Engel der Kulturen – die Abraham Karawane zieht durch Augsburg

May 30, 2010

Die Abraham-Karawane ist eine Kunstaktion im Rahmen der Kulturhauptstädte Europas Ruhr 2010, Pécs/Ungarn 2010, Istanbul 2010 und machte heute Nachmittag bei strömemden Regen mit einem musikalisch begleitetem Zug auf der Rück- der Rundreise zum zweiten Mal Station in Augsburg. In einem großen rollbaren Ring der offenbar auf Lessings “Nathan der Weise” anspielt befinden sich die drei Embleme des Christentums (Kreuz) , des Islam (Halbmond) und des Judentums (Stern), die nach Ansicht der Gestalter mit dem Halbmond zuoberst „unbeabsichtigt“ die Gestalt eines „Engels“ wiedergeben sollen.

rolling an angel through Augsburg

Ibrahim Kervanı – Abraham Caravan, Angel of Culture

Weitere Informationen, Reiseplan, Hintergründe, Absichten in Deutsch, Englisch, Türkisch und Albanisch und Bilder  finden sich hier:  http://www.engel-der-kulturen.de


„Jüdischer Friedhof Kriegshaber im Gespräch“

May 28, 2010

Pressemeldung

–>27.05.10

Jüdischer Friedhof Kriegshaber im Gespräch

Kategorie: Kultur

Der Jüdische Friedhof Kriegshaber (Hooverstraße) war Thema eines Gesprächs von Bürgermeister und Kulturreferent Peter Grab und Umweltreferent Rainer Schaal mit dem ehemaligen US-Botschafter Peter Rosenblatt und seiner Frau Naomi Rosenblatt. Das Ehepaar, das Augsburg erstmals besuchte, hat ein besonderes Interesse an dem Friedhof, weil dort auch einige der Vorfahren von Peter Rosenblatt ihre letzte Ruhestätte fanden.

Am Gespräch beteiligt waren auch Yehuda Schenef, 1. Vorsitzender des Jüdisch-Historischen Vereins Augsburg, und dessen Sprecherin Margit Hummel sowie Vereinsmitglied Agnes-Maria Schilling.

Trägerin des Jüdischen Friedhofs ist die Israelitische Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben. Probleme für den Schutz und Erhalt der historisch bedeutsamen Stätte ergeben sich unter anderem aus der niedrigen Umfassungsmauer und aus dem Umstand, dass an den Friedhof ein Spielplatz mit Spielwiese grenzt, die zum Ballspielen genutzt wird. Kinder klettern daher regelmäßig auf der Suche nach Bällen über die Mauer. Auch Abfall wird auf das Friedhofsgelände geworfen. Um das Ballspielen von der Friedhofsmauer weg auf die andere Seite des Spielplatzes zu verlagern, hat das Amt für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen nach einer Ortsbegehung mit Vertretern des Jüdisch-Historischen Vereins bereits im Herbst 2009 eine Bepflanzung parallel zur Mauer vorgenommen.

Im Gespräch mit den amerikanischen Gästen boten Bürgermeister Grab und Umweltreferent Schaal dem Jüdisch-Historischen Verein an, Kontakt mit der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben aufzunehmen, um sich für mehr Schutz des Friedhofs einzusetzen. Konkret soll es um eine mögliche Erhöhung der Friedhofsmauer gehen. Ein runder Tisch mit Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde wird angestrebt.

Peter Rosenblatt zeigte sich erleichtert und dankbar für die Initiative der Stadt

Der Jüdische Friedhof Kriegshaber datiert von 1627 und gehört damit zu den ältesten Friedhöfen Augsburgs. „Er erzählt die Geschichte jüdischen Lebens in der Region über vier Jahrhunderte hinweg. Als Teil des historischen Gedächtnisses unserer Stadt ist er als schützenswert einzustufen“, so Grab. Dieser Tatsache, so Umweltreferent Rainer Schaal, sei sich die Stadt bewusst. „Daher hat das Amt für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen die Bepflanzung umgehend vorgenommen. Wir würden weitere Maßnahmen zum Schutz und Erhalt des Friedhofs sehr begrüßen. Diese müssen aber von der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben als Trägerin angestoßen werden. Deshalb suchen wir den Kontakt mit den Verantwortlichen“, so der Umweltreferent.

 http://www.stadt-augsburg.de/index.php?id=17571&tx_ttnews%5Btt_news%5D=2676&tx_ttnews%5BbackPid%5D=17564&cHash=586d1b16d9

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Consultation on Kriegshaber Jewish Cemetery 

photos: yehuda shenef (jhva)


Eine Geniza im ehemaligen Taharahaus des Kriegshaber Friedhofs?

May 24, 2010

Herr Mills, neuer Bewohner des ehemaligen Tahara-Hauses am Kriegshaber Friedhof entdeckte in den Dielen beim  Verlegen einer neuen Telefonanlange und bei der Instalation einer TV-Sateliten-Anlage am Dach einen kleinen offensichtlich alten, etwas zerknüllten und angeschimmelten Sidur und eine Anzahl kleiner alter Glasfläschchen und Vasen. Ein verstöpseltes Glasgefäß diente dem Anschein nach als Besamim-Behälter für die Hawdalla. Der Sidur, nach minchag aschkenaz vepolin stammt der halbwegs erhaltenen Titelseite gemäß aus Amsterdam. Im hinteren Teil ist der Sidur noch recht gut lesbar und folgt dem Anschein nach unser bekannten Gebetordnung. Frau Naomi Harris Rosenblatt aus Washington D.C. mit ihrem Gatten, den früheren US-Botschafter Peter Rosenblatt gerade bei uns zu Gast in Augsburg und deshalb mit uns am Friedhof zur Besichtigung von Grabstätten zahlreicher schwäbischer Vorfahren war sehr berüht von diesem Fund und war spontan bereit verschiedene Passagen aus dem Fundstück vorzulesen und von mir entsprechend filmen zu lassen.

Somit deutet einiges daraufhin, dass es im Dachboden des ehemaligen Taharahauses am jüdischen Friedhof von Kriegshaber und Pfersee eine Art von Geniza gibt, in welcher traditioneller Weise unbrauchbar gewordene heilige Gegenstände aufbewahrt wurden. Gerade in Süddeutschland wurden eine reihe bedeutender Geniza-Funde in den letzten Jahrzehnten gemacht, weshalb wir dringend daraufhinweisen, dass es eine fachkundige Untersuchung der Funde und eine bislang ausgebleibene Aufnahme der Fundsituation und weitere Untersuchung geben sollte, da andernfalls auch hier weitere Überreste der reichhaltigen Geschichte des schwäbischen Judentums zerstört werden.

Die Fundstücke selbst wurden von uns mittels Frau Schilling entsprechend weitergeleitet.  Jedoch ist es unerlässlich eine Frage der Denkmalschutzbehörden, hierzu Stellung zu nehmen.

A geniza found was made in the attic of the former tahara house at the Jewish cemetery of Kriegshaber / Pfersee. It is an old ashkenasi sidur from Asterdam and a number of small phials, one of them obviously was used a besamim vial for the havdallah.


חג שבעות שמח – happy shavuos in Augsburg

May 17, 2010

Im Innenraum der 1917 an der Halderstr. in Augsburg fertig gestellten Sysnagoge befinden sich an der Ostseite über dem Aron Kodesch (“heilige Kiste”), in welchem die Thora-Rollen ruhen, fünf Symbole zur Würdigung einige Festtage aus dem jüdischen Kalender. Unter diesen befindet sich auch eine Würdigung des Schawu‘ot-Festes, das übersetzt auch Wochenfest genannt wurde, reformerische Juden sprachen vor hundert Jahren sogar auch schon mal vom “jüdischen Pfingsfest”.

Eine Reformgemeinde war auch die Augsburger, was auch die Verwendung von bildlichen Darstellungen zum Ausdruck bringt. Zwar waren solche im traditionellen Judentum nicht exakt verboten, aber als überflüssig empfunden, da man bei genauer Überlegung aus ihnen keinen Mehrwert, wohl aber eine Ablenkung vom Gebet erwarten konnte.

Wochenfest - Festival of Weeks / Chana Tausendfels

( Depiction of Shavuot at the Eastern interior wall of the Synagogue of Augsburg, here in a painting by Chana Tausendfels. The Hebrew words מנחה חדשה בכורים refer to the aspect as Festival of Reaping and Day of the First Fruits, while the main character of the second of three pilgrimage festivals in the Tora is actually rather to commemorate the anniversary of the very day HaShem gave us the Torah.)

Das Schawuot- oder Wochen-Fest wurde dargestellt mit einer Ähre, passend zum Umstand, dass es um ein Erntefest mit landwirtschaftlichen Bezügen handelt, zumindest in Israel. Über der Ähre steht das Wort שבעות schawuot und im Umkreis die Worte  מנחה חדשה בכורים  was beides Bezug nimmt auf alternative Namen des Festes wie חג הקציר chag ha’kitzur oder יום הביכורים  jom ha’bikurim, „Fest der Ernte“ oder „Tag der Erstfrüchte“, zu dem eine neue Gabe מנחה חדשה mincha chadascha – gereicht wurde. An entsprechenden Passagen und Anspielungen in der Tora mangelt es nicht, weshalb unnötig wäre, eine hervorzuheben. Interessant im Zusammenhang mit der Augsburger Synagoge, erbaut immerhin von einer Gemeinde, die sich zumindest formell der sog. Reform verschreiben hatte, ist auch hier wieder der Bezug zum sog. Tempelopfer. Der weit geläufigere Bezug des Festes besteht in der Tora, die der Überlieferung gemäß an diesem Tag übergeben wurde, wie es in unseren Gebeten und Segnungen heißt als זמן מתן תורתנו – sman matan toratenu:

אנו מודים לה׳ בחג מתן התורה על אשר בחר בנו מכל העמים ונתן לנו את תורתו

In Gedenken daran ist es üblich, in dieser Nacht wach zu bleiben zum Studium der Tora. Ein weiterer Aspekt des Festes ist die Lesung מגילת רות der Schriftrolle Ruth, in Israel seit alters her vor allem auch relevant für all jene die aus freien Stücken zum Judentum konvertierten. Als prominentester Fall gilt Ruth aus Moab, den damaligen „Erzfeinden“ Israels, deren Enkel König David wurde.


די אידישע נערדלינגען

May 14, 2010

נערדלינגען איז אַ שענער עיר קטן אין די מרכז פון רייז געגנט, וואָס איז געלעגען צאָפן פון די נהר הדנובה אין די צפֿון דיסטריקט פון באַייריש שוואַבן

נערדלינגען אין פאריקן זמן איז געווען אַן קייסעריש פֿרייַ שטאָט וואָס ביז הייַנט נאָך האט די אַלט שטאָט מויער גאַנץ (ווי נאָר איינער פון דרייַ ערים אין דייַטשלאַנד

אידן האַבען געלעבט דאָ זינט דער י”ג טער י”ה אין אַ גראָיסער קהילה דאָרט איז געווען אַ שול און אַ בייס – עולם

אין דעם יאָר 1506 די אידן זענען געווען געצווונגען צו פאַרלאָזן נערדלינגען בלויז אין 1860 איז געווען אַ ניי קהילה וואַן נערדלינגען איז נאָר אַ קליין שטעדל אין באַוועריאַ

זינט דעם נאַצי רעגירונג דאָרט איז קיין אידישע קהילה אין נערדלינגען. די שול איז חרובֿ נאָך דער מלחמה און איצט דאָרט איז אַ היים פֿאַר אלטע מענטשן דער נייער בייס – וילעם וואָס איז געגרינדעט אין 1877 בערך האט200  מצבות

Eine gute Gelegenheit zur Aussöhnung bot sich in Nördlingen angesichts der früher landläufigen Bildmetapher der “Judensau“, standen in der malerischen Stadt doch “überall” kleine niedliche Schweine herum. Berührungsängste, die oft vermutet werden, gab es von beiden Seiten keine. 🙂

 


Judengasse in Noerdlingen

May 13, 2010

Juden sind in der Stadtgeschichte von Nördlingen seit dem 13. Jahrhundert überliefert. Die tatsächliche Ansiedlung dürfte aber weit früher gewesen sein. Ende des 14. Jahrhundert ist eine “Judengasse” erfasst, wo auch die mittelalterliche Synagoge war. Wie in anderen Städten gab es auch in der Freien Reichsstadt Nördlingen Pogromme Ausweisungen, Wiederansiedlungen. Die letzte Ausweisung erfolgte 1506. Erst um 1860 entstand wieder eine neue Gemeinde. Nach einem Betsaal in derKreuzgasse wurde 1886 die stattliche Synagoge eingeweiht. Um 1900 lebten fast 500 Juden in der Stadt. Der mittelalterliche Friedhof ist längst verschwunden, der neuzeitliche 1877 entstandene hat ca. 300 Gräber. Mit der Nazi-Herrschaft fand die jüdische Gemeinde in Nördlingen ihr Ende – bis heute.

Die hebräische Inschrift lautet זכור “sachor” also “gedenke” oder “erinnere”, darunter steht auf Deutsch:

“Zur Erinnerung an die jüdischen Bürger der Stadt die hier lebten” (“In memory of the Jewish citizens of the city who lived here”) Etwas eigenartig sind jedoch die beiden bidlichen Darstellungen und Inschriften im oberen kupfernen Teil des Denkmals:

 Die eine Inschrift verkündet “Handel und Gewerbe”, die andere lautet “David preist Gott”. Ob damit wirklich “die Juden” in Noerdlingens Geschichte vollumfänglich charakterisiert werden, kann bezweifelt werden.


“Begegnung mit bemerkenswerten Menschen” in Nördlingen

May 12, 2010

Begegnung mit bemerkenswerten MenschenLebensbilder jüdischer Persönlichkeiten von einst” – unter diesem Titel eröffnete am gestrigen Dienstag abend im Stadtmuseum von Nördlingen im Reihl Haus die Ausstellung von Rolf Hofmann aus Stuttgart. Sie zeigt auf 60 Tafeln die Lebensläufe fast vollständig in Vergessenheit geratener Juden aus der Rieser Region mit zahlreichen alten Photographien und interessanten biographischen Notizen, Grabsteinen und Erinnerungen. Unter anderem findet man hier den jüdischen Steinmetz Max (Mordechai ben Josef) Koppel aus Kleinerdlingen, dessen Grabsteine man fast “überall” in der Region, aber auch in München, Augsburg und offenbar auch in Stuttgart finden kann. In Nördlingen besaß er den Angaben von Herrn Hofmann gemäß eine Werkstatt am Löpsinger Tor wo er Marmor aus Italien bearbeitete. Michael Reese ist in Chicago zu Ruhm gelangt durch das nach ihm benannte Hospital. Er war 1835 nach Amerika ausgewandert und machte während des Goldrausches in Kalifornien sein Vermögen. Als er 1878 das Grab seiner Eltern in der alten Heimat besuchen wollte, erlitt er einen Schlaganfall und verstarb, weshalb sein wuchtiges Grabmonument sich heute auf dem jüdischen Friedhof von Wallerstein befindet. Beachtlich ist auch die Biographie von Willi Rosenstein, Kampfpilot im Ersten Weltkrieg in der Flugstaffel des späteren Nazi-Fürsten Hermann Göring, der ihm später zur Ausreise nach Südafrika “verhalf”. Neben vielen anderen Personen werden von Rolf Hofmann, der sich eingehend mit der Geschichte der Rabbinate in Oettingen-Wallerstein befasst hat, auch die Rabbiner Ascher Loew Wallerstein, Moses und David Weisskopf entsprechend gewürdigt, wie auch Farbphotographien von hebräischen Grabsteinen zu sehen, die im Rahmen von Herrn Hofmanns zwei Jahrzehnte umfassenden Arbeit an seinem international beachteten “Harburg Project” entstanden sind. In der Begleitschrift zur Ausstellung heißt es dazu “Damit bleibt wenigstens bildhaft der ursprüngliche Eindruck dieser Grabinschriften für die Nachwelt erhalten, nachdem sie inzwischen vor Ort so nicht mehr lesbar sind. Der Verfall schreitet witterungsbedingt leider unaufhaltsam voran. Irgendwann sind die Grabinschriften unwiderruflich verloren.” (S. 92)

Der Ausstellung voran ging in der Gewölbehalle des Stadtmuseum eine Eröffnungsveranstaltung mit zahlreichen regionalen Ehrengästen wie etwa Prof. Herbert Immenkötter oder der Landtagsabgeordnete Christiane Kamm aus Augsburg und Festrednern, darunter Siegrid Atzmon und Gernot Römer, unterbrochen von musikalischen Darbietungen des Duos Norma and Richard Mayer aus Kalifornien. Letzterer hat familäre Wurzeln in der Region.

"Es waren gute Deutsche und wertvolle Menschen"

"Eine solche Arbeit bedarf erfahrungsgemäß Unterstützung, Engagement und Mut"

Rolf Hofmanns Ausstellung ermöglicht dem Besucher eine “Begegnung mit bemerkenswerten Menschen” und zeigt, was er von sich weisen würde, dass er selbst ein solcher Mensch ist. Die Ausstellung ist noch bis zum 30 Mai im Reihl-Haus neben dem Stadtmuseum, Vordere Gerbergasse in der wunderschönen Altstadt von Nördlingen (die alleine den Besuch bereits lohnt) im Rahmen der Rieser Kulturtage 2010 zu sehen. Dort ist auch die kompakte mit der Stadt Nördlingen und dem “Freundeskreis Synagoge Hainsfarth e.V.” herausgegebene Begleitschrift mit den wesentlichsten Teilen der Ausstellung erhältlich.