Buch: Humor, Wucher, Weltverschwörung

March 23, 2017

Das neue Buch ist soeben erschienen:

Humor Wucher Weltverschwörung Yehuda Shenef

Humor, Wucher, Weltverschwörung: Die geläufigsten Vorurteile gegenüber Juden und was es mit diesen auf sich hat

260 Seiten – 13.00 EURO   /  ISBN: 978-3-7431-8120-5

Wissen Sie,

  • was das Wort „deutsch“ eigentlich bedeutet?
    warum Jesus im Talmud nicht mal erwähnt wird?
    was es mit Hostienschändungen und Ritualmordlegenden auf sich hat?
    warum niemand Schweinemilch trinkt?
    warum Juden ihre Bar-Mitzwa im Alter von 13 Jahren feiern?
    was im Wörterbuch der Gebrüder Grimm als Judenbeeren, Judenkirschen oder Judenpech bezeichnet wurde?
    dass die Pfandgebühren mittelalterlicher jüdischer Geldhändler nicht höher waren als heute?
    welchen Ursprung der beliebte jüdische Humor hat?
    was genau nun eigentlich Antisemitismus ist?

 Die mitunter überraschenden Antworten auf diese und weitere Fragen finden sich im Buch.

 

erhältlich im Buchhandel, oder bei Amazon & Co., auch als E-book erhältlich

https://www.amazon.de/Humor-Wucher-Weltverschw%C3%B6rung-gel%C3%A4ufigsten-Voruteile/dp/3743181207/ref=sr_1_11?s=books&ie=UTF8&qid=1490307795&sr=1-11

 


Und noch ein paar “Fragen zum Judentum”

December 3, 2014

Immer wieder mal tauchen scheinbar noch unbeantwortete Fragen zu Juden, Judentum, Jüdischem auf und landen bei uns entweder über die Admin-Funktion, die anzeigt, mit welchen Google-Fragen jemand zu diesem Weblog fand, per email, per Postfach-Adresse oder in einer persönlichen Begegnung. Es ist nicht immer sofort klar, ob die Fragen tatsächlich ernst gemeint ist oder welchen wie auch immer gearteten Hintergrund sie haben, weshalb einige doch unbeantwortet bleiben. Das ist vielleicht auf Anhieb unfair oder kann so erscheinen, aber es hat auch damit zu tun, dass auf den genannten Wegen pro Woche sicher mindestens etwa zwanzig Anfragen aller Art, etwa zur Besichtigung von Friedhöfen in München, Aachen, Köln oder Wien, warum das Jüdische Museum auf den Brief vom August nicht geantwortet hat, ob es die alte Mikwe in Freiburg noch gibt, ob wir sagen können, ob jemandes Vorfahren Halbjuden waren und dergleichen mehr. Wie gesagt erscheint zumindest die eine oder andere Frage nicht ernst gemeint oder wäre bei etwas eigenem Nachdenken vielleicht unterbleiben – aber

never mind, ça ne fait rien, קיין פּראָבלעם

מען קענען רעדן צו יעדער אנדערער – man kann ja miteinander reden

Im alten Judentum war die Q & A (Frage und Antwort) – Kategorie als eigene Literaturgattung sehr beliebt und ab und an, haben wir hier ja auch schon mal die eine oder andere grundsätzliche Frage aufgegriffen.

Jewish Museum Berlin Holocaust memorial Sightseing Touristen im “Jüdischen Museum” in Berlin posierend auf sog. “Holocaust”-Masken

Hier also mal ein paar, für manchen noch unbeantwortete Fragen, die zuletzt an uns gerichtet wurden:

 

Waren die Fugger Juden?

Nein, in keiner Weise. Zwar hatten die Fugger (1368 als „fucker“ in die Stadt gekommen, das zugrundeliegende Wort „fucken“, von dem sich auch das bestimmte Wort ableitet, heißt „schlagen“, „knüppeln“, … ursprünglich im Sinne von Getreide dreschen) sich direkt neben der jüdischen Siedlung am Judenberg beim Moritzplatz (Weberhaus) niedergelassen, aber es waren nur diese direkt nachbarschaftliche Verwandtschaft. Als getreue Katholiken hatten die Fugger weder Sinn noch Sympathie für Juden, jedoch durchaus Geschäftsinn und bekannten Erfolg im Wuchern, Tuch-, Silber-, Sklaven- oder Ablasshandel.

 

Kann man (mit uns) die jüdischen Friedhöfe in München besuchen?

Potentiell wäre das schon möglich, aber wozu? Es gibt eine durchaus große und nicht unbekannte jüdische Gemeinde in München, mit großer neuer Synagoge, Gemeindezentrum, Museum, Buchladen, Rabbiner, Cafe, sonst noch was. Die Münchner IKG ist auch „Eigentümer“ der beiden noch existierenden jüdischen Friedhöfe und beschäftigt für ihre Betreuung fest angestellte Pfleger, die ohne Zweifel allerwenigstens über alle wesentlichen Standardfragen reichliche Auskunft geben können. Die Anschriften oder Kontaktadressen der Münchner Gemeinde sind auch im Internet nicht schwieriger zu finden als die des JHVA aus Augsburg.

Es müsste schon auch für uns interessante berechtigte Gründen geben, warum wir uns zu einem neuerlichen Besuch der Friedhöfe in München (oder anderswo außerhalb von Augsburg) begeben sollte. Immerhin bedarf es dafür ja auch der An- und Rückreise.

 

Ist „…“ ein jüdischer Name?

Jeder Name den ein Jude benutzt, ist ein jüdischer Name. Als „typisch jüdisch“ erachtet man allerdings solche, die eine hebräische oder aramäische Herkunft haben, wie z.B. Josef (inkl. Sepp, Jupp, etc.), Anna, Johann (inkl. Hans, John, etc.), Michael, Daniel, David, Elisabeth (inkl. Lisa, etc.), Susanne (inkl. Susi, Sanne, etc.), Jona(s) und viele mehr … die arabisch aber auch Yusuf (Josef), Daud (David), Ibrahim (Abraham) lauten können.

Häufiger gefragt wird aber nach Familiennamen, besonders nach deutschen komischerweise und gerne dann, wenn der Name scheinbar etwas mit Geld oder Gold zu tun hat: Mangold wäre ein solcher Fall. Ist Mangold ein jüdischer Familienname, so jüdisch wie Goldmann ..?

Familiennamen sind erst seit etwa zweihundert Jahren fester Bestandteil der gesetzlichen Namensgebung in Deutschland, wo es erst seit der Einführung des BGB verbindliche Namensschreibweisen gibt. Zuvor wurden sie oft nur nach Gehör notiert, was abhängig war von den jeweiligen Schreibern, die oft aber eben nur nach Gehör schreiben konnten und sich manchmal nicht mehr erinnerten, wie sie fünf Zeilen weiter oben denselben Namen anders notiert hatten. War damals aber nicht so „wichtig“ wie heute, wo alles ja maschinenlesbar sein muss, ob eindeutig identifizierbar zu sein.

Wie auch immer, kein deutscher Name ist „typisch jüdisch“, sondern eben deutsch. Mangold ist eine Gemüsepflanze, die in der Schweiz „Krautstiel“ heißt, und wie auch immer kein Gold enthält, dafür aber viel Vitamin K, was gut sein soll für den Knochenbau (was aber auch kein Konsortium mit Sitz in Qatar ist, wenigstens kein jüdisches).

Manche Familiennamen wurden von deutschen Juden häufiger benutzt oder war es vielleicht anders herum, dass bestimmte Leute schlicht mehr (männliche) Nachkommen hatten als andere?

Wie auch immer, unter den Familiennamen Augsburger Juden des 19. und 20. Jahrhunderts finden sich meist ganz gewöhnliche deutsche Familiennamen, die sich genauso bei Christen finden: Bach, Bachmann, Bauer, Bruckner, Dick, Eisenmann, Frank, Freund, Fischer, Fromm, Gerstle, Goetze, Gross, Gruber, Gunz, Heumann, Hirsch, Horn, Hummel, Klopfer, Koch, Kurz,  Lang, Löffel, Mayer, Schimmel, Schwab, Schwarz, Reis, Rosenfeld, Schäfer, Steiner, Stern, Strauss, Wassermann, Vogel, Weber, Weinmann, Weiss, Weitzenbeck, Wolf, …

Durch um 1900 bei deutschen Juden sehr verbreitete Vornamen wie Adolf, Anton, Berta, Hans, Sepp, Franz, Franziska, oder Wilhelm war „es“ sicher nicht einfacher zu bestimmen, was immer „es“ nun auch eigentlich sein mag.

In den 1920er Jahren, so versicherte man mir seitens älterer Leute vor einigen Jahren, soll es in Deutschland einen diesbezüglich vielsagenden „Witz“ gegeben haben – schwer vorstellbar in einer Zeit, in der deutsche Bildungsbürger „Jona“ und „Sarah“ (aber bloß nicht Israel …!) nennen – in welchem eine Frau ihrer Freundin berichtet, dass sie einen neuen Liebhaber hat (sagte man damals so, heute heißt das „Freund“ …). Auf die Frage, wie er denn heißt sagt sie: „Siegfried“ – Darauf die Freundin: „Muss es denn ein Jude sein?“

Was man relativ sicher ausschließen kann, ist das Juden rein christliche Namen haben, wie etwa Jesus, Christian, Christoph oder Georg. Aber der Augsburger Rabbiner Henry Brandt wurde als Münchner Kind Heinz Georg Brandt „getauft“, während „Maria“ fälschlich als jüdischer Namen aufgefasst wird, eigentlich aber die weibliche Fassung des lateinischen Marius ist, so wie Claudia von Claudius, Julia von Julius oder Zufla von Zufluss. Typisch ist eben was typisch ist.

 Achtung!

Jüdisches Hinweisschild (frühes 21. Jahrhundert)

 

Questions and answers: We still get many, many questions from different parts of the world, in many languages, by email, snail mail or search machines.

 

No, usually we cannot provide access to Jewish cemeteries, museums, or archives in distant cities. And most likely it is not more difficult to figure out their relevant addresses either.

Was the Fugger family Jewish?

No. If so, kashrut and circumcission were quite familiar in your family.

Is … a Jewish name?

Well, sounds Heinz Georg Jewish enough for you? So why you ask for Fanny and Siegfried Bauer?


Jewish brainwash – jüdische Gehirnwäsche

November 28, 2013

Did you ever wonder why so many Jews all over the world actually are sharing more or less same values? Is it a kind of conspiracy as some would like o suggest , is it one of those genetic ‘things’, brainwashing or something or is it just … education?

Listen to the explanation Ethan Metzger  this summer had on youtube:

Warum teilen viele Juden in der Welt vergleichbare Werte? Ist es eine Art Verschwörung oder hat es was mit Genetik zu tun, ist es … Gehirnwäsche … oder doch nur eine Frage der Erziehung?


Selbstfindung im Dialog

September 26, 2013

Micha BrumlikProf. Micha Brumlik, Vortrag in Augsburg

Am Montag 23. September hielt im Hollbau Annahof in Augsburg Prof. Micha Brumlik einen Vortrag, der versprach „Das Christentum aus jüdischer Sicht“ zu beschreiben. Aus der Perspektive eines „Professors für Erziehungswissenschaften“ (Universität Frankfurt, bis zum Frühjahr 2013) wäre das sicher mal interessant gewesen. Den Besuchern im „Evangelischen Forum Annahof“ (in Kooperation mit der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“) wurde letztlich aber das Gegenteil geboten, nämlich eine Kurzgeschichte des Judentums über Antike, Mittelalter und Neuzeit – aus christlicher Sicht und mit seinen begriffen definiert. Das mag in eine solchen Rahmen vielleicht nicht anders gehen und auch gar nicht anders gewollt sein, ist aber eines eben nicht: „Christentum aus jüdischer Sicht“.

Das stattdessen eher vertrackte Verhältnis könnte man allenfalls so erklären: … Ein Abriss über die Haltung einzelner Gruppen des amerikanischen Reformjudentums die sich dem Christentum weitgehend angenähert haben in für Christen verständlichem Vokabular, ihrem eigenem nämlich.

Nach der (am Umfang des Gesamtvortrags gemessen) recht ausgedehnten Skizzierung der jüdischen Geschichte, lautete Prof. Brumliks an für sich wenig spektakuläre Aussage, dass das Judentum in seiner heute bekannten Form als “rabbinisches Judentum” nicht älter als das Christentum sei. Selbst wenn man das Judentum der Mischna erst nach der Zerstörung des „Tempels“ ansetzen wollte, setzte Brumliks Interpretation eine weitgehend unkritische Haltung gegenüber den historischen Quellen des Christentums voraus. Wie dem auch sei: Das Christentum sei demnach keine „Tochterreligion“ des Judentums, das Verhältnis von Juden und Christen das von Geschwistern. An diesem Punkt war aber wohl lange vorher der polnische Papst Jan Pawel Sekund angekommen, als er 1986 beim Besuch einer römischen Synagoge seine Gastgeber, „die Juden“ als „ältere Brüder“ bezeichnete.

Brumlik spricht mit angedeutetem Humor noch von Christentümern und Judentümern und von ihrem therapeutischen Verhältnis (Verhältnissen?) zueinander, mehrfach von einer problematischen „Karfreitagsbitte“, ehe er zum Kern des selbstgewählten Themas kam: „Das Christentum aus jüdischer Sicht“. Das war dann recht kurz gefasst und konzentrierte sich auf die Frage, ob das Christentum aus jüdischer Perspektive „Götzenkult“ wäre. Wie nun lautete die Antwort des Pädagogen gegenüber seinen evangelischen Gastgebern? Er verwies auf eine Erklärung amerikanischer Reformrabbiner, die am 11. September 2000 in der „New York Times“ unter dem Titel „Dabru Emet – Speak the Truth“, unter anderem behaupteten, dass Juden und Christen „zum selben Gott beteten“ oder der Nationalsozialismus „kein christliches Phänomen“ gewesen sei.

In der anschließenden Diskussion mit dem christlichen Publikum wurden weitere Randphänomene angesprochen, etwa eine „Judenmission“ (die darauf abzielt, Juden zu Christen zu machen) oder Gruppierungen die eine Art „jüdisches Christentum“ („Jews for Jesus“) praktizieren. Abgesehen davon, dass Brumlik hier und da ein hebräisches Wort murmelte oder ein lateinisches Gebet im Wortlaut zitierte, benutzte er doch ihr gemeinsames christlich-akademisches Vokabular. Redner und Publikum verstanden einander genau und so (oder: trotzdem) kam es zu keinen Kontroversen.

Etwas überraschend war, dass zwar ein halbes Dutzend Mal das Wort „Zionismus“  und ein paar Mal auch „Israel“ ausgesprochen wurde, die in Deutschland sonst omnipräsenten Debatten über „den Nahost-Konflikt“ nicht im Ansatz vorkamen. Offenbar bestand auch hier eine Übereinkunft zwischen Redner und Publikum, die sich mir als außenstehenden Zufallsbesucher nicht erschloss.

Micha Brumlik Publikum Augsburg Brumlik vor 29 Zuhöhern im “Ausstellungsraum” des Hollbau 

Zugegeben hatte ich den Namen Brumlik schon mal irgendwo gehört oder gelesen. Nur wo? Vielleicht im Fernsehen? In der „Jüdischen Allgemeinen“, die ich durchschnittlich einmal im Jahr mal an einem Bahnhof-Kiosk kaufe? Egal. Schon der Wikipedia-Artikel zu „Micha Brumlik“ klärt darüber auf, dass er „als Kind jüdischer Flüchtlinge“ 1947 in Davos geboren wurde und ein “Erziehungswissenschaftler” ist und: „Als Publizist und Gastautor diverser Zeitungen veröffentlichte er Sachbücher, Essays und Artikel zur Geschichte des Judentums und zeitgenössischer jüdischer Themen.“ Da hammas ja.

Weiter heißt es im Artikel, dass Brumlik 1967, also im Alter von 20 Jahren nach Israel in … „ein Kibbuz“ … kam, wohl angeregt vom Erfolg der israelischen Armee im Sechstagekrieg, Israel aber als „imperialistisches Land“ erlebt hätte. Trotz der ganz erheblichen Landgewinne des israelischen Militärs ist das natürlich schon im Wortsinn („Imperium“) Blödsinn, aber Mich Brumlik wurde, so fährt der Artikel weiter zum „Antizionisten“ und kehrte aus Israel zurück nach Frankfurt am Main, wo er Philosophie, Sozialpädagogik und dergleichen studierte. D.h. er war einer jener deutschen „68er“. Ob er seinen Kommilitonen als „jüdischer Kronzeuge“ gegen das „imperialistische zionistische Regime“ wohl willkommen war? Wen er damit beeinflusste? Die deutsche Linke nahm jedoch bald eine eindeutig anti-israelische Haltung ein, die teilweise bis heute nachwirkt.

Die goldene Formel dabei: Holocaust-Andenken sollten zur Klage gegen Israel berechtigen. 🙂

Als Israel 1991 während des Irak-Kuwait-Kriegs von Saddam Husseins Militär mit Raketen angegriffen wurde, erklärte er seinen Austritt aus der Partei „Die Grünen“, da diese Waffenlieferungen zur Verteidigung Israels ablehnten. Ein israelischer Psychoanalytiker habe ihm auch dabei geholfen, „seine Haltung zum Staat Israel und zur Bedeutung des Zionismus für das Judentum“ zu überdenken.

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Von 2000 bis 2005 war er der Quelle gemäß Leiter des „Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Wirkung des Holocaust“. 2008 war er in einen Disput über den Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ (ZfA) Wolfgang Benz verwickelt, dem von dem Politikwissenschaftler Clemens Heni angelastet wurde, seine eigene Doktorarbeit unter Karl Bosl verfasst zu haben, der selbst engagierter Nazi-Funktionär war (Lebensraum Ost usw.) und dergleichen mehr (Ost, Nahost, …). Manche Töpfe macht man vielleicht besser gar nicht auf, weil man den Geruch schwer wieder aus den Klamotten kriegt. Das ist wie mit Rauch den man abbekommt. Verbringt man als sog. „Nichtraucher“ mal zwei Stunden in einem solchen Milieu, wird’s einem schon ganz anders

Das nun aber zeitgenössische “Antisemitismus-Forschung” in Deutschland auf noch von Nazis ausgebildeten Leuten basieren „könnte“, ist aber – für Außenstehende – nicht ganz so skandalös und überraschend, wie für Leute, die da mit drin stecken und es ganz anders erscheinen lassen wollen müssen …

Der logische Zusammenhang ergibt sich ja von selbst:

Antisemitismus war Staatsdoktrin,

Anti-Antisemitismus ist Staatsdoktrin.

Das Nähere regelt ein Gesetz.

Da ich von Micha Brumlik nicht mehr wusste, als dass ich den Namen vielleicht schon mal irgendwo gelesen habe und erst siebenundzwanzig Minuten vor Beginn des Vortrags davon erfuhr, dass es ihn geben würde, ergab sich dann nicht mehr, als ein Hand-Shake mit dem Redner im Annahof, kurz vor Beginn. Im Nachhinein hatte ich auch keine Fragen, außer die nach der Beschneidung. Die hatte er als Hindernis bezeichnet für das Judentum und seine Ausbreitung. Da das Christentum keine Beschneidung hat, hätte es sich eben viel leichter ausbreiten können. Und da wollte ich nach dem Islam fragen, der trotz Beschneidung … Naja, egal.

 Die Angaben über Brumliks „Haltung“ zu “Israel” klingen nach einem komplizierten Verhältnis. Man kann vermuten, dass sein Publikum ähnliche Auf-und-Abs durchlebte.

Bei Amazon stünde da die Anmerkung, dass Leute mit solchen (wechselnden, widersprüchlichen) Vorlieben sich auch für Selbstfindungskurse, Bewegungsmelder, Zickzack-Muster oder für Jo-Jos interessieren. Kann sein.

Mein Interesse galt eher dem Gebäude, in dem der Vortrag stattfand. Immerhin gingen hier u.a. Napoleon III, Carl von Obermayer, Ferdinand Wertheimer oder Rainer Werner Fassbinder zur Schule. Damals

Anna Gymnasium Hollbau Annahof

Photos: Margit (Vortrag), Yehuda (Haus)


Augsburger Rabbiner: Reuven Unger

August 3, 2012

הרב ראובן אונגר באוגסבורג

Im November 1997, vor nunmehr annähernd 15 Jahren trat der  1937 in Jerusalem geborene Reuven Unger als erster festabgestellter Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Augsburg  seit der Niederlage des Nazi-Regimes sein Amt an. Seine erste öffentlichkeitswirksame Handlung war im Rahmen einer Veranstaltung zur sog. „Reichskristallnacht“:

Augsburger Allgemeine, Montag 10. November  1997:

Über Nacht gab es keine jüdische Kultur

Gedenkfeier in Synagoge zur Pogromnacht von 1938

Vor dem Eingang weht der blaue Davidstern mit schwarzem Trauerflor, im Vorhof brennen zwei Kerzen, sechs weitere zündet Rabbiner Reuven Unger in der Synagoge an. Die Kinder Israels trauern über die Nacht, die vor 59 Jahren die jüdische Kultur in Deutschland ausgelöscht hat.

 

„In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 klirrten die Fensterscheiben von jüdischen Geschäften, Wohnungen und Bethäusern, und Sie können den schrillen Ton noch immer hören“, eröffnete Dr. Iradj Neman, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, gestern Abend die Gedenkfeier. Zerstört worden sei damals mehr, als sichtbar war. Neman: Jüdische Nachbarn, Kollegen, Freunde. Über Nacht gab es keine jüdische Kultur mehr.“

Über 400 Synagogen hatten fanatische Einsatzgruppen und Sonderkommandos in der „Reichskristallnacht“ verwüstet und in Brand gesteckt. Die Heiligen Schriften, nach Nemans Worten Fundament jeder Religion, wurden entweiht und vernichtet. 94 Menschen wurden in dieser Nacht ermordet, zahlreiche weitere gequält oder vergewaltigt, 30.000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. „Kein anderes Volk hat die Erfahrung von Erniedrigung und Gewalttätigkeit in solcher Tiefe erlebt“, äußerte Neman Verständnis für traumatische Erinnerungen, die lieber verdrängt würden.

Mit der Vergegenwärtigung der Dunkelheit verband der Gemeindepräsident die Hoffnung auf die Helligkeit des Morgens. „An jedem neuen Morgen sind wir aufgefordert, eine Zukunft mitzugestalten, die geprägt ist von Toleranz und Mitmenschlichkeit“, sagt er.

Rabbiner Unger rief mit Psalm 83 zu Gott, die Feinde Israels abzuwehren „wie Feuer, das den Wald versengt“. Zuvor führte er beredte Klage: „Deine Gegner verheeren dein Haus, wider dein Volk ersinnen sie listige Pläne“. Sie sprechen: Kommt tilgen wir sie aus.“

http://www.augsburger-allgemeine.de/

Erst drei Tage später musste der Redaktion aufgefallen sein, dass sie im Zuge der Gedenkfeier an das Geschehen von 1938 irgendwie vergessen hatte, den bereits genannten Rabbiner als solchen ihrer Leserschaft überhaupt mal vorzustellen:

 

Augsburger Allgemeine, 13. November 1997

Zur Person: Rabbiner Reuven Unger

„Streng ist er nur gegen sich selbst“

Sieht so ein orthodoxer Rabbiner aus? Schläfenlocken und Kaftan fehlen, allenfalls mit einem mächtigen schlohweißen Bart kann der fast 61jährige Reuven Unger dienen. In der Augsburger Israelitischen Kultusgemeinde ist er der erste Rabbiner nach 59 Jahren. Sein Vorgänger verließ drei Tage nach der schrecklichen „Kristallnach“ das Land: unter den erlittenen Misshandlungen im Konzentrationslager Dachau waren ihm die Augen aufgegangen, dass jüdisches Leben ausgelöscht werden sollte.

 Jetzt wird die Augsburger Gemeinde wieder zu normalen Verhältnissen zurückkehren. Gemeindepräsident Iradj Neman sieht seinen Traum in Erfüllung gegangen. Anderen Juden dagegen ist der neue „Rebbe“ nicht geheuer. Sie fürchten Gängelung und Engstirningkeit.

 Doch in Rabbi Ungers Reden ist nichts kompromißloses: „Ich lasse einen jeden leben, wie er lebt, und mische mich nicht ein in seine privaten Angelegenheiten.“ Lediglich für sich selbst nimmt er ein konsequentes jüdisches Leben nach den 613 Geboten und Verboten der Thora in Anspruch: „Ich möchte nicht gezwungen sein, gegen mein Gewissen zu handeln“, lautet die Maxime, die sich in einem kurzen Dienstjahr bei der Berliner Richtungsgemeinde Adass Jisroel geschärft hat.

Schochet und Mohel

 Reuven Unger weiß, dass inzwischen russische Zuwanderer die Mehrheit der etwa 1000 Mitglieder der Kultusgemeinde bilden. Er versteht, dass sie wenig religiöse Kenntnisse mitbringen. „Die Leute waren 70 Jahre unter dem atheistischen Kommunismus, und an manchen Orten war es gefährlich, sich als Jude auszugeben“. Seine Aufgabe sei es, in sie „in bisschen Judentum hineinzubringen“. Dass er selbst kein Russisch spricht, mache nichts aus. Erforderlichenfalls gibt es Dolmetscher – oder das Jiddische.

Bei Rabbi Unger liegt diese Sprache in der Familie. Bereits 1888 ist sie von Galizien nach Palästina übersiedelt. Reuven Unger wurde in Jerusalem geboren. Er wurde zum Rabbiner ausgebildet und gleichzeitig in der hohen Kunst des Schächtens als Schochet und des Beschneidens als Mohel. Im Laufe des Berufslebens in Israel kamen Erfahrungen in der Religionsverwaltung dazu. Im Jahre 1985 rief man ihn nach Frankfurt als Schochet und damals einzigen Mohel in ganz Deutschland.

Was in Augsburg auf ihn zukommen wird, kann Unger noch nicht absehen. Sein Religionsunterricht wird gerade organisiert. Auch um die Eltern wird er sich kümmern, außerdem predigen, trauen, beerdigen und, wenn es wieder mal so ist, einen Buben beschneiden. Gegen das christliche Umfeld will er sich nicht abschotten. Und für Auskünfte steht Reuven Unger „gern zur Verfügung“.

http://www.augsburger-allgemeine.de/

* * *

Die folgenden Jahre waren trotz aller guter Vorsätze von starken Spannungen geprägt, die mitunter sogar in gewalttätige Auseinandersetzungen, Anzeigen und Gegenklagen, etc. ausarteten die bundesweit als „Augsburger Verhältnisse“ und abschreckendes Beispiel für eine völlig misslungene Integration galten. Bei aus dem Ruder laufenden Konflikten stellt sich eine “Schuld”-Frage in der Regel nicht, eher wieviele der Beteiligten bereits die Volljährigkeit erreicht haben und in der Regel ist es so wenig nachzuvollziehen wie interessant, wer wen zuerst beleidigt oder issverstanden haben soll, da Streithähne in der Regel ohnehin dazu tendieren, die eigene Partei milde zu berurteilen und die gegnerische unnachgiebig. Das ist nich neu. Das ist nicht originell. Im Kern ging es wie so oft um Kompetenzen, wobei die Art der Auseiandersetzung von sehr unterschiedlichen kulturellen wie religiösen Voraussetzungen gepägt wurden.

In früheren Zeiten war dies nicht anders und zumindest das neuzeitliche Augsburg galt imemr schon als “heißes Pflaster” für Rabbiner und Kontroversen, seitdem sie auf Lehrer aus Pfersee und Kriegshaber verzichten wollten und konnten. Der erste Rabbiner der Neuzeit war Jakob Heinrich Hirschfeld (1819-1902), war noch in Ungande der Gemeinde gefallen und frsitlos entlassen worden. Als 1871 die jüdischen Reformrabbiner Deutschland zu einer “Synode” in Augsburg tagten stellte ihnen die Stadt Augsburg großzügig den Goldenen Saal zur Verfügung. Die jüdische Gemeinde vor Ort, die damals ihre Synagoge und Sitz in der Wintergasse hatte, wollte von der Veranstaltung nichts wissen, während Hirschfeld sich dafür erwärmen konnte und anlündigte, als Augsburger Rabbiner daran teilzunehmen. Darauf beschloss Salomon Rosenbusch als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde  mit dem Vorstand, Hirschlfeld eben kurzerhand zu entlassen. Nun konnte er zwar an der “Synode” teilnehmen, jedoch nicht als Vertreter der Gemeinde von Augsburg, in deren Stadt die Tagung stattfand. An gegenseitigen Spott fehlte es in keiner Weise. Hirschfelds Nachfolger Heinrich Gross, wie er aus Ungarn stammend, gelang es hingegen einen harmonischen Ausgleich zwischen Reformen und Tranditionalisten hinzubekommen. Sein Nachfolger Richard Grünfeld hingegen verstärkte als ausgesprochener Liberaler die früheren Gegensätze. In seiner Amtszeit wurde zwar die neue Synagoge an der Halderstraße eingeweiht, jedoch erfuhr die Synagoge in Kriegshaber zugleich wachsenden Zulauf der sog. Orthodoxen, die keinen Gefallen hatte an opernhaften Gesangseinlagen und vergleichbaren Inszenierungen. Die Amtszeit Walter Jacobs, auch er war ein Reformrabbiner, bis 1938 konnte keine Akzente mehr setzen, zu sehr war bereits der Alltag überschattet von den aufkommenden Nazi-Horden, die immer größer wurden und normale Bürger mit Hass und Neid infizierten. Die Geschichte ist bekannt.

Nahm man früher an Reuven Unger Anstoss, hielt ihn für zu “streng” hielten und meinte, er würde die Juden von der restlichen Stadtgemeinde zu sehr abgrenzen, so sehnen sich heute – ironischerweise – nicht wenige wieder ganz umgekehrt nach einem “echten” Rabbiner wie ihn zurück, der zumindest die Grundregeln der Halacha ernst nimmt und nicht nach Belieben auslegt und sich insgesamt eher an Nichtjuden ausrichtet, wie manche seinem seit 2004 in Augsburg tätigen, bald 85jährigen Nachfolger Dr. h.c. Henry Brandt unterstellen, der zudem noch Rabbiner der kontroversen Reformgemeinde von Bielefeld ist und vielleicht auch deshalb nicht genug Zeit hat.


Gibt es eine jüdische Zukunft in Schwaben ..?

November 30, 2010

Als Außenstehende und im Wortsinn beinahe „displaced persons“ war es für uns durchaus eine bemerkenswerte, aber leider auch sehr kurzfristige Erfahrung, gewissermaßen im Vorprogramm einer zweitägigen Fachkonferenz von Museumsvertretern die sich mit der „Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben“ beschäftigt, als „jüdischer Verein“ einen Vortrag zu halten und dabei Grundlagen und Ziele anzusprechen und dabei einige Einblicke in bereits vier Jahre unserer Aktivitäten und Interessen zu resümieren. Der Zeitplan freilich, mit einer direkt auf unseren Vortrag folgenden Mittagspause, der mit Schneefall einbrechende Winter und insbesondere der Ende November schon früh beginnende Schabbes am Freitagnachmittag ermöglichten uns jedoch lediglich nach unserem Beitrag, einmal um das Gelände der Klosteranlage zu laufen und abzufahren. Es bot sich uns deshalb leider keine Gelegenheit, ein Feedback zu bekommen, die gewiss auch für unsere Arbeit interessanten Vorträge der Fachleute und ihre ganz anderen Perspektiven und Erfahrungen zu hören und Anregungen oder sonst immer willkommene Kritik aufzunehmen. Lediglich einige wenige Wortwechsel am Rande vor und nach unserem Beitrag waren erreichbar, so wie wir auch einige Bekannte von früheren Exkursionen, wie etwa Frau Atzmon oder Herrn Auer bei der Konferenz antreffen konnten. Von den bis Freitagmittag anwesenden rund 30 Teilnehmern der Tagung in Irsee stellte der JHVA zusammen mit unseren Mitgliedern Jakow Samoylovych und Agnes Maria Schilling immerhin vier.

Der Gastgeber der Tagung Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl vom Bezirk Schwaben, der in seiner Eingangsrede bereits einige kritischen Punkte ansprach und die berechtigte Fragte aufwarf, ob die sog. “Erinnerungsarbeit” die etablierte Institutionen leisteten die real existierenden Juden in der Region überhaupt erreichten und berührten. Schon seine frühere Erfahrung in “jüdisch-christlichen” Gesellschaften, zu denen kaum oder kein Jude kam und wo Christen selbst eigene Abarten jüdischer Feste feierten, um sich den (nicht anwesenden) Juden “irgendwie verbunden” zu fühlen, haben ihn daran zweifeln lassen, ob es sich nicht eher um ein Nebeneinander handle…

Das wäre dann vielleicht auch so, als wenn Juden ohne Christen Karfreitag feierten … 🙂

Die Perspektive des JHVA ist – bei allen individuellen Standpunkten und Voraussetzungen der einzelnen Mitglieder- in der Summe doch etwas anders. Grundlage für das Selbstverständnis ist Talmud – Thora, weniger im Sinne vom Sammeln alter Bücher, sondern vom Studium der Inhalte und den Ableitungen daraus für das tägliche Leben. Mitglieder des JHVA müssen keine Juden sein, jedoch sollten sie einen Bezug zu Gott haben, ob katholisch, islamisch oder … eben jüdisch, andernfalls lässt sich die Geschichte auch vor Ort nicht erfassen und weiter vermitteln, außer man beschränkt sich auf Steuerlisten.

Schon aus der geschichtlichen Betrachtung ergeben sich zugleich entsprechende Interessen oder Sympathien: wo und wie haben Juden gelebt, unter welchen Verhältnissen und Beziehungen an welchen Orten, wie haben sie diese Begebenheiten nutzen können, um vor Ort die Gebote der Thora zu erfüllen und auf welche Widerstände und Besonderheiten sind sie dabei gestoßen. Welche Beziehungen gab es zu Christen und anderen und welchen Einfluss haben sie untereinander genommen, wie haben sie die gemeinsame Geschichte bewerkstelligt, wo waren Gemeinsamkeiten, wo Gegensätze, wie der Alltag.

Das wesentliche Ziel ist es den zugewanderten Juden aus Osteuropa, die in zweiter, dritter oder gar vierter Generation Nachkommen einer bereits verlorenen Generation von Juden entstammen in der neuen, alten Heimat Anhaltspunkte zu geben, zur Tradition der Voreltern  zurückzufinden. Nur wer die Vergangenheit am eigenen Ort kennt, kann sich in ihr zurechtfinden und seinen Anteil daran finden und für die Zukunft wirken. Erinnerung ist ein wesentliche Bestandteil der talmudischen Tradition und fundierte ihn. In einer gedankenverlorenen Gesellschaft, die vergessen hat, dass ihre schon oft auch nur noch sehr vagen Symbole auf in Vergessenheit geratene ganz konkreten Funktionen basieren, ist es eine ebenso mühevolle wie aussichtslose Anstrengung diese praktischen Funktionen wieder ins Leben zu rufen. Es mag für manchen schön sein, Schabbesleuchter zu sammeln. Aber das nutzt nichts, wenn man sie nicht benutzt. Ohne Funktion ist nur ein totes Symbol, das schön glänzen kann und teuer sein kann, damit aber auch eine gedankliche Hürde aufbaut, denn man muss nicht reich sein, um die Lichter für den Schabbes zu entzünden. Dafür reichen wenigstens zwei einfache Kerzen und heutzutage in einer zwar geschäftstüchtigen Gesellschaft, die vor einen Weihnachtsabend gerne zwei Monate Weihnachtsgeschäft als Vorlauf schaltet eventuell auch bereits etwas Courage und Unerschrockenheit. Bloße Erinnerung, Sammeln von Symbolen ist sinnlos wen es nicht zum aktiven Handeln führt.

Die Thora befiehlt uns zum Schabbes „sachor“ und „schamor“ – gedenken und bewachen, damit ist kein Schabbes-Museum gemeint, … sondern es zeigt auf den untrennbaren Zusammenhang zwischen Erinnern und Handeln. Handeln ohne Erinnern ist bestenfalls Dummheit und Erinnern ohne Handeln ist allenfalls komatös.

Abgesehen von unserer Webseite, die den praktischen Zweck, schnell effektiv und mehrsprachig viele Menschen in aller Welt zu erreichen und immer weitere neue Kontakte zu erhalten und zu vermitteln, stellen wir nichts aus und betreiben auch kein „History Marketing“. Wir sehen in der jüdischen Geschichte und ihren materiellen Überresten und ihren menschlichen Vertretern auch keine „Ware“, deren Daten unzugänglich und unter Verschluss bleiben und so offenbar schwerer zu beschaffen sind als illegale CDs mit Namen und Daten von Steuersündern. Unser Anliegen ist es deshalb unsere Forschung öffentlich erreichbar zu machen, damit Nachkommen in aller Welt freien Zugang dazu haben.  Einem Urenkel in Australien nutzt es gar nichts, wenn seine Vorfahren vielleicht in einem Buch erwähnt sind, dass mit 200 Stück Auflage in der einen oder anderen Dorf-Bücherei steht. Das sehen wir alles ganz im Sinne der Nachkommen und Verwandten, die ja ab und an auch weitverzweigte eigene sind. Thematisch sprachen wir auch für uns aktuelle Fälle wie die Eisentüre von Donauwörth oder geplante Gedenktafel am ehemaligen “Obermayer – Palais” an.

Ansonsten wollen wir dazu einen Beitrag leisten, das in Deutschland ermordete Judentum aus der „Leichenhalle Museum“ zu befreien und Impulse für eine neue Zukunft zu geben. Da nun „Talmud“, „Schächten“ oder „Beschneidung“ auch unter vielen unserer russischen Zuwanderern, die zur Wintersonnenwende gerne ein angeblich nur russisches, nun aber gar in keiner Weise christliches Fest mit geschmückten Tannenbaum im Wohnzimmer feiern, mitunter aber noch fast ekelerregende Begriffe sind, wird das zwar vergeblich sein und wahrscheinlich ist es sogar idiotisch, aber interessanter und keineswegs langweiliger als vieles anderes, was man tun kann, zumal wir als Narren ja dann auch wieder eine gewisse Art von Freiheit haben.

Der tägliche Umgang etwa mit talmudischen Speisen und Kochrezepten oder die Erforschung mittelalterlicher Schriften oder Schneiderarbeiten und Trachten geben uns immer neue Einblicke in die Lebensweisen unserer Vorfahren in der Region. Da wir nicht nach Geld, Auszeichnungen oder Titel streben, genügt es uns im Prinzip, dass wir mit der Erforschung der Geschichte auch unsere eigene Lebensqualität verbessern können und freuen uns natürlich darüber, wenn wir mit dieser einfachen Botschaft auf schwierigem Terrain andere Menschen erreichen können. Ganz im Sinne von Süßkind von Trimberg kann man sich immer noch „nach alter juden leben“ auf den Weg machen. 

The tiles at the walls of the restrooms of the former monastry and current conference hotel depict six-pointed stars. That of course graveled us somewhat, since in an historical Christian facility one rather would expect crosses … but the times are changing and now there is no timidity to exhibit Jewish symbols to the public even in a former cloister …

Essensgutschein, den uns ein Teilnehmer der Konferenz zeigte. Die Überschrift täuscht etwas über den Inhalt der Tageskarte hinweg. But as Forrest Gumps momma always said: “Life is like a box of chocolates. You never know what you’re gonna get.”

Zum Abschluss unseres Vortrages und zugleich auch um einen Einblick in einen wesentlichen Aspekt unserer Arbeit zu vermitteln trugen einen Abschnitt unseres geschätzten Pferseer Gelehrten und Gemeinde- und Landesvorsitzenden Schimon Ulmo aus einem seiner um 1700 verfassten Sechs Kapitel vor. Daraus hier zwei kleinere Abschnitte:

Es ist deshalb sehr ratsam, sich nicht mit Mächtigen einzulassen, da diese nur mit der Verwirklichung ihrer eigenen Absichten beschäftigt sind. Das erste Vorliebe ist immer ihre Stellung zu sichern und wenn sie diese doch räumen, dann nur für Ihresgleichen auf Gegenleistung. Ein tatsächliches Interesse am Wohlergehen anderer haben sie nicht. Dies hat nur zeitweilig den Anschein, wenn es ihren Interessen dient und ihnen nützlich erscheint. Das Wesen der politischen Macht besteht darin, jene die sie besitzen von den anderen Menschen im Volk zu trennen. Da mögen nun also der Bauer und der Kaufmann fleißig ihre Gulden abgeben, der Fürst wird damit grimmige und kräftige Kerle bezahlen, die mit Schwert und Pistole daran hindern mit ihrem Fürsten zu sprechen. Die Struktur der Machtposition basiert auf der Unabhängigkeit von den Untergebenen und ist mit diesen nur deshalb und deshalb nur lose verbunden. Ein Hund kann kein Schaf sein und ein Mächtiger kein guter Hirte. Jede Annäherung durch Politiker wird aus diesem Grunde von bloßem Eigennutz angestrebt. Wäre dem nicht so und wollte eine Sache tatsächlich zum Wohl anderer Menschen geschehen, so wäre mit diesen eine Gemeinschaft geschaffen und die Rangfolge aufgehoben.”

Willst du dich also der Gier entsagen zu welchem Zweck also willst du einen Rabbiner in deiner Gemeinde der reich an Bildung sein mag und arm an Taten bleibt? Er mag dir leere Worte ohne Ende predigen, aber er wird keines der Gebote der Tora für dich ausführen. Denkst du etwa, er wird dir Geld geben, damit du den Armen spenden kannst? Und so er dies auch tun würde, denkst du es würde dir im Himmel angerechnet? Denkst du dann auch es nutzt wenn er deine Kinder segnet, wenn du es nicht tust oder nicht kannst? Und mehr noch: bedarf es nicht mehr der zehn verständigen Männer um das Gebet zu sprechen oder warum wollt ihr nicht gar zehn Rabbiner anstellen, um für euch die Gebete zu sprechen und die Gebote zu erfüllen? Folge also nicht der Versuchung der Gier und diesem leeren, eitlen Streben, sondern halte dich fern von jeder Art davon und bedenke, dass es heißt, von jedem Menschen zu lernen, da er wie du im Schatten Gottes steht. Bedenke, dass jede Übertretung der Tora die nächste nach sich zieht, denn der Lohn der Übertretung ist die nächste Übertretung, der Vorteil eines Fehlers ist der nächste Fehler, der Gewinn aus der Sünde ist die nächste Sünde. So du also damit beginnst, um Anerkennung zu buhlen, so wirst du immer mehr von der Sünde getrieben.“

(All pictures by JHVA, Yakiv Samoylovych, except the first and the last six ones, which are by Yehuda Shenef)


“Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben”

November 12, 2010

Pressemitteilung Bezirk Schwaben vom 04.11.2010:

 

22. Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben

Zahlreiche Vereine, Organisationen und Institutionen in Schwaben, Bayern und der Bundesrepublik befassen sich mit jüdischer Geschichte und Kultur. Deren Selbstverständnis, Interessen, Ziele und Bedeutung für die Erinnerungskultur thematisiert die 22. Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben. Sie findet am Freitag, 26. November, und Samstag, 27. November, unter Federführung der Bezirksheimatpflege und der Schwabenakademie Irsee in Kloster Irsee (Landkreis Ostallgäu) statt.

 

 

Irsee. Yehuda Schenef und Margit Hummel betrachten dabei den Jüdisch Historischen Verein Augsburg, Dr. Benigna Schönhagen beschreibt das Selbstverständnis des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg. In einem Podiumsgespräch diskutiert Bezirksheimatpfleger und Tagungsleiter Dr. Peter Fassl mit Dr. Hanno Loewy (Hohenems) und Bernhard Purin (München) zum Thema „Jüdische Museen: Woher und wohin?“. Weitere Beiträge beleuchten die jüdische Abteilung im Stadtmuseum Memmingen sowie das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm. Am Freitag, 26. November, führt Jutta Fleckenstein in das Ausstellungskonzept „Zuwanderung von Juden aus Osteuropa“ ein, am Abend findet zum gleichen Thema eine Lesung mit Lena Gorelik statt. Sibylle Tiedemann stellt am Samstag, 27. November, das Filmprojekt „Briefe aus Chicago“ und die Ausstellung „Bilder aus dem Exil“ vor. Das Projekt war bereits in Deutschland, Polen, Tschechien und den USA erfolgreich, Sibylle Tiedemann erhält dafür im Januar 2011 den German Jewish History Award im Berliner Abgeordnetenhaus.

Seit 1989 bilden die Irseer Tagungen zur jüdischen Geschichte einen festen Bestandteil der Geschichtsforschung und Kulturarbeit in Schwaben. Dabei werden neue landes- und kulturgeschichtliche, denkmalpflegerische, literarische und kirchengeschichtliche Forschungen und Projekte vorgestellt und aktuelle Entwicklungen diskutiert. Die Tagungen verstehen sich als ein offenes Gesprächsforum, das sich über die Fachwissenschaften hinaus an alle Interessierten aus den Bereichen Bildung, Heimat- und Kulturpflege wendet.

Anmeldungen nimmt die Schwabenakademie Irsee unter Telefon (0 83 41) 9 06 – 6 61 oder -6 62 sowie unter E-Mail buero@schwabenakademie.de entgegen. Im Internet unter http://www.schwabenakademie.de gibt es weitere Informationen zur Tagung.

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The JHVA is invited to join the annual conference in Irsee on History and Culture of the Jews in Swabia, hosted by the District of Schwaben in Bavarian Swabia, 26th and 27th of November. Unfortunately most parts of the two day meeting on the question of the “self-conception” of Museums, Organisations or Associations who “deal” with Judaism with many talks will take place at Shabbes, so that we will be able to attend only few of them.


Der Judenkirchhof – der letzte Friedhof der jüdischen Gemeinde im mittelalterlichen Augsburg

October 8, 2009

Obwohl der „Judenkirchhof“ bereits seit wenigstens 1298 urkundlich bezeugt ist und einige seiner Grabsteine und Fragmente erhalten geblieben sind, herrscht doch eine gewisse Konfusion darüber, wo genau er sich befunden hat. Der Friedhof wurde bereits 1455 zerstört, doch erst rund 60 Jahre später findet sich kartographisches Material zum Augsburger Stadtbild. Eine zeitgenössische Illustration des Friedhofs und seines Geländes existiert nicht. Die ältesten Darstellungen aus dem frühen 16. Jahrhundert zeigen deshalb auch nicht den Friedhof, sondern die in seiner Umgebung entstandene Befestigungsanlagen.

in larger parts established by Augsburg Jews

in larger parts established by Augsburg Jews

 Illustration der städtischen Befestigung vor 500 Jahren (source: Graphische Sammlung der Städtischen Kunstsammlungen Augsburg)

misrepresenting the medieval cemetery outside the city

misrepresenting the medieval cemetery outside the city

Die Abbildung zeigt links neben der Brücke des Klinkertores die kleine vorgelagerte Mauer mit den Beschriftungen „Judenturm“ und „Judenkirchhof“ vor der „haubtstatt“, der Hinrichtungsstätte. Hinten sieht man die imposanten Türme der Stadtbefestigung.

Der kurz darauf entstandene Seld-Plan von 1521 erlaubt uns jedoch einen Blick ins Innere der Stadt. Das der Stadtbefestigung vorgelagerte, gerundete Mauerwerk mit dem kleinen Turm darin finden wir hier in relativ identischer Form vor. Hinter den beiden hoch aufragenden Türmen mit roten Kuppen sehen wir nun aber einen größeren, etwa quadratischen scheinbar leeren Hof, den wir als Platz des Friedhofs in Betracht ziehen müssen, zumal hier 1891 bei den Bauarbeiten zur Errichtung eines Gefängnisses Grabsteine gefunden wurden. Allen Anschein nach ist der heute im Lapidarium des Augsburger Maximilianmuseums erhaltene Grabsteinrest von R. Awraham bar Pinchas (der sich auch in den mittelalterlichen Steuerlisten der Stadt wiederfindet)  bei dieser Grabungsgelegenheit entdeckt worden, ebenso wie der Kalonymos-Stein, der hernach am neuen Friedhof an der Haunstetter Str. aufgestellt wurde. (siehe Beiträge vom August 2008) 

Nun deutet natürlich gar nichts darauf hin, dass der jüdische Friedhof wie auf der Karte von 1514 behauptet, sozusagen als „Anbau“ der Stadtmauer vorgelagert war und sich außerhalb der Stadt befand. Das dort als Judenkirchhof bezeichnete Arial wurde in späteren Karten auch nicht mehr so bezeichnet, sondern als „Judenwall“. Der Name erinnerte zwar an den Judenfriedhof in diesem Gebiet, stellte ihn aber nicht dar. Das Gelände des späteren, außerstädtischen Judenwalls wäre für einen Friedhof der Judengemeinde in der Dauer von mindestens 150 Jahren auch viel zu klein gewesen, umfasste es bei gerundeten Ausmaßen von 100 auf 80 und 45 Meter sodann ja nur eine Fläche von etwa 1750 m².

Tatsächlich handelt es sich bei dem vorgelagerten Befestigungswerk nicht um die Mauer des Judenkirchhofs, sondern um einen Ravelin, eine von zahlreichen Befestigungsanlagen, wie es sie an vielen prominenten Stellen außerhalb der Stadtmauer gab. 

those were the days ...

those were the days ...

The position of the last cemetery of medieval Jews in Augsburg until today  frequently is confused with a fortification  that of course was built  much later outside the city – but for tactical or safety reasons was bearing the old name “Judenwall”. The cemetery of course was inside (the finding of fragments in 1891 admit no doubt …) the city behind a fortification wall which was established by the Jews of Augsburg 1298 – 1301 as provided in a contract between the leaders of the Jewish Community and the heads of the Free Imperial City of Augsburg in August 1298.


Kein Konflikt zwischen Judentum und Naturschutz

July 30, 2008

 

Im Zuge unserer Bemühungen zur Säuberung, Pflege und Restaurierung des Jüdischen Friedhofs zu Kriegshaber wurden seitens der Anwohner Bedenken laut, dass der Baumbestand des Friedhofs einem Kahlschlag zu Opfer fallen könnte. Bei einem gemeinsamen Treffen mit dem Beirat der Anwohner konnten wir diese Befürchtungen als unbegründet ausräumen. Die Zusammenkunft am 24. Juli 2008 im Gemeindezentrum von St- Thaddäus an der Madisonstraße hatte Pfarrer Groll organisiert, wofür wir ihm herzlich danken. Neben den Anwohnern und Vertretern des JHVA erschien auch Herr Engelhard vom städtischen Grünamt der Stadt Augsburg, wegen seiner fachkundigen Informationen für die Anwohner, und für die “Augsburger Allgemeine” Zeitung Frau Karen Eva Noetzel, die wir beide dazu eingeladen hatten.

In unserer geschichtlichen Dokumentation des Friedhofs ergab sich ein ganz klares Bild. Die Umgebung des Friedhofs war über Jahrhunderte hinweg ein freies, unbebautes kärglich fruchtbares Gelände ohne jeglichen Baumbestand. Noch bis in die 1930er Jahre gab es um den Friedhof herum sog. Halbtrockenrasen, der nur einmal jährlich eine Heuernte, die Mahd ermöglichte. Danben befand sich seit den 1800er Jahren ein militärisches Gelände mit einem Kugelfang für Schießübungen und dergleichen. Erst unter US-amerikanischer Besatzung entstanden um den Friedhof herum Wohncontainer für die Unterbringung von Soldaten und ihrer Familien. Sie bilden heute die Wohnanlagen der Nachbarschaft.

 

Es ist uns völlig verständlich, dass die Anwohner des jüdischen Friedhofs das Gelände auch von außen als eine Art „grüner Lunge“ in ihrer ansonsten immer dichter bebauten und verkehrs- aber wenig abwechslungsreichen Umgebung schätzen. Wir verstehen voll und ganz, dass sie sich darum sorgen, dass der Baumbestand am Friedhof gefährdet ist. Und in der Tat, er ist es.

 

Als historischer Verein ist der JHVA selbstverständlich der Dokumentation und Bewahrung des Erbes der jüdischen Kultur und dem Gedenken an die jüdischen Menschen, die hier Jahrhunderte lebten verpflichtet. Wir sind deshalb natürlich in erster Linie daran interessiert und der Aufgabe verpflichtet, jeden Grabstein, jedes Fragment, jeden Buchstaben zu retten und zu bewahren. Jedoch bedeutet dies nicht, dass wir dem Naturschutz in irgendeiner Weise ablehnend gegenüberstünden.

Das Gegenteil ist der Fall.

 

Einige grundsätzliche Standpunkte der jüdischen Religion, die in der heutigen Zeit der Verstädterung zugegeben immer weniger Beachtung finden, erläutern dies selbstredend.

 

Schon der Mensch selbst – hebräisch adam – findet sein sprachliches Gegenstück in adama, was wörtlich Erde bedeutet. Der Mensch und die Erde – adam ve-adama – bilden deshalb ein Paar im Angesicht Gottes.

  

 Die Lehren des Judentums beinhalten nicht nur das älteste Lebensmittel-, sondern auch das älteste Naturschutzrecht. Dies beginnt bereits im ersten Buch der Bibel mit dem Gan oder Garten Eden als Sinnbild des vollkommenen, mühelosen irdischen Lebens inmitten einer befreundeten Natur. Es ist kein Zufall, dass in dieser Geschichte der Thora Bäume als Quell des Lebens und der Erkenntnis aufgezeigt werden. In der Thora finden Juden das Verbot selbst im Kriegsfall Nutzbäume zu fällen. D.h. der Naturschutz wird höher bewertet als möglicherweise entscheidende Erfolge im Krieg. Allgemeiner bekannt ist auch das biblische Gebot des Schmitta-Jahres, sozusagen als Schabbat-Jahr für die Natur, die sich wie der Mensch am siebten Tag im siebten Jahr von ihrer Arbeit und Mühe erholen soll. Schließlich feiert man heute in Israel und zunehmend auch im Rest der Welt, das alte talmudische vom modernen Zionismus wieder aufgegriffene Neujahrsfest der Bäume – rosch ha-schana ha ilanot – mit der Anpflanzung neuer Bäume. Ganze Wälder sind auf diese Weise in den letzten Jahrzehnten in Israel neu entstanden, zum Nutzen von Menschen und Tieren.

 

Es wird deshalb auch nicht verwundern, dass im jüdischen Gebetbuch, dem Sidur gleich nach der Thoralesung die Thora selbst als Baum des Lebens bezeichnet wird: „HaThora … Etz chajim hi le-macha-sekim ba…”.“Die Thora ist ein Baum des Lebens für jene, die sich an sie klammern.“

 

Im Judentum bezeichnet man Friedhöfe häufig auf Hebräisch als Bet Chajim oder Bet Olam. Bet Chajim lässt sich je nach Auffassung als „Haus des Lebens“ oder schlicht als „Leben“ übersetzen. Das ist kein Euphemismus, um von den Toten abzulenken, da nach jüdischer Auffassung auf einem Friedhof eigentlich nichts von den Toten und dem Gedenken an sie ablenken soll. Der Begriff besteht wegen der Nähe und der Einbettung der Grabstätten in die Natur. Und die lebt und soll leben. Bet Olam wiederum wird mit „Haus der Welt“ oder schlicht „Welt“ übersetzt, wobei das zugrunde liegende Verb ala, ola wörtlich aufsteigen, wachsen, emporwachsen bedeutet. Schon sprachlich also ist die „Welt“ im Judentum deshalb „das Wachsende“, also begrifflich, das was wir lateinisch „Natur“ nennen. Über Juden die bestattet werden spricht man deshalb auch das biblische Wort „Erde zu Erde und Staub zu Staub“, bzw. „Staub warst und Staub wirst du wieder“. (…ve-afa taschuw)

 

Für uns Juden ist der Friedhof auch ein Vorgeschmack auf die künftige Welt – ha-olam haba – und damit auf den Garten Eden. Denkmalschutz und Naturschutz können also in der Perspektive des Judentums keine Gegensätze sein und stehen deshalb grundsätzlich in keinem Konflikt.

 

Ganz allgemein lässt sich sagen: Das talmudische (oder christlich gesprochen: das pharisäische) Judentum ist nicht ideologisch, sondern durchweg pragmatisch und auf das menschenmöglich Machbare Bezogen. Der universelle Grundsatz dabei ist immer die Annahme, dass Gottes Gebote Nutzen bringen und nicht schaden. Das bedeutet, dass alles, was uns in dieser Welt begegnet durch das Gebot Gottes lösbar wird, wenn wir es verstehen, seinen Gehalt zu erfassen und umzusetzen. Es gibt deshalb keine Patentrezepte, sondern nur praktische Erfahrungswerte. Im Talmud heißt es, man urteile nicht über einen Menschen, wenn man nicht in seiner Sachlage ist und nicht über ein Problem, dessen Details man nicht kennt.

 

Für die Lage am Friedhof bedeutet dies, dass wir auch aus religiösen Gründen den Naturschutz ungefragt ernst nehmen, da wir unsere Gräber als Bestandteil der Natur verstehen und von nichts anderem ausgehen können und wollen.

 

Das grundlegende Problem am fast 400 Jahre alten Kriegshaber Friedhof ist die Vernachlässigung des Geländes in den letzten 90 Jahren. Mit Auflösung der thoratreuen Kriegshaber jüdischen Gemeinde im Jahre 1911 kam der Sinn für die Verantwortung abhanden. Zwar gab es in der Folge Generationen von Friedhofswärtern, die nach dem Rechten sahen, aber sie gestalteten das Gelände mehr und mehr im Eigennutz und kümmerten sich wenig. In den letzten Jahren geschah nicht mal mehr das Nötigste.

 

In der Folge wuchsen Efeu und Bäume wild und brachten endloses Gestrüpp hervor. Der Efeu nun bedroht nicht nur die Grabsteine der hier bestatteten Menschen, sondern auch die Bäume. Er nimmt ihnen das notwenige Licht und tötet jeden Baum, den er umschlingt, früher oder später ab, und raubt im Wurzelreich die notwenigen Nährstoffe, usw. Der Baum wird also sozusagen stranguliert. Schon Plinius der Ältere hat vor rund 1900 Jahren die gleiche Erfahrung gemacht: „Lässt du Efeu einfach wachsen, wird dein Garten irgendwann nur noch aus Efeu bestehen.“ (historia naturalis)

 

Grundsätzlich gehen wir, was die Bewahrung und Restaurierung der Grabsteine anbetrifft davon aus, dass man jeden einzelnen Fall gesondert betrachten und lösen muss. Wenn ein groß gewachsener – gesunder – Baum einen noch halbwegs intakten Grabstein in seiner Substanz bedroht, ist es sinnvoll und machbar, den Stein zu versetzen. Dies ist prinzipiell möglich. Handelt es sich um nachwachsende Sämlinge, die zwar jetzt keine Gefahr darstellen, aber nach weiteren zehn Jahren Gleichgültigkeit zu einer werden, so handelt man besser jetzt. Bereits zerbrochene Steine werden aber auch nicht wieder heil wenn man einen unversehrten Baum beseitigen würde, usw. Es ist also klar, dass in jedem einzelnen Fall, die gar nicht so gegensätzlichen Interessen des Denkmal- wie des Naturschutzes optimal berücksichtigt werden müssen, um jeweils die beste Lösung zu finden.

 

Jedoch sind kranke Bäume, die umstürzen eine Gefahr für Menschen und den Grabsteinbestand. Erst im März ist ein groß gewachsener maroder Baum nach einem Sturm umgestürzt und hat zum Glück keine Grabsteine beschädigt. Zum noch größeren Glück ist er auch nicht nach außen, sondern ins Gelände gestürzt.

Aber stellen wir uns vor, was wäre, wenn ein schadhafter Baum nach außen fällt, und etwa ein Auto beschädigt. Dass dabei auch Passanten oder spielende Kinder getroffen werden könnten, wollen wir uns – Gott bewahre – nicht ausmalen. Da der Grad der Baumschädigung zunimmt und die Anzahl der Stürme offenbar auch, gibt es ein objektives Problem, eine potentielle, reale Gefahr. Diese betrifft in allererster Linie die Anwohner des Friedhofs – aber sie betrifft auch den rechtlichen Eigentümer des Friedhofs, der haftbar wäre für entsprechende Schäden, da dies Fragen der „Verkehrssicherheit“ betrifft.

 

Herr Engelhard stellte fest, dass die Bäume von ihrer Substanz nichts besonderes und nicht schützenswert seien. Prinzipiell könnten sie alle gefällt werden, was natürlich nicht wünschenswert wäre – und auch nicht beabsichtigt ist. Ausgenommen sind der Baumverordnung nach Bäume, deren Umfang in einer Meter Höhe mindestens 80 cm beträgt. In diesen Fällen müsse der Eigentümer des Friedhofs eine Fällung eigens beantragen. Hinzu kämen rechtliche Fragen hinsichtlich der Vögelnistplätze. Das geltende Recht schreibt hier vor, dass Bäume beispielsweise nicht in der Brutzeit gefällt werden dürfen. Herr Engelhard nahm aber sehr erfreut zur Kenntnis, dass es zwischen den Interessen keinen wirklichen Konflikt gibt und sich die Sachlage im Einzelfall, so und so lösen lässt und für tatsächlich zu fällende Bäume auf geeignetem Gelände auch sinnvolle Neueinpflanzungen möglich sind.

 

Auch die Bewohner waren sichtlich erleichtert, dass die Missverständnisse gänzlich ausgeräumt und geklärt werden konnten. Jedoch machten sie uns auf aktuelle Bebauungspläne aufmerksam, die ggf. darauf hinauslaufen könnten, dass an der Ostseite des Friedhofs im alten Kraftwerk der US-Siedlung ein neuer Eigentümer ein Restaurant errichten könnte. Eine „Gaststätte zum Friedhof“ halten wir vom JHVA nicht für geschmackvoll und nur wenige Meter vom Friedhofsgelände auch nicht für wünschenswert, da dies unsere Bemühungen für den Erhalt des Friedhofs in der Tat abträglich sein könnte. Auch die Anwohner wollen in ihrer Nachbarschaft keine Lärmbelästigung, die zwangsläufig entstünde und so stellten wir am Ende unseres gemeinsamen Treffens fest, dass wir unsere Kräfte bündeln können.