Zur Geschichte der Juden in Ingolstadt


Teil 2:

Abgesehen davon, dass man in einer jüdischen Gemeinschaft auch in Ingolstadt eine entsprechende Infrastruktur voraussetzen kann und darf, also Synagoge, Friedhof, Mikwe, Schulhaus, Bäcker, Beschneider, Schlachter, Schreiber, Köche, Lehrer, Pfandleiher, Totengräber, Steinmetze, usw.  … ist es schwer, persönliche Angelegenheiten aufzufinden, die abseits des Absehbaren konkrete Personen betrafen. Eine eher flüchtige Notiz aus dem Leben mittelalterlicher  Ingolstädter Juden ist uns übermittelt in der Antwort von Rabbiner Mosche Halevi Molin מאוקשפורק משה הלוי מולין – mi’okschpurk – auf eine Anfrage aus Ingolstadt אנגאלשטאט – ingolschtat, aus der Zeit um 1367/8 betreffs eines Falles von Ehebruch.

Eine Frau verfiel wegen eines Unbeschnittenen (ארלא) dem Ehebrauch (ניאוף) und vom Judentum ab. Doch sie kehrte zurück, wanderte aber in eine andere Gegend. Nun kam ihre Mutter und beschwerte sich über den Herrn Aisik bar Salman (איזיק בר זלמן) ihren Schwiegersohn, der nach dem Abfall ihrer Tochter erneut geheiratet hatte, ohne sich zuvor ihr scheiden zu lassen. Die Lehrer in der Stadt sagten ihm (המורים בעיר אמרו לו) nämlich, dass durch den Abfall der Frau seine Ehe mit ihr keinen Bestand mehr habe. Da nun aber die Frau wieder zum Judentum zurückkehrte, entstand die Frage nach dem Bestand ihrer Ehe erneut. Sie hatte in einer anderen Stadt gelebt und nicht gewusst, dass ihre Ehe für ungültig erklärt wurde und ihr Mann erneut geheiratet hatte.

Rabbi Mosche Halevi, Frieden seiner Seele, übte starken Druck auf den Schwiegersohn und bestellte ihn zu Gericht nach Augsburg. Dort beredete er ihn, der Frau die Scheidung zu gewähren, damit sie wieder heiraten konnten und auch er frei von einem Schatten sei. Der Mann stimmte ein, nach eigenem Willen so zu verfahren und einen von ihm selbst gesuchten Überbringer den Scheidungsbrief (גט) an sie auszuliefern und bezeugen zu lassen, wodurch beide jeglichen Verpflichtungen entbunden seien. So sei die Frau von ihm geschieden und ein jeder möge sie gemäß den Gesetzen heiraten.“

(übersetzt nach 17.25 ,שו”ת רמהם, Krakau 1833)

Es ist zu vermuten, dass die ursprüngliche Anfrage an den Leiter des Augsburger Lehrhauses über die genannten Lehrer aus Ingolstadt weitergeleitet wurde. Die spätere, heute gültige „Differenz“ zwischen einem Rabbiner und einem Lehrer ist für die damalige Zeit freilich ohne Relevanz, weshalb die Anfrage kein Indiz dafür sein muss, dass es in Ingolstadt keine Rabbiner oder (Talmud) Schule gab. Vielmehr ist es – da Augsburg und Ingolstadt rund 80 km entfernt sind – eher ein Beleg für das Ansehen des Augsburger Rabbiners von dessen Sohn Jakob, der als rabbinischer Gelehrter den Ruf seines Vaters freilich noch bei weitem übertreffen sollte. Er berichtet davon, dass der Fall im letzten Jahr seines Vaters als Rabbiner in Augsburg behandelt wurde und dass später noch erfahren wurde, dass gemäß seiner Schlussfolgerung gehandelt wurde und alle damit zufrieden waren. Die Mutter der abfälligen Frau erhielt vom ehemaligen Schwiegersohn noch eine  finanzielle Vergütung für die Verpflegung der beiden Söhne binnen dreier Jahre. 

Die Identität des Eysick bar Salman ist ansonsten unbekannt, wie die Namen seiner Frau, Kinder und Schwiegermutter. Augsburger Steuerlisten verzeichnen nur wenig zu Ingolstadt und nennen uns für rund zwanzig Jahre (1377 – 1396) eine Zuerlin (vermutlich: „Sara“) von Ingolstat von der es heißt „sizzent mit ain gedinge und haund prieff“. Wir identifizieren sie als Schwiegertochter des Lemlin von Speyer, der bereits 1348 erwähnt ist und zu den Überlebenden der damaligen Angriffe auf die Gemeinde gehörte. Der altdeutsche Begriffe „Geding“ meint allgemein „Vertrag“, als „Leibgeding“ ein lebenslanges Wohnrecht beinhaltet, was wohl auch Gegenstand des erwähnten Briefes sein dürfte. Es wäre jedoch eine bloße Spekulation anzunehmen, dass Zuerlin aus Ingolstadt identisch sein könnte mit der in der Urkunde genannten geschiedenen Frau des Eysick. Die Anzahl der in Ingolstadt lebenden Juden in jener Zeit freilich ist nicht hoch und wenn man sie auf 200 schätzt, übertreibt man womöglich und hätte trotzdem eine 1:100 – Chance, dass die Identifizierung treffend wäre. Falls nun aber doch, wäre die Anfrage beim Rabbiner in Augsburg verbunden mit dem Umstand, dass die Frau dort lebte. Das freilich würde sich wahrscheinlich in der einen oder anderen Weise zumindest als Anspielung in der Fallbeschreibung finden. Wenn um 1368 über die Gültigkeit ihrer Ingolstädter Ehe geurteilt wurde und hernach davon die Rede war, der Schwiegermutter des Eysick drei Jahre Verpflegungskosten für die Söhne zu erstatten, dann liegt dort immer noch ein rundes Jahrzehnt bis zur Erstnotiz des Zuerlin aus Ingolstadt in Augsburg.

Zuerlin, die ab 1377 in Augsburg als Steuerzahlerin registriert ist – was nichts über die Dauer ihres vorherigen Aufenthalts besagt. 1380 ist ihr und Lemlins Sohn „Mosse“ erstmals verzeichnet, aber für das Jahr 1384, in welchem die Juden aus Ingolstadt vertrieben worden sein sollen, gibt es keine Anzeichnen für einen Zuzug Ingolstädter Juden nach Augsburg, was angesichts bestehender Verwandtschaftsverhältnisse wenigstens bemerkenswert ist. In der Schuttermutter-Kapelle, die der (umstrittenen) Überlieferung gemäß aus der bisherigen Synagoge entstand oder an ihrem Platz errichtet wurde überliefert eine urbane Legende, dass Ingolstädter Juden sich für eine frühere Vertreibung hätten rächen wollen indem sie einer Marien-Figur den Kopf absägten und in die Donau geworfen hätten. Diese sei aber auf wundersame Weise doch wieder von der Schmutter direkt an die Kapelle angeschwemmt worden, weshalb nun die Anbetung der wundersamen Schutter-Mutter begann. Die entsprechende Kirche wurde jedoch erst um 1740 geweiht, aber welche Rolle spielen Zeitsprünge von hunderten Jahren, wenn man zweifelsfrei sagen kann, dass die etwaigen „Täter“ sowieso Juden waren? Da ist es auch nicht mehr weit bis zu Phantasien einer „Shutter Island“: http://www.shutterisland.com

Aber es gibt noch weitere bezeugte Ingolstädter Wunder. In der Schatzkammer des Münsters etwa befindet sich das Brustkreuz Herzog Stephan III in welchem sich eine „Kreuzreliquie“ befindet – ein Splitter vom Kreuz an welchem Jesus von Nazaret gehangen haben soll. Die Reliquie wurde 1429 der Pfarrei geschenkt und wirkte zahlreiche Wunder. Überliefert wird etwa die Geschichte eines Bauern aus (dem heutigen Stadtteil) Hundszell (Hundszöll), dessen Ochse ernsthaft erkrankt war. Nach einer heiligen Messe mit der Reliquie und einem „Geldopfer“ freilich habe sich der Zustand des Rindvieh von Tag zu Tag gebessert, was für die Ingolstädter als beglaubigtes Wunderwirken des Kreuzsplitters genügte.

About 1368 Rabbi Moshe HaLevi from Augsburg, father of the famous MaHaRiL had to deal with a request for a legal opinion regarding a divorce issue. Apart from this case the medieval Augsburg tax records only know Zuerlin from Ingolstadt who is recorded in the time from 1377 to 1396 and is known as daughter in law of Lemlin of Speyer and wife of his son Moshe.

 

* * *

Likewise numerous are records of miracles and wonders in Christian Ingolstadt of the same time, for instance the case of the recovery of an ill oxen after a Mass in presence of a holy cross relic was read on his behalf.

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