Die “Weisen von Pfersee”: Isaak Seckel Etthausen und Simon Wolf Wertheimer


In der “Jewish Encyclopedia” heißt es 1905: “The Scholars of Pfersee חכמי פערשא are well known”.

Diese Aussage hat heute gewiss längst keinerlei Gültigkeit mehr. Ganz zu Unrecht, da hier vor Ort einige sehr bedeutende und weit über die Grenzen des österreichischen, später bayerischen Schwaben hinaus bekannte Gelehrte lebten und wirkten, die wesentlich zur Entwicklung des Judentums und der Kultur in Europa beitrugen und als frühere Förderer des Zionismus die Geschichte beeinflussten.

R. Isaak „Seckel“ b Menachem Etthausen (1685-1763) bewegte sich in den bedeutendsten Kreisen des damaligen europäischen Judentums. Er war der Schwiegersohn des Mainzer Rabbiners Issachar Eskeles, auch bekannt als Berusch (=Baruch) Ischschachar ben Gabriel (1692-1753) und Chawa Rivka (1691-1755), der Tochter des berühmten aus Worms stammenden Wiener Rabbiner und kaiserlichen Hoffaktoren Schimschon (Samson) Wertheimer (1658-1724). Deren Sohn und Etthausens Schwager war Bernhard Eskeles (1753-1839), der als Waise aufwuchs. Sein Vater starb vor seiner Geburt, seine Mutter noch bevor er zwei Jahre alt wurde. Bernhard Eskeles wurde gleichfalls als Bankier berühmt und erwarb mehrere Adelstitel wie Edler, Ritter und schließlich Freiherr. Anders als eine Vielzahl seiner Verwandten hatte er jedoch wenig Interesse am Judentum und so verwundert es nicht, dass seine Kinder zum Christentum konvertierten.  In den Jahren 1709-10 finden wir Isaak Etthausen als Rabbiner in Schnaittach bei Nürnberg, dann in Aschaffenburg und im unterfränkischen Marktbreit (Geburtsstadt des Entdeckers der Alzheimer Krankheit), rund 25 km südöstlich von Würzburg, wo ihm 1722 Pinchas Katzenellenbogen ins Amt des Rabbiners nachfolgt. Etthausen hingegen geht nach Mainz und wird nun als Schwiegersohn auch Assistent des Rabbiners Eskeles. Von 1723 bis 1729 übernimmt er dessen Position als Oberrabbiner von Mainz. Im Jahr darauf übersiedelt Etthausen mit seiner Familie ist österreichisch-schwäbische Pfersee, wo er die Nachfolge von Jehuda Löb ben Issachar Oppenheim, dem in Worms geborenen Neffen des Prager Oberrabbiners David Oppenheim antritt. Isaak Etthausen blieb 33 Jahre lang bis zu seinem Tod im Jahre 1763 Rabbiner vor Ort und wurde am Friedhof von Pfersee und Kriegshaber begraben.

Die Inschrift seines Grabsteins würdigt ihn als hochverehrten Raw Gaon Jitzchak bekannt als Sekel Ethausen, Vorsitzender des Gerichts der heiligen Gemeinde Pfersee und von ganz Medinat Schwaben der wahrhaftig auf die Wunder Gottes vertraute. Der Ruf seines guten Namens eilte ihm in allen Toren voraus wie gutes Öl und als Richter war er in seiner Weisheit mutig, um verbindlich Recht zu sprechen. Als Autor veröffentlichte er Fragen-und-Antworten „Verborgenes Licht“ (or ne’elam) und „Licht in Zion“ (or lo bezion). Gestorben und begraben wurde er in gutem Namen am 7. Elul des Jahres 5523, was Dienstag dem 16. August 1763 entspricht.

Die erwähnten Schriften wurden 1762 und 1765 von seinem Sohn Jehuda Loeb Etthausen in Karlsruhe gedruckt. „Or Neelam“ ist eine Sammlung von 58 Antworten („Responsen“) im Stile der klassischen „Frage und Antwort“ – Literatur (schu‘t: sche‘elot u tschewot) und „Or LeZion“ ein gewandter Beitrag zum Talmud Abschnitt Brachot. Beide Werke sind zum Glück erhalten geblieben und rechtfertigen das hohe Ansehen Sekel Etthausens.

Sein Grabstein jedoch wurde in der Nazi-Zeit weitgehend zerstört. Nur der Sockel ist noch vorhanden. Zum Ausgleich (?) wurde das Photo von Theo Harburger aus dem Jahr 1927 in verschiedenen Fachpublikationen ein zweites Mal für den jüdischen Friedhof von Binswangen wiedergegeben. Dort freilich befand sich der Stein natürlich nie.

Der Bruder von Etthausens Schwiegermutter war Simon Wolf Wertheimer (1681-1763), ältester Sohn des Wiener Hoffaktoren Samson und selbst kaiserlicher Oberhoffaktor, der zumindest in den Jahren 1744 bis 1748, worüber über 90 erhaltene Originalbriefe und Abschriften berichten in Augsburg lebte und von dort eine ausführliche Korrespondenz nach Hamburg, Wien, Fürth, Prag, etc. unterhielt. Manchmal lautet seine Anrede Monsieur Wolff Wertheimer Agent de Chambre de la Majesté Impériale et Grand Facteur de la Majesté le Roy de Pologne Augsburg, also kaiserlicher Kammeragent Großfaktor des Königs von Polen. Letzteres war in jener Zeit August III, der sich weit mehr für Opernbesuche und Kunstsammlungen als für Politik interessierte. Wolf Wertheimer übersiedelte um 1750 nach München, wo er sich zuvor auch immer wieder am Hof der bayerischen Herzöge aufhielt und starb dort. Für einiges Aufsehen sorgte der aufwendige Leichenzug von München zum jüdischen Friedhof bei Pfersee und Kriegshaber, dem sich zahlreiche Vertreter anderer Gemeinden anschlossen. Wie bereits sein Vater Schimschon (Samson) unterstützte auch Schimon (Simon) Wolf den Unterhalt und Aufbau jüdischer Gemeinden im Lande Israel (Safed, Jerusalem, Hebron). Einem Brief aus dem Jahre 1729 an einen seiner  Schwiegersöhne lässt sich etwa entnehmen, dass er etwa auch Beziehungen zum österreichischen Gesandten in Istanbul nutzte, um sich für die Juden in der damals osmanischen Provinz einzusetzen. So verwundert es auch nicht, dass sein Grabstein am Friedhof Pfersee/Kriegshaber  einen fast messianischen Ehrentitel „Nasi Jisrael“  trägt, was je nach Lesart als Prinz, Fürst oder König Israels umschrieben werden kann. Die Grabrede hielt Isaak Etthausens Nachfolger Benjamin Wolf Spiro Segal der einer prominenten böhmischen Rabbinerfamilie entstammte und selbst Richter in Prag war, ehe er Rabbiner in Oettingen und 1764 Rabbiner in Pfersee wurde und 1792 verstarb.

Wertheimers Grabmal aus rotem Kalkstein ist trotz der Zerstörung zahlreicher benachbarter Gedenksteine glücklicher Weise fast vollständig erhalten geblieben. Die Inschrift lautet:

פה נטמן הרר שמעון וואלף בן גאון נשיא ארץ ישראל מרהרר שמשון וערטהיים זצל מווינא נפטר במינכין מוצאו שק ונקבר ביום א כ טבת שנת ת”ו קוף כף היא לפק תהא נשמתו בצרורה בצרור החיים

 

Hier ist begraben der verehrte R. Schimon Wolf Sohn des Gaon und Fürsten des Landes Israel der hochverehrte R. Schimschon Wertheim aus Wien, gestorben in München am Ausgang des heiligen Schabbat und begraben am ersten Tag der Woche, am 20 Tewet des Jahres 5526. Seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens.“

Das Datum ist etwas sonderbar notiert als שנת ת”ו also Jahr 406 (das wäre freilich 1645) gefolgt von den ausgeschrieben Buchstabennamen קוף כף für den Zahlenwert 120, was zusammen addiert also 526, bzw. 5526 ergibt. Das Datum der Beisetzung in Pfersee/Kriegshaber entspricht demnach dem Sonntag 13. Januar 1765, in München gestorben ist Schimon Wertheimer am Vorabend.  Der gewiss recht mühsame Transport des Leichnams von München wie auch die Beisetzung mussten also vor Anbruch der winterlichen Abenddämmerung abgeschlossen sein, die Mitte Januar bereits um etwa 17 Uhr beginnt.  

Einen eigenen jüdischen Friedhof hatte München in dieser Zeit noch nicht. Genau genommen noch nicht mal eine „richtige“ Gemeinde. Diese konstituierte sich dem Vernehmen nach erst im Januar 1815 in der Wohnung von Judit Wertheimer, der Witwe von Wolfs Sohn Abraham. Im Jahr darauf bekam die neue Gemeinde auch in München auch einen eigenen Friedhof, weshalb aufwendige Überführungen ins fast 70 km entfernte Kriegshaber nun nicht mehr erforderlich waren.

see: http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=247&letter=P&search=Pfersee

The Jewish cemetery of Pfersee and Kriegshaber is the burial place of numerous scholars and rabbis. Among them are prominent personalities like Isaac Sekel ben Menachem Etthausen (1685-1763), author of “Or Neelam” and “Or lo betzion” who had been Rabbi of Pfersee and Medinat Schwaben for 33 years and his ramified relative Shimon Wolf Wertheimer, court Jew of the emperor, the Bavarian dukes as well as of the King of Poland. Shimon or Simon Wolf Wertheimer who spent at least some years in Augsburg as we know from a number of 90 letters, is the son of the universally known Shimshon Wertheim better known as Samson Wertheimer who was a famous and pious scholar , Rabbi of Hungary and a very prominent imperial court Jew in Vienna himself. The fact that his firstborn and most influential son Simon spent a lot of time in Augsburg as well as in Pfersee and finally had been buried here however is hardly known.

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