Die Synagoge von Bamberg

March 31, 2011

Die neue im Juni 2005 an der Willy-Lessing-Strasse eingeweihte Synagoge in der ehemaligen Nähseidenfabrik wurde bereits bei der Grundsteinlegung als „7. Synagoge“ in Bamberg bezeichnet, was auf einer eigentümlichen Zählung und Einschätzung der Ortsgeschichte beruht. Zusammen mit dem Gemeindezentrum und Lehrhaus „or chaim“, zu der auch Unterrichtsräume und eine freilich nur selten benutzte Mikwe gehören, ist sie jedoch das Zentrum der etwa 900 Mitglieder umfassenden “lebendigen Gemeinde“. Diese hat mit der Urologin Dr. Antje Deusel eine zum Judentum konvertierte angehende Reform-Rabbinerin und “Mohelet” (Beschneiderin), die als zweite “deutsche” Rabbinerin nach Regina Jonas (1902-1944) aufgefasst wird, was jedoch mittelalterliche und pre-reformerische Rabbinerinnen ignoriert. Das Verhältnis zur auch in Bamberg überwiegend von russischen Zuwanderern bestehenden jüdischen Gemeinde, ist dem Anschein nach aber eher distanziert. Das mag auch daran liegen, dass die zwischen post-sowjetischen Exil-Juden und post-nazistischen Ex-Christen unvermeidlichen Missverständnisse in Taschenbüchern nicht erklärt finden und artiger Beifall von (zu Selbstgesprächen bereiten) Christen dabei nichts nutzt. Aber vielleicht klappt das in Bamberg ja besser, als zuletzt in Fürth. Andernfalls muss man eben die realen Juden durch Konvertiten ganz ersetzen, um den Antisemitismus (und andere “Komplikationen”) schlussendlich zu bewältigen.

Die Inschrift אור חיים (or chaim) über der Eingangstür im Innenhof übersetzt sich als “Lebenslicht”, bezieht sich im Kontext einer neuen liberal ausgerichteten fränkischen Gemeinde nicht auf חיים אבן עטר der zu den Lehrern des  חיד”אgehörte.

Der Betraum der neuen Synagoge im Inneren des Gebäudes ist durch ein Tor zu erreichen, welches aus aus der bis 1910 genutzten vorletzten Synagoge stammte, an welche heute am “Synagogenplatz” Gedenksteine erinnern.

Die Einrichtung des Betsaals ist von einer etwas nordisch, protestantischen wirkenden Schlichtheit bestimmt, die von einigen Lichtblicken und Kontrasten aufgehellt und akzentuiert wird.

תפילות לכל שנה

Der “blaue” Segen des einen Fensters kontrastiert mit dem “roten” Licht des anderen. Blaulicht freilich wäre auch nicht verheißungsvoller.

Im Hintergebäude befindet sich für den Nachwuchs der Gemeinde Gelegenheit sich mit einem Trampolin fit zu halten. Die Glasfenster wurden aus den vorherigen Gebetsräumen integriert. Es gibt jedoch auch Unterrichtsräume etwa für das Lernen hebräischer Buchstaben:

Der kleine Betsaal, für Wochentage vorgesehen, aber abseits von besuchenden Schulklassen kaum benutzt, finden sich neben dem Aron der früheren Gebetstätte auch Talmud-Bände und einige weitere des Schulchan Aruch, in einer reformierten mehrheitlich russisch-sprachigen Gemeinde hoffentlich nicht nur Ausstellungstück ist.

The synagogue of Bamberg, inaugurated in 2005 in a former textile manufactory, is regarded as 7th synagogue in the history of the town (what of course is a rather disputable view) and is located in the backyard of the Willy – Lessing – Str. named after the last head of the Jewish community of Bamberg, who perished as a defender of the former synagogues Tora scrolls during the so calledKristallnacht 10th of November 1938.

The synagogue and community center has a kosher kitchen, run by the non-Jewish janitor couple, a hardly used mikvah (without direct runoff), but also with class rooms and others for recreation and so on. Almost recently the community also has a new female reform Rabbi (actually a convert, who apparently has only little understanding for real Jews from Russia), but is considered as the second German one after pre war Regina Jonas – what of course ignores all medieval and pre-“refom” women who were rabbis.

Becken der Mikwe mit Wasserzufluss. Einen Abfluss gibt es nicht. Das Wasser wird stattdessen mit einer Wasserpumpe abgepumpt. Da die Mikwe “nur sehr sporadisch genutzt” wird, enthält sie “meist kein Wasser”. Das wird man wohl im Voraus beim Bademeister beantragen müssen.

Unser herzlicher Dank gilt dem Hausmeister Herrn Juergen Trager, der uns, wie bereits am Vortag am Friedhof liebenswürdig und ausführlich zahlreiche Details und Hintergründe, recht humorvoll erläuterte.

בית הכנסת החדש של במברג, נחנך בקיץ 2005

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Impressions from Bamberg Jewish Cemetery

March 29, 2011

Grabmal des im Februar 1881 verstorbenen wohltätigen und bescheidenen Meir Fleischmann .

Im 1890 errichteten Tahara Haus am israelitischen Friedhof in Bamberg.

Grave marker of Chil Bekerkunz (1894 – 1949) from Polish Ozorków, somewhat north of Łódź. Until the German invasion in Poland, almost the half of the inhabitants of the small town were Jews. Ozorków also was the home town of Aharon Brand (1910 – 1977), the founder of the Israel Institute for Medical History in Jerusalem and long time chairman of the Israel Medical Association. We do not know what background Chil Bekerunz had, but many of the Jews in his home town were occupied in weaving and trading clothes.

The register of Yad Vashem in Jerusalem has four entries of Bekerunz from Ozorków (and somme others from Lodz):

One is unmarried weaver Chaim Bekerkunc, born in 1923 and son of Yekhiel and Tova. He perished in Birkenau. Feiga Bekerkuntz was born in 1926 and the daughter of Fruma. She died in 1942 in Chelmo camp. Efraim Bekerkuntz (1914 – 1942) was her brother, also son of Fruma B. He also was killed at Chelmo camp. Fruma Bekerkunz, nee Nusak from Grabow was born in 1903 as daughter of Efrim and Feiga Nusak and but also was murdered 1942. Obviously her children were named after her parents.

Grave marker of Willy and Paula Lessing.  

Willy Lessing (1881 – 1939) was the son of Simon and Clara Lessing and was since 1903 the owner of the Hofbraeuhaus Bamberg (dispossessed in 1936). In 1938 he was the head of the Jewish community of Bamberg and tried to save the Tora scrolls when the Nazi destroyed the synagogue at “Kristallnacht”. He was very seriously hurt and died two months after of his injuries. His wife Paula however obviously managed to escape to England.

The still existing Hofbräu in Bamberg at the corner of Karolinenstr. and Geyerswörthplatz)

Grave marker of Willy Lessings parents at Bamberg Jewish cemetery. Simon Lessing (1840 – 1903) founded in 1885 the “Exportbierbrauerei Frankenbräu” which was the first major brewery in Bamberg and in 1900 changed the name and became the “Hofbräu”. His wife Clara, nee Strauss (1858 – 1938) is a maternal relative of Berlin born German politician Gregor Gysi (b. 1948) paternal origin.

Grave marker of Privatier Isaac Roedelheimer (1816 – 1886), son of Asher Mendel (1768-1845) from Wuestensachsen / Rhoen.

Memorial stone of Caroline Ullmann, died 25th of April 1884.

Am jüdischen Friedhof in Bamberg befinden sich zahlreiche Gräber von lokalen Bierbrauern und Hopfenhändlern, darunter auch väterliche Verwandte des bekannten deutschen Politikers Gregor Gysi.


Der jüdische Friedhof von Bamberg

March 28, 2011

Der jüdische Friedhof an der Siechenstr. 102, südöstlich vom heutigen Gewerbegebiet, wurde am Tag nach Suckot des Jahres 5612 (1851) eingeweiht. Bis zu dieser Zeit bestatteten Bamberger Juden ihre Toten in umliegenden Friedhöfen etwa in Walsdorf oder Zeckendorf. Für den ersten neuzeitlichen Friedhof in Bamberg hatte sich der Gemeindevorsitzende Jakob Dessauer stark gemacht, der späte selbst hier bestattet wurde.

Im Bereich hinter der heutigen Unteren Sandstr. 29 soll sich der Friedhof der mittelalterlichen, 1478 endenden jüdischen Gemeinde befunden haben. Die dort bei Bauarbeiten in den 1960er Jahren gefundenen  Grabsteine und Überreste wurden am Friedhof in der Siechenstr. aufgestellt. Freilich sind die gezeigten Steine weit jüngeren Datums, keinesfalls mittelalterlich, sondern tragen Daten aus den 1850ern.

Vermutete Grabsteine aus  Untere Sandstr., jedoch datieren sie aus den späten 1850ern, wie problemlos zu erkennen etwa auf den beiden rötlichen Grabsteinen des Sohns und der Tochter Gitl des Henoch Strauss um 1858. Im Hintergrund über der Mauer ist ein überragendes Kreuz vom angrenzenden christlichen Friedhof zu sehen.

Grabmal des einjährig verstorbenen Alfred Buxbaum (1904 – 1905)

Das heutige Tahara- und Friedhofswächterhaus wurde 1890 errichtet. In der stattlichen Halle befinden sich eine Reihe von Gedenktafeln für die in der „Nazi-Zeit“ ermordeten Bamberger Juden. Eine weitere, ältere Tafel erinnert an die Gefallenen der jüdischen Gemeinde aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Sie ist von einem kunstvollen steinernen Podium umrandet, das aus der früheren Synagoge stammt.

Außen am Tahara-Haus hängt eine Tafel mit dem punktierten אתה גיבור לעולם aus dem Amida. In früheren Zeiten soll es noch eine zweite Tafel gegeben haben, deren Inschrift offenbar nicht überliefert ist.

מחיה מתים ברחמים רבים

Der mehrfach aufgeteilte, auch aktuell von der inzwischen überwiegend russisch-sprachigen Gemeinde noch benutzte Friedhof in Bamberg wird seit Jahrzehnten durch das Ehepaar Trager gepflegt und zeigt sich in einem ausgezeichneten Zustand, freilich sind auch hier zahlreiche Monumente von der Witterung in Mitleidenschaft gezogen worden. Eine absichtliche Vernachlässigung wie an vielen anderen Friedhöfen ist nicht zu beobachten.

Grabstein des Benedikt Oesterlein (1816 – 1888). Die Inschrift bezeichnet ihn als “Polizeichirurg”. Unter dem seltenen erstmals 1827 belegten Begriff verstand man eine Art forensischen oder Gerichtsmedizinier (Coroner) der im Polizeidienst Obduktionen an Leichen vornahm, um eine natürliche oder gewaltsame Todesursache zu attestieren. In früheren Zeiten bezeichnete man den Beruf noch als “Hofbader”. Interessant wäre natürlich in Erfahrung zu bringen mit welchen (Mord)Fällen sich Herr Oesterlein in Bamberg oder Umgebung zu befassen hatte.

Memorial der Familie Wassermann am jüdischen Friedhof in Bamberg. Die hebräische Inschrift verwiest über die großgestellten Anfangsbuchstaben auf Izchak ben Elia (Julius) Wassermann (1873-1939), der zudem als parnas vemanhig kahal bezeichnet wird, also als Gemeindeführer. Zur Bamberger Familie Wassermann gehörte auch Oskar Wassermann (1869 – 1934), der von 1912 bis 1933 dem Vorstand der “Deutschen Bank” angehörte und in den letzten zehn Jahren sogar deren Sprecher in Deutschland war. Als die Nazis an die Macht kamen wurde er “natürlich” aus dem Amt verdrängt. Schon im Jahr darauf verstarb er in Garmisch, eines “natürlichen Todes” wie es heißt.

* * *

Unser Dank gilt dem Ehepaar Trager für die ausführliche Führung und zahlreiche Erläuterungen zur Geschichte und Gegenwart.


‏إن شاء الله‎

March 25, 2011

Requiem pour six millions d’âmes
Qui n’ont pas leur mausolée de marbre
Et qui, malgré le sable infâme
Ont fait pousser six millions d’arbres
(Adamo, 1966)

dedicated to D. Goldberg, perished March 25th in 1941 in Łódź


The old synagogue of Nuremberg

March 24, 2011

The synagogue at Hans-Sachs-Platz in Nuremberg, inaugurated in 1874 was demolished in 1938, already in August, 3 months before the so called “Kristallnacht”, because chief Nazi Julius Streicher said the synaggoue does not fit to the beautiful German city scenery of Nuremberg. However the synagogue was one of the most prominent motives of Nuremberg pre-war postcards as well as one of the most depicted synagogues in Europe.

Ca. 1925 color postcard of the Nuremberg Synagogue seen from the Insel Schuett


happy birthday, Mietek ..!

March 23, 2011

Gratulujemy 91. Urodziny, Mieczysław Pemper.

Mietek Pemper, born 1920 on March 24 in Kraków has lived in Augsburg since 1958. Tomorrow will be his 91. Birthday.

מזל טוב


same old song

March 22, 2011

Die ordentliche Mitgliederversammlung am 20. März (Purim) bestätigte bei jeweiligen Enthaltungen einstimmig den amtierenden Vorstand (Yakov, Chana, Yehuda) des JHVA für eine weitere zweijährige Amtszeit. Die Schwerpunkte der Vereins”arbeit” sollen künftig noch mehr im Bereich des Kochens und Reisens, Lesens und Schreibens, Illustrierens und Übersetzens sein. Eben alles was Spaß und Beine macht. Auch der eine oder andere aechte Schlenkerla zu diversen regionalen Köstlichkeiten ist vorgesehen.

Besten Dank allen Mitgliedern und Freunden, ganz besonders Margit, Andrea, Elena and Amei.