Die Synagoge von Fürth

May 31, 2011

Zwar kennt die Fürther Überlieferung zu Zeiten viele Synagogen (ob eine Schul nun eher eine „Synagoge“ im heutigen Sinn oder ein Bet Midrasch ist, oder  was gar eine Jeschiwa vergleichsweise dazu ist, scheint vielen nicht ganz so klar) und „private Betstuben“ im Gebiet der Altstadt, aber das ist vielleicht wie die Erinnerung an früher reichhaltige Nahrungsvorräte in Zeiten des Hungers. Es macht nicht satt. Die heutige jüdische, „israelitische“ Gemeinde in Fürth jedenfalls nutzt an der Hallmannstr. die kleine ehemalige Waisenhaus-Synagoge, die einzige der Synagogen welche die Nazizeit überstanden hat. Das Waisenhaus wurde 1763 von Israel Lichtenstaedter gegründet der aus Prag nach Fürth kam und fähig war städtische Erkenntnisse in dörfliche Gefüge einzusetzen. Da die Gestapo das Waisenhaus für ihre Zwecke benutzen wollten, blieb der Gebäudekomplex erhalten. Der Betraum wurde Berichten gemäß als Kartoffel-Lager verwendet, was im Rahmen der Nazi-Verbrechen sicher zu den kleineren Verfehlungen gehören dürfte. In der Nachkriegszeit wurde die Synagoge notdürftig renoviert und erst 1967 vom Frankfurter Architekten Hermann Zvi Guttmann (1917-1977), der Deutschland –weit tätig war renoviert. Der damalige Vorsitzende der Gemeinde in Fürth Jean Mandel (Jehoschua Ascher b Jecheskel Mordechai HaLevi) 1911-1974, begraben am neuen Fürther Friedhof) sprach ganz zurecht von „einem Schmuckkästchen unter den deutschen Synagogen“. Guttmann baute auch eine Mikwe und renovierte die alte Laubhütte im zweiten Stock des Waisenhauses.

In der Nacht des Jom Kippur in diesem Jahr ( bzw. 18. September 2010) brannte es in der dieser Synagoge. Ausgelöst wurde der Brand offenbar ausgerechnet durch falsch platzierte Jiskor-Lichter, was keine verheißungsvolle Symbolik hat, doch kamen des nachts keine Menschen zu Schaden und der materielle hielt sich auch in Grenzen. Freilich denkt man sofort an das ונתנה תוקף aus der Keduscha des Mussaf (der Überlieferung gemäß auf Wunsch von Kalonimos ben Meschulam von Amnon aus Mainz verfasst), worin es auch heißt “…מי באש מי במים …” (wer durch Wasser, wer durch Feuer), gemeint ist „umkommen“, da es sich um die Tage des Gerichts handelt. Man kann auch umkommen durch das Schwert, durch Bestien, durch Hunger , Durst, Stürme, Erdrosseln oder Steinigung. Das entspricht den antiken Strafen, die ja nun bekanntlich nicht mehr praktiziert werden. Freilich sind die Gebote der Thora noch in Kraft und die himmlischen Urteile werden so sagen die Weisen in anderer Weise vollstreckt, wenn kein irdisches Urteil erfolgt.  Eine Delikt, dass früher mit einer Steinigung bestraft worden wäre kann demnach ein Unfall sein, an die Stelle wilder Tiere sind Autounfälle getreten. Das mag fatalistisch klingen, ist es aber nicht, da die Medien voll sind von Berichten über Brände, Verkehrsunfälle, Kriege, Überfälle, Naturkatastrophen und vordergründig mag eine Unaufmerksamkeit im Straßenverkehr verhängnisvoller sein, als die Übertretung eines Gebotes der Thora. Die Botschaft von Jom Kippur besteht gerade darin, dass Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit das schlechte Urteil aufheben können.

The Jewish community of Fuerth today uses the only synagogue which somehow survived the destruction of the Nazi. It is the prayer-room of the former orphanage asylum (Waisenhaus) established in 1763 by Israel Lichtenstaedter from Prague. The “Gestapo” (Secret States police) used the prayer-room as potato storage house. In 1967 the synagogue was renovated by Jewish architect Hermann Zvi Guttmann who constructed and restored many synagogues  and mortuaries all over Germany) . Last Yom Kippur the synagogue was damaged by (friendly?) fire caused by improperly placed Yiskor candles.

Memorial plate for “eternal remembrance”: At 22nd of March 1942 (4th of Nissan) the last 33 Jewish orphans and their teacher Dr. Isaak Hallemann were send to Izbica concentration camp in Lublin district Poland, where the Nazi used old Jewish grave markers from the local cemetery to build prisons. 

The white parochet for Rosh ha-shana from 5714 (1953/54) commemorates the six million

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Der alte jüdische Friedhof von Fürth

May 30, 2011

Neben der Beschreibung der Infrastruktur der jüdischen Gemeinde in Fürth gibt der Nürnberger Pfarrer und Geschichtsschreiber Andreas Würfel in seiner „Historische(n) Nachricht von der Judengemeinde in dem Hofmarkt Fürth“  auch Beschreibungen zum jüdischen Friedhof in der Stadt – und für das Jahr 1754 noch eher ungewöhnlich, die Abschrift von immerhin 21 exemplarischen Grabsteininschriften. Der dritte Teil seines vierten Kapitels lautet sodann auch

Von dem Leich-Hof der Juden in Fürth und dem darauf befindlichen Spital

Der Ort wo die Fürther Juden ihr bes chajim haben, war anfänglich sehr klein, drum hat die gesamte Judenschaft bei ihrem merklichen Anwachs noch mehr Land dazu gekauft und das war der Schind-Anger. Solchen kaufte die Judenschaft Anno 1617, den 27. Juli von Elisabeth weiland Hans Lohemanns, gewesenen Waffenmeister in Fürth nachgelassenen Wittib (= Witwe) samt seiner Behausung aller Zugehung um 305 Gulden und 5 Taler Leykauf.“

Durch den Platz des Schind-Angers ist das bes hakkebboros (בית קברות) um ein gutes Teil erweitert worden. Doch weil sie den Platz nicht wie an andern Ort aufschütten, so ist er wieder zu eng geworden. Sie erkauften darum vor drei Jahren, dasjenige Stück Land welches an den Leichhof, gegen das Wasser, anstieß, von dem Singer, einem Bierbrauer in Fürth, um ein beträchtliches Stück Geld, und haben solches auch mit der Mauer eingefasst. In der Zeit da man an dieser Mauer noch baute hat eine verwegene Hand im Monat Oktober, boshaftiger Weise, Grabsteine zerschlagen und in das Wasser geworfen.“ Letzteres war sicher keine leichte Übung.

Darstellung eines Teils des alten jüdischen Friedhofs von Fürth aus dem Jahre 1705 durch den Nürnberger Kupferstecher und Kunsthändler Johann Alexander Boener (1647 – 1720), der vor allem für seine eindrucksvollen Nürnberger Stadtansichten zu Ruhm gelangte.

Source: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:J%C3%BCdischer_Friedhof_F%C3%BCrth_1705.jpg&filetimestamp=20090308082519

Über dem Eingangstor des „Leich-Hofs“ so berichtet Würfel weiter, standen die Worte בית היים, was er wieder in der taitschen Aussprache als „bes chaim“ transkribiert und mit „Haus der Lebendigen“ übersetzt. Neben dem Eingang stand ein Stein mit einem Zitat aus dem Buch Hiob 3.22: sie freuen sich und jubeln, weil sie Gräber finden – „השמחים אלי־גיל ישישו כי ימצאו־קבר“ – datiert war die Inschrift auf das Jahr (5)413, entspricht 1653. Würfel vermutet, dass in diesem Jahr vielleicht auch die Mauer erweitert wurde, was in den Zeiten des vorherigen 30jährigen Krieges wohl nicht geleistet werden konnte. Jedoch wurden (nun) auch Juden aus Zirndorf und Unterfarrenbach in Fürth bestattet.

Die Steine welche die Juden auf diesem Bes Chaim zu Häuptern der Verstorbenen, perpendiculair (senkrecht) aufrichten, geben dem weiten Platz ein prächtiges Aussehen. Manche Aufschriften sind nach jüdischer Art zu denken sinnreich, in den meisten aber ist eine Sammlung großer Prahlerei und unglaublichen Hochmuts enthalten.“

Nichts im Vergleich zu dem, was christliche Würdenträger zu Ehren an Prunkmalen und Kirchen gewidmet wurde, wollte man dem Pfarrer entgegenhalten.

Die Toten-Gesellschaft, der anzugehören eine Ehre sei, die man sich erkauft, so berichtet er weiter, führt auch ein „Memor“, ein Leichenbuch, „in welches sie alle Personen, sie seyen groß oder klein, die sie begraben, einschreiben lassen“.

Eine Besonderheit des Friedhofs (die freilich auch von Kriegshaber/Pfersee berichtet wurde) war das auf seinem Gelände befindliche Hospital. Den Kranken sei damit verdeutlicht worden, dass zwischen ihnen und dem Grab nur ein kleiner Schritt war. Im Spital wurden die Kranken und Kindbetterinnen von sog. „Hekdisch-Leuten“ gepflegt, die ihren Unterhalt von der Kahls-Stube erhielten. Das bedeutet nicht, dass diese „Leute“ besonders „hektisch“ waren. „Hekdesch“ (wörtlich etwa „geheiligt“) war der gebräuchliche Name für Armen- und Krankenhäuser. In Fürth waren die unteren Zimmer des (freilich nicht mehr existierenden) Hauses für Frauen, die oberen für männliche Kranke vorgesehen.

Dieser Beschreibung lässt Würfel nun die Wiedergabe von immerhin 21 „Grab-Schriften mit ihren Übersetzungen“  nebst einer deutschen Übersetzung folgen, eine für die damalige Zeit doch beachtliche Tat, zumal heute in der Gallut allenthalben Grabsteinabschriften von hebräischen Friedhöfen als eine Art heiliger Ware gehandelt werden.

Nach der Inschrift des Aluf Mosche Sohn ben Rabbi David Schmuel findet sich als zweite Inschrift die des Grabmals des Kazin parnas und manhig Isserl bar Mosche s’l Ulmo der 80 Jahre alt wurde und am 19. Kislev 457 (= 3. Dezember 1696) verstarb und demnach 1616 geboren wurde, der enge verwandtschaftliche Beziehungen zu den Ulmo in Pfersee hatte. Ob sich der Grabstein noch unter den erhaltenen des Friedhofs befindet ließ sich in einer nur eineinhalb stündigen Begehung des gesamten Geländes nicht ermitteln. Nur etwa ein Drittel der Grabsteine gelten als erhalten und viele der Denkmäler, insbesondere die älteren hebräischen sind offensichtlich jahrzehntelang der Verwilderung ausgesetzt worden, nachdem sie zuvor von den Nazis umgestoßen oder zerschlagen wurden.

Eine weitere Inschrift ist dem Kazin Rabbi Schlomo Schneor bar Jehoschua Abrawam gewidmet, worin sich die allgemeingültige Formel für jüdische Grabsteine זכרון לדורות מכתב האבן  befindet: zum Gedenken der Generationen ist der Stein geschrieben. Rabbi Schlomo Schneor starb am 11. Tamus 5452 (= 15. Juni 1692).

In der Inschriften-Sammlung von Andreas Würfel aus dem Jahre 1754 finden sich u.a. noch R. Menachem Man ben Mosche (gest. 5415 / 1655), verehrt als „Ner Jisroel“, „Licht Israels“ der Vorsitzender des Bet Din und der Gemeinde in Fürth war. R. Schmuel Behrman Levi ben David Isaak (gest. 5469 / 1709). Auch er war Vorsitzender der Gemeinde, der Wert darauf legte, dass man kein großes Aufsehen um ihn machte und vielleicht gerade deshalb seiner Gemeinde als vorzüglicher Gelehrter galt. No. 12 in der Aufstellung ist der Aluf R. Jakow Meir bar Jehuda Mosche Ulmo, der am 14. Ijar des Jahres 5470 verstarb, was im christlichen Kalender dem 3. Mai 1710 entspricht. Zum Abschluss ein Beispiel aus der Sammlung, das Aufschluss darüber gibt, dass sich Würfel nicht nur auf prominente Gelehrte beschränkt, sondern offenbar eine Art Überblick über die Vielfalt der Inschriften geben möchte. Die Moledet Bela Tochter des Jakob starb am 22. Tischri 5455 (nach Suckot 1695) offenbar bei der Geburt ihres Kindes.

Die 21. Grabinschriften von Andreas Würfel sind wie sein gesamtes Werk online und gratis zugänglich:

http://www.judaica-frankfurt.de/content/titleinfo/603169

bzw. alternativ dazu über Google-Books.

Weit mehr, nämlich 240 Grabsteine dokumentiert das Buch mit zahlreichen, wohl auch älteren Fotos aus der Zeit der Vorkriegsgemeinde, von der früheren Gemeindevorsitzenden von Fürth, Frau Gisela Naomi Blume, die uns freundlicherweise nicht nur eine Reihe von Plätzen des ehemaligen jüdischen Fürth, sondern auch den alten und neuen jüdischen Friedhof vorstellte.

Gisela Naomi Blume: Der alte jüdische Friedhof in Fürth: 1607 − 2007 ; Geschichte – Riten – Dokumentation. Verlag Meyer, Scheinfeld 2007, ISBN 978-3-89014-280-7 (bei Amazon.de derzeit leider vergriffen, jedoch durften wir mal kurz in das Exemplar der Autorin reinschauen)

Frau Blume ist auch seit Jahren damit befasst eine Datenbank mit allen ermittelbaren Begräbnissen, die sich aus Archivmaterial (CAHJP, etc.) ergeben, zusammenzustellen. Ob die ominöse Zahl der 20.000 die oft genannt wird dabei zustande kommt, ist nach unserem Befinden fraglich, jedoch wird es absehbar keine umfangreichere Arbeit zur Dokumentation des jüdischen Friedhofs von Fürth geben. Unser Dank an Frau Blume mischt sich deshalb in die Hoffnung, dass Ihre weitere Arbeit den Erfolg haben wird, die gesammelten Daten bald der interessierten “Forschung” und insbesondere den zahlreichen Nachkommen in aller Welt frei zugänglich zu machen.

Für weiteres Interesse aber auch genealogische Rückfragen zum jüdischen Friedhof oder zur Geschichte der Juden in Fürth verweisen wir sehr gerne auf Frau Blume und ihre neu eingerichtete Webseite mit entsprechenden Kontaktdaten:

http://www.juedische-fuerther.de/

Already in 1754 Christian pastor and historian Andreas Wuerfel from Nuremberg gave a depiction of the old Jewish cemetery of Fuerth along with some 21 detailed transcripts of Hebrew grave markers and – regarding times and circumstances – quite good German translations. At least a number of those depicted stones probably are no longer in existence, so his account – by what motivation ever – is important for the history and documentation. Regarding our own Swabian research it is a quite happy coincidence, that among Andreas Wuefrfels 1754 collection od old Hebrew grave marker inscriptions there also are two relevant Ulmo family connections.

Auch in die umgekehrte Richtung gibt es freilich Bezüge, insofern Grabsteine auf dem Friedhof von Pfersee / Kriegshaber eine Herkunft aus Fürth anzeigen.

Im ältesten bekannten Beispiel betrifft dies :

קלמן בן חנוך מפירדא נפטר ט ניסן ת”צ

Kalman ben Henoch aus Fürth, gestorben am 9. Nissan 5470 (= 29. März 1710)

Desweiteren:

טרנלה בת פרנס הירש נייבורגר מקק פיורדא אשת ליפמן מאיר חזו ומורה מקק גריסהבר יג בטבת שנת תקי”ד

Trenle Tochter des Parnas Hirsch Neuburger aus Fürth Frau des Lipmann Meir Vorsänger und Lehrer der heiligen Gemeinde Kriegshaber, (gest.)  13. Tewet 5514 (= 7. Januar 1754)

Sodann:

ר משה בר יוסף מקק פיורדא נפטר רח ניסן תק”ט

R. Mosche bar Josef aus der heiligen Gemeinde Fürth, gestorben Neumond Nissan 5509 (= 9. März 1749)

Und …:

קעלא אשת משה כהן קאמפע מפיורדא נפ כג סיון תקפ”ה

Kela, Frau des Mosche Kohen Kampe, gest. 23. Sivan 5585 (= 9. Juni 1825)

Finally (vorerst):

יוטא בת בער יאפע מקק פיורדא אשת זיסקינד אפנהיימר מקק פפרשא נפטר ט תמוז תקצ”ו

Juta Tochter von Ber Jafe aus der heiligen Gemeinde Fürth Frau des Siskind Oppenheimer aus der heiligen Gemeinde Pfersee, gestorben 9. Tamus 5596 (= 24. Juni 1836).

Es wäre sicher interessant entsprechende und weitere Verwandtschaftsbeziehungen die es auch logischerweise zwischen den beiden Zentren in Fürth und Pfersee/Kriegshaber/Steppach gab, näher zu beleuchten.

A number of other photographs of the old Jewish cemetery you may find at wikipedia, the pages from several municipal services in Fuert, the Jewish Community of Fuerth, as well as flickr, etc.

Nicht hart genug. Ein Fan-T-Shirt der Spielvereinigung Greuther Fürth (Platz 4 in der abgelaufenen Saison), letztens zu sehen am Bauch eines Biertrinkers in der Fürther Fußgänger-Zone, nimmt Bezug auf das dreiblättrige Kleeblatt (was ornamental wiederum auf den Dreipass – nicht Bypass –  in der Heraldik und im christlichen Kontext die “Trinität” symbolisiert). Als Glückssymbol gilt jedoch das vierblättrige Kleebatt und so bleibt Fürth anders als der in die erste Bundesliga aufgestiegene FC Augsburg  auch künftig Zweitligist. Der Spruch auf dem Shirt jedenfalls lautet: “Und der Herr sprach zu den Steinen: Wollt Ihr Kleeblatt-Fans werden?“ Da antworteten die Steine: „Nein, Herr, dafür wir sind nicht hart genug. „

Was die Fürther Fußball-Fans sagen wollen, ist das sie als “Kleeblätter” härter wären als Stein. Ob das stimmt, lassen wir dahingestellt. Fest steht freilich, dass am alten jüdischen Friedhof in Fürth vielleicht mehr als anderswo in Süddeutschland zwar nicht unbedingt Kleeblätter, so aber doch völlig ausufernder Wildwuchs und kranke umstürzende Bäume den Bestand zahlreicher Grabsteine des Friedhofs akut gefährden, wie eine Reihe umgestützter wuchtiger Bäume belegen, die irgendwo im Dschungel herumpurzeln.


Das jüdische Fürth

May 29, 2011

Fuerth (fränkisch: Färd) dessen Name sich wie im Fall von Pfersee von einer Furt ableitet, wird legendär mit Charlemagne in Verbindung gebracht, urkundlich nachweisbar aber erstmals als „Furti“ auf das Jahr 1007 datiert, als Kaiser Heinrich II den Ort den Klerikern vom ca. 60 km entfernten Bamberger Dom schenkt.  Ob wie in Bamberg zu dieser Zeit auch in „Furti“ bereits Juden lebten ist nicht bekannt, dürfte man aber annehmen können. Erwähnt werden Juden in Fuerth freilich erst wesentlich später im Jahr 1440, doch auch dies für weitere zwei Jahrhunderte wiederum nur vereinzelt und ohne erkennbaren Kontext. Für das Jahr 1528 etwa werden zwei einzelne Juden erwähnt (die Jewish Encyclopedia, die Fürth 1670 als „Bavarian City“ bezeichnet, nennt sie namentlich Perman und Uriel Wollf) die von einem Markgraf Georg die Erlaubnis erhalten in Fürth zu wohnen. Warum sie das tun und wie bleibt unklar, wahrscheinlich benötigte man einen Beschneider… 1556 wird ein weiterer einzelner Jude genannt, der aus Regensburg nach Fürth kommt, wo schon 70 andere leben sollen. 1607 schließlich erwähnt die Begründung eines eigenen Friedhofs für die Fürther Juden. Es ist der heute als Alter Friedhof bekannte, der geschätzten 20.000 Begräbnissen diente. Von diesen sind verschiedenen Quellenangaben 6000 oder 8000 Grabsteine erhalten. Ein auf Poster-Format vergrößertes altes Foto am alten Friedhof in Fürth zeigt den Grabstein des R Anschel Sohn des R. Jekutiel mit der Notiz  המצבה ראשון (ha-matzewa rischon), „der erste Grabstein“, jedoch ist das Datum nach נפטר (niftar) „gestorben am“ in der Schlusszeile der vergrößerten Abbildung nicht erhalten …

Zehn Jahre später, 1617 wird eine Synagoge gebaut die später „Altschul“ heißt und nach nun immerhin hundertsiebzig Jahren seit 1440 tatsächlich die erste in Fürth gewesen sein soll. Doch bereits im Jahr darauf begann der sog. 30jährige Krieg in dessen Folge Fürth von Kriegerischen Auseinandersetzungen nicht verschont blieb, etwa 1632 als es zwischen den Truppen Wallerstein und Gustav Adolfs zur „Schlacht an der Alten Veste“ (alternativ auch Schlacht bei Fürth, bei Nürnberg, bei Zirndorf genannt) kam. Als „der Krieg“ im Jahre 1648 endet wird die gesamte Bevölkerung von Fürth auf 800 Menschen geschätzt. Was die Fürther Juden damals machten? 1653 jedenfalls muss es Bedarf für ein jüdisches Krankenhaus gegeben haben, worunter man sich wohl kein „Haddasa“ oder „Mount Sinai Hospital“ vorstellen muss. 1670 gibt es einen Zuzug vieler Juden aus Wien und bald darauf wird eine Talmudschule erwähnt und damit beginnt in etwa die greifbarere Geschichte des jüdischen Fürth mit einzelnen Biographien, Gelehrten, Plätzen, Beziehungen in einem erkennbaren Kontext. Als um 1700 Fürth geschätzte 6000 Einwohner hat, sind verschiedene Schulen (Synagogen) nachweisbar und פיורדא „das jüdische Fürth“ wurde nun weit überregional bekannt und zog zahlreiche Gelehrte und Studenten aus anderen Gegenden an.

היום לא צריך בלעט לקבל קפה בפיורדא

Diese bildeten spezifische Eigenheiten heraus, wie man sie etwa 1728 bei Andreas Würfel nachlesen kann oder fundierter in den 73 Seiten umfassenden  1767 bei Chaim Zvi ben Hirsch 1767 gedruckten הספר מנהגי ק ק פיורדא über die Gebräuche der Heiligen Gemeinde Fürth für das ganze Jahr, die in zahlreichen Details eine bedeutende Variante zu den „Minhagim Aschkenas“ darstellen. Da hierfür die Erfordernisse der halachischen Anwendung heute aber freilich längst entfallen sind, sind dies allenfalls geschichtlich relevante Einzelheiten, welche die gegenwärtige Definition von „Jüdischkeit“ nicht wesentlich beeinflusst. Es genügen in aller Regel Schlagworte wie „bedeutender Rabbiner“, „Synagoge“, „Matrikel“, „Mikwe“, „Mesusa“ und dergleichen. Symbole treten immer erst anstelle einer verlorenen Funktion.

Die zweiteilige „historische Nachricht von der Judengemeinde in dem Hofmarkt Fürth“, von Andreas Würfel gedruckt in Frankfurt am Main und Prag im Jahre 1754 gibt eine bereits recht anschauliche Beschreibung der damaligen jüdischen Gemeinde und ihrer Infrastruktur.

Von den öffentlichen Gebäuden, welche sich zu Fürth auf dem Schul-Hof befinden: Auf dem großen Platz, wo die Hauptschule steht, befinden sich außer der neuen Kahls Schule noch verschiedene Kahls-Häuser (= öffentliches oder Gemeinde-Haus ) angebaut. Zur solchen Gebäuden allen, hat der Herr Domprobst den Terrain sonder Entgelt, an die Juden überlassen. In einem solchen Kahls-Haus wohnt der Hauptrabbi, ein anderes besitzt der Juden-Doktor, der Vorsinger genießt auch ein Kahls-Logis „ Die Kahls-Stube dient nicht als Wohnung sondern als Versammlungsort der Parnassim. Dort liegen auch die Kahls-Bücher aus, in welchen z. B. Einnahmen und Neuankömmlinge eingetragen werden. Man könnte hier also von einer Gemeinderegistratur sprechen. Würfel kritisiert, dass sich Parnassim wie Elkana Fraenkel und sein Bruder Hirsch Fraenkel, der in Ansbach Rabbiner war, in ihren Ämtern „viele Fehler zu Schulden“ haben kommen lassen: „Der Rabbi hatte eigenhändig ein Buch von Geister- und anderen Beschwörungen, Segenssprüchen und Lästerungen wider das Christentum zusammengeschrieben. Nachdem er eine Zeitlang in Ansbach im Gefängnis saß, wurde er 1713 … von dort nach Schwabach zum ewigen Gefängnis gebracht.“ Spätestens da, so darf man vermuten, war er wohl von allen (guten wie bösen) „Geistern“ verlassen.

Würfel berichtet weiter von der Einrichtung der Blatt-Stuben, so benannt nach Zetteln, die über Schabbes Aufenthalt (und Verköstigung) für Reisende und Arme in der Stadt gewährleisten: Auf der Blätten-Stuben, als einem öffentlichen Gebäude, werden Freitag den Armen, Bläten oder quartier-Zettel ausgeteilt, diese Zettelein sind ganz klein, etwa einen Daumen breit und nicht gar so lag. Darauf steht gedruckt „בלעט שני ימים ולא יותר“ Blättlein auf zwei Tage und nicht länger. Das aber mit diesen Blätten keine Schalkung vorgehen kann, so wird zuerst in der Blätter-Stube der Name desjenigen, welcher den Armen oder Fremden halten soll, über das Gedruckte geschrieben. Unter das Gedruckte wird aber wird der Tag des Monats und das Jahr angezeichnet, in welchem es abgelangt worden ist.“

Das bedarf in heutiger Zeit, wo man als Jude ohne weitere Schwierigkeiten in Fürth nach Belieben einreisen und verweilen kann, einer Erklärung. בלעט (blet) oder בלאט (blat) meint Blatt oder Zettel, in diesem Fall sinngemäß aber „Gutschein“. Damit keine „Schalkung“ (heißt nach Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart von 1786 „Zusammenfügung“ und hat nichts mit Schalke 04 zu tun)  getrieben wird, d.h. um eine Mehrfachverwendung auszuschließen, wird über dem Zettelvordruck Name und Datum vermerkt. Würfel bildet ein (etwas merkwürdiges) Beispiel ab:

Über dem oben bereits zitierten „Blet für zwei Tage und nicht länger“ steht hier nun „ר’ חזיר“ , das Würfel zwar richtig als „R. Chasir“ transkribiert, aber nicht übersetzt. Das ist etwas rätselhaft, lässt es doch mitunte unterschiedliche Schlüsse zu, da חזיר das hebräische Wort für Schwein ist und eine Person namens „Rabbi Schwein“ wohl auch in Fürth kaum vorstellbar ist. Das Datum darunter ist 11. Tewet 511, was Freitag 28. Dezember 1750 entspräche.   

Der oben erwähnte “Schulhof” existiert heute nur noch namentlich, auf alten Abbildungen oder erläutert auf einer Stationstafel der “Fürther Jubiläumsmeile” (wohl aus dem Jahr 2007) die ihn als „geistigen Mittelpunkt“ der Fürther jüdischen Gemeinde definiert:

Auf der Tafel ist zu erfahren: „Die jüdische Bevölkerung besaß in Fürth besondere Rechte, die es nirgendwo sonst in Deutschland gab.“ Welche besonderen Rechte das sein gewesen sein sollen und auf welche Zeit und welches “Deutschland” sich das beziehen soll, zumal es Deutschland (als Staat) erst ab 1871 gibt und prominente Teile des heutigen Deutschlands bis 1806 etwa zu Österreich gehörten, bedarf wohl einer Erläuterung. Auf das Jahr 1938 freilich bezieht es sich aber offensichtlich nicht: Die vier Synagogen zu denen auch die genannten “Altschul” und “Neuschul” gehörten, wurden wie der gesamte Hof mit allen umliegenden Häusern zerstört, der Formulierung gemäß sogar in einer einzigen Nacht.

Heute erinnert im Hof – nun umgeben von (wahrscheinlich blatt-losen) Wohnhäusern die auch stilistisch nicht zur Fürther Altstadt passen wollen – das Denkmal eines japanischen in Fürth lebenden Künstlers, das eine Art bräunlichen Kaktus zeigt. Er steht für die jüdische (Vor-)Geschichte des Platzes, umrandet von einer deutschen und hebräischen Inschrift. Der Platz selbst dient als einer der Schauplätze des zwei mal im Jahr veranstalteten “Grafflmarkt” (graffl = Gerümpel).

Fürth nennt sich gerne das “fränkische Jerusalem” und wegen seines früher hohen jüdischen Bevölkerungsanteils von einem Fünftel bis einem Viertel (selbst 1910 noch 4 %) wurde von den Nazis als solches verspottet – das benachbarte Nürnberg bewarb man als “deutscheste alle deutschen Städte”. Der Terminus selbst beruht wohl auf einer Fehldeutung, da mit einem “fränkischen Jerusalem” in der Geschichtsschreibung eigentlich das tatsächliche Jerusalem zur Zeit der Kreuzfahrer (1100 – 1290) gemeint ist und nicht Fürth, das in jener Zeit bestenfalls eine Ansiedlung von drei Gehöften aufwärts war. Die Kreuzfahrer nannten ihre Eroberungen in Israel schließlich dann auch Königreich Jerusalem (Regnum Hierosolimitanum) und nicht “Palästina” wie manche heutigen Zeitgenossen sicher gern geneigt wären zu glauben. Heute ist es ein “Publicity-Gag”, obwohl es seit 1946 eine neue jüdische Gemeinde in Fürth mit aktuell etwa 600 Personen gibt.

Synagogue of Fuerth, due to a fire on Yom Kippur (!) this year currently renovated …

… while the Old Jewish cemetery of Fuerth neglected for decades in larger parts equals a jungle with head-high stinging nettles where overthrowing massive trees endanger grave markers als well as visitors …

Fuerth, which in 2007 had the millenary celebration of its first mentioning in a deed by emperor Henry II who then had given away some property called Furti (small ford, watersplash) only in 1440 has records of Jews. Until the onset of 17th century however only every once and a while there are some single Jews mentioned in Fuerth. Two were allowed to settle in 1528, another one is mentioned two generations later, and so on. But soon there is a higher number of synagogues and a growing Jewish community with prominent scholars, book prints and Talmud schools, which established the reputation of Jewish Fuerth as one of the major Jewish centers in German speaking countries  during 18th century. At times Jews made almost a quarter of the whole population of the city – which of course was a smaller one. Today there are many places were the City of Fuerth commemorates the past Jewish history. Places of former synagogues, the Schulhof which had four of it, the old cemetery, a Jewish Museum with book store and cafeteria, … and on the other side there is a small Jewish community of some 600 people (with a nice “old school” synagogue), mainly from Russia who contrary to the *usurpation* of Jewish history’s remnants by gentiles preserve the long established tradition of Jewish otherness … As in former times Christian preachers taught the Jews their interpretation of the Bible, Christian laymen and -women now teach them their understanding of (reform?) Judaism.  

אַז אַ נאַר גייט בייַ די שוק די קרעמער פייַערן פּורים

to be continued


לו הייתי פירט

May 27, 2011

השם המסורתי של העיר פיורדא ליד נירנברג למשל ביד ושם כתוב כמו פירט

או אולי כך

לו הייתי פיראט בת מלכה לו היית …

בכל מקרה יש מועדון הבייסבול בעיר

http://www.fuerth-pirates.de/


Die “Weisen von Pfersee”: Isaak Seckel Etthausen und Simon Wolf Wertheimer

May 24, 2011

In der “Jewish Encyclopedia” heißt es 1905: “The Scholars of Pfersee חכמי פערשא are well known”.

Diese Aussage hat heute gewiss längst keinerlei Gültigkeit mehr. Ganz zu Unrecht, da hier vor Ort einige sehr bedeutende und weit über die Grenzen des österreichischen, später bayerischen Schwaben hinaus bekannte Gelehrte lebten und wirkten, die wesentlich zur Entwicklung des Judentums und der Kultur in Europa beitrugen und als frühere Förderer des Zionismus die Geschichte beeinflussten.

R. Isaak „Seckel“ b Menachem Etthausen (1685-1763) bewegte sich in den bedeutendsten Kreisen des damaligen europäischen Judentums. Er war der Schwiegersohn des Mainzer Rabbiners Issachar Eskeles, auch bekannt als Berusch (=Baruch) Ischschachar ben Gabriel (1692-1753) und Chawa Rivka (1691-1755), der Tochter des berühmten aus Worms stammenden Wiener Rabbiner und kaiserlichen Hoffaktoren Schimschon (Samson) Wertheimer (1658-1724). Deren Sohn und Etthausens Schwager war Bernhard Eskeles (1753-1839), der als Waise aufwuchs. Sein Vater starb vor seiner Geburt, seine Mutter noch bevor er zwei Jahre alt wurde. Bernhard Eskeles wurde gleichfalls als Bankier berühmt und erwarb mehrere Adelstitel wie Edler, Ritter und schließlich Freiherr. Anders als eine Vielzahl seiner Verwandten hatte er jedoch wenig Interesse am Judentum und so verwundert es nicht, dass seine Kinder zum Christentum konvertierten.  In den Jahren 1709-10 finden wir Isaak Etthausen als Rabbiner in Schnaittach bei Nürnberg, dann in Aschaffenburg und im unterfränkischen Marktbreit (Geburtsstadt des Entdeckers der Alzheimer Krankheit), rund 25 km südöstlich von Würzburg, wo ihm 1722 Pinchas Katzenellenbogen ins Amt des Rabbiners nachfolgt. Etthausen hingegen geht nach Mainz und wird nun als Schwiegersohn auch Assistent des Rabbiners Eskeles. Von 1723 bis 1729 übernimmt er dessen Position als Oberrabbiner von Mainz. Im Jahr darauf übersiedelt Etthausen mit seiner Familie ist österreichisch-schwäbische Pfersee, wo er die Nachfolge von Jehuda Löb ben Issachar Oppenheim, dem in Worms geborenen Neffen des Prager Oberrabbiners David Oppenheim antritt. Isaak Etthausen blieb 33 Jahre lang bis zu seinem Tod im Jahre 1763 Rabbiner vor Ort und wurde am Friedhof von Pfersee und Kriegshaber begraben.

Die Inschrift seines Grabsteins würdigt ihn als hochverehrten Raw Gaon Jitzchak bekannt als Sekel Ethausen, Vorsitzender des Gerichts der heiligen Gemeinde Pfersee und von ganz Medinat Schwaben der wahrhaftig auf die Wunder Gottes vertraute. Der Ruf seines guten Namens eilte ihm in allen Toren voraus wie gutes Öl und als Richter war er in seiner Weisheit mutig, um verbindlich Recht zu sprechen. Als Autor veröffentlichte er Fragen-und-Antworten „Verborgenes Licht“ (or ne’elam) und „Licht in Zion“ (or lo bezion). Gestorben und begraben wurde er in gutem Namen am 7. Elul des Jahres 5523, was Dienstag dem 16. August 1763 entspricht.

Die erwähnten Schriften wurden 1762 und 1765 von seinem Sohn Jehuda Loeb Etthausen in Karlsruhe gedruckt. „Or Neelam“ ist eine Sammlung von 58 Antworten („Responsen“) im Stile der klassischen „Frage und Antwort“ – Literatur (schu‘t: sche‘elot u tschewot) und „Or LeZion“ ein gewandter Beitrag zum Talmud Abschnitt Brachot. Beide Werke sind zum Glück erhalten geblieben und rechtfertigen das hohe Ansehen Sekel Etthausens.

Sein Grabstein jedoch wurde in der Nazi-Zeit weitgehend zerstört. Nur der Sockel ist noch vorhanden. Zum Ausgleich (?) wurde das Photo von Theo Harburger aus dem Jahr 1927 in verschiedenen Fachpublikationen ein zweites Mal für den jüdischen Friedhof von Binswangen wiedergegeben. Dort freilich befand sich der Stein natürlich nie.

Der Bruder von Etthausens Schwiegermutter war Simon Wolf Wertheimer (1681-1763), ältester Sohn des Wiener Hoffaktoren Samson und selbst kaiserlicher Oberhoffaktor, der zumindest in den Jahren 1744 bis 1748, worüber über 90 erhaltene Originalbriefe und Abschriften berichten in Augsburg lebte und von dort eine ausführliche Korrespondenz nach Hamburg, Wien, Fürth, Prag, etc. unterhielt. Manchmal lautet seine Anrede Monsieur Wolff Wertheimer Agent de Chambre de la Majesté Impériale et Grand Facteur de la Majesté le Roy de Pologne Augsburg, also kaiserlicher Kammeragent Großfaktor des Königs von Polen. Letzteres war in jener Zeit August III, der sich weit mehr für Opernbesuche und Kunstsammlungen als für Politik interessierte. Wolf Wertheimer übersiedelte um 1750 nach München, wo er sich zuvor auch immer wieder am Hof der bayerischen Herzöge aufhielt und starb dort. Für einiges Aufsehen sorgte der aufwendige Leichenzug von München zum jüdischen Friedhof bei Pfersee und Kriegshaber, dem sich zahlreiche Vertreter anderer Gemeinden anschlossen. Wie bereits sein Vater Schimschon (Samson) unterstützte auch Schimon (Simon) Wolf den Unterhalt und Aufbau jüdischer Gemeinden im Lande Israel (Safed, Jerusalem, Hebron). Einem Brief aus dem Jahre 1729 an einen seiner  Schwiegersöhne lässt sich etwa entnehmen, dass er etwa auch Beziehungen zum österreichischen Gesandten in Istanbul nutzte, um sich für die Juden in der damals osmanischen Provinz einzusetzen. So verwundert es auch nicht, dass sein Grabstein am Friedhof Pfersee/Kriegshaber  einen fast messianischen Ehrentitel „Nasi Jisrael“  trägt, was je nach Lesart als Prinz, Fürst oder König Israels umschrieben werden kann. Die Grabrede hielt Isaak Etthausens Nachfolger Benjamin Wolf Spiro Segal der einer prominenten böhmischen Rabbinerfamilie entstammte und selbst Richter in Prag war, ehe er Rabbiner in Oettingen und 1764 Rabbiner in Pfersee wurde und 1792 verstarb.

Wertheimers Grabmal aus rotem Kalkstein ist trotz der Zerstörung zahlreicher benachbarter Gedenksteine glücklicher Weise fast vollständig erhalten geblieben. Die Inschrift lautet:

פה נטמן הרר שמעון וואלף בן גאון נשיא ארץ ישראל מרהרר שמשון וערטהיים זצל מווינא נפטר במינכין מוצאו שק ונקבר ביום א כ טבת שנת ת”ו קוף כף היא לפק תהא נשמתו בצרורה בצרור החיים

 

Hier ist begraben der verehrte R. Schimon Wolf Sohn des Gaon und Fürsten des Landes Israel der hochverehrte R. Schimschon Wertheim aus Wien, gestorben in München am Ausgang des heiligen Schabbat und begraben am ersten Tag der Woche, am 20 Tewet des Jahres 5526. Seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens.“

Das Datum ist etwas sonderbar notiert als שנת ת”ו also Jahr 406 (das wäre freilich 1645) gefolgt von den ausgeschrieben Buchstabennamen קוף כף für den Zahlenwert 120, was zusammen addiert also 526, bzw. 5526 ergibt. Das Datum der Beisetzung in Pfersee/Kriegshaber entspricht demnach dem Sonntag 13. Januar 1765, in München gestorben ist Schimon Wertheimer am Vorabend.  Der gewiss recht mühsame Transport des Leichnams von München wie auch die Beisetzung mussten also vor Anbruch der winterlichen Abenddämmerung abgeschlossen sein, die Mitte Januar bereits um etwa 17 Uhr beginnt.  

Einen eigenen jüdischen Friedhof hatte München in dieser Zeit noch nicht. Genau genommen noch nicht mal eine „richtige“ Gemeinde. Diese konstituierte sich dem Vernehmen nach erst im Januar 1815 in der Wohnung von Judit Wertheimer, der Witwe von Wolfs Sohn Abraham. Im Jahr darauf bekam die neue Gemeinde auch in München auch einen eigenen Friedhof, weshalb aufwendige Überführungen ins fast 70 km entfernte Kriegshaber nun nicht mehr erforderlich waren.

see: http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=247&letter=P&search=Pfersee

The Jewish cemetery of Pfersee and Kriegshaber is the burial place of numerous scholars and rabbis. Among them are prominent personalities like Isaac Sekel ben Menachem Etthausen (1685-1763), author of “Or Neelam” and “Or lo betzion” who had been Rabbi of Pfersee and Medinat Schwaben for 33 years and his ramified relative Shimon Wolf Wertheimer, court Jew of the emperor, the Bavarian dukes as well as of the King of Poland. Shimon or Simon Wolf Wertheimer who spent at least some years in Augsburg as we know from a number of 90 letters, is the son of the universally known Shimshon Wertheim better known as Samson Wertheimer who was a famous and pious scholar , Rabbi of Hungary and a very prominent imperial court Jew in Vienna himself. The fact that his firstborn and most influential son Simon spent a lot of time in Augsburg as well as in Pfersee and finally had been buried here however is hardly known.


Rabbiner von Augsburg: Jakob Heinrich Hirschfeld (1819-1902)

May 22, 2011

Als ersten neuzeitlichen Rabbiner in Augsburg nennt die Fachliteratur für die 1860er Jahre meist schlicht „Dr. Hirschfeld“.  Diese Interpretation übersieht freilich, dass spätestens seit 1803 zumindest auch die Kriegshaber Distriktrabbiner Pinchas Skutsch (gest. 1819) und dessen Schwiegersohn Aharon b Josef Guggenheimer (1820-1856) in Augsburg präsent waren. Die gemütliche Droschkenfahrt von Kriegshaber dauerte etwa eine halbe Stunde. Trotzdem verbindet sich mit Rabbiner Hirschfeld untrennbar die Nutzung der Synagoge in der Wintergasse wie auch die Einweihung des jüdischen Friedhofs zwischen Haunstetter Straße und Altem Postweg im Stadtteil Hochfeld, den der Gemeindevorsitzende Carl Obermayer kurz vor seinem Amtsrücktritt 1867 für rund 1500 Gulden erwarb.

Jakob Heinrich Hirschfeld wurde am 20. Januar 1819 im slowakisch/ungarischen Sasvar /Sassin geboren. Er starb am 6. Oktober 1902 in Wien. Hirschfeld erwarb neben einer rabbinischen und musikalischen Ausbildung auch den akademischen Grad eines Dr. phil. und war zudem öfter als Journalist und Musiklehrer tätig. Mitte der 1850er Jahre finden wir ihn als Rabbiner von Szenitz (Österreich-Ungarn, heute Slowakei), wo er Pauline Ausch heiratete. In Szenitz wurde am 4. Januar 1858 auch der älteste Sohn Viktor geboren, von dem noch die Rede sein wird. Bald darauf jedoch zog die Familie nach Fünfkirchen (Pécs), wo Jakob Hirschfeld eine weitere Anstellung erhielt und auch das Oberrabbinat des Bezirks Baranya (deutsch: Branau, jedoch nicht zu verwechseln mit Braunau) leitete.

Ende 1863 kamen die Hirschfelds nach Augsburg, wo erst wenige Jahre vorher erst der Weg der Wintergasse gepflastert wurde und man nun bei Regen oder Schnee nicht mehr im Morast versinken musste. Dort gab es zwar bereits eine seit Jahrzehnten stets anwachsende jüdische Gemeinde mit inzwischen weit mehr Mitgliedern als in den ehemals österreichischen westlichen Randorten der früheren Reichsstadt. Trotzdem kurz zuvor auch die formelle Gründung als durch den König anerkannte „Israelitische Kultusgemeinde“ erfolgte, waren die nun großstädtischen, eher auf die Wiener Oper als in den Talmud schauenden Augsburger Juden weiter auf Lehrer und Rabbiner aus Kriegshaber, Pfersee und Steppach angewiesen. Das sollte sich nun ändern und so befand die Gemeindeführung um den bayerischen US-Konsul Carl von Obermayer (1811-1889), dass Augsburg nicht nur ein eigenständiges Synagogen- und Gemeindezentrum, sondern für sein von auswärtigen Morim abhängiges Lehrhaus auch einen eigenen Rabbiner benötigte. Dieser sollte jedoch nicht wie der 1856 ins mährische Aussee abgewanderte Guggenheimer gegen Händler opponieren, die am Schabbes etwa an der Augsburger Dult verkaufen wollten, andererseits aber auch nicht zu „reformerisch“ sein.

Im „Israelit“ dem Zentralorgan des damaligen „orthodoxen“ Judentums vom 10. Februar 1864 bewarben die Neu-Augsburger deshalb auch Dienste und Nebenverdienste:

Eltern, die ihre Töchter an trefflichen Lehranstalten eine höhere Ausbildung angedeihen zu lassen und Augsburg wegen seines gesunden Klimas vorzuziehen geneigt sein dürften, erbietet sich eine Dame von höherem Stande und höherer Bildung Mädchen nach zurückgelegtem 7. Lebensjahre in ihrem Hause unter annehmbaren Bedingungen aufzunehmen. Nebst häuslichen Komfort und der Beaufsichtigung und Leitung der in Arbeiten der Institutions-Aufgaben von Seiten der Dame wird auf wahre Herzens- und Geistesbildung hingestrebt werden. Der Religionsunterricht wird so wie die öffentlichen Religionsschulen des Distrikts unter Überwachung des Distriktrabbiners Dr. Hirschfeld stehen; auch kann gegen besondere Vergütung Klavier- und Singunterricht erteilt werden.

Reflektionen belieben sich zu wenden an Seine Hochwürden Herrn Distrikts-Rabbiner Dr. Hirschfeld in Augsburg

Die damals gebrauchte Anrede „Seine Hochwürden“ für einen schwäbischen Rabbiner ist ebenso anachrostisch wie die weitverbreitete Ansicht, Rabbiner Hirschfeld, dessen Namen und Rahmendaten meist noch nicht mal gekannt werden, sei im Sommer 1871 im Zuge der Rabbiner-Synode von Augsburg wegen einer „zu orthodoxen“ Haltung seitens der inzwischen reformerisch orientierten Gemeinde entlassen worden.  Zwar entwickelte sich die Gemeinde von Augsburg bald genau in diese Richtung, doch zu jener Zeit war das Gegenteil der Fall und Jakob Hirschfeld musste in Augsburg gehen, weil er inzwischen zu den Reformern übergelaufen war und als Augsburger Rabbiner an der Synode gegen den Willen der Gemeinde teilnehmen wollte. So kam es zu einer Reihe peinlicher  Umstände und Vorfälle, die die jüdischen Publikationen aller Strömungen bereitwillig ausschlachteten. Augsburg als Gastgeber der Rabbiner-Konferenz, die seitens der Stadtgemeinde sogar auch den Goldenen Saal zur Verfügung gestellt bekam, hatte folglich selbst keinen Rabbiner. Hirschfeld nahm zwar an der Versammlung teil, jedoch nicht als Vertreter der heimischen jüdischen Gemeinde. Er war deshalb ein willkommener Grund für die große Mehrheit der Augsburger Juden, an den Veranstaltungen der Synode nicht teilzunehmen. Im Gegenzug speisten die aus ganz Deutschland angereisten Rabbiner im Nobelhotel „Drei Mohren“ und eben nicht koscher im Zentrum der Augsburger Gemeinde in der ganz nahe gelegenen Wintergasse. Auch das wurde seitens der Presse freilich entsprechend verspottet. Mit dem Ende der Synode, deren Verlauf, Inhalt und Wirkung wir noch an anderer Stelle reflektieren werden, hat Hirschfeld offenbar auch Augsburg den Rücken gekehrt.

Die Familie zog von Augsburg nach München und 1876 finden wir Jakob Heinrich Hirschfeld wieder in Wien, nun als religiöser Hilfslehrer. Die Vertreter der jüdischen Orthodoxie hatten ihn und andere Teilnehmer der Augsburger Rabbiner-Konferenz vom Juli 1871in landesweiten Zeitungsaufrufen öffentliche gebannt und wahrscheinlich deshalb fand er auch keine weitere Anstellung als Rabbiner, sondern arbeitete als Journalist und erteilte mit seiner Frau Paula Klavierunterricht. Am 26. Januar 1897 starb Pauline gemäß der Todesanzeige um neun Uhr vormittags „nach kurzem Leiden“. Als Unterzeichner finden sich ihr Ehemann J.H. Hirschfeld mit zwei Söhnen zwei Töchtern, einen Schwiegersohn, einer Schwiegertochter und einer Enkelin. Sie sind der Nachwelt freilich weit besser in Erinnerung geblieben.

Weit berühmter sind Jakobs und Paulas Kinder, die freilich selten mit dem „Augsburger Rabbiner“ in Verbindung gebracht werden. Dies gilt insbesondere für seinen am 4. Januar 1858 in Szenitz bei Pressburg geborener Sohn Viktor, der nach seinem Studium ab 1877 mit dem Pseudonym Viktor Leon auftrat. Als Texter schrieb er unter anderem die Libretti für mehr als 70 Opern, darunter Welterfolge wie „Wiener Blut“ von Johann Strauß Jun. (Uraufführung 1899) oder „Die lustige Witwe“ von Franz Lehar (Uraufführung 1905). Er war mit Ottilie Popper verheiratet. 1907 heiratete seine Tochter Elisabeth den Schauspieler und Opernsänger Hubert Marischka (1882-1959), der u.a. durch Filme mit Hans Moser bekannt wurde. Bei der Geburt des Sohnes Franz im Jahre 1918 starb die Mutter. Franz Marischka wurde in Österreich ein bekannter Filmregisseur.

“Wiener Blut”

Viktor wurde bei einer Reihe von Arbeiten von Leon Feld unterstützt. Unter diesem Pseudonym verbarg sich sein am 14. Februar 1869 in Augsburg Bruder Leopold, der hauptsächlich aber als Übersetzer tätig war, u.a. für Werke von Charles Dickens. Leon Feld starb 1924 in Lorenz.

Ihre Schwester Clara Eugenie Hirschfeld (1869 – 1940) wurde als Pädagogin und Sozialreformerin bekannt und lebte in Pötzleinsdorf, wo sie als Mentorin viele Nachwuchsautoren wie Leonhardt Adelt, Felix Braun, Victor Fleischer und versammelte, die bei ihr erstmals den Mut fanden vor Kollegen etwas vorzutragen, usw. Adele Hirschfeld heiratete den 1870 in Augsburg geborenen Pianisten und Komponisten August Schmidt.


Kurzstopp in Thannhausen

May 20, 2011

Auf dem Weg von Kirrberg/Balzhausen kamen wir heute kurz durch Thannhausen, wo es nach geläufiger Ansicht bereits um 1400 eine jüdische Gemeinde und im 16. Jahrhundert eine jüdische Druckerei  gab. Ein Machsor aus dem Jahre 1592 befindet sich in Oxford. In Thannhausen hingegen erinnert eine Tafel an einer Kirche an die frühere Synagoge und eine namentliche Judengasse gibt es auch.

A short stint at Thannhausen in Swabian Bavria, 24 km from Guenzburg and another 30 from Augsburg, where has been a Jewish community in 15th century until 1720s. Allegedly the Jews from Thannhausen then moved to Huerben.

We only had some tewenty minutes but it whet our appetite for a future sojourn to another place of Jewish history in former Austrian Swabia.