Zur neueren Geschichte der Juden in Ingolstadt


In seiner „Geschichte der Juden von Ingolstadt 1300 -1900“ aus dem Jahr 1900 schreibt Arno Friedmann, dass mit dem Edikt vom 10. Juni 1813 habe eine neue Ära für die Juden in Bayern begonnen, da ihnen Gewissensfreiheit zugesichert und die Freiheit gewährt wurde, Häuser, Felder und andere Grundstücke zu erwerben.

Friedmann schreibt: „Nach dem Inkrafttreten dieser Verordnungen kamen auch nach Ingolstadt wieder Juden, um von hier aus Tags über Geschäfte zu betreiben; übernachten mussten sie in Nachbarorten, da ihnen dieses hier nicht erlaubt war.“ (S. 25)

Eine aus dem Jahre 1846 stammende Verordnung der Stadt Ingolstadt verfügt, dass jeder Jude sich beim  Stadtmagistrat anmelden und über den Zweck seines Aufenthaltes Auskunft geben müsse:

Der bei Friedmann wiedergegebene Wortlaut der Verfügung vom September 1846 ist anschaulich:

Da sich in hiesiger Stadt allenthalben die missfällig Wahrnehmung darbietet, dass sich fortwährend Juden dahier aufhalten, welche durch gesetzwidrige Zinsen-Abrechnung und wucherliche Händel die Einwohner in grosse Schuldenlast bringen, und durch allerlei Geschäfte das Publikum benachteiligen, so sieht man sich veranlasst, auf Grund der bestehend allerhöchsten Bestimmungen folgende Anordnungen in Vollzug zu setzen:

1. Jeder Jude hat sich nach seiner Ankunft in hiesiger Stadt jedesmal sogleich beim Stadtmagistrate mit Auszeichnung seiner Geschäfte, welche ihn hierher geführt haben, zu melden, und die Aufenthaltsbewilligung zu erholen.

2. Von der Polizeibehörde wird kein längerer Aufenthalt gestattet, als die Geschäfte es nothwendig machen.

3. Jeder ohne Polizeikarte sich hier aufhaltende Jude ist bei einer Strafe bis zu 10 Reichsthalern von seinem Hausherrn oder Gastwirt anzuzeigen.

4. Gleiche und noch empfindlichere Geldstrafe haben diejenigen Juden zu gewärtigen, welche diese Anordnungen unbeachtet lassen, oder die Obrigkeit durch die Angabe eines gar nicht existierenden Geschäfts zu täuschen suchen.

Ingolstadt, den 22. September 1846

Magistrat der Königlichen Stadt Ingolstadt

v. Grundner, rechtsk. Bürgermeister“

(Ingolstädter Wochenblatt, Jahrgang 1846, S. 343)

 

Der unterzeichnende Bürgermeister war Georg von Grundner (1813 – 1893) , der mit vollständigen Namen Georg Corbinian Christian Ritter und Edler von Grundner hieß. Der gebürtige Münchner war Jurist und von 1844 bis 1855 „rechtskundiger“ Bürgermeister von Ingolstadt und zugleich auch Kommandant des Landwehrbataillons. 1848/49 gehörte kurzfristig auch der Nationalversammlung in Frankfurt an und war hernach noch Richter am Landgericht in Ingolstadt, ehe er im Ruhestand nach München zurückkehrte.

Zumindest eine Anzahl von Personen, die sich im Sommer des Jahres in Ingolstadt aufgehalten haben, sind uns durch erhaltene Urkunden namentlich bekannt. Der aus dem fränkischen Bamberg stammende und ins damals noch dänische Altona ausgewanderte Porzellan-Maler Max Mordechai ben Abraham Steinhardt beabsichtigte dort die aus portugiesischer Familie stammende Amalia Tobias zu ehelichen. Die der Ehe vorausgehende Chalitza – Urkunde wurde jedoch überaschender Weise auf den 21. Aw 5606 (13. August 1846) in Ingolstadt ausgestellt und von den als Rabbinat-Richter  fungierenden Abraham Reitlinger aus Pappenheim und Simon Neumann aus Treuchtlingen unterschrieben wurden. In dieser Zeit gab es fraglos keine jüdische Gemeinde in Ingolstadt, der Magistratsurkunde gemäß offenbar aber zahlreiche in der Stadt anwesende Juden. Steinhardt hatte 10 Tage später in Altona geheiratet und eine (Rück)Reise über 700 km von Ingolstadt nach Hamburg war damals, als es noch fast nirgends Eisenbahnlinien gab, sicher beschwerlich. Auch von Treuchtlingen und Pappenheim, wo es damals Rabbiner und Gemeinden gab, waren es noch rund 60 Kilometer bis in die königlich bayerische Stadt. Der Treuchtlinger Rabbiner war Isaak ben Pinchas Skutsch (1800-1873), dessen Vorfahren Rabbiner in Kriegshaber waren. Der damalige Rabbiner Altonas freilich war Jakob Ettlinger (1798-1871), von dem es überraschend heißt, seine erste Position als Rabbiner habe er in Ingolstadt eingenommen und zwar bereits 1825. Davon weiß freilich weder Arno Friedmann noch sonst jemand etwas zu berichten und so bleibt es fraglich, ob es 75 Jahre vor Abfassung seiner Schrift zumindest kurzfristig einen Rabbiner in Ingolstadt gegeben hat. Innen- und Außenperspektiven müssen auch nicht immer deckungsgleich sein.

Eine allgemeine Freizügigkeit in der Ortswahl bestand in Bayern erst seit 1848. In den folgenden Jahrzehnten hätten trotzdem aber nur vereinzelte jüdische Familien in Ingolstadt gelebt:  „Erst am 1. September 1884 bildete sich ein Synagogenverein, dem 15. Mitglieder angehörten. Aus ihm entstand am 11. Oktober 1892 die heutige israelitische Kultusgemeinde.“ (S. 26/27) Friedmanns Angaben gemäß zählte die Gemeinde im Jahr 1900 neunzig Mitglieder, nämlich 38 Männer, 28 Frauen und 24 Kinder. Der damalige Betsaal bestand in der Milchstr. 8 und verfügte über 25 Sitzplätze für Männer und 15 für Frauen. Insgesamt 17 Schüler erhielten als Volks-, Real- und Sonntagsschüler. Der Friedhof wurde am 30. Dezember 1891 eingeweiht und befand sich der damaligen Beschreibung: „außerhalb der Hauptumfassung der Festung, westlich der Stadt, 2 km entfernt, hinter dem Kommunalfriedhof“. Heute, 111 Jahre später ist er dessen Bestandteil und von allen Seiten vom Westfriedhof umgeben.  Arno Friedmann selbst ist dort bestattet. Friedmann war als Lehrer der jüdischen Gemeinde Nachfolger von Leopold Regensburger, der von 1901 bis 1912 in Ingolstadt unterrichtete ehe er nach Kriegshaber ging und in der dortigen Gemeinde bis 1931 für die orthodoxe Gemeinde tätig war.

Die beiden Häuser Milchstr. 8 + 9 in Ingolstadt in welchen der Ingolstädter Bankier und Gemeindevorsitzenden Adolph Schülein 1876 in seinem Privathaus einen Betsaal einrichtete ehe im schräg gegenüber liegenden Haus in der selben Str. die bei Friedmann beschriebene Gebets- und Unterrichtsstätte des Synagogenvereins eingerichtet wurde.

Bald nach Erscheinen von Friedmanns Schrift bemühte sich die jüdische Gemeinde in Ingolstadt um einen neuen Betsaal. Da für einen eigenen Neubau Voraussetzungen und Mittel fehlten, gelang es schließlich ab 1907 das Haus in der Theresienstr. 23 als Synagoge zu nutzen. Das Gebäude selbst hatte eine nicht unbedeutende Vorgeschichte, diente es von 1782 bis 1785 doch als Tempel des umstrittenen Iluminaten-Orden. Dieser wurde am 1. Mai 1776 als Bund der Perfektibilisten (bzw. als „Bienen-Orden“)  unter dem Vorsitz von Adam Weishaupt (1748-1830) gegründet. Weishaupt war an der Universität Ingolstadt (der ältesten Bayerns) Professor für katholisches Kirchenrecht und für „praktische Philosophie“. Gerüchten gemäß, die im Halbschatten von Geheimorden bekanntlich besonders  gut gedeihen, soll Weishaupt selbst „jüdischer Abstammung“ gewesen sein und den Namen Weishaupt von Weiskopf (Name einer in Nordschwaben geläufigen Rabbiner-Familie) entlehnt haben – was keine sonderlich originelle Neuerung wäre. Zudem ist „Adam“ als Vorname für Juden recht untypisch. Gerschom Scholem und andere sehen Weishaupt eventuell im Umfeld der Frankisten. Diese waren Anhänger des Jakob Frank (eigentlich Jakob Leibowicz, 1726-1791), eines schwärmerischen Pseudo-Messias, der u.a. auch Jesus und Mohamed verehrte, sich dem Christentum annäherte und den Talmud verbannte. U.a. verbreitete er die Ansicht, der Talmud lehre die Pflicht für geheime Rituale Blut von Christen zu verwenden.

Weder positiv noch negativ deutet etwas auf eine jüdische Einflussname des Illuminaten Ordens hin zu dessen Mitglieder auch Knigge und Goethe gehört haben sollen – „jüdisch“ ist bei Verschwörungstheoretikern immer das Ungenannte, Unbekannte, weshalb nie Namen jüdischer Mitglieder genannt werden, falls es solche je gab. 1785 wurde der Orden (der den Prinzipien der „Freimaurer“ folgen soll) jedoch verboten und Adam Weishaupt floh nach Gotha, wo er bis zum Ende seines Lebens blieb, während Werbung für den Orden in Bayern unter Todesstrafe gestellt wurde.

Was in den zwischenzeitlichen 120 Jahren mit dem Gebäude geschah, ist etwas unklar, im Jahr 1907 jedenfalls wurde die Synagoge dort eingeweiht. Sie hatte einer äußeren Erinnerungstafel gemäß bis 1938 Bestand. Bald nach der Nazi-Herrschaft wurde sie demnach sogar auch wiederherstellt und von 1946 an erneut benutzt, dann 1952 schließlich aus Mangel an Juden in Ingolstadt „aufgegeben“.

Der Ingolstädter Illuminaten-Orden ist auch Gegenstand der ziemlich versponnenen, in weiten Teilen eher satirischen als historischen Iluminatus-Trilogie des 2007 verstorbenen „Kult-Autoren“ Robert Anton Wilson, die einen enormen Einfluss auf die moderne Pop-Kultur nahm und eine Flut von weiteren Verschwörungstheorien als inzwischen einigermaßen etabliertes Unterhaltungsgenre nach sich zog. Am Ende der Roman-Handlung ist ein Massenmord bei einem Rockkonzert in Ingolstadt geplant. Dieses soll mit Hilfe von Nazis ausgeführt werden, die seit Kriegsende im Totenkopfsee schlummern. Einen solchen See gibt es in Ingolstadt nicht, aber es könnte eine Anspielung auf den künstlichen See beim ehemaligen Reichstagsgelände in Nürnberg sein, wo des Öfteren auch schon Rockkonzerte stattgefunden haben.

Nicht minder populär ist natürlich die Geschichte von „Frankenstein or The modern Prometheus“ von Mary Shelley (1797 – 1851). Die Tochter des englischen Anarchisten William Godwin siedelte einen Teil der Handlung des 1818 zunächst anonym erschienene Romans in Ingolstadt an. Dort besucht der Titelheld Dr. Victor Frankenstein, der einen neuen Menschen schafft , kommt bereits als 17jähriger nach Ingolstadt, um an der dortigen Universität Medizin zu studieren. Auch das insbesondere in der filmischen Verkörperung durch Boris Karloff  (eigentlich: William Pratt 1887-1969) seit 1931 in der Produktion von Carl Laemmle weltberühmte „Monster“ mit den charakteristischen Stirnnähten ist dem Roman gemäß in Ingolstadt erschaffen worden. Shelley war vermutlich niemals in Ingolstadt, jedoch besaß die Stadt wegen der Illumination wie auch wegen der medizinischen Sammlung der Universität (seit 1973 im „Deutschen Medizinhistorischen Museum“) einen offenbar bestimmenden Ruf. Demnächst etwa startet die Sonderausstellung „Vom Tatort ins Labor“, um über die Arbeit von Rechtsmedizinern aufzuklären.

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