Jakob von Linz, Arzt der Kaiser


Jakow von Linz wurde als Jakow bar Jechiel (ca. 1435-1511) im mittelalterlichen Augsburg geboren. Als Kind wanderte mit seinen Eltern nach der Ausweisung im Jahre 1439 aus der Reichsstadt wie viele andere zunächst in aufnahmefähige Herkunftsorte Augsburger Juden, etwa nach Ulm oder Lauingen. In den frühen 1450ern finden wir Jakow in Ulm als Schüler von Rabbi Meir (ca. 1410-1478), dem Sohn Rabbi Jakob Weil (1380-1456), bis 1438 der letzte Rabbiner in Augsburg. Rabbi Meir war Vorsitzender des Gerichts in Ulm und amtierte zugleich auch als Rabbiner von Burgau, dem Sitz der österreichischen Marktgrafschaft. Jakow schloss sich Jakob Weil (1435-1515) an, dem gleichfalls noch in Augsburg geborenen Sohn Rabbi Meirs und Enkel Jakob Weils, als dieser um 1455 nach Donauwörth berufen wurden, zunächst als Vorsänger, schließlich als Rabbiner und zuletzt als Vorsitzender des Gerichts. Dem Vernehmen nach war auch Jakow eine Weile als Kantor in Donauwörth und mit Rivke (Edel) der Enkelin Rabbi Jakob Weils und Schwester seines Freundes verheiratet, ehe er (mit ihr) nach Prag und Wien ging, wo er sich seine medizinische Ausbildung erwarb. Schließlich finden wir ihn um 1460 als Leibarzt am Hofe des Habsburgers Friedrich III. (1415-1493), seit 1424 Herzog von Kärnten, ab 1440 römischer König und seit 1452 schließlich auch Kaiser des Reiches (פרידריך השלישי, קיסר האימפריה הרומית).

 Jakow bar Jechiel verfasste auch medizinische Schriften (dazu später mehr) und lehrte am Hofe Friedrichs in Linz unter anderem auch Johannes Reuchlin (1455-1522) aus Pforzheim, einem der bedeutendsten christlichen und humanistischen Gelehrten des Mittelalters, der als bedeutendster humanistischer Philosoph, Hebraist und christlicher Verteidiger des Talmuds in die Geschichte einging. Es wird allgemein angenommen, dass Reuchlin seinem Lehrer Rabbi Jakow in seinem Werk „De arte cabbalistica“ literarisch würdigte.

Den Angaben von Heinrich Graetz (1866) gemäß wurde Jakow von Kaiser Friedrich für seine überragenden Dienste sogar auch zum Ritter ernannt, was für einen Juden im Mitteleuropa des 15. Jahrhunderts völlig beispiellos sein dürfte und blieb bis zum Tod des Kaiser im Jahre 1493 dessen Leibarzt.

Nach Friedrichs Tod wechselte Jakow in die Dienste dessen Sohnes und Nachfolgers Maximilian I. (1459-1519), dem er gleichfalls als persönlicher Leibarzt diente und begleitete. Maximilian war in der Wiener Neustadt geboren und bereits seit 1486 deutscher König, 1493 als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. Herzog von Österreich und 1508 schließlich auch Kaiser. Kaiser Maximilian, der auch als enger Vertrauter der Fugger gilt, hielt sich in 17 nachgewiesenen Aufenthalten über mehr als zweieinhalb Jahre in Augsburg auf, wo er sich 1504 ein Haus der Patrizierfamilie Meuting in der heutigen Heilig-Kreuz-Gasse als Wohnhaus erwarb. Bereits 1473 hatte er seinen Vater Friedrich erstmals nach Augsburg begleitet. Man baute eigens für ihn, ein heute zumindest namentlich noch als „Alter Einlass“ erinnertes Tor in die Stadtmauer, die in diesem Teil rund 200 Jahre zuvor von den Augsburger Juden selbst errichtet wurde, und nannte ihn mal liebevoll mal scherzhaft „Bürger-„ oder gar „Bürgermeister von Augsburg“.  

(Meuting-Haus in Augsburg, von 1504 bis 1519 im Besitz von Kaiser Maximilian I)

Auch die Augsburger Steuerlisten verzeichneten jüdische Ärzte in der Stadt. Der erste ist Sanwel von Friedberg, zu dem angemerkt ist „ir arzet und ir fleischheckel“. Man kann hoffen, dass der Nebenjob des Fleischhackers ansonsten keinen Aufschluss über seine Tätigkeit als Arzt gab, jedoch ist der aus dem (wohl benachbarten) Friedberg stammende Samuel immerhin in der Zeit von 1355 bis 1377 als Steuerzahler registriert, was auf eine gewisse Beständigkeit und Verlässlichkeit schließen lässt.  Im Jahre 1377 erwähnen die Unterlagen einen namentlich nicht genannten Sohn des Klein Pendit ebenfalls mit dem Zusatz „ir arzat“. Klein Pendit (clain pendit) selbst ist neben seinem Bruder Sueskind von 1367 bis 1380 (bzw. 1277) verzeichnet. Von 1380 bis 1384 wird Mair (Meir) als Arzt genannt, bei dem es sich wohl um den vorgenannten, zuerst namentlich nicht genannten Sohn des Klein Pendit handelt.

Jakows Beiname Loans, hebräisch als לואנש überliefert, basiert übrigens sehr wahrscheinlich auf der Linzer Mundart, d.h. dem gängigen oberösterreichischen Dialekt, wie mir ein „hoibada Loanser“ (ein halber Linzer) glaubhaft versicherte und meint demnach nach heutigem Gebrauch לינץ, bzw. ganz üblich Jakow (von) Linz, die Landeshauptstadt von Oberösterreich mit knapp 200.000 Einwohnern nach Wien und Graz drittgrößte Stadt Österreichs und zusammen mit Vilnius (ווילנע) 2009 Kulturhauptstadt Europas. Weniger wahrscheinlich wäre ein Bezug zum Tiroler Dorf Lans bei Innsbruck, um 1200 erstmals urkundlich als „Lannes“ erwähnt, jedoch ohne bekannte Bezüge zu einer jüdischen Geschichte, die ein entsprechendes Toponym begründen könnte.  

In Linz sind Juden seit dem 13. Jahrhundert im Bereich des heutigen Altstadtviertel mit der Synagoge in der heutigen Hahnengasse nachweisbar. Die Linzer Juden wurden jedoch 1421 im Zuge der „Wiener Gesera“ meist ermordet. Einige wurden zwangsgetauft, nur wenige konnten fliehen. In der Folgezeit hielten sich Juden in Linz nur zeitweilig auf und bildeten kleine, instabile Gemeinden für einige Jahre oder Jahrzehnte. Erst um 1850 etablierte sich eine neue dauerhafte Gemeinde, die bald 1000 Mitglieder hatte. Ein Linzer Schulfoto aus dem Jahr 1901 zeigt den jüdischen Philosophen Ludwig Wittgenstein und Adolf Hitler als Mitschüler. Schon 1939 freilich waren nur noch 30 Juden in Linz. 1968 wurde die neue, heute noch bestehende Synagoge in der Bethlehemstr. eingeweiht. 

Yakov of Linz(ca. 1435-1511)was born in Augsburg and married in Donauwoerth Rivka (or: Edel), the granddaughter of Rabbi Jakob Weil, the last medieval rabbi of Augsburg until 1438. She was the daughter of Rabbi Meir, the teacher of Yakov and the sister of Jakob Weil II., who was head of the Bet Din in Donauwoerth. Yakov bar Yekhiel was chazzan (cantor) and composed some piyutim, pieces of synagogal poems. He moved to Vienna and to Prague, where he was properly trained as doctor of medicine. About 1460 Yakov appears as personal physician of Frederic III, King of Germany and since 1452 Roman Emperor at his court in Linz (Austria). After Frederic’s death in 1493 he was the personal doctor of his son Emperor Maximilian I. who, as is well known, in very good terms with the Augsburg Fugger and who acquainted in 1501 a house in Augsburg. The house still exists today at the backside of Augsburg’s City Theater. However Yacov of Linz is best known as Jakob Loans and as Hebrew teacher of Johannes Reuchlin, a Christian scholar who became famous as fierce defender of the Talmud and as humanist and hebraist. According to common tradition Yacov bar Yekhiel died in 1506 in Linz, but other more substantial sources however maintains that he died at the 10th day of Omer in 5271 what is the 25th of the month Nissan in the Hebrew Calendar in Burgau (what corresponds to Wednesday 23rd of April in 1511) and also was buried there. His grave marker, which as the whole Jewish cemetery of Burgau does no longer exist, mentions him as רופא לקיסרים – rofe lekesarim – doctor for the emperors. According to that in 2011 we may commemorate the 500th anniversary of the death of the remarkable Augsburg born chazzan, poet, rabbi and physician, who after the expulsion of the Jews from Augsburg returned several times to his hometown with the entourage of two Roman Emperors in a time when Augsburg reportedly was “free of Jews”.  Among his offspring, as is widely assumed is Jossel of Rosheim (1478-1554), who represented and defended as leader and speaker of the Jews in the Reich their interests at the Imperial Diet. Other descendents we find later as inhabitants of the Jewry in Pfersee, near Augsburg.  

(note the swastika like ornaments)

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