Der Priester-Segen der Kriegshaber Synagoge

June 26, 2014

Zu den erhaltenen wenigen Überresten in der ehemaligen Synagoge in der Ulmer Straße in Kriegshaber gehörte die Inschrift mit dem ברכת כהנים dem Priester- bzw. Aaronitischen Segen über dem Türstock des ehemaligen Synagogenraums. Der Birchat Kohanim ist der historisch älteste überlieferte Segen des Judentums und wird in Übersetzungen auch von Christen in aller Welt zitiert. Er stellt eines der bekanntesten Zitate des Judentums und der Weltliteratur dar und steht praktisch für den Segen Gottes an seine Gemeinde. Über der Türe der Synagoge kam dem Priestersegen auch in der alten Kriegshaber Synagoge eine besondere Bedeutung zu. Es ist bezeichnend, dass der Segen, der sowohl die Überfälle der Nazis, wie auch den Missbrauch der Synagoge in den Folgejahren und sogar auch den jahrzehntelangen Verfall überstand, nun aber ausgerechnet Opfer der “Restaurierung” des Gebäudes wurde.

Kriegshaber Synagoge Priester Segen Türe Überrest 2012Überreste des Aaronitischen Priestersegens in schönen blauen Lettern über dem Eingang der ehemaligen Synagoge von Kriegshaber Ende Januar 2012. Im Zuge der Renovierungsarbeiten wurde die linke Hälfte der Inschrift bereits übertüncht.

Kriegshaber synagogue priestly blessing inscription - birchat kohanimSelbst Analphabeten erkennen zumindest das Vorhandensein von Buchstaben, dem kundigen Leser erschließt sich mit dem zweifelsfreien ישא יי פניו אליך (Gott erhebe sein Angesicht über Dich) sofort der allgemein bekannte Priestersegen. Ihn nicht zu kennen entspräche im Christentum wohl nicht zu wissen, was Weihnachten ist. “Weihnachten? Nie gehört!” “Was isse Nikolaus? Nixe wisse! Laus nix gut. Du nehme Spray?!”

Arthur Obermayer Kriegshaber Synagogue in front of priestly blessing 2012Dr. Arthur Obermayer in front of the door, above the Birchat Kohanim inscription

Unser Begleiter im Januar 2012, Herr Arthur Obermayer aus Boston/Ma. fragte damals die Architekten, die uns die arbeiten am Gebäude erleuterten, ob es möglich sei, zu sagen, um was für eine Inschrift es sich handelte. Mit dem Hinweis darauf, dass es sich um eines der berümtesten hebräischen Zitate der Bibel überhaupt handelt, das auch im Christentum äußerst populär sei, wandte er sich an die Leiter der Restaurierungsarbeiten und schlug ihnen vor, dass sie sich an uns wenden können, wenn sie Fragen bezüglich dieser oder anderer Inschriften oder Funde habe. Darüber wurde nun schnell Einverständnis erzielt und den Verantwortlichen Visitenkarten übergeben. Genutzt wurde das Angebot freilich nicht. Nachfragen unsererseits bleiben unbeantwortet, weshalb wir davon ausgehen können, dass die Ausmerzung der Inschrift so gewollt ist.

Durch die langwierige und recht teure “Restaurierung” ist der Priestersegen nun beseitigt worden, was angesichts der involvierten Fachkompetenz von Prof. Kießling, Dr. Brandt und Dr. Schönhagen und anderer Personen, die sich schon mal mit hebräischen Buchstaben und Texten befasst haben sollten, doch überrascht.

Kriegshaber Synagoge Museum Ausstellung Umgang heuteOhne Segen – “Umgang mit den ehemaligen Synagogen heute

Das sich gleich neben der Türe eine Tafel der Wanderausstellung über (ehemalige) “Synagogen in Schwaben” befindet, welche Aufschluss geben will, über den Umgang mit diesen heute ist, wie vieles andere selbstredend.

Priestersegen Kriegshaber priestly blessing Birchat Kohanim?  … מנא מנא תקל ופרסין

Vom rein technischen Standpunkt wäre es sicherlich kein “Problem”, die getilgte Inschrift wieder anzubringen, insofern das nicht weitere Unsummen verschlingen sollte. Gewollt sein wird es absehbar nicht. Eine Gemeinde, die gesegnet werden soll, gibt es ja nun auch nicht mehr.

Wir erinnern an sie.

במהלך השיקום בבית הכנסת לשעבר בקריגסהבר אוגסבורג שעכשיו הוא מוזיאון ממלכתי המומחים להכחיד הכהנים מעל דלת בת כנסת

-לפני 2 שנים שדברנו עם המומחים באופן מפורש על כך. מאז הם לא יכולים לקרוא בעברית הצביעה ד”ר ארתור אוברמייר מבוסטון עלינו. היה להם כרטיסי הביקור שלנו, אבל לא שאל. עכשיו הכיתוב קריא בוטל

ההרס היה מכוון. הם לא יכלו לקרוא את ברכת הכהנים והם יכולים להשתמש בו

אף אחד לא אכפת ! להיפטר ממנו

הם חוששים תלמוד תורה ועד היום

 

Kriegshaber synagoge museum exhibition June 2014

IN the course of the costly restoration of the former synagogue of Kriegshaber and the conversion to a branch of the stately Jewish Kulturmuseum an old Hebrew inscription above the entrance door of the main room of the prayer house was wiped out, although two years earlier the issue was adressed empahically by us and Mr. Arthur Obermayer from Boston. The current exhibition of the new museum on former synagogue in Bavarian Swabia now also has an article on “the appraoch today”.  Obviously that is self-evident.

Photos: Margit (2014), Yehuda (2012)

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Synagoge Kriegshaber

June 6, 2013

Inside former Kriegshaber Synagogue, currently under restoration, scheduled to open as branch of the Jewish museum in fall 2013.


Die Augsburger Juden der Nachkriegszeit

April 19, 2013

Augsburg Synagoge Westseite

Zukunft im Land der ‚Täter‘?“ – Jüdische Gegenwart zwischen ‚Wiedergutmachung‘ und ‚Wirtschaftswunder“ 1950-1969“ lautet die Mittwoch Abend im Jüdischen Kulturmuseum Schwaben-Augsburg eröffnete Ausstellung (Unter der Schirmherrschaft der nicht anwesenden Münchner Gemeindevorsitzenden Charlotte Knobloch), als zweiter Teil der Serie „Leben in Augsburg nach der Katastrophe“, die sich der Nachkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinde widmet.

Jüdisches Kulturmuseum Augsburg Schwaben Ausstellung Zukunft im Land der Täter April 2013

Dr. Schönhagen

Theo GandenheimerBürgermeister a.D. Theo Gandenheimer

Dr. Benigna Schönhagen (geb. 1952), Leiterin des Museums und mit der IKG Gastgeberin der Veranstaltung eröffnete die Veranstaltung und zitierte die oft genannten „gepackten Koffer“ und verwies auf Hella Goldfein, die sich in München als Familientherapeutin auch mit Traumatisierungserfahrungen beschäftigt und als Tochter der (in Augsburg bestatteten) Holocaustüberlebenden Meir und Ester Fischl hier aufwuchs. Der ehemalige Augsburger Bürgermeister und langjährige Stadtrat Theo Gandenheimer (geb. 1934) nannte das Ausstellungsthema einen „bislang völlig unbekannten Teil der Geschichte Augsburgs“ und sprach vom „bewundernswerten Mut der Juden sich nach alledem wieder bei uns niederzulassen“. Die 1952 in Dachau geborene Christine Kamm, seit 1990 für die „Grünen“ im Augsburger Stadtrat und seit 2003 im bayrischen Landtag, sagte, die Geschichte der Überlebenden des Holocausts sei „im kollektiven Gedächtnis verloren gegangen“. Die Mitbegründerin des „Vereins der Freunde und Förderer des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben e.V.“  erwähnte ihren Parteikollegen Jerzy Montag (wohl weil dieser neben einer katholischen Mutter einen jüdischen Vater hatte) , berief sich ebenfalls auf die Münchner Diplom-Psychologin und zitierte deren Aussage darüber, dass „die Gedanken der Kinder das Schweigen der Eltern ausfüllte“.

Dr. Andrea Sinn (geb. 1981) sprach als Kuratorin der Ausstellung. Schon als Mitarbeiterin am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität in München beschäftigte sie sich mit Juden, die in der Nachkriegszeit (wieder) in Deutschland lebten. „Nach der Befreiung“, so sagte sie, sei es „für die meisten jüdischen Menschen unvorstellbar“ gewesen nach Deutschland zurückzukehren, weshalb viele „nach Palästina, bzw. Israel“ gingen. Zunächst hätten die Juden in Deutschland keinen Kontakt zu den „Nichtjuden“ gehabt, wohl habe es aber geschäftliche Kontakte gegeben. Zur Zeit des Wirtschaftswunders hätten so auch einige der Juden selbst wirtschaftliche Erfolge erzielen können. Ein Beispiel dafür nannte schließlich auch der Vorsitzende des Stiftungsrates des Museums Dr. Georg Haindl (geb. 1956) und Sohn des Papierfabrikanten Georg Karl Maria Haindl (1914-1970), der wikipedia gemäß dem auf die Kreuzfahrer zurückgehenden „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ (Ordo Equestris Sancti Sepulcri Hierosolymitani) angehörte. Haindl verwies auf Gustav Einstein, der im Besitz der Unterbaarer Schlossbrauerei war, von den Nazis enteignet wurde und in der Nachkriegszeit wieder zu seinem Besitz kam. Der heutige Besitzer der Brauerei habe für die Veranstaltung so auch einiges Bier gespendet, womit sodann auch bereits zum Büffet übergeleitet wurde …

christine kamm grüneChristine Kamm, Grüne Augsburg

Dr Andrea Sinn Kuratorin Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Andrea Sinn, Jewish Museum Augsburg

Dr Georg Haindl Stiftungsrat Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Georg Haindl (III.) Augsburg

* * *

Der Titel der Ausstellung, wurde bereits von den Festrednern in Frage gestellt – damit aber noch nicht in Abrede. Die in manchen Passagen weinerlich anmutenden Stimmen mancher Redner zeugen davon, dass trotz aller Beschwörung einer „Normalität“, sich diese (wenigstens in diesem Rahmen) nicht einstellen will und die Gemüter bis auf weiteres beunruhigt bleiben. Man wählt die Worte ganz behutsam, immer darauf bedacht, keinen Argwohn zu wecken. Obwohl auch gerade Museen mittels ihrer limitierten (nicht selten auch nur zufällig erhaltenen) Dokumente, Modelle und Schnappschüsse fraglos nicht die Alltagswirklichkeit (von in diesem Fall: zwei Jahrzehnten) darstellen können, stapeln sich doch vorsorgliche Entschuldigungen und werden auch bewusst angesprochen, etwa, dass die Ausstellung „keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben“ wolle. Etwas anderes zu erwarten, wäre ziemlich albern, weshalb die Beteuerung wie so oft unsicher wirkt, bewusstseinsgespalten und aufgesteckt.

Formulierungen wie „Tätervolk“, „Land der Täter“ „… der Opfer“, „.. der Taten“ und dergleichen sind seit Jahren, bald schon wieder Jahrzehnten gebräuchlich und kontrovers und noch nach jeder Diskussion sind sich die meisten Diskutanten in etwa darüber einig, dass man nicht pauschalisieren dürfe, solle, könne. Ans Banale grenzende Einsichten dieser Art vorauszusetzen erscheint dann aber offenbar zu anspruchsvoll und vielleicht hat man sich auch deshalb auf Begriffe wie „Erinnerungsarbeit“ verständigt. Dass Fachkreise ihr eigenes Vokabular (er)schaffen, um ihre Wirklichkeit zu beschreiben, ist eine nicht minder geläufige Beobachtung der Linguistik.

Ansonsten dominiert “sowieso” (wie die Schwaben sagen) ganz allgemein der psychologische Zugang zum Thema. Und wo man, bei Bedarf eine Straße einfach überqueren könnte, konstruiert man kunstvolle Wendeltreppen, die verschiedene Perspektiven auf die Straße bieten und ermöglich sie von oben “objektiv” zu betrachten. Wie gut also, dass sich gerade die „zweite Generation“ Therapien zugänglich machen lässt. Θεραπεία heißt eigentlich „Dienen“ und so sind Kunsttherapien und dergleichen gewiss auch (zweck)dienlich.

Von der „Heimkehr der Unerwünschten – eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ sprach bereits das auch schon wieder vor über zwei Jahren erschiene Buch des 1974 geborenen Olivier Guez, das bei einem Preis von 64 Euro offensichtlich nicht zu viele Leser haben sollte, aber vielleicht in Augsburg doch welche fand und somit wohl auch Anregung geben konnte. „Rückkehr unerwünscht“ titelte aber bereits 1978 ein Buch von Joseph E. Drexel (1896-1976). Details.

Als „Unerwünschte“ wurden Juden in Augsburg nun nicht vorgestellt, stattdessen schilderte man einen Konflikt zwischen der recht kleinen Gruppe zurückgekehrter Augsburger Juden und Verschleppten aus Osteuropa. Diese hätten zwei Gemeinden gebildet und erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen zueinander und zur heutigen Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg gefunden. Selbstverständlich wurden auch die erwartbaren Schwierigkeiten mit den schätzungsweise insgesamt etwa 117 mal erwähnten „Nichtjuden“ nicht verschwiegen (aber auch nicht präzisiert, obwohl es da einiges sehr Aufschlussreiches zu berichten gäbe ..!).  Begriffstypisch entspricht dies Nichtrauchern oder Nichtschwimmern, quantitativ ist die auch in Augsburg fast unüberschaubare Gruppe weitgehend deckungsgleich mit der der „Nichtbuddhisten“. Auch hier ist die „Begrifflichkeit“ wieder mit Bedacht gewählt, denn das „Nicht-…“ soll hier nicht ausgrenzen, wie ein „Un-„ (Mensch, Tier, Vermögen, …). Unerwünscht wäre allenfalls “das Judentum” also (sog. “Orthodoxes” solches), eine Gefahr, die aber wohl nicht besteht. Was soll man denn auch einwenden wollen gegen “gebildete Leute” , die Mozart, deutsche Kultur und Sauerkraut mögen oder den FC Bayern München?

Unterbaar Schlossbrauerei Einstein Bier Emblem 1955

Der aus Buttenwiesen stammende Gustav Einstein (1882-1960) war von 1925-1933 im Besitz des Schlosses und der Brauerei in Unterbaar (heute mit Oberbaar zu Baar zusammengefasst, bei Thierhaupten, irgendwo zwischen Meitingen und Pöttmes, 30 km nordöstlich von Augsburg). Erworben hatte er es von den aus Freiburg stammenden Gebrüdern Himmelsbach, die mit Holzverarbeitung ein Vermögen machten, sich dann aber im Wortsinn verspekulierten und Pleite waren. Der “arisierte” Betrieb wurde von Hans Emsländer übernommen, der die Brauerei 1955 wieder an Einstein zurückgeben musste. Einstein starb im November 1960. Seine Erben verkauften Brauerei und Schloss 1963 … Der heutige Eigentüm von Trockau besitzt den Betrieb bereits in zweiter Generation:

www.schlossbrauerei-unterbaar.de

Der Blickwinkel der Ausstellung ist – die Redner hatten es längst verinnerlicht oder wenigstens erkannt – trotzdem einer aufdie Juden“ (und zwar weitgehend im Sinne bloßer Abkömmlinge einer “problematisierten” Abstammung), die nun letztendlich selbst zum Ausstellungsobjekt geworden sind. In gewisser Weise ist damit mein noch in den 1990ern gesagter Satz, dass man als Jude in Augsburgmit einem Bein in der Vitrine …“ stehe, fast Wirklichkeit (im Sinne der durch einen Museums-Besuch gemachte “Erfahrung”) geworden.

Tatsächlich wird es aber noch einen dritten (bis 1985) und einen vierten (bis zur Gegenwart) Teil der Ausstellungskonzeption geben.

* * *

Die Ausstellung ist noch bis 15. September 2013 zu sehen. Dazu erschienen und im Museum für 14 Euro erhältlich ist ein deutsch-englischer “Katalog” (ISBN 978-3-9812246-3-4

(Photos: Margit Hummel)


Jewish Museum Berlin

October 31, 2012

While many people today compare stories you tell them from your own experience with episodes they have seen in a movie or TV series, modern museum concepts try to explain the relationship between experience and museums. As a key institutional space of modernity  museums currently increasingly appear as active operator. You no longer just have to enter an usual room with some more or less precious samples in show cases or behind barriers. Modern concepts include interaction, audio-guides, videos, computers, screens and other touchable items you can grasp with your hands, in order to make as many different sensual “experiences” as possible. Maybe the way you know from a ghost train at funfairs.

When it comes to the question of how to organize a Jewish museum the problem to deal accurately with it obviously already is the requirement to deal accurately with it. Since for most Gentiles Judaism in one way or another is connected with the Holocaust, a Jewish Museum obviously is no funfair matter, although some ghosts are still haunting in many attics. One way to get over the known dilemmas for two decades or so was to use architecture and its forms as key element of a modern museum concept. Thus exhibition premises as well as individual showrooms, their furnishing, technical equipment, illumination, etc. have become at least as important as the actual exhibits.

If teenagers who grow up with umpteen sequels of “scary” movies and smart phone videos of bullied classmates are bored to look at poster sized black-and-white photos of murdered Nazi victims, let them enter a narrow, dark and rather frigid concrete tower which will leave on them the sensation of  “hopelessness” and “desperation”. At least that is what was the “master plan” in Berlin at the new “Jewish Museum” and since there is no intention to learn anything from jewish culture and tradition, that apparantly “works”.

The idea of the former Israeli director of the museum Amnon Barzel (born 1935) to use the museum as an instrument to portray German history from a Jewish standpoint, instead of the usual Gentile perspective on Jewish clichés, items and exhibits, was rejected. With Polish-Jewish architect Daniel Libeskind whose main aspect in architecture is “the experience” and Berlin born Werner Michael Blumenthal, (former Secretary of the Treasury under President James Carter from 1977-1979 and since 1997 successor of dismissed Barzel), who said at the opening the museum was “not for Jews but for Germans” the project broke out in another direction.

The Jewish Museum of Berlin, inaugurated two days before „9/11“ in 2001 is best known for its remarkable zigzag design, which is interpreted as “Blitz” by one or as “broken Star of David” by another, but actually also equals the more or less likewise random route of the Berlin Wall in the center of the town, which you can still take notice of on Berlin roads signed by marks. The makers of the federal museum obviously also felt some kind of connection and maybe therefore integrated a “Checkpoint Charlie” entry, where as visitor of the museum you will be treated like a terror suspect by the employees of a private security company.

You have to put all your baggage, such as backpacks, purses or handbags on a conveyor belt which takes it to a x-ray like apparatus. Next you have to undress your jacket and overcoat, because it also has to be roentgenized. Now you have to pass a security door system, which of course suddenly peeps as if you was leaving a supermarket or library with demagnetized items. No need to be embarrassed here, because it is just your key in your trouser pocket as one of the four security agents who are occupied with you instantly finds out with his hand held metal detector. He requests you to show the content of your trouser pocket. It is a bunch of keys. He looks fleetingly at the keys and asks you to put them in small plastic container one of his colleagues sticks toward you. Why? Because also your keys are x-rayed and you starting to worry whether this are reasonable security measures or harassments. And indeed your key does not contain any weapons as you know them from James Bond movies. But the hand probe of the security man now detects another peep worthy violation: your wallet in the other trouser pocket. Since Euro-Cent coins are mainly made from steel (covered by a copper alloy) there of course is another potential reckless endangerment. It is hard to imagine what kind of malicious insidiousness actually may fit in a flat fingernail sized 1-Euro-Cent coin, but of course the German saying goes” Ordnung muss sein”. Finally you pass all the examinations and you get your personal belongings back. Since it is no secret that there are terrorist attacks against Jewish facilities or others which they regard as such, you already accepted the procedure as a bit annoying and surely exaggerated – but maybe in some respects also as necessary. After all we know that from airports and the like. You received a thorough examination and usually that is the end of that! But not so in the zigzag-museum.

Although your belongings were checked and x-rayed by a number of people and probes, you are not allowed to carry any of it with you. In contrary there are no lockers which you can use to put your bags in. Every library or backwoods museum in Germany has lockers where you insert a coin and get personal key. Not so at the Jewish Museum in Berlin, where they have a checkroom instead with a number of additional personal from the same security company. They tell you that is not your decision what you may carry with you. You have to hand out your bags of course but also your jacket and overcoat. Why? The onset of winter outside and the concrete structure of the building of course do not warm up. Additionally a sign at the wall says that they assume not any liability for your belongings. Although half a dozen or more people treated you like a kind of criminal or terror suspect because as a Jew you wanted to visit the stately “Jewish” museum, in contrary you are requested to trust them, resp. to accept the possibility that your belongings will be lost.

Well, of course actually it was better to leave, but since you already have your ticket, you just ponder whether it was easier to get your money back or to “continue” with the exhibition. Of course you prefer the later. The permanent exhibition of the museum now promises to depict “two thousand years of German-Jewish history”. That sounds good, but unfortunately just is an advertising gimmick.

The first item of the exhibition is a replica of a small shard fragment of a late antique oil lamp with the partly survived emblem of a menorah on it. The original was found in the city of Trier and was dated “4th century”. Similar findings are known also in Augsburg or in Switzerland. Depending on whether you regard it as the beginning or end of the century the small replica remarkably already covered three or four hundred years of “German-Jewish history”. The next item was another replica of two figurines we already knew from Bamberg where we had seen a copy at the façade of the Cathedral and the original inside the church: two female statuettes which depict “ecclesia” (church) and “synagoga” (synagogue), which are dated about the middle of 13th century. The Berlin Museum now has a snow white plaster cast of the figures. Before you could turn around you already have left 1250 of the 2000 years of German-Jewish history behind you. Next there are some gimmicks like a huge hinged garlic bulb which represents the medieval Jewish communities of Speyer, Worms and Mainz. The Hebrew initials of the names frame the word “shum”, which actually means “garlic”, but it also means “nothing”. It is a common phrase in Hebrew to answer questions like “is anything wrong?”, “what is happening?” or “do you want to bring any weapons of mass distraction into the museum?” with “shum davar!”, what means “nothing at all” or “forget it!”

Soon after that you will be in the Baroque period, introduced by the famous “memoirs” by Glückel of Hameln (זיכרונות גליקל האמיל,see: http://en.wikipedia.org/wiki/Gl%C3%BCckel_of_Hameln), written about 1700. Actually the exhibition of the museum rather deals with the history between 1700 and 1945, two and a half centuries of modern Jewish German history, which of course rather is portrayed from the standpoint of the Gentile perspective. The pretention to represent “two thousand years” of history is misleading. In the same way it has not that much to do with Judaism, rather with some more modern day Jewish individuals whose roads of life are portrayed as far they were on the move on “common ground”. To put in a nutshell: sort of German-Jewish assimilation history over two and half century until the rise of the Nazi party who tore everything to shreds.

The museum concept is “between the lines”. So the architecture, especially the façade is characterized by crossed lines or let’s say by different kinds of crosses (The part of Berlin where the Museum is is called Kreuzberg,that means “Cross-Mountain”… ). A concrete building covered by zinc-coat sheets with cross windows of course does not represent the “openness” architect Libeskind was pretending. It is cold and impersonal, oversized and obtrusive. But as we know this comes not by accident but is part of the exhibition idea, which is to impress people rather by the architecture than by the exhibits (or replicas).

Double-cross window at Jewish Museum Berlin

Double-cross emblem in “Great Dictator” (wikipedia)

Double cross also is a phrase meaning to deceive by double-dealing, but there is no need to over-intellecualize the matter, since there also are a number of empty spaces called “voids”. One called “memory void” has some 10.000 (nobody wants to examine the figure) “faces” of steel, which are distributed on the ground of a narrow, some 60 feet tall “room” of uncovered concrete walls. The masks or “faces (as they put it) represent “the victims” – which one is unclear, but a number of sources say that a bit more than ten thousand Jews were killed by the Nazi. You can see there many visitors walking on the masks (or: “faces”) in order to listen the “sound” when they clang. A funny experience for school classes obviously. So they may “experience” what it is like … to jump on the faces of victims. Another “void” is the so called “Holocaust-Tower” (there is no explanation what actually is a holocaust – tower, the name obviously speaks for itself. Does it?). It is another rather pointy and high concrete room which now is complete dark – at least you have the impression until your eyes realize a small window at the ceiling. There, as we heard from leaving teenagers “you can feel the holocaust”. Isn’t that the experience Jewish museums urgently want to convey? Where else you can get such an “experience” for so little money?

one of the lower ten thousand


Das Jüdische Museum in Berlin

October 30, 2012

Das jüdische Museum, eine Stiftung des öffentlichen Rechts des deutschen Staates, in Berlin wurde am 9. September 2001 eröffnet. Die Konzeption des Museums sah vor, abseits vom “dominierenden Holocaust” jüdische Geschichte in Deutschland in den zwei Jahrtausenden davor zu vermitteln. Wahrscheinlich wählte man deshalb auch einen 9.9. anstelle eines sonst üblichen 9.11. als markantes Datum zur Eröffnung, ohne zu ahnen, dass zwei Tage später ein neues, weit populäreres Datum entstehen würde. Bei der Eröffnung in Anwesenheit von Bundespräsident Rau und Kanzler Schröder betonte Werner Michael Blumenthal (geb. 1926, von 1977 bis 1979 Finanzminister der US-Regierung unter Präsident James Carter und seit 1997 Leiter des Berliner Museums) das Jüdische Museum sei „kein Museum für Juden, sondern für Deutsche“. Eine Aussage, für die er teilweise heftig kritisiert wurde, da eine solch „strikte Differenzierung“ zwischen Juden und Deutschen bei manchen doch unangenehme Gefühle oder auch Erinnerungen weckte. Andererseits ist der Anteil deutscher Staatsbürger unter den in Deutschland lebenden Juden sicher auch heute noch deutlich unter zehn Prozent. Zum zehnjährigen Jubiläum, im September 2011, wertete Blumenthal das Museum als „Erfolg“ und wies darauf hin, dass es bereits 7.5 Millionen zahlende Besucher hatte. Wer, so Blumenthal, hätte sich das träumen lassen?

Ganz so überraschend war der Zuspruch dann nun aber nicht, wurden im Vorfeld doch bereits inhaltliche Faktoren, die hätten stören können, ausgeklammert. Im Sommer 1994 war als Blumenthals Vorgänger der Kurator und Kunsthistoriker Amnon Barzel (אמנון ברזל, geb. 1935 in Tel Aviv) zum Leiter des im Bau befindlichen Museums bestimmt worden. Mit seiner Konzeption, die vorsah, dass ein jüdisches Museum in Deutschland die allgemeine Geschichte aus jüdischer Sicht darstellen sollte und nicht, wie sonst die jüdische Minderheit aus der Fremd-Perspektive der „Mehrheitsgesellschaft“, konnte Barzel jedoch keinen Anklang finden.

Wohl um das Gesicht zu wahren, verständigte man sich deshalb auf einen Nebenkonflikt über die prinzipielle Eigenständigkeit des Museums in finanzieller und verwaltungstechnischer Hinsicht. Barzel wurde 1997 entlassen und die Aufmerksamkeit verschob sich von der inhaltlichen Konzeption auf die allgemein als „eigenwillig“ aufgefasste Architektur des Baus. Dieser wurde bereits 1989 geplant und von 1992 bis 1999 durch Daniel Libeskind (geb. 1946) ausgeführt. Die Vorgabe der staatlichen Bauherren verlangte ein „Museum und Mahnmal zugleich“. Der in Lodz geborene Architekt, dessen Credo lautet, dass es bei Architektur vorallem auf das „Erlebnis“ ankomme, nannte seinen Entwurf für das Projekt entsprechend „Between the Lines“, zwischen den Zeilen. Die Kritik, dass die eigenwillige Form des Museums dessen Funktion beeinträchtige, wies der 2010 in Augsburg mit der „Buber-Rosenzweig-Medaille“ ausgezeichnete Architekt zurück. Ganz im Gegenteil sei der Bau absichtlich so konzipiert, dass ab und an kein Platz für Ausstellungen vorhanden sei. Die so entstehende Leere symbolisiere so ja auch den Holocaust, bzw. das durch „ihn“ vernichtete Leben. Auch der bis heute noch überall anzutreffenden Interpretation des Baus als „zerbrochenen David-Stern“ widersprach Libeskind früh und konstatierte, dass diese grundfalsche Ansicht von Leuten vertreten werde, die „die Offenheit und Zeichenlosigkeit meiner Architektur nicht ertragen“ könnten. Der Museumsbau in der Lindenstraße ist jedoch keineswegs von Offenheit geprägt. Seine Fassade ist deshalb auch nicht aus Glas, vielmehr verdeckt graues Zinkblech den ebenfalls grauen Betonbau. Mit “Offenheit” hat dies rein gar nichts nichts zu tun. Auch ist die blecherne „Außenhaut“ alles andere als „zeichenlos“, sondern wie Gestaltungselemente innerhalb und außerhalb des Gebäudes geprägt von Linien, die sich immer wieder, meist in spitzen Winkeln kreuzen, manchmal auch mehrfach.

Die Dominanz der Kreuze, darunter auch Fenster in Form rechtwinkliger Kreuze, hätte sicher gut zu einem modernen christlichen Museum gepasst, ist womöglich aber auch nur eine mehr oder minder geistreiche Reminiszenz an den Standort des Museums im Berliner Stadtteil Kreuzberg.

Manche der gekreuzten Linien werden nun aber – wie bereits der Grundriss des Neubaus –wieder als Bruchstücke eines „David-Sterns“ gedeutet, wohl aus einem Bedürfnis heraus, diesen Stern, der kein eigentliches „Symbol“ des Judentums, sondern des modernen politischen Zionismus ist, entsprechend wahrzunehmen. Seit über hundert Jahren repräsentiert der „Stern“ das jüdische Volk und den Zionismus und seit 1948 die Flagge des Staates Israel. Vor den zionistischen Kongressen ab 1896 ist er auch nur sehr selten auf jüdischen Grabsteinen zu finden, erst ab den 1920er Jahren wird er einigermaßen geläufig. Der Grundriss des Gebäudes in ungleichmäßigen Zickzack-Linien (ob nun beabsichtigt oder nicht) sollte eigentlich aber, zumindest in Berlin, an den zuweilen nicht minder „eigenwilligen“, im Zentrum sog. recht ähnlichen Verlauf der Berliner Mauer erinnern, die über Jahrzehnte die Stadt teilte. An vielen Stellen sind diese Demarkationslinien auch im Straßenbild nachgezeichnet. Aber was hätte das jüdische Museum in Berlin mit der Berliner Mauer zu tun? Folglich ist es für viele naheliegender, sich einen „Blitz“ vorzustellen, vielleicht weil ein jüdisches Museum in Berlin einem Blitzschlag gleichkommt. Wer weiß. Wie auch immer, gibt es den Zickzack-Bau im Museum-Shop zu kaufen, in Miniatur versteht sich, für 9.90 Euro im Maßstab von 1:300 (das sind ca. 50 auf 20 cm, bei 7 cm Höhe) als Bastell-Set mit vier Bögen, im „einfachsten Schwierigkeitsgrad“, also „kinderleicht“, d.h. ohne Blech und Beton, natürlich aber auch ohne Inhalt.

Jüdisches Museum Berlin: Hochspannung – Lebensgefahr

Im Original ist das Museum hingegen unterirdisch mit dem schmalen, außen abseits stehenden, unbekleideten hohen Betonbau verbunden, den man „Holocaust-Turm“ nennt (ohne zu erklären, was das nun wieder eigentlich sein soll). Der „Verzicht“ auf die Blech-Fassade soll hier „Hoffnungslosigkeit“ und Sinnlosigkeit“ vermitteln, was – gar keine Frage – zumindest von außen betrachtet auch grandios gelungen ist. Aber auch im Inneren gibt es kaum etwas zu sehen, da das spitze und hohe Betonkonstrukt unbeleuchtet und fast komplett dunkel ist. Nur ein kleines Fenster ganz oben lässt etwas Licht ein. Das merkt man, wenn man dort etwas verweilt und die Augen sich daran gewöhnen. Dem Besucher soll sich auf diese Weise (die von angeblich von „den“ Juden empfundene) „Ausweglosigkeit“ vermitteln (Stimmen vorbeihuschender Schüler-Gruppen, zitierten auch, dass man dort „den Holocaust fühlen“ kann, … man stelle sich vor! Also wenn das mal kein “Erlebnis” ist, …!), doch begegnet einem die Ausweglosigkeit eigentlich bereits beim Eintritt in das Museum durch den 1735 entstandenen Barockbau (ehem. Kollegienhaus) des Berliner Museums, der bereits 1993 von Libeskind umgebaut wurde. Zwar ist das Zickzack-Gebäude entlang seiner Mittelachse insgesamt etwa 360 Meter lang und verfügt über mitunter 20 m hohe, kahle Räume, doch bleibt trotzdem wohl zu wenig Platz übrig, zumindest für persönliche Dinge, da man nur Dinge mitnehmen darf, die in eine kleine weiße Plastiktasche passen. Diese (deutsche?) Einheitstüte erhält man an der verpflichtenden Garderobe, nachdem man die Sicherheitsschleusen mit Metalldetektorrahmen und das mit sog. Handsonden ausgestattete Museums-Personal passiert hat.

Checkpoint Mordechai” – kein Verdacht wenn man trotzdem lacht ..?

Gegenstände aller Art

Das ist auch wegen der Menge an Wachleuten (ob das früher Grenzkontrolleure waren?) nicht einfach, denn zunächst müssen Taschen, Rucksäcke auf das Band gelegt werden, danach muss man Jacke oder Mantel ausziehen (Schuhe nicht), die ebenfalls durchs Band laufen und von einem Wachmann am Bildschirm beobachtet werden. Man selbst wird nun durch ein kleines Tor gebeten, dessen Detektoren sofort bemerken und umgehend akustisch vermitteln, dass man Metallisches mit sich führt. Es piepst schrill und aufgeregt, so wie im Supermarkt oder in der Bücherei, wenn jemand etwas bei sich hat, was nicht gescannt wurde. Man fühlt sich ertappt wie ein Dieb. Aber nun ja, klar, es ist der eigene Schlüssel in der eigenen Hosentasche. Das vermutet wohl auch der dritte Wachmann, der mit seiner Handsonde an der Hosentasche entlang fährt und in bestimmtem Ton dazu auffordert, den Inhalt auszuleeren. Berühren will er den Schlüssel nicht, sondern fordert dazu auf, ihn in einen kleinen Plastikbehälter zu legen, der nun ebenfalls auf dem Laufband „geröntgt“ wird. Gewiss um sicherzustellen, dass sich im Schaft der einzelnen Schlüssel keine Boxhandschuhe oder Sprengstoffgürtel befinden. Damit hat es sich natürlich noch nicht, denn in der anderen Hosentasche befindet sich die Geldbörse, mit Münzen (vieleicht sind 1 und 2 Euro-Cent-Münzen ja auch deshalb zu 95 % aus Stahl) und einem weiteren Schlüssel, usw. Schließlich darf man seine siebenundsiebzig Sachen wieder haben und Jacke und Mantel wieder anziehen. Ein gewisses Verständnis hat man für die Prozedur, da es bekanntlich Organisationen und verrückte Individuen gibt, die durchaus dazu in der Lage sind, „jüdische“ Einrichtungen oder solche die sie dafür halten, mit Sprengstoff und anderen Waffen anzugreifen, auch wenn Anschläge auf Museen wohl nicht vorkommen. Auch am Flughafen nehmen wir derlei Kontrollen gewohnt und achselzuckend auf uns, da sie auch unserer eigenen Sicherheit dienen. Immerhin kann man ja danach ins Flugzeug, in der Überzeugung, dass alles geregelt ist. Nicht so im Zickzack-Museum, wo weitere Wärter an der schwarzen Treppe die zur Dauerausstellung hinab führt, in forschem Ton gar keinen Zweifel daran lassen, dass die persönlichen Dinge, die man bei sich trägt, und dazu gehören Taschen, aber auch Jacken und Mäntel, die eben erst durchgeleuchtet und ausgeforscht, analysiert und begutachtet wurden, nicht erlaubt sind, den Eigentümer in das eigentliche Museum zu begleiten. In der Tat wäre es auch praktisch, wenn man die mitgebrachten Taschen in einem Schließfach abstellen könnte. Das klappt landauf, landab in allen möglichen Museen, Bibliotheken und sonstigen vergleichbaren Einrichtungen, selbst in der Provinz, im jüdischen Museum in Berlin ist eine solche Lösung jedoch nicht vorgesehen. Die Vorstellung, dass aufwendig durchleuchtete Besucher ihre Taschen selbst in ein Schließfach stellen können, muss für jene, die sich das offensichtlich auf bloße Machtdemonstration ausgerichtete staatliche Sicherheitskonzept ausgedacht haben, eine Bedrohung sein.

Nun also der Hinweis auf „die Garderobe“. Dort erklärt jedoch ein Hinweisschild, dass für Jacken, Taschen und Mäntel, die man dem Personal abgibt, keine Haftung übernommen wird. Das heißt „zwischen den Zeilen“: Kommt etwas abhanden, ist es eben weg. Pech gehabt. Aber wie sollte man bei der bisherigen Behandlung durch den inzwischen vielleicht schon zehnten Inspekteur selbst auch auf die Idee kommen misstrauisch zu werden? Man kann ja auch wieder gehen, wenn es einem nicht gefällt und vielleicht bekäme man nach langen Diskussionen auch das Eintrittsgeld wieder zurück. Vielleicht auch nicht.

Aus journalistischer Neugier, aber auch aus zeitgenössischem historischen Interesse, lassen wir uns trotzdem darauf ein, unsere mitgebrachten Utensilien in den Fängen der Garderobenpolizei zu belassen und uns ohne Jacken und Mäntel im etwas kühlen Betonbau zu bewegen, bevormundet und fremdbestimmt. Dass sehen aber womöglich längst nicht alle Besucher als problematisch an. Man vermittelt ihnen ja auch den Eindruck, dass  das irgendwie dazu gehört, so wie das Ausziehen der Schuhe beim Betreten einer Moschee. Wie gesagt hatte aber der Direktor des Museums ausdrücklich betont, dass es sich nicht um ein Museum für Juden, sondern für Deutsche handelt. Mit den jährlichen Basisenergiekosten von über sechshunderttausend Euro pro Jahr spart das Museum offenbar aber nicht nur mit dem Einsatz von LED-Beleuchtung und „moderner Lüftungstechnik“. Nach dem pauschalen Terror-Verdacht ist ein leichter Kälteschauer bei äußerlich bevorstehendem Wintereinbruch ist sicher auch ein eingeplanter Effekt im Rahmen der „Erlebnis-Architektur“. Durch die schwarze Treppe gelangt man nun nach unten, nicht zu einer Gruft, wohl aber zu Ausstellungen, die in verschiedenen Räumen über andere Museen und Konzepte, etwa in Brüssel, Kapstadt oder Haifa informieren, ehe man nun wieder steil nach oben steigen kann zur Dauerausstellung. Man kann dafür zwar auch einen „Lift“ benutzen, aber nach dem äußerst unsympathischen Auftakt spricht nichts dafür, derlei Annehmlichkeiten zu beanspruchen, da man das Gerät womöglich nur in Unterwäsche benutzen darf.

Die Ausstellung sei aus der Sicht mancher Kritiker zu wissenschaftlich, aus der Sicht anderer nicht wissenschaftlich genug, kann man nachlesen. Das soll gegenübergestellt sicher suggerieren, dass „man“ es ja ohnehin nicht jedem recht machen kann und dass „die Wahrheit“ bestimmt irgendwo in der Mitte liegt, vielleicht aber ja auch zwischen den Zeilen, in einem spitzen Winkel, in einer versteckten Ecke oder in einem der zahllosen Kreuze. Viele – vor allem auch jüngere – Leute atmen hörbar erleichtert auf, wenn sie bemerken, dass „das Judentum“ nun einmal nicht auf „den Holocaust“ reduziert wird (als hätte „es“ damit jemals irgendetwas zu tun gehabt …), freilich zum Preis, dass zahlreiche andere, weit ältere Klischees bedient und wiederbelebt werden.

Die Proklamation von „Zwei Jahrtausenden deutsch-jüdischer Geschichte“ ist genaugenommen jedoch nur ein Werbegag. Die Ausstellung beginnt so auch nicht um das Jahr 12 des christlichen Kalenders, sondern erst mit der Replik des Bruchstücks einer spätantiken Öllampe (in Augsburg hat man sich zum ortseigenen Vergleichsfund wenigstens noch die „Mühe“ gemacht, neben dem Fragment eine Rekonstruktion zu „wagen“, aber dafür fehlten in Berlin offenbar die finanziellen Mittel …), die in Trier gefunden wurde und etwas nebulös (weil hundert Jahre umfassend) auf das „4. Jahrhundert“ datiert wird. Die ersten 3 bis 4 Jahrhunderte sind mit der Replik der Terrakotta-Scherbe dann auch bereits abgedeckt. Das passiert ganz nebenbei und ist durchaus beachtlich, verhieß letztlich aber nichts Gutes für das inhaltliche Niveau der weiteren Ausstellung. Dort geht es dann auch weiter mit einem Kunststoffbaum mit Granatäpfeln , wobei einige seiner Früchte durch Smartphones ersetzt wurden, die auf ihrem Display eine Abbildung zeigen, origineller Weise die eines … genau: Granatapfels. Ob damit I-phone und Co. als Früchte der Erkenntnis dargestellt werden (die im Inneren vielleicht einen Etrog-Chipsatz verwenden?) oder ob es sich um ein Relikt einer früheren „Grünen Woche“ handelt, ist unklar, und ist auch von den umstehenden Führungskräften nicht zu erfahren. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass damit die Lücke bis zum nächsten Ausstellungsstück überspielt werden soll. Und schon fällt der Blick auf zwei weiße Gipsabdrücke der „Ecclesia“ und „Synagoge“ genannten Frauenfiguren. Wir erkennen sie wieder, da wir sie bereits in Bamberg gesehen haben, wo sie an der Fassade des Doms und nochmals im Original in der Kirche ausgestellt sind. Auch hier sind der Ecclesia die Arme abhanden gekommen, was sie nach modernem Verständnis als schwerbehindert ausweist. Das Original des Bamberger Figurenpaars wird gemeinhin in die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert, weshalb wir nun also nach wenigen Metern bereits zwölfhundert der zweitausend Jahre deutsch-jüdischer Geschichte mittels Kopien von Bruchstücken absolviert haben. Die noch immer frischen Erinnerung an die groteske Behandlung durch das Sicherheitspersonal lassen vermuten, dass man die Besucher womöglich deshalb so sorgfältig „filzt“, weil man hofft, auf diese Weise die inhaltliche Leere schließen zu können.

Als nächsten Gimmick hatten sich die Planer eine etwa halbmetergroße (!) Knoblauchknolle ausgedacht, die sich in drei Teile aufklappen lässt. Auf diese Weise sollten die drei Städte Speyer, Worms und Mainz dargestellt werden, die sich in ihrer mittelalterlichen Schreibweise hebräisch als „שום“ abkürzen ließen. Die einzelnen Buchstaben des Kürzels sind etwa drei Meter hoch an einzelnen Wänden ausgestellt. Richtig, als Wort gelesen bedeutet „schum“ bekanntlich tatsächlich „Knoblauch“, sprichwörtlich heißt es aber auch „nichts“, „schum-dawar“ (שום-דבר) „rein gar nix“, „nicht der Rede wert“. Das sagt man, wenn man gefragt wird, ob einem etwas fehlt, ob man Lanzen, U-Boote, Schweizer Messer oder digitale Abbildungen von Etrog-Früchten bei sich trägt … oder etwas im Souvenir-Shop kaufen möchte: schum-dawar. Für die Zeit, in welcher bereits eine lokale jüdische Geschichte erwähnenswert wäre, sind nun weitere Kunststoff-Repliken von Fenstern und Grabsteinen ausgestellt, eine übergroße Schwarzweiß-Abbildung des Grabsteins des Maharam („Meir von Rothenburg“, gest. 1293) und nach wenigen weiteren Schritten vorbei an Urkunden des Jahres 1300 ist man tatsächlich bereits im Barock gelandet, genauer gesagt bei Glückel von Hameln (1646-1724) und ihren jüdisch-deutschen „Memoiren“ aus dem Jahre 1710, die mit „dem Barock“ an sich wenig zu tun haben. Danach ent-schleunigt sich das rasante Tempo der Ausstellung, die trotz einiger übergroßer Installationen 1700 Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland auf wenige Meter reduziert. Andernfalls wäre man ja auch schon gleich bei den Nazis angelangt und stünde auch gleich wieder am Ausgang. So geht es nun aber weiter mit einem Fischpräparat des Marcus Bloch (1723-1799) und mit Moses Mendelssohn (1729-1786), der ab 1742 in Berlin wirkte und später am Friedhof in der Großen Hamburger Straße begraben wurde.

Je mehr sich die Geschichte nun der „Moderne“ zuwendet, um so kleiner werden die Abstände und vielfältiger die Ausstellungsstücke. Immer wieder gibt es Abbildungen und Gegenstände in Vitrinen, etwa Uhren, Tassen, Gemälde, aber auch kleine Exkursionen, mittels welcher „jüdische Ritualgegenstände“ wie Tora-Zeiger und Kerzenleuchter, Tora-Rollen oder Beschneidungsmesser erläutert werden oder mittels Schubfächern und Bildschirmen Hintergrundinformationen vermittelt werden sollen. Ein von Polstern umgebener Bildschirm mit dem  Doppelnamen „Das Ding / The Object“ beispielsweise erklärt, was nun eigentlich Hostien (sicher sehr wichtig um “das Judentum” zu verstehen) sind und erläutert sie falsch als „Opferlamm“, obwohl das lateinische Wort genaugenommen „Schlachtopfer“ bedeutet. Wie dem auch sei, passte auch das eher in ein christliches Museum. Immer wieder sieht man kleine Gruppen, meist Jugendliche, die um einen Führer herumstehen, der ihnen bereitwillig ein Objekt oder eine Abteilung erklärt, jedoch genügt es, etwas hinein zuhören, um zu verstehen, dass zumindest an Klischees nicht gegeizt wird. Letztlich spricht auch dagegen nichts, da es ja kein Museum für Juden sein soll und dem Vernehmen nach ohnehin „die Architektur“ und ihr „Erleben“ im Vordergrund stehen. Das gelingt und die (Wissens-) Lücken gehören zum Konzept.

Was sind denn nun eigentlich Hostien? – Kein Problem, im Jüdischen Museum wird es erklärt, durch “das Ding”.

Es wäre jedoch redlicher ohne Etikettenschwindel von einem Museum zu sprechen, dass die letzten dreihundert Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland darstellt und zwar eben doch aus der Perspektive der „Mehrheitsgesellschaft“. Mit auf bloße Stereotypen und einige Versatzstücke reduzierten „Judentum“ hat das Museum ansonsten auch nichts zu tun. Dafür sind die Lücken viel zu groß und daran ändern auch gerade die sog. „Voids“ nichts, die das Zerstörte „symbolisieren“ sollen und die man „Leeren der Geschichte“ nennen könnte. Etwa die sog. „Memory Void“ von Menasche Kadischman (מנשה קדישמן, geb. 1932) mit dem eigenartigen Namen „שלכת“ (in etwa die Entlaubung im Herbst) im Erdgeschoss. Im natürlich spitz zugeschnittenen hohen Betonraum, auf den man von oben durch kleine Fenster heruntersehen kann, liegen auf dem Boden angeblich zehntausend stereotype Masken mit runden Augen-Öffnungen und einem angedeuteten offenen Mund. Sie sollen an „die Opfer“ erinnern. Die Frage ist an welche? Das Holocaust-Thema wollte man ja vermeiden und eine Opferzahl von „zehntausend“ zu behaupten – könnte nach deutscher Gesetzeslage sogar strafbar sein.

Wie zu beobachten ist, laufen eine Reihe der Besucher auf den „Gesichtern“ umher, vielleicht, weil sie es von zuhause so gewohnt sind oder weil, wie man nachlesen kann, eine Absicht des Künstlers auch gerade darin bestand, metallische Klänge zu erzeugen, wenn man sich auf den Schichten von Masken auf und ab bewegt. Angeblich gäbe dies den „Menschen“ ihre Stimme zurück. Diese stellte „man“ sich dann als eine Art blechernes, metallenes „Kling-Klong“ vor. Aber wer würde nach einer Weile nicht ebenso „klingen“, wenn man in einem Betonschacht läge und andere permanent auf den eigenen stereotypen „Gesichtern“ herum trampeln? Und warum dies nun eigentlich? Damit darauf stehende oder kniende Besucher Schnappschüsse für ihre facebook – Seiten machen können. Eine bleibende Erinnerung? Vielleicht vermittelt ja auch dieses einmalige „Holocaust-Gefühl“.

Zu Besuch beim Holocaust …

Wäre man nicht so erzogen worden, wie käme man nach dem Besuch dieses Museums darauf, dass Judentum letztlich nicht auf sinnentleerten „Symbolen“, sondern auf der Praxis der Lehren von Talmud und Tora beruht? Könnte man mittels Nachbildungen diverser Scherben, etwas Tafelgeschirr und Hüten und fixiert auf Hexenverfolgungen und Biographien einzelner christlicher Milliardäre, Fürsten, Künstler und Mäzene nicht auch den Sinn und Zweck der christlichen Taufe missverstehen? Gewiss. So misst sich der Erfolg des Museums an den Besucherzahlen – wie erwähnt sind das aktuell etwa eine Dreiviertelmilllion pro Jahr – auch, weil Besucher zahlen und sich in der Mehrzahl sicher auch ganz gerne ehrfürchtig durchsuchen lassen. Das hat zweifellos auch bereits Event-Charakter, weil es ja auch einen gewissen Nervenkitzel hat. Schließlich kann jeder noch nicht inspizierte Besucher einen Sprengstoffgürtel um den Bauch gebunden haben. Da fühlt man sich bestimmt wie ein echter Jude, der gefährdet ist, zugleich aber auch wie ein Araber, der per se als Terrorist verdächtigt wird – oder umgekehrt? Jedenfalls hat es, wie man beobachten kann, gerade auch für Schülergruppen offensichtlich einen Reiz, absehbar unzutreffend, wie ein Terrorverdächtiger behandelt zu werden. Wo sonst bekommt man das für Zwo-fuffzig auch geboten? Der alberne Kiddusch-Becher aus Plastik im Museums-Shop kostet hingegen schon 3.50 € und welchem Schüler reicht da noch das Geld für einen kleinen Plüsch-Teddy mit Kippa?

Im Museums-Shop: Plastik-Becher für 3.50 € und Plüsch-Bären mit Kippa

War es das? Ja, und: nein. Den Museumsmachern ist irgendwie doch klar geworden, dass ihr staatliches Auftragswerk nicht alle Einwohner der Stadt und des Landes anspricht. Da insbesondere wohl gerade auch muslimische Besucher zu fehlen scheinen, wenigstens solche, die bei der Leibesvisitation traditionelle Kleidungsstücke abzulegen hätten, planen und realisieren sie auf der anderen Straßenseite einen Erweiterungsbau. Dieser soll ein “islamisch-jüdisches Forum” bieten und sich mit Fragen der Integration befassen. Was damit gemeint ist kann man aus jüdischer Perspektive eigentlich nur raten – vielleicht gibt es Seminare, die vermitteln wie man Israel hassen kann, ohne als Antisemit zu gelten? Zweifellos wird es aber einer „nichtjüdischen“ Mehrheitsmeinung entsprechen.


Das jüdische Fürth

May 29, 2011

Fuerth (fränkisch: Färd) dessen Name sich wie im Fall von Pfersee von einer Furt ableitet, wird legendär mit Charlemagne in Verbindung gebracht, urkundlich nachweisbar aber erstmals als „Furti“ auf das Jahr 1007 datiert, als Kaiser Heinrich II den Ort den Klerikern vom ca. 60 km entfernten Bamberger Dom schenkt.  Ob wie in Bamberg zu dieser Zeit auch in „Furti“ bereits Juden lebten ist nicht bekannt, dürfte man aber annehmen können. Erwähnt werden Juden in Fuerth freilich erst wesentlich später im Jahr 1440, doch auch dies für weitere zwei Jahrhunderte wiederum nur vereinzelt und ohne erkennbaren Kontext. Für das Jahr 1528 etwa werden zwei einzelne Juden erwähnt (die Jewish Encyclopedia, die Fürth 1670 als „Bavarian City“ bezeichnet, nennt sie namentlich Perman und Uriel Wollf) die von einem Markgraf Georg die Erlaubnis erhalten in Fürth zu wohnen. Warum sie das tun und wie bleibt unklar, wahrscheinlich benötigte man einen Beschneider… 1556 wird ein weiterer einzelner Jude genannt, der aus Regensburg nach Fürth kommt, wo schon 70 andere leben sollen. 1607 schließlich erwähnt die Begründung eines eigenen Friedhofs für die Fürther Juden. Es ist der heute als Alter Friedhof bekannte, der geschätzten 20.000 Begräbnissen diente. Von diesen sind verschiedenen Quellenangaben 6000 oder 8000 Grabsteine erhalten. Ein auf Poster-Format vergrößertes altes Foto am alten Friedhof in Fürth zeigt den Grabstein des R Anschel Sohn des R. Jekutiel mit der Notiz  המצבה ראשון (ha-matzewa rischon), „der erste Grabstein“, jedoch ist das Datum nach נפטר (niftar) „gestorben am“ in der Schlusszeile der vergrößerten Abbildung nicht erhalten …

Zehn Jahre später, 1617 wird eine Synagoge gebaut die später „Altschul“ heißt und nach nun immerhin hundertsiebzig Jahren seit 1440 tatsächlich die erste in Fürth gewesen sein soll. Doch bereits im Jahr darauf begann der sog. 30jährige Krieg in dessen Folge Fürth von Kriegerischen Auseinandersetzungen nicht verschont blieb, etwa 1632 als es zwischen den Truppen Wallerstein und Gustav Adolfs zur „Schlacht an der Alten Veste“ (alternativ auch Schlacht bei Fürth, bei Nürnberg, bei Zirndorf genannt) kam. Als „der Krieg“ im Jahre 1648 endet wird die gesamte Bevölkerung von Fürth auf 800 Menschen geschätzt. Was die Fürther Juden damals machten? 1653 jedenfalls muss es Bedarf für ein jüdisches Krankenhaus gegeben haben, worunter man sich wohl kein „Haddasa“ oder „Mount Sinai Hospital“ vorstellen muss. 1670 gibt es einen Zuzug vieler Juden aus Wien und bald darauf wird eine Talmudschule erwähnt und damit beginnt in etwa die greifbarere Geschichte des jüdischen Fürth mit einzelnen Biographien, Gelehrten, Plätzen, Beziehungen in einem erkennbaren Kontext. Als um 1700 Fürth geschätzte 6000 Einwohner hat, sind verschiedene Schulen (Synagogen) nachweisbar und פיורדא „das jüdische Fürth“ wurde nun weit überregional bekannt und zog zahlreiche Gelehrte und Studenten aus anderen Gegenden an.

היום לא צריך בלעט לקבל קפה בפיורדא

Diese bildeten spezifische Eigenheiten heraus, wie man sie etwa 1728 bei Andreas Würfel nachlesen kann oder fundierter in den 73 Seiten umfassenden  1767 bei Chaim Zvi ben Hirsch 1767 gedruckten הספר מנהגי ק ק פיורדא über die Gebräuche der Heiligen Gemeinde Fürth für das ganze Jahr, die in zahlreichen Details eine bedeutende Variante zu den „Minhagim Aschkenas“ darstellen. Da hierfür die Erfordernisse der halachischen Anwendung heute aber freilich längst entfallen sind, sind dies allenfalls geschichtlich relevante Einzelheiten, welche die gegenwärtige Definition von „Jüdischkeit“ nicht wesentlich beeinflusst. Es genügen in aller Regel Schlagworte wie „bedeutender Rabbiner“, „Synagoge“, „Matrikel“, „Mikwe“, „Mesusa“ und dergleichen. Symbole treten immer erst anstelle einer verlorenen Funktion.

Die zweiteilige „historische Nachricht von der Judengemeinde in dem Hofmarkt Fürth“, von Andreas Würfel gedruckt in Frankfurt am Main und Prag im Jahre 1754 gibt eine bereits recht anschauliche Beschreibung der damaligen jüdischen Gemeinde und ihrer Infrastruktur.

Von den öffentlichen Gebäuden, welche sich zu Fürth auf dem Schul-Hof befinden: Auf dem großen Platz, wo die Hauptschule steht, befinden sich außer der neuen Kahls Schule noch verschiedene Kahls-Häuser (= öffentliches oder Gemeinde-Haus ) angebaut. Zur solchen Gebäuden allen, hat der Herr Domprobst den Terrain sonder Entgelt, an die Juden überlassen. In einem solchen Kahls-Haus wohnt der Hauptrabbi, ein anderes besitzt der Juden-Doktor, der Vorsinger genießt auch ein Kahls-Logis „ Die Kahls-Stube dient nicht als Wohnung sondern als Versammlungsort der Parnassim. Dort liegen auch die Kahls-Bücher aus, in welchen z. B. Einnahmen und Neuankömmlinge eingetragen werden. Man könnte hier also von einer Gemeinderegistratur sprechen. Würfel kritisiert, dass sich Parnassim wie Elkana Fraenkel und sein Bruder Hirsch Fraenkel, der in Ansbach Rabbiner war, in ihren Ämtern „viele Fehler zu Schulden“ haben kommen lassen: „Der Rabbi hatte eigenhändig ein Buch von Geister- und anderen Beschwörungen, Segenssprüchen und Lästerungen wider das Christentum zusammengeschrieben. Nachdem er eine Zeitlang in Ansbach im Gefängnis saß, wurde er 1713 … von dort nach Schwabach zum ewigen Gefängnis gebracht.“ Spätestens da, so darf man vermuten, war er wohl von allen (guten wie bösen) „Geistern“ verlassen.

Würfel berichtet weiter von der Einrichtung der Blatt-Stuben, so benannt nach Zetteln, die über Schabbes Aufenthalt (und Verköstigung) für Reisende und Arme in der Stadt gewährleisten: Auf der Blätten-Stuben, als einem öffentlichen Gebäude, werden Freitag den Armen, Bläten oder quartier-Zettel ausgeteilt, diese Zettelein sind ganz klein, etwa einen Daumen breit und nicht gar so lag. Darauf steht gedruckt „בלעט שני ימים ולא יותר“ Blättlein auf zwei Tage und nicht länger. Das aber mit diesen Blätten keine Schalkung vorgehen kann, so wird zuerst in der Blätter-Stube der Name desjenigen, welcher den Armen oder Fremden halten soll, über das Gedruckte geschrieben. Unter das Gedruckte wird aber wird der Tag des Monats und das Jahr angezeichnet, in welchem es abgelangt worden ist.“

Das bedarf in heutiger Zeit, wo man als Jude ohne weitere Schwierigkeiten in Fürth nach Belieben einreisen und verweilen kann, einer Erklärung. בלעט (blet) oder בלאט (blat) meint Blatt oder Zettel, in diesem Fall sinngemäß aber „Gutschein“. Damit keine „Schalkung“ (heißt nach Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart von 1786 „Zusammenfügung“ und hat nichts mit Schalke 04 zu tun)  getrieben wird, d.h. um eine Mehrfachverwendung auszuschließen, wird über dem Zettelvordruck Name und Datum vermerkt. Würfel bildet ein (etwas merkwürdiges) Beispiel ab:

Über dem oben bereits zitierten „Blet für zwei Tage und nicht länger“ steht hier nun „ר’ חזיר“ , das Würfel zwar richtig als „R. Chasir“ transkribiert, aber nicht übersetzt. Das ist etwas rätselhaft, lässt es doch mitunte unterschiedliche Schlüsse zu, da חזיר das hebräische Wort für Schwein ist und eine Person namens „Rabbi Schwein“ wohl auch in Fürth kaum vorstellbar ist. Das Datum darunter ist 11. Tewet 511, was Freitag 28. Dezember 1750 entspräche.   

Der oben erwähnte “Schulhof” existiert heute nur noch namentlich, auf alten Abbildungen oder erläutert auf einer Stationstafel der “Fürther Jubiläumsmeile” (wohl aus dem Jahr 2007) die ihn als „geistigen Mittelpunkt“ der Fürther jüdischen Gemeinde definiert:

Auf der Tafel ist zu erfahren: „Die jüdische Bevölkerung besaß in Fürth besondere Rechte, die es nirgendwo sonst in Deutschland gab.“ Welche besonderen Rechte das sein gewesen sein sollen und auf welche Zeit und welches “Deutschland” sich das beziehen soll, zumal es Deutschland (als Staat) erst ab 1871 gibt und prominente Teile des heutigen Deutschlands bis 1806 etwa zu Österreich gehörten, bedarf wohl einer Erläuterung. Auf das Jahr 1938 freilich bezieht es sich aber offensichtlich nicht: Die vier Synagogen zu denen auch die genannten “Altschul” und “Neuschul” gehörten, wurden wie der gesamte Hof mit allen umliegenden Häusern zerstört, der Formulierung gemäß sogar in einer einzigen Nacht.

Heute erinnert im Hof – nun umgeben von (wahrscheinlich blatt-losen) Wohnhäusern die auch stilistisch nicht zur Fürther Altstadt passen wollen – das Denkmal eines japanischen in Fürth lebenden Künstlers, das eine Art bräunlichen Kaktus zeigt. Er steht für die jüdische (Vor-)Geschichte des Platzes, umrandet von einer deutschen und hebräischen Inschrift. Der Platz selbst dient als einer der Schauplätze des zwei mal im Jahr veranstalteten “Grafflmarkt” (graffl = Gerümpel).

Fürth nennt sich gerne das “fränkische Jerusalem” und wegen seines früher hohen jüdischen Bevölkerungsanteils von einem Fünftel bis einem Viertel (selbst 1910 noch 4 %) wurde von den Nazis als solches verspottet – das benachbarte Nürnberg bewarb man als “deutscheste alle deutschen Städte”. Der Terminus selbst beruht wohl auf einer Fehldeutung, da mit einem “fränkischen Jerusalem” in der Geschichtsschreibung eigentlich das tatsächliche Jerusalem zur Zeit der Kreuzfahrer (1100 – 1290) gemeint ist und nicht Fürth, das in jener Zeit bestenfalls eine Ansiedlung von drei Gehöften aufwärts war. Die Kreuzfahrer nannten ihre Eroberungen in Israel schließlich dann auch Königreich Jerusalem (Regnum Hierosolimitanum) und nicht “Palästina” wie manche heutigen Zeitgenossen sicher gern geneigt wären zu glauben. Heute ist es ein “Publicity-Gag”, obwohl es seit 1946 eine neue jüdische Gemeinde in Fürth mit aktuell etwa 600 Personen gibt.

Synagogue of Fuerth, due to a fire on Yom Kippur (!) this year currently renovated …

… while the Old Jewish cemetery of Fuerth neglected for decades in larger parts equals a jungle with head-high stinging nettles where overthrowing massive trees endanger grave markers als well as visitors …

Fuerth, which in 2007 had the millenary celebration of its first mentioning in a deed by emperor Henry II who then had given away some property called Furti (small ford, watersplash) only in 1440 has records of Jews. Until the onset of 17th century however only every once and a while there are some single Jews mentioned in Fuerth. Two were allowed to settle in 1528, another one is mentioned two generations later, and so on. But soon there is a higher number of synagogues and a growing Jewish community with prominent scholars, book prints and Talmud schools, which established the reputation of Jewish Fuerth as one of the major Jewish centers in German speaking countries  during 18th century. At times Jews made almost a quarter of the whole population of the city – which of course was a smaller one. Today there are many places were the City of Fuerth commemorates the past Jewish history. Places of former synagogues, the Schulhof which had four of it, the old cemetery, a Jewish Museum with book store and cafeteria, … and on the other side there is a small Jewish community of some 600 people (with a nice “old school” synagogue), mainly from Russia who contrary to the *usurpation* of Jewish history’s remnants by gentiles preserve the long established tradition of Jewish otherness … As in former times Christian preachers taught the Jews their interpretation of the Bible, Christian laymen and -women now teach them their understanding of (reform?) Judaism.  

אַז אַ נאַר גייט בייַ די שוק די קרעמער פייַערן פּורים

to be continued


Eindrücke aus Irsee (Ostallgäu)

November 29, 2010

Der 750 m hoch gelegene Markt Irsee ist ein kleiner Ort im Ostallgäu unweit von Kaufbeuren und mit rund 1400 Einwohnern Bestandteil der Verwaltungsgemeinschaft Pforzen. Auf dem im späten 12. Jahrhundert von Markgraf Heinrich Ursin – Ronsberg bebauten Irseer Burgberg befindet sich die mehrfach umgebaute Klosteranlage, die bis 1803 den Habsburgern unterstand. Etwa ein halbes Jahrhundert später wurde im säkularisierten Kloster eine Irrenanstalt untergebracht, die in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen des sog. „Euthanasie“-Programms weitergeführt wurde. Zwar wurde die Mehrzahl der auf 2000 Menschen geschätzte Zahl der Ermordeten nicht im Haus getötet, wohl aber vom Fachpersonal und der Anstaltsleitung entsprechend „begutachtet“ und „aussortiert“.

Eine gewisse Anzahl von Personen ist freilich auch im Haus ermordet worden, etwa durch eine konsequente, konzeptionelle Unterernährung, die sog. „E-Kost“, aber auch durch gezielte, tödliche Giftspritzen. Ein inzwischen weiter bekannt gewordener Fall ist der des am 1. November 1929 in Augsburg geborenen Jungen Ernst Lossa der als Halbwaise am 9. August 1944, im Alter von 14 Jahren von den Anstaltsärzten kaltblütig ermordet wurde. Im Augsburger Stadteil Pfersee erinnert heute im Bereich der ehemaligen Sheridan-Kaserne die nach ihm benannte Ernst-Lossa-Str.

Weitere Infos zu Ernst Lossa: http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Lossa

Eine rekonstruierte Biographie: http://www.robertdomes.com/nebel-im-august/making-of/

Auf der Rückseite des weißgetünchten, sichtlich aufwendig renovierten Klosters, heute ein Konferenzhotel, das auch der „Schwabenakademie“ als „Tagungs- und Bildungszentrum Kloster Irsee“ dient, erinnert eine Skulptur an diese mit dem „Euthanasie“ (griechisch für „guter Tod“) verharmloste Verbrechen. Eine ratlos wirkende, fast achselzuckende Figur auf einer Kugel, direkt neben den nicht markierten Gräbern einiger Ermordeter scheint zu fragen: „was soll man dazu noch sagen“.

Widmungstext: “Den stummen Opfern politischer Gewaltherrschaft zum Gedenken” (“in commemoration of the silent victims of political tyranny”)

Die recht große Klosterkirche beinhaltet eine unvermutet kunstvoll gestaltete und geschmückte Kanzel aus dem Jahr 1725 in Form eines Schiffes, welche zumindest thematisch an die Bima der אכרידה‎ Synagoge im jüdischen Viertel Balat in Istanbul erinnert, insofern man diese kennt, natürlich. Die Kirche passt sich dem weißgetünchten Barockeindruck des Tagungshotels an.

Etwas gruselig und bizarr wirken jedoch die Seitenaltäre für die beiden sog. „Katakomben-Heiligen“ Candidus und Faustus, deren Skelette Ende des 17. Jahrhunderts aus Rom beschafft wurden, um sie in der Kirche auszustellen.  Dazu wurden von dem als „vornehm“ beschriebenen Grabplatz S. Cyriacae eigens Leichname längst verstorbener Römer ausgegraben und ins Ostallgäu gebracht, wo es seit Jahrzehnten bereits keine Reliquien mehr gab. Wer die Ausgegrabenen nun eigentlich waren, ist völlig unbekant. Auf dem Grabstein des Faustus etwa war keine Jahreszahl genannt, jedoch soll neben der Abbildung eines Palmenzweigs gestanden haben „S. Fausti Mart“, nunmehr gedeutet als heiliger Märtyrer Faustus … Wie auch immer schreibt der Leichenbeschaffer, dass es „große Mühen erfordert“ einen solchen „Particular-Coerper“ zu bekommen, da man solche „Heiligen“ – man stelle sich vor – nur „ungern wegführen lasse“.

the two Roman corpses from Italy exhibited in a showcase each as martyrer and saint: Faustus and Canditus

Die Leichen der in Rom ausgebuddelten Unbekannten sind in der Kirche nun stehend und mit Glas, Silber und Gold bestickten Gewändern in Schaufenstern auf- und ausgestellte Figuren. Die so recht bizarr wirkenden Skelete sind mit Drähten verstärkt, um stabil in den Vitrinen zu stehen, die ihrerseits wiederum an den Wänden von Altären angebracht sind.  Der in Irsee verstorbene deutsche Komponist Meinrad Spieß (1683 – 1761), der bereits im Alter von 11 Jahren in die Abtei Irsee kam widmete den ausgestellten Leichen sogar eigene musikalische Werke.

Die im ehemaligen benediktinischen Reichsstift umgebrachten Kinder wie etwa Ernst Lossa bilden einen eigentümlichen Kontrast zu den in weiter Ferne ausgebuddelten römischen Toten, deren mit Schwertern gerüsteten Leichen in Schaukästen ausgestellt in der weißgetünchten Kirche als Heilige verehrt und angebetet werden.

 Vor diesem augenfälligen geschichtlichen Hintergrund war die Aufgabe, die Schilderung eines lebendigen Judentums und auch seines Umgangs mit Vergangenheit und mit Verstorbenen zu vermitteln, freilich nicht leichter, zumal im Rahmen einer Konferenz über die eher museale Beschäftigung mit dem Judentum („Kultur und Geschichte“) im bayerischen Schwaben, deren Fokus nach wie vor noch eher auf dem „Holocaust“ liegt.

Irsee in the Bavarian Swabian Allgäu region in the southwestern part of Bavaria is a small village of some 1400 inhabitants, some 50 km north of world famous Neuschwanstein castle (Fuessen / Schwangau). Irsee, part of Pforzen near Kaufbeuren, is dominated by the former monastery and its twin tower church. In 1850 the cloister was converted to an asylum for mental ill people, but in the time of the Nazi-rule some 2000 patients, among them also children were murdered here and in referred camps. In Augsburg – Pfersee a street has been named after Ernst Lossa (1929-1944) who was murdered in the house by lethal injection since the Doctors were convinced that the 14 year ol boy lead a “worthless life” (“unwertes Leben”). Today the former cloister hosts an elaborately restored conference hotel and training center ,is home to the Schwabenakademie and has a variety of conferences and festivals throughout the year. The abbey church has a worth seeing ship shaped pulpit, while both side aisles of the baroque church have display windows with real corpses excavated some 330 years ago at an old Roman cemetery. The skeletons of the two unknown Romans were regarded as martyrs and therefore decorated with clothes covered with silver and gold. In the rear of the cloister and church there is a park with a memorial for the murdered victims of the so called “mercy killing” (the Greek term “euthanasia” = lit. “good death”)  with a shrugging rather helpless appearing figure balancing on a ball.

At the “Festsaal” of the cloister there now was the 22nd “Conference on History and Culture of Jews in Bavarian Swabia”, we were invited to.  

(Pictures (c) by Yehuda Shenef)