Synagoge Ingolstadt

August 27, 2015

Ingolstadt alte Synagoge Illuminati  אינגולשטדט

בית הכנסת משנת 1907 עד 1938
synagogue-ingolstadt-memorial plate

In Theresienstr. 23 in Ingolstadt from 1907 until 1938 as well as some time after the Nazi defeat there was a synagogue in the same building previously used from 1782 until 1785 as temple of the Illuminati Order of Adam Weishaupt.

Ingolstadt Synagoge

 

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Der Jude Abraham von Schrobenhausen

March 30, 2012

Schrobenhausen in Oberbayern, ist ein kleines Städtchen auf halben Weg zwischen Ingolstadt und Augsburg gelegen und wird etwas glyphisch als „Lehnbachstadt im Spargelland“ beworben.

Gemeint ist damit, dass Schrobenhausen die Geburtsstadt des Münchner Porträtmalers Franz von Lenbach (1836-1904) ist, der u.a. Bismarck, den er rund achtzig Mal darstellte, Kaiser, Päpste, usw. malte und bereits in den 1880er Jahren Fotografien als Vorlagen verwendete. Vielleicht dem zuletzt recht inflationären Charakter seiner Kunst folgend ist heute auch in Schrobenhausen alles Mögliche nach ihm benannt. Schrobenhausen gilt sodann auch als Hauptort des bekanntesten bayerischen Anbaugebiets für Spargel (Asparagus), der aber in ganz Europa, Nordafrika und Asien verbreitet ist. Insbesondere chinesischer Spargel findet sich in Konserven in fast allen Läden. Zumindest am Augsburger Stadtmarkt ist jedoch in jedem Frühjahr ganz eigens der Spargel aus Schrobenhausen präsent und deshalb in der Region allgemein ein Begriff.

Der Ortsname Schrobenhausen wird erstmals in einer Urkunde um 790 als „Scropinhusen“ erwähnt und als Häuser eines „Scropo“ gedeutet. Der Urkunde gemäß wurden diese damals der Kirche in Freising geschenkt. Da danach jedoch keinerlei weitere Nachrichten über den Ort bestehen, ist dies eher fraglich und es könnten sehr wohl spätere Ansprüche mit rückdatierten Schriftstücken untermauert worden sein. Mit „Scropo“ als Namensgeber verbindet sich weder eine solche Person noch ein gebräuchlicher Name der entsprechend geläufig wäre. Lautlich kämen aus dem Mittelhochdeutschen „schrowe“ eine Art Kratzbesen (vgl. „schrubben“) oder „schorben“ (in kleine Stücke schneiden) in Betracht. Letzteres im Sinne von „kleingeschnitten“, „zerhackt“, könnte auf einen Ruinenort deuten. Verwandt wäre damit auch das hebräische חורבן (chorben), welches Ruine bedeutet.

Im 12. Jahrhundert ist der Schrobenhausen Sitz der lokalen Adelsfamilie der Marschalken 1310 wird der Ort erstmals als Markt bezeichnet. Von 1328 stammt das älteste bekannte Stadtsiegel mit dem heute noch geläufigen Kopf eines schwarzen Bären. 1388 wird S. im bayerischen Städtekrieg fast komplett zerstört, 1392 gelangen die Überreste an das Herzogtum Bayern mit Sitz in Ingolstadt. Schrobenhausen erhält nun das Recht zu bestimmten Steuereinnahmen (Salzniederlage, Wein, etc.) und bewirken so den Neuanfang und Wiederaufbau. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts entsteht die an manchen Stellen noch erhaltene Stadtmauer mit ihren eigenartigen kleinen Türmchen, wobei das Gelände der Stadt erweitert wird. 1447 wird Schrobenhausen erstmals in einer Urkunde als „Stadt“ bezeichnet.

Aus jener Zeit zu Beginn des 15. Jahrhunderts ist aus Augsburger Steuerurkunden auch der Jude Abraham von Schrobenhausen namentlich bekannt, der 1407 als Steuerzahler registriert wurde. Voraussetzung für eine solche Versteuerung war in der Regel entweder Hausbesitz in Augsburg oder aber  ein entsprechend gut laufendes Geschäft.  Denkbar ist beides. Und noch manch anderes. Der nur einmal als Abraham von Schrobenhausen bezeichnete Mann könnte mit einem ab 1415 nochmal nur Abraham genannten Mann identisch sein. Denkbar wäre auch, dass es sich um Abraham den Hochmeister, also Rabbiner handelt, der 1405 und 1406 in den Steuerlisten erwähnt ist und 1407 verstarb. Der hebräische Grabstein von R. Abraham bar Pinchas wäre bis heute erhalten geblieben. Sich vorzustellen, dass der Augsburger Rabbiner aus dem kleinen Schrobenhausen gekommen sein mag, ist keineswegs abwegig, den in der selben Zeit verzeichnen die städtischen Bücher ab 1409 Hillin aus Zusmarshausen als Schulklopfer der Augsburger Gemeinde, der bis 1437 verzeichnet ist. Bedeutende Ämter der Gemeinde konnten also durchaus von Zuziehenden aus eher kleinen Orten ausgefüllt werden.

Da die Steuereintragungen sehr lückenhaft sind und von Schreibern vorgenommen wurden, die man heute als faktische Analphabeten bezeichnen würde, lässt es sich letztlich ohne weitere Information nicht entscheiden, ob Abraham von Schrobenhausen mit einer der anderen Personen identisch war. Zweifelsfrei gehörte er aber in jener Zeit zur mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Augsburg, als diese mit rund sechshundert Menschen ihre größte Stärke erreicht hatte und zu den bedeutendsten in Europa zählte.

Die Herkunftsbezeichnung von Schrobenhausen belegt natürlich Abrahams Herkunft aus dem Ort und ist zugleich natürlich auch ein Indiz dafür, dass es in jener Zeit eine zumindest kleine jüdische Gemeinde, vielleicht mit einer Judengasse, Tauche, etc. gegeben haben müsste, da andernfalls seine Benennung als Abraham von Schrobenhausen wenig Sinn machte.  Wie dem auch sein, Abraham von Schrobenhausen entstammte einer Zeit in der sein Heimatort fast vollständig zerstört, aber auch wieder neu aufgebaut wurde. Er verbindet sich demnach mit der konkreten Ortsgeschichte, deren bauliche Strukturen heute noch an vielen Stellen des schönen Ortes wie in einem „Museum“ an die Vergangenheit erinnern.

In den folgenden Jahrhunderten wird Schrobenhausen durch zahlreiche Kriege zumindest indirekt in Mitleidenschaft gezogen, weshalb seine weitere Entwicklung stagniert. Schrobenhausen bleibt über Jahrhunderte hinweg ein kleines nettes Städtchen mit etwa tausend Einwohnern. 1832 wird der Ort im „Topo-geographischen-statistischen Lexikon vom Königreich Bayern“ von Eisenmann / Hohn folgendermaßen beschrieben:

Schrobenhausen, Städtchen an der Paar und an der Straße von Augsburg nach Regensburg, von Aichach 4 und von Neuburg 7 Poststunden entfernt. Es ist mit Wällen und Gräben umgeben und umfasst eine Vorstadt, ein Schloss, die Sitze des Landgericht Rentamts, ein Pfarramt im Dek. Aichach, eine Postexpedition, ein Rathaus, ein Magistrat, eine Pfarr- und zwei Nebenkirchen, zwei Spitäler, ein Leprosenhaus, 278 Häuser, 1695 Einwohner, drei Beneficiaten-Häuser, acht Brauhäuser, vier Branntweinbrennereien, eine Salpeter- und eine Pottasch-Siederei, je eine Mahl-, Öl-, Loh- und Papiermühle, hält drei Jahrmärkte, wöchentlich eine Getreideschranne und in der Fastenzeit wöchentlich einen Viehmarkt. In der Nähe breitet sich das bekannte Donau-Moos aus. Die hölzerne Brücke über die Paar hat drei Joche und 72 Fuß Länge; die Brücke über das Paarer Hochwasser zählt sechs Pfeiler und 123 Fuß Länge; die Ruhgraben-Brücke über die Paar 51 Fuß Länge, die Paar-Brücke bei der Donau-Mühle drei Joche und 77 Fuß Länge. Der Ort ward von Ludwig dem Gebarteten zur Stadt erhoben, im 30jährigen Kriege hart mitgenommen, im Jahr 1704 nach der Schlacht am Schellenberg von den Engländern und Österreichern geplündert, in den Jahren 1796 und 1800 von den Franzosen besetzt und hatte den zweimaligen Durchmarsch der Russen unter Souwaroff im Jahre 1799.

Der Eintrag beschreibt Schrobenhausen wenige Jahre bevor Franz von Lenbach hier geboren wurde. Zwar erwähnt die Beschreibung keine Juden, allerdings auch keinen Spargel, dafür aber immerhin acht Brauereien. Von ihnen hat sich wohl nur der Gritschenbräu halten können.

Als sich Mitte des 19. Jahrhundert etwas Industrie ansiedelt, wächst der Ort wieder und erreicht etwa zweitausend Einwohner. 1875 gibt der Anschluss an die Paartal-Bahn weiteren Auftrieb. 1925 verzeichnen die lokalen Behörden 3.927 Einwohner am Ort und 1939 war die Zahl bereits auf 5.223 angestiegen. Im Landkreis Schrobenhausen sind in jener Zeit 22.353 Katholiken, 439 Protestanten und zwei Juden registriert. 1946 erhöht sich die Zahl der Einwohner durch zahlreiche deutsche Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten auf etwa 8.000. Durch Eingemeindungen wächst der Ort bis in die 1970er Jahre auf seine heutige Größe von etwa 17.000 Einwohner an.

Schrobenhausen somewhere in the middle of a triangle between Donauwörth, Ingolstadt an Augsburg in Upper Bavary is a small town of some 17.ooo which remnants of the old city fortification date back to early 15th century which is the same time when in Augsburg Abraham of Schrobenhausen was recorded as Jewish taxpayer, indicating a Jewish history in the city at river Paar.

מסמכים מימי הביניים של אוגסבורג אזכור של אברהם שראבנהאוזן

בחלקים רבים של חומת העיר העתיקה מן התקופה באותו הזמן


Zur neueren Geschichte der Juden in Ingolstadt

May 1, 2011

In seiner „Geschichte der Juden von Ingolstadt 1300 -1900“ aus dem Jahr 1900 schreibt Arno Friedmann, dass mit dem Edikt vom 10. Juni 1813 habe eine neue Ära für die Juden in Bayern begonnen, da ihnen Gewissensfreiheit zugesichert und die Freiheit gewährt wurde, Häuser, Felder und andere Grundstücke zu erwerben.

Friedmann schreibt: „Nach dem Inkrafttreten dieser Verordnungen kamen auch nach Ingolstadt wieder Juden, um von hier aus Tags über Geschäfte zu betreiben; übernachten mussten sie in Nachbarorten, da ihnen dieses hier nicht erlaubt war.“ (S. 25)

Eine aus dem Jahre 1846 stammende Verordnung der Stadt Ingolstadt verfügt, dass jeder Jude sich beim  Stadtmagistrat anmelden und über den Zweck seines Aufenthaltes Auskunft geben müsse:

Der bei Friedmann wiedergegebene Wortlaut der Verfügung vom September 1846 ist anschaulich:

Da sich in hiesiger Stadt allenthalben die missfällig Wahrnehmung darbietet, dass sich fortwährend Juden dahier aufhalten, welche durch gesetzwidrige Zinsen-Abrechnung und wucherliche Händel die Einwohner in grosse Schuldenlast bringen, und durch allerlei Geschäfte das Publikum benachteiligen, so sieht man sich veranlasst, auf Grund der bestehend allerhöchsten Bestimmungen folgende Anordnungen in Vollzug zu setzen:

1. Jeder Jude hat sich nach seiner Ankunft in hiesiger Stadt jedesmal sogleich beim Stadtmagistrate mit Auszeichnung seiner Geschäfte, welche ihn hierher geführt haben, zu melden, und die Aufenthaltsbewilligung zu erholen.

2. Von der Polizeibehörde wird kein längerer Aufenthalt gestattet, als die Geschäfte es nothwendig machen.

3. Jeder ohne Polizeikarte sich hier aufhaltende Jude ist bei einer Strafe bis zu 10 Reichsthalern von seinem Hausherrn oder Gastwirt anzuzeigen.

4. Gleiche und noch empfindlichere Geldstrafe haben diejenigen Juden zu gewärtigen, welche diese Anordnungen unbeachtet lassen, oder die Obrigkeit durch die Angabe eines gar nicht existierenden Geschäfts zu täuschen suchen.

Ingolstadt, den 22. September 1846

Magistrat der Königlichen Stadt Ingolstadt

v. Grundner, rechtsk. Bürgermeister“

(Ingolstädter Wochenblatt, Jahrgang 1846, S. 343)

 

Der unterzeichnende Bürgermeister war Georg von Grundner (1813 – 1893) , der mit vollständigen Namen Georg Corbinian Christian Ritter und Edler von Grundner hieß. Der gebürtige Münchner war Jurist und von 1844 bis 1855 „rechtskundiger“ Bürgermeister von Ingolstadt und zugleich auch Kommandant des Landwehrbataillons. 1848/49 gehörte kurzfristig auch der Nationalversammlung in Frankfurt an und war hernach noch Richter am Landgericht in Ingolstadt, ehe er im Ruhestand nach München zurückkehrte.

Zumindest eine Anzahl von Personen, die sich im Sommer des Jahres in Ingolstadt aufgehalten haben, sind uns durch erhaltene Urkunden namentlich bekannt. Der aus dem fränkischen Bamberg stammende und ins damals noch dänische Altona ausgewanderte Porzellan-Maler Max Mordechai ben Abraham Steinhardt beabsichtigte dort die aus portugiesischer Familie stammende Amalia Tobias zu ehelichen. Die der Ehe vorausgehende Chalitza – Urkunde wurde jedoch überaschender Weise auf den 21. Aw 5606 (13. August 1846) in Ingolstadt ausgestellt und von den als Rabbinat-Richter  fungierenden Abraham Reitlinger aus Pappenheim und Simon Neumann aus Treuchtlingen unterschrieben wurden. In dieser Zeit gab es fraglos keine jüdische Gemeinde in Ingolstadt, der Magistratsurkunde gemäß offenbar aber zahlreiche in der Stadt anwesende Juden. Steinhardt hatte 10 Tage später in Altona geheiratet und eine (Rück)Reise über 700 km von Ingolstadt nach Hamburg war damals, als es noch fast nirgends Eisenbahnlinien gab, sicher beschwerlich. Auch von Treuchtlingen und Pappenheim, wo es damals Rabbiner und Gemeinden gab, waren es noch rund 60 Kilometer bis in die königlich bayerische Stadt. Der Treuchtlinger Rabbiner war Isaak ben Pinchas Skutsch (1800-1873), dessen Vorfahren Rabbiner in Kriegshaber waren. Der damalige Rabbiner Altonas freilich war Jakob Ettlinger (1798-1871), von dem es überraschend heißt, seine erste Position als Rabbiner habe er in Ingolstadt eingenommen und zwar bereits 1825. Davon weiß freilich weder Arno Friedmann noch sonst jemand etwas zu berichten und so bleibt es fraglich, ob es 75 Jahre vor Abfassung seiner Schrift zumindest kurzfristig einen Rabbiner in Ingolstadt gegeben hat. Innen- und Außenperspektiven müssen auch nicht immer deckungsgleich sein.

Eine allgemeine Freizügigkeit in der Ortswahl bestand in Bayern erst seit 1848. In den folgenden Jahrzehnten hätten trotzdem aber nur vereinzelte jüdische Familien in Ingolstadt gelebt:  „Erst am 1. September 1884 bildete sich ein Synagogenverein, dem 15. Mitglieder angehörten. Aus ihm entstand am 11. Oktober 1892 die heutige israelitische Kultusgemeinde.“ (S. 26/27) Friedmanns Angaben gemäß zählte die Gemeinde im Jahr 1900 neunzig Mitglieder, nämlich 38 Männer, 28 Frauen und 24 Kinder. Der damalige Betsaal bestand in der Milchstr. 8 und verfügte über 25 Sitzplätze für Männer und 15 für Frauen. Insgesamt 17 Schüler erhielten als Volks-, Real- und Sonntagsschüler. Der Friedhof wurde am 30. Dezember 1891 eingeweiht und befand sich der damaligen Beschreibung: „außerhalb der Hauptumfassung der Festung, westlich der Stadt, 2 km entfernt, hinter dem Kommunalfriedhof“. Heute, 111 Jahre später ist er dessen Bestandteil und von allen Seiten vom Westfriedhof umgeben.  Arno Friedmann selbst ist dort bestattet. Friedmann war als Lehrer der jüdischen Gemeinde Nachfolger von Leopold Regensburger, der von 1901 bis 1912 in Ingolstadt unterrichtete ehe er nach Kriegshaber ging und in der dortigen Gemeinde bis 1931 für die orthodoxe Gemeinde tätig war.

Die beiden Häuser Milchstr. 8 + 9 in Ingolstadt in welchen der Ingolstädter Bankier und Gemeindevorsitzenden Adolph Schülein 1876 in seinem Privathaus einen Betsaal einrichtete ehe im schräg gegenüber liegenden Haus in der selben Str. die bei Friedmann beschriebene Gebets- und Unterrichtsstätte des Synagogenvereins eingerichtet wurde.

Bald nach Erscheinen von Friedmanns Schrift bemühte sich die jüdische Gemeinde in Ingolstadt um einen neuen Betsaal. Da für einen eigenen Neubau Voraussetzungen und Mittel fehlten, gelang es schließlich ab 1907 das Haus in der Theresienstr. 23 als Synagoge zu nutzen. Das Gebäude selbst hatte eine nicht unbedeutende Vorgeschichte, diente es von 1782 bis 1785 doch als Tempel des umstrittenen Iluminaten-Orden. Dieser wurde am 1. Mai 1776 als Bund der Perfektibilisten (bzw. als „Bienen-Orden“)  unter dem Vorsitz von Adam Weishaupt (1748-1830) gegründet. Weishaupt war an der Universität Ingolstadt (der ältesten Bayerns) Professor für katholisches Kirchenrecht und für „praktische Philosophie“. Gerüchten gemäß, die im Halbschatten von Geheimorden bekanntlich besonders  gut gedeihen, soll Weishaupt selbst „jüdischer Abstammung“ gewesen sein und den Namen Weishaupt von Weiskopf (Name einer in Nordschwaben geläufigen Rabbiner-Familie) entlehnt haben – was keine sonderlich originelle Neuerung wäre. Zudem ist „Adam“ als Vorname für Juden recht untypisch. Gerschom Scholem und andere sehen Weishaupt eventuell im Umfeld der Frankisten. Diese waren Anhänger des Jakob Frank (eigentlich Jakob Leibowicz, 1726-1791), eines schwärmerischen Pseudo-Messias, der u.a. auch Jesus und Mohamed verehrte, sich dem Christentum annäherte und den Talmud verbannte. U.a. verbreitete er die Ansicht, der Talmud lehre die Pflicht für geheime Rituale Blut von Christen zu verwenden.

Weder positiv noch negativ deutet etwas auf eine jüdische Einflussname des Illuminaten Ordens hin zu dessen Mitglieder auch Knigge und Goethe gehört haben sollen – „jüdisch“ ist bei Verschwörungstheoretikern immer das Ungenannte, Unbekannte, weshalb nie Namen jüdischer Mitglieder genannt werden, falls es solche je gab. 1785 wurde der Orden (der den Prinzipien der „Freimaurer“ folgen soll) jedoch verboten und Adam Weishaupt floh nach Gotha, wo er bis zum Ende seines Lebens blieb, während Werbung für den Orden in Bayern unter Todesstrafe gestellt wurde.

Was in den zwischenzeitlichen 120 Jahren mit dem Gebäude geschah, ist etwas unklar, im Jahr 1907 jedenfalls wurde die Synagoge dort eingeweiht. Sie hatte einer äußeren Erinnerungstafel gemäß bis 1938 Bestand. Bald nach der Nazi-Herrschaft wurde sie demnach sogar auch wiederherstellt und von 1946 an erneut benutzt, dann 1952 schließlich aus Mangel an Juden in Ingolstadt „aufgegeben“.

Der Ingolstädter Illuminaten-Orden ist auch Gegenstand der ziemlich versponnenen, in weiten Teilen eher satirischen als historischen Iluminatus-Trilogie des 2007 verstorbenen „Kult-Autoren“ Robert Anton Wilson, die einen enormen Einfluss auf die moderne Pop-Kultur nahm und eine Flut von weiteren Verschwörungstheorien als inzwischen einigermaßen etabliertes Unterhaltungsgenre nach sich zog. Am Ende der Roman-Handlung ist ein Massenmord bei einem Rockkonzert in Ingolstadt geplant. Dieses soll mit Hilfe von Nazis ausgeführt werden, die seit Kriegsende im Totenkopfsee schlummern. Einen solchen See gibt es in Ingolstadt nicht, aber es könnte eine Anspielung auf den künstlichen See beim ehemaligen Reichstagsgelände in Nürnberg sein, wo des Öfteren auch schon Rockkonzerte stattgefunden haben.

Nicht minder populär ist natürlich die Geschichte von „Frankenstein or The modern Prometheus“ von Mary Shelley (1797 – 1851). Die Tochter des englischen Anarchisten William Godwin siedelte einen Teil der Handlung des 1818 zunächst anonym erschienene Romans in Ingolstadt an. Dort besucht der Titelheld Dr. Victor Frankenstein, der einen neuen Menschen schafft , kommt bereits als 17jähriger nach Ingolstadt, um an der dortigen Universität Medizin zu studieren. Auch das insbesondere in der filmischen Verkörperung durch Boris Karloff  (eigentlich: William Pratt 1887-1969) seit 1931 in der Produktion von Carl Laemmle weltberühmte „Monster“ mit den charakteristischen Stirnnähten ist dem Roman gemäß in Ingolstadt erschaffen worden. Shelley war vermutlich niemals in Ingolstadt, jedoch besaß die Stadt wegen der Illumination wie auch wegen der medizinischen Sammlung der Universität (seit 1973 im „Deutschen Medizinhistorischen Museum“) einen offenbar bestimmenden Ruf. Demnächst etwa startet die Sonderausstellung „Vom Tatort ins Labor“, um über die Arbeit von Rechtsmedizinern aufzuklären.


Zur Geschichte der Juden in Ingolstadt

April 25, 2011

Teil 2:

Abgesehen davon, dass man in einer jüdischen Gemeinschaft auch in Ingolstadt eine entsprechende Infrastruktur voraussetzen kann und darf, also Synagoge, Friedhof, Mikwe, Schulhaus, Bäcker, Beschneider, Schlachter, Schreiber, Köche, Lehrer, Pfandleiher, Totengräber, Steinmetze, usw.  … ist es schwer, persönliche Angelegenheiten aufzufinden, die abseits des Absehbaren konkrete Personen betrafen. Eine eher flüchtige Notiz aus dem Leben mittelalterlicher  Ingolstädter Juden ist uns übermittelt in der Antwort von Rabbiner Mosche Halevi Molin מאוקשפורק משה הלוי מולין – mi’okschpurk – auf eine Anfrage aus Ingolstadt אנגאלשטאט – ingolschtat, aus der Zeit um 1367/8 betreffs eines Falles von Ehebruch.

Eine Frau verfiel wegen eines Unbeschnittenen (ארלא) dem Ehebrauch (ניאוף) und vom Judentum ab. Doch sie kehrte zurück, wanderte aber in eine andere Gegend. Nun kam ihre Mutter und beschwerte sich über den Herrn Aisik bar Salman (איזיק בר זלמן) ihren Schwiegersohn, der nach dem Abfall ihrer Tochter erneut geheiratet hatte, ohne sich zuvor ihr scheiden zu lassen. Die Lehrer in der Stadt sagten ihm (המורים בעיר אמרו לו) nämlich, dass durch den Abfall der Frau seine Ehe mit ihr keinen Bestand mehr habe. Da nun aber die Frau wieder zum Judentum zurückkehrte, entstand die Frage nach dem Bestand ihrer Ehe erneut. Sie hatte in einer anderen Stadt gelebt und nicht gewusst, dass ihre Ehe für ungültig erklärt wurde und ihr Mann erneut geheiratet hatte.

Rabbi Mosche Halevi, Frieden seiner Seele, übte starken Druck auf den Schwiegersohn und bestellte ihn zu Gericht nach Augsburg. Dort beredete er ihn, der Frau die Scheidung zu gewähren, damit sie wieder heiraten konnten und auch er frei von einem Schatten sei. Der Mann stimmte ein, nach eigenem Willen so zu verfahren und einen von ihm selbst gesuchten Überbringer den Scheidungsbrief (גט) an sie auszuliefern und bezeugen zu lassen, wodurch beide jeglichen Verpflichtungen entbunden seien. So sei die Frau von ihm geschieden und ein jeder möge sie gemäß den Gesetzen heiraten.“

(übersetzt nach 17.25 ,שו”ת רמהם, Krakau 1833)

Es ist zu vermuten, dass die ursprüngliche Anfrage an den Leiter des Augsburger Lehrhauses über die genannten Lehrer aus Ingolstadt weitergeleitet wurde. Die spätere, heute gültige „Differenz“ zwischen einem Rabbiner und einem Lehrer ist für die damalige Zeit freilich ohne Relevanz, weshalb die Anfrage kein Indiz dafür sein muss, dass es in Ingolstadt keine Rabbiner oder (Talmud) Schule gab. Vielmehr ist es – da Augsburg und Ingolstadt rund 80 km entfernt sind – eher ein Beleg für das Ansehen des Augsburger Rabbiners von dessen Sohn Jakob, der als rabbinischer Gelehrter den Ruf seines Vaters freilich noch bei weitem übertreffen sollte. Er berichtet davon, dass der Fall im letzten Jahr seines Vaters als Rabbiner in Augsburg behandelt wurde und dass später noch erfahren wurde, dass gemäß seiner Schlussfolgerung gehandelt wurde und alle damit zufrieden waren. Die Mutter der abfälligen Frau erhielt vom ehemaligen Schwiegersohn noch eine  finanzielle Vergütung für die Verpflegung der beiden Söhne binnen dreier Jahre. 

Die Identität des Eysick bar Salman ist ansonsten unbekannt, wie die Namen seiner Frau, Kinder und Schwiegermutter. Augsburger Steuerlisten verzeichnen nur wenig zu Ingolstadt und nennen uns für rund zwanzig Jahre (1377 – 1396) eine Zuerlin (vermutlich: „Sara“) von Ingolstat von der es heißt „sizzent mit ain gedinge und haund prieff“. Wir identifizieren sie als Schwiegertochter des Lemlin von Speyer, der bereits 1348 erwähnt ist und zu den Überlebenden der damaligen Angriffe auf die Gemeinde gehörte. Der altdeutsche Begriffe „Geding“ meint allgemein „Vertrag“, als „Leibgeding“ ein lebenslanges Wohnrecht beinhaltet, was wohl auch Gegenstand des erwähnten Briefes sein dürfte. Es wäre jedoch eine bloße Spekulation anzunehmen, dass Zuerlin aus Ingolstadt identisch sein könnte mit der in der Urkunde genannten geschiedenen Frau des Eysick. Die Anzahl der in Ingolstadt lebenden Juden in jener Zeit freilich ist nicht hoch und wenn man sie auf 200 schätzt, übertreibt man womöglich und hätte trotzdem eine 1:100 – Chance, dass die Identifizierung treffend wäre. Falls nun aber doch, wäre die Anfrage beim Rabbiner in Augsburg verbunden mit dem Umstand, dass die Frau dort lebte. Das freilich würde sich wahrscheinlich in der einen oder anderen Weise zumindest als Anspielung in der Fallbeschreibung finden. Wenn um 1368 über die Gültigkeit ihrer Ingolstädter Ehe geurteilt wurde und hernach davon die Rede war, der Schwiegermutter des Eysick drei Jahre Verpflegungskosten für die Söhne zu erstatten, dann liegt dort immer noch ein rundes Jahrzehnt bis zur Erstnotiz des Zuerlin aus Ingolstadt in Augsburg.

Zuerlin, die ab 1377 in Augsburg als Steuerzahlerin registriert ist – was nichts über die Dauer ihres vorherigen Aufenthalts besagt. 1380 ist ihr und Lemlins Sohn „Mosse“ erstmals verzeichnet, aber für das Jahr 1384, in welchem die Juden aus Ingolstadt vertrieben worden sein sollen, gibt es keine Anzeichnen für einen Zuzug Ingolstädter Juden nach Augsburg, was angesichts bestehender Verwandtschaftsverhältnisse wenigstens bemerkenswert ist. In der Schuttermutter-Kapelle, die der (umstrittenen) Überlieferung gemäß aus der bisherigen Synagoge entstand oder an ihrem Platz errichtet wurde überliefert eine urbane Legende, dass Ingolstädter Juden sich für eine frühere Vertreibung hätten rächen wollen indem sie einer Marien-Figur den Kopf absägten und in die Donau geworfen hätten. Diese sei aber auf wundersame Weise doch wieder von der Schmutter direkt an die Kapelle angeschwemmt worden, weshalb nun die Anbetung der wundersamen Schutter-Mutter begann. Die entsprechende Kirche wurde jedoch erst um 1740 geweiht, aber welche Rolle spielen Zeitsprünge von hunderten Jahren, wenn man zweifelsfrei sagen kann, dass die etwaigen „Täter“ sowieso Juden waren? Da ist es auch nicht mehr weit bis zu Phantasien einer „Shutter Island“: http://www.shutterisland.com

Aber es gibt noch weitere bezeugte Ingolstädter Wunder. In der Schatzkammer des Münsters etwa befindet sich das Brustkreuz Herzog Stephan III in welchem sich eine „Kreuzreliquie“ befindet – ein Splitter vom Kreuz an welchem Jesus von Nazaret gehangen haben soll. Die Reliquie wurde 1429 der Pfarrei geschenkt und wirkte zahlreiche Wunder. Überliefert wird etwa die Geschichte eines Bauern aus (dem heutigen Stadtteil) Hundszell (Hundszöll), dessen Ochse ernsthaft erkrankt war. Nach einer heiligen Messe mit der Reliquie und einem „Geldopfer“ freilich habe sich der Zustand des Rindvieh von Tag zu Tag gebessert, was für die Ingolstädter als beglaubigtes Wunderwirken des Kreuzsplitters genügte.

About 1368 Rabbi Moshe HaLevi from Augsburg, father of the famous MaHaRiL had to deal with a request for a legal opinion regarding a divorce issue. Apart from this case the medieval Augsburg tax records only know Zuerlin from Ingolstadt who is recorded in the time from 1377 to 1396 and is known as daughter in law of Lemlin of Speyer and wife of his son Moshe.

 

* * *

Likewise numerous are records of miracles and wonders in Christian Ingolstadt of the same time, for instance the case of the recovery of an ill oxen after a Mass in presence of a holy cross relic was read on his behalf.


Zur jüdischen Geschichte in Ingolstadt

April 22, 2011

Teil 1:

Die älteste erhaltene namentliche Erwähnung Ingolstadts wird in das Jahr 806 datiert, doch die eigentliche Stadtgeschichte begann erst mit den Wittelsbachern um die Mitte des 13. Jahrhunderts und der bald darauf beginnenden Befestigung der Stadt. Die ersten Notizen über Juden in Ingolstadt gehen auch auf die Zeit der Stadtgründung durch Herzog Ludwig II zurück. Gemäß den Angaben Arno Friedmanns, 1934 am jüdischen Friedhof in Ingolstadt bestattet, besagt eine Ingolstädter Urkunde des Jahres 1322, dass sich vier Vertreter der jüdischen Gemeinde in der Stadt dazu verpflichten, sich am Bau der Stadtmauer zu beteiligen. Namentlich genannt werden dabei aber fünf: „Gutman“ ,“ Jacob“, „Lamb“, „Göschel“ und „Genenl“. Der Name Göschel wird allgemein auf „Gothe“ zurückgeführt, was aber (auch) im (zeitlichen) Kontext wenig Sinn macht. Die nahverwandte Form Gössel, auch als jüdischer Personenname belegt, wird auf den geläufigeren Jossel bezogen, der wiederum auf den biblischen Josef (יוסף) zurückgeht. Lamb ist eine öfter anzutreffende Form von Lamm, später auch als Familienname belegt. „Genenl“ wäre bestenfalls als „Genendl“ (גענענדל, גנענדל) denkbar, aber wäre geläufiger als „Gnendl“ der Name einer Frau. Max Weinreich leitete den Namen vom bei Lexer gefundenen „genanne“ (ge-namme) ab, in der Bedeutung „Freundin“. Zugrundliegen könnte freilich auch hebräisch גנן (genan) für „Garten“, womit Gnendl in etwa „Gärtchen“ wäre, vielleicht in Anspielung auf „Eden“. Im heutigen Hebräisch sind die entsprechenden weiblichen Namensformen „Gana“ (גנה) und „Ganit“ (גנית) recht geläufig.

Wie auch immer, erinnert das Arrangement von 1322 an den Vertrag der Augsburger Juden mit den Räten der Stadt aus dem Jahre 1298. Auch hier traten eine Zahl von Juden für die gesamte Gemeinde auf und gaben eine entsprechende Verpflichtung ab, baulich tätig zu werden. Es ist denkbar, dass man in Ingolstadt der Augsburger Vorlage folgen wollte, da dort die Erfahrungen für alle Seiten positiv waren – die Stadtmauer wurde gebaut, das Stadtgebiet erweitert und die Juden hatten einen vor äußeren Angriffen geschützten Friedhof. In Augsburg erinnerten noch lange Zeit später noch Namen wie „Judenturm“ und „Judenwall“ an die bauliche Leistung im Rahmen der Stadterweiterung um 1300. Es ist folglich nicht zu viel spekuliert, wenn man davon ausgeht, dass auch in Ingolstadt „Judentörl“ und „Judenturm“ eine entsprechende enge Bewandtnis zum Bau haben dürften.

Etwa zur selben Zeit wurde auch geregelt, dass Juden in Ingolstadt auf ein Pfund Pfennige die Woche 2 Pfennige Wucher (also Zins) nehmen durften, von auswärtigen Schuldnern gar 3 Pfennige pro Pfund und Woche. Ein Pfund Pfennige oder Pfund entsprach einem Gulden (fl.) oder in anderen Gebieten auch der Mark und unterteilte sich bei zahlreichen regionalen Abweichungen in 20 Schilling oder 240 Pfennige (anderswo in entsprechend viele Heller). Zwei von 240 Pfennigen entsprechen dem 120. Teil in einer Woche (0.8 %), auf ein ganzes Jahr berechnet würde dies einem jährlichen Zinssatz von über 40 % (bzw. 65 % bei Auswärtigen) entsprechen.

Ein aktueller Bankkredit zudem neben Zinsen ggf. noch Nebenkosten wie Kreditversicherungen und Gebühren kommen können ist gewiss billiger zu haben, aber auch nicht der passende Vergleich zu einem mittelalterlichen Geldgeschäft, die – mangels etablierter Banken und ohne allgemein verbindliche Rechtsansprüche – zum einem in der Regel schnelle Termingeschäfte waren und zum anderen auf fremden Risikokapital beruhten. Es wurde in aller Regel nur kurzfristig geliehen und wer sich nun als Ingolstädter also 240 Pfennige für ein, zwei Wochen lieh (nicht selten mit einem Pfand als Sicherheit), gab dann fristgerecht eben 242 oder 244 zurück, usw. Der Leiher unternahm zwischenzeitlich auch Geschäfte und machte meist über den Ankauf und Verkauf von Waren ein Geschäft, dass er ohne das Risikokapital nicht tätigen konnte.

Der passende Vergleich wäre heute also ganz sicher nicht der Bankkredit, sondern (noch immer) die Pfandleihe.

Aktuelle Internetseiten deutscher Pfandhäuser geben datailliert Aufschluss über die anfallenden Gebühren. An Kosten für den Pfandkredit entstehen in der Regel 1 % der Summe pro Monat, sowie 2 % Unkostenvergütung pro Monat, macht zusammen also 3 % pro Monat auf die für das abgegebene Pfand ausgeliehene Summe . Wenn man dies aufs Jahr rechnet ergibt sich auch da 36 % Jahreszins. Da dies nur ein eher günstiges Beispiel ist und einige Anbieter weit höhere Gebühren (das Wort Zins wird – wie bei Banken – allgemein gerne vermieden) verlangen, gibt das Stadtamt Bremen beispielswiese eine Größenordnung von 25 – 100 % „auf das Jahr umgerechnet“ an. Nimmt man diese ganz aktuellen Pfandleihe-Beispiele aus Deutschland, stellt man fest, dass die mittelalterlichen jüdischen Pfandleiher, wie etwa jene aus Ingolstadt, auch heute noch eher am unterem Ende der Preisskala  liegen würden, obwohl die rechtliche Absicherung für den Geldleiher heute eine ungleich bessere wäre. Zusätzlich zum ursprünglichen Pfandgeschäft kann man heute bei Zahlungsschwierigkeiten aber auch noch Teilbeträge zurückzahlen und die Restsumme als neue Pfandleihe berechnen, wodurch die Kosten natürlich insgesamt steigen. Erfolgt in sechs Monaten keine Zahlung wird das Pfand versteigert. Das war – bei abweichenden Regelungen in den Stadtbüchern einzelner Städte – auch im Mittelalter wenig anders. Wer also die Idee verfechten will, dass die von jüdischen Pfand- und Geldleihern verlangten Zinsen zumindest nach heutigen Maßstäben tatsächlich “Wucher” wären, liegt falsch und sollte sich über die heute gängigen nichtjüdischen Gebühren zeitgenössischer Pfandleihen und über Wesen, Vor- und Nachteile des Pfandgeschäfts im allgemeinen informieren und dann weiterreden, falls es dann noch Bedarf gibt.

1348 kam es auch in Ingolstadt zu Angriffen auf die Juden, wozu Details sicher interessant wären, da vielerorts ja die Jahreszahl alleine zu genügen scheint, um „alles“ zu erklären. 1355 sind wieder Juden in Ingolstadt verzeichnet, doch bereits 1384 wurden sie aus der Stadt gewiesen. Eine im Stadtarchiv Ingolstadt erhaltene auf das Datum des 15. Juli 1397 datierte Pergament – Urkunde  (Urk A 238) berichtet über eine Schenkung Stefan Pfalzgraf und Herzog von Bayern (= Herzog Stefan III., 1337-1413, von 1392-1413 Herzog von Bayern-Ingolstadt, genannt „der Kneißl“, bzw. der „Prächtige“), Enkel Kaiser Ludwig des Bayern (1282-1347). Stefan schenkt dem Rat und den Bürgern von Ingolstadt die Judenschule, den Judenhof und „etliche andere Häuser“, die (1384 wohl) „freigeworden“ waren, und zwar zum Bau einer Kapelle. In dieser soll sodann eine von ihm finanzierte tägliche Messe (eine Art Bittgebet) abgehalten werden und der dafür vorgesehene Kaplan (eine Art Unter – Pfarrer) mit dem merkwürdigen Namen „Hans der Eseltreiber“ soll zusätzlich noch „steuerfrei“ das Haus gegeben werden, das zuvor der „Rigklinn“ gehört hatte.

 Im Wortlaut: „Wir Stephan von Gottes Gnaden Pfalzgraf bey Rein und Herzog in Bairn … bekennen offennlich mit dem Brieff für Unns und Unnser Erben und Nachkommen, das Wir angesehen haben die die vergengklichen Zeit aller irdischen Ding und die beleiblichen und himlischen, das pillich ain ieglich Christenmensch auffs ewigs bedennckt in Entweichung des unbeleibenden. Wann Wir nu newlichen drey ewig Mess gestift haben aus Unnser Statt Stewr ze Ingolstat, die man bisher gehabt hatt in der Pfarkirchen doselben, und nu auch die Juden von derselben Unnser Stat entwichen sind, so haben Wir Gott ze Lob und und seienr lieben Muter und allen Hailigen zu Eer und auch durch vleißig Gebet Unnser lieben getrewen des Rats und der Burger gemainlich zu Ingolstat, und derselben Unnser Stat ze Wird und Eere, die egenannten Juden Schul und Juden Hof gegeben zu rechten Aigen ain Capellen daraus und darauff ze stiften und ze bawen, die Unnser egenannt lieb getrew der Ratt und die Burger gemainlich zu Ingolstat stiften und bawen sollen in Unnser Frawen Eer. Und darein haben Wir der egenannten dreier Mess aine, nemlich die Hanns der Eßeltreiber Unnser eltister Capplan jetzo hatt zu einem Anfang geschickt und und geordent, das die ewiglich darinn gehabt soll werden teglichen auff die Zeit und in der Mass als dann nach Rat erfunden würt, und demselben Capplan haben Wir zu ewiglich vermacht das haws, das da der Rigklinn gewest ist, mit seiner Zugehörung und stewrfrey für ein rechts aigen, unverzigen des Zinnss, der von daraus gat. Und also mainen und wollen Wir, das solch Unnser gab und ordnung ewiglich also bestee und beleib one meniglichs Irrung und minderung trewlich und on geverde. Urkund dies Brieffs der geben und mit Unnsernanhangenden Insigel besigelt ist zu München an Suntag nach Sant Margarethen Tag nach Christi Geburt 1397

(zitiert nach „Geschichte des uralten königlichen Maierhofes Ingolstat, izt der königlich bayerischen Hauptstadt Ingolstadt von ihrem ersten Ursprunge …“, (Mederer / Huebner) Ingolstadt 1807, S. 92-93)

Ob „Rigklinn” (Ricklin ?), die frühere Besitzerin eines Hauses im jüdischen Viertel von Ingolstadt selbst Jüdin war, wird zwar offenbar überall vorausgesetzt, bleibt aber unklar. Die Urkunde wird auf das Jahr 1397 datiert, während die Juden, die dem Wortlaut gemäß „entschwunden“ waren, dem Vernehmen nach bereits 1384 die Stadt verließen. Dies würde bedeuten, dass das Haus zum einem seit 13 Jahren leerstand und zum anderen, dass eine Jüdin über diese Zeit dem Herzog besser im Gedächtnis geblieben wäre als der vor Ort tätige Kaplan, der etwas eigenartig als „Hans der Eseltreiber“ umschrieben wird. Unklar scheint auch, warum nun, 13 Jahre nach dem „Entschwinden“ der Juden Anlass für das Schreiben gegeben war. 1405 so weiß man, kehrten Juden in die Stadt zurück. Beanspruchten sie damals den früheren jüdischen Besitz, den sie zurücklassen mussten? War es deshalb empfohlen eine rechtliche Urkunde vorweisen zu können oder wurde sie wegen einem anderen Anlass in diese Zeit zurückdatiert?

Unter den Lokalhistorikern scheint es umstritten zu sein, ob an diesem Platz überhaupt eine frühere Synagoge bestanden hat. Einem Zeitungsbericht der Neuburger Nachrichten vom 18. Sept. 2007 zufolge ergaben archäologische Grabungen am heutigen Viktualienmarkt „nicht die Spur einer Synagoge“ , während der Heimatkundler Theodor Straub sich ganz sicher ist, dass die „Schuttermuttergotteskapelle“ anstelle der früheren Synagoge war.

Wurde die „Judenschule“ zur Kapelle umfunktioniert oder wurde sie abgerissen und durch einen Neubau ersetzt? Ist die Schule mit dem jüdischen Bethaus, der Synagoge identisch oder gab es wie an vielen anderen Orten auch getrennte Räumlichkeiten, insbesondere dann wenn Rabbiner am Ort ein eigenes talmudisches Lehrhaus unterhielten, wie das längere Zeit im mittelalterlichen Augsburg der Fall war. Weder ein Abriss noch eine Konversion sind unzweifelhaft. Ebenso möglich ist, dass 1405 ein Gebäude als Synagoge genutzt wurde, dass auch vorher schon diesen Zweck erfüllte, letztlich ist das heute kaum zu entscheiden und genau genommen auch ohne ernsten Belang, da eine ehemalige Synagoge in jüdischer Sicht keine Relevanz zukommt. Es handelt sich nicht um einen magischen Ort, sondern um einen Ort des Gebets, der durch die Präsenz der Thora geheiligt wird. Relevanter wäre die Frage ob die Bezeichnung “Judenhof” auf einen mittelalterlichen jüdischen Friedhof anspielen könnte.

Am verdächtigten Ort wird heute jedenfalls Ingolstädter Bier ausgeschenkt, was angesichts der zahlreichen bierlosen aber –ernsten „Gedenkstätten“ eine willkommene und gelungene Abwechslung ist.

There still is a somewhat controversial debate over the question if the “Schuttermutter” church (Schutter is a Danube tributary) of after 1384 was established instead of a former synagogue, whether the synagogue was demolished before or simply was converted or if there was a synagogue at all. A deed from Munich dating 1397 indicates that the property of the “vanished” Jews – a Jewish school (Juden Schul), Jewish court (Juden Hof) and “several houses” was granted by the Herzog to the council and Burger of Ingolstadt. But is remains unclear where exactly the synagogue was located. But more relevant would be the question if “Judenhof” (Jews court, not necessarly in a legally meaning – Judenkirchhof for instance was a widely used term for medieval Jewish cemeteries). At Viktualienmarkt however there now are a number of kiosks which over food and beer, what at summerly wheather is recommended to all visitors.


Der jüdische Friedhof von Ingolstadt

April 17, 2011

Zwar ist davon auszugehen, dass bereits die mittelalterlichen Juden in Ingolstadt neben einer Synagoge auch eine ortsnahe Begräbnisstädte hatten (wozu damals das rund 85 km entfernte Regensburg sicher nicht zu zählen ist). Freilich ist nichts über einen mittelalterlichen Judenfriedhof in Ingolstadt bekannt. Wenn es einen gab – und wer kann dies sicher ausschließen – dann müsste er sich in relativer Nähe zur damaligen Altstadt befunden haben.

Der heute noch bestehende jüdische („israelitische“), freilich seit Jahrzehnten nicht mehr benutzte Friedhof wurde 1890 von der Gemeinde abseits des städtischen Friedhofs erworben, ist von diesem inzwischen aber „nahtlos“ umgeben. Er befindet sich nunmehr etwa am südlichen Ende des Mittelteils des Westfriedhofs, unweit des äußeren  Mühlweg.

Bei unserer Besichtigung wurden gerade Gerüste für die anstehende Restaurierung des ehemaligen Tahara-Hauses angeliefert und aufgebaut. Am Restaurationsbedarf des offenbar schon lange leer stehenden Hauses indes besteht kein Zweifel, ist doch teilweise die Decke eingebrochen, während von außen Pflanzen durch beschädigte Fenster alte Gardinen durchdringen. Unter den vielen leeren Flaschen befanden sich auch recht alte Exemplare, die auf die vielleicht letzte Party im Haus schließen lassen, so etwa ein „1967er Weißherbst“ …

Am Friedhof befinden sich neben einem in Nähe der Nordmauer stehenden Ehrenmal exakt 51 Grabsteine, gegliedert in drei Reihen und einer weiteren mit einem Stein begonnenen, nicht mehr weitergeführten vierten Reihe. In unserem Plan sind die Reihen der Übersichtlichkeit halber mit Buchstaben versehen und die Gräber von rechts nach links, bzw. von Nord nach Süd nummeriert. Die dünne Säule „a 1“ im Plan in der nordwestlichen Ecke kennzeichnet freilich auch tatsächlich das älteste Grab am Friedhof und gehört zu Elsa Schuelein (1888 – 1891). Diese erste Reihe wurde offensichtlich sodann für Kinder reserviert. Neben ihr, also „a 2“ liegt Otto Gutmann (1873 – 1884, insofern richtig gelesen). Als drittes folgte mit Adele (1895 – 1898) offenbar ein weiteres Kind von Moritz und Rosa Suess Schuelein. Als viertes folgt Martin Hess, der nur vom 20. Januar 1904 bis zum 8. Januar 1905 lebte und der hebräischen Inschrift gemäß Meir bar Jona hieß und aus Pfaffenhofen stammte. Neben ihm ruht Lilly Halberstadt (1898 – 1906), die ebenfalls nur acht Jahre alt wurde. Und trauriger weise am Tag vor dem Laubhüttenfest verstarb. Als sechstes in der Reihe folgt gemäß der herausgelösten, verschmutzten und kaum lesbaren Platte Ludwig Kuhn, vermutlich verstorben am 27. 2. 1906, dann der „Sohn des Herrn Maier Schloss“: Albrecht (bar Meir) Schloss, geb. 21. Juni 1921, gest. 26. April 1929 (?). Als achter Stein folgte in der Reihe die völlig mit Moos überwachsene Grabplatte des Ernst Lauchheimer, die erst freigerubbelt werden mussten – wofür der Autor dieser Zeilen bereitwillig die Kuppen seiner Mittelfinger aufs Spiel setzte – woraus sich ergab, dass Ernst wohl im August 1926 geboren bereits im März 1938 verstarb, demnach also ohne Bar Mitzwa zu werden. Auf dem Grabstein befindet sich auch eine Widmung „Zum Gedenken an Gertrud Lauchheimer“ die nach externen Informationen am 21. Mai 1920 geboren wurde und in Auschwitz umkam. Vermutlich war sie die Schwester von Ernst. Ein letzte neunter Stein in dieser ersten Reihe hat eine ausschließlich hebräische Inschrift, die zwar gut erhalten ist, aber leider etwas gegen die Mittagssonne fotografiert wurde und folglich erst mittels Fotosoftware lesbarer gemacht werden muss.

Reihe / Nummer Name Geburtsdatum Todesdatum
       
A 1 Elsa Schülein

 

1890

A 2 Otto Gutmann

1873

1884

A 3 Adele Schülein

1895

1896

A 4 Martin HessMeir bar Jona Pfaffenhofen

1904

1905

A 5 Lilly Halberstadt

1898

1906

A 6 Ludwig Kuhn

 

 

A 7 Albrecht (bar Meir) SchlossKind d Maier Schloss

1928

1930

A 8 Ernst LauchheimerZum Gedenken an

Getrud Lauchheimer

1926

 

1920

1938

 

194.

A 9 ?

 

 

Reihe / Nummer Name Geburtsdatum Todesdatum

 

 

 

 

B 1 Naftali (bar Ascher Zwi) Tag

20.04.1850

17.04.1892

B 2 Daniel Steinharter

21.11.1839

04.09.1892

B 3 Fanny Mannheimer, geb. Gift

19.11.1844

16.06.1897

B 4 Ferdinand Schweizer

(Natan ben Gerschom)

12.02.1847

07.01.1897

B 5 Johanna Dannheißer,

geb. Ettlinger

20.04.1860

20.01.1903

B 6 Eugenie Kochaus Offenbach

10.10.1876

03.05.1905

B 7  

 

1898 (?)

B 8 Mina Oppenheimer, geb. Hirschfelder

aus Bettens … / Hohenzollern

1837

25.02.1914

B 9 „Halberstadt“

 

 

B 10 ?

 

 

B 11aB 11b Rosa Prölsdörfer, geb. Kohn

Simon Prölsdörfer

(Schimon ben Henoch)

Fräulein Berta Prölsdörfer

13.01.1862

10.07.1859

 

03.02.1890

22.09.1916

16.09.1926

 

Konzentrationslager

B 12 … Heil (?)

 

 

B 13 Beer Rosenberg Krieger

1884

1917

B 14 Julius Gutmann

21.05.1859

31.08.1917

B 15 Helene Kohn, geb. Sternglanz

20.03.1870

09.11.1917

B 16  

 

 

B 17  

 

 

B 18  

 

 

B 19  

 

 

B 20  

 

 

B 21  

 

 

Reihe / Nummer Name Geburtsdatum Todesdatum
   

 

 

C 1  

 

 

C 2 Rosa Rietschel, geb. Binder

07.07.1882

12.08.1949

C 3 Jenny Schloss, g. Wollenreich

aus Windsheim

(Schela bat Schlomo)

(eschet Mair Schloss)

01.05.1899

09.07.1921

C 4  

 

 

C 5  

 

 

C 6  

 

 

C 7 Markus Mollerich

 

1925

C 8  

 

 

C 9 Arno Friedmann

 

1934

C 10 Jakob Holzer

19.10.1838

05.07.1925

C 11 … Hammelbach

 

 

C 12  

 

 

C 13 Willy Schimmel (?)

 

 

C 14 Marie Weinmann,

geb. Mohr

(Mirjam bat Jehuda)

28.04.1888

02.07.1935

C 15 Nathan Gutmann

Zum Gedächtnis an

Julie Gutmann-Gunz

Meta Leiter-Gutmann

Jakob Leiter

Hans Leiter

die den Tod in Konzentrationslagern fanden

10.06.1858

 

1865

1888

1893

1923

25.09.1930

 

1943

1944

1944

1943

 

C 16 „Die dankbare Kultusgemeinde ihren i Weltkriege Gefallenen

Adolf Kuhn

Ernst Halberstadt

gewidmet“

 

 

C 17 Frieda Kuhn

04.09.1872

27.03.1935

C 18 Alfred Kuhn

(Aharon ben Ascher Ha-Kohen)

25.09.1860

14.03.1930

C 19 (Frau) … Leopold

 

 

C 20 Bernhard Samuel

(Ischschachar ben …)

Peppi (?) Samuel

1868 (?)

1917

C 21 ?

 

 

Eine Reihe etwas älterer kleiner Sandsteine sind von Schimmel befallen und teilweise mit Efeu überwachsen und deshalb nicht ohne weiteres identifizierbar. Hinzu kommen einige Grabsteine, die wegen des Gegenlichts der Mittagssonne nicht besser abzulichten waren.

Insgesamt dauerte unser Aufenthalt auf dem Friedhof auch nur ca. 50 Minuten, vielleicht waren es auch 52 …

 Möglicherweise existiert in Ingolstadt oder anderswo eine ältere Grabliste, mittels welcher die noch fehlenden Information erschlossen werden können.

Grabstein des Jakob Holzer. Das Schofar-Horn könnte darauf hinweisen, dass er Lehrer und/oder Vorbeter war. 

Еврейское кладбище в Ингольштадте.

Register of grave markers at Ingolstadt Jewish Cemetery, established in 1890. It is now a walled-in part of the “Westfriedhof” of (Christian) Ingolstadt, in the southern middle part near outside street Muehlweg. In order to visit it, you usually should ask at the administration. The cemetery has 51 grave markers and two additional memorial plates for two Jewish World War One soldiers and the Ingolstadt Jews killed during the Nazi rule. The old Tahara house which obviously was unused quite a while, right now is going to be restored. Inside the house there was an empty wine bottle dating 1967.

בית הקברות היהודי של אינגולשטדט. בבית הקברות יש מצבות 51 ו 2 צלחות זיכרון

 

Cimetière juif d’Ingolstadt avec 51 pierres tombales et 2 plaques commémoratives.

 
 
 

Juden in Ingolstadt

April 15, 2011

 אינגולשטאט

Zwar reicht die Geschichte der Juden in Ingolstadt bis zu den Anfängen der eigentlichen Stadtgeschichte zurück, aber angesichts zahlreicher Unterbrechungen und Brüche, ist von der in der Summe doch Jahrhunderte umfassenden Präsenz in der  Stadt, außer dem jüdischen Friedhof, einer kleinen Enklave mit 52 Steinen am Westfriedhof, fast nichts zu merken.

Unter den deutschen Großstädten ist die „Autostadt“ Ingolstadt diejenige mit der geringsten Arbeitslosigkeit, andererseits jedoch die einzige Großstadt in Bayern ohne eine aktuell bestehende jüdische Gemeinde – ein seit der Nachkriegszeit, nunmehr seit rund sechzig Jahren andauernder Zustand. Nachdem vielerorts in Deutschland in den letzten Jahrzehnten wortreich von einem „Aufblühen“ jüdischen Lebens die Rede ist, kann man fragen, warum dies in Ingolstadt offensichtlich anders ist. Angesicht der auch in Ingolstadt wechselvollen Geschichte – die heute zudem noch kontrovers diskutiert wird, etwa ob sich hier oder da tatsächliche eine mittelalterliche Synagoge befand – kann man sich auch fragen, ob die „judenfreie“ Realität in Ingolstadt seit dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes, nur eine weitere jahrzehntelange „Pause“ darstellt oder ob die Geschichte des Judentums in Ingolstadt faktisch beendet ist und keine Fortsetzung mehr haben wird. Ein Unglück (?), das ansonsten nur zahlreiche Dörfer und Kleinstädte in Bayern betreffen würde.

The history of Jews in Ingolstadt is as old as the city. Apart from the fact that also in Ingolstadt there were continual interruptions – expulsions and  resettlements after some years an decades – hardly anything in Ingolstadt recalls the century long presence of Jews in the second largest city in the Bavarian district of Upper Bavaria, which is part of the so called Munich Metropolitan Area. Ingolstadt is the setting of Mary Shelley’s “Frankenstein” novel. Adam Weishaupt in 1776 founded here the Bavarian “Iluminati” order which has been surrounded by umpteen legends and in 1516 the no less famous Bavarian Brewing Act was issued in Ingolstadt, which in 1472 became the seat of the first University in Bavaria.

Gun barrels at the Bavarian Army Museum, since 1969 at “Neues Schloss” Ingolstadt, regarded as the “most important military museum” in Germany.

Ingolstadt as headquarter of the automobile manufacturer “Audi” has the lowest unemployment rate of all German major cities (with at least 100.000 inhabitants), however it also is the only Bavarian major city which after World War Two has no new Jewish community.  Only the small Jewish cemetery, a walled-in enclave within the Westfriedhof with its 52 grave markers is a visible remnant. During the last two decades almost everywhere in Bavaria as well as in Germany emerged new re-established Jewish communities, even in rather small towns like Upper Palatinate Amberg or Weiden  (with some 40.000 inhabitants each).  So the question is raised why and what is different in Ingolstadt? Is the absence of a Jewish community in Ingolstadt just one of the many interruption in the long history of the city or has the extinction of the Ingolstadt’s Jewry been the last word.

Coat of arms of the City of Ingolstadt, it depicts a(n usually blue) “fire-spitting dragon” (Old-German: pantier), folk-etymologically reinterpreted as “panther” (jaguar).