Jahrzeit für Rabbi Samson Wertheimer

August 11, 2017

Rabbi Samson Wertheimer  Jahrzeit 17. Aw (= Todestag, Gedenktag)

Der erstgeborene Sohn von Samson (Schimschon) Wertheimer war Schimon Wolf Wertheimer, der als Gesandter des polnischen Königs in Pfersee und Augsburg lebte und Hoffaktor in München war, wo aus seiner Familie die moderne jüdische Gemeinde  Münchens hervorging. Schimon Wolf Wertheimer ist am jüdischen Friedhof von Pfersee/Kriegshaber begraben, wie zahlreiche Angehörige der Wertheimer-Familie.

Mehr Info: https://www.bod.de/buchshop/das-haus-der-drei-sterne-yehuda-shenef-9783743100695

 

http://www.ojm.at/wertheimerhaus/bild01/

 

Rabbi Samson Wertheimer

 Jahrzeit 17. Aw (= Todestag, Gedenktag)

Rav Samson Wertheimer wurde 1658 in Worms geboren. Er lernte in den Jeschiwot von Worms und Frankfurt und heiratete 1684 eine Tochter des Rabbiners von Mannheim. Durch deren Verwandten Samuel Oppenheimer (1630-1703), des einflussreichsten Hofjuden am Wiener Hof, kam Rav Wertheimer nach Wien, das nach der Vertreibung der Juden aus Wien im Jahr 1670 nur Juden das Wohnrecht gestattete, an denen der Staat großes Interesse hatte. Er wurde bei Hof als Mitarbeiter Oppenheimers eingeführt und führte in dessen Abwesenheit die Geschäfte als Finanzier und finanzieller Berater des Kaisers Leopold I. Der Kaiser hielt so große Stücke auf Rav Wertheimer, dass sie eine enge Beziehung entwickelten, von der beide immens profitierten. Rav Wertheimer war von 1694-1709 der de facto Finanzminister der Kaiser Leopold I, Joseph I und Karl VI und wurde von Leopold I auch auf diplomatische Missionen entsandt. Er unterstützte die österreich-ungarischen Habsburger im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714).

Sein Organisations- und Verwaltungstalent erweiterten u.a. den Salzhandel für den Kaiser und Rav Wertheimer wurde zu einem der reichsten Juden seiner Zeit. 1712-1722 finanzierte er den Druck des Talmuds in Frankfurt unter der Aufsicht seines Schwiegersohnes Moses Kann und nutzte seinen Einfluss, die Verbreitung des antisemitischen Werkes Johann Eisenmengers anfänglich zu unterdrücken.

Es wurde ihm trotz allem verwehrt, in Wien eine jüdische Gemeinde zu gründen und er wurde Rabbiner im 60 km entfernten Eisenstadt, wo sein Palais, in dem auch die Synagoge war, noch heute zu sehen ist. Er nahm den Titel „Landesrabbiner von Ungarn“ an, doch es wurden ihm viele andere rabbinische Ehren angeboten, die er ablehnte. Er hatte den Ruf eines Talmid Chacham (Toragelehrter), dem halachische Fragen angetragen wurden und dessen Schriften zu Tora, Midrasch und Kabbala als Handschriften erhalten sind.

Er starb 1724 in Wien.

 

Text vom aktuellen “Daf Paraschat HaSchawua

zum Dwar Tora der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland http://www.ordonline.de


750 Jahre deutsch-jüdische Familiengeschichte(n) in Böhmen und Schwaben

May 21, 2015

JHVA Vortrag 66 Sudetentag Augsburg 2015 jüdisch-deutsche Familiengeschichte Jewish German family history

Am 23. Mai im Augsburger Messezentrum, Halle 3, 15 Uhr 30, gibt es einen Vortrag zur Jahrhunderte alten Verbindungen schwäbischer und böhmischer Juden.

Seit dem Mittelalter bis zur Neuzeit gab es einen regen Austausch von Juden in Böhmen und Schwaben, insbesondere zwischen den Zentren Prag und Augsburg/Pfersee (Kriegshaber). Daraus resultierten zahlreiche Familienverbindungen mit prominenten Rabbinern und Gelehrten. Erhalten sind u.a. noch historische Kochrezepte aus dem Jahr 1699 oder als Geruchsprobe der einst berühmte Kriegshaber Duft …

Das jüdische Geschichte immer Familiengeschichte ist, wird auch hier besonders deutlich. Der Vortrag führt ein in die grundsätzlichen Voraussetzungen und Anzeichen für enge Verbindungen, die zu den bedeutendsten des europäischen Judentums gehören und viel mehr Substanz beinhalteten als allgemein bekannt ist und längst nicht nur prominente Familien wie die Ulmo, Oppenheimer und Wertheimer betrifft.

Der Vortrag findet statt im Rahmenprogramm des 66. Sudetendeutschen Tages in Augsburg.

Neben dem Vortrag wird der JHVA in Halle 5 auch noch mit einem eigenem Stand vertreten sein, wo als besonderes Highlight unter anderem auch nach historischen Vorbildern maßgeschneiderte jüdische Hoffaktoren-Gewänder zu sehen sind (Barock, Rokoko und Biedermeier).

Wir freuen uns auf die Begegnung und das offene Gespräch mit den Gastgebern und Besuchern.

Simon ben Sanwil Ulmo Pfersee 1645 - 1720 Yehuda Shenef (Yehuda Shenef)

היסטוריה המשפחתית יהודית בבוהמיה ושוואביה

Jewish family history in Bohemia and Swabia

židovská rodina historie v Čechách a Švábsku

Еврейская история семьи в Чехии и Швабии

אידישער משפּחה געשיכטע אין בעהמן אונד שוואבן

قصص عائلة يهودية في بوهيميا وسوبيا

judovski družini Zgodbe na Češkem in Švabske

Histoires familiales juives en Bohême et en Souabe

storie familiari da ebrei in Boemia e Svevia

Ættfræðiheimildir gyðinga í Bæheimi og Swabia


Pour un peu mieux que d’habitude

December 5, 2014

François Wertheimer – Pour un peu mieux que d’habitude (1974)

 לפני 4O שנים

Sans attendre un matin
au soleil incertain,
mêlons déjà nos solitudes
pour un peu mieux que d’habitude

Je sais bien que demain
sur un nouveau chemin
mêlons déjà nos inquiétudes
pour un peu mieux que d’habitude

A notre regret le temps
le temps perdu sans même le temps
prendrons même d’autres latitudes
pour un peu mieux que d’habitude
nous prendrons même le temps
qui nous attend depuis longtemps
nous garderons nos certitudes
pour un peu mieux que d’habitude

Sans attendre un matin
au soleil incertain
mêlons déjà nos solitudes
pour un peu mieux que d’habitude
nous prendrons notre temps
qui nous attend depuis longtemps
nous garderons nos certitudes
pour un peu mieux que d’habitude

Et même si l’on dort
aux premiers boutons d’or
nous oublierons nos habitudes
pour un peu mieux …

 


Simon Wolf Wertheimer

October 17, 2014

Anlässlich des Festaktes zu 60 Jahre Bezirk Schwaben nochmals im Rokoko Gewand des Simon Wolf Wertheimer aus Pfersee, Augsburg und München, gestern im Gögginger Kurhaustheater in Augsburg, wo Kostüme nicht schlecht aufgehoben sind.

Yehuda Shenef Kurhaustheater Augsburg Goeggingen Oktober 2014 - Simon Wolf Wertheimer

As 17/18th century court Jew Simon Wolf Wertheimer (Pfersee/Augsburg/Munich) at “Kurhaus-Theater” Augsburg Goeggingen.

Kurhaustheater Göggingen Säulen

Kurhaustheater Augsburg Göggingen

Kurhaustheater Augsburg Goeggingen

Kurhaustheater Göggingen Augsburg Yehuda Shenef Claudia

Kurhaustheater Augsburg

 


Am Schwabentag in Friedberg / Bayern

September 30, 2014

Kiddusch Yehuda Shenef 2014 Friedberg Schwaben Tracht Rokoko

Kiddush at Schwabentag in Friedberg near Augsburg

בדרכו של שמעון ורטהיימר

the suit is Rococo style (1750s) as it was worn by court Jews like Shimon Wolf Wertheimer (Pfersee/Augsburg/Munich) – tailored for the Bezirk von Schwaben by master tailor Margit Hummel ->:  http://trachtenschneider.wordpress.com 

Schwabentag 2014 Friedberg Yehuda Shenef

Yehuda Shenef and Lady Barbara Friedberg Schwabentag 2014 Rokoko

Schuhplatteln Bayern Schwabentag Friedberg 2014

Schuhplattler (“shoe clapping” / traditional Bavarian and Austrian folk dance)

ריקוד בוואריה מפורסם – למכות את נעלים

Friedberg Schwabentag 2014 Chor Apfelbaum

Schwabentag Friedberg 2014 Präsentation Rokoko Trachten Yehuda Shenef Monika Höde Barbara

Präsentation der Rokoko-Gewänder durch Monika Höde von der Trachtenberatungsstelle des Bezirks Schwaben

 


Die Unterstützung jüdischer Siedler – support for Jewish settlers

July 16, 2014

„Ägypten. Der Bau der protestantischen Kapelle schreitet rasch vorwärts. Einstweilen ist ein Haus gemietet; die anglikanische Liturgie ist ins Hebräische übersetz und gedruckt worden, und der Missionar Nikolapson sieht täglich etwa 4000 Juden in dem von ihm seinem Gehülfen Pieritz geleiteten Gottesdienst, von denen sich etwa 100 zum Christentum bekennen. Auch von der englischen Religionsgesellschaft ist bereits ein förmliches Institut für Konvertiten eingerichtet, und man will ein hebräisches Gebetbuch herausgeben.

Daneben strebt man unablässig, Palästina durch jüdische Einwanderungen zu kolonisieren. Der englische Konsul bemüht sich, die Juden für den Anbau des Landes ihrer Väter, unter Begünstigung von Seiten Mohamed Ali’s, zu gewinnen, und es sind für fremde Einwanderer bedeutende Qualitäten Feld gekauft worden. Es soll irgendwo ein talmudischer Ausspruch sein, dass wenn im heiligen Land wieder 25.000 jüdische Einwohner sein würden, diejenigen Gesetze und Einrichtungen wieder in Wirksamkeit treten müssten, welche zu jener Zeit galten, als Palästina noch ein jüdischer Staat war.

Die Rabbiner in der Türkei arbeiten dahin, durch Kolonisierung des heiligen Landes diese volle Zahl herbeizuschaffen, was auch wirklich durch den kräftigen Schutz Englands nicht schwer wird. Einige reiche Juden in London und Italien gehen damit um, in Jerusalem und einigen anderen bedeutenden Städten Palästina’s unter englischen Schutz Faktoreien und Fabriken anzulegen. Die englische Regierung hat in Jerusalem einen Vizekonsul für ganz Palästina angestellt.“

Der recht interessante Artikel findet sich in der “Augsburger Postzeitung“, No. 148 vom Mittwoch, den 27. Mai 1840. Rund 20 Jahre vor der Theodor Herzls Geburt im ungarischen Pest, und 55 Jahre vor seinem “Judenstaat“, wird hier recht eindeutig für die erneute und verstärkte jüdische Besiedlung Israels geworben. Christen aus England, die durchaus auch missionarische Motive haben, sehen aber trotzdem als eigentlichen Zweck, die Wiedereinsetzung alten biblisch-talmudischen Rechts im Vordergrund. Schwäbische Juden der Familien Ulmo und Wertheimer aus Pfersee und Kriegshaber verfolgten bereits seit dem 16. Jahrhundert eine organisierte Einwanderung nach Israel. 1838 gab es auch in England erstmals ernst zunehmende Unterstützer.

Siehe auch: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/pageview/106400

 

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Augsburg Synagoge Yehuda Ruven

An article by the “Augsburger Postzeitung” from May 1840 reports from the ongoing effort to colonize  and support Jewish settlers in Israel (“Palestine”), 55 years before Herzls “Judenstaat” was written (1904/5). Although the Anglican Christians  have clear missionary motifs as well, their actual focus was the reinforcement of Talmudic laws in the historical land of the bible. Without doubt they supported Jewish settlers, what of course can be a shining example for Christians in England, Germany and elsewhere in the world, some 175 years later, today. Don’t hesitate, it’s your better tradition.

 


JHVA wordpress Bilanz 2013

January 3, 2014

jhva wordpress jahresrückblick 2013 a

Was sich gegen Ende des Jahres 2012 bereits abzeichnete, setzte sich im Laufe des Jahres 2013 weitgehend fort: acht Mal lag die Zahl der Seitenaufrufe über der Marke von 10.000, zwei Mal knapp darunter und im Oktober wurde mit 12.440 ein weiterer Rekordwert erzielt.

jhva wordpress jahresrückblick 2013 b

Die Statistiken von WordPress geben weiteren Aufschluss, etwa über die Herkunft der Besucher unserer Seiten, die aus 120 Ländern stammten. Alleine 8115 Besucher kamen aus den USA, 2689 aus Österreich … 1477 aus Israel, 930 aus Canada, 873 aus Frankreich, … immerhin 125 aus Japan, 113 aus der Türkei, je ganze 50 aus Indien und Taiwan, … 29 mal wurde der Weblog in Indonesien aufgerufen, genauso oft in Hong Kong, 17 mal in Singapur, 13 mal in Ägypten und sogar 12 mal in Saudi Arabien, das nicht gerade im Fokus schwäbisch-jüdischer Geschichte  liegt. Ganze 10 mal besuchte man uns auch aus den sog. „Palestinian Territories“, ebenso oft wie aus Island, Qatar, Malta, Pakistan, Peru … aber auch einige wenige Syrer hatten Zeit für den Weblog des JHVA, so wie Leute aus Andorra, Uganda, der Mongolai, Panama, Lybien, Kuwait oder Barbados, von den Faroer Islands, Réunion, Aruba, …

Lediglich in Zentral-Afrika, auf Kuba und im Iran hat man offenbar kein Interesse an Pfersee, Kriegshaber, Ber Ulmo, den Wertheimers und Obermayers, den Datschis, Judenhüten, hebräischen Grabsteinen und Kirchhöfen, aber … das muss nichts heißen und ist vielleicht nur der Zensur geschuldet. Immerhin kamen 2013 nun erstmals auch Besucher aus der zuvor verschlossenen Volksrepublik China und einige mehr sogar aus Myanmar, während Besucher aus dem Vatikan fast monatlich verzeichnet werden. Wenn man bedenkt, dass der Vatikan offiziell nur ein paar hundert Einwohner hat, sind 2 oder 3 Besucher von dort im Monat gar nicht schlecht, wenigstens vom prozentualen Standpunkt.

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jhva site views 2006-2013

In 2013 our weblog had about 127.000 site views (a plus of 23 % from 2012, 76 % more than 2011!) and visitors of 120 countries, among them many Muslim countries, Pacific Islands, even from South Africa or currently also from mainland China … which however actually are not in the focus of our occupation with Jewish history in Bavarian and former Austrian Swabia. But never mind, we appreciate that!

So have many thanks and be welcome in 2014 as well.


Zu Besuch in Braunau am Inn

September 19, 2012

Braunau, eine kleine Stadt am Ufer des Inns, ist weltweit bekannt als Geburtsort von Adolf Hitler, dessen Name „wie ein Fluch“ auf dem kleinen Ort liegt. Trotz aller Bemühungen lokaler Historiker und Image-Strategen wird sich an der Außenwahrnehmung des Ortes auch nichts ändern. Heute hat Braunau nach zahlreichen Eingemeindungen etwa 16.000 Einwohner. Am anderen Ufer des Inns liegt das bayerische, aber weithin unbekannte Simbach.

Auch Braunau war den größten Teil seiner Geschichte bayerisch. Die älteste bekannte urkundliche Erwähnung datiert etwa 900 Jahre zurück. Im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges geriet Bayern und damit auch das bayerische Innviertel unter österreichische Besatzung. Während der bayerische Kurfürst Max Emanuel ins Exil nach Brüssel ging, rebellierte die ländliche Bevölkerung gegen hohe Abgaben und Zwangsrekrutierungen der Habsburger. Es gab eine Reihe von Gemetzeln, wie etwa die berüchtigte „Sendlinger Mordweihnacht“, bei der am Tag des christlichen Weihnachtsfest des Jahres 1705 (bei 40 getöteten kaiserlichen Soldaten) rund 1.100 Aufständische massakriert worden sein sollen. Überliefert ist der Kampfruf „Lieber bayrisch sterben als österreichisch verderben!“ Andererseits hatte die Auseinandersetzung wohl auch markant provinzielle Züge. Eine ebenfalls Ende Dezember 1705 in Braunau am Inn tagende Versammlung, wurde als „Braunauer Parlament“ bekannt und appellierte an die eigenen Leute, dass vermögende Bauern ihre Söhne nicht mehr vom Dienst an der Waffe freikaufen dürften, um die Armen in die Schlacht zu schicken. Eine zeitgenössische politische Karikatur verspottet „das Rebellische bayerische Parlament zu Braunau“ deshalb auch als eine eher derbe Wirtshausversammlung auf der auch Schweine und kackende Hunde ihren Anteil nehmen dürfen:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Braunauer_Parlament_Spottbild.jpg&filetimestamp=200711

Die Geschichte unterstreicht dennoch den Aufstand der bayerischen Bevölkerung gegen die österreichische Besatzung. Mit dem „Frieden von Teschen“ im Jahre 1779 gelangte das Inn-Viertel und damit auch Braunau nun aber doch in österreichischen Besitz. Vorausgegangen waren Auseinandersetzungen zwischen Bayern und Österreich im bayerischen Erbfolgekrieg, der weil nicht viel passierte auch als „Kartoffelkrieg“ oder „Zwetschgenrummel“ verlacht wurde.

Am 26. August 1806 wurde in Braunau der aus Schondorf stammende und in Nürnberg wirkende Drucker Johann Philipp Palm (1776-1806) auf Anordnung von Napoleon erschossen. Palm hatte im Frühjahr 1806 in Nürnberg ein Pamphlet mit dem Titel „Deutschland in seiner tiefsten Not“ gedruckt und verteilt, welches zum Widerstand gegen die französische Fremdherrschaft und Besatzung aufrief und unfähige und korrupte deutsche Politiker anprangerte. In Augsburg gelangte die Schrift in die Hände der Franzosen, die sofort nach dem Drucker und Autoren der Schrift fahndeten. Zunächst blieb die Suche erfolglos, da Palm sich ins damals preußische Erlangen abgesetzt hatte. Als er jedoch wieder heimlich nach Nürnberg zurückkam, wurde er wegen der Belohnung verraten und zum Tode verurteilt. Palm beteuerte seine Unschuld, woraus man schließt, dass er nicht der Verfasser der Schrift war. Da dieser sicher auch mit der Todesstrafe rechnen konnte, nannte er keine Namen. Aber auch nach seiner Hinrichtung meldete sich niemand, um die Autorenschaft der Schrift zu beanspruchen. Palm wurde am 22. August ins österreichische, aber von Franzosen besetzte Braunau am Inn überführt und dort Tage später öffentlich erschossen. Den Beschreibungen gemäß waren die ersten beiden Schussreihen nicht tödlich, weshalb es einer dritten bedurfte. 1866 errichtete man in Braunau ein Denkmal für Johann Philipp Palm, der auch in seiner Geburtsstadt als „deutscher“ Märtyrer“ verehrt wird. Seit einem Jahrzehnt gibt es dort einen mit einem stattlichen Preisgeld von 20.000 Euro ausgestatteten „Johann-Philipp-Palm“-Preis für Verdienste um Meinungs- und Pressefreiheit.

Im Jahr zuvor, 1865 erhielt Braunau, durch den Agrarökonom und Gutsbesitzer Ferdinand Wertheimer im benachbarten Ranshofen einen Anschluss an das Eisenbahnnetz. Er war der größte Arbeitgeber am Ort und hatte mit der Eisenbahn, dem fortschrittlichen Landbau und seinen Viehzüchtungen am Aufschwung der Region maßgeblichen Anteil. Ab 1867 vertrat Wertheimer den Umkreis als Abgeordneter im Oberösterreichischen Landtag wie auch als Mitglied des Landesauschusses. Am 21. September 1883 verstarb er in Linz. Sein Leichnam wurde nach Augsburg überführt und am jüdischen Friedhof von Pfersee und Kriegshaber bestattet.

Wenige Jahre später, am 20. April 1889 wurde abends gegen halb sieben Adolf Hitler in der obersten Etage des Gasthaus „ Pommer“ (Name des Wirts, später: „Hirsch“), Hausnummer 15 (früher Haus 19, bzw. 219) in der Straße „Salzburger Vorstadt“ geboren. Dort bewohnte die Familie des Grenzbeamten eine kleine Wohnung mit Loggia auf der Hofseite. Der Zeitpunkt der Geburt, in der Abenddämmerung des Karsamstags markiert in der christlichen Überlieferung den Beginn der sog, „Osternacht“, die auch als „heiligste“ oder die „Nacht der Nächte“ bezeichnet wird und von wachenden frommen Christen mit Gebeten verbracht wird, um den Übergang vom Tod zum Leben zu begleiten. Zwei Tage später, also am Ostermontag, nahm Ignaz Probst die katholische Taufe vor. Die Ansicht, dass die Taufe in der Schlosskapelle des Wertheimer Gutshof in Ranshofen vorgenommen wurde, stimmt nach Angaben von Manfred Rachbauer (Bezirksmuseum Braunau), der die Unterlagen eingesehen hat, nicht.  Jedoch heißt es bei Gerald Lehner (Egon Ranshofen-Wertheimer und Leopold Kohr, Mit der Washington Post gegen die Nazis,Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1995, S. 62-75): „Leopold Kohr erinnert sich: “Besonders gespenstisch für Egon war, daß in der Kapelle des Gutes Ranshofen einst ein Baby auf den Namen Adolf getauft worden ist, eben Hitler.” Das erhaltene „Taufschein und Geburtszeugnis“ des „Adolfus“ (!) ist auf den 12. November 1924 datiert und natürlich kein Original. Da Hitler bis zum 20. Dezember 1924 in Landsberg im Gefängnis war, ist es fraglich, zu welchem Zweck die Urkunde sechs Wochen vorher in Braunau eigentlich ausgestellt wurde.  Obwohl auch nicht klar ist, warum Hitlers Eltern für die Taufe ihres vierten Kindes den Weg zur etwa 3.5 km entfernten Schlosskirche in Ranshofen bevorzugt haben sollten, wo doch die Stadtkirche St. Stephan mit dem markanten „Stefferl“ – Turm nur knappe 300 m entfernt war, ist eine Taufe Adolf Hitlers in Ranshofen wohl nicht gänzlich auszuschließen. Da Hitler 1924 aber bereits allseits bekannt und Ranshofen aber noch im Besitz der Wertheimer war, ist es denkbar, dass ein solcher Zusammenhang nun nicht mehr opportun gewesen sein könnte.

: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/ce/Bundesarchiv_Bild_183-1989-0322-506%2C_Adolf_Hitler%2C_Kinderbild.jpg

Adolf Hitlers Vater war der 1837 geborene Alois Hitler (eigentlich Hiedler = Hütler, also „Hutmacher“), der bis 1876 noch den Namen Schicklgruber trug. 1885 heiratete er in bereits dritter Ehe seine bedeutend jüngere und schwangere Cousine Klara Pölzl (geb. 1860). Wegen des engen Verwandtschaftsgrades bedurfte die katholische Ehe der Zustimmung des Vatikan, die das Paar erhielt. Fluch oder Segen – die ersten drei Kinder der Hitlers starben noch vor der Geburt des Adolf. Sein 1894 geborener Bruder Edmund starb im Jahr 1900 als Adolf fast elf Jahre alt war. Neben ihm selbst überlebte nur seine Schwester Paula ihre Kindheit. Obwohl der Ort allgemein mit Hitler assoziiert wird und auch Schaulustige aus Fernost anlockt, verbrachte Hitler bis 1892 doch nur die ersten drei Lebensjahre in Braunau. Die Familie zog häufig um, landete im bayerischen Passau ebenso wie in Linz und Steyr.

coat of arms of Braunau at river Inn  

Im März 1938 wurde Österreich durch den „Anschluss“ Bestandteil des „Deutschen Reichs“, ein halbes Jahr später sodann Ranshofen nach Braunau eingemeindet. Etwa zur selben Zeit erwarb Martin Bormann (1900-1945), Kanzleichef und privater Vermögensverwalter von Hitler für 150.000 Mark das Haus der Familie Pommer, die offenbar nur unter Zwang verkauften. Im Gasthof wurde nun eine „Volksbücherei“ eingerichtet (was an der Fassade des Hauses noch zu lesen steht) und das Gebäude als Hitlers „Geburtshaus“ vermarktet.

Am 2. Mai 1945 wurde Braunau von US-Truppen erobert. Nazis versuchten Berichten gemäß das Haus zu sprengen, was Ihnen aber wie der Ausgang des Krieges insgesamt misslang. Die US Army richtete nun eine Ausstellung über die deutschen Konzentrationslager ein. 1952 wurde das Haus an die früheren Besitzer zurückgegeben. In einem Lager, das bislang zur Internierung alliierten Kriegsgefangenen diente, wurde nun ein DP-Lager für KZ-Überlebende eingerichtet.

http://www.dpcamps.org/Braunau1914.jpg

Im März 1989, kurz vor Hitlers 100. Geburtstag wurde ein Mahnstein „gegen Krieg und Faschismus“ vor dem Geburtshaus aufgestellt. Der Stein trägt die etwas oberflächliche Inschrift: „Für Frieden Freiheit und Demokratie, nie wieder Faschismus, Millionen Tote mahnen“. Eine weitere Inschrift auf der anderen Seite (müßig, welche als Vorder- oder Rückseite interpretiert werden soll) bekundet das Objekt als einen „Stein aus dem Konzentrationslager Mauthausen“. Die Distanz von Braunau wären mindestens etwa 125 km, wohingegen die zeitliche Distanz nach 1945 es zulassen sollte, mittlerweile doch von einem ehemaligen Konzentrationslager zu sprechen. Wiederholte Bestrebungen im Haus ein „Hitler-Museum“ zu errichten, scheiterten aber am Widerstand der Einheimischen. Was hätte man dort auch ausstellen können? Zeitgenössische Windeln, Wiegen oder typisch oberösterreichisches Spielzeug für Kleinkinder des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts? Zuletzt beherbergte das jetzt leer stehende Haus jedoch eine Werkstadt für Behinderte, was im Kontext zweifellos auch eine denkwürdige Widmung darstellt.

Unlängst wurde „das Geburtshaus“ mit einer Pappfigur dekoriert, die den anderen Braunauer darstellt, der allein wegen seines Bartes zum Markenzeichen des Ortes wurde. Die Rede ist vom 1567 verstorbenen Hanns Staininger, der viele Jahre Stadthauptmann in Braunau war. Sein angeblich dreieinhalb Ellen langer Bart war selbst für  Kaiser Anlass genug, ihn zu öffentlichen Festen und Empfängen einzuladen, wo ein Diener zu jeder Seite den halben Bart getragen haben soll. Hitlers nur etwa daumengroßer von Charlie Chaplin abgekupferter Bart fiel dagegen sehr minimalistisch aus. Nicht auszudenken, wenn Hitler sich an das historische Vorbild Stainingers gehalten und seine Anhänger es ihm gleichgetan hätten.

Das tun stattdessen in gewisser Weise die Braunauer von heute, da Steininger einem hier und da begegnet, nicht nur als Figur neben dem „Geburtshaus“, sondern auch an der Fassade des Rathauses. Sein Grabstein, der nur ihn selbst mit langem Bart darstellt befindet sich an der Außenwand der Kirche, wo man nachlesen kann, dass der „fürsichtig, ersam und weis Hanns Steininger gewester Bürger und des Innern Raths allhie zu Braunau entschlafen war“ und dass mit ihm die „ersam tugendhafte Catharina Siedlerin, seine ehelich Hausfrau“ 1570 starb, wohl hoffnungsvoll: „Gott der Herr wolle ihnen und allen verleihen eine freudenreiche Auferstehung“. Eine solche erstrebt der Ort, der unter dem Hitler-Erbe leidet.

Image-Kampagnen verkünden die vielleicht etwas simple, vielleicht aber auch schon wieder etwas missverständliche Botschaft „I steh auf Braunau“, die man mit einem roten Symbol-Herz auf Tassen, T-Shirts, Aufklebern, Feuerzeugen oder sogar auch kleinen Stoffhasen, kaufen kann. Ob man damit aber gegen die Erinnerung an das verschwiegene Hitler-Baby ankommen kann? Gegen das (in diesem Fall offenbar gewünschte) Vergessen wirken hingegen in einer Reihe von Varianten käufliche Postkarten mit dem Geburtshaus Hitlers, wo auf der Rückseite zu Lesen steht „Malerisches Oberösterreich: Braunau am Inn, ein Städtchen zum Verlieben, Salzburger Vorstadt mit Hitler’s Geburtshaus“. Auf der Webseite von Hagalil kritisierte Michael Westerholz, „dass faschistische Zeichen wie Hakenkreuze und Fahnen sowie Hitler-Bilder nicht verkauft, der „Hitler-Gruß“ nicht gezeigt werden dürfen. Aber ausgerechnet Bilder jenes Hauses, in dem letztlich alles begann, doch?“ (http://www.hagalil.com/archiv/2011/04/11/braunau/)

Man ahnt, dass einige Personen doch etwas unglücklich darüber sind, dass es den Nazis nicht gelang, das Haus zu sprengen. Der Umgang mit der städtischen Fußnote – also solche könnte man die bloße Geburt und den temporären Aufenthalt eines Säuglings wohl objektiv bewerten – bleibt schwierig, weil die Vermarktung des Geburtshauses durch die Nazis (vielleicht ähnlich wie das des „deutschen“ Papstes, im nur etwa 20 km westlich gelegenen Marktl am Inn) dem Ort einen kaum mehr zu entfernenden Stempel aufdrückte. Jedoch ist es reichlich albern, der Kinderstube eines Babies eine „magische“ Wirkung zuzuschreiben oder aus der Abbildung einer Häuserfassade eine politische Gesinnung abzuleiten. Adolf Hitler war eine der prominentesten Personen des zwanzigsten Jahrhunderts (nach christlichem Kalender) und diese Tatsache lässt sich nicht leugnen. Da sich im Nebenhaus ein Asia Imbiss namens „Ban Lucky“ mit „Thai Sushi Spezialitäten“ und gegenüber ein „Naturladen“ befindet, läge der Gedanken nahe, im (ehemaligen?) „Geburtshaus“ ganz einfach wieder ein solides Gasthaus einzurichten, dieses Mal vielleicht ausdrücklich mit koscherer Küche, um Nazi-Sympathisanten auf Distanz zu halten.

Seit 1992 gibt es das Geschichtsforum „Braunauer Tage“. Im Jahre 2006 wurde der Park neben dem Krankenhaus nach den von Nationalsozialisten hingerichteten Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter benannt und im Folgejahr sog. „Stolpersteine“ verlegt. Seit 2007 wird der „Egon Ranshofen-Wertheimer-Preis“ verliehen, benannt nach dem katholisch getauften Enkel Ferdinand Wertheimers. Letzterer ist in Braunau so unbekannt, wie Hitler ungenannt. Das Ver/Schweigen Hitlers über Jahrzehnte hinweg sorgte auch dafür, dass man erst im Sommer 2011 die an Hitler verliehene Ehrenbürgerwürde wieder entzog. Dabei handelte es sich natürlich nur um einen formellen Akt, aber wo weder körperliche noch geistige Gegenwart vorherrscht, kommt Symbolismen ein umso größerer Wert zu. Vielleicht wird man in ein paar Jahren ja auch Ferdinand Wertheimer angemessen in Ehren halten. Einen noch sehr bescheidenen Ansatz dafür bietet bereits das Heimatmuseum in Braunau:

Eine jüdische Geschichte Braunaus als solche ist nicht überliefert. Vielleicht war der Ort, der zur Zeit von Hitlers Geburt nur knappe 5000 Einwohner hatte, zu klein, um eine permanente Ansiedlung von Juden zu ermöglichen. Andererseits gab es im Laufe der Jahrhunderte einzelne Juden, die in Braunau lebten oder Handel trieben. Dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr. Nicht zu leugnen ist wie auch immer die Tatsache, dass Braunau am Inn es Ferdinand Wertheimer (1817-1833) verdankte an das Eisenbahnnetz angeschlossen zu werden.

Etwas versteckt gibt es in Braunau eine im Keller liegende Gedenkstätte für deutsch-österreichische Soldaten insbesondere des Zweiten Weltkriegs, mit frischen Kränzen seitens der “Stadtgemeinde Braunau” und des “Österreichisch Schwarzen Kreuzes”. Auch den Soldaten Stalingrads wird gedacht. Den Opfern des Nazi-Regimes?

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Braunau, a little town at river Inn at the border between Bavaria and Austria is best known as birth place of Nazi leader Adolf Hitler. The house where Hitler was born then was an inn (pub & hotel), but also had permanent tenants. Since the family left Braunau already in 1892, when Baby Hitler was just a three year old toddler, you would think: and that’s that. But the Nazis themselves made a big deal about the “birth house”. No less figure than Martin Bormann, head of the Nazi Party chancellery, private secretary to Hitler and his property administrator bought – after applying some pressure on the previous owner – the house from the landlord, in order to establish a “Volksbücherei” (public library), what still can be read on the façade of the building. In the last days of the war the local Nazi tried to blow up the house, but as with the war proper they again failed.

Today the people of Braunau still have trouble dealing with the(ir own) Hitler past and obviously it is not that easy to achieve a balance between hushing up Hitler, resp. keeping away secret admirers on the one hand and a rather usual appreciation of the century old local history of a small town which most of its past was neither Austrian nor German, but Bavarian on the other. More or less awkward attempts to spruce up the “image” of the small town include campaigns with slogans like “I steh auf Braunau” (roughly speaking: “Braunau turns me on”) which you may buy on T-Shirts, coffee mugs, cigarette lighters or bumper stickers … alternative strategies target at other people of the local history, like Hanns Steininger, a 16th century municipal leader who came to fame because of his body long beard which measured three and a half cubits. However, since also Hitler was famous for his type of beard, it maybe just signals the further end…

There is no known Jewish part of the history of Braunau, which maybe was too small to attract a permanent Jewish settlement.  Apparently there never was a synagogue or cemetery. Undeniable however is the fact that the credit for connecting Braunau to the railroad network belongs to Ferdinand Wertheimer, a Jewish agronomist and owner of the considerable cloister state Ranshofen, who became honorary citizen of Braunau, Ranshofen and Ried.

to be continued

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Jüdischer Friedhof Kriegshaber: Nicht die Zeit heilt Wunden, sondern Pflege

August 2, 2012

Babette Obermayer / Wertheimer (1794-1850) wurde in Kriegshaber gegenüber der ehemaligen Synagoge geboren. Sie war die Tochter des Kriegshaber und Augsburger Bankiers Jakob Obermayer (1755-1828) und der Ida Oppenheimer (1765-1845) aus Pfersee und die jüngere Schwester des Bankiers und Eisenbahn-Pioniers Isidor Obermayer (1783-1862), der in Augsburg das heutige Augsburger Standesamt an der Maximilianstraße/Heilig Grab Gasse als Wohnhaus der Familie erworben hatte.

Durch ihre Heirat mit dem aus Regensburg stammenden Siegfried (Isaak) Wertheimer (1777-1836) wurde sie zur innig geliebten Stiefmutter von Ferdinand Wertheimer (1817-1883), des späteren oberösterreichischen Landtagsabgeordneten, Agrarökonom, Gutsbesitzer, Eisenbahnbauer und Ehrenbürger von Braunau, Ried und Ranshofen. Da Ferdinand Wertheimer Ehrenbürger Braunaus war und Adolf Hitler in der Kapelle auf dem Gutshof der Wertheimer getauft wurde, lag die Vermutung nahe, dass die Schändung seine Grabes und das seiner Stiefmutter, die öfter für seine leibliche Mutter gehalten wurde, in diesem Zusammenhang veranlasst worden sein konnte. Das Grabmal – eine Gruft – der am 14. April 1850 in Wien verstorbenen und eine Woche später am jüdischen Friedhof von Kriegshaber / Pfersee beigesetzten Babette Wertheimer, war über Jahrzehnte offen und es kostete in den letzten Jahren stetige Mühe die unakzeptable Schande immer wieder aufs neue zu thematisieren.

Umso erfreuter und erleichterter waren wir nun, dass es nun endlich gelang, alle Verantwortlichen so weit zu bringen, die Verantwortung zu übernehmen, um die erforderlichen Sicherungsmaßnahmen (unachtsame Besucher, darunter auch über die Mauer kletternde Kinder konnten ggf. in die offene Gruft hinein sinken, die mit allerlei Zivilisationsmüll übersät war …) vorzunehmen und das offene Grab endlich zu schließen. Unser ausdrücklicher Dank gilt hierbei dem neuen Friedhofsdezernent des Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Herrn Martin David Kurz, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Augsburg Schwaben Herrn Alexander Mazo und dem zuständigen Friedhofsbeauftragten Herrn Alexander Baron, und dem ausführenden Steinmetz Herbert Böllner.

Unser Dank gilt allen Genannten in gleicher Weise auch in Bezug auf die Beseitigung einer weiteren Schande, nämlich, das gleich in der Nähe befindliche Grabmal des Carl von Obermayer (1811-1889), des Sohnes des oben genannten Isidor Obermayer, dem ersten formellen Vorsitzenden der neuzeitlichen Augsburger jüdischen Gemeinde unter dessen Leitung ein Wohnhaus in der Wintergasse zur Synagoge umgebaut und der Grabplatz für den eigenen jüdischen Friedhof im Augsburger Stadtteil Hochfeld zwischen Altem Postweg und Haunstetter Straße erworben wurde. Er war zudem Oberst der Landwehr alter Ordnung in Augsburg und damit ranghöchster jüdischer Offizier in Bayern, darüber hinaus ein bedeutender Militärstratege, Mäzen, Opernliebhaber und schließlich auch lange Zeit Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Bayern. Unsere Bemühungen, ihn im Jahre 2011 anlässlich seines 20o. Geburtstag seitens der Stadt Augsburg würdigen zu lassen, waren trotz lokaler und internationaler Unterstützung leider vergeblich. Nun jedoch wurde nach langen Jahren vergeblicher Bemühungen, zu denen wir selbst auch den (moralischen) Beistand eines Bundeswehrgenerals erhielten, gelang es nun doch, seine seit Jahren zerschlagene endlich zu wiederherzustellen und eine weitere schändliche Wunde am Kriegshaber Friedhof zu heilen.

Nichtsdesto trotz wurden eine Menge noch bestehender, aber auch neuer Probleme ofenbar, die keine weiteren Jahre oder gar jahrzehnte sich hinschleppende Querelen ertragen können. Es zeigt sich nämlich im Bereich des alle kümmernden Denkmalschutzes im Sinne der Halacha, dass die Zeit keine Wunden heilt, sondern nur Taten und kontinuierliche Pflege. Es ist ein Mitzwa und ein Gebot des Anstands, alle Kräfte zu bündeln, um das Andenken and die Menschen aufrechtzuerhalten.

One moth earlier it looked liked this:

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Decades and years after the willful destruction of the grave markers of Ferdinand Wertheimer and his alleged mother (actually she was his step mother) Babette Wertheimer as well as the memorial of Carl von Obermayer, it finally was possible to prevail on the owners and responsible people to recover the peace and honor of the deceased and to remove two major eyesores and stain on the reputation of the Cemetery, community and region, hardly any took notice for decades, although the buried during their lifetime were well known personalities of high international renown. The “open grave” (actually a small vault) of Babette Wertheimer (nee Obermayer), probably desecrated by the Nazi now was stabilized and covered. Also the grave marker of Carl von Obermayer who was Consul of the United States of America (appointed by US President James Knox Polk (1795 – 1849)himself, which was smashed for many years now was stabilized and the honor of the buried now was restored.

Many thanks to the stone masons for their tremendous work and to the bodies of the Jewish Community of Augsburg and the Assosiation of Jewish Communities in Bavaria as legal owner, resp. and customer of the long overdue works in order to protect the unique munuments.

Lets hope that the vigor may be maintained, since there are a number of open problems as well as newly created ones who need immediate and responsible action and no further delay or neglect for years or maybe decades. Once again it turned out that regarding monument protection times does not heal wounds of the past, but constantly taking care: to walk the talk.

 


Ferdinand Wertheimer (1817-1883)

January 6, 2012

Ferdinand Wertheimer was a member of the Upper Austrian Landtag in Linz, he also was landlord in Ranshofen and honorary citizen of three places Ried, Ranshofen and Braunau in the Inn-Viertel (famous region south-east of the Inn river in Austria), since he connected the small towns as railroad pioneer to the modern world. The later mentioned place Braunau / Inn at the Austrian-German border actually was the birth place of Adolf Hitler, who in 1889 also was baptized in a church which then was in possession of the Jewish Wertheimer family. Ferdinand Wertheimer also initiated the railroad connection between Braunau and Munich, obviously used by the young Hitler.

Ferdinand (Joshua) Wertheimer was the grandson of Bernhard  Ulmann (Ber Ulmo) of Pfersee and an offspring of famous rabbi and court agent Samson Wertheimer and his son Wolf Shimon Wertheimer who as Ferdinand is buried at the Jewish cemetery of Pfersee/Kriegshaber. However he was raised by his stepmom Babette, the sister of Isidor Obermayer. Fedinand studied chemistry and was influenced by famous Prof. Liebig, he also was a succesful cattle breeder, beneficient to parentless children as well as a patron of arts, fire fighter, as town councilman and member of the local parliament he was a liberal politician as well as a traditional (Greeks put it “orthodox”) Jew … and many more. His grandson Egon Ranshofen-Wertheimer (a Roman Catholic) was part of the short-lived Bavarian Soviet Republic, but also worked for the Geneva based League of Nations and after the war for the United Nations in New York. As columnist he was a fierce opponent of the Nazi Regime in Germany, led by Hitler who has stolen his birth house in Ranshofen Braunau.

His memory however is almost entirely faded, so we put him as first part of a new series of articles on portraits of Augsburg Jews.

Der Pionier Ferdinand Wertheimer  (11 pages short biography in German)

Ferdinand Wertheimer ist am jüdischen Friedhof von Pfersee/Kriegshaber bestattet. Sein Grabmal, wie das seiner, oft fälschlich für seine leibliche Mutter gehaltenen Stiefmutter, wurde von den Nationalsozialisten gründlich zerstört, möglicherweise auf “höheren Befehl”. Ferdinand Joschua Wertheimer war nämlich nicht nur Gutsbesitzer in Ranshofen (seit dem “Anschluss” 1938 ein Teil von Braunau), sondern hatte als Eisenbahn-Pionier auch die Orte Ried und Braunau an die Moderne angeschlossen, wofür er nicht nur in Ried und Ranshofen, sondern auch in Braunau mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet wurde.  Er besorgte auch die womöglich verhängnisvolle Bahnlinie Braunau-München, die der spätere Diktator bekanntlich benutzte.  Adolf Hitler wurde zusätzlich zu all diesem in der Kapelle katholisch getauft, die von Ferdinand Wertheimer mit dem ehemaligen, 1811 aufgehobenen Chorherrenstift erworben wurde. Es ist kaum vorstellbar, dass Hitler nichts über den Ehrenbürger seiner Geburtsstadt und Eigentümer seiner Taufkappelle gewusst haben sollte.

Ferdinand Wertheimer ist anders als sein katholischer Enkel Egon, nach dem in Braunau 2007 ein Preis benannt wurde, weitgehend vergessen, ganz zu Unrecht, weshalb wir ihn, der liberaler Politiker, Feuerwehrmann, orthodoxer Jude, Chemiker, Rinderzüchter, Journalist, Mäzen, Theaterintendant und manches andere war, zum ersten Teil einer neuen, in loser Folge erscheinenden Folge von Portraits  Augsburger, österreichisch- oder bayerisch-schwäbischer Juden der letzten tausend Jahre nehmen wollen.