the richest man ever

August 11, 2015

In Deutschland kaum vorstellbar, in Augsburg unmöglich: nicht zu wissen, wer Jakob Fugger oder “die Fugger” waren. Tatsächlich aber sind “die Fugger”, trotz ihrer unbestrittenen historischen Bedeutung, international relativ unbekannt, was sicher nicht nur mit ihrem zumindest für amerikanische Zungen etwas anzüglichen Namen liegt (der bei vielen wohl schon im Spam-Filter hängenbleibt.

Der erste Fugger der sich 1368 in Augsburg aus dem Ort Graben (20 km südlich von Augsburg, Richtung Bobingen, Kleinaidlingen) kam, schrieb seinen Namen ja auch tatsächlich noch “Fucker”. Damals lebten noch einige hundert Juden in Augsburg. Und Fuggers erstes Haus in Augsburg erhob sich direkt über dem Judenberg und das niedere Eruw-Viertel. Ein “Fucker” im Wortsinn ist übrigens ein Schläger, so wie fucken schlagen oder dreschen hieß, ebenso wie die englisch Variante to fuck (deutsch: ficken). Gemeint war jeweils Heu dreschen, etc.

An der relativen Unbekanntheit Fuggers etwas ändern will Greg Steinmetz mit seinem neuen Buch. Ob der Superlativ im Titel die richtigen Leser anlockt, kann jedoch bezweifelt werden. Aus Augsburger sicht jedenfalls ist es bemerkenswert genug, dass die “Washington Post” unlängst einen Artikel dazu brachte. Siehe unten.

Greg Steinmetz: THE RICHEST MAN WHO EVER LIVED: The Life and Times of Jacob Fugger

Greg Steinmetz - The richest man who ever lived - the Life and Time of Jacob Fugger

ספר חדש על יעקב פוגגער מאוגסבורג

read more: http://www.washingtonpost.com/news/book-party/wp/2015/08/06/he-remade-capitalism-religion-and-history-youve-probably-never-heard-of-him/

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Eine jüdische Episode am Gut Bannacker im Süden von Augsburg

April 27, 2015

Am südwestlichen Ende Augsburgs nahe Bobingen befindet sich der 1972 eingemeindete Stadtteil Bergheim und mit ihm auch der bei vielen Augsburgern wenig bekannte Weiler Bannacker. Dieser ist benannt nach einem Gutshof, der bis 1930 im Besitz der Familie Fugger-Babenhausen war, von 1930 bis zur „Arisierung“ aber den jüdischen Konvertiten Weininger gehörte und seit wenigen Jahren nunmehr als Veranstaltungsort für Konzerte im Rahmen des „Mozart@Augsburg“ Festivals wachsende Beachtung findet. Zeit also, um die zwar kurze, so aber doch durchaus illustre „jüdische“ Episode am südlichsten Punkt von Augsburg etwas nähere zu beleuchten, zu deren Facetten mit Privatflugzeugen eintreffende Weltstars ebenso gehörten, wie auch verängstigte jüdische Jugendliche, die im temporären zionistischen Schulungslager auf die Schnelle landwirtschaftliche Fähigkeiten erwerben mussten, um in Israel eine vage Zukunft vor Augen zu haben.

Bannacker Augsburg Bannackerstr Oberschönenfelderstr

Das Herrenhaus wurde von dem Johann Gottlieb von Süßkind  (1767-1849) errichtet, der aus dem etwa 20 km südöstlich von Stuttgart gelegenen Nürtingen stammte. Der lutherische Bankier war in Augsburg zunächst für die gleichfalls christlichen Bankiers der Familie Halder (nach welcher die Augsburger Halder-Straße benannt ist in welcher sich die Synagoge befindet) tätig und war während der Napoleonischen Kriege durch Wechsel- und Spekulationsgeschäfte zu exorbitanten Reichtum gekommen und galt als „reichster Mann Schwabens“. Süßkind wurde 1821 vom bayerischen König Maximilian I. in den Freiherren-Stand erhoben und erwarb in den Folgejahren zahlreiche Landgüter, darunter das Schloss  Haunsheim bei Lauingen, das fränkische Barockschloss Dennenlohe bei Ansbach und das der Schloss der Fugger im schwäbischen Dietenheim. Den Weiler Bannacker, in dem sich zuvor nur wenige Gehöfte und eine kleine Kapelle befanden, ließ er zum Landschloss mit Herren-haus und Stallungen ausbauen. Seine Erben verkauften den Besitz jedoch an die Familie Fugger-Babenhausen, die den Gutshof  Bannacker 1930 an Richard Weininger veräußerten.

mehr: Die Weiningers – eine jüdische Episode am Gut Bannacker im Süden von Augsburg

Bannacker Augsburg

The Weininger Days in Bannacker – from celebrities to Zionists at the South end of Augsburg

In the southernmost end of Augsburg is the hamlet Bannacker (lit. “banned field”). Almost two hundred years ago the Christian banker Johann Süßkind built a large manor house with some stables, the estate Bannacker. By 1860, the heirs sold the property to the Fugger Babenhausen family. The Fugger however in 1930 sold it to the entrepreneur Richard Weininger from Berlin, a converted Jew, whose older brother, the philosopher Otto Weininger in 1903 at the age of 23 had committed suicide in Vienna after publishing a number of highly controversial and fierce misogynist and anti-Semitic books that were bestsellers and made him a person of sensational international fame.

Richard Weininger and his wife established the Bannacker estate as meeting place for the international high society, where musicians, actors, politicians, aristocrats, industrialists and other celebrities organized private golf and polo tournaments, to which the VIPs arrived with their  luxurious limousines or even with their own sport aircrafts at the existing private Bannacker airport.

However, given the racial fanaticism of the Nazis, the celebration days were counted on Bannacker because although Hitler had great respect for Otto Weininger, “the Protestant baptized Jew who committed suicide out of decency”, the local Nazis, of course did not oversee the “detail”, that his brother Richard Weininger, who himself at the age was baptized as well, had Jewish parents in Vienna.

In the Olympic year of 1936 the Weininger couple, up to now German patriots, allowed the temporary placement of a camp for youth Zionist pioneers in a house of their estate, where the youngsters were rather improvised were (re-)educated for garden- or farm work, maybe useful in Eretz Israel. Many of the Zionist youngsters however did not arrive the Holy Land, but the Concentration camps of the Nazi. After the games the policy of the Nazis intensified again and so now also the Bannacker property was “aryanized” and thus the short Jewish episode in the very South of Augsburg came to an end.

Today, after several decades and years of slumber, with the organization of classical Mozart concerts some kind of social life returns to Bannacker, although of course at least so far it cannot keep up with the international splendor of the Weininger Days at the estate.


Juden im schwäbischen Babenhausen

October 8, 2014

 

Babenhausen Kreis Unterallgäu

 

Babenhausen, Kreis Unterallgäu

Das schwäbische Örtchen Babenhausen befindet sich c. 20 km nördlich von Memmingen. Nach Ulm sind es 40 und nach Augsburg schon 65 km. Mit letzterem verbindet Babenhausen die Familie der Fugger, die hier lange Zeit ihren Sitz hatten. Kaum bekannt ist, dass es sich in unmittelbarer Nähe zu Schloss, Marktplatz und Rathaus auch eine jüdische Ansiedlung gab, wovon der heute noch erhaltene Name „Judengasse“ zeugt. Über diese ist freilich vor Ort so wenig bekannt, dass allgemein gerätselt wird, wie es zur Namensgebung gekommen sein mag. Eine gängige Erklärung die unter den Einwohnern des 5000-Seelen Ortes kursiert, lautet dann auch so, dass es Juden zeitweilig erlaubt wurde, in den Ort zu kommen und dort Handel zu treiben, wobei sie „natürlich viele Privilegien gehabt” hätten. Wann das gewesen sein soll? „Sicher vor 1933“. Vor ein paar Jahren habe da mal “jemand” für den Heimatverein was drüber geschrieben. Da sich nichts anderes dazu im Internet findet, könnte das Dieter Spindler gewesen sein:

Warum gibt es in Babenhausen eine Judengasse, Versuch einer Erklärung“, in: Heimat-Magazin Krumbach, 1997/3, S. 10-12

Zwei Seiten also als Erklärungsversuch, der freilich nirgendwo zitiert wird und auch nicht zugänglich war, da die Bücherei im ehemaligen Mesnerhaus beim Fugger-Schloss auch Dienstags geschlossen hat.

Babenhausen Bebenhausen Unterschönegg

Don’t confuse Hessian Babenhausen with Swabian Babenhausen or nearby Bebenhausen

Abgesehen davon, dass es knapp 3 km nördlich von Babenhausen bereits ein Örtchen namens Bebenhausen (heute ein Teil von Kettershausen) gibt, existiert auch noch ein weiteres Babenhausen in Hessen, 15 km westlichen von Aschaffenburg, über dessen jüdische Vergangenheit ungleich mehr bekannt ist und weniger spekuliert werden muss. Dass in Aschaffenburg bereits im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts genannte Juden „von Babenhausen“ sich auf den benachbarten Ort beziehen und nicht auf den schwäbischen, ist zwar plausibel. Einen Zusammenhang mit dem Ort bei Memmingen schließt es nicht trotzdem nicht kategorisch aus, finden sich in selber Zeit ja auch Juden aus Orten die weiter als 300 km entfernt lagen, beispielswiese Juden aus Köln oder Zürich im mittelalterlichen Augsburg. Die jüdische Gemeinde im hessischen Babenhausen existierte noch bis in die 1930er Jahre hinein. Noch 1997 gab es einen Brandanschlag auf einen einzelnen in Babenhausen wohnenden Juden. Da es nun aber in beiden Orten eine Judengasse gab, ist es schwierig Referenzen auf „Juden in Babenhausen“ zu finden, die sich zweifelsfrei auf den schwäbischen Ort באבנהאוזן beziehen. Antworten findet man aber bekanntlich nur, wo man Fragen stellt. Als Kurzbesucher kann man auch kaum mehr als das tun, aber immerhin.

Judengasse Babenhausen Schloss

Blick von der Judengasse in Babenhausen zum Fugger-Schloss

Babenhausen Judengasse Fugger Schloss

Blick vom Fugger-Schloss Babenhausen in die Judengasse

Ausschließen können wir freilich, dass die Gasse am Fuße des mächtigen Fugger-Schlosses nach den Juden bei Aschaffenburg benannt wurde. Dass die Gasse tatsächlich so benannt wurde, weil hier nur zeitweilig Juden als Händler auftraten, ist abwegig und widerspricht jeder Erfahrung. Überall sonst, wo es einen solchen Straßennamen gibt, besagt „Judengasse“ auch nichts anderes als eben die feste und anhaltende Präsenz einer jüdischen Gemeinde – in der Gasse und mehr oder minder drum herum. In Augsburg hielt sich der mittelalterlich bezeugte Name Judengasse immerhin bis 1825, also fast vier Jahrhunderte nachdem die Juden die dortige Ansiedlung aufgaben, während es den „Judenberg“ namentlich immer noch gibt. Warum sollte das also ausgerechnet im schwäbischen Babenhausen anders sein, wo es doch auch in unmittelbarer Umgebung einige Orte mit jüdischen Siedlungen gab, wie etwa in Osterberg, Altenstadt, Illereichen, Hürben, Memmingen, Dietenheim, usw.

Babenhausen Wappen Rathaus

Babenhausen (Schwaben) Wappen mit modifizierten Stern

1337 hatte Babenhausen, dessen Wappen ein von drei Hämmern umgebener sechszackiger Judenstern ziert, von Kaiser Ludwig dem Bayern das Stadtrecht erhalten. Der Name könnte auf diese Zeit ebenso zurückgehen wie auf eine zeitweilige im 16. Jahrhundert als es auch längst vergessene jüdische Siedlungen in Orten wie Irmatshofen, Immelstetten, Neufnach gab. Schon die Ortsnamen sind nicht gerade allgemein geläufig, manche Ortschaften auch in anderen aufgegangen.

Babenhausen Schloss Marktplatz Judengasse

not alone the Jewish past is being neglected in Babenhausen

Babenhausen Hausfassade

Babenhausen Schloss Turm

Babenhausen Schloss Bücherei Mesnerhaus

Fuggerschloss Babenhausen

Interessanter Weise endet die Judengasse in Babenhausen abrupt an der selben Stellen wie der heute von Süden kommende Mühlbach, der nun unter der Stadtgasse umgeleitet, 70 m westlich davon die Hirtengasse fortsetzt. Das aber hat sicher etwas mit der Tiefgarage der Bank zu tun, was uns nicht zu kümmern braucht. Eine jüdische Gemeinde bedurfte auch am Fuße des Fugger-Schlosses einer Tauche oder Mikwe und der dafür erforderliche Wasserlauf war mit dem Mühlbach direkt vorhanden. Wir den Schilderungen der Anwohner zu entnehmen ist, wurden im Bereich der Judengasse in den letzten Jahren eine Reihe alter Gebäude abgerissen, weshalb es nicht einfacher geworden ist, anhand der aktuellen Bausubstanz über die Infrastruktur der früheren jüdischen Gemeinde zu urteilen, zumal wir auch nicht wissen, wann sie bestanden haben mag.

Judengasse Babenhausen

altes Gebäude in Babenhausens Judengasse, vorne die Einfahrt zur Tiefgarage der Bank

Babenhausen Polizeigarten Judengasse

Bemerkenswert ist heute noch der prächtige Hotelgasthof Sailer und am Aufstieg zum Schloss der kleine „ehemalige Polizeigarten“. Auf der Südseite der Judengasse befindet sich an der parallelen Straße das Geschäftshaus Stadtgasse 6 (Denkmalschutznummer D-7-78-115-20), das auf die Zeit um 1890 datiert wird. Im Dachgiebel des Hause befindet sich ein markantes Fenster in Form eines sechszackigen David- oder Judensterns, was auf der Rückseite der Judengasse wohl kaum zufälliger sein kann, als über die Straße die Stadtmühle am Mühlbach.

Babenhausen Stadtgasse Haus Yehuda

Babenhausen Judenstern Haus Stadtgasse

Babenhausen Figur Hausfasse Stadtgasse 6

 

Details der Fassade: David-Stern, David?

Babenhausen Schwaben Haus Daidstern


Zur jüdischen Geschichte in Osterberg

July 23, 2014

 

Karte Osterberg map Jewish

 Jewish settlement (blue), cemetery (green) at Kolbenweg, few yards away

Osterberg Schloss

Schloss Osterberg castle

Osterberg sheep next to Jewish cemetery

Osterberg sheep

In Osterberg einer c. 20 km nördlich von Memmingen und zwischen Babenhausen und Altenstadt gelegenen kleinen Gemeinde im Landkreis Neu-Ulm an der Grenze von Bayern und Württemberg, gab es etwa hundert Jahre lang ein jüdische Gemeinde. Heute erinnern daran nur noch das Straßenschild “Judengasse” und der etwas versteckte, umwaldete kleine jüdische Friedhof.

Judengasse Osterberg

 part of the Judengasse in Swabian Osterberg

Osterberg Judengassen Siedlung

Osterberg selbst war eine für die Region recht typische Dorfsiedlung unterhalb eines Schlosses und von diesem völlig abhängig und darauf ausgerichtet. Auch die Nähe zum nur etwa 6 km entfernten Fugger-Sitz Babenhausen (wo es zeitweilig ebenfalls eine jüdische Gemeinde gab und auch dort erinnert heute namentlich nur der erhaltene Straßenname „Judengasse“ daran) spielte dabei eine Rolle.

Osterberg Judengasse

Einzelne Nachrichten über Juden am Ort in  finden sich ab dem 16. Jahrhundert. Doch erst um das Jahr 1800 entstand eine jüdische Siedlung für die der Freiherr von Osterberg geworben hatte. Als etwas zwielichtiger Kommissar in den Ermittlungen der Papiernoten – Vorwürfe gegen die schwäbischen Juden im Herbst 1803 ist er uns gut vertraut aus dem Bericht des Ber Ulmo aus Pfersee. Angeworben wurden auch Juden aus Steppach, Kriegshaber und Pfersee. Zu den Bewohnern zählte 1835 deshalb auch der Lederer und Gerber Abraham Steppacher in Haus 8 oder die Familie der Binswanger in der Judengasse 22. 1820 wurde ein jüdisches Schulhaus und hernach ein (neues) Tauchbad (Dauche) gebaut, welche die bisherigen Provisorien ersetzten. Die genauen Standorte zu lokalisieren war eine knappe halbe Stunde vor dem Anpfiff des FIFA-WM-Endspiels zwischen Deutschland und Argentinien nicht möglich – und letztlich auch egal.

Jüdischer Friedof Osterberg Eingang Entrance Jewish cemetery

steiler Aufgang/Eingang des etwas versteckt liegenden Friedhofs

Jüdischer Friedhof Osterberg

abandoned Jewish cemetery of Osterberg

Jüdischer Friedhof Osterberg Jewish Cemetery

בית קברות יהודי באוסטערבערג

Es gab drei zusammenhängende Judengassen in Osterberg. Knapp hundert Meter Luftlinie von der Judengasse entfernt (siehe Karte oben), am steil aufsteigenden Waldrand erlangte die Gemeinde im Juli 1802 auch einen eigenen, „40 Quadratschuh“ (ein bayerischer Schuh maß 29.72 cm) großen, ursprünglich umzäunten, jetzt aber ummauerten Begräbnisplatz. Es sind nur wenige Grabsteine erhalten geblieben und von diesen haben nur einige noch identifizierbare hebräische Inschriften. Am bekanntesten ist der offenkundig in der Nachkriegszeit restaurierte Stein der Blimle Binswanger (geb. Götze), deren Gatte Moses Binswanger am jüdischen Friedhof von Kriegshaber/Pfersee begraben liegt.

Bluemle Binswanger Grabstein jüdischer Friedhof Osterberg

מצבה של בלימלא בינסוונגר בבית הקברות יהודי בכפר הבווארי אוסטערבערג

Osterberg jüdischer Friedhof Grabstein Schimschon haKohen

Hebräischer Grabstein Osterberg jüdischer Friedhof

Osterberg Jewish cemetery

Osterberg jüdischer Friedhof Grabstein

Hebrew gravemarker Jewish cemetery Osterberg Bavaria