Augsburg Judenberg 2017

May 22, 2017

Nach langen Bauarbeiten ist er nun wieder einsehbar, bald vielleicht auch wieder begehbar, der Augsburger Judenberg, die letzte namentliche Erinnerung an die mittelalterlichen Juden der Reichstadt.

Augsburg Judenberg 2017


Augsburg Karlstraße

January 23, 2014

Blick von der Grottenau in die Karlstraße, die heute von der Oberstadt runter in die Jakobers Vorstadt führt. Im Mittelalter bis ins Jahr 1825 hieß der Weg “Judengasse”. Im Laufe des 19.Jahrhunderts bis zu den Nazis lebten auch hier und in der Umgebung (vorallem im Bereich um die Ludwigstraße) sehr viele Juden.

Augsburg Karlstraße Judengassengasseformer Judengasse (Jews alley) since 1825: Karl-Str.


Augsburg Hafnerberg

January 21, 2014

Früher befand sich hier das Augsburger Landgericht wie auch eine Reihe städtischer Ämter (heute gibt es noch die Einrichtungen des Bezirk Schwaben) Heute erkennt man noch am unterschiedlichen Höhenniveau der beiden Straßen Am Hafnerberg und Im Thäle dass hier die städtische Grenze der hochmittelalterlichen sog. Bischofsstadt verlief. Im ausgehenden 19. Jahrhundert lebten im Viertel um den Hafnerb und die Ludwigstraße sehr viele Juden. Nicht wenige hatten hier in den alten, in der Mehrzahl leider durch Bombardements zerstörte Bürgerhäusern auch Geschäfte und Warenlager. Am berühmtesten waren wohl die Hopfenhandlung der Binswanger und ihre benachbarte Spirituosen- und Likörfabrik, aber auch die Landauer, Kahn & Arnold und manch andere waren hier präsent. In nächster Zeit werden wir einige der Firmen und Standorte in loser Folge vordstellen, um so einen Eindruck über die Präsenz Augsburger Juden im 19. Jahrhundert zu berichten. Wei jedes andere Mosaik besteht auch dieses aus seinen vielen Einzelteilen …

Augsburg Hafnerberg Thälesouth border of medieval Augsburg

Hafnerberg hill – wall – and small valley Thäle

 


Zurück zur Basis ..?

April 25, 2013

Elias Holl Platz Rathaus Augsburg Ausgrabung Zelle

Am Elias Holl Platz, mnachen besser bekannt als “Platz-an-der-Rückseite-vom-Rathaus” sind derzeit Ausgrabungen zu sehen. Bei ebensolchen im Jahre 1928 wurden an dieser Stelle einige Fragmente mittelalterlicher hebräischer Grabsteine gefunden, die im Buch zum mittelalterlichen Judenkirchhof beschrieben sind:

Augsburg Elias Holl Platz Ausgrabungen

At Elias Holl Platz which is at the “backsite of the 400 years monumental Augsburg townhall there are some diggings. When in 1928 the last time there were some a number of fragments of medieval Hebrew grave markers from the Jewish Cemetery (Judenkirchhof) were discovered right there. It may be assumed that still there is the reported number of “several hundred” so to say “in situ” …

Augsburger Judenkirchhof Buch Yehuda Shenef

Kokavim-Verlag, 2013, 176 Seiten

ISBN: 978-3-944092-01-0

Preis: 29.50 €

Yehuda Shenef: Der Augsburger Judenkirchhof – Zur Geschichte und zu den Überresten des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs in der Reichsstadt Augsburg


Augsburger Rechenkunst

November 22, 2012

Man weiß aus der Augsburger Geschichte, dass selbst gelehrige Mathematiker, die sich ihrer Vernunft und scharfen Sinne rühmen mitunter in falsche, weil sogar künstliche, Äpfel beißen, und dies durchaus auch aus Übermut. Die Schlussfolgerung daraus war in gelehrsamer Runde, dass wenn die schärfsten Sinne und die Vernunft sich bereits in kleinen, nebensächlichen Dingen täuschen lassen, wie dann eigentlich größere, komplexere, sublimere Zusammenhänge erkannt werden sollen, wenn alle Erkenntnis doch der Wahrnehmung der selben Sinne unterliegen.

So erging es dem Augsburger Mathematiker Fredericus (Friedrich) Podamicus, einem strengen Luther-Anhänger, der um 1600 in Venedig zu einem Gespräch eingeladen wurde, das man heute wahrscheinlich als interdisziplinäres und internationales Symposium bezeichnen würde. Die Teilnehmer stammten aus Paris, Konstantinopel, Antwerpen, Sevilla, Augsburg und sie folgten der Einladung des Paulus Coronaeus. „Das „Gespräch“ der Versammelten (darunter eben der Augsburger Mathematiker, aber auch ein Jude namens Salomon Bar Cassio (Schlomo Kohen) ist abgehandelt in dem etwas vergessenen Werk „Colloquium Heptaplomeres“ das dem französischen Gelehrten Jean Bodin (1529-1596), der vorallem als Staatstheoretiker bekannt ist, zugeschrieben wurde. Der etwas arrogant auftretende Augsburger Mathematiker, der seinen eigenen – protestantischen – Glauben als den einzig wahren, beweisbaren und bewiesenen  ansieht und dabei insbesondere den jüdischen Diskussionsteilnehmer angeht, wird dabei nun vom katholischen Gastgeber mit dem gefälschten Apfel hereingelegt und als jemand vorgeführt, dessen Sinne durchaus dazu in der Lage sind, sich täuschen zu lassen. Da die Täuschung nun bereits in Nebensächlichkeiten nachgewiesen wurde, warum sollte man annehmen, dass er imstande sei, für alle verbindlich eine einzige Wahrheit zu behaupten ..?

Manche Schwaben lasen gerne mal eine Fünf gerade (sein), andere sind mit einer Fünf in Mathe gerade noch mal gut bedient und davongekommen, doch seit einigen Monaten verkünden an Bus- und Straßenbahn-Haltestellen städtische Plakate spezifisch Augsburger Rechenkunststücke. Wenn da in Ziffern steht “1 + 3 = 13”, usw. ist das (wenn überhaupt) nur in den ersten Monaten halbwegs “lustig” , immer und immer wieder Besuchern aus anderen Ländern zu erklären, “was” und “wie” das gemeint ist, war, sein soll …

two and two make five

The somehow forgotten book “Colloquium of the Seven about the Secrets of the Sublime” (Princeton University Press 1975), written about 500 years ago, relates the story of Frederic Podamicus, a mathematician from Augsburg, who was invited to Venetia to be one of the six sophisticated guests of host Paulus Coronaeus. Frederic, a staunched Lutheran acknowledges only one “true faith” in the world – his own of course. Since his manner offends the other guests, especially the Jewish one who actually not even shares the Christian believes all others have in common, the host takes the braggart in, who appears to be overly proud of himself, his senses and  reasoning. He offers him an artificial apple and the mathematician from Augsburg bites it. Thus the zealot was made to look a bit more silly as he wanted to. Since his senses failed to perceive a doubtless negligible factor, for what reason one may assume that in more difficult and sublime questions his senses will be trust worthier. This is the lesson known as the mathematician from Augsburg who bit the wrong apple. Contemporary wise guys in Augsburg of course are witty as well but sometimes having a hard time even with rather simple math. We all know the equation “2 + 2 = 5” from Orwell’s “1984”. For couple of month in Augsburg municipal posters give a quite good account with additional knowledge such as “1 + 3 = 13” or “6 + 4 = 64”. Guess how many school teachers roll their eyes …


Darstellungen von Juden im mittelalterlichen Augsburg

July 4, 2012

Teil 1: Augsburger Monatsbild Winter

(wikipedia)

Das erste der sog. “Augsburger Monatsbilder”, welches die Monate Januar, Februar und März vereint (also in etwa den Winter), zeigt eine Szene auf der linken Januar-Seite einen mit unterschiedlichen Personen gefüllten Hofplatz als Hintergrund zu den vorne postierten Turnier-Rittern.

Eine kleine Gruppe vier Personen, eine Frau mit einer schwarzen Haube und drei Männer mit Turbanen stehen zusammen in Paaren und unterhalten sich. Einer der Männer trägt an seinem Mantel klar zu erkennen einen sog. „Judenring“, einen gelben Ring, der in Augsburg ab 1434 für Juden zur Pflicht wurde.

Die Ringmitte ist rot-weiß halbiert, was die Zugehörigkeit zu Österreich ausdrücken könnte. Wegen dieses eindeutigen Abzeichens werden allgemein zumindest der Mann auf dessen Mantel es sich befinden und sein Gesprächspartner als Juden identifiziert. Wann genau die im Deutschen Historischen Museum (dhm) in Berlin ausgestellten Bilder, die jeweils in Monatsabschnitten das Augsburger Stadtleben in vier Jahreszeiten darstellen, entstanden sind, ist so unbekannt wie der oder die Maler. Jedoch weiß man, dass die Werke auf Zeichnungen des Augsburger Malers Jörg Bräu dem Älteren (1475-1537) basieren, die um 1525 entstanden. Eines der Werke trägt zudem die Jahreszahl 1531. Wie dem auch sei, wurden bekanntlich hundert Jahre vorher, nämlich im Juli 1438 die Augsburger Juden aufgefordert, die Stadt binnen zwei Jahren zu verlassen. Die meisten folgten diesem Appel wohl recht schnell zu zogen zu vorher schon abgewanderten Verwandten in andere Städte, wie Nördlingen, Ulm, Lauingen, Donauwörth, usw., während andere sich in benachbarten Orten wie Oberhausen, Gersthofen, Biburg, Diedorf, usw. niederließen. Drei noch erhaltene Grabsteine und Fragmente aus den Jahren 1441 bis 1445 belegen jedoch, dass auch Jahre nach Ablauf der Frist Juden in Augsburg gelebt haben mussten und freien Zugang hatten zu ihren angestammten Grabplatz den sog. Judenkirchhof. Über die folgenden Jahrzehnte schweigt die Geschichte und erst nach 1560 finden sich amtliche Belege für Juden in den österreichischen Dörfern Pfersee, Steppach und Kriegshaber. Andrerseits ist bekannt, dass sich auch der aus Prag stammende Drucker Chaim Schwarz (Schachor) in den 1530er und 1540er Jahren in Augsburg aufhielt und dort eine ganze Reihe hebräischer Drucke zustande brachte, in jener Zeit also in welcher die Augsburger Monatsbilder entstanden sein dürften. Der Verdacht läge also nahe, in einer zeitgenössischen Darstellung den bekannten Drucker zu vermuten. Andererseits hielt sich 1530 am Augsburger Reichstag auch Josel von Rosheim (1476-1554)  in der Stadt auf, um als Anwalt der Juden im Reich aufzutreten.  In der Jewish Encyclopedia erwähnt ist aber auch dessen Freund Rabbi Liebman, der damals bereits Rabbiner in Pfersee gewesen sei. Da ein genaues Datum nicht bekannt ist, ist es nicht möglich zu sagen, um welche Juden es sich auf dem Bild handelte, jedoch musste Josel von Rosheim schon Mitte Fünfzig gewesen sein.

Zwar kennt die Augsburger Geschichte einen Juden mit Turban, den legendären Tipsiles, dem zweihundert Jahre vorher die Entdeckung des waffenfähigen Schießpulvers zugeschrieben wurde, doch handelte es sich bei ihm um einen aus dem Orient stammenden zugereisten Juden. Über Turbane als gewöhnliche Kopfbedeckung einheimischer, schwäbischer Juden wäre indessen aber nichts bekannt, da ansonsten der zahlreich belegte spitze Judenhut kennzeichnend für Juden war. Angeregt vom islamischen Vorbild, das Juden und Christen unter islamischer Herrschaft zwang, Abzeichen an ihrer Kleidung zu tragen, damit man sie als solche „erkennen“ konnte, verfügten Christen, dass unter ihrer Herrschaft nun auch Juden und Muslime solche Abzeichen tragen mussten. Wegen der sicher ungewöhnlichen Turbane wäre es also durchaus vorstellbar, dass der Maler keine Juden, sondern „Muselmanen“ bzw. „Mohamedaner“ darstellen wollte. Neben den Fresken in der Hirnschen Kapelle von St. Anna wären dies zweifellos die ältesten Darstellungen Muslime. Ebenso gut könnte es sich jedoch auch um orientalische Juden handeln. Von ihnen jedenfalls ist das Abzeichen des gelben Rings zweifelsfrei belegt, während es unklar ist, welches Abzeichen Muslime in Augsburg hätten tragen müssen. Unklar ist heute in beiden denkbaren Fällen woher nun die jüdischen oder muslimischen Gäste(?) , Botschafter (?) oder Händler (?) stammen mochten oder ob es Zufall ist, dass der Maler sie neben einem mit christlichem Kreuz gekennzeichneten Sarg darstellte.  War das Begräbnis der Anlass des Aufenthalts oder das Ritterturnier?

Für sachdienliche Hinweise sind wir wie immer dankbar.  🙂

Weitere Infos zu den Monatsbildern:

http://www.dhm.de/ausstellungen/kurzweil/season.htm

Among the highlights of the “Deutsche Historische Museum”  are four huge paintings which show Augsburg about 1530 in so called “Labours of the Months” pictures. Each depicts three months in one setting and has a lot of maybe idealized, however very accurate details from the life of within the city. The first picture which has the months from January to march on the left has a small group of three men and a woman standing near a casket. The men wear remarkable turbans which of course were not common in Augsburg. One of the men on his coat has a yellow ring which is known as compulsory sign Jews have to wear in Augsburg since summer 1434. This led to the assumption that the portrait man (men) was (were) Jews. At this time only a few Jews are known to have entered or lived in Augsburg, among them Josel of Rosheim who in 1530 appeared at the Reichstag as ambassador of the Jews in the Reich or Chaim Shachor, a printer from Prague who had lived several years in Augsburg, where he printed a number of Hebrew books. Following the Muslim example which forced Jews as well as Christians to wear sign on their cloths, Christians required Jews and Muslims to do so, wherefore there also is a chance that the depicted people at the picture were not Jewish but Muslim – although the woman does not wear any veil but a rather traditional bonnet (Judenhaube).


Rabbi Josel von Rosheim und das Europa unserer Zeit

June 21, 2012

In Speyer wird im Alten Stadtsaal seit Anfang des Monats eine Ausstellung gezeigt, die den „Josel von Rosheim“ genannten jüdischen Gelehrten (R. Josef ben Gerschon) aus dem Elsass thematisiert, der wegen seiner Auftritte auf Reichstagen (so 1530 in Augsburg) auch in der christlichen, „allgemeinen“ Geschichtsschreibung Berücksichtigung fand, wenngleich natürlich nur in Fußnoten. 

Der Titel der Ausstellung, die auch anderorts gezeigt werden soll lautet (etwas eigenartig):

“Josel von Rosheim (1478 bis 1554) zwischen dem Einzigartigen und Universellen. 

Ein engagierter Jude im Europa seiner Zeit und im Europa unserer Zeit”

Josel Rosheim Ausstellung

http://www.personengeschichte.de/fileadmin/user_upload/pdfs/Josel-von-Rosheim.pdf

Im Text der Broschüre heißt es:


Josel ben Gerschon von Rosheim (1478-1554) ist eine herausragende jüdische Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts. Er unterhielt enge Verbindungen zu Kaiser Karl V., die er nutzte, um die Rechtsstellung und Sicherheit der Juden im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ in einer Zeit des Umbruchs zu schützen. Die Reformation, die seit 1517 das Reich religiös spaltete, führte zu tiefgreifenden Veränderungen, die sich zum Teil in gewalttätigen Übergriffen äußerten. In dieser Zeit wurden jüdische Gemeinden des Reiches häufig in die Position eines Sündenbocks gedrängt.

Als SCHTADTLAN (Fürsprecher) erreichte Josel von Rosheim reichsweit anerkannte Position sowohl bei den jüdischen Gemeinden des Reiches als auch bei den christlichen Landesregierungen, durch die er längerfristig eine stabilere Rechtsstellung jüdischer Gemeinden unter christlichen Herren durchsetzen konnte. Mit persönlichem Engagement verhinderte Josel vielfach religiös und wirtschaftlich motivierte Austreibungsversuche lokaler Obrigkeiten.

Die Sonderausstellung „Josel von Rosheim (1478-1554) zwischen Einzigartigem und Universellen“ widmet sich Leben und Wirken dieses besonderen Menschen, der auch am damals in Speyer ansässigen Reichskammergericht für die Belange der jüdischen Gemeinde wirkte.

Es werden Rahmeninformationen zu den wichtigsten politischen Ereignissen des konfessionellen Zeitalters gegeben sowie die Person des Josels und sein Wirken vorgestellt. Sein politischer und geistiger Nachlass wird in die Umstände der Zeit eingebunden. In einem Ausblick werden Parallelen zu heute aufgeworfen, die zu eienr weiteren Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen anregen.

Die Ausstellung wurde von einem Team aus französischen und deutschen Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Dr. Freddy Raphael (Straßburg) und Dr. Werner Transier (Historisches Museum der Pfalz) erarbeitet. In Frankreich wurde sie bereits in Rosheim gezeigt und ist ab Mai 2012 in Straßburg zu sehen; erste Station war vor kurzem Erfurt gewesen.

Der letzte Teil des Titels verdeutlicht bereits, dass die Veranstaltung eher zeitgenössischen Interessen dient, dem „Europa unserer Zeit“. Jenes Europa also, welches in politischen Gremien darüber beraten will, künftig „Produkte“ jüdischer „Siedler“ (in dieser Kombination erscheint das sonst ganz zu recht völlig harmlose, ja positiv besetzte Wort als ein Art Synonym zu Extremist, wenn nicht schlimmer …) zu boykottieren, oder wenigstens zu kennzeichnen, womöglich mit einem gelben Ring oder einen Stern? Was hat dies Josel von Rosheim zu tun? Biographisch nichts, und dann doch wieder. Wenn man sich Josel am Reichstag in Augsburg vorstellt, „zur Zeit der Reformation“ wie Christen das übertiteln, als Fürsprecher für die Juden und jüdischen Gemeinden, dann könnte man ihn sich auch vorstellen als Besucher im Europarlament, bei der EU-Ratskommission und er verteidigt die Standpunkte und Haltungen der „Siedler“, die zunächst mal nichts anderes tun, als friedlich im historischen jüdischen Stammland zu leben.“

Burggrafenturm AugsburgBurggrafenturm (1507) in Augsburg

Da Rabbi Joselman als „Fürsprecher“ der Juden und jüdischen Gemeinden im „Reich“ und auf Reichstagen „auftrat“ ist er auch in der christlichen, „allgemeinen“ Geschichtsschreibung erfasst, jedoch selbstverständlich eher als Randfigur einer Epoche, die dort ansonsten als jene der „Reformation“ um Martin Luther verstanden wird. Mit dem Juden-Hass Luthers musste sich auch Rabbi Josef befassen. Seine Hass-Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gewissermaßen den besonderen deutschen Judenhass begründete. Darin forderte er u.a. auf, Synagogen zu verbrennen, ihren Wohnbesitz und Broterwerb zu rauben, ihre Literatur zu vernichten, jüdischen Unterricht zu verbieten und die Juden zur Sklavenarbeit zu zwingen. In der Summe ist das schon recht nahe an dem dran, was man ab der „Kristallnacht“ mit dem Hitler-Regime verbindet – und natürlich haben sich „die Nazis“ auch auf den „Reformator“ berufen. Luther wie auch seine Anhänger versuchten explizit mit antijüdischer Manipulation zu „punkten“, sprich das einfache „deutsche Volk“ auf seine Seite zu ziehen. Die tatsächliche „Fremdherrschaft“ der Römer und ihrer Kirche wurde um eine fiktive Herrschaft der Juden erweitert, die gleichermaßen Ausbeuter gewesen sein sollen. 1525 konnte er die Führer des Bauernaufstands (מרד האיכרים) im Elsass (אלזס) dazu bewegen, den Aufrufen christlicher Hass-Prediger zu widerstehen und nicht die Juden als Adresse ihres berechtigten Zorns ins Visier zu nehmen. Er trat auf als Anwalt gegen Bücherverbrennungen, bei Anschuldigungen von Ritualmorden und ähnlichem … gefährlichen Unfug. Seinen persönlichen Mut stellte er 1520 auch durch eine Reise nach Spanien, von wo „die Juden“ ja erst wenige Jahrzehnte „vollständig“ vertrieben worden waren (sein sollten), um bei Karl vorzusprechen, der bald darauf in Aachen zum Kaiser gekrönt wurde. Rabbi Josef erreichte für die Juden ein Abkommen mit dem Kaiser, das 1530 in Augsburg erneuert wurde. Dort erreichte er auch, dass der getaufte Spätkaräer Antonius Margaritha, dessen „Der gantzer jüdischer Glaub“ das rabbinische Judentum in Verruf bringen wollte, gebannt wurde. In Augsburg musste Rabbi Josef sich und „die Juden“ auch vor dem abwegigen Vorwurf verteidigen, dass sie, „die Juden“ den Abfall der Luther-Anhänger vom „rechten christlichen Glauben“ bewirkt hätten. Das gelang zwar, doch zugleich ergibt sich daraus, dass die beiden rivalisierenden Gruppen (sagen wir: römische und deutsche Christen) durchaus bereit waren, „die Juden“ für ihre Zwecke bereitwillig zu opfern und als Feindbild den Konkurrenten unterzuschieben.  

Rabbi Josel Rosheim

Heute, fast 500 Jahre nach Luther und fast 70 Jahre nach Hitler ist das alles natürlich etwas anders und zeitgenössische Gelehrte sind sichtbar bemüht, auch jüdische Randfiguren ihrer Geschichte einzubinden oder wie immer man dies nennen will. Anyway, Josel von Rosheim und das zeitgenössische talmudische Judentum das er ausgesprochen mutig vertrat, von dem man außer Schlagworten weder was wissen, noch lernen will, sind kaum das wesentliche Interesse der Ausstellung, Vor- und Darstellung, sondern wie bereits der Schluss des Titels eingibt, das „Europa unserer Zeit“.

Warum? Die Wort Martin Walser aus dessen Kontext gerissen (Anmerkung: Und warum sollte es ihm besser gehen als Rabbi Josef ..?) kann man vermuten, es geht um „die Instrumentalisierung zu gegenwärtigen Zwecken“. Welche sind das nun aber im „Europa unserer Zeit“.

Zwar werden europäische Politiker nicht müde, zu wiederholen, dass sie es als wichtiges Anliegen sehen, Antisemitismus zu bekämpfen und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dem auch wirklich so ist. Würde also jemand sich einen Anstecker an die Jacke hängen, auf welchem „Antisemit“ steht, würden Europäer – und in ganz besonderer Verantwortung natürlich gerade auch Deutsche – dem Betreffenden einen weiteren Button mit der Aufschrift „Verboten!“ dazu heften. Freilich nur, wenn der erste Aufruf auf Deutsch und nicht auf Arabisch, Persisch oder Türkisch notiert wurde. Auch sog. „Holocaust-Leugnung“ ist nur in deutscher Sprache strafbar. Der Kampf gegen „Antisemitismus“ geht nun aber immer häufiger einher mit einer Agitation gegen Israel. Beispielsweise versuchen politische Interessensgruppen derzeit einen Boykott von Waren jüdischer „Siedler“ zu bewerkstelligen. Demnach sollen Waren oder Früchte, die von Juden stammen die als „Siedler“ im biblischen Stammland Judäa (jehuda) wohnen speziell gekennzeichnet – oder am besten ganz boykottiert werden. Bislang werden sie wie andere Waren auch als israelische eingeführt. Nun also sollen sie gekennzeichnet werden. Vielleicht wie in der Zeit von Josel von Rosheim mit einem gelben Ring ..?

Das selbe alte Lied also? Kann sein. Wie schade, ja, jammerschade, dass Abraham Goldfarbs jiddisch-sprachige Operette „Rabbi Joselman“ (aus dem Jahr 1892)  nicht überlebt hat, sonst könnten wir die neuen Strophen wenigstens nach einer alten Melodie mitsingen. So aber gilt es im „Europa unserer Zeit“ immer aufzupassen, ob die vorne gezeigte „Judenfreundschaft“ nicht zwangsläufig eine hinterrücks verborgene Agitation gegen den „Judenstaat“ maskiert.

Sprach Joselvon Rosheim 1530 am Reichstag von Augsburg für die Interessen der Juden, deren Synagogen und Häuser und Broterwerb in Abrede gestellt werden sollten, so müsste er heute das Europa-Parlament oder die “edlen” EU-Kommisare aufsuchen, um sie davon abzuhalten, Dekrete gegen die Juden in Judeäa und Samaria zu beschließen, die deren friedliches Auskommen und Leben gefährden.

Die Frage aber ist, ob man im “Europa unserer Zeit” überhaupt lernfähig ist, fast 500 Jahre nach Luther und fast 70 Jahre nach Hitler. Oder ist es nicht doch so wie der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt es sagte: “Auschwitz würden die Deutschen als Fehler ganz gewiss nicht wiederholen, andere Fehler durchaus.”

Wiesel Haus AugsburgWiesel-Haus im Augsburger Dom-Viertel


Reste der Stadtmauer am Augsburger Königsplatz

June 17, 2012

Vom heutigen, derzeit grundlegen umgebauten Königsplatz verlief vom 1861 abgerissenen Gögginger Tor zum gleichfalls nicht mehr existierenden Eserwall, südwestlich von St. Ulrich, entlang der heutigen Konrad-Adenauer-Allee ein Teil der Stadtmauer. Der Abschnitt hieß innerstädtisch „Mittlerer Zwinger“ oder nach dem vorgelagerten Hirschgraben mitunter auch „Hirschmauer“, ist heute aber am ehesten noch durch den außerstädtischen Schießgraben, oberhalb der Adenauer-Allee geläufig. Die Mauerdicke entspricht nachgemessen 177 cm, was ziemlich genau dem vorgegebenen Maß von drei kleinen Augsburger Ellen (59.24 cm) entspricht. Die nun kurzfristig wieder freigelegten Funde sind keineswegs die Fundamente der mittelalterlichen Stadtbefestigung, da der hier verlaufende Hirschgraben mindestens 15 Ellen tief gewesen sein soll, was einer damals etwa neun Meter hohen Mauer entsprochen haben dürfte.

Construction works at Augburg Koenigsplatz (King’s Place) brought to ligth remants of the emdieval city wall fortification which led from the Goegginger Gate towards south to the Eser-Wall rampart. The wall was about 9 yards high and according Augsburg measure had a thickness of three small Augsburg cubits (1 small “Augsburger Elle” measured 59 cm or 23 inches) . The finding, which of course was no surprise, will as it is understood be buried again and partly used for the new construction which will be finished in 2013.

על עבודות השיקום בתחנת האוטובוס המרכזית באוגסבורג התגלו שרידים של חומת העיר העתיקה

במקום היה שער געגגינג שהוביל לפערשא ואת הקהילות היהודיות באוסטריה העילית

 


Der Grabstein der Ester in Neuburg an der Donau

April 6, 2012

Eine Besonderheit in Neuburg ist ein 1955 bei Bauarbeiten im ehemaligen Seminargebäude bei der ‚Harmonie‘ gefundener hebräischer Grabstein, der nach Angaben des Führers der „Prähistorischen Staatssammlung“ im Vorgeschichtemuseum Neuburg an der Donau von Petra Haller aus dem Jahre 1993 (S. 48) „als Treppenstufe eines Kellers des ehemaligen Pfarrhofes der Neuburger Hofkirche” gedient haben soll. Es wird angenommen, dass der Grabstein von einer kleinen jüdischen Begräbnisstätte stammt. Für die Existenz eines jüdischen Friedhofes ist ein einziger Grabstein, der noch dazu in einer Kellertreppe aufgefunden wurde nun gewiss kein ausreichender Beleg.

Der Grabstein befindet sich heute im Schlossmuseum, umgeben von prähistorischen Funden. Der Stein selbst ist nicht vollständig erhalten. Er ist gegenständlich vermessen etwa 80 cm hoch, bis zu 45 cm breit und etwa 20 cm tief und aus Kalk. Die am Grabstein lesbare Inschrift שנת אחת (Jahr eins) datiert ihn wohl auf das Jahr 5001, was dem christlichen Jahr 1241 entspricht. 4001 entspräche dem Jahr 241 und 6001 wäre erst 2241. Das genauere Datum ist ערב שבת יג סיון. Da auf den 13. Sivan 5001 tatsächlich ein Schabbes folgte, ist die Angabe als solche korrekt. Als genaues christliches Datum ergibt dies Freitag den 24. Mai 1241, wegen der Anspielung auf den bevorstehenden Schabbes dürfen wir als Todeszeitpunkt wohl den (späteren) Nachmittag vermuten. Gewidmet war der Grabstein מרת אסתר der Frau Ester. Die Anrede lässt üblicherweise auf eine verheiratete Frau schließen, weshalb die im folgenden Zeilenanfang fehlende, aber im auslautenden Buchstaben noch angedeutete Kürzel als Frau von zu lesen wäre. Demnach wäre sie die Frau des אברהם Abraham. Im Museums-Führer wird der Name Abraham als Hinweise darauf gedeutet, dass es sich bei Ester um eine Tochter Abrahams handelt und zudem in dem Sinne, dass sie zum Judentum konvertierte.

Mit dem Übertritt ins Judentum erlöschen gemäß der halachischen Auffassung, die für Konvertiten ja gelten muss, alle vorherigen Bindungen, auch die an die eigenen, nichtjüdischen Eltern. Um diese Lücke auszugleichen ist es durchaus so, dass viele Konvertiten den Namen Abrahams einsetzen, um selbst als Sohn oder Tochter Abrahams bezeichnet zu werden, nehmen wir beispielsweise „Jakob ben Abraham“. Nun ist es aber keineswegs so, dass jeder der als „ „bar / ben Abraham“ bezeichnet wird, selbst ein Konvertit sein muss. In den allermeisten Fällen ist dies nicht so. Das liegt daran, dass Abraham als Name wegen des Vater aus der Tora sich bei Juden in allen Jahrhunderten hoher Beliebtheit erfreute. Viele Konvertiten nehmen aber auch selbst den Namen Abraham für sich selbst an. Zum anderen gibt es eine zweite größere Gruppe von Konvertiten, die anstelle von Abraham „David“ verwenden und sich also als „Sohn Davids“ nennen. Da David ein nicht minder geläufiger jüdischer Vorname ist, ergibt sich daraus auch hier keine Möglichkeit daran, einen Konvertiten zu erkennen. Frauen die konvertieren wählen häufig Namen der biblischen Mütter, wie Lea, Rachel, Rebekka (Rivka), Sara, etc. Eine Konvertitin würde wahrscheinlicher „Ester bat Sara“ als „bar Abraham“ heißen, da sich die konvertierende Frau an den biblischen Müttern orientieren würde und nicht an den Vätern. Lange Rede –  kurzer Sinn, bereits die dem Namen vorangestellte Anrede als מרת (marat) macht deutlich, dass es sich bei Ester um eine wohl verheiratete Frau handelt.

Zwar wissen wir nun, dass es sich um den Grabstein der Frau Ester, der Ehefrau des Abraham, handelt, die am 13. Sivan 5001, bzw. am späten Nachmittag des 24. Mai 1241 gestorben ist, doch damit hat es sich bereits auch wieder. Wir wissen nicht woher sie stammte und können aus zwei bloßen Namen keine weiteren Zusammenhänge ableiten.

Den in Neuburg vermuteten jüdischen Friedhof gab es sehr wahrscheinlich nicht. Die Anlage eines Friedhofs erfordert, wie wir aus zahlreichen bekannten Beispielen mit bekannten oder gar erhaltenen jüdischen Grabplätzen wissen, eine durchaus längerfristige und konstante jüdische Präsenz an einem Ort und zudem auch eine etwas größere jüdische Gemeinschaft. In aller Regel bekamen die Juden dafür weder bereitwillige Unterstützung noch etwas geschenkt. Oft wurden die Plätze nach längeren Verhandlungen zu recht üppigen Preisen gekauft, ohne hernach von Wegzoll und sonstigen Abgaben befreit zu sein. Da es für eine dauerhafte und umfangreichere jüdische Gemeinschaft in Neuburg an der Donau für die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts keinerlei Anzeichen, zumal erst einige Jahre nach 1241 die Wittelsbacher damit begonnen haben sollen die kleine Stadtburg auszubauen. Seine Blütezeit erreichte Neuburg jedoch erst im Laufe des 16. Jahrhunderts mit der Gründung des Fürstentums Pfalz-Neuburg und des Ausbau des bislang bescheiden Ortes zu üppigen Residenzstadt. Zwar werden gerade Kirchenbauten oft und gerne in weit, weit entfernte Zeiten zurück datiert, doch stammen auch sie im wesentlichen doch aus jenen guten Tagen, in welchen fromme Fürsten Kirchen und Altäre stifteten, auch um eigenen Verfehlungen Abbitte zu leisten.

Hebräischer Grabstein nach 1521 eingemauert im Innenhof eines Hauses in der Altstadt von Regensburg

Anhand des Beispiels u.a. von Regensburg oder Augsburg ist bekannt, dass in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Grabsteine von bestehenden jüdischen Friedhöfen in den Städten als Baumaterial Verwendung fanden, aber auch als „Schmuck“ in die Fassaden der Häuser „gebildeter“ Humanisten und dergleichen Verwendung fanden. Ab und an gelangten manche dieser Steine auch in weiter entfernte Dörfer oder Städte, weshalb es nun nahe liegt, dass der hebräische Grabstein in Neuburg an der Donau aus einer solchen „Transaktion“ vermutlich im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts dorthin gelangt sein mochte. Dazu passt, dass der Neuburger Pfalzgraf Ottheinrich, der in Jerusalemer Grabeskirche zum Ritter geschlagen wurde, bereits als sechzehnjähriger am Reichstag in Augsburg teilnahm und in Neuburg eine große Bautätigkeit entfaltete. Pfalzgraf Ottheinrich war nicht nur außerordentlich dickleibig und verschwenderisch, sondern auch so hoch verschuldet, dass sich 1544 sechshundert Gläubiger bei ihm versammelten, um eine Million Gulden einzutreiben.

Als Herkunftsorte am ehesten in Betracht kommen mittelalterliche jüdische Friedhöfe in der Umgebung von Neuburg, die als solche bekannt sind und für die auch Grabsteine aus der Zeit um 1240 nachgewiesen sind. Zum einem ist dies auf damaligen Wegen etwa 50 km  südlich von Neuburg gelegen die Reichsstadt Augsburg, zum anderen wäre das etwa 90 km nordöstlich Regensburg oder Nürnberg in der selben Distanz im Norden. Es ist demnach recht wahrscheinlich, dass der Grabstein der Ester aus einem der Orte nach Neuburg gelangte, dort im Keller der Kirche verbaut wurde und erst 1955 wieder bei Arbeiten entdeckt wurde.

Hebräischer Grabstein von Rabbi Baruch aus Augsburg, um 1520 eingemauert im Innenhof des Peutinger-Hauses in Augsburg beim Dom. Der Grabstein wird allgemein auf das Jahr 1240 datiert.

 

In 1955 in Neuburg at the Danube river a Hebrew grave marker was discovered at construction work. The grave marker was used as building material of the basement steps of a church. The not complete inscription of the limestone says it is the memorial of Mrs. Ester the wife of Abraham who died on Erew shabbat 13th of Sivan in the year 1, which means 5001 and according to the Christian calendar is late Friday afternoon, 24th of may in 1241.

The head stone now is exhibited in the town museum at Neuburg castle as part of the “Prehistoric State Collection”. It is assumed that the stone originally is from a smaller Jewish cemetery in Neuburg. However, there is no evidence for the existence of a Jewish community in early 13th century Neuburg. The oldest records date a century later and of course are very sporadic. Nothing indicates that there ever was a community in Neuburg which was big and long lasting enough to have the means to establish (i.e. to afford) an own cemetery.

In the first decades of the 16the century in towns as Regensburg, Augsburg or Nuremberg, which are the closest towns next to Neuburg who in fact had own medieval Jewish cemeteries, many grave markers were mis-used as building material or decoration in different buildings. It also is known that from those towns a number of Hebrew toms stones also were sold or given away in other towns or villages.

So most likely the memorial stone of Ester in Neuburg belongs to a women who in May 1241, which is 771 from today, died either in Augsburg (30 miles), Regensburg or Nuremberg (55 miles each).


Über die jüdische Geschichte von Wertingen

April 4, 2012

Obwohl mittelalterliche Urkunden eine größere Anzahl von Juden aus Wertingen kennen, bringt kaum jemand den Ort in der Nachbarschaft von Binswangen und Buttenwiesen mit Juden in Verbindung.

Wertingen ist eine kleine Stadt in bayerisch-schwäbischen Landkreis Dillingen, etwa zwischen dem Dreieck Augsburg, Donauwörth und Dillingen gelegen. Nach einem guten Dutzend Eingemeindungen in den 1970er Jahren umfasst der Ort heute etwas weniger als 9000 Einwohner.

Erstmals datiert wird Wertingen in einer Urkunde auf das Jahr 1122, dem Geburtsjahr Kaiser Friedrich Barbarossa, der die kleine Siedlung später auch erworben hat (wohl um 1162). 1268 wird Wertingen nach der Enthauptung des letzten schwäbischen Herzog in Neapel mit Hohenreichen bayrisch, aber aus Geldnot immer wieder mal als Lehen vergeben. 1348 erwirbt Johann Langenmantel (1310-1367), dem auch der benachbarte Ort Binswangen gehörte, wegen seiner Akquisition hernach auch „von Wertingen“ genannt, für 4450 Gulden den Ort mit seinem kleinen Burgschloss. Hundert Jahre nach seinem Tod veräußern die Nachkommen der Langenmantel ihren inzwischen stark ausgebauten Besitz an die Herrschaft von Pappenheim, da sie zu viele Erben haben und eine Aufteilung nur mittels Geld machbar erscheint. Die Pappenheimer erweiterten den Bau. Von ihnen stammt der Schlossanbau um1500 .

Bis etwa 1700 bleiben die Pappenheimer Besitzer des Lehens Wertingen, ehe es für einige Jahre bis 1714 an das böhmische Grafenhaus Lobkowitz gelangte, denen schließlich bis 1768 das Haus Grünberg folgte. Hernach wurde Wertingen nicht mehr als Lehen vergeben sondern einem Pfleggericht unterstellt.

 Im Jahr 1805 siegte die sechste französische Armee bei Wertingen über österreichische Truppen der Division Auffenberg, was als Auftakt zur Schlacht von Ulm verstanden wird und den Sieg der Franzosen einläutete. Demzufolge ist der Name „Wertingen“ auch am Arc de Triomphe in Paris aufgeführt.

Rund hundert Jahre später, 1905 wurde die inzwischen wieder stillgelegte Bahnlinie Wertingen – Mertingen errichtet und 1912 erhielt Wertingen Stromanschluss, was sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt.

In der Nazizeit trumpfte das kleine Wertingen groß auf. Bei der letzten Reichstagswahl am 5. März 1933 votierten weit überdurchschnittliche 59 % der Wähler des Landkreises Wertingen für die NSDAP, die im Gesamtergebnis nur 43 % erhielt. 32 % stimmten für die Bayerische Volkspartei (BVP), weitere 3 % für die Deutsche Bauernpartei (DBP) und ganze 1.8 % für die SPD. DNVP und KPD erreichten ca. 1 %.

Ein Widerstandnest gegen die Nazis war Wertingen ganz offensichtlich nicht. Dafür wurde es in der Nähe des Judenbergs zwischen Binswangen und Wertingen mit dem Bau zahlreicher Sport- und Freizeitanlagen für die Hitler-Jugend belohnt, die ihre trotzdem überschüssigen Kräfte und Übermut unter fachlicher Anleitung in der fast vollständigen Demolierung des alten jüdischen Friedhofs von Binswangen austobte.

siehe Dokumentation des Friedhofs:

https://jhva.wordpress.com/2010/07/15/der-judische-friedhof-von-binswangen/  (über die Zerstörung des Friedhofs und der Umgang in der Nachkriegszeit)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20308/Binswangen%20Cemetery%20Register.pdf   (Beschreibung der erhaltenen Grabmale)

Der kürzeste Weg zwischen Binswangen und Buttenwiesen, zwei Dörfer mit sehr hoher jüdischer Bevölkerung, führte durch Wertingen. Entsprechend „präsent“ im Sinne von benachbart oder umgeben scheint Jüdisches auch in Wertingen zu sein. Wenn man etwa davon liest, dass sich der Nachwuchs einer Wertinger Partei oder eine Schulklasse mit der „jüdischen Geschichte“ vor Ort befasst, so ist schnell von einem Besuch der ehemaligen Synagoge in Binswangen, des jüdischen Friedhofs dort oder in Buttenwiesen die Rede. Dass Wertingen aber noch vor seinen beiden Nachbarn selbst eine sehr alte jüdische Geschichte hat, scheint mit der Zeit fast vollständig vergessen oder verdrängt worden zu sein.

In seiner 1803 in Landshut erschienenen „Geschichte und Statistik der bayerischen Herrschaft Wertingen“ die dem Untertitel gemäß „ein Beitrag zum bayerischen Staatsrecht“ sein sollte, schilderte der damalige Rechtslizentiat Joseph Mindler seinen Heimatort. Dessen Einwohnerschaft taxierte er just zur Napoleonischen Zeit, zusammen mit den drei unteren Vordörfern der üblichen Schätzung nach (nämlich „von fünf Personen pro Haus“) auf 1300 Einwohner, was bedeutet, dass er 260 Häuser zählte. In seiner Ortsbeschreibung erwähnt er fünf Brauer, die braunes und weißes Bier sieden, vier Metzger, fünf Bäcker, sieben Krämer, zwei Mahlmühlen, die Schleifmühle und eine Holzsäge. Noch zwei der drei Tortürme (die heute alle fehlen) waren damals noch bewohnt. Zur Zeit des Fürsten Lobkowitz hatte dieser am Ort auch das herrschaftliche Brauhaus im Besitz und den Zapfenwirt und das Hirschwirtshaus betreiben lassen. Es ist sicher nicht aus der Luft gegriffen, dabei an das ebenso würzige wie süffige „urböhmische Schwarzbier“ der heutigen tschechischen Brauerei Baron Lobkowitz zu denken, das weit über seine Herkunft hinaus Anerkennung findet.

Mindler, dessen gleichnamiger 1808 geborener Sohn meldete sich 1833 als Jurastudent in München freiwillig zum Militärdienst und gelangte so in das Schutzkorps des griechischen Königs, dem damals gerade 17jährigen Sohn des bayerischen Königs. Er wurde rasch zum Leutnant der griechischen Armee befördert, wechselte hernach aber in den Staatsdienst, wo er zuletzt Kanzleidirektor im griechischen Kriegsministerium war. 1843 musste er im Zuge von politischen Unruhen gegen die Allmacht des bayrisch-griechischen Königs das Land verlassen, kam aber später zurück und entwickelte schließlich eine neugriechische Variante der Stenographie.  Er erlangte eine entsprechende Professur in Athen und nach dem Tod seines Königs im Jahre 1862 wurde Joseph Mindler (Ιωσήφ Μίνδλερ) Leiter des stenographischen Büros im griechischen Parlament. Dort befindet sich heute noch eine Büste zu seiner Würdigung. In Zeiten mancher Verwerfungen zwischen Griechen und Deutschen ist es durchaus interessant gemeinsame Elemente der Geschichte zu beachten, wie sie der in Wertingen geborene und in Athen 1868 verstorbene Mindler verkörpern.

Sein Vater hatte in der Ortsgeschichte von Wertingen des Jahres 1803 auch Juden erwähnt:

Es gibt im Verhältnisse von Wertingen sehr viele Handelsleute darin; zwei Drittel des Handels haben die benachbarten Juden in den Händen: diese dürfen öffentlich in Wertingen verkaufen, und kaufen, was sie wollen; sie handeln mit allen erdenklichen Sachen, selbst mit den Bürgern ungescheut, und wissen sich gut den Geist und Geschmack ihrer Nachbarn zu Nutzen zu machen; indessen jedem andern Christenmenschen das sogenannte Hausieren bei Konfiskation verboten ist.“ (S. 55)

Aus dem Jahre 1597 stammte ein Dekret, dass Juden den Handel in Wertingen verbieten sollte, aber wie so oft war Papier geduldig und Anordnungen dieser Art weltfremd. Die benachbarten Juden stammen – nach Mindlers Einschätzung eine halbe Stunde Fußweg entfernt – aus Binswangen im Westen, aber auch aus dem nördlich gelegenen Buttenwiesen. Der Notiz nach stand ihnen Wertingen, wo sie zwei Drittel der Geschäfte abwickeln, unbeschränkt offen. Es ist denkbar, dass von den sieben oben genannten Krämergeschäften auch einige in jüdischem Besitz oder so doch wenigstens angemietet waren. Wie auch immer gelang es den jüdischen Händlern offensichtlich, die Wünsche ihrer christlichen Kunden in Wertingen zu befriedigen. Interessant ist die nachfolgende Geschichte eines „welschen“ Unternehmer, der vor Ort expandiert:

Seit kurzem handelt in Wertingen ein Handelsmann mit Namen Zenet, ein Wälscher, mit glücklichem Erfolg neben anderem mit Tabak; davon legte er die kleine Fabrike an, wozu ihm die vor mehreren Jahren schon verkaufte Gerichtschreiberei gute Dienste leistet, und beschäftigt damit mehrere Menschen. Die Produkte werden ihm roh von dem eine Stunde entlegenen Orte Dirrheim beigeschafft, wo der Tabak in großer Menge und in guter Qualität gebaut wird. Er handelt damit viel in das Tirol, nach und nach scheint er sich mit seiner Handlung immer mehr zu verbreiten, welches schon geschehen sein würde, wenn nicht der vergangene französische Krieg manches stockend gemacht hätte. Zu Manufakturen scheint die Gegend, oder die Leute nicht aufgelegt zu sein.“

Das genannten Dirrheim ist heute als Oberthürheim, bzw. Unterthürheim, mundartlich aber noch als “Dirre” bekannt. In Wertingen findet sich prominent das Zenetti-Haus, benannt nach dem 1785 geborenen Johann Baptist Zenetti, dem Sohn des aus Italien stammenden Tabakfabrikanten, der zeitweilig bayerischer Innenminister und auch Mitglied der Paulskirchenversammlung im Jahre 1849 war. Sein Sohn Arnold Zenetti (1824-1891) war einige Jahre lang Stadtbaumeister von München und Architekt zahlreicher meist prächtiger Bauten, u.a. des “Hotel Imperial” in Wien.

Noch weiter zurück reichen freilich Belege aus Augsburger Steuerbüchern die zwischen 1377 und 1426 nicht weniger als neun jüdische Steuerzahler als aus Wertingen stammend aufführt: Isaak, Seligman und der junge Seligman aus Wertingen, die Frau des Isak Groß, Falk, Mossun, Jaklin und Jöhlin, sowie Frau Isak und Lazarus aus Wertingen.

Als Steuerzahler notiert wurden freilich nur jene Juden, die in Augsburger entweder Hausbesitzer oder Geschäftsinhaber waren. In der Regel kamen auf jeden von ihnen je nach dem etwa sieben bis zehn zusätzliche Angehörige, wie die Ehefrau, die Kinder, Schwager, Enkel, Bedienstete. Die Anzahl der Juden die in der genannten Zeit von Wertingen nach Augsburg kamen, machte insgesamt dann doch eine beträchtliche Gruppe aus.

(Detail of a painting in a Wertingen Church which showas the skyline of old Augsburg with a burning village in front which probably is Lechhausen)

Wie wir wissen wurde Wertingen 1348 von Johann Langenmantel erworben und ausgebaut. Im selben Jahr wurde gemäß der Notiz im Nürnberger Memorbuch auch die – freilich nicht näher erläuterte – jüdische Gemeinde von Wertingen von den antijüdischen Ausschreitungen im Zuge der Pest-Hysterie jener Zeit erfasst. In den bei weitem meisten Fällen sind die Erwähnungen von jüdischen Gemeinden die wegen angeblicher Brunnenvergiftung und dergleichen Opfer christlicher Fanatiker und Hassprediger wurden, bloße solche, ohne konkrete Nennung von Namen oder sonstigen Daten und deshalb durchaus mit eher legendären Charakter. Andererseits wäre die Notiz doch ein Hinweis auf eine zumindest in weit früherer Zeit bereits vermutete Gemeinde in Wertingen vor 1348.

Es ist gut möglich, dass der Augsburger Geschäftsmann, dessen Familie mit Weinhandel und Geldgeschäften zu den finanzkräftigen Patriziern ihrer Zeit gehörte, wegen entsprechender Ab- und Aussichten auch Juden von Augsburg abwarben, die in späteren Jahrzehnten wieder als Juden von Wertingen nach Augsburg zurückkamen. In weit stärkerem Maße als im eher klischeehaften Geldgeschäft, waren Juden im mittelalterlichen Weinhandel in Europa involviert. Dieser war zwar kein jüdisches Monopol, so aber doch eine große Domäne.

Die zahlreiche Anwesenheit Wertinger Juden in Augsburg binnen fünf Jahrzehnten ist zweifellos sehr auffällig und hat zweifellos mit der alles in allem recht guten Beziehung der Juden und der Langenmantel zu tun. Als letztere 1468 Wertingen aufgeben, existiert die jüdische Gemeinde in Augsburg bereits nicht mehr. Ihre letzten Spuren sind zwei Grabsteine die auf das Jahr 1455 datiert werden müssen. Wenig später sind erste Nachrichten von Juden in Binswangen erhalten. Ab Ende des 15. Jahrhunderts sind rasch anwachsende jüdische Gemeinden in Buttenwiesen und Binswangen bezeugt und das Verbot aus dem Jahr 1597 für Juden in Wertingen zu handeln macht ja auch nur Sinn wenn es vorher möglich war. Wenigstens für die Zeit von 1348 bis in die frühe Neuzeit können wir von einer fast ständigen jüdischen Gegenwart in Wertingen schließen.

Erst 1942 wurden einige Dutzend Juden aus Binswangen und Buttenwiesen mit der Lokalbahn von Wertingen aus auf dem Weg gebracht, der sie ins KZ Piaski bei Lublin ins besetzte Polen brachte. Dies ist nach sechshundert Jahren der vorläufige Schlusspunkt der jüdischen Geschichte in Wertingen und seinen Nachbarorten. Heute siebzig Jahre danach ist zwar überall von „Normalität“ die Rede, jedoch scheint diese nicht den Gedanken einer neuerlichen jüdischen Gemeinde in einem dieser Orte zu beinhalten. Man gibt sich mit auf Staatskosten hergerichteten ehemaligen Synagogen zufrieden, mit Adventskonzerten und ab und zu auch mal eine Gruppe Deutscher die jüdische Hochzeitsmusik aus dem Balkan des vorletzten Jahrhunderts imitieren.

Wertinger Darstellung des Minnesängers Ulrich von Thürheim (ca 1200-1250) , der als (Mit)-Autor der Tristan-Sage und des Rennewart gilt.

siehe: http://archive.org/details/ulrichvontrhei00camp


About Jews in Bavarian Wertingen

Although medieval documents know a larger number of Jews from Wertingen, hardly anyone links the place in the neighborhood of Binswangen and Buttenwiesen with Jews.

Also after a number of incorporations in the 1970s Wertingen still is a rather small town in the Bavarian-Swabian district of Dillingen with less than 9,000 inhabitants.

The Castle of Wertingen after 1348 was built by Johann Langenmantel (lit. “long coat”) from the famous patrician family of Augsburg, who were known for their usually very good relations with the Jews of Augsburg and Swabia. Wertingen for some 120 years remained in the family possession of the Langenmatel. During the time span from 1377 to 1430, in Augsburg tax lists no fewer than nine Jewish taxpayers with the toponym affix “of Wertingen” can be found, which were home and / or business owner and citizen and lived with their families and their servants in the imperial city.  

Although 1597 was pronounced a ban for Jews to trade in Wertingen, this probably had no particular or lasting effect. Binswangen in the west and Buttenwiesen in north of Wertingen were a half or resp. an hour walk from Wertingen. Both villages had a significant Jewish settlements, which at times was the majority of all inhabitants and therefore often were considered as “Judendorf” (Jewish village) and the shortest way to connect Binswangen and Buttenwiesen was Wertingen. So it’s no surprise that Joseph Mindler a Wertingen born lawyer and father of his same named son who later was Greek Parliament stenographer in Athens in 1803 stated in his  Topography of Wertingen that Jews in Wertingen can operate free trade in any way they like and that two-thirds of all trade in the town was Jewish to the satisfaction of their local customers.

Only in 1942, seventy years from now, some forty Jews from the neighborhood were sent via train from Wertingen railroad station on their way to Piaski concentration camp near Lublin in German occupied Poland. Almost all of them perished. In Binswangen the former synagogue in 1996 was redecorated in order to use the building as communal event location, for instance for lectures, classical musical, advent choral or so called Klezmer concerts, etc.

By all accounts there however are obviously no intentions to try for a resettlement of a new Jewish community there.