Die Darstellung der Stämme Israels in der Augsburger Synagoge

August 31, 2010

3. Teil zur Beschreibung der künstlerischen Innenausstattung der Augsburger Synagoge, anläßlich des 25. Jahrestages der Wiedereinweihung der Synagoge am 1. September 1985

 

An der Wand der Ostseite stehen auf beiden Seiten des Aron Kodesch, dem Schrank in welchem hinter dem Parochet (Vorhang) die Thora-Rollen aufbewahrt werden, die im Mittelalter schon belegten Worte:

דע לפני מי אתה עומד“ – erkenne vor wem du stehst – ursprünglich eine Aufforderung, sich zu vergegenwärtigen eine solches Haus nur für die Zwecke des Gebets zu benutzen und nicht für profane, weltliche Zwecke zu missbrauchen. Heute muss dies eine andere Bedeutung haben, da der Raum Bestandteil eines Museums ist und übers Jahr von wenigen Ausnahmen abgesehen nur für Musikaufführungen und nicht für reguläre jüdische Gebete benutzt wird.  Vielleicht deutet man es deshalb sinngemäß, dass man die jeweiligen Musiker nicht durch Tuscheln, Kichern oder lautes Husten aus dem Takt bringen soll: bedenke vor wem du stehst ..! Die ursprünglichere Bedeutung schimmert allenfalls in der Aufforderung für männliche Juden durch, sich in der Synagoge eine Kopfbedeckung aufzusetzen, selbst wenn es sich nur um ein Stück Karton, aber weder um ein biblisches, noch talmudisches Gebot handelt und ganz sicher um keines, dass jemals für „Nichtjuden“ galt oder eine Relevanz bei Klassik- oder Klezmer-Konzerten hätte. Gerade deshalb ist es wohl aber die „Spielregel“ die in vielen Synagogen und auf Friedhöfen offenbar am bereitwilligsten und ernsthaftesten befolgt wird. Wie dem auch sei

Entlang der „Balustrade“ der „Frauenempore“ befinden sich insgesamt sechs runde, ornamental eingefasste Tafeln mit jeweils zwei der israelischen Stämme in welchem den hebräischen Namen der Stämme mehr oder minder eindeutige Bildsymbole zugeordnet wurden. Diese „Stämme-Tafeln“ entlang der Balustrade sind von auf jeder der drei Seiten (Nord, West, Süd) mit einzelnen hebräischen Worten umgeben, die aus der Bibel zitieren.

Gemäß der etwas ungenauen Angabe des Rabbiners bei der Planung und Einweihung 1917 Dr. Richard Grünfeld sind dies:

 „Symbole der zwölf Stämme Israels, wie sie uns die Bibel in Segensworten Jakobs und Mosis überliefert hat. Levi der Stamm mit dem Brustschild der Hohenpriester und Dan ‚die Schlange‘, Juda ‚der junge Löwe‘ und Ruben, der Baum mit den Liebesäpfeln, Sebulun, am Gestade des Meeres mit dem Schiff, und Isachar, das Lasttier, Simeon, die feste Burg, und Naphtali ‚die lose Gazell‘, ‚von Asser kommt fettes Brot‘ und Ephraim und Manasse sind Stier und Büffel; Gad mit seinen Zelten und Benjamin ‚der reißende Wolf‘.“ (Festschrift, S.82/83)

Die Abfolge wie auch die Zusammenstellung der „Brüderpaare“ folgt jedoch keinem erkennbaren Schema, etwa der in der Thora erwähnten Geburtsabfolge, jedoch sind die Nachkommen Josefs wie in der Thora bereits aufgeteilt in die beiden Linien Efraim und Menasche, die später aber mit dem Nordreich Israel aus der Geschichte verschwanden.

Im Norden: Gad / Binjamin  und Ascher / Menasche – Efraim 

Im Westen: Schimon / Naftali und Swulon / Ischachchar

Im Süden: Jehuda / Ruwen und Levi / Dan

Auf der Nordseite lautet das Zitat „קדשים תהיו כי קדוש אני יי אלהיכם “ (kedoschim tiheju, ki kadosch ani adonai elohechem) aus dem Buch Vajikra (3. Moses) 19.2: „(Rede zur Versammlung der Kinder Israels und sag ihnen): Seid Heilige, denn ich bin ein Heiliger, HaSchem Euer Gott.“

depiction of Israelite tribes

Zwischen den Worten קדשים und  תהיוist die erste der sechs Stämmetafeln eingesetzt mit den beiden Stämmen Gad (גד) und Binjamin (בנימן). Illustriert wird Gad hier mit der Darstellung von drei Zelten, die sich jedoch anders als Grünfeld behauptet nicht aus den beiden Segen ergeben. Jakob benutzt ein Wortspiel (גד גדוד יגודנו והוא יגד עקב) welches ohne Bildsymbol besagt, dass Gad „von Scharen verfolgt“ werde. Moses beschreibt Gad im Buch Dwarim (5. Moses 33.20) wie kurz darauf auch Dan als einen jungen Löwen (לביא – lawi), eine Metapher, die Jakob im Buch Breschit (1. Moses 49.9) als (אריה – arje) und (לביא – lawi) noch für seinen Sohn Jehuda gewählt hatte. Im 12-Stämme-Fenster im Museum of Art in Tel Aviv beispielsweise wird Gad entsprechend (auch nicht ganz korrekt) als Löwin dargestellt. Zelte (in denen übrigens vermutlich  alle Stämme wohnten) hingegen verbindet Moses auch nicht mit Gad sondern mit Ischachar (5. Moses 33.18). Jedoch gibt es im 2. Buch von Samuel (24.11 ff.) eine Erzählung in welcher der Überbringer (Prophet) Gottes namens Gad dem König David unter drei möglichen Strafen eine auswählen lässt: 1. Sieben Jahre Hungersnot im Land, 2. Drei Monate auf der Flucht vor Feinden oder 3. Eine dreitägige Pest (דבר) im Land. David entschied sich dafür, durch Gott und nicht durch andere Menschen gerichtet zu werden und so starben 70.000 im ganzen Land. Die Auswahl von drei Übeln kann vielleicht die Anzahl der Drei, auch wenn Gad hier nur eine Person ist und nicht den Stamm als solchen repräsentiert. Für Binjamin ist ein Wolf abgebildet, gemäß dem Ausspruch seines Vaters Jakob „בנימין זאב יטרף“ (Binjamin ist ein reißender Wolf, Buch Breschit = 1. Moses 49.27).

depiction tribes

Als zweite Stämme-Tafel folgt auf der Nordseite zwischen der Abkürzung des Gottesnamen (יי) und dem Wort (אלהיכם) nun die Darstellung des Stammes Ascher (אשר) und der beiden Josef-Söhne Menasche (מנשה) und Efraim (אפרים). In Jakobs Segen heißt es „fett ist sein Brot“ und die Darstellung in der Stämmetafel zeigt, wohl um ein erkennbares Backwerk abzubilden, dazu nun eine Brezel die von Getreideähren überwölbt wird. Darunter befinden sich zwei Hörner-Paare, um die Söhne Josefs zu repräsentieren (im Segen Jakobs wird Josef freilich an ihrer Stelle gesegnet und als „fruchtbare Zweige über einer Quelle“ (פרת עלי עין בנות) bezeichnet. Für Menasche sind dies Stierhörner und für Efraim sollen es die eines Büffels sein, was zweifellos nicht zutrifft. Quelle ist der Ausspruch von Moses (5. Moses 33.17), der jedoch, durchaus eigentümlich, beides auf den Erstgeborenen Menasche bezieht, da von einem „erstgeborenen Stier“ (בכור שור) die Rede ist, dessen Hörner jedoch die einer Antilope (ראם, genau genommen handelt es sich dabei um Onyx-Antilope) seien, also ein Stier mit den Hörnern einer Antilope, was auch immer Moses damit sagen wollte. Zu Efraim gibt er jedoch keine entsprechende Symbolik, weshalb er wohl in der Darstellung nun die Antilopenhörner verliehen bekam.

Darstellung der biblischen Stämme Simon und Naphtali

Auf der Westseite gegenüber dem Thoraschrein befindet sich der Spruch „משה מורשה קהלת יעקוב תורה צוה לנו“ (tora ziva lanu mosche, morascha kehilat ja‘akow), ein Zitat aus dem Buch Dwarim (5. Moses 33.4): „Mosche befahl uns die Thora, ein Erbe der Gemeinde Jakobs“.

Zwischen den Worten תורה und צוה ist die dritte Stämmetafel eingefügt. Sie zeigt Schimon (שמעון) und Naftali (נפתלי). Die Abbildung zu Schimon präsentiert einen Festungsbau dessen erhöhte Mitte von einer Kuppel bekrönt wird. Die „feste Burg“ (Grünfeld) soll darauf anspielen, dass Schimon, der Sohn Jakobs gemeinsam mit seinem Bruder Levi, für die Vergewaltigung ihrer Schwester Dina blutige Rache nahm und zwar an der „Stadt“ des Vergewaltigers, der zufällig Sohn des Königs war (siehe 1. Moses 34.25). Offenbar soll nun das dargestellte Gebäude den Vorfall und damit Schimon darstellen, obwohl sich die Geschichte selbst auf ihn und seinen Bruder Levi bezieht. In Jakobs ob der Gewalttat etwas angewiderten Ausspruch werden folgerichtig auch beide Brüder mit dem Schwert assoziiert, während Schimon bei Moses überraschender weise unerwähnt bleibt. Die Darstellungsweise mit dem Kuppelbau und dem aufgeteilten Namen שמעון als עון und שמ ist abseits der wahrscheinlich lediglich gestalterischen Anwendung eine unter Umständen auch bewusste Anspielung auf eine Münze aus dem antiken Israel. In genau derselben Weise trennt nämlich eine sog. Bar Kochba – Münze die das jüdische Heiligtum in Jerusalem darstellt den Namen Schimon, der als Schimon Ben Kosiwa vor etwa 1875 Jahren der letzte jüdische Herrscher des antiken Israels war. Da dies aber die Kenntnis der wiederum nicht raren Münze voraussetzt, mag dies vielleicht auch nur eine Zufälligkeit sein. Andererseits wurden bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von zionistisch beeinflussten Vereinen mit dem Namen „Bar Kochba“ in Deutschland gegründet, etwa der Turn- und Sportverein Bar Kochba in München, von wo auch die Architekten Landauer und Lömpel kamen.  Die untere Darstellung verknüpft Naftali, gemäß 1. Moses 49.21 mit „einer losen Gazell“ wie Grünfeld schreibt.

 Bar Kochba Münze mit getrennter Schem- On  Schreibweise des Namens Schimon in althebräischer (paleo-) Schrift und Tempel in Jerusalem um 135 – 140 n.a.Z.

Schließlich befindet sich auf der Südseite eine weiteres Zitat: „פרס לרעב לחמך ועניים מרודים תביא בית“ (paros lara’ew lachmecha va’anijim merudim taiw bait), dieses Mal verkürzt aus dem Buch des Jeschajahu (Jesaia 58.7): „Verteile den Hungrigen dein Brot und bringe die jämmerlichen Armen in das Haus“. Im Buch ginge der Vers noch weiter: „wenn du einen Nackten siehst, bedecke ihn und verstecke dich nicht von deinem Fleisch“. Da dies aber womöglich eine Selbstverständlichkeit war, konnte dies wohl weggelassen werden.

Inside the Synagogue of Augsburg there are some inscriptions as well as depictions of the biblical tribes of the people of Israel in some respect according to the words of Jacob Israel and Moses.

* * *

paintings: Chana Tausendfels

pictures: Yehuda Shenef


Die Herkunft der mittelalterlichen Augsburger Juden

August 30, 2010

Über die Bedeutung der jüdischen Gemeinde im mittelalterlichen Augsburg geben nicht zuletzt auch die Orte ab, aus denen Juden in die Reichsstadt zogen. Auch die städtischen Steuerlisten ab dem 14. Jahrhundert geben darüber Zeugnis, dass nicht nur Juden aus den benachbarten Regionen, sondern auch aus fernerliegenden bekannten Zentren jüdischer Gelehrsamkeit nach Augsburg kamen, um mittels Heirat, als Rabbiner oder als Schüler Bestandteil der schwäbischen Gemeinde zu werden.

Im Einzugsgebiet werden dabei Orte genannt, die heute nicht unbedingt immer auf Anhieb mit mittelalterlichen jüdischen Gemeinden in Verbindung gebracht werden: Dinkelsbühl, Nördlingen, Oettingen, Pappenheim, Regensburg, Harburg, Donauwörth, Neuburg, Ingolstadt, Lauingen, Dillingen, Höchstädt, Wertingen, Schrobenhausen, Aichach, Freising, München, Friedberg, Zusmarshausen, Burgau, Ulm, Biberach, Mindelheim, Memmingen, Landsberg und Mühldorf am Inn.

Aber auch aus Orten und Städten in größerer Entfernung kamen Juden nach Augsburg: Köln, Mainz, Worms, Speyer, Straßburg und das benachbarte elsässische Bischoffsheim, Rothenburg ob der Tauber, Zürich, Nürnberg und das kärntische Millstatt (Muelrestat) .

Freilich ist es nicht im sicher, einzelne Orte sicher zu identifizieren. Beispielsweise gibt es nicht weniger als drei schwäbische Orte mit dem Namen Biberach, einige Neuburgs und da die meisten Schreibweisen noch variabel waren könnte ein Rothenburg auch als Rottenburg gelesen werden und der Ort Werd, den wir nicht zu Unrecht wir als Werd an der Donau deuten, sprich als Donauwörth, könnte aber auch der heute noch so heißende kleine Ort Wörth sein, gleichfalls an der Donau, unweit von Regensburg, aber, da Angaben zum Fluss fehlen vielleicht auch Wörth an der Isar, Wörth am Rhein, Wörth am Main und warum nicht auch Wörth an der Sauer im Elsaß ..? Sicher behaupten lässt sich das ebenso wenig wie die Annahme alle genannten Juden -insofern keine Verwandtschaft plausibel ist – kämen aus einem einzigen Werd.

The origin of the medieval Jews of Augsburg

The significance of the Jewish community in medieval Augsburg, also is explained by the places from which Jews moved to the Imperial City. Also the municipal tax records from 14 Century on provide evidence that Jews not only from the neighboring regions but also from more distant known centers of Jewish scholarship moved to Augsburg to get member of the Swabian Jewish community by marriage as a rabbi or student.

In the catchment area of the Imperial City there are many places, which today are not necessarily always instantly connect to the medieval Jewish communitiest: Dinkelsbuehl, Noerdlingen, Oettingen, Pappenheim, Regensburg (Ratisbon), Harburg, Donauwoerth, Neuburg, Ingolstadt, Lauingen, Dillingen, Hoechstaedt, Wertingen, Schrobenhausen , Aichach, Freising, Munich, Friedberg, Zusmarshausen, Burgau, Ulm, Biberach, Mindelheim, Memmingen, Landsberg and Muehldorf am Inn.

However, even from in towns and cities further away Jews came to Augsburg: Cologne, Mainz (Mayence), Worms, Speyer, Strasbourg and the neighboring Alsatian Bischoffsheim, Rothenburg ob der Tauber, Zurich, Nuremberg and the Carinthian Millstatt (Muelrestat). Of course it is not always safe to identify individual toponyms. For example, there are no fewer than three Swabian places called Biberach, some Neuburgs (new castle) and since most writing still is variable Rothenburg eventually also could be read as Rottenburg and place Werd, which we identify not without reason as Werd at the Danube = Donauwoerth, actually also may be quite another Woerth on the Danube, near Regensburg, but perhaps also Worth on the Isar, Worth on the Rhine, Worth on the Main, and why not Worth on the Sauer in Alsace .. ? We do not know in all cases for sure and there also is no guaranty that all entries actually refer only to one single one of them.


Die Geschichte der Juden in Dinkelsbühl

August 26, 2010

Dinkelsbühl Stadtwappen

Nikolaus Prunslein, bekannt als Nikolaus von Dinkelsbühl (1360 – 1433) war ein katholischer Gelehrter und Prediger und Schüler des Heinrich von Langenstein, dem er nach Wien folgte und dessen Predigten gegen die Juden offensichtlich enormen Eindruck auf ihn machten. Langenstein hatte zunächst angeregt, dass Christen mit Juden nur noch dann Kontakt pflegen sollten, so diese als deren Diener arbeiteten. Andere Beziehungen in denen Christen nicht sichtbar Herren seien, wären hingegen als schädlich abzulehnen. In der Realität kam freilich aber auch das genaue Gegenteil davon vor und Christen waren als Bedienstete von Juden angestellt. Zwar hatte Papst Alexander III im Frühjahr 1179 auf dem dritten Laterankonzil verbieten lassen, dass Juden christliche Knechte haben durften, aber wie das oft zitierte vermeintliche „Zinsverbot“ machte auch dieses Verbot offenbar auf niemanden wirklich Eindruck. Noch hundert Jahre später führte das Stadtbuch der Reichsstadt Augsburg im Jahr 1276 eben dieses Recht selbstverständlich auf und noch um einiges später gestatten weitere Beschlüsse der städtischen Räte den christlichen Knechten der Augsburger Juden straffrei in jüdischen Bädern baden zu dürfen. Dass der Beschluss des Konzils allenfalls halbherzig und oft gar nicht beachtet wurde, war vielen Predigern natürlich ein „Dorn im Auge“ und Anlass weiterer Polemiken.

“Dinkelsbuehl” auf einem Grabstein am Friedhof in Schopfloch

Nikolaus, von seinen Glaubensgenossen damals als „Licht der Schwaben“ verehrt, war zeitweilig Gesandter im Vatikan und Rektor der Universität in Wien. Als Erzieher, Berater und schließlich auch Beichtvater von Albrecht von Habsburg, der im Alter von sieben Jahren bereits Herzog von Österreich wurde, übte er auf den späteren Kaiser Albrecht II. erheblichen Einfluss aus. Dies wirkte sich insbesondere im Verlauf der sog. Wiener Gesira (גזירת וינה ) aus, als auf Befehl des Herzogs die alte jüdische Gemeinde Wiens zerstört wurde. Häuser und sämtlicher Besitz der anderen Juden wurden konfisziert und unter Folter und Misshandlung fand sich zudem noch manches, das „versteckt“ geblieben war.  Auf selbe Weise raubte man den Eltern nun auch alle Kinder unter 15 Jahre, um sie unter Zwang zu taufen. Dies führte zu Protesten bei Papst Martin V. zu dessen Wahlkollegium 1417 auch Nikolaus von Dinkelsbühl gehört hatte. Der Papst verbot daraufhin in seiner Bulle Licet Iudaeorum omnium die weitere Praktik und bedrohte die taufenden Priester mit der Exkommunikation, ohne jedoch die bisherigen Taufen aufzuheben. Dieser sollten sich nun auch die Erwachsenen unterziehen, sicher um als „gute Christen“ andernorts von ihrer Behandlung im Herzogtum nur Gutes zu berichten. Die Appelle an die Juden sich taufen zu lassen, blieben aber meist unerhört, und so zogen alle jene die nicht rechtzeitig fliehen konnten, den Tod dem Christentum vor.

Im Frühjahr des Jahres 1421 wurden auf der „Gänseweide“ etwa 200 jüdische Kinder, Frauen und Männer verbrannt. Auf der zerstörten Synagoge erbauten die Christen ein Gebäude ihrer theologischen Fakultät (die vorherigen Bauten wurden nur mit Mitteln jüdischer Geldgeber errichtet). Die monströse Tat und die damit verbundenen weiteren Hasspredigten der christlichen Geistlichen wirkten weit über Wien hinaus und vergifteten auch die Lage für die Juden in Süddeutschland und in Folge dessen auch in Augsburg, wo im Laufe der folgenden Jahre sämtliche Eigenrechte der alteingesessenen jüdischen Gemeinde annulliert wurden, ehe die Juden 1434 verpflichtet wurden, übergroße gelbe Ringe an ihren Gewändern zu tragen. 1438 wurde der zum Judenhasser erzogene Herzog nun Kaiser und die Augsburger Juden erhielten nur wenige Monate später einen Beschluss des Stadtrates bis 1440 ihre Jahrhunderte alte Heimat zu verlassen. Kaiser Albrecht, der nie gekrönt wurde, starb bereits 1439 an einer bakteriellen Entzündung (Dysenterie), beim Versuch die Türken in Ungarn zu bekämpfen.

Das Ende der mittelalterlichen Judengemeinde ist deshalb in gewisser Weise mit Nikolaus von Dinkelsbühl verbunden.  Seine Heimatstadt würdigt ihn heute mit einer Gedenktafel am Marktplatz.

Im Gegensatz dazu gibt es keine Hinweise in der früheren Reichsstadt darüber, wo die bereits wenigstens ab 1250 bezeugten Juden im damals „dinkepole“ (1236) bezeichneten Ort lebten. Die innere Altstadt entstand etwa hundert Jahre vorher. Von den heute etwa 12.000 Einwohnern der Stadt wohnt nur etwa ein Viertel im Bereich der Altstadt, deren jetzige Ummauerung auf das späte 14. Jahrhundert zurückgeht. Wie zahlreiche andere Orte ist auch Dinkelsbühl als ein Schauplatz genannt, an welchem die jüdische Bevölkerung im Jahre 1298 der berüchtigten Rintfleisch – Verfolgung zum Opfer fiel, freilich auch hier ohne nähere Angaben. Danach müsste es aber wieder Juden in Dinkelsbühl gegeben haben, da 1325 in Augsburg ein Salman von dort erwähnt ist. Während der „Pestjahre“ 1348 / 1349 wurde die neue jüdische Gemeinde dann bereits wieder zerstört, aber auch hier fehlen Details.  Da es stehende Begriffe (!) sind, hält auch kaum jemand eine Prüfung für unerlässlich. 1372 soll es dann wieder Juden am Ort gegeben haben (1389 findet sich ein Koppelin als Gastgeber einer Verhandlung zu der Rabbi Mendel aus Rothenburg anreiste, was darauf hin deutet, dass es damals ggf. auch ein Bet Din in Dinkelsbühl gab) , ehe sich um 1400 die Nachweise für eine feste jüdische Besiedelung verlieren. Wo die Dinkelsbühler Juden in wenigstens 150 Jahren zuvor wohnten und beteten ist dem Vernehmen nach nicht bekannt. Die ursprüngliche Altstadt dürfte sich aber etwa im Bereich der erst 1499 fertiggestellten St. Georgs – Kirche (Vorgängerbauten werden in die Zeit um 1230 datiert) befunden haben. Man vermutet, dass Nikolaus um 1385 hier lehrte, bevor er nach Wien ging. Es wäre vorstellbar, dass sich die Synagoge und die Mikwe in Gewässernähe etwa im Bereich der Spitalgasse befunden haben. Falls es einen jüdischen Friedhof gegeben haben sollte, was möglich ist, käme das Gebiet um das „Kirchhöflein“ in Betracht. Aber das ist zugegeben eine bloße Spekulation, die jedoch die Fragestellung an sich nicht erübrigt.

Zur Zeit des 30jährigen Krieges fanden 1636 zugleich sechs jüdische Familien gegen viel Geld Aufnahme in der Wörnitzstadt, während sie zwischenzeitlich nur als Händler (von wo kommend?) Zugang hatten. Daraus hatte sich wohl eine neue Gemeinde entwickelt, da eine Synagoge und eine Mikwe erwähnt werden. Die „Freizügigkeit“ wurde nach dem Ende des Krieges aber bereits wieder beschnitten und so bleiben bis 1712 (Familie Frommele) nur wenige Juden am Ort.

fun at woernitz river

Erst ab 1861 konnte wie der eine neue jüdische Gemeinde in Dinkelbühl entstehen, die als Ableger der Gemeinde in Schopfloch verstanden wurde und dem Rabbinat Ansbach unterstand. Die erst 1929 selbstständig gewordene Gemeinde hatte sodann auch nur eine kurze Existenz.  Zudem lebten kaum mehr als 50 bis 60 Juden in Dinkelsbühl in den Jahrzehnten bis zum Beginn der Nazi-Tyrannei, als die Kleinstadt ohne Eingemeindungen auch nur rund 5000 Einwohner hatte. Einen eigenen Synagogenbau rechtfertigte dies offenbar nicht, da es sich dem Vernehmen nach jedoch um eine eher traditionell ausgerichtete Landgemeinde handelte, genügte ein Betraum im Wohnhaus des Gemeindevorsitzenden Adolf Hamburger in der Klostergasse 5, die in früheren Zeiten noch Brüdergasse hieß. Dort verdichten sich heute die sichtbar gemachten Erinnerungen an die Juden in Dinkelsbühl. Zum einem gibt es am Eingang des Wohnhauses ein offenbar handbemaltes Hinweisschild, das dort freilich erst im Jahre 2007 auf Initiative von Angelika Brosig aus Schopfloch angebracht wurde.

Vor dem Haus befinden sich seit 2009 nun auch vier der sogenannten „Stolpersteine“, von denen es seit den 1990er Jahren über 20.000 in ganz Europa gibt. Es handelt sich dabei um keine Steine im Wortsinne, sondern um beschriftete Messingplatten auf kleinen Betonwürfeln (Pflaster), die in den Boden eingelassen, nicht herausragen und somit auch keine physische Möglichkeit des Stolperns bieten, von einer etwaigen Rutschgefahr bei Nässe vielleicht mal abgesehen. Die Konzeption geht auf den deutschen Künstler Gunter Demnig zurück, der zuvor bereits „Duftmarken“ und „Blutspuren“ von Kassel nach Paris oder London thematisierte, ehe er mittels der „Stolpersteine“ in ganz Europa den sechs Millionen ermordeter Juden möglichst an ihren Wohnorten gedenken wollte.  2005 wurde er für dieses Projekt in Berlin mit dem „German Jewish History Award“ der Obermayer Foundation ausgezeichnet.  Für viele Angehörige, so ist in der Laudatio zu lesen, sei dies der einzige Ort, um ihren Vorfahren zu gedenken, aber auch Schulen und Hausgemeinschaften beteiligen sich an den zahlreichen regionalen Einzelprojekten in vielen, meist deutschen Städten. Die Herstellung der einzelnen „Steine“ für die man als Pate 95 Euro bezahlen soll, übernimmt der Künstler selbst. Kritiker bemängeln, dass die „Stolpersteine“ geradezu selbstredend dazu herausforderten auf den Namen der ermordeten Juden “herumzutreten”. Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch, selbst Tochter einer Konvertitin (und noch bis November im Amt) bezeichnete dies als „unerträglich“, während viele Städte es seitdem etwas leichter haben, sich mit ihrer Ablehnung hinter Knobloch zu verstecken, wenngleich ihre Haltung nicht repräsentativ für den Zentralrat ist.

Abgesehen davon, dass es für jeden Menschen einen Erinnerungsort gibt, der sowohl fest als auch beweglich ist – das Gehirn nämlich – so verfügt unsere Tradition neben Friedhöfen über eine Reihe von Einrichtungen wie die Jahrzeit (Yorzeit, Yahrzeit) am Todestag (יאָרצײַט – אזכרה) mit dem ehrenvollen gemeinsamen Kaddisch eines Minjan für den Verstorbenen, seit geraumer Zeit auch gerne opernhaft vorgetragene El Male Rachamim – Gesänge und dergleichen mehr. Es ist natürlich auch gar nicht verkehrt, die Namen der Menschen in Erinnerung zu behalten, jedoch was nutzen Stolpersteine über die man dann noch nicht mal wirklich stolpern kann?  Wie wäre es im Sinne des Warhol‘schen Bedürfnis, möglichst jedem Menschen ein Denkmal zu setzen und ihn zum Star zu machen, wenn man der betreffenden Person, bzw. seine auf Namen und Daten reduzierte, vielleicht noch mit dem Deportationsort garnierten “Identität”, zumindest auf Augenhöhe begegnen könnte. Das würde einen anderen Blick ermöglichen, denn wer Angst hat zu stolpern, verkrampft oder hält sich fest.

Die Dinkelsbühler Stolpersteine nun sind Moritz, Adolf, Martha und Klaire Hamburger gewidmet. Dass Adolf Hamburger nicht nur Opfer der Nazis sondern Vorsitzender der Gemeinde war, ist nicht erwähnt, da es offenbar genügt, sich daran zu erinnern, dass er nach Gurs deportiert und im Lager ermordet wurde.

There is an old history of Jews in the former Imperial City of Dinkelsbuehl in the Franconian district of Ansbach (Bavaria). Time and again Jews at least from 1250 settled a few years or decades until they were expelled or murdered. The last time so far it occured in 1938 and ever since that time there is no new Jewish community in Dinkelsbuehl, hometown of Nikolaus of Dinkelsbuehl the Christian preacher, father confessor and tutor of Emperor Albrecht Habsburg whose anti-Jewish sermons encouraged to wipe out the medieval Vienna Community in 1421 and paved the way to the expulsion of the Jews from Augsburg in 1438 / 1440.

Since 2009 there are “stumbling blocks”, small paving stones covered with a brass (or German: “messing” …) plate with name and data of murdered Jews in the Nazi time, while there is no memory of the much longer medieval history of the Jews.


די לאַקאַניקערס פון שאָפּפלאָך

August 25, 2010

קען איר זיך טראַכטן פון אַ מקום אין דער עולם אָן אידן וואַָ די גויים אָבער רעדן אַ אידישער לשון? אויב ניט, איר מוזן קומען צו שאָפּפלאָך, וואָס איז א קלענע שטעטל אין פראַנקאָנישע באַוואַריאַ

ווען איר ווילט גלייבן עטלעכע זיבעציק יארן נאָך דער שואה איצט איז דאָרט אַ פולשטענדיק פארשטאנד פון ייִדיש אין דער גאַנזער דאָרף. איז דאָס א נס אָדער איז דאָס נאָר אַ נאַרישער שמועס. די שפּראַך אין שאָפּפלאָך נענט זיך לכודיש וואָס איז מסתּמא אַ קאָרופּציע פון לשון קודש. אַ סאַך בעסער וואָלט זייַן נאָמען דעם לשון לאַקאָניש בגלל עס צורך נאָר אַ ביסל ווערטער. בלויז צוויי הונדערט ווערטער זאָל זייַן, וואָס איז פיל מער צו זאָגן ווי מיין צוויי יאר אַלט מיידל וואָס זי איז העכסט טאַלאַנטירט.  אַרייַנגערעכנט זענען פון די שאָפּפלאָכער לאַקאַניקערס אָבער איצט אויך די נומערן וואָס זיי אויסדריקן ווי די אותיות פון דער העברעיש אַלף-בית וואָס אוודאי וועט זייַן אַ גרויס שפּאַס אין שול ניט צו דערמאָנען די שטייַער כעזשבן אין פינאַנזאַמט

די מענטשן אין די קליין דאָרף וואָס זענען צופֿרידן מיט אַזוי ווייניק ווערטער קענען אויך לעבן אָן די יידן ווייַל די בלויז שטערן די שלום און שטיל מיט זייער פּלאַפּלען

 


Lachoudisch – Reste jüdischer Sprache aus Schopfloch

August 24, 2010

Im fränkischen Schopfloch, so heißt es, hat sich eine jüdische “Geheimsprache” namens “Lachoudisch” im mittelfränkischen Dialekt der nunmehr seit über 70 Jahren „judenfreien“ Dorfbevölkerung gehalten. Die Nachrichten darüber erregten in den letzten Jahrzehnten auch internationales Aufsehen.

did they know lachoudish ..?

Die Bezeichnung „Lachodisch“ (לכודיש) (schon die isch-Endung suggeriert eine Sprache) geht auf eine korrumpierte Form des Hebräischen „laschon kodesch“ zurück, was im Hebräischen wörtlich „heilige Sprache“ bedeutet und die hebräische Sprache – als Sprache der Bibel – selbst bezeichnet. Das häufiger als „Schopflocher Geheimsprache“  bezeichnete Lachodisch (in der Regel „Lachoudisch“ geschrieben, was aber die Aussprache freilich nicht vereinfacht, wenn man nicht (mehr) weiß, dass es einen Laut zwischen einem dumpfen o und einem au – Diphthong anzeigen soll) zieht die beiden Worte zu „la(schon) kodesch“ zusammen, das sich in der Region dann wohl nach „lasch’n kaudesch“ angehört haben dürfte. Der westjüdische Jargon ist ein süddeutscher Akzent der jüdisch – deutschen Sprache, jener Sprache, die von den spätmittelalterlichen Juden der Region im 14. – 17. Jahrhundert selbst noch als „taitsch“ also „deutsch“ bezeichnet wurde. „Taitsch“ nannte man die Sprache gelegentlich in Abgrenzung zur Sprache der Aschkenasen, was im 16. Jahrhundert noch die Bezeichnung für nichtjüdische Deutsche war, während man heute damit „deutsche“ Juden meint – nun in Abgrenzung zu den Sefarden, den „spanischen“ Juden. Das jüdische Taitsch hingegen wird heute allgemein nach amerikanischen Vorbild als Jiddisch (Yiddish) bezeichnet (weil Juden in Amerika zunächst mehrheitlich deutschsprachig und Yiden waren, bevor sie Jewish wurden …), wobei es mehr oder minder noch immer strittig ist, ob man dieses „Yiddish“ nun als eigenständige germanische Sprache ansieht wie etwa Englisch, Deutsch, Holländisch oder Schwedisch, oder als bloßes Kauderwelsch, Jargon oder Dialekt der deutschen Sprache. Eine Besonderheit des jüdischen Taitsch, der es von den in Frage kommenden anderen germanischen Sprachen abgrenzt ist der Umstand, dass sie in hebräischen Buchstaben geschrieben wird. Zudem ist der Wortschatz mit recht vielen hebräischen und aramäischen Lehnwörtern und Wendungen angefüllt, die freilich in aller Regel ganz anders als in den Herkunftssprachen ausgesprochen werden, während ihr nicht jüdisches Gegenstück „Deutsch“ – in früheren Fassungen ebenfalls Taitsch genannt sozusagen mit lateinischen und griechischen Vokabular durchsetzt ist. Mit einer gewissen Berechtigung könnte man deshalb von jüdischen und christlichen Deutsch als Parallelsprachen sprechen, die auf ihre Weise nicht nur begrifflich Zeugnis ablegen von der etwas komplizierten wechselseitigen Beziehung. Chassiden etwa im „orthodoxen“ Jerusalemer Stadtviertel Mea Schearim würden unter „laschon kodesch“ sicher nichts anderes als Hebräisch bezeichnen und keinesfalls ihre als Jiddisch bezeichnete Sprache, die öfter auch mame-loschen (wörtlich Mutter-Sprache) genannt wird …  (*אבער פרוממע בכל אופן ווולן זוגן *לשון קוידעש).

Was heute (seit etwa 1969) noch als „Lachodisch“ überliefert ist, ist mangels Juden in der Region wohl nur eine Anzahl von Überresten einer nur noch mündlich tradierten Weitergabe eines früheren westjüdischen Dialekts, der freilich regionale Spracheigenheiten in sich aufgenommen hat. Da der allgemein gesprochene Dialekt in der Region erhalten blieb, ist es natürlich so, dass vor allem jene Sprachelemente als „lachodisch“ aufgefasst werden, die ihre jüdische Abkunft aus dem hebräischen ableiten, was die ursprüngliche Sprache der Juden natürlich erheblich verkürzt. Umgekehrt könnte man verfahren, wenn man nur jene Begriffe als „typisch“ für die regionalen Christen gelten ließe, die eine eindeutig lateinische Herkunft aufweisen.  Vorausgesetzt ist dabei natürlich, dass es sich in einem wie im anderen Fall nicht um Lehnwörter handelt die völlig im deutschen Allgemeinwortschatz aufgegangen  sind und von ihrer lateinischen (z.B. Pfeil von „pilum“) oder hebräischen (z.B. Pferd von „pered“) Herkunft nicht mehr erkenntlich sind.

Der unter diesen Vorzeichen nun als „Lachodisch“ geltende Wortschatz – angeblich sind noch rund 200 dieser Begriffe in der Dorfsprache erhalten, 1994 freilich nur unter 12 Personen ermittelt – beinhaltet eine ganze Reihe von Lehnwörtern aus dem Hebräischen, die sich in der regionalen Lautung auch für hebräisch sprechende Zeitgenossen selten auf Anhieb verstehen lassen– aber welcher Nichtbayer erkennt „minga“ auf Anhieb als „München“  oder ein bayrisches „lem“ als Leben“ ..? Etwas leichter tut man sich, wenn man das heute als Jiddisch bezeichnete versteht, das allerdings in der Regel seit langem keine aus Deutschland stammenden Muttersprachler mehr kennt.

Dem Vernehmen nach sei Lachoudisch als Sprache von Viehhändlern und wird von vielen gerne auch als deren „Geheimsprache“ aufgefasst. Dazu passt natürlich das offenbar gerne geglaubte Klischee, jüdische Händler „mauschelten“ untereinander, um mit ihrem vermeintlichen „Kauderwelsch“  nicht jüdische Kunden auszutricksen und zu täuschen, förmlich über den Tisch zu ziehen, weil diese ja nicht im Stande seien, deren Sprache zu verstehen.  Eine solche Sicht ist freilich völlig realitätsfremd und fern jeder Praxis. Zum einen war der Viehhandel in der Region zu keinem Zeitpunkt ein jüdisches Monopol, zum anderen waren die jüdischen wie auch andere Viehhändler darauf angewiesen mit den Bauern und Schlachtern mit denen sie handelten ein gutes Auskommen zu haben. In kleinen dörflichen Strukturen kann man sich kaum erlauben, wenige feste Kunden zu verprellen, da alle mehr oder minder aufeinander angewiesen sind. Gegen die Einschätzung des lachodischen Idioms als berufliche Geheimsprache jüdischer Viehhändler spricht aber auch der überlieferte Wortschatz, der nur wenig mit Viehhandel zu tun hat und nicht zuletzt auch der Umstand, dass eine Anzahl von Begriffen dem Vernehmen nach ja nun Bestandteil der Dorfsprache der christlichen Schopflocher geworden sein soll. In vielen Orten in denen auch in Süddeutschland im Laufe des 16. bis 19. Jahrhundert kleine Dörfer von einer größeren jüdischen Bevölkerung mitgeprägt wurden und in der sie oft ein Drittel, die Hälfte oder manchmal auch die große Mehrheit der Einwohner stellten, gab es immer wieder die drei Zentren des Dorfgeschehens, die die Trennung wie auch die Verbundenheit der christlichen und jüdischen Nachbarn manifestieren, die Kirche, die Synagoge und als Ort der Gemeinsamkeit die Dorfkneipe. Letztere lebte später im ausgehenden 19. Und frühen 20. Jahrhundert in gesellschaftlich gehobenen Kreisen dann noch etwa als Wiener Caféhaus – Kultur weiter. Die Dorfkneipe aber war die Begegnungsstätte für Juden und Christen in den Dörfern und hier dürfte auch beim gemeinsamen Bier die gemeinsame Sprache der Nachbarn und Geschäftsleute gepflegt worden sein – zweifellos nicht im immer in der Art und Weise wie es auch dem Pfarrer und Rabbiner gefallen hätte.

Wenig verwunderlich taucht unter den Begriffen „acheln“ oder „achlen“ (אכלען) auf, das „essen“  bedeutet und sich vom hebräischen „ochel“ (אוכל) herleitet. Passend erscheint auch soref als Schnapps (שנאפס), was sich offensichtlich von hebr. שורף ableitet und wohl auf das Brennen anspielt, wie es ja auch der Branntwein oder weniger offensichtlich der englische Brandy tut, der vom holländischen brandewijn herrührt. Da überraschen eher „kaserem“, was nicht auf Anhieb erkennbar, den hebräischen Plural chasir-im (חזירים) von Schwein wiedergibt. Eine ganze Reihe der an vielen Stellen zitierten Begriffe sind keineswegs ungewöhnlich, manche wie Massel (Glück), malochen (arbeiten), koscher (tauglich, rein), schachern (handeln), meschugge (verrückt) sind allgemein geläufig. Andere wie schuk (שוק -Markt), bais von bait (בית) = Haus, majem = Wasser von hebr. (מים – majim), jajem = Wein von hebr. jajin (יין -jajin), kufes als Plural von über jidd. chuwes von hebr. chowot (חובות) = Schulden, usw. Mit dem Wort juschbes oder gar juschpes soll nun die Kneipe, das Wirtshaus bezeichnet worden sein, jedoch ist die Herkunft schwer zu ermitteln, da allenfalls bes am Wortende noch auf das bereits erwähnte Haus (בית – bet, bait) deutet. Das Schwäbische kennt in diesem Zusammenhang übrigens das vom Hebräischen herkommende „boiz“ oder „boitz“ für die Kneipe. Wofür nun das vorangestellte „jusch“ nun stehen soll, ist schwer zu sagen, aber vielleicht kann uns einer unserer Leser weiterhelfen ..?

Mit dem Begriff „schofet“ (שופט) bezeichnete man den Bürgermeister, was relativ ungewöhnlich ist, da man einen solchen sonst als ראש bezeichnen würde. Schofet hingegen bezeichnet eigentlich einen (nichtreligiösen) Richter – im Gegensatz zum dajan (דין) des bet din (בית דין) – jedoch kann dies unter besonderen lokalen Umständen Aufschluss geben über die richterliche Gewalt der früheren Ortsvorsteher als Vertreter ihrer marktgräflichen oder fürstlichen Herren von Ansbach oder Oettingen.

Nur wenig aus dem aufgezeigten Vokabular bezieht sich auf den eigentlichen Viehhandel etwa bauker für boker (בקר – Rind) oder bore für Kuh von hebräisch para (פרה -Kuh) oder par (פר – Ochse) die andererseits aber wieder weit weniger „geheimnisvoll“ als Farren und Färse auch in der deutschen Allgemeinsprache Eingang gefunden haben und so zumindest im Viehhandel noch gängige Bezeichnungen sind. Dies erleichtert es nicht gerade den überlieferten Wortschatz in seinem Kontext zu beurteilen, zumal Fachbegriffe für den Viehhandel fehlen. Schließlich stellt sich auch die Frage, warum nun gerade diese Begriffe sich im Schopflocher Dialekt erhalten haben sollen, während andere, die in den Verhältnissen einer kleinen keineswegs begüterten Landgemeinde  durchaus zu erwartende Begriffe es nicht in den „Schopflocher Kanon“ schafften. Dieser wurde dem ursprünglichen Anspruch etwas widersprechend vom ehemaligen Bürgermeister Schopflochs Hans Rainer Hofmann, der auch Autor eines Buches zu Thema ist, unter anderem auch in Kursen an der Volkshochschule verbreitet.

In einem Artikel des Evangelischen Presseverbands Bayern (EPV- “Medien mit christlichen Inhalten“) vom Oktober 2006 (http://www.epv.de/node/2695) heißt es “Schoufet Oswald Czechsteht auf der Bürotasse im Schopflocher Rathaus“ und ein Schild mit der Aufschrift “Kouhne quere!” beim Kindergarten warne Autofahrer vor Kindern die auf die Fahrbahn springen könnten. Bei unserem auch hier wieder viel zu kurzen Aufenthalt in Schopfloch sind uns solche „Besonderheiten“, die offenbar eine Verschriftlichung und allgemeine Präsenz des „Lachoudisch“ am Ort suggerieren wollen nicht aufgefallen und den Schopflocher Kleinkindern ist aus Gründen der Sicherheit zu wünschen, dass es sich hier nur um eine Finte handelt. Die Erwartung, dass (eventuell auch auswärtige?) Autofahrer mit der Aufschrift etwas anfangen könnten, wäre gelinde gesagt eigenartig.  Da der Begriff „kouhne“ auf Anhieb auch nicht einzuordnen ist, hoffen wir, dass es sich (insgesamt) um einen Marketing-Gag handelt.


At the Jewish cemetery of Schopfloch

August 23, 2010

Judenfriedhof 1612 schopfloch Jewish cemetery

Older grave marker at the Jewish cemetery of Schopfloch in the Franconian Ansbach district. In the foreground is the Hebrew memorial for Meir bar Abraham dating 1698, one of the oldest tombstones we took notice of at our much too short visit at the cemetery.

In front the head stone of Josef the son of Shlomo (Salomon) Michlbach or Michelbach, who died in 1793

Head stone of Shendl the daughter of the martyr (hakadosh) Izchak. She died during passover in 1715.

Alte hebräische Grabsteine am jüdischen Friedhof in Schopfloch im Distrikt Ansbach.


Der jüdische Friedhof von Schopfloch

August 22, 2010

Juedischer Friedhof Schopfloch

Der mittelfränkische Markt Schopfloch bei Ansbach ist auch heute noch ein recht kleiner Ort mit rund 2900 Einwohnern,  der an der Romantischen Straße zwischen Feuchtwangen und Dinkelsbühl liegt. Die dokumentierte Geschichte des Ortes reicht zwar bis ins Jahr 1260 zurück, die der Juden nur wenig später ins 14. Jahrhundert. Andere Quellen nennen den Beginn des 16. Jahrhunderts und den Wegzug der Juden aus Nördlingen. Da der Ort später zwischen den regionalen Herrschaften geteilt war, gab es lange zwei jüdische Gemeinden, eine im Bereich des Markgrafen von Ansbach, die andere gehörte in das Gebiet von Oettingen-Wallerstein.  Wegen dieser Teilung hielt sich wohl auch vielleicht der „Lachudisch“ (Lachoudisch) genannte Jargon als Variation der jüdischen Sprache, von den einen westjiddisch, von den anderen „Schopflocher Geheimsprache“ genannt.

Wie auch immer betrug um 1810 der jüdische Anteil der rund tausendköpfigen vereinten Bevölkerung Schopflochs etwas mehr als ein Viertel , nahm aber im Laufe des 19. Jahrhunderts deutlich ab. 1910 leben noch etwa 70 Juden im Ort, die sich 1925 mit den Juden von Dinkelsbühl zu einer gemeinsamen Gemeinde verbinden. Im Jahre 1938 endet die jüdische Geschichte auch an diesem Ort mit der Verfolgung der Einwohner durch die örtlichen Nazis.

Der jüdische Friedhof von Schopfloch wird zumindest auf das Jahr 1612 datiert. Er erstreckt sich nach mehrfachen Erweiterungen im Nordosten von Schopfloch auf halben Weg ins heute eingemeindete Deuenbach und hat eine Fläche von rund 1.3 Hektar. Der Friedhof diente in der Vergangenheit auch Juden aus benachbarten Gemeinden als Begräbnisort: Dinkelsbühl, Feuchtwangen, Mönchsroth, Crailsheim, … Auf dem Friedhof befinden sich noch etwa 1200 Grabsteine, wovon jedoch nur etwa ein Viertel der Steine aus der Zeit von etwa 1850 bis 1937 erfasst wurden, so diese teilweise oder gänzlich deutsche Inschriften haben. Von den meist älteren, ausschließlich hebräischen Grabsteinen sind hingegen offenbar nur ganz wenige erfasst worden, was sehr bedauerlich ist, da nicht wenige von ihnen sich in einem desolaten Zustand befinden, abbröckeln, verwittern oder schimmeln, und weitere Informationen zur Orts- und Regionalgeschichte so nun unwiederbringlich verloren gehen, während eine Reihe weiterer Steine am nordwestlichen Abhang durch die sich aufstauende Feuchtigkeit förmlich versumpfen.

Im Gegensatz dazu gibt es seit geraumer Zeit am Schopflocher Friedhof Frau Angelika Brosig, die sich dem Verfall entgegenstellt und ein vorbildliches Patenschaftprojekt ins Leben gerufen hat, das sich dafür einsetzt, durch die Gelder einzelner Sponsoren und privater Spender für relativ wenig Geld, einige der Grabsteine im neueren Teil des Friedhof restaurieren zu lassen. Eine Aufgabe, die in früheren Zeiten zu den heiligen Pflichten einer jeden jüdischen Gemeinde gehörte. Eine solche gibt es in Schopfloch freilich nicht mehr. Dies heißt jedoch nicht, dass das bemerkenswerte Engagement unbemerkt und ohne die verdiente Anerkennung geblieben wäre. Der von der Obermayer Foundation alljährlich verliehene „German Jewish History Award“ für  nichtjüdische Deutsche, die sich um den Erhalt jüdischen Erbes in Deutschland verdient machten würdigte im Januar 2010 deshalb auch die aus Ansbach stammende Angelika Brosig für ihr Projekt: „ … hat dafür gesorgt, dass die jüdische Vergangenheit dieses Teils von Deutschland weder bei den Einwohnern der Region noch bei den noch lebenden Nachfahren der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Vergessenheit gerät.“

Schön restaurieter Grabstein der Berta (Bela) Schlossberger, Frau des Secharja aus Dinkelsbuehl.

Ausführlich beschrieben ist das Patenschaftsprojekt auch mit Abbildungen restaurierter Grabsteine (vorher / nachher) auf der Webseite: www.juden-in-schopfloch.de

Die Liste der jüngeren Gräber am westlichen Haupteingang findet sich hier: http://www.alemannia-judaica.de/images/Schopfloch%20CEM/SCHOPFLOCH-CEMETERY-GRAVELIST.pdf

Schopfloch is a small town of less than 3000 inhabitants in the Middle Franconian district of Ansbach (30 km south of Rothenburg and only 6 km north of Dinkelsbuehl), Schopfloch has a long Jewish past and an old Jewish cemetery with some 1200 left grave markers. Many of the older grave markers are in quite poor condition, with crumbling inscriptions or threatened by the damming moisture running off from an uneven compound, so that several head stones at the Jewish cemetery literally become marshy, since there is no drain. Angelika Brosig a Schopfloch resident from Ansbach for many years is engaged to rescue and restore as many grave markers as possible and initiated a sponsorship campaign.

With surprisingly few money grave markers may be restored in order to fulfill the commitment of remembrance.  Usually that will be the obligation to the relatives and the local community, but in Schopfloch there is no Jewish community since 1938.