
Eine Beschreibung des alten jüdischen Friedhofs von Binswangen ist nicht ohne weitere und ausführliche Darstellung seiner Geschichte im zweiten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts möglich, da sein heutiger Zustand mit seinem ursprünglichen offenkundig nichts zu tun hat und die Mehrzahl der wenigen erhalten Grabsteine kaum zu den Bestatteten gehören, sondern willkürlich und nach eher unklaren Kriterien (wieder) aufgestellt wurden.
Nach allgemeiner Auffassung wurde der Friedhof im Jahre 1663 abseits des Ortes angelegt, bereits 1694 und nochmals 1730 und 1761 erweitert. Er befindet sich heute „Am Judenberg“ in einer Waldlichtung (beworben als Teil des „Naturparks Westliche Wälder“) nahe Wertingen (wo nach aktuellen Einschätzungen nie Juden gelebt haben sollen), umgeben von sportlichen Einrichtungen wie den Anlangen des Tennisclubs Wertingen. Im Jahre 1761 wurde der Friedhof auch von einer Steinmauer umgeben, um ihn vor offenbar häufigen Übergriffen zu schützen. Zu diesen kam es in der Folgezeit trotzdem in regelmäßigen Abständen, insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und erst recht kurz vor und während der Nazi-Herrschaft in Deutschland. Die heutigen Sportanlagen haben ihre Vorläufer so auch bereits in entsprechenden Einrichtungen der Hitler Jugend und anderen Nazi-Organisationen. Ende Mai 1927 besuchte Theo Harburger auf seinen Exkursionen in Bayern auch den Friedhof in Binswangen. Seine und andere Photographien aus dieser Zeit bezeugen eine relativ dichte Belegung des Friedhofs mit offenbar hunderten von Grabsteinen. Davon sollten aber nur sehr wenige die kommenden Jahrzehnte überdauern. Bereits 1924 berichtet die „Schwäbische Volkszeitung“ von einem Übergriff des Nazi-Nachwuchses, wobei 30 Grabsteine umgeworfen, zerbrochen und mit Nazi-Symbolen bepinselt worden sein sollen. Im Juli 1938 unter ganz anderen politischen und juristischen Vorzeichen gab es einen weiteren Angriff mit 25 zerstörten Steinen. 1940 nun verwüstete die benachbarte Hitler Jugend den Friedhof fast vollständig. In der Folgezeit wurde die Steinmauer des Friedhofs abgetragen und eine Großteil der damals noch erhaltenen Grabsteine an einen Steinmetz verkauft, der diese abtransportieren ließ.
In einem handgeschriebenen Brief vom 29. Oktober 1948 teilt Anton Bunk auf Anfrage der wiedergegründeten Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg, die sich in der Vorwoche nach den Abläufen und dem Verbleib der Steine erkundigt, mit, dass „die Steine damals an den Steinmetzmeister Fuhrmann für RM 500.- (fünfhundert) verkauft wurden. Außer Fuhrmann hat niemand Steine erhalten. Nach der damaligen Abschätzung waren 75 – 80 % gänzlich demoliert, der Rest wurde von Fuhrmann abgefahren. Von diesen restlichen Steinen, die noch bei Fuhrmann lagern, sind durchwegs alle mehr oder minder beschädigt.“
Aus Bunks Mitteilung geht hervor, dass zum Zeitpunkt der Nachfrage aus Augsburg die „abgeräumten“ Steine immerhin dreieinhalb Jahre nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes noch immer beim Steinmetzmeister Fuhrmann befanden. Doch damit war die „Angelegenheit“ noch nicht ausgestanden. Gemäß dem Protokoll einer öffentlichen Sitzung der Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Augsburg vom 30. Januar 1953 hatte sich bis dato an dieser Sachlage nichts verändert. Da zwischenzeitliche Bemühungen der Augsburger Gemeinde, die noch erhaltenen Steine wieder auf den Binswanger Friedhof zurückzubekommen erfolglos blieben, verstärkte IKG der damalige Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Hugo Schwarz seine Bemühungen und erhielt für eine Klage vor der Wiedergutmachungskammer Beistand von der JRSO (Jewish Restitution Successor Organizsation), vertreten durch den Juristen Dr. Ernst Katzenstein (1897-1989), dem damaligen Director of Plans and Operation Board der JRSO, der als Zionist bereits von Hameln 1934 nach Israel ausgewandert war. Hugo Schwarz (1890-1973) hingegen war selbst aus Binswangen, war als Soldat im ersten Weltkrieg verwundet und für seine Tapferkeit mit dem Orden des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet worden. In Augsburg gehörte er der jüdischen Gemeindeleitung an und war als Überlebender des Konzentrationslagers Theresienstadt einer der wenigen überlebenden der Vorkriegsgemeinde und ab 1946 deren Vorsitzender.
Im Verfahren mit der Forderung nach „Rückerstattung“ traten nun die IKG Augsburg und die JRSO München als Kläger gegen den Binswanger Steinmetz Karl Fuhrmann und die Gemeinde Binswangen auf, vertreten durch Anton Bunk, dem Bürgermeister der Gemeinde. Zur Aussage kam aber zunächst die seitens der Antragsgegner geladene, nun in Kempten lebende Zeugin Elisabeth Arnold, im Protokoll 27 Jahre alt, demnach also 1926 geboren. Ihren Aussagen gemäß war sie von März 1942 bis April 1943 bei der Familie Fuhrmann in Binswangen als „Landdienstmädel“ tätig. Die Einrichtung eines sog. „Landjahr“ stammte noch aus der Weimarer Republik und galt als arbeitsmarktpolitisches „Angebot“ für arbeitslose Jugendliche, eine Institution, die von den Nazis weitergeführt und gemäß ihren spezifischen Idealen ausgebaut wurde. Die Einrichtung unterstand dem Reichsminister für Erziehung und Volksbildung und wurde so definiert: „Im Landjahr sollen sorgfältig ausgelesene Jungen und Mädel zu verantwortungsbewussten jungen Deutschen erzogen werden, die körperlich gestählt und charakterlich gefestigt von dem Willen erfüllt sind, im Beruf und an jeder Stelle einsatzbereit dem Volksganzen zu dienen.“ Für die 16jährige Else Arnold bedeutete dies gemäß ihrer Zeugenaussage, dass sie nicht nur in der Landwirtschaft und im Haushalt der Familie arbeitete, sondern an Samstagen Fuhrmann auch bei der Anfertigung von Grabsteinen half. Ihren Angaben gemäß, etwa zur Hälfte ihrer Dienstzeit, also wohl im Frühherbst 1942, holte „Herr Fuhrmann Grabsteine aus dem Judenfriedhof von Binswangen, der an der Strasse nach Wertingen liegt.“ Sie gibt an, des Öfteren bei solchen Transporten „dabei gewesen“ zu sein, konnte sich aber im Januar 1953 nicht mehr daran erinnern, wie viele Grabsteine es gewesen waren: „Sie lagen ziemlich zerstreut und beschädigt im Friedhof herum.“ Die Steine wurden zu Fuhrmanns Betrieb nach Binswangen gebracht und dort „auf Holz abgestellt“. Während ihrer Dienstzeit konnte sie nicht feststellen, dass diese Grabsteine für irgendeinen Zweck Verwendung fanden, da nur neue Grabsteine hergestellt worden seien. Zur Erinnerung der Entlastungszeugin gehört ein, wie sie sagt „scherzhaftes“ Gespräch zwischen dem Steinmetz Fuhrmann und einem (namentlich nicht genannten) Bauern am Judenfriedhof. Der Bauer habe dem Steinmetz zugerufen, „er würde die Steine doch wieder einmal hinauftransportieren.“ Sie selbst habe das nicht geglaubt und sich entsprechend geäußert. Freilich habe Fuhrmann selbst der Aussage des („prophetischen“) Bauern wohl zugestimmt.
Zunächst überrascht es, dass ein damals 16 oder 17 Jahre altes Landmädel seitens der Beklagten überhaupt und zudem als einzige Entlastungszeugin benannt wurde und niemand sonst aus Binswangen. Karl Fuhrmann, zum Zeitpunkt der Verhandlung 72 Jahre als, also um 1887 geboren, wird kaum alleine oder nur mit der Hilfe seines Landmädels zentnerschwere Grabsteine vom Friedhof auf dem Waldhügel in die Kleinstadt transportiert haben. Es ist kaum vorstellbar, dass der 1942 bereits etwa sechzig Jahre alte Steinmetz alle Arbeiten seines Gewerbes ohne Helfer erledigt haben soll. Vorstellbar wäre auch, dass ihm die anliegende Hitlerjugend beim Abtransport half. Erwähnt werden jedoch noch nicht einmal Zwangsarbeiter, die damals auch in dieser Gegend zum Einsatz kamen. In einem Artikel der Augsburger Allgemeinen vom 14. Juni 2009, verfasst von Brigitte Bunk , erinnert sich der frühere polnische Zwangsarbeiter Arkadiusz Filipczak an eingesetzte Gefangene in Wertingen. In Wertingen wohnte auch Else Arnold und zwar in einem Landdienstlager, da sie nur tagsüber bei Fuhrmann war und für ihn arbeitete. Dieses Lager muss sich nun aber in relativer Nähe zum jüdischen Friedhof befunden haben und da ihrer eigenen Wegbeschreibung gemäß der Friedhof auf dem Weg nach Wertigen lag, muss sie wenigstens zweimal täglich daran vorbeigelaufen sein. Seltsam mutet es auch an, dass ihrer gerichtlichen Aussage gemäß das Gespräch niemals darauf gekommen sein soll, für welchen Zweck die Grabsteine denn nun überhaupt angekauft worden sein sollen und warum sie sicherlich nicht ohne Mühen auf das Grundstück des Steinmetz gebracht wurden. Das Landmädel selbst habe sich darüber nie Gedanken gemacht, sondern vermutet, dass es damit zu habe, „weil eben das ehemalige Friedhofsgelände in Ordnung gebracht werden sollte.“ Abgesehen davon, dass auch ohne Grabsteine der Friedhof wegen der darauf befindlichen Gräber noch immer ein Friedhof wäre, konnte sich Else Arnold nun auch nicht an die eigentliche Anzahl der abtransportierten Grabsteine erinnern, jedoch sei ihr andererseits nie aufgefallen, „dass die Steine weniger geworden sind.“
Nach dem früheren Landmädel sagte nun Bürgermeister Anton Bunk aus, der angab, bereits in jener Zeit, also während der Nazi-Herrschaft und zum Zeitpunkt der Zerstörung und Schändung des jüdischen Friedhofs Bürgermeister gewesen zu sein (er war von 1937 bis 1945 und nochmals von 1951 bis 1961 im Amt): „Mir hat der Judenfriedhof, der wiederholt Gegenstand von Zerstörungsaktionen des nebenan liegend HJ Sommer- und Herbstlagers gewesen ist, Kopfzerbrechen bereitet und ich habe schon vorher mit Herrn der Israelitischen Kultusgemeinde, insbesondere mit Herrn Friedmann gesprochen. Auch von diesem wurde geäußert, dass es wohl das beste sei, wenn der Friedhof geräumt würde.“
Bürgermeister Bunk meint hier offenbar Ludwig Friedmann (1880-1943), einen Augsburger Wäschefabrikanten, der als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich kämpfte und stellvertretender Vorsitzender der israelitischen Vorkriegsgemeinde in Augsburg war. Bunks ansonsten unbestätigte Aussage gemäß war die Aufgabe des Friedhofs im Prinzip fast die Idee des Vorsitzenden aus Augsburg, dessen Gemeinde auch für die anderen jüdischen Gemeinden im bayerischen Schwaben zuständig war. Am 11. Januar 1943 sei entsprechend ein Vertrag beim Augsburger Notar Linder zustande gekommen, der dem Gericht freilich nicht vorgelegt werden konnte. Eine jüdische Gemeinde existierte in Augsburg auch bereits nicht mehr und die Mehrzahl der Juden waren bereits abtransportiert. Die wenigen noch verbliebenen Juden waren in sog. „Judenhäusern“ zwangseinquartiert und warteten auf ihre gleichfalls sichere Deportation. Ludwig Friedmann nun starb bereits am 7. März 1943 zusammen mit seiner Frau Selma und zwei weiteren Augsburger Ehepaaren durch Selbstmord. Ihre Leichname wurden trotzdem noch am neueren jüdischen Friedhof im Stadtteil Hochfeld beigesetzt.
Nun, es ist wohl vorstellbar, dass Ludwig Friedmann zu Beginn des Jahres 1943 jegliche Hoffnung auf eine Zukunft aufgegeben hatte und bereits an Suizid dachte, jedoch spricht dann noch weniger dafür, dass er mit einem notariellen Vertrag die Zerstörung jüdischen Erbes legitimieren wollte. Mangels Plausibilität ist es auch nicht möglich den Wahrheitsgehalt der Ausführung des Bürgermeisters zu bestätigen. Seiner Aussage gemäß war ihm bestmöglich bekannt, dass der Friedhof mehrfach angegriffen wurde von der benachbarten Hitlerjugend und er erwähnt nicht, dass er als Bürgermeister des Ortes irgendetwas unternommen hätte, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und weitere Übergriffe zu verhindern. Ganz im Gegenteil beseitigte er die letzte noch bestehende Hürde zum Schutz des 280 Jahre alten Gräberfeldes auf durchaus bemerkenswert geschäftstüchtige Art und Weise: „… die teilweise bereits beschädigte Mauer wurde in Lose aufgeteilt und unter den Gemeindebürgern von Binswangen versteigert. „
Die Versteigerung der 1761 errichteten Friedhofsmauer an die meistbietenden Bürger von Binswangen ist nun wirklich bemerkenswert. Die heutige Mauer ist in etwa ein Viereck, dass sich den Hügel hoch erstreckt und nach oben hin breiter wird. Insgesamt hat die (heutige) Mauer schätzungsweise eine Länge von etwa 200 m, wobei sie ca. 80 cm breit ist und um etwa 2 m das so eingegrenzte Gelände überragt. Das sollte man sich vergegenwärtigen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu erhalten, welche Masse an Material hier versteigert und hernach abtransportiert wurde. Doch im Verfahren der Wiedergutmachungskammer des Augsburger Landgerichts war die Mauer nicht Gegenstand der Verhandlung und es sollten noch weitere zehn Jahre vergehen, ehe sie neu aufgeführt wurde. Wir können freilich nur vermuten, dass der heutige Bau tatsächlich den Verlauf der damals abgetragenen Mauer nachahmt. Belege dafür gibt es nicht und allzu wahrscheinlich ist dies im Anbetracht der Gesamtumstände auch nicht.
Bürgermeister Bunk erklärte zum weiteren Verlauf: „Schon einige Zeit vorher (wohl vor der Versteigerung der Friedhofsmauer) habe ich mit Herrn Fuhrmann gesprochen in dem Sinne, dass es soweit kommen wird, dass der Friedhof abgeräumt wird. Nach einigen Hin und Her erklärte sich Herr Fuhrmann bereit, die Steine zu nehmen um den Preis von RM 500.-. Über die weitere Verwendung der Steine hat sich Herr Fuhrmann nicht geäußert.“
Anders als der bestimmungsgemäße Ruhestand der Grabsteine auf dem Friedhof, bereitete dem Bürgermeister als Hausierer der Verkauf der Steine an einen Steinmetz offensichtlich auch kein „Kopfzerbrechen“. Auf Nachfrage des offenbar zweifelnden Hugo Schwarz beteuerte Bunk, dass er tatsächlich mit Herrn Friedmann gesprochen habe. Er bestätigte auch die Angabe, dass seines Wissens Steinmetz Fuhrmann keinen der jüdischen Grabsteine weiter verwendet habe. Vielmehr habe er die Steine bei Fuhrmann nach dem Krieg wiedergesehen, „als Herr Berthold Strauss von der Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg wegen der Steine geschrieben hatte.“ Das war wie wir wissen am 21. Oktober 1948. Gegenüber Fuhrmann habe er seinerzeit einen Kaufpreis verlangt, weil er sich dachte, „es wird etwas dabei sein, was sich verwenden lässt. Allerdings hat Herr Fuhrmann, wie ich hörte, die Steine nicht verwendet.“ Darüber hinaus könne sich der Bürgermeister auch nicht daran erinnern, dass Fuhrmann ihm gesagt hätte, die Steine verwenden zu wollen.
Der Antrag von Dr. Katzenstein die beiden Zeugen zu vereidigen wurde „zurückgestellt“, ehe nun Karl Fuhrmann selbst zu Wort kommt. Das Protokoll beschreibt ihn so: Fuhrmann Karl, verheiratet, Steinmetzmeister in Binswangen, 72 Jahre alt, wohnhaft Haus Nr. 4647, Antragsgegner.
Zur Erinnerung: Der Antrag der Kläger bestand auf der Herausgabe der Grabsteine, die Fuhrmann der bisherigen Zeugenaussagen nach zwar kaufte, aber nie verwendete und auch niemals verwenden wollte.
Fuhrmann: „Ich habe, um es kurz zu sagen, mir beim Kauf der Grabsteine nichts gedacht. Ich war damals überzeugt, dass einmal Ordnung geschaffen werden muss auf dem Friedhof. Im übrigen habe ich aber, wie aus oben gesagten Verhalten hervorgeht, die Grabsteine vorläufig nicht in Angriff genommen. Ich habe ein sauberes Lager aus Holz für die Grabsteine gemacht und mir gedacht, es muss der Ausgang des Krieges abgewartet werden und dann kann man sehen, was mit den Grabsteinen geschieht.“
Ist es plausibel, dass ein Steinmetz der hauptberuflich damit beschäftigt ist, Grabsteine zu bearbeiten eine Anzahl von Grabsteinen von einem Friedhof ,dessen Mauer an die Bewohner seines Ortes versteigert wurde, kauft ohne sich dabei etwas zu „denken“? Demgegenüber meinte er, es müsse „Ordnung“ geschaffen werden, obwohl diese offensichtlich nur darin bestand neben der Mauer auch die Grabsteine abzuräumen.
Fuhrmann: „Ich erinnere mich, dass der damalige Bürgermeister Bunk von den Grabsteinen bereits auf dem Friedhof einen an eine Frau Struhl (Strahl?), deren Mann in der IG Farben Gersthofen beschäftigt war und dort tödlich verunglückt ist, versprochen hat. Ich habe damals erklärt, das ich nichts weiter tue an den Grabsteinen als beschriften, einen Christus fertigen und Einfassungen und Sockel fertigen. Desweiteren habe ich drei Grabsteine abschleifen lassen, diese sind jedoch, ohne dass sie weitere Verwendung gefunden hätten, mit weiteren Grabsteinen durch die Hitze beim Brand meines Anwesens am 25.04.1945 beim Einmarsch der amerikanischen Armee zersprungen. Die Besten sind noch vorhanden. Ich habe sie eingegraben, (sie) können aber wieder ausgegraben werden. Ich nehme ohne weiteres auf meinen Eid, dass ich sonst keinen Grabstein irgendwie verwendet habe. Abgegeben habe ich höchstens Stücke von zerstörten Einfassungen und Grabsteinsockeln. Zerbrochene Grabsteine habe ich nicht abgegeben. Übrigens habe ich solche vom Friedhof auch nicht abgefahren, da diese von der Gemeinde zum Weggeben verwendet wurden.“
Um sich selbst zu entlasten, beschuldigte Fuhrmann nun die Binswanger Gemeinde. Bürgermeister Bunk soll einen Grabstein einer Witwe aus Gersthofen versprochen haben. Der Hinweis auf die Beziehung des Verstorbenen zur IG Farben hatte 1953 bereits eine gewisse zusätzliche Aussagekraft. Abgesehen davon, dass er Bunk damit sehr wohl finanzielle oder persönliche Interessen attestiert, stellt er desweiteren fest, dass bereits zerbrochene Grabsteine von der Binswanger Gemeinde weggeben – vielleicht auch versteigert -wurden. Dies deckt sich letztlich auch mit der Behauptung aus Bunks Brief von 1948 an Berthold Strauss von der jüdischen Gemeinde in Augsburg, wo er schrieb, dass 75 – 80 % der Steine „gänzlich demoliert“ gewesen seien und der Rest von Fuhrmann abgefahren wurde. Über die Verteilung des Großteils der beschädigten Grabsteine herrscht demnach völlig Unklarheit, da sich im Nachhinein niemand in Binswangen und Umgebung an irgendetwas erinnern wollte. Auf Nachfrage von Dr. Katzenstein gab der Steinmetz nun zu Protokoll, dass er etwa 40 – 50 Grabsteine vom Friedhof geholt habe: „Darunter werden 15 Mamorsteine gewesen sein, alles andere sind Kalk- und Kunststeine gewesen, von minderer Qualität.” Auf die weitere Frage Dr. Katzensteins, warum er als Steinmetz ohne geschäftlichen Nutzen haben zu wollen nun eigentlich 500 Reichsmark für die Grabsteine bezahlt habe, gab Fuhrmann zur Antwort: „Ich habe bezahlt was der Bürgermeister verlangt hat. Die Gemeinde musste ja den Friedhof auch bezahlen. Im übrigen dachte ich mir, erst muss der Krieg vorbei sein, dann kann man Entscheidungen treffen.“
Mit dem Hinweis, dass Dr. Katzenstein auch Fuhrmanns Vereidigung beantragte, endet das Protokoll über die Verhandlung. Welche Schlüsse kann man aus den protokollierten Aussagen ziehen?
Es scheint unwidersprochen, dass die benachbarte Hitler Jugend (sicher nicht ohne Beteiligung zahlreicher Erwachsener) den Friedhof mehrfach angegriffen und einen Großteil der in den 1920ern noch auf Photographien zu sehenden Grabsteine weitgehend zerschlagen haben. Sollten die Angaben stimmen, dürften die größten Zerstörungen 1938 und (oder bis) 1940 stattgefunden haben. Während der Bürgermeister von Binswangen die Mauer an seine Einwohner versteigerte, muss es ähnliche Arrangements bezüglich der Grabsteinfragmente gegeben haben. Sinn und Zweck der Aktion war offensichtlich mit den Juden von Binswangen auch die jahrhundertealte Erinnerung an deren hier bestattete Vorfahren gänzlich auszutilgen, sprich „Ordnung“ zu schaffen. Die noch (wieder)verwertbaren Steine, über deren Anzahl wir keine Gewissheit erlangen können, wurden an den örtlichen Steinmetz verkauft. Dieser hat einige davon bearbeitet und wird sicher mehr genutzt haben, als er später eingestehen wollte. Vielleicht lohnt es sich, auf erhaltene Grabsteine aus dieser Zeit in nichtjüdischen Friedhöfen einen Blick zu werfen. Die weiteren Angaben sind wie das Verhalten der Angeklagten widersprüchlich. Einerseits sollen die Steine nur gelagert worden sein, geradezu sorgsam auf Holz, andererseits wurden sie aber vergraben. Wo nun aber wie auch immer doch weitere Beschädigungen entstanden, so einzig durch das Wirken der Amerikaner. Einerseits wollte der Steinmetz die Steine gar nicht haben und kaufte sie wohl nur als Zukunftsoption für den Fall eines dann doch unerklärlicher Weise ausgebliebenen deutschen Endsiegs, andererseits wollte er sie auch 1953, acht Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Naziregimes noch nicht herausgeben, weshalb es ja nun überhaupt erst zum Prozess kam, fünf Jahre nach dem Anschreiben der schrecklich dezimierten jüdischen Nachkriegsgemeinde in Augsburg – als es in Binswangen keine jüdische Gemeinde mehr gab … und es gibt bis zum heutigen Tag keine.
Den Beschluss des Landgerichts verkündete der Einzelrichter LG Rat Dr. Wiesenthal sogleich am Freitag 30. Januar 1945. Und zwar kam ein „Vergleich“ zustande zwischen der Israelitischen Gemeinde in Augsburg, der JRSO, der Gemeinde Binswangen und dem Steinmetz Fuhrmann, welche fünf Punkte umfasste:
1. Der Antragsgegner Fuhrmann verpflichtet sich die bei ihm noch lagernden Grabsteine vom ehemaligen jüdischen Friedhof in Binswangen (etwa 45 Stück) an die Jewish Restitution Successor Organization Munich herauszugeben.
2. Die Gemeinde Binswangen verpflichtet sich, die nach Ziffer 1 vom Antragsgegner Fuhrmann herauszugebenden Grabsteine auf den Judenfriedhof von Binswangen zu transportieren. Diese Verpflichtung tritt ein, sobald der Friedhof wenigstens hinsichtlich seiner Umzäunung wieder hergestellt und die Gemeinde Binswangen um die Beförderung der Grabsteine angegangen wird. Vom Zeitpunkt dieser Anforderung an hat die Gemeinde Binswangen die Verpflichtung binnen 2 Monaten zu erfüllen.
3. Der Antragsgegner Fuhrmann verpflichtet sich, bei der Aufstellung der Grabsteine auf dem künftigen Friedhofsgelände zugegen zu sein, und falls dies gewünscht wird, den ursprünglichen Standort der einzelnen Steine, soweit ihm dies möglich ist, anzugeben.
4. Die Gerichtskosten werden von der Gemeinde Binswangen übernommen; die sonstigen Kosten trägt jeder teil selbst.
5. Dieser Vergleich wird nur wirksam, wenn bis spätestens 20.2.1953 die Gemeinde Binswangen den beglaubigten Auszug aus dem Protokollbuch des Gemeinderats beibringt mit folgendem Beschluss:
‚Zudem Vergleich, wie er auf Vorschlag des Gerichts am 30.1.1953 vor der Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Augsburg in Sachen Israelitische Kultusgemeinde gegen Fuhrmann und Gemeinde Binswangen zustande gekommen ist, wird Zustimmung erteilt und gleichzeitig das Auftreten des ersten Bürgermeisters in diesem Termin nachträglich genehmigt.‘
Der Vergleich, offenbar Resultat einer nicht schriftlich überlieferten mündlichen Aussprache sieht als Grundlage eine Umzäunung des offenbar leeren Geländes, auf dem sich keine Grabsteine mehr befinden, vor. Da auch die Mauer zehn Jahre zuvor versteiget wurde und die wie auch immer gearteten Überreste auf dem Areal sicherlich reichlich überwuchert worden sein durften, ist es zunächst unklar, welche Anhaltspunkte es nun eigentlich dafür gab, überhaupt die Abmessungen des Friedhofs und den Verlauf der früheren Mauern annähernd zu bestimmen. Schwierigkeiten hat der Beschluss aber auch bereits in der Definition des Verhandlungsobjekts. So ist in Punkt 1 die Rede vom „ehemaligen jüdischen Friedhof in Binswangen“, unter Punkt 2 heißt es, dass „der Friedhof wenigstens hinsichtlich seiner Umzäunung wieder hergestellt“ werden sollte, während unter Punkt 3 nun von der“ Aufstellung der Grabsteine auf dem künftigen Friedhofsgelände“ die Rede ist. Wenn nun im Jahre 1953 das Gericht wegen des Fehlens der Mauer und der Grabsteine von einem ehemaligen und einem künftigen Friedhofsgelände spricht, so bestätigt dies auch die Absicht jener, die zehn Jahre zuvor eben auch die Denkmale zur Erinnerung an die fast dreihundertjährige Geschichte des jüdischen Friedhofs in Binswangen mitsamt der schützenden Mauer beseitigen wollten und auch beseitigt hatten. Sie waren sich einig, dass man „Ordnung“ schaffen müsse und die Unordnung ging für sie nicht von den Nazis aus, die unweit des Friedhofs hausten. Nein, die Steine waren es, die störten und weg mussten, zumal sich damit offensichtlich auch Geld verdienen ließ.
So die Aussagen stimmen, wurde der Großteil der Grabsteine noch am Friedhof zerschlagen, und wie Fuhrmann sagt, an die Gemeinde vergeben, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Versteigerung der Friedhofsmauer. Wie muss man sich nun aber praktisch vorstellen? Tauchen später nach und nach Reste von Grabsteinen in Binswanger Wohnhäusern, Mauern und Gärten auf, so wie man heute in Abständen Reste mittelalterlicher jüdischer Grabsteine bei Bauarbeiten finden kann (wie etwa in Augsburg, Mainz, Worms), ist es im einem oder anderen Fall vielleicht sogar bekannt und gilt als Familiengeheimnis oder eine Attraktion, die man nur guten Freunden zeigt?
Der heutige Umfang des Friedhofs dürfte „etwas kleiner“ sein als der ursprüngliche Zustand, was sich schon aus der Gesamtzahl der zu vermutenden Gräber einer jüdischen Gemeinde ergibt, in der 1811 bereits 327 Personen in 70 Haushaltungen gelebt haben sollen. Im Jahr 1845 lebten 415 Juden am Ort – rund 40 % der gesamten Bevölkerung.
Neben der Eingangsmauer lagern noch wenige Reste von Grabsteinsockeln, eines Grabsteins sowie das kleine verrostete Gitter einer Grabeinfassung. Letzteres deutet an, dass es weitere Gitter gab, die gleichfalls geraubt wurden. Die Aufstellung der Steine erfolgte nach eigentümlichen Kriterien. Zum einen stehen sie in keiner konkreten Ausrichtung, wo auf einem jüdischen Friedhof zumindest in Richtung Osten (eigentlich: Jerusalem) üblich ist.
Im unteren Teil beim Eingang befinden sich vor allen die schwarzen Marmorsteine die es dem Steinmetz Fuhrmann wohl besonders angetan hatten. Da wäre etwa der Stein von Chava Tochter von Abraham Levi die in gutem Namen am 22. Ijar 5669 verstarb (das entspricht wohl dem 13. Mai 1909). Dann wäre da der Grabstein des Naftali ben Schimon Steinharter, der sein ganzes Leben lang auf dem Weg Gottes ging und am Schabbes-Abend am 26. Des ersten Adar im Jahre 5651 verstarb. Sehr aufschlussreich ist der kleine deutschsprachige Sockel mit der Inschrift: „Hirsch Steinharter geb 13. Juli 1812, gest. 6. März 1891“ – darunter steht noch zu die Angabe des Steinmetz zu lesen: Fuhrmann Binswangen

Da man kaum davon ausgehen kann, dass Karl Fuhrmann den Grabstein für Steinharter im Alter von zehn Jahren gefertigt hat, besteht allenfalls die Möglichkeit, dass Fuhrmanns Vater bereits Steinmetz war oder aber, dass Fuhrmann diese Widmung in der Nachkriegszeit hinzufügte. Ein weiterer Grabstein ist der von Faile Tochter des Jehuda und Frau des Herrn Mosche Leiter, gestorben am 11. Tamus 5672 (= 26. Juni 1912) und begraben am Folgetag. Eine nur in der Inschrift am Sockel Josef Neuburger gewidmete Marmorsäule, welcher vor dem Grabmal von Simon Heinsfurther aufgestellt wurde, ist blankpoliert und ohne Inschrift. Ob der Gedenkstein auch zuvor bereits Josef Neuburger gehörte, darüber kann nur spekuliert werden, jedoch deutet der Sockel auf eine Nachbearbeitung hin. Die Inschrift vom Grabstein Simon Heinsfurther weist diesen als Parnas der Gemeinde Binswangen aus, der immer den Frieden liebte und nach Frieden strebte, im guten Namen verstarb am 6. Tewet und in großer Ehre begraben wurde im Jahre 5655 (= 1895). Unweit davon ist der Gedenkstein für Nathan Baldauf (Natan Zwi bar Elieser) aus dem Jahr 5660. Auch Baldauf war Parnas der heiligen Gemeinde von Binswangen. Der untere deutschsprachige vielfach abgekürzte Teil der Inschrift weist ihn aus als Nathan Baldauf, Kaufmann, langjähriger Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde und Bevollmächtigter der politischen Gemeinde Binswangen, geb. 2. Juli 1847, gest. 9 August 1900. Man kann ganz sicher davon ausgehen, dass diese relativ kleine Gruppe schwarzer Marmorsteine die von der Datierung schon zum jüngeren Teil des Friedhofs gehören und damals einigermaßen in Mode waren sicher um einiges zahlreicher waren. Die Art ihrer heutigen Aufstellung will offenbar auch diese Lücken kaschieren. Insgesamt sind die Steine so aufgestellt, dass sie über die Lücken ein wenig hinwegtäuschen. Hätte man die vorhandenen Steine dicht aneinandergereiht, würde eher auffallen, wie wenige es eigentlich nur sind. Dabei finden sich noch Familiennamen wie Lammfromm, Luchs, Landauer, Miller, Metzger, Schwarz, Feigenbaum, Neuburger, …
Von hier an erhebt sich das Friedhofsgelände nun einen mitunter recht steilen Abhang hinauf, wobei hier und da auch Stufen von Steintreppen zu sehen sind. Eine Stufengruppe verweist so auch etwa auf Höhe der Mitte des Friedhofs auf die eigentümlichste Anordnung von Grabsteinen, die wir in Bayerisch-Schwaben auf einem jüdischen Friedhof gefunden haben. Acht ältere, meist gerundete Grabsteine (Kalkstein) bilden einen Kreis und erinnern damit als Steinkreis von Binswangen oder als eine Art schwäbischer Stonehenge en miniature an die pseudo-germanische Ideologie der früheren Friedhofsschänder, die auf diese Weise vielleicht ja auch demonstrierten, dass sie an der Wiederaufstellung durch die politische Gemeinde Binswangen Anteil und Einfluss hatten.

Von den älteren Grabsteinen aus dem früheren 19. Jahrhundert ist nur wenig, aus der Anfangszeit des Friedhofs im 17. Jahrhundert hingegen ist nichts erhalten. Ein stark verwitterter Kalkstein, der Isaak ben Efraim Neuburger gewidmet wurde datiert auf das Jahr 5647 (1887).
Der jüdische Friedhof von Binswangen erinnert in seinen wenigen erhaltenen Grabsteinen an die frühere jüdische Gemeinde, deren erste Spuren in die Zeit um 1450 zurückreichen (… könnten – das freilich ist wie immer umstritten und ausnahmsweise glaubt man auch mal nicht dem Pfarrer) . Die aufgestellten Steine (so kein Glückstreffer gelungen wäre) markieren nicht die eigentlichen Gräber. Da heutzutage Gräber und Grabsteine immer häufiger verwechselt werden, ist aber auch das bereits nennenswert. Hier jedoch unterschieden sich zusätzlich Standort von Grab und Grabstein und das macht es einem schwer, wenn man sich als Nachkomme auf die Suche macht nach Angehörigen, deren Grabsteine nicht mehr existieren oder unleserlich geworden sind oder so doch vorhanden mit größter Wahrscheinlichkeit nach Gusto und Laune in der Nachkriegszeit so oder so aufgestellt wurden. Gemäß der Einschätzung des prägenden Steinmetzes Karl Fuhrmann waren ja nur Marmorsteine von Wert, der Rest von „minderer Qualität“. Abgesehen davon nun umfassen Verlauf, Größe und Ausmaß des heutigen Friedhofsgeländes wohl nur einen Teil des früheren Umfangs. Irgendwo müssten auch die Gräber der ab 1663 in den ersten beiden Jahrhunderten hier bestatteten Toten sein, da die Halacha es ausschließt, einen Grabplatz mehrfach zu belegen. Während also wie in der Hitlerjugend – Zeit auf „verlassenen“ Gräbern möglicherweise Sport- und Freizeitangebote vollstreckt werden, erklärt die Geschichte, dass während der Kriegszeit die Binswanger einen heimischen Nebenkriegsschauplatz schufen, den engagierten Kampf gegen einen alten jüdischen Friedhof nämlich. Die Friedhofsmauer wie der Großteil der jüdischen Grabsteine wurden an die Binswanger Bevölkerung verteilt und versteigert, womit letztlich der gesamte Ort eine Art Friedhof ist. Sozusagen ein Mahnmal für die misslungene Endlösung der Judenfrage in Binswangen, das in dieser Weise in eigentümlichen Kontrast steht zur kunstvoll ausgestalteten Renovierung der früheren Binswanger Synagoge, die wie ihr Gegenstück in Ichenhausen hauptsächlich für Konzerte und dergleichen genutzt wird. Damit ist gesichert, dass Judentum in Binswangen vor allem eines bleibt: Vergangenheit.
The Jewish Cemetery of Binswangen / Wertingen was established in 1663 and was expanded as required several times. Today most likely only a smaller part of the former cemetery is marked by a stone wall, which was rebuilt only in 1963. Some twenty years before it was destroyed and sold at an auction to the non Jewish people of Binswangen. Also the grave markers, most of them however had been destroyed 2 years earlier by the neighboring Hitler Youth and their leaders, were removed and were sold to the local stonemason Karl Fuhrmann from Binswangen. Fuhrmann likely used the stones for his business but denied after the war of course everything. Although he claimed that he never had any personal interest for the stones (most of them were of minor quality as he complained at the court years later), on the other hand he refused to return the remaining stones to the JRSO and the Jewish Community of Augsburg, responsible for the many open questions. The Wiedergutmachung chamber of the Augsburg regional court in 1953 reached a settlement which obligated the stonemason to return some 45 stones which he still had in his possession. The settlement required that at first a kind of fence has to been built in order to mark the territoriy of the cemetery.
Die Innenausstattung der Augsburger Synagoge
July 6, 2010Anlässlich des 25. Jahrestages der Wiedereinweihung der „Großen Synagoge“ am 1. September 1985 wollen wir uns in der nächsten Zeit in mehreren Beiträgen ein wenig mit der Geschichte und der Ausgestaltung des Gebäudes beschäftigen.
Teil 1
Die 1917 fertig gestellte Synagoge an der Halderstraße orientiert sich mit ihrer charakteristischen Pendentif-Kuppel offensichtlich an der ehemaligen Kirche und späteren Moschee Hagia Sophia in Istanbul – heute (ebenfalls) ein Museum, welche erstmals diesen Baustil verwendete. Durch die Kuppel ist die Synagoge im Wortsinn nun der eigentliche Augsburger “Dom” (die Dom genannte Marienkirche in Augsburg besitzt keine Kuppel) geworden, was den Erbauern natürlich auch bewusst war, wenigstens gab es im „orthodox“ gebliebenen Kriegshaber entsprechend spöttische Bemerkungen über den „neuen Augsburger Dom der Reformer“. Die unterstützenden „Zwickel“ in der Konstruktion sind wie in Instanbul und in anderen Fällen kunstvoll ausgeschmückt. Die Augsburger Synagoge nimmt hier eine Art Mittelposition zwischen der rein kalligraphischen Ausschmückung der Muslime und der figürlichen Darstellungen der Christen ein – freilich noch ohne eine entsprechende Position des „reformerischen“ Judentums wiederzugeben, das noch keine eigene Richtung gefunden hatte. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Einflüsse, was nicht überrascht, sahen sich die verantwortlichen Bauherren Emil Gutmann, Max Günzburger und Max Schloss vom Vorstand der jüdischen Gemeinde doch an mehreren Orten (damals) neuere Synagogen an, um sich gemeinsam mit den Architekten Landauer und Lömpel für den vorgesehenen Bau in Augsburg „inspirieren“ zu lassen, wobei zugleich auch erhebliche lokale Einflüsse (etwa der in Augsburg unvermeidliche Elias Holl, insbesondere aber auch die eminente frühere Pferseer Synagoge offensichtlich sind). Richard Grünfeld, Ende Mai gewählt, aber erst ab Herbst 1910 Rabbiner in Augsburg als Nachfolge des im Januar verstorbenen Heinrich Gross, dessen Ansehen er niemals erreichen sollte, nennt in seiner „Festschrift“ zur Einweihung von 1917 als besuchte Orte Bamberg, Frankfurt a.M., Offenbach, Köln, Düsseldorf und Straßburg. Entsprechende stilistische Anleihen sind in einzelnen Details auch unschwer zu erkennen, wie beispielsweise der Treppenaufgang zur Bima in der 1898 fertiggestellten Synagoge von Straßburg zeigt. Die Kuppelfenster hingegen dürften aber wohl von der damaligen Synagoge in Darmstadt angeregt worden sein, die Grünfeld nicht erwähnt. Da die Baugeschichte, Biographien, wie auch Pläne usw. gut dokumentiert sind, reicht es auf die entsprechenden Quellen zu verweisen, wie etwa:
Sabine Klotz: Fritz Landauer (1883–1968). Leben und Werk eines jüdischen Architekten. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2001
Eine Besonderheit der Augsburger Synagoge ist die sonst eher untypische Verwendung von Bildern, figürlichen Darstellungen, Ornamenten, Abbildungen, Illustrationen, Dekorationen, Zierwerken, Figuren, „programmatischen“ exemplarischen Motivtafeln, oder wie auch immer man die stilistisch recht unterschiedlichen künstlerischen Elemente nun auch immer fachgerecht bezeichnen möchte. Die „moderne“ Anwendung solcher bildlichen Darstellungen sind offenkundig beeinflusst worden durch Entwicklungen in der gestalterischen Kunst als solchen, durch aktuelle zionistische Künstler in Israel , die erheblichen Bedarf hatten neue Symbole zu schaffen und der Geschichte des jüdischen Volkes neue Gestalt zu geben in Gegenwart und Kunst. Prägend waren aber auch Darstellungen in zeitgenössische Synagogenbauten wie etwa in Posen (1907) und Essen (1913). Dieser „Bilderschmuck“ bleibt in Augsburg mit Ausnahme des schon wieder eher sparsamen, zudem abgedunkelten „David-Brunnens“ im Foyer und den beiden Greifen im großen Saal freilich auch eher schematisch.
Abseits der jüdischen Tradition wird in diesem Kontext oft die Frage nach der „Reform“ und dem „Tabubruch“ gestellt. Insbesondere bei nichtjüdischen Betrachtern herrscht hier eine gewisse Konfusion über die Korrelation von Reform und Moderne, die als Kausalität missverstanden und der (sog. orthodoxen) Tradition quasi als eine Art „Heilmittel“ entgegengesetzt wird. Jedoch ist die religiöse Reformbewegung im Judentum weder Vorläufer, noch Folge einer technischen Entwicklung der Moderne, sondern eine verspätete Anpassung an christliche und humanistische Vorbilder. Die Annahme, dass die Tora bildliche Darstellungen verbietet, ist der geläufigen deutschen Übersetzung „du sollst dir kein Bild machen“ geschuldet, die das hebräische Wort פסל (fessel) als „Bild“ wiedergibt. Das freilich ist nicht so ganz korrekt , da es sich bei fessel nicht um ein Bild im Sinne einer Zeichnung handelt, sondern um eine plastische Darstellung, es sich also eher um eine Statue, Skulptur, Monument handelt. Etwas was Menschen, die gerade aus dem pharaonischen Ägypten kamen, das von hieroglyphischen Bildsymbolen übersät war, sicher zu unterscheiden wussten. Wo die Verwendung von Skulpturen also das Gebot der Tora offen bricht, ist die Verwendung von (zweidimensionalen) Bildsymbolen nicht in gleicherweise verboten, wohl aber für die Anforderung der Gebotserfüllung unerheblich und wie das überlieferte Judentum sagt, letztlich hinderlich.
Welchen Zweck hat es letztlich auch, wenn der Besucher der Synagoge kein Beter mehr ist, da er im Sidur nicht lesen kann, sich dafür aber Bilder von Zelten, Löwen, Kamelen oder geflügelten Fabeltieren ansieht ..? Es wäre schon erstaunlich, wenn man in einer solchen Entwicklung eine Art „kulturellen Fortschritt“ erkennen wollte. Den Planern der Augsburger Synagoge lässt sich diese vorerst letzte „Konsequenz“, der aktuelle status quo, freilich nicht anlasten. Natürlich ist es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nun auch keineswegs ein Ausdruck einer Art Moderne, wenn man dazu übergehen will, eine Synagoge mit Bildschmuck oder gar Plastiken auszustatten, wurde in jener Zeit doch Photographie für den normalen Bürger erschwinglich und Dank stets verbesserter Technik auch für den eigenen Hausgebrauch oder für Reisen und Ausflüge praktikabel. Aus dem Jahre 1912 stammt so auch eine Reisephotographie eines aus Kriegshaber stammenden Juden, der im Lande Israel war und dabei selbstgemachte Lichtbilder mitbrachte. Aber natürlich gab es auch bereits Foto-Postkarten, Bildbände, Posterdruck und dergleichen mehr, die die Realität der heiligen Orte auch „Orthodoxen“ zugänglich machten und authentischer vermittelten. In welche Weise könnten also schematisch formulierte künstlerische Darstellungen in irgendeiner Weise „modern“ wirken oder einen Zugewinn gleich welcher Art ausdrücken? Weder bautechnisch noch was die Innenausstattung betrifft war der Stil der Augsburger Synagoge auf der Höhe der Zeit, sondern ganz abseits der in aller Welt populären modernen Maxime „form follows function“ (Sullivan 1896).
Die Vorstände der Augsburger Israelitischen Gemeinde waren sicher vom „Zeitgeist“ geprägt, der zahlreiche, widersprüchliche, aber auch rückwärtsgewandte Vorstellungen transportierte, wie ein Bus, der zwar viele Menschen in dieselbe Richtung fährt , wobei diese aber an verschiedenen Stationen aussteigen und ggf. völlig andere Absichten verfolgen. Vielleicht sind es diese „verwirrenden“, widerstrebenden Einflüsse, vielleicht auch eine Portion „schwäbischer“ Eigenständigkeit, die dafür sorgten, dass sich die Bauherren für einen eigentümlichen Baustil-Mix entschieden, anstelle einer weiteren „Kirchenkopie“, wie ihn zahlreiche andere Synagogen dieser Zeit in Deutschland verkörperten. Daran ändert auch die überflüssige „Kirchenorgel“ der Augsburger Synagoge nichts. Auch sie übertritt kein religiöses Verbot, sondern eher eine kulturelle Schranke, da eine solche Orgel für das jüdische Gebet nicht erforderlich ist. Da jeder weiß, dass es bislang ohne ging, ist es schwer, einen „Zugewinn“ zu erkennen. Da die neue Synagoge bereits mit einem damals schon nicht mehr ganz so revolutionären Telefonanschluss ausgestattet wurde, während die Radio-Technologie seit Jahren rasante Entwicklungen machte, fällt es auch schwer, in einer Orgel einen Ausdruck von Moderne zu sehen. Auch hier handelte es sich eher um ein Merkmal der Anpassung an die bürgerliche Kirchen- und Theaterkultur. Und entsprechend gingen mit Orgeln auch Veränderungen im Gottesdienst einher, für die es keine religiöse Grundlagen oder Bedarf gab. Der Gottesdienst als solcher musste gewissermaßen unterbrochen werden, damit die Orgel, ob allein oder begleitet von einem Chor nun überhaupt zum Einsatz kommen konnte. In dieser “Pause” nun standen oder saßen die Mitglieder der Gemeinde als Konzertbesucher und zunehmend gelangweilt im Restraum. Zugewinn?
The interior of the Augsburg synagogue.
Although the synagogue of Augsburg was built by a reform or “liberal” congregation neither architecture, style nor the interior decoration does express any kind of modernity. In the age of photography, cinema, telephone and radio, unexplained schematical depictions at a great height or the sound of an organ are anything but modern, they just express a much too late and of course unnecesary assimilation to the Christian-Humanist societal ideal which already was rapdily in decline. So, many of the depictions in the synagogue use Hebrew inscriptions which the members of the community already in the 1930s could not longer read – not to mention todays mainly “Russian” community or the quite more numerous visitors of the “main attraction” of the “Jewish” Museum.