Rabbiner von Augsburg: Jakob Heinrich Hirschfeld (1819-1902)


Als ersten neuzeitlichen Rabbiner in Augsburg nennt die Fachliteratur für die 1860er Jahre meist schlicht „Dr. Hirschfeld“.  Diese Interpretation übersieht freilich, dass spätestens seit 1803 zumindest auch die Kriegshaber Distriktrabbiner Pinchas Skutsch (gest. 1819) und dessen Schwiegersohn Aharon b Josef Guggenheimer (1820-1856) in Augsburg präsent waren. Die gemütliche Droschkenfahrt von Kriegshaber dauerte etwa eine halbe Stunde. Trotzdem verbindet sich mit Rabbiner Hirschfeld untrennbar die Nutzung der Synagoge in der Wintergasse wie auch die Einweihung des jüdischen Friedhofs zwischen Haunstetter Straße und Altem Postweg im Stadtteil Hochfeld, den der Gemeindevorsitzende Carl Obermayer kurz vor seinem Amtsrücktritt 1867 für rund 1500 Gulden erwarb.

Jakob Heinrich Hirschfeld wurde am 20. Januar 1819 im slowakisch/ungarischen Sasvar /Sassin geboren. Er starb am 6. Oktober 1902 in Wien. Hirschfeld erwarb neben einer rabbinischen und musikalischen Ausbildung auch den akademischen Grad eines Dr. phil. und war zudem öfter als Journalist und Musiklehrer tätig. Mitte der 1850er Jahre finden wir ihn als Rabbiner von Szenitz (Österreich-Ungarn, heute Slowakei), wo er Pauline Ausch heiratete. In Szenitz wurde am 4. Januar 1858 auch der älteste Sohn Viktor geboren, von dem noch die Rede sein wird. Bald darauf jedoch zog die Familie nach Fünfkirchen (Pécs), wo Jakob Hirschfeld eine weitere Anstellung erhielt und auch das Oberrabbinat des Bezirks Baranya (deutsch: Branau, jedoch nicht zu verwechseln mit Braunau) leitete.

Ende 1863 kamen die Hirschfelds nach Augsburg, wo erst wenige Jahre vorher erst der Weg der Wintergasse gepflastert wurde und man nun bei Regen oder Schnee nicht mehr im Morast versinken musste. Dort gab es zwar bereits eine seit Jahrzehnten stets anwachsende jüdische Gemeinde mit inzwischen weit mehr Mitgliedern als in den ehemals österreichischen westlichen Randorten der früheren Reichsstadt. Trotzdem kurz zuvor auch die formelle Gründung als durch den König anerkannte „Israelitische Kultusgemeinde“ erfolgte, waren die nun großstädtischen, eher auf die Wiener Oper als in den Talmud schauenden Augsburger Juden weiter auf Lehrer und Rabbiner aus Kriegshaber, Pfersee und Steppach angewiesen. Das sollte sich nun ändern und so befand die Gemeindeführung um den bayerischen US-Konsul Carl von Obermayer (1811-1889), dass Augsburg nicht nur ein eigenständiges Synagogen- und Gemeindezentrum, sondern für sein von auswärtigen Morim abhängiges Lehrhaus auch einen eigenen Rabbiner benötigte. Dieser sollte jedoch nicht wie der 1856 ins mährische Aussee abgewanderte Guggenheimer gegen Händler opponieren, die am Schabbes etwa an der Augsburger Dult verkaufen wollten, andererseits aber auch nicht zu „reformerisch“ sein.

Im „Israelit“ dem Zentralorgan des damaligen „orthodoxen“ Judentums vom 10. Februar 1864 bewarben die Neu-Augsburger deshalb auch Dienste und Nebenverdienste:

Eltern, die ihre Töchter an trefflichen Lehranstalten eine höhere Ausbildung angedeihen zu lassen und Augsburg wegen seines gesunden Klimas vorzuziehen geneigt sein dürften, erbietet sich eine Dame von höherem Stande und höherer Bildung Mädchen nach zurückgelegtem 7. Lebensjahre in ihrem Hause unter annehmbaren Bedingungen aufzunehmen. Nebst häuslichen Komfort und der Beaufsichtigung und Leitung der in Arbeiten der Institutions-Aufgaben von Seiten der Dame wird auf wahre Herzens- und Geistesbildung hingestrebt werden. Der Religionsunterricht wird so wie die öffentlichen Religionsschulen des Distrikts unter Überwachung des Distriktrabbiners Dr. Hirschfeld stehen; auch kann gegen besondere Vergütung Klavier- und Singunterricht erteilt werden.

Reflektionen belieben sich zu wenden an Seine Hochwürden Herrn Distrikts-Rabbiner Dr. Hirschfeld in Augsburg

Die damals gebrauchte Anrede „Seine Hochwürden“ für einen schwäbischen Rabbiner ist ebenso anachrostisch wie die weitverbreitete Ansicht, Rabbiner Hirschfeld, dessen Namen und Rahmendaten meist noch nicht mal gekannt werden, sei im Sommer 1871 im Zuge der Rabbiner-Synode von Augsburg wegen einer „zu orthodoxen“ Haltung seitens der inzwischen reformerisch orientierten Gemeinde entlassen worden.  Zwar entwickelte sich die Gemeinde von Augsburg bald genau in diese Richtung, doch zu jener Zeit war das Gegenteil der Fall und Jakob Hirschfeld musste in Augsburg gehen, weil er inzwischen zu den Reformern übergelaufen war und als Augsburger Rabbiner an der Synode gegen den Willen der Gemeinde teilnehmen wollte. So kam es zu einer Reihe peinlicher  Umstände und Vorfälle, die die jüdischen Publikationen aller Strömungen bereitwillig ausschlachteten. Augsburg als Gastgeber der Rabbiner-Konferenz, die seitens der Stadtgemeinde sogar auch den Goldenen Saal zur Verfügung gestellt bekam, hatte folglich selbst keinen Rabbiner. Hirschfeld nahm zwar an der Versammlung teil, jedoch nicht als Vertreter der heimischen jüdischen Gemeinde. Er war deshalb ein willkommener Grund für die große Mehrheit der Augsburger Juden, an den Veranstaltungen der Synode nicht teilzunehmen. Im Gegenzug speisten die aus ganz Deutschland angereisten Rabbiner im Nobelhotel „Drei Mohren“ und eben nicht koscher im Zentrum der Augsburger Gemeinde in der ganz nahe gelegenen Wintergasse. Auch das wurde seitens der Presse freilich entsprechend verspottet. Mit dem Ende der Synode, deren Verlauf, Inhalt und Wirkung wir noch an anderer Stelle reflektieren werden, hat Hirschfeld offenbar auch Augsburg den Rücken gekehrt.

Die Familie zog von Augsburg nach München und 1876 finden wir Jakob Heinrich Hirschfeld wieder in Wien, nun als religiöser Hilfslehrer. Die Vertreter der jüdischen Orthodoxie hatten ihn und andere Teilnehmer der Augsburger Rabbiner-Konferenz vom Juli 1871in landesweiten Zeitungsaufrufen öffentliche gebannt und wahrscheinlich deshalb fand er auch keine weitere Anstellung als Rabbiner, sondern arbeitete als Journalist und erteilte mit seiner Frau Paula Klavierunterricht. Am 26. Januar 1897 starb Pauline gemäß der Todesanzeige um neun Uhr vormittags „nach kurzem Leiden“. Als Unterzeichner finden sich ihr Ehemann J.H. Hirschfeld mit zwei Söhnen zwei Töchtern, einen Schwiegersohn, einer Schwiegertochter und einer Enkelin. Sie sind der Nachwelt freilich weit besser in Erinnerung geblieben.

Weit berühmter sind Jakobs und Paulas Kinder, die freilich selten mit dem „Augsburger Rabbiner“ in Verbindung gebracht werden. Dies gilt insbesondere für seinen am 4. Januar 1858 in Szenitz bei Pressburg geborener Sohn Viktor, der nach seinem Studium ab 1877 mit dem Pseudonym Viktor Leon auftrat. Als Texter schrieb er unter anderem die Libretti für mehr als 70 Opern, darunter Welterfolge wie „Wiener Blut“ von Johann Strauß Jun. (Uraufführung 1899) oder „Die lustige Witwe“ von Franz Lehar (Uraufführung 1905). Er war mit Ottilie Popper verheiratet. 1907 heiratete seine Tochter Elisabeth den Schauspieler und Opernsänger Hubert Marischka (1882-1959), der u.a. durch Filme mit Hans Moser bekannt wurde. Bei der Geburt des Sohnes Franz im Jahre 1918 starb die Mutter. Franz Marischka wurde in Österreich ein bekannter Filmregisseur.

“Wiener Blut”

Viktor wurde bei einer Reihe von Arbeiten von Leon Feld unterstützt. Unter diesem Pseudonym verbarg sich sein am 14. Februar 1869 in Augsburg Bruder Leopold, der hauptsächlich aber als Übersetzer tätig war, u.a. für Werke von Charles Dickens. Leon Feld starb 1924 in Lorenz.

Ihre Schwester Clara Eugenie Hirschfeld (1869 – 1940) wurde als Pädagogin und Sozialreformerin bekannt und lebte in Pötzleinsdorf, wo sie als Mentorin viele Nachwuchsautoren wie Leonhardt Adelt, Felix Braun, Victor Fleischer und versammelte, die bei ihr erstmals den Mut fanden vor Kollegen etwas vorzutragen, usw. Adele Hirschfeld heiratete den 1870 in Augsburg geborenen Pianisten und Komponisten August Schmidt.

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