Queen Esther of Augsburg

April 29, 2012

Among the many elaborate depictions of the “Golden Hall” (Goldener Saal) at the townhall of Augsburg there also is one which shows Persian Queen Esther from the Jewish bible appearing before her husband Ahasverosh (Chšayarša, Xerkes).

Königin Ester erscheint vor ihrem Ehemann, dem persischen König Ahaschverosch. Im Hintergrund baumelt der Bösewicht Haman am Galgen. Darstellung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses.

תיאור של אסתר המלכה באולם הזהב בבית העירייה של אוגסבורג

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ספירת העומר

April 27, 2012

* * *


Die Ansiedlung jüdischer Landwirte in Deutschland

April 24, 2012

Die obige Überschrift erschien vor ziemlich genau 85 Jahren in der Ausgabe No. 4 der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung (BIG) vom 15. April 1927 auf S. 97 und mag schon damals bei vielen Lesern eine gewisse Verwunderung hervorgerufen haben. Es handelte sich jedoch um eine Absicht, die auf Beratungen und Beschlüssen der Vorstände des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten (RJF, in Augsburg von Herrn Oberdorfer vertreten) beruhte, und beabsichtige Land für jüdische Bauern in Deutschland zu erwerben. Dabei handelte es sich keineswegs um zionistische Bestrebungen, die es seit Jahrzehnten bereits gab und den Nachwuchs für den Auf- und Ausbau landwirtschaftlich geprägter Siedlungen in Israel ausbildete, sondern um ein durchaus deutsch-national verstandenes Projekt. Das daraus nichts wurde und werden konnte, ist in den nach 1927 folgenden Jahren einleuchtend.

Die im Artikel konstatierte „Berufsschichtung“ sieht heute, faktisch ohne verwandtschaftliche Beziehungen und einige Generationen später, 67 Jahre nach der Niederlage des Naziregimes und nach etwa zwei Jahrzehnten jüdischer Zuwanderung aus Osteuropa eigenartiger Weise etwas ähnlich aus. Zwar gibt es nicht sehr viele der meist „russischen“ Juden, die Kaufleute wären, jedoch ist der akademische Anteil beträchtlich, während sich praktisch keine Bauern, Viehhändler oder Hirten finden. Insofern überhaupt Jobs vorhanden sind, entspricht dies heute allerdings auch der Allgemeinbevölkerung, die amtlichen Angaben zu etwa drei Vierteln im Dienstleistungssektor tätig sind. Im Laufe des Jahrhunderts ist der Anteil der v Bevölkerung die in der Landwirtschaft beschäftigt war von 40 auf nunmehr etwa 2 % gesunken.

64 Jahre nach der Gründung des Staates Israel, der durchaus moderne Landwirtschaft betreibt und viele seiner Produkte auch in aller Welt verkauft, ist die Frage, ob die Ansiedlung jüdischer Landwirte in Deutschland eine Perspektive hätte, sicher eigenartig.

Oder …?

Die deutschen Juden gehören zum überwiegenden Teile dem Kaufmannsstand und den sog. akademischen Berufen an. Landwirte und Handwerker sind viel seltener. Dem entspricht auch die Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf Stadt und Land. Diese einseitige Berufsschichtung ist gewiss erklärlich aus der Bedrückung der Juden im Mittelalter, derzufolge ihnen gerade der Bodenerwerb und der Zugang zum Handwerk versperrt war. Aber es muss von neuem festgestellt werden, dass diese einseitige Berufsschichtung keinesfalls – wie manche bei oberflächlicher Beobachtung meinen – günstig ist, sondern im Gegenteil sehr bedenklich. Nicht etwa, weil diese anormale Verteilung auf die Berufe besonders geistiger Tätigkeit als ein Erbteil aus dem Mittelalter anzusehen ist, sondern weil sie für die Zukunft der deutschen Juden in gesundheitlicher und politischer Beziehung gefährlich ist. Es sei hier nur an den großen Verbrauch von Nervenkraft, an die Kinderlosigkeit in vielen städtischen Ehen gedacht. Es sei angedeutet, dass im Interesse der Verwurzelung eingesessener Juden eine Verteilung der Berufe und damit der Arbeit am deutschen Volkswirtschaftskörper zu wünschen wäre, die einigermaßen der Verteilung der sesshaften Gesamtbevölkerung entspräche.

Dazu kommt, dass die allgemeine Notlage ganz besonders die kaufmännischen Angestellten oder die in wissenschaftlichen und künstlerischen Berufen tätigen Menschen heimgesucht hat, ja, dass gerade die Juden, die zum größten Teil dem städtischen Mittelstand angehören, besonders leiden, seit diese für die deutsche Kultur so wichtige Mittelschicht mit Untergang bedroht ist.

Sollten nicht große Teile der Judenschaft dem Proletariat verfallen, so muss nach neuen Wegen zur Erhaltung ihres Lebensstandards gesucht werden. Ein solcher Weg ist die Rückkehr zur Landwirtschaft.

Man komme nicht mit dem Einwand aus der antisemitischen Giftküche, dass die Juden dafür nicht geeignet wären. Die Vergangenheit und Gegenwart beweisen in vielen Beispielen, dass dies nicht wahr ist. Wie sehr ist es gerade von diesem Standpunkt zu bedauern, dass die zahlreichen stattlichen Güter jüdischer Landwirte in Schwaben, Franken und in der Rheinpfalz welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, an Zahl und Größe immer mehr zurückgegangen sind.

Es soll jetzt nicht darauf eingegangen werden, die Vorzüge des Landlebens zu schildern, die Gründe anzugeben, warum gerade heute wieder für die deutschen Juden ein geradezu historischer Moment gekommen ist – den man erfassen oder versäumen kann – der Bebauung eigener Scholle sich zuzuwenden.

Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass diese Sachlage auf der diesjährigen Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischen Gemeinden in Fürth ein besonders betonter Gegenstand in der Ansprache des Präsidenten des Rates, Herrn Obergerichtsrat Dr. A. Neumeyer, und der folgenden Aussprache unter den verantwortlichen Führern der bayerischen Juden gewesen ist. Die Anregung, diese Siedlung jüdischer Landwirte von neuem und energischer wie schon mehrmals in den letzten Jahrzehnten zu organisieren, ging vom Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten aus.

Diese bedeutende Organisation, die schon Großes in der Verteidigung der jüdischen Ehre geleistet hat, hat die Absicht, die Ansiedlung in großen Stile durchzuführen. Sie leitet ihre Berechtigung dazu von der Tatsache her, dass ihre Mitglieder (über 40.000) ausnahmslos mit der Waffe in der Hand in vorderster Front für die Verteidigung des deutschen Bodens gekämpft haben.

Warum aber kann man nicht jeden einzelnen diesen Schritt zur Scholle überlassen? Weil den meisten und gerade den bereits in der Landwirtschaft ausgebildeten Juden die Mittel zum Erwerb eines Eigenbetriebs fehlen und weil der einzelne viel weniger sachliche und persönliche Schwierigkeiten überwinden kann als eine Gemeinschaft. Zur Ausführung dieser Idee will der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten eine jüdische Siedlungsgesellschaft gründen, zu der alle sachliche Vorbereitung bereits getroffen ist. Im Januar haben bereits in Augsburg, München, Nürnberg, Regensburg, Würzburg Versammlungen über diese Angelegenheit stattgefunden, die ihre besondere Note durch die glänzenden Ausführungen des Redners, Herrn Gutsbesitzer A. Sandelwoski, empfangen konnten.

Es verdient Anerkennung, dass der Landesverband Bayerischer Israelitischer Gemeinden die Bestrebungen des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten in moralischer und tatkräftiger Weise zu fördern einstimmig beschlossen hat.

85 years ago the Bavarian Jewish Community journal reported from the intention of the board of Jewish communities in Bavaria and the Reichsbund of German-Jewish front-line soldiers (RjF) to encourage and promote Jewish agriculture based development in order to rectify an “undesirable development” among Jews in Germany, who mostly were occupied in trade or acedemic professions. Since the political conditions and circumstances soon had changed dramatically the intention of course had no chance to get implemented. During the last century German society also has changed regarding employment. In 1912 some forty percent in Germany were occupied in farming and agronomy, while today only less than 2 percent are employed in this field.

Will Jewish farmers be an option for the often proclaimed bright future in Germany?


Impressions of Augsburg

April 22, 2012

Some impressions from Augsburg


Talk like an Egyptian

April 20, 2012

Almost everyone associates ancient Egypt instantly from apparently quite typical vocabulary like pyramid, sphinx, obelisk, stele, mummy, sarcophagus, hieroglyphs, and knows names like Memphis, Luxor, and Nile, not to forget Egypt proper. However all are not Old Egyptian but Greek words and names.

The only popular exemption is Pharaoh  (farao), the title of the old Egyptian king, which goes back to an old Egyptian term (par’o).

Table 1: Egyptian toponyms which differ from current use in Western languages

popular term Egyptian likey pronunciation remarks
       
Egypt kmt “kemet” lit. means black or black land in contrast to the “red” desert
Nile, river Nile ytrw, “yitro” one of the popular names of the river, best known from the Bible where Yitro appears as the name of the father in law of Moses
Heliopolis ywn/w “yon” known in the Hebrew Bible as “On”, where Yosef married the daughter of the high priest of the temple
Memphis mn-nfr “man-nefer” the name means nice memorial, referring to the pyramid of Djoser
Karnak ypt-swt “yafet-sot” today Karnak at Luxor
Luxor ypt-rst “yafet-rest” Luxor (“rest” means to guard, to rest)
       

Table 2: Typical Egyptian features named otherwise in old Egyptian language

popular term Egyptian pronunciation remarks
       
pyramid mr “mir”  
obelisk thn “takhan” the same word in Hebrew means “mill” but also “station”, “mark”, “resting point”
stele wdj “widg” (like: which) German: widsch
pylon ywn “yon” column
sarcophagus nb-‘nch “neb-ane’ach” “Master of Life”
hieroglyphs mdw·w-nṯr “madu-we-netsher” Godly words, the ancient Egyptian word for “god” is “nṯr”compares to “nature”
Pharaoh Pr-a’ “par-ow” Lit. “man of the house”, “Big one”
       
       

On the other hand surprisingly there is a higher number of Old Egyptian (OE) terms in European languages usually not considered.

While researching on common Hebrew and Old Egyptian vocabulary and language patterns, a collection of matches as a side product also sheds light on Egyptian – European relation.

 

Table 3: Old Egyptian terms in European languages 

Egyptian pronunciation Translation into remarks
       
chpr kheper German: Käfer Engl. beetle
sa’ sao Sow, female pig German: Sau
‘sya as’ya “a-si-a”: OE term for Cyprus Ancient Romans called today’s Turkey “Asia
z’h say’ay German: Zehe Engl. toe, means toe
nṯr netsher Engl. “nature means: god
nt nat German: nass means: wet
d’d’ dede Frz. la tete means: head
s ‘t sat German: satt sate, sated
hrw haro Engl. hour day, hour, comp. Latin: hora
sr ser Engl. Sir A high official, master
hr her German: Herr Hor-us, master
tp top Engl. top, head head, peak, top, tip
       
       

 Fast jeder assoziiert das antike Ägypten sofort mit offenbar ganz typischen Begriffen wie Pyramide, Sphinx, Obelisk, Stele, Mumie, Sarkophag, Hieroglyphen, und kennt Namen wie Memphis, Luxor, Nil und nicht zu vergessen Ägypten, die allesamt jedoch nicht ägyptische sondern griechische Namen und Bezeichnungen sind.

Die einzige geläufige Ausnahme ist Pharao als Titel der antiken Herrscher, welches auf einem altägyptischen Begriff basiert.

 

 

Flattering Old Egyptian blessing for rulers, high officials or important guests:

 

Jmj nht hnn-f st hmt nbt, (= ca.: ya’me nakhat ha’nen’ef sat hemet nabat)

“let his penis be stiffen for all women”

 


Burgau revisited

April 19, 2012

Burgau und die nach ihm benannte Markgrafschaft im heutigen bayerischen Schwaben war von etwa von 1300 bis 1800 für ein halbes Jahrtausend österreichisches Gebiet. Wenngleich nicht immer ein zusammenhängendes Territorium und zeitweilig eher eine Art Fleckenteppich, war es doch ein politisch und kulturell zusammenhängendes und funktionierendes Teil der österreichischen Monarchie.

Der Name Burgau wird wohl treffend als Burg-Au gedeutet, denn um die Mitte des 12. Jahrhunderts werden in Augsburg erstmals „Herren von Burgau“ erwähnt. Im Jahre 1212 werden deren Nachkommen zu Markgrafen ernannt und in der Folge orientierten sich die Burgauer wohl bereits an den Habsburgern, die bald versuchten die schwäbischen Gebiete für ihr Reich zu sichern.

Als 1324 zur erfolglosen Belagerung durch Soldaten des Wittelsbacher Kaisers Ludwig Bayer. 1418 verhinderten Augsburg und Ulm einen Verkauf der Gebiete an Bayern, da man in den Reichsstädten um die eigene Unabhängigkeit fürchtete und deshalb – später auch unter dem Einfluss der Fugger – eher den Vorderösterreichern zugeneigt war.

Mit dem 30jährigen Krieg endete die Herrschaft in Burgau, dessen letzter Markgraf Karl 1618 verstarb. Als Sohn Erzherzog Ferdinands von Österreich und der nicht standesgemäßen Augsburger Kaufmannstochter Philippine Welser (1527-1580) war Karl nicht voll erbberechtigt. Der Markgraf und seine Frau waren bei ihren Untertanen nur mäßig beliebt, da sie ihre beargwöhnte Verbindung mit religiösem Eifer kompensieren wollten. 1516 führte dies zu einem Bierverbot in Burgau und im Jahr darauf zur Ausweisung der Juden (unter den auch Brauer waren). 1518 starb er sodann und wurde hernach in Günzburg bestattet, wo er ziemlich verschwenderisch mit seiner Frau gelebt hatte. Die Markgrafschaft wurde sodann von den Habsburgern in Tirol regiert und von ihnen in Günzburg ein Landvogt eingesetzt. Um 1805 gingen die Gebiete der vorderösterreichischen Markgrafschaft Burgau an Bayern. Heute hat Burgau etwa 9000 Einwohner, wovon 7000 am Ort selbst leben, der natürlich über die mittelalterliche Stadt hinausreicht. Seit einigen Jahren ist die Bevölkerungszahl rückläufig.

Altes Rathaus von Burgau

Die jüdische Geschichte in Burgau ist in erster Linie mit Schimon ben Elieser Ulmo (1506-1585) verknüpft, der in Günzburg geboren wurde, in Burgau aufwuchs, dort Rabbiner und Leiter eines talmudischen Lehrhauses war und nach seinem Tod auch begraben wurde. Er war ein großer namhafter Gelehrter, kaiserlicher Hoffaktor, ein großer Mäzen und Autor gelehriger Bücher in taitscher Sprache. Sein Vorfahr Falk Lemlin (1390-1465) hatte 1438 Augsburg verlassen müssen und ging nach Ulm. Der Lehrer seiner Kindheit in Burgau war Rabbi Jona, der Sohn von Jakob ben Jehuda Weil, der letzte überregional bedeutsame Gelehrte  Augsburgs, der die Stadt 1438 als einer der ersten verließ und schließlich nach Erfurt ging. Auf seinen Schriften fussen die heutigen Verodnungen der Schechita.

 

Ausschnitt aus Simon Ulmo’s taitscher Erklärung hebräischer und aramäischer Redensarten aus Mischna und Talmud

 

Aus dem Jahr 1470 ist in einer Urkunde in Graz Salomon von Burgau mit weiteren Juden von Ulm wegen Geldleihen an einen christlichen Kleriker erwähnt, wobei es sich wohl um einen Verwandten Simons handelt. 1587 verfügt die Markgrafschaft, dass Juden den Christen rechtlich gleichgestellt seien. 1593 erhält Lemle von Burgau (ein Sohn von Simon) von Freiherr Ferdinand von Grafeneck das Schloss und Dorf Hasenweiler bei Ravensburg, da dieser eine Schuld über 3500 Gulden nicht bezahlen konnte. Es folgten jedoch über Jahre andauernde Rechtstreitigkeiten, ehe Dorf und Schloss für 16.000 Gulden an das Kloster Weingarten verkauft und Lemle ausbezahlt wurde.

Ende Dezember 1596 klagten christliche Bewohner in Burgau über die Burgauer Juden, da diese wegen ihrer Feiertage keine Rücksicht auf die christlichen Feiertage nehmen würden und zudem offenbar auch verlangten, dass ihre christlichen Bediensteten an diesen Tagen für sie arbeiteten. Dies wurde am Ort wohl als Verspottung der „wahren“ christlichen Religion durch die „verdammten“ Juden aufgefasst. Als Rabbiner in jener Zeit ist in den Raittungen (Rechnungen) von Burgau „Leo Jude, Lehrmeister“ notiert. Gemeint ist Jehuda Schmuel (1538-1604), Sohn des Simon Ulmo-Günzburg, der mit Frau und Sohn verschiedentlich genannt wird, 1599 etwa „Leo Jud, Lehrmaister und sein Sohn Itzig Jud der Jung Lehrmaister und Schulklopfer“. 1602 heißt es statt „Leo“ (sowohl Lew als auch Leo dienten häufiger als Umschreibungen des Namens Juda) nun „Leb, Itzig Jude, Lehrmaister und sein Mueter“. Itzig kennen wir aus hebräischen Quellen als Itzchak ben Jehuda Schmuel Ulmo (1570-1618) . Seine Frau wird in der Liste ab 1619 folgerichtig als „Itzig Jüdin, Lehrmaisters Witib“, also als Witwe des Lehrmeisters Isaak verzeichnet.

Im Jahr 1617 veranlassten Markgraf Karl und seine fromme Frau Philippine aus dem Haus der Augsburger Patrizier Welser, das im Jahr 1614 seinen „Falliment“ erklärte, d.h. pleite war , die „Ausschaffung“ der Juden aus Burgau. Ob es wirklich zum Weggang der Juden führte ist unklar. Möglicherweise verließen die Burgauer Juden, die gerade den frühen Tod ihres Rabbiners zu beklagen hatten, den Ort unterhalb der Burg tatsächlich kurzfristig, um vielleicht in Scheppach oder Günzburg Unterschlupf zu finden. Spätestens nach dem Tod des letzten Markgrafen kehrten sie jedoch wieder zurück, weshalb wir ab 1619 sodann auch die Witwe des Rabbiners als Steuerzahlerin finden. Von 1622 bis 1631 wirkte sodann David, der Sohn des Isaak als Rabbiner, dessen Bruder Abraham siedelte sich in Pfersee an. Eine Rechnung aus selber Zeit über verlangte Abgaben für Stadtwächter aber auch für Kriegskosten an die Burgauer Juden in Höhe von stattlichen 200 Gulden. 1611 belief sich die jährliche Höhe der jüdischen „Sitzgelder“ auf rund 185 Gulden. Die Wächter wurden offenbar auch zur Abwehr der Infektion benötigt, an der viele Einwohner erkrankt waren und starben. Die Pest wird häufig als Argument gebraucht, um die Ausweisung der Juden aus Burgau zu begründen, doch wurde diese bereits 1617 angeordnet und bleib offensichtlich folgenlos. Als 1631 aber bereits schwedische Truppen immer tiefer nach Deutschland vordringen klagen nun die Juden in Burgau in Augsburg gegen den Burgauer Stadtprediger Kaspar, da dieser einigen Aufruhr erhebt, vor der Synagoge und dem Lehrhaus randaliert und Verleumdungen verbreitet oder auswärtigen jüdischen Händlern nachgeht und gegen sie mitunter handgreiflich wird. Einen Juden aus Steppach, wo wie in Pfersee Söhne und Enkel der Ulmo vor Jahrzehnten ausgesiedelt waren, habe er so mit einem Stecken angegriffen, usw. Mit dem weiteren Vormarsch der Schweden hatten Burgau wie auch der Dorfprediger im Folgejahr jedoch ganz andere Sorgen. Auch die jüdische Geschichte in Burgau endet mit den weitgehenden Zerstörung des Ortes.

Doch aus dem Jahr 1653 ist in Burgau der Jude Josef notiert, der gegen Wilhelm Konrad Schenck von Stauffenberg klagt, da dieser offenbar seine Schulden nicht bezahlen konnte. Da er als Josef von Burgau bezeichnet wird, ist anzunehmen, dass er tatsächlich am Ort lebte. 1665 wird über die Wiederansiedlung von Juden in Burgau verhandelt. Die Rede ist „wie von alters her“ von acht oder neun Familien. Christliche Prediger vor Ort sind anderer Ansicht und sprechen davon, dass sie „solches Ungeziefer“ nicht wieder haben wollten. Offenbar wurde dem Begehren zumindest einiger Juden trotzdem nachgegeben, da sich im Dezember 1668 der aus Pfersee stammende Jude Hertzog  in Burgau meldet und darauf hinweist, dass vor dem großen Krieg (wohl 1631) sein Großvater die Judenschule „auf eigene Kosten und zur Ehre Gottes und ihm zu Nutze und Heil habe erbauen lassen“, weshalb er nun darum bat, dass man ihn nun doch bitte nicht abweisen möge deswegen. Es ist zu vermuten, dass es sich bei jenem Hertzog (oder Hitzig) um Isaak, den Sohn des letzten Rabbiners David Ulmo handelte. Ob es ihm gelang das Gebäude in der heutigen Stadtstraße, dass den Krieg wohl wenigstens teilweise überstanden haben muss, wieder erlangte ist nicht bekannt, muss aber bezweifelt werden, da es in der Folgezeit nur noch spärliche einzelnen Nachrichten über Juden in Burgau gibt. Dabei handelt es sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lediglich um Bestimmungen für auswärtige jüdische Händler, die an jenen Tagen und Stunden am Markt sein dürfen.

Die vielleicht größte Anzahl von Burgau folgte dann aber wohl erst rund 275 Jahre nach dem Ersuchen von Isak Ulmo aus Steppach, als nämlich von 1944 bis 1945 für die Dauer etwa eines Jahres in Burgau ein Arbeitslager errichtet wurde, in welchem jüdische Zwangsarbeiter, die aus Osteuropa verschleppt wurden (während im Gegenzug schwäbische Juden nach Polen deportierte) für Messerschmidt im sog. „Kuno Werk“ im Scheppacher Forst Düsenjets montieren sollten. Insgesamt etwa 1100 Gefangene wurden dort unter schlechtesten Bedingungen zur Zwangsarbeit genötigt. Über die Anzahl der Toten gibt es keine Zahlen, jedoch wurde in einem Pressebericht anlässlich der Errichtung eines Gedenksteins vor einem Jahr, die Zahl von 18 namentlich bekannten Toten erwähnt. Diese sind in der Inschrift nicht aufgeführt, stattdessen ein deutsches Zitat aus dem Buch Hiob:

Wenn ich daran denke, erschrecke ich und mein Zittern ergreift meinen Leib

Und darunter: „Zum Gedenken an die Verfolgten der NS-Herrschaft. Ihr Leiden und Sterben sei uns Mahnung zu Toleranz und Menschlichkeit. Dieser Stein erinnert an diejenigen, die im Burgauer KZ-Außenlager gelitten haben.“

Dass es sich bei den Gefangenen um Juden handelte, war den Verfassern so wenig Notiz wert, wie auch sonst in Burgau eigentlich nichts mehr an die lange über zweihundertjährige jüdische Geschichte erinnert.

Am 23. April 1945 bombardierten US-Flieger siebzig startklare Messerschmitt Jets und das Werk entlang der heutigen Karlsbader Str. im Süden der Stadt. Im Norden hingegen befindet sich der jüdische Friedhof von Burgau, nördlich der Eichenstraße. Grabsteine sind keine mehr erhalten und der Platz selbst längst nicht mehr ummauert. Die Flächen werden landwirtschaftlich genutzt.

* * *

Burgau today is a small town with some 9000 inhabitants but it has a rich history with a number of quite interesting Jewish aspects. For the period of a half millennium Burgau was capital and eponymous for the Austrian forelands of Margravate Burgau which reached from Ulm to Augsburg.

Simon ben Elieser Ulmo Günzburg (1506-1585) one of the most important scholars of his times lived in Burgau where he was a rabbi and head of a prominent yeshiva. His Jewish-German collections of sayings of course were inspired by the language of the region. Until 1631 there was a Jewish community in Burgau, which also had an own cemetery. The year after the Thirty years War (1618-1648) afflicted the town and region. In the following decades and century there are only scarce notes on Jews in the town. About 1668 Isaac from Pfersee, offspring of the former Burgau builder of the new synagogue for a last time tried to return to the heritage, but obviously failed. Christian preachers had warned against “such vermins”.

275 years alter however, when Burgau had some 3000 inhabitants in the south of the town there was the Burgau satellite concentration camp “Kuno Werke” with some 1100 Jewish prisoners abducted in Hungary and Poland, who were forced to assemble Messerschmitt jet fighters. The number of victims is not known, but last April a monument with a quote from the Book of Job was erected in order to commemorate this part of the past. However nothing reminds of the history of the almost three centuries long Jewish community of Burgau. The old Jewish cemetery north of Burgau’s Eichenstr. has no markers left and no fence or wall. It just is an arable field, dugged up for generations.

The (hand)writing on the pavement cobble says that “Burgau is older than Munich“, whatever this information does amount to. Actually Burgau is first mentioned in an Augsburg deed in 1147, Munich in 1158 (“Augsburger Schied”)

כבש הזהב של בורגאו


Im schwäbischen Haunsheim

April 18, 2012

Haunsheim castle entrance

Das schwäbische Haunsheim bei Gundelfingen mit seinem Ortsteil Unterbechingen umfasst zusammen etwa 1500 Einwohner und liegt etwa auf halber Strecke zwischen Dillingen und Giengen an der Brenz und knapp vier Kilometer nordwestlich von Lauingen an der Donau, dessen jüdische Geschichte aus dem 14. Jahrhundert sich vielfach mit Augsburg verbindet. So stammte der „Hochmeister“ Rabbi Jehuda, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts auch in Augsburger Steuerlisten verzeichnet ist aus Lauingen. Seine Tochter heirate in Augsburg Moses den Sohn des Augsburger Gemeindevorsitzenden Jehuda Kalonymos Kohen (1273-1366). Ihr Enkel Awraham (1326-1406), Sohn ihres Sohnes Pinchas war gleichfalls Rabbiner in Augsburg und ist in den Steuerlisten sparsam als „Abraham der Hochmaister“ notiert. Sein Grabstein hat die Zeiten und somit auch die Zerstörung des Augsburger „Judenkirchhofs“ einigermaßen gut überstanden und befindet sich im Lapidarium des Augsburger Maximilianmuseums.

In frühen Urkunden des 13. Jahrhunderts hieß Haunsheim zunächst Sailheim, dann Saunsheim, schließlich Sauesheim. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts zählte auch ein Zweig der Güßen zu den Ortsherren. Ob es wie in Lauingen im nahegelegen Haunsheim und in Bechingen ebenfalls Juden gab, ist wie die Frühgeschichte des Ortes nur sehr lückenhaft überliefert. In der 1978 verfassten zwei-seitigen Religionsgeschichte des kleinen Ortes ist für das Jahr 1600 ein Jude namens Seligman im Zusammenhang mit dem Verkauf der Ortschaft an den aus Brixen stammenden Zacharias Geizkofler (1560-1617) erwähnt. Seligman erstattet darüber dem Wittelsbacher Herzog Ludwig-Philipp von Pfalz-Neuburg (1547-1614) offenbar Bericht. Der wörtliche „Geiz“ bezieht sich, wie auch das Familienwappen belegt, zumindest nicht direkt auf Habgier, sondern auf die „Geiß“, die Ziege oder (heraldisch) den Ziegenbock, während ein „Kofler“ ursprünglich ein Keufler, Käufler, sprich ein Kaufmann, bzw. Händler war.

Geizkofler of Haunsheim “goat of arms” 🙂

Damals konnten Ziegenhändler es demnach wohl zu einigem Wohlstand bringen, denn die neuen Ortsherren erbauten in den Folgejahren ein elegantes Schloss, das heute neogotisch mit Resten von Graben und Ummauerung noch besteht. Zacharias Geizkofler, der überwiegend in Augsburg lebte und mit der von dort stammenden Patriziertochter Maria von Rehlingen verheiratet war, war die letzten zwanzig Jahre seines Lebens „Reichspfennigmeister“, also in etwa Steuereintreiber der Kaiser oder Finanzminister. Bekannt wurde er u.a. für die Erhebung der „Türkensteuer“, die aber nicht Türken zu zahlen hatten, sondern all jene die sich von ihnen bedroht fühlten und das war damals offenbar die Allgemeinheit im Reich. Die Einnahmen der Steuer dienten deshalb dem Zweck, Kriege gegen die Türken zu finanzieren, und so womöglich auch Haunsheim vor dem Schicksal Konstantinopels zu bewahren. Da es sich um eine Kopfsteuer handelte geben heute die alten Steuerlisten, so noch erhalten, zumindest doch ansatzweise Auskunft über die Anzahl der Bewohner einzelner Orte.

האונזהיים טירה

Es ist anzunehmen, dass im Umfeld der Burg sicher auch jüdische Bewohner oder Händler zugegen waren. Sehr häufig benötigten Burg- und Schlossherren jüdisches knowhow, Kontakte und Handelsbeziehungen zur Errichtung und Aufrechterhaltung ihrer Herrschaftssitze in nicht minderem Maße als gewöhnliche Dienerschaft und Bauern zur Versorgung.  Um 1650 wird jedoch unter dem nun dominanten Einfluss der Protestanten dort ein Handelsverbot für Juden erlassen, was aber zumindest einen vorherigen solchen Handel voraussetzt. In der weiteren Entwicklung stagniert der Ort nun. 1704 hatte John Churchill von Marlborough im Haunsheimer Schloss sein Quatier.

1806 gelangt „Hausa“ wie die schwäbische Aussprache des Ortes lautet, an Bayern. 1823 wird der Besitz durch die Augsburger Bankierfamilie Süßkind erworben. Johann Gottlieb Süßkind (1767-1849) stammte aus Württemberg und arbeitete in Augsburg zunächst für das Bankhaus Halder (nach ihm ist die Halderstraße benannt, die parallel zur Bahnhofsstraße Königsplatz und Bahnhof verbindet und in welcher sich die 1917 fertig gestellte Augsburger Synagoge befindet). Durch Wertpapierspekulation während der Napoleonischen Kriege erlangte der evangelische Christ enormen Reichtum. Süßkind war ein Freund des Augsburger Bankiers von Schaezler und war auch mit der Enkelin des Freiherrn von Liebert verheiratet, dem Erbauer des Schaezler-Palais. Neben vielem anderen Besitz erwarb Süßkind das Haunsheimer Schloss.

1845 wird Haunsheim als ein evangelisches Pfarrdorf beschrieben, von dessen Schloss am Hügel man eine schöne Aussicht habe, letzteres ist zweifelsfrei auch heute noch so. Gezählt wurden damals 103 Haupt- und 54 Nebengebäude, sowie 612 Einwohner. Die Vorfahren der heutigen Besitzer der Familie Hauch erwarben das Schloss in den 1860er Jahren. Um 1900 lebten rund tausend Menschen in Haunsheim. Mit der Eingemeindung von Unterbechingen, schwankt die Einwohnerzahl zwischen 1500-1600. Im Schlossgarten werden heute gelegentlich Jazz Konzerte veranstaltet.

former school building at Schulsstraße in Haunsheim

Haunsheim a small village somewhat halfway between Stuttgart and Munich, is dominated by its neo-Gothic castle where in summer time are some Jazz concerts. The village first was mentioned in deeds from late 13th century, when the name referred to sows. In the year 1600 however Zacharias Geizkofler (lit. a goat dealer), who was married to a Augsburg patrician daughter acquired the place and built the castle which is inhabited until today.

Little is known about Jews in Haunsheim, which is only 3 miles from Lauingen at the Danube where were several Jewish communities as well as synagogues. Rabbi Yehuda from Lauingen in 1355 is recorded as rabbi of Augsburg. His great grandson Abraham bar Pinchas also was rabbi in Augsburg until 1407. Since in 1650 a ban for Jewish traders in Haunsheim was issued it is obvious that before there must have been Jews there. Since legal prohibitions, especially local ones, in previous times were as ineffective as they are today (ever heard that somewhere on earth any law against tax dodging or illegal parking actually has settled a problem once and for all?), most likely also there were Jews afterwards. However, the castle of Haunsheim without doubt is worth visiting.

At the Christian cemetery of Haunsheim all newer graves have identical markers

mehr / further information (in German): http://www.bndlg.de/schloss-haunsheim/