Das jüdische Fürth


Fuerth (fränkisch: Färd) dessen Name sich wie im Fall von Pfersee von einer Furt ableitet, wird legendär mit Charlemagne in Verbindung gebracht, urkundlich nachweisbar aber erstmals als „Furti“ auf das Jahr 1007 datiert, als Kaiser Heinrich II den Ort den Klerikern vom ca. 60 km entfernten Bamberger Dom schenkt.  Ob wie in Bamberg zu dieser Zeit auch in „Furti“ bereits Juden lebten ist nicht bekannt, dürfte man aber annehmen können. Erwähnt werden Juden in Fuerth freilich erst wesentlich später im Jahr 1440, doch auch dies für weitere zwei Jahrhunderte wiederum nur vereinzelt und ohne erkennbaren Kontext. Für das Jahr 1528 etwa werden zwei einzelne Juden erwähnt (die Jewish Encyclopedia, die Fürth 1670 als „Bavarian City“ bezeichnet, nennt sie namentlich Perman und Uriel Wollf) die von einem Markgraf Georg die Erlaubnis erhalten in Fürth zu wohnen. Warum sie das tun und wie bleibt unklar, wahrscheinlich benötigte man einen Beschneider… 1556 wird ein weiterer einzelner Jude genannt, der aus Regensburg nach Fürth kommt, wo schon 70 andere leben sollen. 1607 schließlich erwähnt die Begründung eines eigenen Friedhofs für die Fürther Juden. Es ist der heute als Alter Friedhof bekannte, der geschätzten 20.000 Begräbnissen diente. Von diesen sind verschiedenen Quellenangaben 6000 oder 8000 Grabsteine erhalten. Ein auf Poster-Format vergrößertes altes Foto am alten Friedhof in Fürth zeigt den Grabstein des R Anschel Sohn des R. Jekutiel mit der Notiz  המצבה ראשון (ha-matzewa rischon), „der erste Grabstein“, jedoch ist das Datum nach נפטר (niftar) „gestorben am“ in der Schlusszeile der vergrößerten Abbildung nicht erhalten …

Zehn Jahre später, 1617 wird eine Synagoge gebaut die später „Altschul“ heißt und nach nun immerhin hundertsiebzig Jahren seit 1440 tatsächlich die erste in Fürth gewesen sein soll. Doch bereits im Jahr darauf begann der sog. 30jährige Krieg in dessen Folge Fürth von Kriegerischen Auseinandersetzungen nicht verschont blieb, etwa 1632 als es zwischen den Truppen Wallerstein und Gustav Adolfs zur „Schlacht an der Alten Veste“ (alternativ auch Schlacht bei Fürth, bei Nürnberg, bei Zirndorf genannt) kam. Als „der Krieg“ im Jahre 1648 endet wird die gesamte Bevölkerung von Fürth auf 800 Menschen geschätzt. Was die Fürther Juden damals machten? 1653 jedenfalls muss es Bedarf für ein jüdisches Krankenhaus gegeben haben, worunter man sich wohl kein „Haddasa“ oder „Mount Sinai Hospital“ vorstellen muss. 1670 gibt es einen Zuzug vieler Juden aus Wien und bald darauf wird eine Talmudschule erwähnt und damit beginnt in etwa die greifbarere Geschichte des jüdischen Fürth mit einzelnen Biographien, Gelehrten, Plätzen, Beziehungen in einem erkennbaren Kontext. Als um 1700 Fürth geschätzte 6000 Einwohner hat, sind verschiedene Schulen (Synagogen) nachweisbar und פיורדא „das jüdische Fürth“ wurde nun weit überregional bekannt und zog zahlreiche Gelehrte und Studenten aus anderen Gegenden an.

היום לא צריך בלעט לקבל קפה בפיורדא

Diese bildeten spezifische Eigenheiten heraus, wie man sie etwa 1728 bei Andreas Würfel nachlesen kann oder fundierter in den 73 Seiten umfassenden  1767 bei Chaim Zvi ben Hirsch 1767 gedruckten הספר מנהגי ק ק פיורדא über die Gebräuche der Heiligen Gemeinde Fürth für das ganze Jahr, die in zahlreichen Details eine bedeutende Variante zu den „Minhagim Aschkenas“ darstellen. Da hierfür die Erfordernisse der halachischen Anwendung heute aber freilich längst entfallen sind, sind dies allenfalls geschichtlich relevante Einzelheiten, welche die gegenwärtige Definition von „Jüdischkeit“ nicht wesentlich beeinflusst. Es genügen in aller Regel Schlagworte wie „bedeutender Rabbiner“, „Synagoge“, „Matrikel“, „Mikwe“, „Mesusa“ und dergleichen. Symbole treten immer erst anstelle einer verlorenen Funktion.

Die zweiteilige „historische Nachricht von der Judengemeinde in dem Hofmarkt Fürth“, von Andreas Würfel gedruckt in Frankfurt am Main und Prag im Jahre 1754 gibt eine bereits recht anschauliche Beschreibung der damaligen jüdischen Gemeinde und ihrer Infrastruktur.

Von den öffentlichen Gebäuden, welche sich zu Fürth auf dem Schul-Hof befinden: Auf dem großen Platz, wo die Hauptschule steht, befinden sich außer der neuen Kahls Schule noch verschiedene Kahls-Häuser (= öffentliches oder Gemeinde-Haus ) angebaut. Zur solchen Gebäuden allen, hat der Herr Domprobst den Terrain sonder Entgelt, an die Juden überlassen. In einem solchen Kahls-Haus wohnt der Hauptrabbi, ein anderes besitzt der Juden-Doktor, der Vorsinger genießt auch ein Kahls-Logis „ Die Kahls-Stube dient nicht als Wohnung sondern als Versammlungsort der Parnassim. Dort liegen auch die Kahls-Bücher aus, in welchen z. B. Einnahmen und Neuankömmlinge eingetragen werden. Man könnte hier also von einer Gemeinderegistratur sprechen. Würfel kritisiert, dass sich Parnassim wie Elkana Fraenkel und sein Bruder Hirsch Fraenkel, der in Ansbach Rabbiner war, in ihren Ämtern „viele Fehler zu Schulden“ haben kommen lassen: „Der Rabbi hatte eigenhändig ein Buch von Geister- und anderen Beschwörungen, Segenssprüchen und Lästerungen wider das Christentum zusammengeschrieben. Nachdem er eine Zeitlang in Ansbach im Gefängnis saß, wurde er 1713 … von dort nach Schwabach zum ewigen Gefängnis gebracht.“ Spätestens da, so darf man vermuten, war er wohl von allen (guten wie bösen) „Geistern“ verlassen.

Würfel berichtet weiter von der Einrichtung der Blatt-Stuben, so benannt nach Zetteln, die über Schabbes Aufenthalt (und Verköstigung) für Reisende und Arme in der Stadt gewährleisten: Auf der Blätten-Stuben, als einem öffentlichen Gebäude, werden Freitag den Armen, Bläten oder quartier-Zettel ausgeteilt, diese Zettelein sind ganz klein, etwa einen Daumen breit und nicht gar so lag. Darauf steht gedruckt „בלעט שני ימים ולא יותר“ Blättlein auf zwei Tage und nicht länger. Das aber mit diesen Blätten keine Schalkung vorgehen kann, so wird zuerst in der Blätter-Stube der Name desjenigen, welcher den Armen oder Fremden halten soll, über das Gedruckte geschrieben. Unter das Gedruckte wird aber wird der Tag des Monats und das Jahr angezeichnet, in welchem es abgelangt worden ist.“

Das bedarf in heutiger Zeit, wo man als Jude ohne weitere Schwierigkeiten in Fürth nach Belieben einreisen und verweilen kann, einer Erklärung. בלעט (blet) oder בלאט (blat) meint Blatt oder Zettel, in diesem Fall sinngemäß aber „Gutschein“. Damit keine „Schalkung“ (heißt nach Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart von 1786 „Zusammenfügung“ und hat nichts mit Schalke 04 zu tun)  getrieben wird, d.h. um eine Mehrfachverwendung auszuschließen, wird über dem Zettelvordruck Name und Datum vermerkt. Würfel bildet ein (etwas merkwürdiges) Beispiel ab:

Über dem oben bereits zitierten „Blet für zwei Tage und nicht länger“ steht hier nun „ר’ חזיר“ , das Würfel zwar richtig als „R. Chasir“ transkribiert, aber nicht übersetzt. Das ist etwas rätselhaft, lässt es doch mitunte unterschiedliche Schlüsse zu, da חזיר das hebräische Wort für Schwein ist und eine Person namens „Rabbi Schwein“ wohl auch in Fürth kaum vorstellbar ist. Das Datum darunter ist 11. Tewet 511, was Freitag 28. Dezember 1750 entspräche.   

Der oben erwähnte “Schulhof” existiert heute nur noch namentlich, auf alten Abbildungen oder erläutert auf einer Stationstafel der “Fürther Jubiläumsmeile” (wohl aus dem Jahr 2007) die ihn als „geistigen Mittelpunkt“ der Fürther jüdischen Gemeinde definiert:

Auf der Tafel ist zu erfahren: „Die jüdische Bevölkerung besaß in Fürth besondere Rechte, die es nirgendwo sonst in Deutschland gab.“ Welche besonderen Rechte das sein gewesen sein sollen und auf welche Zeit und welches “Deutschland” sich das beziehen soll, zumal es Deutschland (als Staat) erst ab 1871 gibt und prominente Teile des heutigen Deutschlands bis 1806 etwa zu Österreich gehörten, bedarf wohl einer Erläuterung. Auf das Jahr 1938 freilich bezieht es sich aber offensichtlich nicht: Die vier Synagogen zu denen auch die genannten “Altschul” und “Neuschul” gehörten, wurden wie der gesamte Hof mit allen umliegenden Häusern zerstört, der Formulierung gemäß sogar in einer einzigen Nacht.

Heute erinnert im Hof – nun umgeben von (wahrscheinlich blatt-losen) Wohnhäusern die auch stilistisch nicht zur Fürther Altstadt passen wollen – das Denkmal eines japanischen in Fürth lebenden Künstlers, das eine Art bräunlichen Kaktus zeigt. Er steht für die jüdische (Vor-)Geschichte des Platzes, umrandet von einer deutschen und hebräischen Inschrift. Der Platz selbst dient als einer der Schauplätze des zwei mal im Jahr veranstalteten “Grafflmarkt” (graffl = Gerümpel).

Fürth nennt sich gerne das “fränkische Jerusalem” und wegen seines früher hohen jüdischen Bevölkerungsanteils von einem Fünftel bis einem Viertel (selbst 1910 noch 4 %) wurde von den Nazis als solches verspottet – das benachbarte Nürnberg bewarb man als “deutscheste alle deutschen Städte”. Der Terminus selbst beruht wohl auf einer Fehldeutung, da mit einem “fränkischen Jerusalem” in der Geschichtsschreibung eigentlich das tatsächliche Jerusalem zur Zeit der Kreuzfahrer (1100 – 1290) gemeint ist und nicht Fürth, das in jener Zeit bestenfalls eine Ansiedlung von drei Gehöften aufwärts war. Die Kreuzfahrer nannten ihre Eroberungen in Israel schließlich dann auch Königreich Jerusalem (Regnum Hierosolimitanum) und nicht “Palästina” wie manche heutigen Zeitgenossen sicher gern geneigt wären zu glauben. Heute ist es ein “Publicity-Gag”, obwohl es seit 1946 eine neue jüdische Gemeinde in Fürth mit aktuell etwa 600 Personen gibt.

Synagogue of Fuerth, due to a fire on Yom Kippur (!) this year currently renovated …

… while the Old Jewish cemetery of Fuerth neglected for decades in larger parts equals a jungle with head-high stinging nettles where overthrowing massive trees endanger grave markers als well as visitors …

Fuerth, which in 2007 had the millenary celebration of its first mentioning in a deed by emperor Henry II who then had given away some property called Furti (small ford, watersplash) only in 1440 has records of Jews. Until the onset of 17th century however only every once and a while there are some single Jews mentioned in Fuerth. Two were allowed to settle in 1528, another one is mentioned two generations later, and so on. But soon there is a higher number of synagogues and a growing Jewish community with prominent scholars, book prints and Talmud schools, which established the reputation of Jewish Fuerth as one of the major Jewish centers in German speaking countries  during 18th century. At times Jews made almost a quarter of the whole population of the city – which of course was a smaller one. Today there are many places were the City of Fuerth commemorates the past Jewish history. Places of former synagogues, the Schulhof which had four of it, the old cemetery, a Jewish Museum with book store and cafeteria, … and on the other side there is a small Jewish community of some 600 people (with a nice “old school” synagogue), mainly from Russia who contrary to the *usurpation* of Jewish history’s remnants by gentiles preserve the long established tradition of Jewish otherness … As in former times Christian preachers taught the Jews their interpretation of the Bible, Christian laymen and -women now teach them their understanding of (reform?) Judaism.  

אַז אַ נאַר גייט בייַ די שוק די קרעמער פייַערן פּורים

to be continued

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