Jüdischer Friedhof Kriegshaber: Mit den Gefühlen zwischen den Stühlen …

April 27, 2010

Wir sitzen mit unseren Gefühlen meistens zwischen zwei Stühlen,“ besagt eine sich reimende Spruchweisheit von Kurt Tucholsky. Daran zu denken war naheliegend beim letzten Besuch am jüdischen Friedhof Kriegshaber / Pfersee, da sich tatsächlich zwei Stühle im südöstlichen Teil des Areals befanden. Aus irgend einem nicht nachvollziehbaren Grund war jemand der Ansicht, dass die Stühle am Friedhof besser aufgehoben seien als am bisherigen Aufbewahrungsort. Da der Sessel zumindest doch ein beachtliches Gewicht hat, sind Kinder (die von Erwachsenen gerne pauschal wie beschwichtigend für jeden Unfug verdächtigt werden) als Urheber zweifellos auszuschließen. Besieht man zudem die Fülle an wahllos herumliegenden leeren Bier- und Schnapsflaschen auf dem Gelände, so kann man nur vermuten, dass eher etwas ältere Personen hier in der Abenddämmerung oder auch später im frühlingshaften „Garten“ sitzen und mit Blick auf die bröckelnden Grabmonumente „Platz nehmen“ und sich vielleicht nach einem Frisbee-Spiel ein gemütliches (?) Besäufnis gönnen. Vielleicht drückt dies als zivilisatorische Leistung auch irgendetwas aus. Wer es weiß, darf es uns gerne mitteilen. Wir rätseln.

Im Hintergrund sind die Grabsteine des Steppacher Großhändlers Abraham Kahn (1791-1867), des Augsburger Bankiers Johann Jakob Obermayer (1792-1885) und des Kriegshaber Religionslehrers Isaak Bachmann (gest. 1864) zu sehen. Zu beachten ist auch der Griff einer Krücke auf dem Drehstuhl.

Müll am Jüdischen Friedhof frisbee disc and beer bottle on an overthrown tombstone

Two chairs were found at the southeastern corner of the Jewish Cemetery of Kriegshaber / Pfersee this time, obviously disposed. Proverbially one may be caught between two stools, if it is somewhat difficult to chose between two alternatives. Since everywhere also were empty and broken bottles of beer and schnapps it also is possible that some weird people after frisbee just had been boozing all night. We do neither know nor understand.

Do you ..? Don’t hesitate to tell us.

שני כיסאות בבית הקברות היהודי הישן בין המון אשפה באוגסבורג

( על־מה אנחנו ישבים ?… (ירמיה 8


285 Jahre alter Grabstein am jüdischen Friedhof Kriegshaber demoliert

April 26, 2010

Am jüdischen Friedhof Kriegshaber / Pfersee ist ein weiteres, altes Grabdenkmal zerstört wurden, dem Augenschein nach entweder durch einen Mähtraktor oder durch einen anderen entsprechend tief gelegten “Anstoß”.

Dieses mal handelt es sich um das Denkmal für verehrten Rabbi Jechiel bar Jakob, Schwiegersohn des Rabbi Juspa Kitzingen (dessen Todestag sich im August zum 250. mal jährt) aus Pfersee. Rabbi Jechiel wurde der Grabsteininschrift gemäß in Oettingen geboren, starb aber nach Pfersee verheiratet vor Ort am 3. Sivan (5)485, (entspricht Dienstag, 15. Mai 1725), nur drei Tage vor dem Schawuot-Fest, am 47. Tag des Omerzählens. Der Verstorbene, der aufstehen soll bei der Auferstehung der Toten, wird seiner klaren Taten und seines guten Namens gerühmt – nun jedoch, 285 Jahre nach seinem verfrühten Tod ist sein Grabstein aus Solnhofer Jura-Mamor demoliert worden und es ist eine Frage der Zeit, bis die Inschrift und die genaue Kenntnis des Grabplatzes verloren gehen wird.

son in law of Rabbi Juspa Kitzingen in Pfersee

פ”נ

איש מהמין

הרר’ יחיאל בר יעקב

חתן ר יוזפא קיצינגן

 

יחי אל תחיית המתים

עם אנשי יקרה ברך השנים

יוספא בשט  במעשיו הברורה

באיטינגן נולד ופה נקבר בקבורה

י ג ג סיון תפה

 

demolished memorial plate, end of April 2010

Another old and precious grave marker at the Jewish Cemetery of Kriegshaber / Pfersee in Augsburg was demolished, obviously carried out and accomplished with gross negligence .

The memorial plate of Oettingen born Rabbi Jechiel bar Jakob, who was the son in law of Rabbi Juspa Kitzingen from Pfersee, apparantly was overturnd and broken a short while ago, seemingly in the course of the last lawn mowing.

The inscription of the 285 year old grave marker of steady Solnhofer marble up to now is in quite good condition, but since the plate now lies flat it needs to be fixed again, otherwise it will be have further damages in the future and will disappear as many other memorials at the willfully neglected cemetery.

Considering the changeful history from 1725 on with Napolean Wars and the Nazi rule it is a wonder that the grave marker has been good preserved and thus it is a shame to see it recklessly destroyed under the present condition.


Die Obermayer – eine jüdische Familie in Deutschland und Amerika

April 23, 2010

The Obermayers – A History of a Jewish Family in Germany and America 1618 – 2009

by Kenneth Libo and Michael Feldberg

A History of a Jewish Family in Germany and America 1618 – 2009 - by Kenneth Libo and Michael Feldberg

Publisher: Obermayer Foundation, Inc.;   ISBN: 0615303811

Das Buch von Kenneth Libo und Michael Feldberg, beide anerkannte Historiker, porträtiert den Werdegang der Bostoner Obermayer Familie in den USA und begibt sich auf die Spurensuche ihrer Vorfahren in Deutschland. Diese führen nach Creglingen, Fürth und Augsburg/Kriegshaber. Dabei ist es auch vor allem für Genealogen interessant, finden sich im Anhang doch ausführliche Stammbäume von über Jahrhunderte weitverzweigter Familien.

Diese setzen jedoch erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts an und offenbaren hier mangelnde Recherche, wie auch die Ortsgeschichte in Kriegshaber und Augsburg, die wir vor Ort besser beurteilen können, als die anderen Ursprungsorte, etwas dünn geraten ist und keine zusätzlichen Erkenntnisse bietet. Die Familie der Obermayer taucht ohne ihre seit Jahrhunderten in der Region lebenden, teilweise recht prominenten Vorfahren sozusagen aus dem Nichts auf.  Gänzlich ausgespart bleibt beispielsweise Pfersee. Aber auch dem herausragenden Stellenwert den zahlreiche Mitglieder der Obermayer-Familie einnahmen, wie etwa die vielfältige Präsenz und mannigfaltigen familiären Querverbindungen (z.B. Ullmann, Wertheimer, usw.) vor Ort, die das Werden der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde in Augsburg, aber auch die Stadt Augsburg selbst im 19. Jahrhundert nachhaltig prägten, ist von den Autoren allenfalls sporadisch erfasst worden.

Trotzdem ist es, insbesondere in den folgenden. “amerikanischen”  Teilen ein äußerst gut zu lesendes und spannendes Buch mit vielen interessanten zeitgeschichtlichen Details aus dem Leben der amerikanischen Nachfahren der Obermayer-Familie und ihren vielfältigen politischen und kulturellen Engagement. Besonders beachtenswert sind etwa die Bücher von Herman „Obe“ Obermayer, dessen „Soldiering for Freedom“ das in „Kriegsbriefe“  aus den 1940er Jahren wertvolle Einblicke für das Zeitgeschehen in Frankreich  und Deutschland aber auch Augenzeugen-Berichte von den Nürnberger Prozessen geben. Nicht minder bedeutsam, wenngleich in ganz anderer Weise ist sein erst 2009 erschienenes Buch über William Renquist (1924-2005), dem langjährigen Vorsitzenden des Obersten Gerichts der Vereinigten Staaten von Amerika:  „Rehnquist: A Personal Portrait of the Distinguished Chief Justice of the United States“. Ein weiterer Höhepunkt, sind die in Europa kaum bekannten Auseinandersetzungen der Obermayer‘schen Moleculon Research Corp. um das Patent des früher in aller Welt omnipräsenten „Rubik’s Cube“, der in Deutschland 1980 als „Zauberwürfel“ zum „Spiel des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Einen Kampf „David gegen Goliath“ ganz anderer Art vermittelt schließlich noch die erheiternde Episode um einen Wrestler („The Tree Incident“), die auf andere Weise zeigt, dass die Mitglieder der Obermayer-Familie sich ihrer Wurzeln nicht nur bewusst sind, sondern, wenn es sein muss sie auch mutig verteidigen.  In diesem speziellen Zusammenhang kommt die Darstellung der Obermayer Foundation und des nunmehr bereits seit zehn Jahren verliehenen „German Jewish History Awards“ für nicht-jüdische Deutsche, die sich für den Erhalt jüdischer Friedhöfe, usw. einsetzen auch deutlich zu kurz. Am jüdischen Friedhof Kriegshaber / Pfersee sind es aber gerade nicht ganz zufällig Grabsteine der Obermayer – Vorfahren, die als einzige in der Nachkriegszeit restauriert wurden. Zwar sind diese Arbeiten mangels Pflege inzwischen auch bereits wieder hinfällig, doch spiegelt die 1989 angebrachte Widmungsinschrift die Gesinnung der Obermayer wieder:

Pride in Ancestry transcends Holocaust, War and Time

Die 1989 erneuerte, bereits wieder zersprungene und überwucherte Erinnerungsinschrift für Heinrich Obermayer (17921872).

An eine deutsche Ausgabe oder Übersetzung des Buches ist seitens der Herausgeber, wegen der vermuteten Ermangelung einer entsprechenden deutschen Nachfrage nicht gedacht. Das Original ist u.a. hier zu beziehen

http://www.amazon.com/Obermayers-History-Germany-America-1618-2009/dp/0615303811

  • Hardcover: 270 pages
  • Publisher: Obermayer Foundation, Inc. (July 10, 2009)
  • Language: English
  • ISBN-10: 0615303811
  • ISBN-13: 978-0615303819
  • Product Dimensions: 10.1 x 7.3 x 0.9 inches

  • R. Yehuda bar Yitzchak Kalman Kohen

    April 16, 2010

    In memory of Rabbi Yehuda bar Yitzchak Kalman Kohen (1215-1298) who “two and a half weeks after the beginning of the Festival of Passover” in 1260 became Head of the Augsburg Jewish Community. Since it indicades omer 17 today or tomorrow  thus exactly marks the 750th anniversary of this occassion.

     


    Noch ein Museum …

    April 9, 2010

    Sanierung der Synagoge soll heuer beginnen

    meldet ein Bericht in der heutigen Ausgabe der “Augsburger Allgemeinen”. Die Pläne dafür reichen bereits 18 Jahre zurück und die zunächst anberaumten Kosten von 1.8 Millionen DM (1992) wurden zwischenzeitlich nur fortgeschrieben (2.6 Millionen DM, 1996) und sind dem Artikel gemäß nun bei 1.55 Millionen angelangt, jetzt freilich in Euro. Genutzt werden soll das restaurierte Gebäude als “Dependance des Museums in der Halderstraße“, was den musealen Aspekt des Judentums in Augsburg und Schwaben sicherlich nochmal unterstreichen wird. Eine 1996 erwogene Überlassung des Gebäudes an einen gewissen “Politischen Club Colonia” (PCC) kam nicht zustande. Die naheliegende Nutzung als Synagoge durch die jüdische Gemeinde in Augsburg hingegen wurde mit dem eher ungewöhnlichen Argument, dass die Räumlichkeiten nur Platz für max. 50 Personen biete und dies “für die alleremeisten Veranstaltungen der IKG zu wenig” sei, beiseite gelegt. Offenbar hat man dabei nicht an reguläre jüdische Gottesdienste gedacht, zu denen auch in den auf Freitag Abend und Samstag Vormittag reduzierten Veranstaltungen am Schabbes in der Halderstraße nicht annähernd so viele kommen, sondern sicherlich mehr an klassische Konzerte, Dichterlesungen und dergleichen.

    Freilich gab es auch den Gedanken, im restaurierten Gebäude “nach Absprache” Räume für eine “jüdische Volkshochschule” zur Verfügung zu stellen. Hier könnte dann etwa ein schwäbisch-russisches-lateinisches Glossarium erarbeitet werden.

    Im Artikel heißt es weiter: “Den Saal sollen Bürger und Vereine in Kriegshaber für Veranstaltungen, die der Würde des Ortes entsprechen, nutzen können. Schließlich bleiben religiöse Elemente wie der Thora-Schrein erhalten.”

    Dass der Thora-Schrein leer bleiben wird, stört dabei sicherlich weiter niemanden.

    Für heuer seien 287 000 Euro vorgesehen, der Rest steht 2011 als Verpflichtungsermächtigung im Etat. Das heißt, eine Vergabe der Arbeiten ist noch 2010 möglich.”

    An Geld das für die Rettung des jüdischen Friedhofs und des 286 Jahre alten, ebenso rasch verfallenden ehemaligen Tahara-Haus, drongender gebraucht würde, fehlt es also offenbar nicht, wohl am am politischen Willen und an der Erkenntnis, dass eine ehemalige Synagoge eben “nur” eine ehemalige Synagoge ist, während ein Friedhof ein solcher bleibt.

    Der ganze Artikel:

    http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Nachrichten/Startseite/Artikel,-Sanierung-der-Synagoge-soll-heuer-beginnen-_arid,2116561_regid,2_puid,2_pageid,4288.html

    The restoration of the former synagogue of Kriegshaber, planned for almost two decades maybe will start this year, as the local newspaper Augsburger Allgemeine reports today. The estimated costs rose from 1.8 million DM in 1992 and are now at 1.55 million Euro. If once finished the building will host another museum, i.e. a branch of the state-operated museum of “Jewish Culture” (Juedisches Kulturmuseum). On the other hand  however there is no money or intention left to preserve the Jewish cemetery of Kriegshaber/Pfersee.


    Omer – Zählen in Schwaben

    April 7, 2010

    Beginnend mit dem zweiten Abend des Pessach zählt man bis zum Begin  des Schawuot – Festes exakt 50 Tage. Vom griechischen Wort πεντηκοστή (pentekoste) für die Zahl 50 über die Form “penkste” leitet sich das deutsche Wort “Pfingsten”, was im Christentum an die Stelle des Schawuotfestes gerückt ist und ebenfalls 50 Tage nach Ostern begangen wird. Die Zählung der 50 Tage nennt sich ספירת העומר, sifrat ha-omer, eben Zählung des Omer, der ersten Garbe der Ernte und geht auf das Gebot der Tora zurück, von da ab sieben Wochen zu zählen (23.15 ויקרא).

    Für das Omer-Zählen gibt es einen eigenen Segensspruch und es wurden zahlreiche eigene Omer-Kalender (לוח ספירת העומר) entworfen (modernes Beispiel: http://www.moreshet.co.il/holiday/omer/loach.asp).

    Die unten stehende Darstellung zeigt einen Omer-Kalender aus Kriegshaber, der auf das hebräische Datum 5657 datiert ist, was im gregorianischen Jahr 1897 entspricht. Damals begann die Omer-Zählung des 2 Pessach-Tages am 10. April, was auf der Rückseite vermerkt ist. Der mündlichen Überlieferung gemäß basiert der Kalender auf einem verschollenen Werk aus Metall, der wahrscheinlich in Pfersee beheimatet war und “lange vorher” dort oder in Augsburg gefertigt wurde. 

    Omer Kalender

    (תודה למשפחת מאייר,ישראל)

    Die Ziffern des Kalenders sind in einer Art Spirale angeordnet und führen der bekrönten (man beachte die drei Sterne auf der Krone ..!) oberen Zeile in die Mitte wo auf die 50 die beiden Gesetzes Tafeln folgen, sozusagen als Auflösung des “Labyrinths”. Da Schawuot das Fest der Tora an dem der Überlieferung gemäß die Tora an Moses übergeben wurde, führt der Weg sozusagen über 50 Stationen von der Krone zu den Tafeln.


    Samuel Ullman : Jugend ist ein Geisteszustand

    April 6, 2010

    Samuel Ullman (1840 – 1924) wanderte mit seinen schwäbischen Eltern im Alter von elf Jahren nach Amerika aus. Nach einer kurzen Zeit am Mississippi zogen die Ullmans nach Birmingham, Alabama. Samuel gehörte der Südstaatenarmee an und war später Schulrat, wo er sich insbesondere auch für Aufhebung der Rassentrennung einsetzte. Er war zudem auch Rabbiner und Vorsitzender der jüdischen Gemeinden von Natchez und Birmingham. Der Nachwelt bekannt ist er aber vor allem durch sein berühmtes und zeitloses Gedicht „Youth“, das Generationen inspirierte … und da es im Büro von General Douglas MacArthur als Druck in seinem hing und er in vielen seiner Reden immer wieder daraus zitierte, als er Oberbefehlshaber in Japan war. Am bekanntesten ist das Gedicht deshalb in Japan. 1994 eröffnete die University of Alabama zusammen mit der Japan-America Society in Birmingham, Alabama das Samuel Ullman Museum (http://main.uab.edu/Sites/UllmanMuseum/) .

    YOUTH

    Youth is not a time of life; it is a state of mind;

    it is not a matter of rosy cheeks, red lips and supple knees;

    it is a matter of the will, a quality of the imagination, a vigor of the emotions;

    it is the freshness of the deep springs of life.

    Youth means a temperamental predominance of courage over timidity of the appetite, for adventure over the love of ease.

    This often exists in a man of sixty more than a boy of twenty.

    Nobody grows old merely by a number of years.

    We grow old by deserting our ideals.

    Years may wrinkle the skin, but to give up enthusiasm wrinkles the soul.

     Worry, fear, self-distrust bows the heart and turns the spirit back to dust.

    Whether sixty or sixteen, there is in every human being’s heart the lure of wonder,

     the unfailing child-like appetite of what’s next, and the joy of the game of living.

    In the center of your heart and my heart there is a wireless station;

    so long as it receives messages of beauty, hope, cheer, courage and power from men and from the infinite, so long are you young.

    When the aerials are down, and your spirit is covered

    with snows of cynicism and the ice of pessimism,

    then you are grown old, even at twenty,

    but as long as your aerials are up, to catch the waves of optimism,

    there is hope you may die young at eighty.

    (Samuel Ullmann)