Zur Familiengeschichte jüdischer Viehbauern und Metzger in Kriegshaber

August 28, 2016

Obwohl Dokumente für die Siedlung von Juden in Kriegshaber erst aus der Zeit um 1560 erhalten sind, ist doch davon auszugehen, dass die jüdische Geschichte vor Ort weiter zurückreicht und wahrscheinlich mit der österreichischen Herrschaft in der Markgrafschaft Burgau beginnt. Dafür spricht zum einem die unmittelbare Nähe zu Augsburg, die auch für die damalige Zeit mit Pferden und Wagen keine Welt waren, zum anderen die günstige Verkehrslage auf dem Handelsweg von Augsburg nach Ulm, Frankfurt und Straßburg.

 

Einige der Kriegshaber Juden stammten aus Oberhausen, wo sie nach der Aussiedlung von Augsburg in den frühen 1450er Jahren ausgewichen waren. Unter der vorderösterreichischen Regierung der Habsburger verlagerten sich die Handelswege zunehmend von den Flößern der Wertach auf die Straße, wovon Kriegshaber gegenüber Oberhausen profitierte.

100 Jahre Kriegshaber in Augsburg Logo JHVA

Charakteristisch für die Geschichte Kriegshabers als jüdisches Straßendorf, das die Hauptstraße des Ortes prägte, ist die sehr hohe Anzahl von Viehbauern, Züchtern und Metzgern, mit der es sich von den jüdischen Nachbardörfern Pfersee (Finanzhandel, Chemie) und Steppach (Stoffe) wesentlich unterschied. Zeitweilig war weit mehr als die Hälfte der Kriegshaber mit Viehzucht, Handel oder Metzgerarbeiten beschäftigt. Die führte dazu, dass bald in jedem zweiten Haus ein Metzgerbetrieb war oder damit im Zusammenhang stehende Arbeiten verrichtet wurden. So ist es vielleicht naheliegend, dass 1830 David Skutsch, der Sohn des verstorbenen Kriegshaber Rabbiners und Schwager von dessen Nachfolger in der Ulmer Straße 216 als weltweit erster ein Patent auf die Herstellung von Duftkerzen nebst königlichem Privileg (Alleinvertriebsrecht) erhielt. Den grundlegenden Talg für den umworbenen „Kriegshaber Duft“ gab es vor Ort in Übermaß und billig wie kaum woanders.

Kriegshaber in Bildern - am Straßenrand der Weltgeschichte - 100 Jahre Eingemeindung Augsburg 1916 2016

Da die Metzgereien den Eigenbedarf der Ortschaft, die um 1790 etwa sechshundert Einwohner hatte (davon rund 400 Juden), deutlich überstieg, verwundert es auch nicht, dass die jüdischen Viehbauern vor allem auswärtige Kunden versorgten. Der Erfolg der Kriegshaber Juden war sprichwörtlich und überregional bekannt und stieß freilich nicht nur auf Beifall, sondern auch auf krankhaften Neid. Ein Beleg dafür ist die antijüdische Erzählung des unter dem fiktiven Namen „Veitel Itzig“ veröffentlichte Geschichte eines fränkischen Antisemiten, der Jahrzehnte vor den ominösen „Protokollen der Weisen von Zion“, die Emanzipationsbestrebungen der Juden in den 1830er Jahren als heimliche „Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft“ diffamierte. Der Verschwörer ist ein Metzger und als Ausgangspunkt ist Kriegshaber der Ort der Handlung.

 

Das jüdische Geschichte, wie bereits jeder Bibelleser an Hand zahlreicher Abstammungslisten und Erzählungen in der Bibel weiß, im wesentlichen immer auch vor allem Familiengeschichte ist, lässt sich auch an Hand der Geschichte Kriegshaber nachvollziehen. Anschaulich wird dadurch wie der angestammte Broterwerb sich in den Familienclans fortführte und durch zahlreiche Heiraten neue Impulse integriert wurden.

Kriegshaber jüdische Schule Eingang Ulmer Straße 2013 Umbau

Der bedeutendste Familienzweig unter den Kriegshaber Viehbauern waren ohne Zweifel die Mändle (Mendel), die direkt im Haus neben der Synagoge wohnten, und deren Oberhäupter es zu Hoffaktoren und Ausrüstern von Bischöfen, Herzögen, Königen und Kaisern brachten. Ein besonders herausragendes Beispiel war 1744 die Krönung von Kaiser Karl VI in Frankfurt am Main, für die die Unternehmung Abraham und Josef Mändle von München und Kriegshaber aus den gesamten Fuhrpark nebst Reiterei  besorgte und ausstatte. Eine historische Randnotiz deren logistische Leistung wir heute bestenfalls erahnen können.

 

Mit den Heiraten ging natürlich immer auch ein Wissenstransfer einher. Als im Frühjahr 1699 die Tochter des Vorsitzenden der Pferseer den Sohn des Prager Rabbiners heiratete, erkundigte sie sich bei ihr Kriegshaber Tante Riwke, der Frau des Kriegshaber Metzgerprüfers Meir Ulmo, nach heimischen Kochrezepten und erhielt in einem handschriftlichen Brief eine Sammlung schwäbisch-jüdischer Kochrezepte mit „Wertach-Forchelfisch“ (Forellen), „Erdpirn“ (Kartoffeln), „Leinel“ (Leinöl), gefüllte Mangoldblätter und „Kasbraut“ (Käsekuchen).

 

Wie die Mayer stammten auch die Mändles als Nebenlinien von den Ulmo ab und wurden selbst von den meist aus dem österreichisch-schwäbischen Umland zugezogenen Familien Dick, Einstein, Oberdorfer, Bach und Rothschild aufgefrischt, während  sich die Mayers in Kriegshaber weiter in die Zweige Mayer, Untermayer und Obermayer aufspalteten, die ebenfalls als metzger und Viehzüchter tätig waren, teilweise ein eigenen Betrieben, während andere auf der Basis von Fetten chemische Stoffe herstellten.

 

Besondere Bedeutung für die frühmoderne Geschichte Augsburgs erlangten dabei der Ulmo-Mayer-Nebenzweig Obermayer. Jakob Obermayer und seine Geschäftspartner Feitel Kaula, Westheimer und Efraim Ulmo statteten 1803 die bankrotte Reichsstadt mit einer halbe Million Gulden aus und retteten sie so zwei Jahre vor der drohenden und letztlich dann unausweichlichen Annexion durch das Herzogtum Bayern, die durch Napoleons Besuch 1805 besiegelt wurde. Obermayer durfte nun in Augsburg als Bürger wohnen und gilt damit als Begründer der modernen Augsburger Gemeinde, die Formel freilich erst von seinem Enkel ins Leben gerufen wurde.  Sein Sohn Isidor Obermayer (1795-1862), der 1821 das heute als Augsburger Standesamt bekannte Palais kaufte war Mitbegründer der Bayerischen Staatsbank, wie auch der Hypovereinsbank und besorgte als Eisenbahnpionier aus England auf eigenes Risiko Schienen und Lokomotiven für die erste bayerische Überlandbahn von Augsburg nach München. Sein ebenfalls noch in Kriegshaber geborener Sohn Carl von Obermayer (1811-1889) hatte wenig für Geschäfte übrig, vertrat aber im väterlichen Haus als Konsul die Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg. Dem Augsburger Naturkundemuseum schenkte er bedeutende ethnologische Sammlungen die bei seinen Reisen im Wilden Westen Amerikas erworben hatte, lange vor Buffalo Bill und Karl May. Schließlich wurde er auch Vorsitzender der vom Bayerischen König offiziell anerkannten israelitischen Kultusgemeinde von Augsburg unter dessen Führung diese auch einen eigenen Friedhof und eine neue Synagoge (Wintergasse) bekam.

Bis in die 1930er Jahre blieben in Kriegshaber zuletzt noch die Gebrüder Einstein als Metzger und Viehzüchter präsent. Als Nebenlinie der Mändle hatten sie eine Reihe der früheren anderen betriebe aufgekauft, ererbt und übernommen. Freilich nahm mit der modernen Industrialisierung in großen Massenschlachthöfen den Kriegshaber Juden das zuvor auf Vertrauen und Qualität beruhende Geschäft ohnehin weitgehend aus der Hand. Schließlich wurde im bereits Mai 1933 in Deutschland durch die Nazi-Regierung auch noch das Schächten verboten. Die Einsteins stammten aus Buchau, wie auch die Familie des berühmten Albert Einsteins, dessen Vorfahren ebenfalls Metzger und Viehzüchter waren.

 

Ganz verschwunden ist die Erinnerung an die jüdischen Metzgerfamilien von Kriegshaber auch heute nicht, wenngleich die oft zu hörende Frage, ob der bekannte Kriegshaber Metzger Joachim Goldstein denn auch Jude sei. Doch der ehemalige Fußballprofi der Anfang der 1980er Jahre beim FC Augsburg und beim TSV 1860 München in der zweiten Fußballbundesliga spielte, hat freilich nur einen Familiennamen der in den Ohren mancher „jüdisch“ klingt.

 

Artikel von Yehuda Shenef, erschienen in “Kriegshaber in Bildern – Am Straßenrand der Weltgeschichte”, Wissner-Verlag, Augbsurg 2016, S. 63 und 65 (Abbildung oben)


Buchtipp: “Der Bundestag zu Augsburg”

August 15, 2016

Vor genau 150 Jahren tagte der Deutsche Bundestag, der aus dem von Preußen bedrohten Frankfurt rechtzeitig nach Augsburg kam, vom 18. Juli bis zur Auflösung des Deutschen Bundes Auflösung am 24. August 1866 fünf mal in Augsburg. Ein inzwischen fast vergessenes Zeitgeschehen, dessen Folgen bis heute die deutsche wie europäische Politik beeinflussen.

Das Buch zum 150. Juliläum beleuchtet Umstände, Schauplätze und Protagonisten.

Ab sofort bestell- und lieferbar.

Bundestag Augsburg 1866 - Yehuda Shenef 2016

Yehuda Shenef

Der Bundestag zu Augsburg,
das Ende des Deutschen Bundes im Sommer 1866

176 Seiten, 10 Euro

ISBN 978-3-7412-7524-1

Der Bundestag zu Augsburg

Fragt man nach den Standorten der deutschen Parlamentsgeschichte werden sofort Frankfurt, Weimar, Berlin und Bonn genannt. An Augsburg als letzten Sitz des Bundestages des Deutschen Bundes im Jahre 1866 denkt kaum jemand, dabei markiert die Geschichte des Augsburger Bundestags eine wichtige Zäsur in der deutschen wie europäischen Geschichte, deren Nachwehen bis heute aktuell sind.

Die Abgeordneten gastierten mit ihrer Entourage im Hotel „Drei Mohren“ , das somit zum zeitweiligen Bundes-Palais wurde, mit ihnen ausländische Diplomaten und Korrespondenten. Die Bundesversammlungen fanden im Sitzungssaal (Rokokosaal) der Residenz (heute: Regierung von Schwaben) beim Dom statt.

Das Buch beschreibt anhand zahlreicher zeitgenössischer Zeugnisse die Schauplätze, Abläufe aber auch die inzwischen (zu Unrecht) vergessenen Protagonisten des Bundestags in Augsburg. Beigefügt sind auch Berichte Augsburger Zeitungen wie auch die vollständigen Sitzungsprotokolle.

  • * * *

Hardly know today: In summer 1866 Augsburg was seat of the German Bundestag which ecaped from Frankfurt, which was occupied by the Prussian several days later. In Augsburg the German Parliament had five sessions and the last one on August 24 declared the end of the German Bund, which until that time was dominated by Austria. But the Koeniggraetz Battle has shifted the power to the Prussian, …


Synagoge Salzburg

March 8, 2016

Synagoge Salzburg Davidstern grünירוק מגן דוד מול ההכנסה בזלצבורג

Die Salzburger Synagoge in der Lasserstraße wurde 1901 eingeweiht, 1938 geschändet, nach dem NS-Regime provisorisch restauriert und bis 1968 wieder eingeweiht. 2001 war Bundespräsident Klestil beim Festakt zum Hundertjährigen zu Besuch.

Synagoge Salzburg

Synagoge Salzburg Kristallnacht Denkmal memorialnever forget Kristallnacht

Salzburg Kristallnacht inscription synagogueלא תשכח קריסטאלנאכט

Salzburg Synagoge Stolperstein Rabbiner Dr Adolf Altmann 1879 - 1944Stolperstein memory for Rabbi Dr. Adolf Altmann in front of the entry of the synagogue compound at Lasserstr. in Salzburg

Salzburg synagogue Lasserstr green star of David די גרין שטערן פון סאָלצבערג

the green star of Salzburg


Nothing has changed in Salzburg

March 3, 2015

 

Theodor Herzl quote on Salzburg tablet
“In Salzburg brachte ich einige der glücklichsten Stunden meines Lebens zu. Ich wäre auch gerne in der schönen Stadt geblieben; aber als Jude wäre ich nie zur Stellung eines Richters befördert worden.” (Theodor Herzl im Sommer 1885)

I spend some of the most happiest hours of my life in Salzburg and would have liked to stay in the beautiful city, however, as a Jew I had no change to become a judge here.” (Theodor Herzl quote on a memorial plate in Salzburg)

130 years later, I made almost the same experience visiting Salzburg for two days. It still is a beautiful city (in parts), I had some happy hours there – and finally – guess what! – nobody offered me an appointment as judge. Unbelievable.

Yehuda Shenef at Salzburg Theodor Herzl inscription

Nothing has changed for Jews in Salzburg ..!

Well, … just kiddddddddddddddddddding 🙂

I had some Mozart-Kooogels as small comfort


Simon ben Sanwil Ulmo (1645-1720)

February 6, 2015

Yehuda Shenef as Simon ben Sanwil Ulmo of Pfersee Augsburg 1645 - 1720

yehuda shenef as simon sanwil ulmo of pfersee

 

Rabbi Simon ben Sanwil Ulmo (1645-1720) was head of the renowned Jewish community of Pfersee and owner of the not less famous Talmudic script, which by experts is regarded as oldest surviving almost complete handwriting of the Talmud Babli, later known as “Pferseer Handschrift”,  lost in 1803 when Simons offspring Ber Ulmo (1751-1837) was in prison under false allegations, and at least from 1880s is in possession of the Bavarian State library (BSB) in Munich.

Rabbi Simon Ulmo lived in Pfersee next to the synagogue and was court agent of Austrian as well as Bavarian rulers and head of the Swabian Jewry “Medinat Schwaben”. He also was author of a small Hebrew book on human traits, such as desire (תשוקה), fixation (הקבוע) or vanity (הגנדרנות), which we currently translate in modern German and what likely will be released this summer. He is buried at the Jewish cemetery of Kriegshaber/Pfersee in the north-western part of Augsburg, which from 1945 until 1998 was surrounded by US army housing facilities (Centerville, Cramerton).

To honor R. Simon Ulmo already we captured the costume which he was wearing as court agent in Vienna which is in late baroque style (about 1690).  The costume was manufactured by master tailor Margit Hummel, Friedberg.

Simon ben Sanwil Ulmo Pfersee 1645 - 1720 Yehuda Shenef

יהודה שנף לבוש כהרב שמעון בן זאנוול אולמא מפערשי ליד אוגסבורג

הבארוק מאוחר
רב שמעון אולמא היה ראש היהדים במדינת שוואבען

בביתו בפערשי היה הכתב יד המפורסם של התלמוד בבלי שהיום במינכן

רב שמעון אולמא כתב ספר קטן ששת פרקי על תכונות אנושיות

זאנוול = שמואל


LECH

March 18, 2014

LECH, a river in Augsburg, a beer in Poland

lech lecha


JHVA wordpress Bilanz 2013

January 3, 2014

jhva wordpress jahresrückblick 2013 a

Was sich gegen Ende des Jahres 2012 bereits abzeichnete, setzte sich im Laufe des Jahres 2013 weitgehend fort: acht Mal lag die Zahl der Seitenaufrufe über der Marke von 10.000, zwei Mal knapp darunter und im Oktober wurde mit 12.440 ein weiterer Rekordwert erzielt.

jhva wordpress jahresrückblick 2013 b

Die Statistiken von WordPress geben weiteren Aufschluss, etwa über die Herkunft der Besucher unserer Seiten, die aus 120 Ländern stammten. Alleine 8115 Besucher kamen aus den USA, 2689 aus Österreich … 1477 aus Israel, 930 aus Canada, 873 aus Frankreich, … immerhin 125 aus Japan, 113 aus der Türkei, je ganze 50 aus Indien und Taiwan, … 29 mal wurde der Weblog in Indonesien aufgerufen, genauso oft in Hong Kong, 17 mal in Singapur, 13 mal in Ägypten und sogar 12 mal in Saudi Arabien, das nicht gerade im Fokus schwäbisch-jüdischer Geschichte  liegt. Ganze 10 mal besuchte man uns auch aus den sog. „Palestinian Territories“, ebenso oft wie aus Island, Qatar, Malta, Pakistan, Peru … aber auch einige wenige Syrer hatten Zeit für den Weblog des JHVA, so wie Leute aus Andorra, Uganda, der Mongolai, Panama, Lybien, Kuwait oder Barbados, von den Faroer Islands, Réunion, Aruba, …

Lediglich in Zentral-Afrika, auf Kuba und im Iran hat man offenbar kein Interesse an Pfersee, Kriegshaber, Ber Ulmo, den Wertheimers und Obermayers, den Datschis, Judenhüten, hebräischen Grabsteinen und Kirchhöfen, aber … das muss nichts heißen und ist vielleicht nur der Zensur geschuldet. Immerhin kamen 2013 nun erstmals auch Besucher aus der zuvor verschlossenen Volksrepublik China und einige mehr sogar aus Myanmar, während Besucher aus dem Vatikan fast monatlich verzeichnet werden. Wenn man bedenkt, dass der Vatikan offiziell nur ein paar hundert Einwohner hat, sind 2 oder 3 Besucher von dort im Monat gar nicht schlecht, wenigstens vom prozentualen Standpunkt.

* * *

jhva site views 2006-2013

In 2013 our weblog had about 127.000 site views (a plus of 23 % from 2012, 76 % more than 2011!) and visitors of 120 countries, among them many Muslim countries, Pacific Islands, even from South Africa or currently also from mainland China … which however actually are not in the focus of our occupation with Jewish history in Bavarian and former Austrian Swabia. But never mind, we appreciate that!

So have many thanks and be welcome in 2014 as well.


100 Jahre Pfersee in Augsburg

January 13, 2011

(page from Memory Book Pfersee, 1631, photographed by Theo Harburger, CAHJP)

Das Jahr 2011 markiert den hundertsten Jahrestag der Eingemeindung von Pfersee nach Augsburg ebenso wie den 125. Jahrestag der Auflösung der bedeutenden jüdischen Gemeinde, die vor etwa 450 Jahren dort entstand über lange Zeit Sitz des Medinat Schwaben und eines der gelehrigen Zentren des Judentums war und deren Ableger sich in den Höfen und Familien in aller Welt finden. Anlass genug also, um uns in diesem Jahr neben den bisherigen Schwerpunkten, die uns immer wieder mit Pfersee verbinden, einige Zusammenhänge und Ereignisse im kleinen „Paris an der Wertach“ genauer zu beleuchten.

(Colored postcard from 1911/2, since 1882 “Sisters of Mercy” used the house as hospital)

Der von Augsburg physisch durch die Wertach getrennte Ort ist bereits aus Dokumenten die in das 11. Jahrhundert datiert werden verzeichnet. Die Schreibweisen des Namens variieren als „Pherse“, „Pferse(n)“, „Pfersche(n)“, „Pferze(n)“ oder „Pfersheim“, … Entsprechend unklar ist deshalb auch der eigentliche Ortsname, seine Herkunft und Bedeutung, zumal man sicher davon ausgehen kann, dass es in Pfersee keinen „See“. Vermutet wurde das zwar auch schon, aber niemand konnte ihn finden. Immer dann wenn eine naheliegende Erklärung fehlt, ist es freilich so, dass gewichtige Experten intellektuelle Loopings drehen, gewaltige Distanzen an Abgründen und literarischen Höhenmetern überwinden, um auf die andere Straßenseite zu kommen. Ein beredtes Beispiel dafür wäre das Wort „Pferd“, dem Ortsnamen Pfers(ee) übrigens gar nicht so unähnlich.

Zwar gab es auch schon den haltlosen Versuch, Pfersee als See des legendären römischen Feldherren Varus (46 ante – 9 n.a.Z.) zu deuten, doch das Pferd konnte freilich nicht vom lateinischen „equus“ abgeleitet werden. Auch nicht von caballus, das in allen romanischen Sprachen vorkommt (italienisch „cavallo“, spanisch „caballo“ oder französisch „cheval“, …) und das selbst „keltische“ Sprachen wie Walisch oder Gälisch (Irisch) als „capall“ oder „ceffyl“ übernahmen. Nordische Sprachen die man sich als alternative Einflüsse insbesondere im 19. Jahrhundert zu gerne vorgestellt hat bezeichnen das Pferd freilich ganz anders: „häst „(schwedisch),“hest“ (dänisch/norwegisch, vergl. „Hengst“ im Althochdeutschen („hengist“) ein Wort für Pferde allgemein) oder  „zirgs“ (lettisch), während Finnen und Esten „hevonen“ oder „hobune“ haben. Slawen nennen das Tier „konj“ (kroatisch) , kůň (= „kuhn“ – tschechisch), oder конь (kon – russisch) und auch sonstige in Europa verbreitete Sprachen bieten sich für die Herkunft des deutschen „Pferd“ nicht an:, ცხენი (ts’kheni – georgisch), at (türkisch), ló (ungarisch), albanisch kalë („kaj“), baskisch zaldi, griechisch „hippos“ oder armenisch ձի („tzi“)…

Aus griech.  Παρά – „para“ = neben, und „veredus“ = Jagdpferd (das auf einem proto-keltischen *woreidos basieren soll) wurde stattdessen „paravaredus“, das Postpferd konstruiert. Wann Pferde unter dieser Bezeichnung zum Einsatz gekommen sein sollen, ist freilich ein Postgeheimnis. Abgesehen von einzelnen, unregelmäßigen Dienstboten gab es kein Postwesen und überall sonst wo Römer ein solches ansatzweise unterhielten, setzte sich „cavallo“ durch, das eingedeutscht möglicherweise „Kebel“ gelautet hätte. Die Ursprünge des deutschen Postwesens gehen in die Zeit um 1500 zurück, wo freilich längst vom Pferd und nirgends von einem paravaredus die Rede ist.

Wesentlich einfacher wäre deshalb davon auszugehen, dass das Pferd über das bereits biblisch bezeugte hebräische פרד (pered), nach heutiger Lesart ein Maultier („Kreuzung“ aus Pferd und Esel), in den deutschen Sprachschatz (mhd. „phert“) gelangte. Der Wandel von P zu PF ist im Mittelalter insbesondere im südlichen Deutschland durch die von Germanisten „zweite Lautverschiebung“ genannte Sprachentwicklung die von vielen mutig schon ins 7. Jahrhundert datiert wird, mit zahlreichen Beispielen belegt (vergleiche engl. Pepper = Pfeffer, lat. pil(um) = Pfeil, lat. Papa = Pfaffe, ahd. Appel = Apfel, engl. copper = Kupfer, etc.) . Das Holländische kennt diese Lautwandlung nicht und entsprechend heißt das Tier dort „paard“.

Obwohl in Pfersee bereits früh jüdische Pferdehändler bezeugt sind, erklärt die Ableitung des Pferd-Begriffes wohl kaum die Herkunft des Ortsnamen. Die früher verbreitete Phantasie über einen Pfer-See basiert wohl nur auf der Verdoppelung des E am Wortende, während die Deutung auf Varus natürlich in die für das 19. Jahrhundert typisch historisierende Mode passt, angeblich Urgermanisches zu definieren. Ein römischer Varus ist so auch nur im Kontext einer Varus-Schlacht von Interesse. In welchen Umfang und wo auch immer diese Schlacht stattgefunden haben mag, der Ort Pfersee hätte damit dann irgendwie mit dem vor allem im 19. Jahrhundert propagierten germanischen Nationalmythos zu tun. Dazu passt sicher auch der Umstand, dass Pfersee zu den über 200 Orten (davon 13 in Bayern) gehört, an denen zur vorletzten Jahrhundertwende ein sog. „Bismarckturm“ (Bismarck-Säule) aufgestellt wurde, deren Zweck offensichtlich darin bestand einen archaischen anmutenden, faktisch aber ganz neuen Germanenkult zu beschwören, worüber die Weihung zu Ehren des Reichseinigers Bismarck auch nicht hinwegtäuschen wollte. Der Pferseer Turm zählt zu den rund 50 die nach dem Entwurf “Götterdämmerung” des Architekten Wilhelm Kreis errichtet wurden und oft auch als Aussichtstürme dienten. Einige, wie der in Pfersee (Neusäß/Steppach) hatten auch Feuerschalen für stimmungsvolle Feiern und Aufmärsche.

Allgemeine Information mit Beschreibung der einzelnen Türme: http://www.bismarcktuerme.de/index.html 

Eine andere Deutung des Ortsnamens begründet eine freilich wieder fiktive „keltische“ Wurzel *perz, der „Pforte“ oder „Burg“ bedeuten soll, jedoch finden sich dafür nirgends glaubwürdige Entsprechungen. Allerdings gab es dem Vernehmen nach tatsächlich eine Burg in Pfersee und auf das 12. und 13. Jahrhundert datierte Urkunden erwähnen auch eine Ritterfamilie Perzheim oder Perez, die sich als Raubritter etablierten und davon lebten, Warentransporte von und nach Augsburg zu verteuern, was offenbar so problematisch für die Reichsstadt wurde, dass 1309 die Pfersee-Ritter unter Reichsbann gestellt wurden. Jeder der sich mit den Geächteten auf ein Geschäft einließ oder sie beherbergte, machte sich strafbar. Um 1320 verkauften die Perez / Perzheim ihre Burg mit der kleinen Siedlung an Konrad Onsorg (Ohnsorg), den wir 1348 auch als Besitzer der Wellenburg (ca. 6 km südwestlich von Augsburg, bzw. ca. 3 km südlich von Pfersee) finden. Damit verliert sich nach und nach auch deren Spur, jedoch ist heute noch ein Familienname Pferz erhalten, der vielleicht damit zu tun hat, sollte er nicht auf dem gleichlautenden pfälzischen Wort für „Plunder“ oder „Ramsch“ basieren) Bei Onsorg finden dort in der Wellenburg, vielleicht auch in Pfersee einige der Augsburger Juden Unterschlupf, die dem Überfall auf die jüdische Gemeinde im November 1348 entkommen konnten und sich nach einigen rechtlichen Streitigkeiten ein paar Jahre später wieder in Augsburg ansiedelten. Bedeutsam dafür dürfte sein, dass der schwäbische Adelige Marquard von Randegg (Randeck) (1300-1380, von 1348-1365 Bischof von Augsburg) in gutem Verhältnis zu den Onsorg stand, die ebenfalls Raubritter waren. Eine Augsburger Legende besagt, dass ein, zwei Generationen später der Herr Onsorg von Wellenburg sich am Augsburger Judenberg im Haus von Rabbi Aharon unter dem aufgebarten Leichnam von dessen gerade verstorbenen Frau verstecken konnte, als er die Stadt erkundete, um herauszufinden, wo sein Sohn inhaftiert war.  Dieser hatte sich mit seiner Bande darauf spezialisiert, Reisende beim Wertachbrucker Tor zu überfallen. Er wurde erkannt und wurde durch die Stadt gejagt und entkam in das Haus des Rabbiners, der aus Dankbarkeit über die frühere Errettung sich nun revanchierte.  

(Ilustration by Chana Tausendfels according to Eduard Zimmermann (1874-1951), “Augsburger Zeichen und Wappen“)

Von den ehemaligen Rittern von Perez nun ist ein Wappen erhalten, dass auf roten Grund einen schwarzen, wohl eisernen Kessel zeigt. Ein altes deutsches Wort „feres“ für Eisenkessel (vgl. engl. ferreous = eisern, aus Eisen gemacht oder mhd. „perze“ von hellem, metallenem Glanz) kann freilich auch nur rückbezüglich sein und einen bereits vorhandenen Namen versinnbildlichen, da kein wirklicher Grund denkbar ist, einen Ort oder gar eine Burg nach einem Kessel oder Topf zu benennen. Auch jüdische Quellen erhellen die Frage nicht. Das hebräische Wort פרץ peretz, als Name eines der Zwillingsöhne des biblischen Stammvaters Jehuda, dürfte nur zufällig damit ähnlich sein, denn das Wort „Durchbruch“ bedeutet. Frühe Belege des Ortsnamens zeigen die auffällige Ähnlichkeit zu der von Paris, die beide (in vielen Varianten) als פרש geschrieben wurden, was jedoch wohl nur relevant ist im Zusammenhang mit dem Pferseer Talmud, dessen Ursprung in Paris sein soll. Der Name der Stadt selbst geht der Überlieferung nicht auf den griechischen Helden Πάρις zurück, sondern auf einen, freilich römisch überlieferten keltischen Stamm der „Parsii“, dessen vermutete gälische Wortbedeutung wiederum „Arbeiter“ heißen soll, während die Römer die Stadt freilich nicht Paris, sondern „Lutetia“ nannten, wie erstmals im sechsten Buch des Gallischen Krieges von Julius Caesar nachzulesen ist. Darauf zurückgeführt werden auch Eigennamen wie Pearcy, Percy, Persie und Parcival. Eine andere Deutung sieht ein keltisches Wort „par“ als Grundlage, welches „Boot“ heißen soll (vgl. „Barke“). Ein Boot wäre zwar kein Kessel, hätte aber unabhängig von Größe und Verwendungszweck eine zumindest ideengeschichtlich ähnliche Form. Die in der Geschichte von Pfersee, durch die Floßfahrt ebenso wie durch regelmäßig wiederkehrende Überschwemmungen, immer wieder bedeutungsvolle Nähe zur Wertach , lässt schließlich auch einen Begriff wie Furt (ahd. ferth(u) als denkbaren Ursprung zu. Als Furt bezeichnete man eine überquerbare Stelle eines Flusses, was natürlich eine Schlüsselstellung für eine Ansiedlung sein konnte. Bekannte Beispiele wären etwa Frankfurt oder Fürth (früher: firde, firda, oder fränkisch ausgesprochen „fäärd“). In Verbindung damit stünde auch etwa „vere“ für Fähre oder Fährmann. Aber man könnte auch darüber spekulieren, ob es Perser gab, die es in frühen Zeiten an die Wertach verschlug, lauten ältere belegte Formen doch perses, persea, persie oder davon abgeleitet der persich = Pfirsich und dergleichen mehr. Schließlich wäre auch eine Ableitung vom Namen der inzwischen nur noch etwa 150 km langen Wertach denkbar, da „Ach“ oder „Ache“ ein typisches Hydronym in Bayern und Österreich ist und lediglich „Fluss“ bedeutet, was aus der Wertach, den Wert-Fluss macht. Der Flussname wird von der lateinischen Form verdo oder virdo eines angeblichen keltischen Wortes „werth“ angenommen, aber auch mit lat. virido = grün verbunden. Pfersee könnte also ursprünglich eine Furt (wert) am Fluss (ach) gewesen sein.

Wie dem auch immer sei, 1372 jedenfalls wurde der Ort im Zuge einer Auseinandersetzung zwischen Augsburgern und Bayern zerstört. Die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Pfersee ist erst rund 200 Jahre später bezeugt, als sich der Ort im Besitz von Felizita Welser, der Witwe des Hieronymus Sailer (1495–1559) befand, der als Faktor der Welser mit dem spanischen Königshaus Verträge über die südamerikanische Provinz Venezuela schloss. Von 1560 bis zu den napoleonischen Kriegen war Pfersee ein berühmtes Zentrum des Judentums mit Verbindungen in alle Welt, was insbesondere mit der Familie der weitverzweigten Ulmo-Ginzburg zu tun hatte, deren Wurzeln im mittelalterlichen Augsburg lagen.

Pfersee was incorporated to Augsburg one hundred years ago in 1911, what by the way Augsburg made a “Gross-Stadt”. 125 years ago the Jewish community of Pfersee, between 17th and 18th century one of the most influential in Europe, voluntary winding up, since most of the member had moved to Augsburg, other  cities or abroad and overseas. The liquidation of the Pfersee community, (for the first time seriously considered after the huge damages caused by floods of the Wertach in 1855) and previous years and the demolition of the famous Pfersee synagogue  and school in 1876 actually was a kind of line drawn under a long and rich history.

A blackish iron kettle on red background is at the coat of arms of an medieval Augsburg family with the name Perz, Perrez or Perzheim (etc.), who were knights and until the early 14th century possessed the Perz Castle – today overbuilt by the Schloss – and indeed there is an old German word “feres” meaning pot, what of course also may be an interpretation, since there is no practical reason to dub a small village “pot”. There are numerous more or less convincing attempts to explain the name which in medieval deeds is written differently. One tries to derive the name from the Roman general Varus, other assume a lake (German “See”). Older Jewish texts discuss the similarity of the earlier Hebrew spelling to that of Paris, a fact that caused some confusion in later times in connection with the “Pfersee Talmud from Paris”. The name maybe derives from “fert” the old German word for “ford” which of course is a much easier form of river-crossing than a bridge. Fords often also were very important strategic points. The “Akh” in the name of the Wertach river, just means river, so Wertach is the river Wert or the Fert river.

Memorial plate at the birth house of Anna Proell (Nolan), 1916-2006, in Pfersee, Augsburger Str.,  next to the Wertach river.

http://www.anna-film.de/


Mosche Löwenberg aus Hohenems: “Er ging den Weg des Guten”

December 7, 2007

 

פ”נ 

ה”ה נעלה והנדיב כ”ה משה

לעווענבערג מקק האהענעמס

נפטר בשם טוב בליל שק יח

וקבר ביום א יט מרחשון

תקצז  לפק’

 איש הישר בנריבים

הלך בדרך טובים

אב נאמן לאשתו ולבניו

צדקה וחסד עשה כל ימיו

 תנצבה 

Hier ruht

Moritz Löwenberg

aus Hohenems 

 

 

(Anm.: 18. Marcheschvan ‘597 = 29.10.1837) 

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Moritz/Mosche Löwenberg ist ein Sohn von Maria Moos und Josef Wolf Levi aus Hohenems. Drei der Söhne waren als kaiserliche Hoffaktoren in Wien bekannt und Namen Familiennamen wie Gutmann, Hirschfeld und Löwenberg an. Mosche Löwenberg heirate 1807 Klara Ullmann (1786-1854), die Tochter Henle Efraim Ulmos (1750-1807, und seiner Frau Mirjam, geborene Levi aus Hohenems, Vorarlberg), Agent des Österreichischen Kaisers und des Bischofs von Augsburg. Schon Henle hatte enge geschäftliche Beziehungen zu den Levi-Söhnen in Hohenems. Moritz Löwenberg reiste oft nach Augsburg, meist geschäftlich und oft auch in Begleitung von seiner Frau und ihren Kindern. Die älteste Tochter Klaras und Mosches hieß Mina und begleitete ihren Vater oft auf Reisen. 1827 heiratete sie Abraham Lehman aus Blamont (deutsch Blankenberg/Mosel) bei Nancy, den sie wahrscheinlich in Metz kennen lernte.


Das jüdische Kriegshaber

January 17, 2007

Die jüdische Geschichte von Kriegshaber, einem vor knapp 90 Jahren (1916) eingemeindeten Stadtteil im Norden von Augsburg umfasst ein halbes Jahrtausend. Erhaltene Belege datieren die Ansiedlung von Juden entlang der Handelsstraße von Augsburg nach Ulm in die Mitte des 16. Jahrhunderts, wobei die tatsächliche Präsenz freilich in die Zeit der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde zurückreicht, die nach 1450 aufgelöst wurde.

torah-parochet-kriegshaber-1723-made-by-elkana-schatz-naumberg-of-furth-147-x-249-cm-geschenk-derTora parochet from Kriegshaber (1723) at Israel Museum in Jerusalem, Israel

Die jüdische Gemeinde entablierte sich entlang der Hauptstraße des Straßendorfes Kriegshaber, das seinen Wohlstand der Entwicklung der jüdischen Viehbauern, Pferdezüchter und landwirtschaftlichen Produktion verdankte. Bis in das frühe 19. Jahrhundert war die Mehrheit der Bevölkerung jüdisch geprägt, weshalb sich erst in den 1860er Jahren eine christliche Kirchengemeinde bildete.

kriegshaber-gieseckestrehem. jüdisches Haus an der Gieseckestraße

Zu den berühmten Familien vor Ort zählten Nachkommen und Nebenlinien des Ulmo-Günzburg-Clans der Zweige Ullmann, Mendle, Obermayer, Untermayer, Oberdorfer, Günzburger, Dick, Mayer, sowie der mit dem berühmten Physiker (über die gemeinsame Herkunft aus Buchau) verwandten Einsteins, die im wesentlichen Vieh- und Pferdezüchter oder Metzger waren, von denen einige zu fürstlichen, königlichen und kaiserlichen Hoflieferanten aufstiegen.

synagoge-kriegshaberformer Kriegshaber synagogue at Ulmerstr. (in May 2005)

Die frühere Hauptstraße heißt heute Ulmerstraße und war zwischen Marstaller Hof und dem Zeughaus in früheren Zeiten komplett jüdisch. Heute erinnert daran allenfalls die Seit Jahrzehnten unbenutzte verfallende ehemalige Synagoge und der gleichfalls vernachlässigte, durch üppigen Wildwuchs dem Verfall überlassenen alten Friedhof an der Hooverstr. (früher: Hummelstraße), der zusammen mit den den Gemeinden von Pfersee und Steppach in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges gegründet wurde.

juedischer-friedhof-tafel-kriegshaberWidmungstafel am Kriegshaber Friedhof (Dezember 2004)

Nachdem Kriegshaber wie auch Augsburg nach 1805 bayerisch wurden, zogen viele Kriegshaber Juden nach Augsburg. Anders als die Gemeinden von Steppach, Schlipsheim und Pfersee, die sich in den 1870er Jahren auflösten, konnte sich die Kriegshaber Gemeinde, die bis 1875 den Vorsitz im schwäbischen Distrikt hatte, bis zur Nazi-Zeit als “orthodoxe” Gemeinde behaupten.

In der Nachkriegszeit wurde die Synagoge bis etwa 1951 von amerikanischen Soldaten und KZ-Überlebenden als Gebetshaus benutzt. Auch am Friedhof wurden bis in die frühen 1950er Jahre Überlebende des “Holocausts” bestattet.

Die Zukunft der ehemaligen Synagoge ist derzeit so ungewiss wie die des Friedhofs. Der JHVA will sich in der Zukunft jedoch ausdrücklich für den Erhalt und für die weitere Nutzung beider Einrichtungen einsetzen, im ursprünglichen Sinne, wie sich von selbst versteht.