unterlagen einen namentlich nicht genannten Sohn des Klein Pendit ebenfalls mit dem Zusatz „ir arzat“. Klein Pendit (clain pendit) selbst ist neben seinem Bruder Sueskind von 1367 bis 1380 (bzw. 1277) verzeichnet. Von 1380 bis 1384 wird Mair (Meir) als Arzt genannt, bei dem es sich wohl um den vorgenannten, zuerst namentlich nicht genannten Sohn des Klein Pendit handelt.

Jakows Beiname Loans, hebräisch als לואנש überliefert, basiert übrigens sehr wahrscheinlich auf der Linzer Mundart, d.h. dem gängigen oberösterreichischen Dialekt, wie mir ein „hoibada Loanser“ (ein halber Linzer) glaubhaft versicherte und meint demnach nach heutigem Gebrauch לינץ, bzw. ganz üblich Jakow (von) Linz, die Landeshauptstadt von Oberösterreich mit knapp 200.000 Einwohnern nach Wien und Graz drittgrößte Stadt Österreichs und zusammen mit Vilnius (ווילנע) 2009 Kulturhauptstadt Europas. Weniger wahrscheinlich wäre ein Bezug zum Tiroler Dorf Lans bei Innsbruck, um 1200 erstmals urkundlich als „Lannes“ erwähnt, jedoch ohne bekannte Bezüge zu einer jüdischen Geschichte, die ein entsprechendes Toponym begründen könnte.  

In Linz sind Juden seit dem 13. Jahrhundert im Bereich des heutigen Altstadtviertel mit der Synagoge in der heutigen Hahnengasse nachweisbar. Die Linzer Juden wurden jedoch 1421 im Zuge der „Wiener Gesera“ meist ermordet. Einige wurden zwangsgetauft, nur wenige konnten fliehen. In der Folgezeit hielten sich Juden in Linz nur zeitweilig auf und bildeten kleine, instabile Gemeinden für einige Jahre oder Jahrzehnte. Erst um 1850 etablierte sich eine neue dauerhafte Gemeinde, die bald 1000 Mitglieder hatte. Ein Linzer Schulfoto aus dem Jahr 1901 zeigt den jüdischen Philosophen Ludwig Wittgenstein und Adolf Hitler als Mitschüler. Schon 1939 freilich waren nur noch 30 Juden in Linz. 1968 wurde die neue, heute noch bestehende Synagoge in der Bethlehemstr. eingeweiht. 

Yakov of Linz(ca. 1435-1511)was born in Augsburg and married in Donauwoerth Rivka (or: Edel), the granddaughter of Rabbi Jakob Weil, the last medieval rabbi of Augsburg until 1438. She was the daughter of Rabbi Meir, the teacher of Yakov and the sister of Jakob Weil II., who was head of the Bet Din in Donauwoerth. Yakov bar Yekhiel was chazzan (cantor) and composed some piyutim, pieces of synagogal poems. He moved to Vienna and to Prague, where he was properly trained as doctor of medicine. About 1460 Yakov appears as personal physician of Frederic III, King of Germany and since 1452 Roman Emperor at his court in Linz (Austria). After Frederic’s death in 1493 he was the personal doctor of his son Emperor Maximilian I. who, as is well known, in very good terms with the Augsburg Fugger and who acquainted in 1501 a house in Augsburg. The house still exists today at the backside of Augsburg’s City Theater. However Yacov of Linz is best known as Jakob Loans and as Hebrew teacher of Johannes Reuchlin, a Christian scholar who became famous as fierce defender of the Talmud and as humanist and hebraist. According to common tradition Yacov bar Yekhiel died in 1506 in Linz, but other more substantial sources however maintains that he died at the 10th day of Omer in 5271 what is the 25th of the month Nissan in the Hebrew Calendar in Burgau (what corresponds to Wednesday 23rd of April in 1511) and also was buried there. His grave marker, which as the whole Jewish cemetery of Burgau does no longer exist, mentions him as רופא לקיסרים – rofe lekesarim – doctor for the emperors. According to that in 2011 we may commemorate the 500th anniversary of the death of the remarkable Augsburg born chazzan, poet, rabbi and physician, who after the expulsion of the Jews from Augsburg returned several times to his hometown with the entourage of two Roman Emperors in a time when Augsburg reportedly was “free of Jews”.  Among his offspring, as is widely assumed is Jossel of Rosheim (1478-1554), who represented and defended as leader and speaker of the Jews in the Reich their interests at the Imperial Diet. Other descendents we find later as inhabitants of the Jewry in Pfersee, near Augsburg.  

(note the swastika like ornaments)


Ist das Rathaus von Oberhausen an der Wertach (Augsburg) in Gefahr?

December 24, 2010

Oberhausen an der Wertach wurde 1911 Bestandteil von Augsburg und nur noch wenige Leute wissen, dass es eine eigene Geschichte hatte, wozu auch eine eigene jüdische Gemeinde im 16. Jahrhundert gehört, wie auch ein Rathaus, in dessen Obergeschoss es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Unterrichtsräume für die jüdischen Schüler des Ortes gab, die Kinder von zugewanderten Arbeitern der in Oberhausen ansässigen Textilfabrik des Moses Landauer waren. Sogar Talmud wurde dort unterrichtet.

Obwohl selbst die ältesten Spuren von Römerlagern, die Augsburg schon lange vor der Eingemeindung Oberhausens, geschickt für sich beanspruchte, ist Oberhausen an der Wertach nicht wirklich geschichtsträchtig. Dies liegt auch am meist lieblosen Umgang mit dem lange Zeit heruntergekommenen, lieblos behandelten Stadtteil, der in manchen Teilen ein gewisses Schmuddel-Image hatte und für manche wohl auch noch hat. Häuser, können hier, wie in der Donauwörther Straße jahrelang bröckeln, ohne dass etwas geschieht. Offenbar lohnt sich das finanziell für irgendwen.

Nun aber wird seitens der Stadt Augsburg allen Ernstes sogar erwogen, das alte Rathaus – im geschichtslosen Oberhausen den meisten ohnehin nur als mitunter eher problematisch empfundenes, weil überwiegend von „Ausländern“ frequentiertes, Jugendzentrum („He, Alter, was geht?! – Schau ned so blöd!“) geläufig – an der Hirblinger Straße bei der Peter Paul Kirche abzureißen, um an seiner Stelle eine angeblich dringend benötigte Turnhalle zu bauen.

Als Grund dafür wurde Schimmel in den Kellerräumen des alten Rathauses vorgegeben, was kaum glaubhaft sein dürfte. Wenn man jedes Haus, in dem Schimmel auftritt mal eben abbrechen würde, würde es bald anders aussehen in der Stadt.  Wahrscheinlich geht es aber eher um kolportierte Fördergelder die für einen Turnhallenbau „fließen“ könnten. Die sind aber zweckgebunden, dürfen also nicht für eine billigere Sanierung des historischen Baus benutzt, sondern nur einem Neubau gewidmet werden. Folglich wird pünktlich zum christlichen Weihnachtsfest also der Knüppel ausgepackt und mit ihm das historische Erbe des (selbst)vergessenen Stadtteils zerschlagen – am besten noch zum Jubiläum der Eingemeindung demnächst – und zugleich wird mit dem Geldbündel gewunken, um scheinbare Geschenke zu verteilen, die es nicht wirklich braucht, zumal sie ja auch keine sind. Eine Turnhalle für die Schule passt besser als die „herumlungernden“ Ausländerjugendlichen. Dass dabei auch noch ein letzter Rest alter Ortsgeschichte zertrümmert wird – wen kümmert es? Fördermittel sind wie Zuckerguss zu Weihnachten. Frohes Fest!

Oberhausen Augsburg Altes Rathaus 2003  Old townhall of Augsburg / Oberhausen (built about 1690)

Übrigens gibt es in Oberhausen keinen Turnhallenmangel. Schon 1883 hatte der Turnverein an der Donauwörther Straße neben dem damaligen Bärenwirt eingeweiht. 1920 wurde sie in den aus Augsburger und Oberhausener Turnvereinen fusionierten „TSV 1871 Augsburg“ integriert. Der Verein existiert noch, die Halle nicht mehr. Sie wurde abgerissen, aber schon 1994 durch einen Neubau am Maierweg in Oberhausen-Nord ersetzt. Nach der Turnhalle riss man an der Donauwörther Straße Ende der 1990er Jahre auch die letzten Reste des alten Brauerei-Gebäudes des Bärenwirts ab. Beide Abrisse hinterlassen bis heute eine große zusammenhängende Baulücke, für die sich offenbar niemand interessiert. Aber wahrscheinlich lohnt sich auch da der Leerstand. Platz für eine neue Halle am historischen Platz wäre vorhanden. Ach was, ein Stadion könnte man dort bauen.


בעיצומן

December 19, 2010

אני הולך בעיר הגדולה

גגות עכור בערפל שמה

עם העבודה של היום בראשי

אלף אנשים הולכים על דרכי

 

אני לא יודע את כולם – מי הם
יש להם גורל בלב כמוני 
הדאגות שלהם הם זרים לי 
כמו אותם הדופק שלי

הערפל טיפות וכולנו ללכת
אין ברק האיר העמוק בינינו
אם כולנו זוכרים את המילה
ימות ברוח, ואף אחד לא יודע האחרים

העדוויג לאכמאן לאנדאוער 

Jewish Cemetery Huerben Krumbach – Dream Landscape – juedischer Friedhof Huerben Krumbach

 

Hedwig Lachman Landauer: Unterwegs

(Ich wandre in der großen Stadt. Ein trüber Herbstnebelschleier flattert um die Zinnen. Das Tagwerk schwirrt und braust vor meinen Sinnen, Und tausend Menschen geh‘n an mir vorüber. Ich kenn sie nicht. Wer sind die Vielen? Tragen Sie in der Brust ein Los wie meins? Und blutet Ihr Herz vielleicht, von mir so unvermutet, Als ihnen fremd ist meines Herzens Schlagen? Der Nebel tropft. Wir alle wandern, wandern. Von dir zu mir erhellt kein Blitz die Tiefen. Und wenn wir uns das Wort entgegenriefen Es stirbt im Wind und keiner weiß vom andern.)

(1919) (Hebrew Translation בעיצומן Yehuda Shenef, 2009)

Hedwig Lachmann Landauer (1865-1918)

German-Jewish Poet and translator, daughter of the Chazan (cantor) of Swabian Jewish community Huerben (now Krumbach), married to Gustav Landauer (1870-1919), also translator – both translated together Oscar Wildes “Dorian Grey” into Geman – and political activist and one of the main thinker of anarchism in Germany, who had been executed as member of a Sovjet government in Bavaria.

His wife Hedwig however had her school education in Augsburg and had her exam age 15. She also wrote a number of than much noticed poems, which today of course (?) are forgotten.

An interesting fact however is that Gustav and Hedwig Landauer are the maternal grandparents of Academy Award winning director Mike Nichols (born 1931), famous for many movies, from “Whose afraid of Virginia Woolf” , “The Graduate”, “Catch 22” until “Charlie Wilson’s War”. 


Lammfromm und trotzdem tough

December 16, 2010

Columbia Sportswear mit Sitz in Portland, Oregon ist ein Bekleidungshersteller der sich wesentlich auf Wintermode (Ski, Snowboarding, …), sog. Outdoor – Sport (Fischen, Jagen, Wandern, Bergsteigen, usw.) und entsprechende Schuhe  spezialisiert. Das Sortiment wird weltweit in über 10.000 Einzelhandlungen in 70 Ländern verkauft und ist sowohl modisch als auch technisch innovativ, basierend auf neuen technischen Entwicklungen im Bereich von Isolierstoffen bis hin zu elektrisch beheizbare Schuhen. Die Firma beschäftigt rund 3000 Mitarbeiter und machte im Jahr 2009 einen Umsatz von über 1.2 Milliarden US-Dollar und ist seit 1998 als COLM an der New York Stock Exchange notiert. Seit 2008 tritt Columbia Sportswear bei der Tour de France als Sponsor des „Team Columbia“ als Nachfolger des früheren „Team Telekom“ (für welches der Däne Bjarne Ries 1996 und der Deutsche Jan Ulrich 1997 die Tour gewannen).

1938 wurde die Firma als „Columbia Hat Company“ in Portland gegründet von jüdisch-deutschen Auswanderern. Paul Lammfromm hatte dafür mit geliehenem Geld die kleine „Rosenfeld Hat Company“ aufgekauft und nach dem Columbia – Fluss umbenannt, der zwischen den Staatsgrenzen von Washington und Oregon verläuft.

Die Lammfromm – Familie stammte aus Augsburg. Paul Lammfromm war Teilhaber der „Fa. Lammfromm und Biedermann“ in der Hermannstraße gelegen, unweit des Königplatz und somit nahe der Synagoge. Die erfolgreiche Fabrik für Weiß- und Unterwäsche wurde 1937 unter dem üblichen Druck und weit unter Wert „arisiert“ und von den Fabrikanten Fritz und Karl Oelkrug übernommen, die nunmehr „Wäschefabrik Augsburg F & K Oelkrug“ hieß und für die Waffen-SS auch Unterziehjacken für den Winterkampfanzug schneiderte, abgesteppt, aus „typisch seidigen Glanzersatzmaterial“ Seit der Aufgabe der Fabrik im Jahre 1975 wird das Unternehmen, das sich nun auf die Fertigung von Maßhemden spezialisiert, am Elias-Holl-Platz beim Augsburger Rathaus als „Oelkrug – Maßhemden“ als inzwischen traditionsreiches Familienunternehmen weitergeführt.

Paul Lammfromm (1888-1956) war der Sohn von Bernhard Lammfromm (1848-1932) aus Buttenwiesen, dessen Großvater dort Rabbiner war, und der aus Ichenhausen stammenden Hanna Bissinger (1862-1940), die in Portland verstarb. Pauls älterer Bruder Dr. Friedrich (Fritz) Lammfromm (1887-1918) war als Bataillonsart des 9. Bayerischen Infanterie Regiments am 11. August 1918 beim Vorstoss französischer und amerikanischer Truppen beim Flugfeld zwischen Bertoncourt und Rethel in den Ardennen. Die vierte Etappe der Tour de France 2010 von Cambrai nach Reims führte am 7. Juli im Peloton auch die Fahrer und Trikots des Columbia Teams relativ dicht an der Region vorbei, in der der Bruder des Firmengründers ums Leben kam. Das Ehrenmal für die gefallenen jüdischen Wehrmachtssoldaten am jüdischen Friedhof Hochfeld in Augsburg, erinnert neben vielen anderen Augsburger Juden auch an ihn, ebenso wie an seinen  Cousin den Rechtspraktikanten Fritz Bissinger  (1890-1914), der bereits zu Beginn des Krieges als Einjährig-Gefreiter ums Leben kam.

(Spital im ardennischen Rethel, Postkarte um 1917)

Durch die „Arisierung“ verloren die Lammfromms fast ihr gesamtes Vermögen, konnten aber in dieser Weise ihr Leben retten. Paul konnte gemeinsam mit seiner Frau Marie und ihren drei Töchtern Hildegard, Gertrude und Eva in die USA entkommen. Pauls Tochter Getrud (geb. 1924) heiratete 1948 Neal Boyle, einen Katholiken, der nun auch für das Geschäft seines Schwiegervaters arbeitete, während Gertrud „lammfromm“ als Ehefrau und Mutter dreier Kinder zu Hause, aber auch jüdisch blieb. 1964 starb ihr Vater Paul Lammfromm an Herzversagen, 1970 der Ehemann Neal Boyle und Gertrud, nunmehr Gert Boyle übernahm mit ihrem Sohn Tim die Geschäftsleitung, als die Firma mit rund 40 Angestellten überschuldet war und kurz vor der Pleite stand. Der Rest ist Geschichte, am besten von Gert Boyle selbst erzählt. Die Firma wurde flott gemacht und nicht zuletzt durch Gert Boyle als Apfelkuchen backende „tough mother“ als schlagkräftige, witzige und „kultige“ Werbe-Ikone „Ma Boyle“ zum Weltmarktführer für Outdoor-Bekleidung. Zwar gab sie dem Vernehmen nach bereits 1988 offiziell die Firmenleitung an ihren Sohn Tim ab, aber die rüstige Dame ist noch immer mit von der Partie wenn es um Neuerungen und Strategien in der Firma geht.

(Tough Mother commercial)

Gert Boyle in her own words:

http://www.oregonlive.com/O/index.ssf/2008/09/gert_boyle_columbia_sportswear.html

Empfehlenswert ist auch die packende Lektüre der Autobiographie von Gert Boyle als “One Tough Mother – Success in Life, Business and Apple Pies”, Basic Books 2007, 208 S., bislang leider ohne deutsche Übersetzung.

Gert Boyle – not quite lamb-like in traditional terms, but born to nag …

Vor etwa einem Monat hingen sollte die inzwischen 86jährige Opfer eines Raubes und einer wohl geplanten Entführung, jedoch gelang es der gefesselten Gert heimlich einen Alarmknopf zu drücken. Die drei bulligen Täter, illegale Einwanderer aus Honduras um die 40, konnten verhaftet werden.

http://www.oregonlive.com/west-linn/index.ssf/2010/12/immigration_authorities_remove_holds_on_two_suspects_in_gert_boyle_case.html

Ein Buttenwiesener Verwandter, Israel Lammfromm (1863-1930), wurde erst in diesem Jahr lokal gewürdigt, knapp hundert Jahre nachdem er selbst seinen Geburtsort in der 1911 im Eigenverlag erschienenen „Chronik der Markt-Gemeinde Buttenwiesen“ viele ansonsten verloren gegangene Erinnerungen aus der Ortsgeschichte bewahrt hat.

(Beschädigter Grabstein des Mosche Zwi ben Israel, Hugo Lammfromm, 1902-1938 am jüdsichen Friedhof Buttenwiesen)

The Swabian Lammfromm (lit. lamb-like) family from Buttenwiesen and Augsburg, a story of Rabbis, local historians, innovations, Soldiers, tough Moms and outdoor apple pies … another fine peace of German-Jewish history from the Swabian part of Bavaria.


“Gott würfelt nicht”

December 13, 2010

Der סביבון (sewiwon) von סביב (sawiw = rund), jüdisch Dreidel (דריידל) oder früher im Westen auch Trendl (טרענדל) ist ein ungewöhnliches, längst aber klassisches Spielzeug, das sich mit dem jüdischen Lichter- oder Weihefest verbindet und längst zu einem immer wieder anzutreffenden bildlichen Symbol dafür geworden ist. Letzteres ist uns heute als trend bekannt, abgeleitet vom mittelenglischen trenden (sich drehen), friesisch trind (rund), etc.  was im Englischen erst etwa in den 1880er Jahren die Bedeutung einer „allgemeinen Tendenz“ bekommt: der Trend. Dreidel hingegen stammt vom jüdischen Wort dreihen = drehen. Der hebräische Neologismus sewiwon wurde erst vor etwa hundert Jahren von Itamar Ben-Avi geprägt, dem Sohn von Elieser Ben-Yehuda. Es gilt daher gemeinhin als gesichert, dass der Dreidel eine aschkenasische, deutsch-jüdische Herkunft hat. Alte indische Formen des Kreisels verwendeten als Basis die Swastika, das im letzten Jahrhundert als „Hakenkreuz“ der Nazis in Verruf gekommene „Glückssymbol“, welches angeblich ein „Sonnenrad“ darstellen soll. Zwar weiß niemand so genau, was das eigentlich sein soll, da zumindest die tatsächlich am Himmel sichtbare Sonne, weder Zacken, Haken noch Räder hat, doch als Ornament findet sich die Swastika freilich auch in Überresten des Jerusalemer Tempels aus der Zeit des antiken Baumeisters und Königs Herodes. Der Dreidel – einer Vielzahl jüngerer Leute wenigstens noch aus dem „Draydel Song“ der Cartoon Serie South Park geläufig – hat mit der Tempelweihe erkennbar ebenso wenig zu tun wie der Weihnachtsmann  oder Tannenbaum im Christentum mit der Geburt des Jesus.

Auf einem Gemälde des holländischen Malers Pieter Brueghel mit „allerley spelen der kinderen“ das auf das Jahr 1560 datiert wird, befindet sich am vorderen linken Bildrand auch eine Figur, die eine Art Dreidel in die Luft hebt. Dieser wird als Toton oder Teetotum gedeutet, ein ab etwa dieser Zeit nachweisbares Spiel auf der Basis eines meist vierseitigen Kreisels, der 1871 auch in Lewis Carolls „Alice hinter den Spiegeln“  erwähnt wird, als das Schaf fragt „Bist du ein Kind oder ein Dreidel?“ Als Grundlage für das Spiel dienen die jeweiligen Buchstaben die auf jeder Seite aufgemalt oder eingraviert wurden. Eine lateinische Variante hatte die Buchstaben A, D, N, T, gedeutet als aufer (nehmen), depone (ablegen), nihil (nichts) und letztlich namensgebend totum (alles). Es existieren zahlreiche Varianten in unterschiedlichen Sprachen und Abkürzungen. Eine englische Variante des 18. Jahrhunderts etwa hat die Buchstaben N für nothing (nichts), P für put (geben), S für some (einiges) und T für take (nehmen). Neben diesen Varianten gab es weitere mit sechs anstelle von vier Seiten, die gelegentlich auch analog zu einem Würfel einen bis sechs Punkte aufwiesen. Im Spiel , etwa um Geld, entscheidet je nach Regel und danach welche Seite sodann nach dem Drehen des Kreisels oben liegt, ob man seinen Einsatz verliert oder etwas dazugewinnt.

Trotz oder vielleicht auch wegen der mehrsprachigen Belege ist es nicht feststellbar, wo genau der Ursprung des entsprechend mit Buchstaben beschrifteten Dreidels und des damit verbundenen Spiels zu finden ist.  An einer wenig  wahrscheinlichen Stelle findet sich jedoch eine, wenngleich auch wohl versteckte literarische Anspielung darauf, nämlich im 19. Kapitel des christlichen Evangelium des Johann, als bei der Kreuzigung des Jesus römische Soldaten die Oberbekleidung (ἱμάτια, imatia) des Hingerichteten in vier Teile (τέσσαρα μέρη, tessara me’re) aufgeteilt und die künftigen Eigentümer auf spielerische Weise, sprich durch Auslosen (λάχωμεν) ermittelt werden. Der griechische Text wurde in zahlreichen Sprachen als „würfeln“ übersetzt, jedoch ist dies nur eine veranschaulichende Interpretation, da das griechische Wort für Würfel κυβος (kubos) im Text nicht vorkommt. Letzteres ist auch bekannt von Julius Caesars berühmten Ausspruch alea iacta est (Sueton, Caesar 32) – meist übersetzt als „der Würfel ist gefallen“, was aber, da Caesar sicher eher Griechisch sprach, ein bereits geläufiges griechisches Zitat war, das etwa bei Plutarch als ανερρίφθω  κυβος (der Würfel ist geworfen) überliefert ist. Im übrigen lässt sich auch aus dem durch die heute feststehende vor allem mathematische Bedeutung des Worts „kubos“ nicht sagen, dass es sich dabei bereits um unseren nunmehr gebräuchlichen Würfel mit sechs Seitenflächen handelte. Zweifel-los wäre auch ein vierseitiger Dreidel denkbar, da das verwandte hebräische קב (kow) eine Stelze oder Stütze bezeichnet, was notwendigerweise mit der Idee des Kreisels korrespondiert. 

Interessant ist freilich, dass im Kontext der Kreuzigung des Jesus, am Kreuz selbst eine Inschrift auftaucht, die häufig durch vier Buchstaben abgekürzt wird: Ἰησοῦς ὁ Ναζωραῖος ὁ βασιλεὺς τῶν Ἰουδαίων – also Jesus der Nazaräer als König der Juden. Am bekanntesten ist dabei wohl das lateinische Kürzel INRI, das man auf vielen alten Kruzifixen finden kann. Die Inschrift soll dem Evangelium des Johann gemäß aber in griechischer, hebräischer und lateinischer Sprache angebracht worden sein. Motivisch übereinstimmend mit dem Dreidel ist somit der scheinbar neutrale Losentscheid und die gleich zweimal präsente Vierteilung (zum einem mittels INRI als vier Buchstaben, zum anderen durch die Aufteilung der Kleidung in vier Portionen). Einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Dreidel des Chanucka-Festes ergibt dies nicht, wenngleich das Fest dem militärischen Sieg der Juden über die griechischen Seleukiden im Jahr 164 v.a.Z. und der folgenden (Wieder)Einweihung des Heiligtums in Jerusalem gewidmet ist. Allenfalls das Datum der Weih-Nacht am 25. Kislev kann als Anzeichen für das erst viele Jahrhunderte später am 25. Dezember gefeierte Geburtsfest des Jesus verstanden werden, zumal die Monate Kislev und Dezember sich regelmäßig überschneiden. Offensichtlich ist aber die ideengeschichtliche Verwandtschaft enger als die des Tannenbaums mit Jesus oder die des Dreidels mit dem Tempel in Jerusalem.

Wie auch immer, ist ganz ähnlich zu den oben genannten Varianten auch die jüdisch-sprachige bis heute als Kinderspiel überliefert, wobei zu Chanucka eher um Süßigkeiten als um Geld und sicher nicht um die Bekleidung eines Fremden gespielt wird. Die Buchstaben hierfür sind ה = האלב (H für halb), ש = שלעכט (SCH für schlecht),  נ = נישט (N für nischt, nichts) und schließlich ג = גוט (G für gut). Die hebräischen Entsprechungen für die jüdischen Begriffe wären חצי, רע, לא und טוב, was abgekürzt freilich andere Buchstaben ergeben würde. Die Spielidee, wie auch die Beschriftungen, waren für das Judentum freilich zu alltäglich und entheiligend.  Insbesondere der Buchstabe ה dient allgemein üblich zur Abkürzung des Wortes השם (ha-schem, der-Name, gemeint ist der Name Gottes) und kürzt sozusagen bereits die Umschreibung des Gottesnamens respektvoll ab, während die Zahl 15 in hebräischen Ziffern aus dem selben Respekt nicht wie es folgerichtig wäre als 10-5, sondern als 9-6 = ט”ו notiert wird. Es fand sich demnach also eine heiligende Erklärung für die vier Buchstaben, die nunmehr als Anspielung auf das Lichtwunder im Tempel gedeutet wurden:

נס גדול היה שם – ness gadol haja scham – ein großes Wunder gab es dort.

Praktisch fügte es sich dabei, dass diese Buchstaben sich sogleich auf den Zahlenwert 358 addierten, was dem Wert des Wortes משיח (meschiach = gräzisiert Messias, oder gleich griechisch Christos) entspricht. Auch dies ist ein Wort mit vier, freilich teilweise anderen Buchstaben. Im modernen Israel bildete sich alternativ zur bereits etablierten frommen Lesart die logische Variante

נס גדול היה פה – ness gadol haja po – ein großes Wunder gab es hier.

Man konnte sich ja nun auf den Ort des Geschehens, auf Israel beziehen und musste nicht mehr aus der Ferne Bezug nehmen, während andererseits der neue Zahlenwert 138 an Signifikanz einbüßte, wenn man es beispielsweise als סטודנט (student) deutet, ohne den Sinn einer akademischen Ausbildung in Abrede stellen zu wollen.

Doch auch die Idee des Losens, Auslosens ging nicht ganz verloren. Zum einem bieten die Erzählungen der Thora diesbezüglich bereits mit den geheimnisvollen אורים ותומים (urim ve’tumim – etwa: Lichter und Ganze) ein prominentes, wenngleich auch schwer schlüssig zu deutendes Modell, bei dem bereits die Wortbedeutung und Übersetzung nicht unumstritten ist. „Urim“ wird allgemein als Plural von Licht, also als Lichter aufgefasst, das Gegenstück freilich ist als Substantiv schwer zu fassen, bedeutet als Adjektiv aber „rein“, „unschuldig“, „naiv“, „sauber“, „vollendet“ und dergleichen mehr. Im ספר שמות (lat. Exodus) der Thora werden die אורים ותומים beispielsweise als Bestandteil des heiligen Gewands des großen Kohen, des אפוד (efod) erwähnt, welches an anderer Stelle aber auch von König David getragen wurde. Über dem Efod einer Art Weste am Gewand befand sich der חושן eine Brustplatte worin die אורים ותומים aufbewahrt wurden. Über die Beschaffenheit und Verwendung all dieser Gegenstände wurde bereits viel spekuliert – was nicht verwundert, da sie bereits mit dem babylonischen Exil als verschollen gelten – für unseren Kontext reicht die Feststellung, dass es sich bei den Urim und Tumim offenbar um keine bloße Symbolik handelte, sondern um eine konkrete Funktion, der allgemeinen Auffassung nach zum Zweck der Wahrheitsfindung, um Begriffe wie „Orakel“ oder Wahrsagen“ zu vermeiden. Zum Einsatz kamen sie als dritter Weg neben Träumen und Überbringern („Propheten“), um mit Gott zu kommunizieren, bzw. um seinen Willen zu ermitteln. In einem etwas anderen Kontext begegnet uns das Losen im פורים Purim-Fest, welches wörtlich der Plural von פור (pur) ist und das Los (griech. Κλήρος – kleros) bezeichnet. Hier nun wurde der Tag, an dem der finstere Schurke Haman das jüdische Volk im Reiche des persischen Königs vernichten wollte, per Los bestimmt. Der ermittelte Losentscheid war trotz gegenteiliger Erkenntnisse zum Sachverhalt bindend und unumstößlich, um nicht die Autorität des Herrschers als Entscheidungsträger zu erschüttern. Der festgesetzte Plan musste also mittels Vorbereitung der vorgesehenen Opfer vereitelt werden und die Bestrafung der eigentlichen Übeltäter am ausgelosten Stichtag (sic!), wird heute noch gefeiert. Auch hier wissen wir nicht, um was für eine Art Los es sich handelte, wohl aber, dass es am persischen Hof gebraucht wurde. Offensichtlich war es aber geeignet, ein konkretes Datum zu bestimmen. Denkbar wäre eine Drehscheibe mit Monatseinteilung.

In der kabbalistisch – chassidischen Frömmigkeit nach dem Spätmittelalter hat sich nun auch eine Methodik entwickelt, den Dreidel als divinatorisches Instrument zu benutzen, wobei die klassischen Buchstaben des jüdischen Dreidels entsprechend ausgelegt werden, etwa im Sinne der Zahlenwerte, korrespondierender Begriffe und Wortbedeutungen. Da es viele Varianten davon gibt, konnte sich keine gänzlich durchsetzen.

Der Ursprung dürfte in von den Griechen ἀστράγαλος genannten Sprunggelenksknochen (צם הקרסול – lat. talus, meist von Schafen oder Ziegen) liegen, die als eine Art natürlicher Vorläufer von Würfeln gelten und im antiken südöstlichen Mittelmeerraum gesamten als Spielgerät wie auch zu Wahrsagezwecken genutzt wurden. Vielleicht rührt es auch daher, dass in der hebräischen Geschichte des Volkes Israels der Sprung vom Schafshirten zum Propheten oft ein sehr geringer zu sein scheint, vielleicht nur ein Hammelsprung.

(source: wikipedia)

Eine ganze Reihe der biblischen Helden und prägenden Figuren der jüdischen Frühgeschichte waren Hirten: Abraham, Isaak, Jakob, Moses, David, Rabbi Akiwa, um nur einige zu nennen … und so ist es kein Wunder, dass sich auch das Christentum reichlich bemüht, eine entsprechende Metaphorik zu bedienen und anzusprechen und Mohamed gleichfalls Schafhirte gewesen sein soll, bevor er bei seinem Onkel Talib kaufmännische geschult wurde und mit ihm auf Reisen ging. Der biblische Begriff für „Prophet“ ist im hebräischen Original wörtlich ein „Bringer“ (נביא – nawi), damit vergleichbar mit dem griechischen  ἄγγελος – lat. „angelus“, meist übersetzt als „Bote“, aber ganz gewiss kein geflügeltes Wesen, sondern allenfalls ein ebensolches Wort. Das hebräische Wort für den Engel wiederum lautet „mal’ach“  (מלאך) und leitet sich von „mal’acha“ (מלאכה) der Arbeit ab, was über die Vermittlung des Jüdischen auch im Deutschen als „Maloche“ (מאַלאָכע) allgemein bekannt ist. Während der hebräische Engel demnach ein „Malocher“ ist, ist der hebräische Prophet ein echter „Bringer“, ein Vermittler, die Personifizierung des Nächsten, des Folgenden, des Kommenden, der Zukunft, der den Willen Gottes (mit oder ohne Schafsknochen) erkundet und ggf. mitteilt.

Jeder Astragal besitzt vier Seiten, freilich nicht gleichmäßig wie bei einem exakten, idealen Würfel, jedoch so, dass alle vier Seiten zum Liegen kommen konnten. Ihnen gab man nun Zahlen(werte), die in den meisten Sprachen des Orients mittels Buchstaben ausgedrückt wurden, im Griechischen ebenso wie im Hebräischen/Phönizischen. Die Nummerierung reichte von 1-4, aber Varianten kannten die Werte 1, 2,  4 und 6 und oft kamen fünf Astragale zum Einsatz (oder es wurde entsprechend oft mit einem gewürfelt) und sodann wurden die Werte addiert. Anders als die Kreuzigungsszene im christlichen Evangelion suggeriert, war das Würfelspiel, insbesondere das der Astogaloi , trotz spielsüchtiger Herrscher wie Claudius, bei den Römern keineswegs gern gesehen, sondern nur während der Saturnalien (= das römische Staatsfest zu Ehren des “Saturn”, zunächst am 17., dann ausgedehnt vom 17. – 23. Dezember, später ab dem 17. bis zum Monatsende) nicht verboten waren. Rein zeitlich würde das, wie der Brauch des Würfelns durchaus zur späteren Chanucka-Tradition passen, darüber hinaus in Bezug auf das auch im jüdischen Kontext sonst ebenfalls nicht erlaubte Glückspiel um Geld. Eine Abart des ursprünglichen Spiels der Astragaloi ist heute auch in Israel noch bekannt als חמש אבנים 5 – Steine, was bereits besagt, dass das Material sich geändert hat und man von den Schafsknochen abgekommen ist. Albert Einstein freilich soll gesagt haben: “Gott würfelt nicht”.

The draydel, a well known toy used during the festival of Chanucka according to common believe stems from medieval Europe, but has a much older origin in more ancient times and many equivaletns, such as the ankle joint of sheep, known as Greek astragaloi. So maybe it is no sheer accident that many of the old prophets of Jewish history actually were shepherds…


Das Kinderdenkmal am jüdischen Friedhof Augsburg Hochfeld an der Haunstetter Str.

December 12, 2010

Nach langer und ausführlicher Planung konnte im herbstlichen Spätsommer und im winterlichen Spätherbst am jüdischen Friedhof Hochfeld zwischen Haunstetter Straße und Altem südlich der Augsburger Altstadt ein Monument für die am Friedhof bestatteten Kinder aufgestellt und eingeweiht werden, deren Grabsteine in der Zeit der Naziherrschaft und danach zerstört wurden.

Das schlichte Denkmal ist etwa 2 Meter 20 hoch und 1 Meter 20 breit und wurde entlang des Fußwegs aufgestellt. 14 schwarze Tafeln (20 x 30 cm) beinhalten in weißer Schrift 82 Namen jüdischer Kinder und ihre Todesdaten, die 2007 bei Recherchen zur Dokumentation des Friedhofs in Archiven und privaten Unterlagen ermittelt werden konnten. Eine fünfzehnte Tafel (40 x 30 cm), in der Mitte oben, enthält unterhalb eines weißen Davidsterns eine hebräische Widmungsinschrift

אל־דמעתי אל־תחרש

Was zwar mit „schweig nicht zu meinen Tränen“ etwa sinngemäß richtig übersetzt wird, in Klammern aber als Zitat, aus Psalm 56.9 ausgewiesen ist, was falsch ist. Tatsächlich stammt das Zitat aus Psalm 39.13 תהילים und lautet vollständig:

שמעה־תפלתי יי ושועתי האזינה אל־דמעתי אל־תחרש כי גר אנכי עמך תושב ככל־אבותי

(„Höre mein Gebet, HaSchem, erhöre meinen Hilferuf, betäube* nicht meine Tränen, denn ein Gast bin ich bei dir verweilend wie all meine Väter“ das Verb חרש bedeutet taub sein, verstummen, beruhigen, … zunächst aber eingravieren, schnitzen, schreiben, vom wohl ursprünglicheren pflügen, beackern.)

darunter ist noch zu lesen:

„Hier ruhen 82 Kinder in unmarkierten Gräbern. Gott kennt ihren Platz; Sie ruhen sanft im Lichte seiner Herrlichkeit.“

Und schließlich die allgeläufige Formel  תנצבה – ihre Seelen seien eingebunden im Bund des Lebens.

Im Sinne eines anderen Tehilim-Verses („כרחם אב על־בנים רחם יי על־יראיו׃“) bedanken wir uns bei der Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg, dem Vorstand und Dr. Henry Brandt – insbesondere bei Herrn Leonid Zamskoy, dem bis dato zuständigen Betreuer des Friedhofs – für die Konzeption, Organisation und Verwirklichung des schlichten und würdevollen Monuments, welches den Kindern der jüdischen Vorkriegsgemeinde „Denkmal und Name“ (yad vashem) zurückgibt und ihnen eine möglichst bleibende Erinnerung in künftigen Generationen ermöglicht.   

 

A new memorial at the Jewish Cemetery of Augsburg – Hochfeld (between Haunstetter Str. and Alter Posterweg),erected end of October and inaugurated early December 2010, commemorates Jewish children from Augsburgs pre-war Jewish community whose grave marker had been destroyed during the Nazi era and the following decades of neglect. The monument is 2.5 yard high and four feet wide and has the names and  dates of death of 82 Jewish children on 14 plates. An additional plate in the top of the middle has a quotation from the Biblical book of Psalms on it, what usually is translated as “do not be silent at my tears”. Although the inscription says it is a quote of Ps. 56.9, however it actually is Psalm 39.13  

Many thanks to the Jewish community of Augsburg, especially Mr. Leonid Zamskoy for the realization of the meaningful and exemplary project. 

большое спасибо