Torah in Augsburg

April 21, 2017

אז ישיר משה ובני ישראל את השירה הזאת
שמות טו א  (Second Book of Moses 16.1)

Ausstellungsstück der Bibelausstellung im Augsburger Rathaus.

Bible exhibition at theTOWNHALL of Augsburg, among the items are the smallest microfish Bible an in sharpe contrast to it the largest one of the world, which reportedly weighs some 1100 pounds or so, … another one which once belonged to Elvis Presley and … “just imagine” some original Hebrew Torah scrolls (… without source of provinience …) as well… so at least some attentive visitors may recognize where the Bible actually came from.

hebräische Tora im Augsburger Rathaus ausgestellt

אז ישיר משה ובני ישראל את השירה הזאת

Then Moshe and the Israelites sing this song

Στη συνέχεια άμεσα ο Μωυσής και το Ισραήλ τραγούδησαν αυτό το τραγούδι

ثم مباشرة موسى وإسرائيل غنى هذه الأغنية

その後、直接モーセとイスラエルはこの歌を歌いました

ከዚያም በቀጥታ ሙሴና እስራኤላውያን ይህን መዝሙር ዘመሩ

Затем непосредственно Моисей и Израиль пел эту песню

דעמאָלט גלייַך משה און ישראל סאַנג דעם ליד

Avy eo i Mosesy sy ny Isiraely mivantana nihira izao fihirana izao

然后直接摩西和以色列人唱这首歌

그런 다음 바로 모세와 이스라엘은이 노래를 노래

तो फिर सीधे मूसा और इसराइल इस गीत गाया

Dann sangen Moses und die Kindern Israel dieses Lied

Alors Moïse et les Israélites ont chanté cette chanson

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In eigener Sache: museumsreif

July 15, 2016

Ausstellung Synagoge Augsburg Jüdisches Museum Nachkriegsgemeinde

Sich selbst als Teil einer Museumsausstellung wiederzufinden ist keine Standarderfahrung. Juden in Deutschland kann dies aber durchaus passieren, da „jüdisches Leben in Deutschland“ von manchen noch immer offenbar als so außergewöhnlich aufgefasst wird, um „museumsreifer“ Gegenstand einer Ausstellung zu werden, oder von vieren gar.

Am 2. Juni eröffnete das Jüdische Kulturmuseum im Foyer der Augsburger Synagoge, Halderstraße den von Marc Wrase realisierten vierten Teil der Ausstellung zur jüdischen Nachkriegsgemeinde in Augsburg: „Im Übergang. Jüdische Gegenwart 1990-2010“ mit einer etwas zerstreuten Münchnerin Charlotte Knobloch als Festrednerin.

Yehuda Shenef Jüdisches Kulturmuseum Augsburg SynagogeEndstation Vitrine ..?

Ist man anderswo auf diesem Planeten (wie fast alle Menschen) mehr oder minder fragmentarischer Bestandteil der Allgemeingesellschaft, so fokussiert (verengt) sich in Deutschland der Blick auf „Jüdisches“ (sobald dieses genannt oder bekannt wird) weiterhin durch Schablonen, die in den Biographien der Betrachter vorrätig sind und oft genug über Generationen vererbt sind. Wie bei anderen musealen Exponaten wissen viele Besucher mehr über die Ausstellungsstücke als diese selbst und die gemeine Muschel widerspricht den Expertisen ebenso wenig wie der rekonstruierte Saurier.

Charlotte Knobloch Synagoge Augsburg 2016Festrednerin Knobloch / Hausherr Alexander Mazo

Alexander Mazo Synagoge Augsburg

Sich dem von der Vitrine aus gegenüberzustellen ist eine ungewohnte und deshalb schon auch reizvolle Daseinsvariante, die sonst, wie etwa im Naturkundemuseum Neandertalern und ausgestopften Füchsen oder Eulen vorbehalten bleibt. Es ist also naheliegend, die Gelegenheit zu nutzen, auch (oder: weil) wenn man damit das Reich des Fossilen bereits betreten hat und als reale Erscheinung in gewissen Apsketen entbehrlich wird. Und das ist auch das Gute daran, kann man künftig bei dummen Fragen gleichfalls realer Zeitgenossen diese doch bequem auf Ausstellung und Katalog verweisen.

Im Laufe von nunmehr sechs Wochen seit der Eröffnung der Ausstellung wurde ich aber auch schon von mehreren (mir zuvor fremden) Personen angesprochen – außerhalb des Museums. Das ist etwas eigenartig, wie man sich denken kann. Aber schon vor Jahren sprach mich mal eine ältere Dame an, die an einer von mir geleitete Führung am Friedhof teilnahm und sich an mich erinnerte (anders als ich an sie), mit den Worten: „Sind Sie nicht der Jude vom Friedhof?“. Und zu Glück nahm sie mir meine Antwort: „Ja, genau, aber ich habe heute Ausgang“ nicht krumm, sondern fand sie recht humorig. Und so verhält es sich nun auch mit dem Musealen, was nur folgerichtig ist, wenn man bedenkt, dass vor einigen Jahrzehnten ein gewisser Herr Heydrich, in Prag, von wo meine Großmutter stammt, auch bereits eine Ausstellung über „jüdisches Leben“ plante.

Im Zentrum der Augsburger Ausstellung im Jahre 2016 steht freilich die aktuelle jüdische Gemeinde, die Großteils von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion besteht. Aus ihren Biographien sind Militärorden ebenso entnommen, wie Kinderspielzeug, Modellschiffe oder russische Pelzmützen.

Russische Uniform Orden Jüdisches Museum Augsburg Augsburg

Im Zentrum der Augsburger Ausstellung im Jahre 2016 steht freilich die aktuelle jüdische Gemeinde, die Großteils von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion besteht. Aus ihren Biographien sind Militärorden ebenso entnommen, wie Kinderspielzeug, Modellschiffe oder russische Pelzmützen.

 

Im Übergang. Jüdische Gegenwart 1990-2010

Teil 4 der Ausstellungsreihe des Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben

noch zu sehen bis 11. Dezember 2016

im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg Schwaben im Foyer der Synagoge Halderstraße 6/8


Die Augsburger Juden der Nachkriegszeit

April 19, 2013

Augsburg Synagoge Westseite

Zukunft im Land der ‚Täter‘?“ – Jüdische Gegenwart zwischen ‚Wiedergutmachung‘ und ‚Wirtschaftswunder“ 1950-1969“ lautet die Mittwoch Abend im Jüdischen Kulturmuseum Schwaben-Augsburg eröffnete Ausstellung (Unter der Schirmherrschaft der nicht anwesenden Münchner Gemeindevorsitzenden Charlotte Knobloch), als zweiter Teil der Serie „Leben in Augsburg nach der Katastrophe“, die sich der Nachkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinde widmet.

Jüdisches Kulturmuseum Augsburg Schwaben Ausstellung Zukunft im Land der Täter April 2013

Dr. Schönhagen

Theo GandenheimerBürgermeister a.D. Theo Gandenheimer

Dr. Benigna Schönhagen (geb. 1952), Leiterin des Museums und mit der IKG Gastgeberin der Veranstaltung eröffnete die Veranstaltung und zitierte die oft genannten „gepackten Koffer“ und verwies auf Hella Goldfein, die sich in München als Familientherapeutin auch mit Traumatisierungserfahrungen beschäftigt und als Tochter der (in Augsburg bestatteten) Holocaustüberlebenden Meir und Ester Fischl hier aufwuchs. Der ehemalige Augsburger Bürgermeister und langjährige Stadtrat Theo Gandenheimer (geb. 1934) nannte das Ausstellungsthema einen „bislang völlig unbekannten Teil der Geschichte Augsburgs“ und sprach vom „bewundernswerten Mut der Juden sich nach alledem wieder bei uns niederzulassen“. Die 1952 in Dachau geborene Christine Kamm, seit 1990 für die „Grünen“ im Augsburger Stadtrat und seit 2003 im bayrischen Landtag, sagte, die Geschichte der Überlebenden des Holocausts sei „im kollektiven Gedächtnis verloren gegangen“. Die Mitbegründerin des „Vereins der Freunde und Förderer des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben e.V.“  erwähnte ihren Parteikollegen Jerzy Montag (wohl weil dieser neben einer katholischen Mutter einen jüdischen Vater hatte) , berief sich ebenfalls auf die Münchner Diplom-Psychologin und zitierte deren Aussage darüber, dass „die Gedanken der Kinder das Schweigen der Eltern ausfüllte“.

Dr. Andrea Sinn (geb. 1981) sprach als Kuratorin der Ausstellung. Schon als Mitarbeiterin am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität in München beschäftigte sie sich mit Juden, die in der Nachkriegszeit (wieder) in Deutschland lebten. „Nach der Befreiung“, so sagte sie, sei es „für die meisten jüdischen Menschen unvorstellbar“ gewesen nach Deutschland zurückzukehren, weshalb viele „nach Palästina, bzw. Israel“ gingen. Zunächst hätten die Juden in Deutschland keinen Kontakt zu den „Nichtjuden“ gehabt, wohl habe es aber geschäftliche Kontakte gegeben. Zur Zeit des Wirtschaftswunders hätten so auch einige der Juden selbst wirtschaftliche Erfolge erzielen können. Ein Beispiel dafür nannte schließlich auch der Vorsitzende des Stiftungsrates des Museums Dr. Georg Haindl (geb. 1956) und Sohn des Papierfabrikanten Georg Karl Maria Haindl (1914-1970), der wikipedia gemäß dem auf die Kreuzfahrer zurückgehenden „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ (Ordo Equestris Sancti Sepulcri Hierosolymitani) angehörte. Haindl verwies auf Gustav Einstein, der im Besitz der Unterbaarer Schlossbrauerei war, von den Nazis enteignet wurde und in der Nachkriegszeit wieder zu seinem Besitz kam. Der heutige Besitzer der Brauerei habe für die Veranstaltung so auch einiges Bier gespendet, womit sodann auch bereits zum Büffet übergeleitet wurde …

christine kamm grüneChristine Kamm, Grüne Augsburg

Dr Andrea Sinn Kuratorin Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Andrea Sinn, Jewish Museum Augsburg

Dr Georg Haindl Stiftungsrat Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Georg Haindl (III.) Augsburg

* * *

Der Titel der Ausstellung, wurde bereits von den Festrednern in Frage gestellt – damit aber noch nicht in Abrede. Die in manchen Passagen weinerlich anmutenden Stimmen mancher Redner zeugen davon, dass trotz aller Beschwörung einer „Normalität“, sich diese (wenigstens in diesem Rahmen) nicht einstellen will und die Gemüter bis auf weiteres beunruhigt bleiben. Man wählt die Worte ganz behutsam, immer darauf bedacht, keinen Argwohn zu wecken. Obwohl auch gerade Museen mittels ihrer limitierten (nicht selten auch nur zufällig erhaltenen) Dokumente, Modelle und Schnappschüsse fraglos nicht die Alltagswirklichkeit (von in diesem Fall: zwei Jahrzehnten) darstellen können, stapeln sich doch vorsorgliche Entschuldigungen und werden auch bewusst angesprochen, etwa, dass die Ausstellung „keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben“ wolle. Etwas anderes zu erwarten, wäre ziemlich albern, weshalb die Beteuerung wie so oft unsicher wirkt, bewusstseinsgespalten und aufgesteckt.

Formulierungen wie „Tätervolk“, „Land der Täter“ „… der Opfer“, „.. der Taten“ und dergleichen sind seit Jahren, bald schon wieder Jahrzehnten gebräuchlich und kontrovers und noch nach jeder Diskussion sind sich die meisten Diskutanten in etwa darüber einig, dass man nicht pauschalisieren dürfe, solle, könne. Ans Banale grenzende Einsichten dieser Art vorauszusetzen erscheint dann aber offenbar zu anspruchsvoll und vielleicht hat man sich auch deshalb auf Begriffe wie „Erinnerungsarbeit“ verständigt. Dass Fachkreise ihr eigenes Vokabular (er)schaffen, um ihre Wirklichkeit zu beschreiben, ist eine nicht minder geläufige Beobachtung der Linguistik.

Ansonsten dominiert “sowieso” (wie die Schwaben sagen) ganz allgemein der psychologische Zugang zum Thema. Und wo man, bei Bedarf eine Straße einfach überqueren könnte, konstruiert man kunstvolle Wendeltreppen, die verschiedene Perspektiven auf die Straße bieten und ermöglich sie von oben “objektiv” zu betrachten. Wie gut also, dass sich gerade die „zweite Generation“ Therapien zugänglich machen lässt. Θεραπεία heißt eigentlich „Dienen“ und so sind Kunsttherapien und dergleichen gewiss auch (zweck)dienlich.

Von der „Heimkehr der Unerwünschten – eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ sprach bereits das auch schon wieder vor über zwei Jahren erschiene Buch des 1974 geborenen Olivier Guez, das bei einem Preis von 64 Euro offensichtlich nicht zu viele Leser haben sollte, aber vielleicht in Augsburg doch welche fand und somit wohl auch Anregung geben konnte. „Rückkehr unerwünscht“ titelte aber bereits 1978 ein Buch von Joseph E. Drexel (1896-1976). Details.

Als „Unerwünschte“ wurden Juden in Augsburg nun nicht vorgestellt, stattdessen schilderte man einen Konflikt zwischen der recht kleinen Gruppe zurückgekehrter Augsburger Juden und Verschleppten aus Osteuropa. Diese hätten zwei Gemeinden gebildet und erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen zueinander und zur heutigen Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg gefunden. Selbstverständlich wurden auch die erwartbaren Schwierigkeiten mit den schätzungsweise insgesamt etwa 117 mal erwähnten „Nichtjuden“ nicht verschwiegen (aber auch nicht präzisiert, obwohl es da einiges sehr Aufschlussreiches zu berichten gäbe ..!).  Begriffstypisch entspricht dies Nichtrauchern oder Nichtschwimmern, quantitativ ist die auch in Augsburg fast unüberschaubare Gruppe weitgehend deckungsgleich mit der der „Nichtbuddhisten“. Auch hier ist die „Begrifflichkeit“ wieder mit Bedacht gewählt, denn das „Nicht-…“ soll hier nicht ausgrenzen, wie ein „Un-„ (Mensch, Tier, Vermögen, …). Unerwünscht wäre allenfalls “das Judentum” also (sog. “Orthodoxes” solches), eine Gefahr, die aber wohl nicht besteht. Was soll man denn auch einwenden wollen gegen “gebildete Leute” , die Mozart, deutsche Kultur und Sauerkraut mögen oder den FC Bayern München?

Unterbaar Schlossbrauerei Einstein Bier Emblem 1955

Der aus Buttenwiesen stammende Gustav Einstein (1882-1960) war von 1925-1933 im Besitz des Schlosses und der Brauerei in Unterbaar (heute mit Oberbaar zu Baar zusammengefasst, bei Thierhaupten, irgendwo zwischen Meitingen und Pöttmes, 30 km nordöstlich von Augsburg). Erworben hatte er es von den aus Freiburg stammenden Gebrüdern Himmelsbach, die mit Holzverarbeitung ein Vermögen machten, sich dann aber im Wortsinn verspekulierten und Pleite waren. Der “arisierte” Betrieb wurde von Hans Emsländer übernommen, der die Brauerei 1955 wieder an Einstein zurückgeben musste. Einstein starb im November 1960. Seine Erben verkauften Brauerei und Schloss 1963 … Der heutige Eigentüm von Trockau besitzt den Betrieb bereits in zweiter Generation:

www.schlossbrauerei-unterbaar.de

Der Blickwinkel der Ausstellung ist – die Redner hatten es längst verinnerlicht oder wenigstens erkannt – trotzdem einer aufdie Juden“ (und zwar weitgehend im Sinne bloßer Abkömmlinge einer “problematisierten” Abstammung), die nun letztendlich selbst zum Ausstellungsobjekt geworden sind. In gewisser Weise ist damit mein noch in den 1990ern gesagter Satz, dass man als Jude in Augsburgmit einem Bein in der Vitrine …“ stehe, fast Wirklichkeit (im Sinne der durch einen Museums-Besuch gemachte “Erfahrung”) geworden.

Tatsächlich wird es aber noch einen dritten (bis 1985) und einen vierten (bis zur Gegenwart) Teil der Ausstellungskonzeption geben.

* * *

Die Ausstellung ist noch bis 15. September 2013 zu sehen. Dazu erschienen und im Museum für 14 Euro erhältlich ist ein deutsch-englischer “Katalog” (ISBN 978-3-9812246-3-4

(Photos: Margit Hummel)


Zur Ausstellung “Ma Tovu – wie schön sind deine Zelte Jakob, Synagogen in Schwaben”

March 18, 2013

Synagoge Ichenhausen Former Synagogue of Ichenhausen (Bavaria, Germany)

Bericht und Kommentar: Am gestrigen Sonntag wurde ab 17 Uhr in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen die Ausstellung  „Wie schön sind deine Zelte, Jakob …“ – Synagogen in Schwaben eröffnet. Über die Initiatoren wie auch über Sinn und Zweck der Veranstaltung referierten eine Reihe von Rednern, die im eigenem Wortlaut gewiss am besten für sich sprechen können. „Musikalisch umrahmt“ wurden die Redebeiträge durch den Kantor der Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg, Nikola David, der mit Klavierbegleitung u.a. eine Gesangsfassung des hebräischen Ausstellungstitel „ma tovu“ zum Besten gab.

 

Ichenhausen Ma Tovu Ausstellung Eröffnung Synagogen in SchwabenVeranstaltungsplakat

Dr Benigna Schoenhagen Ichenhausen SynagogeDr. Benigna Schönhagen

Die Leiterin des „Jüdischen Kulturmuseums Augsburg Schwaben“ Frau Dr. Benigna Schönhagen (gemäß Wikipedia 1952 geboren und 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet) stellte in ihrer einführenden Rede kurz „das Netzwerk“ vor, welches die Ausstellung organisierte und ausarbeitete. Am Schluss der Ausstellung selbst, so Schönhagen sei dargestellt, dass „nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus eine Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen und insbesondere mit den lokalen Ausformungen begann. Nach langen Jahren des Verschweigens und Verdrängens der Verbrechen während der Herrschaft des Nationalsozialismus fingen seit Ende der 1980er Jahre erst Einzelpersonen und Initiativen, dann in Kommunen und Körperschaften damit an, sich für den Erhalt und die Restaurierung von Synagogenbauten einzusetzen – Ichenhausen ist ein schönes Beispiel dafür – so entstanden Gedenkorte an denen nicht nur an die Zerstörung erinnert, sondern auch das Bewusstsein für das einst jüdische Leben der Region geweckt und wachgehalten wird. 2003 hat das jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben die politische für diese Gedenkorte Verantwortlichen und die praktisch für diese Gedenkorte Tätigen an einen runden Tisch geladen, … um gemeinsam darüber nachzudenken, wie die die Initiativen und Arbeiten vor Ort gebündelt und durch gemeinsame Aktivitäten verstärkt werden können.“

So nun sei jener Verbund entstanden, der sich den „vielleicht etwas schwierigen, aber zutreffenden“ Namen „Netzwerk Historische Synagogenorte in Bayrisch-Schwaben“ gab und dessen „Radius von Hainsfarth im Norden bis nach Kempten im Süden, von Altenstadt im Westen bis nach Augsburg als östlichsten Punkt“ reiche. Mit dem Baden-Württembergischen Bopfingen-Oberdorf reiche das „Netzwerk“ „aus historischen Gründen“ sogar noch „über die Grenzen des Freistaats hinaus“.

Ichenhausen Synagogen Schwaben Ausstellung Schönhagen

Synagoge Ichenhausen Kantor Nikola David

  Kantor und Tenor Nikola David

Souzana Hazan Synagoge Ichenhausen

Kuratorin Souzana Hazan

Nächste Rednerin war die 1979 in Bulgarien geborene Kuratorin der Ausstellung Souzana Hazan (Сузане Хазан), die von 2009-2011 ein „Wissenschaftliches Volontariat“ im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben absolvierte und gegenwärtig am Aufbau eines Archivs zu den Synagogen in Schwaben mitwirkt, das der Ankündigung von Dr. Schönhagen online zugänglich werden soll. In ihrem akustisch mitunter nur schwer zu verstehenden Vortrag widmete Frau Hazan sich der regionalen Baugeschichte der Synagogen in Schwaben: 

“Erste eigenständige Synagogenbauten entstanden in großer Zahl Ende des 17. Jahrhunderts. Die jüdischen Gemeinden hatten nun – damals genügend Mitglieder – um rechtmäßig Gottesdienste abzuhalten und eigene Gotteshäuser zu errichten. In einigen Fällen lösten die Bauvorhaben Beschwerden der Geistlichkeit aus … dennoch gelang es vielen jüdischen Gemeinden in dieser Zeit stattliche Bauten zu realisieren. … oft standen diese Synagogen frei und hoben sich deutlich von ihrer Umgebung ab. In der Regel waren sie Mehrzweckbauten, die neben dem Betsaal auch andere Gemeinderäume enthielten. Zwischen 1780 und 1820 entstanden in Schwaben auffallend repräsentative Synagogen. Ihre Größe und Architektur spiegelten sowohl das gewachsene Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinden als auch die Akzeptanz wieder die die Juden schon am Vorabend der Emanzipation erreicht hatten. Waren die frühen Synagogen in der Tradition profaner Bauten eingerichtet so sind die Synagogen in Ichenhausen, Altenstadt und Hürben von ihrer Identität und Gestaltungswillen mit zeitgenössischen Kirchen zu vergleichen …“

Synagoge Schwaben Ausstellung Ichenhausen KriegshaberAusstellungstafel “Synagoge Kriegshaber”

Prof Rolf Kießling Synagoge Ichenhausen SchwabenProf. Dr. Rolf KießlingProf Rolf Kießling Vortrag Synagoge Ichenhausen

Prof. Dr. Rolf Kießling, der bereits 1969 promovierte Leiter des Forschungsprojektes „Juden in Ostschwaben während der Frühen Neuzeit“ am Institut für Europäische Kulturgeschichte an der Universität Augsburg gilt vielen als „einer der angesehensten Landeshistoriker Deutschlands“. In seinem Vortrag in Ichenhausen resümierte er zunächst über die Darstellung der Synagogen in der jüdischen Geschichtsschreibung, von der im engeren Sinne erst recht spät und zunächst auch nur spärlich eine Rede sein könne. So habe Heinrich Graetz in seiner umfangreichen „Geschichte der Juden“ (zwischen 1853 und 1875 in elf Bänden erschienen) dem „Landjudentum“ kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Auch ansonsten sei dieses kein Gegenstand „jüdischer Historizität“ gewesen. Daran habe sich erst um und nach 1900 in Ansätzen etwas geändert. Kießling nannte hierzu mit jeweiligen lokalen Bezügen Namen wie Leopold Löwenstein, Israel Lammfromm, schließlich auch Aaron Tänzer, Richard Grünfeld und Theodor Harburger. Aber auch von „nichtjüdischer Seite“ habe es mit den „Sakralbauten“ der Juden zunächst überhaupt keine systematische Auseinandersetzung gegeben. 

Letzteres erklärte Prof. Kießling damit, dass die Juden in ihrer schwäbischen Umgebung als eine Art „Fremdkörper“ aufgefasst worden seien: „Man muss soweit gehen, zu sagen, dass jüdische Gemeinden nicht zu dem gehörten, was man als ‚Schwaben‘ begriff. Es gehörte nicht zur schwäbischen Identität – denn diese Identität war vorwiegend als eine ethnische Homogenität des schwäbischen Stammes gedacht, der schwäbischen Menschen – und hier konnten die Juden nicht eingepasst werden.“

Ichenhausen Synagoge Vortrag Prof Kießling

Das Schlusswort hielt der 1932 geborene ehemalige Bezirkstagspräsident von Schwaben Georg Simnacher (CSU), der in seiner aktiven politischen Zeit Wikipedia gemäß „halb-spöttisch“ den Beinamen „Schwabenkönig“ erhalten habe. Auch er wurde u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Synaoge Ichenhausen Schwaben Ausstellung Simnacher
Georg Simnacher Synagoge Ichenhausen 

Die Ausstellung, so Simnacher sei ein „voller Erfolg“, der auch andernorts gelingen werde. Schließlich, könne man mit Gewissheit sagen, dass es sich hier um eine Ausstellung von „europäischen Rang“ handele. Simnacher bedankte sich bei den Rednern, insbesondere bei Prof. Kießling: „Sie haben eine schwäbische geschichtliche Meditation uns gegeben durch ein Beispiel ganz besonderer Art in unser eigenen historischen Werk. Vielen herzlichen Dank! Es ist sehr nachdenkenswert was Sie hier gesagt haben und ich hab (mir hat?) besonders imponiert, wie Sie aus der Vergangenheit die Gegenwart gemacht haben.“

Schließlich schloss Simnacher die Veranstaltung mit Hinweisen auf die im Vorraum aufgereihten Gläser mit Sekt, Wein und Wasser: „Wir haben uns auch erlaubt, ein bisschen “Nass” aufzustellen, solcher und solcher Art. Wer Wasser will nehme Wasser, wer den Wein bevorzugt, nehme diesen, aber in Maßen.“ (lautes Gelächter im Saal)

Synagoge Ichenhausen Wein Sekt Wasser

“Ichenhausener Nass”

Synagoge Ichenhausen Austellung Simnacher Schönhagen Hazan KießlingSimnacher, Schönhagen, Hazan, Kießling

Allem Anschein und Vernehmen nach waren Redner wie Gäste, darunter offenbar einige lokale Prominenz aus Politik und Forschung, sehr zufrieden mit dem Abend und sich selbst. 

* * *

Synagogue Ichenhausen lights

Ma Tovu Synagogen in Schwaben Ausstellung Ichenhausen

?.. מה טוב זה

Es ist nicht ganz einfach, die verschiedenen Aspekte der Ausstellung und Veranstaltung auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, zumal ganz offensichtlich die eigene Sozialisation die Blickrichtung wie auch die wesentlichen Kriterien und Grundhaltungen voraussetzt und vordefiniert. Ob man nun “die Nazi-Vergangenheit” (die schon aus Gründen des “Verfallsdatums” persönlich kaum noch jemand überhaupt haben kann) reflektiert, was bekanntlich auch längst nicht jedermanns Sache ist oder das „Schicksal“ ihrer jüdischen „Opfer“ nachvollzieht, sich die eine oder andere Brise „Jüdischkeit“ als eine Art von Hobby, Parfüm oder Anstecker gönnt (womöglich um parallel den “Staat Israel” zu schelten) oder ob man sich einen akademischen Judaismus als Zweit- oder Drittberuf oder Aufbaukurs leistet, führt offensichtlich zu ganz anderen Ergebnissen, als wenn all das, was sich hinter den bei Wikipedia oder in einführenden Taschenbüchern und Glossaren nachzulesenden Schlagworten “zum Judentum” die Alltäglichkeit offenbart, die Talmud-Tora zum Wirkstoff des (zumal ländlichen) Judentums mach(t)en. Mit großer Gewissheit lässt sich wohl voraussetzen, dass letzteres (Talmud-Tora) der eigentliche Antrieb für die Erbauer und Nutzer der thematisierten jüdischen Bet- und Versammlungshäuser war. Abgesehen von opernhaft vorgetragenen Gesängen – die zweifelsfrei der Kunst genügen und für manche moderne Zeitgenossen die selbige gar erst ausmach(t)en – war und ist von diesem Inhalt (Talmud-Tora) nichts zu sehen und nichts zu spüren. Wo die Funktion erloschen ist, genügen bekanntlich Symbole. Das kann auch kaum anders sein, da die in jenen „Synagogenorten“ heimischen Menschen bekanntlich ermordet oder wenigstens weit genug in die Flucht geschlagen wurden. “Nach dem Krieg” hat man Türken oder Jugoslawen eingeladen, keine Juden, die kamen erst gründlich säkularisiert (und damit wohl “entschärft”) aus der Konkursmasse des Sovjetimperiums, als Konzertpianisten, Ingenieure und nicht so selten in Mischehen.

Aus der Perspektive der Nachkommen der damaligen Täter und Schaulustigen erscheint es so, dass Jahrzehnte vergingen, ehe „man“ sich vereinzelt, dann kommunal und heute im Wesentlichen wohl nur noch institutionell mit „der Vergangenheit“ auseinandersetzt(e), wie man oft gesagt bekommt: wahrscheinlich, weil man warten musste, bis die Täter verstorben waren. Vielleicht aber auch, um den Tod der überlebenden Opfer abzuwarten, deren Überlebenschancen wenigstens nicht höher sein mussten. Das Sprichwort sagt zwar, dass die Zeit Wunden heile, aber das trifft allenfalls in einer Alzheimerschen Realität im vollen Umfang zu – soweit man das von Außen überhaupt sagen kann.

Von Innen jedenfalls fühlt es sich äußerst eigenartig an, Reden und Ausstellungen vom eher abstrakt abgehandelten „Komplex“ (sic!) „Juden/tum“ umgeben zu sein. Eine Synagoge ohne Tora ist nicht heilig, sondern einfach nur ein Gebäude. Etwas anderes kann darin nur sehen, für den Talmud-Tora keine reale Bedeutung hat und für den auch HaSchem nur ein Begriff aus der reichhaltigen Sammlung lateinischer „Bindestrich-Theismen“ ist. Dass dies alles aber mit der Lebenswirklichkeit jener Menschen, in deren geplünderten oder zerstörten Gebetsräumen man eher nichtsahnend nach Verständnis ringt, praktisch rein gar nichts zu tun hat, ist so sicher wie Imbiss oder Sekt nach dem Vortrag. Dazu passt auch die fast zwangsläufige Systematik jüdische Quellen zur Geschichte nicht zu kennen, weil sie in Hebräisch geschrieben wurden, was in der Trardition verbleibene Juden bis heute und übermorgen tun. Wenn man aber nur jene Quellen heranzieht, die in der Anpassung an das christliche Bildungssystem auf deutscher Sprache publiziert wurden, dann sollte man sich aber zumindest bewusst sein, welche Konsequenz dies für das Ausmaß an “Wirklichkeit” hat.  

Spätestens wenn man zum dreiunddreißigsten mal jemanden über „jüdisches Erbe“ hat reden hören, fühlt man sich schon nicht mehr so lebendig, sondern schon ein wenig tot. Man wartet fast auf einen Beitrag wie Kafkas “Bericht für eine Akademie” oder fürchtet, um einen solchen gebeten zu werden. So ziemlich alles was gesagt, gesungen oder gezeigt wird, lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es einen verspätet artikulierten Schlussstrich konnotiert, und zwar unter „das Judentum“. Dabei geht es nicht mal darum, dass die aktuelle, zu je einem Drittel russisch, museal oder akademisch Realität des „deutschen Judentums“ nicht mal erwähnt wird. Es kommt auch niemand der „politisch Verantwortlichen“ auf den rein menschlich wohl plausibelsten Gedanken, die restaurierten „ehemaligen“ Synagogen den heutigen Juden in der Region zurückzugeben und dafür zu werben, dass es künftige Synagogen werden. Es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass ein intakter Synagogenbau den Zuzug weiterer Juden bewirken könnte. Das aber wird nicht passieren, denn eine solche Rückgabe würde den Umgang mit der Vergangenheit, so wie er sich in den letzten Jahren etabliert hat, faktisch zunichtemachen, da es eine störende Gegenwart und eine ungewisse Zukunft gäbe. Man stelle sich vor, dass im Winter womöglich russische statt deutsche Adventslieder in einer jener “Begegnungsstätten” erklängen – oder vielleicht noch schlimmer: Binswangen, Harburg, Ichenhausen oder Kriegshaber gelangten in die (frommen) Hände von Chabadniks. Wäre das ein Alptraum?

Wahrscheinlich. Wenn wir die Worte aus Prof. Kießlings „schwäbisch geschichtlicher Meditation“ rekapitulieren, so ist dessen Analyse eigentlich recht finster, besagt er doch, dass Juden in Schwaben eigentlich immer schon fremd waren, weil diese angeblich ein ethnisch homogener „Stamm“ wären. Natürlich kann man sich fragen, ob einer solchen Einschätzung überhaupt (noch) irgendeine Relevanz zukommt, wenn man sich den aktuellen Anteil an Ausländern vergegenwärtigt oder gar realisiert, wie hoch der Prozentsatz von Personen mit sog. Migrationshintergrund auch im ländlichen Schwaben mittlerweile ist. Ob nun aber zugewanderte thailändische Hilfsköche, russische Ingenieure oder ein ägyptischer Muezzin besser in den homogenen schwäbischen Stamm passen, als es jahrhundertelang in der Region heimische Juden waren, kann ohnehin nur die Zukunft zeigen. Falls aber die These stimmen sollte – und daran gibt es ganz erhebliche Zweifel – dass Schwaben und Juden nicht zusammenpassen, dann ist auch die Frage erlaubt, was man als bewusster Jude nun vom Gedenken an das tote jüdische Erbe halten soll.  Berücksichtigt man das Publikum der Ichenhausener Veranstaltung, die offenbar für 12 mal 12 also 144 sitzende Besucher konzipiert war, aber (Veranstalter und Redner inklusive) nur 81 anzog, so fällt auf, dass die große Mehrheit deutlich ältere Semester waren und nicht mal eine Handvoll jünger als 40 Jahre alt war. Dieses Phänomen, so es denn eines ist, ist uns auch bereits bei vielen anderen Veranstaltungen vergleichbarer Art – und ab und an machen wir ja auch selbst Führungen oder halten Vorträge – aufgefallen: das Interesse von jungen Leuten (ohne Schulzwang) ist denkbar gering, schließlich lernt man ja bereits in der Schule fast alles über „die Nazis“ und nebenbei wohl auch, dass ein eigenständiges Judentum (etwa orthodox, zionistisch oder gar beides) gesellschaftlich weder relevant noch erwünscht ist. Wie auch immer können (und werden) künftige Generationen als „politisch Verantwortliche“ absehbar zu anderen Ergebnissen und Grundhaltungen kommen, wie mit jenem „jüdischen Erbe“ umgegangen werden soll, ob aus der reformierten Theater- und Opern-Religion nur noch museale Relikte für einen akademisch, sich selbst dienenden Apparat übrigbleibt oder ob eine zumindest um Authentizität bemühte jüdische Basis nachwachsen kann. 

Wenig bis nichts deutet auf eine positive Wendung (im Sinne von Talmud-Tora) in der nahen oder mittleren Zukunft und so scheint es dann letztlich ungewollt ganz passend zu sein, (nur) von Zelten zu reden, wo es in zwei Jahrzehnten spätestens für künftige Häuser des Judentums an Menschen, Mittel und Methode fehlen wird. 

Ichenhausen Brunnen

Deutsches Gedenken: Der Frieden um die Ecke (am Brunnen Ichenhausen)

Ichenhausen Bahnhof train stationTor zur Welt: Bahnhof Ichenhausen

Orte: Altenstadt-Illereichen, Augsburg, Binswangen, Buttenwiesen, Fischach, Hainsfarth, Harburg, Hürben, Ichenhausen,  Kriegshaber, Nördlingen, Oettingen, Wallerstein

Die Ausstellung ist geöffnet bis 14. April 2013

-.-.-.-.-

PS: I have no idea why the layout is that meshugga this time, but I Know for sure that I haven’t any stomach to waste anything more on it.


Die verwehrten Anfänge

September 15, 2008

 

How was it possible that Nazis in Germany  were able to seize power 75 years ago – seemingly without enormous efforts and what were the circumstances in Augsburg? Taboo breaching questions for decades an exhibition is trying to answer now, without digging to deep into the past.

 

Die am 14.09.2008 eröffnete Ausstellung „Machtergreifung“ in Augsburg. Anfänge der NS-Diktatur 1933 – 1937 und der dazu erschienene Katalogband versuchen Erklärungen dafür zu finden, wie und warum sich der Nationalsozialismus in der Stadtgesellschaft Augsburgs vor 75 Jahren so rasch etablieren konnte. Im Katalog vermerkt Prof. Dr. Andreas Wirsching, dass sich die NS-Diktatur in Augsburg „ohne großen Widerstand durchsetzteohne dass zuvor eine besonders breite nationalsozialistische Parteibasis bestanden“ habe.

Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte des Nationalsozialismus stand „lange Zeit nicht so im Fokus, wie man es bei einer Stadt in der Größe Augsburgs voraussetzen müsste“, konstatierte so auch Dr. Michael Cramer-Fürtig vom Augsburger Stadtarchiv. Zuvor bemängelte bereits Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl in seinem Grußwort im Goldenen Saal des Rathauses, dass es in den sechs Jahrzehnten seit dem Ende der Naziherrschaft, in Augsburg „fast ein Tabu“ gab, sich mit deren lokaler Verstrickung und Ausprägung näher zu befassen und „es offenbar auch eines Generationswechsels bedurfte“, um die kritische Aufarbeitung zu ermöglichen. Beigetragen dazu habe sicherlich „eine personelle Kontinuität“ in vielen Institutionen und Behörden, die eine frühere Auseinandersetzung verhindert habe. Das klingt ungewohnt kritisch, ja mitunter selbstkritisch, andererseits aber auch eher wie eine (vielleicht ungewollte) Begründung für einen Machterhalt alter Seilschaften nach der Kapitulation des Nazi-Regimes, als nach einer Erklärung für den Aufstieg der Nationalsozialisten, dem eigentlichen Thema der Ausstellung. In diesem Kontext stellte Beate Merk, Bayerns Justizministerin fest, dass es gerade auch Richter waren die den Nazis gegenüber erstaunliche Nachsicht übten und sie mit Freisprüchen und milden Urteilen  belegte, während Gegner der Nazis oft verunglimpft und verspottet worden seien. Diese Auffassung lässt sich zwar ohne weiteres anhand zahlreicher Beispiele belegen, jedoch erklärt sich daraus nicht, wie und warum die damaligen Richter so eingestellt waren und welche Voraussetzungen dafür vorlagen. Merk zufolge zeige dies aber, dass „die Institution einer Demokratie alleine nicht ausreicht, um vor politischen Extremisten zu schützen, wenn die Gewaltenteilung nicht funktioniert und die Justiz versagt“. Sachlich ist auch dies richtig, aber welche Lehre sollen wir heute daraus ziehen, wenn in Deutschland anders als etwa in den USA Richter nach wie vor nicht demokratisch gewählt, sondern ernannt werden ..?

Der nächste Redner, Prof. Pyta aus Stuttgart, Autor einer Hindenburg-Biographie, verwies darauf, dass Hitler nicht an die Macht gekommen wäre,  wäre es nach den Bayern und Süddeutschen gegangen – eine Aussage, die vor bayerisch-schwäbischen Publikum gut ankommen musste und zahlreiches bestätigendes Nicken in den Reihen der Zuhörer auslöste. Erstaunlich eigentlich, 75 Jahre danach und ohne Anwesenheit eines damals bereits erwachsenen Zeitzeugen. Zugleich ist es natürlich auch zutreffend, dass „die Würfel in Berlin gefallen sind“, wie Pyta es formulierte. Und hier führte er die Spur auf den Reichspräsidenten Hindenburg, der keineswegs ein seniler alter Mann gewesen sei, sondern genau gewusst habe, was er tat. Hindenburg habe realisiert, dass die Mehrheit der Bevölkerung antidemokratischen Kräften folgte und sei selbst alles andere als ein Freund einer liberal-demokratischen Demokratie gewesen. Hitler schien ihm deshalb als Instrument zur Beseitigung dieses Konstrukts durchaus willkommen, insofern sich dieser selbst beherrschen ließe. In der Tat gehörten Hitlers Kabinett zunächst ja auch nur zwei weitere Minister der NSDAP an.

Obwohl allseits betont wurde, dass das „große Geschehen“  gerade durch die lokalen Bezüge „dem Publikum“ greifbarer und verständlicher gemacht werde, wollten die Beiträge der Redner nicht so ganz zum Ausstellungstitel passen. Und so tat man sich sichtlich schwer damit, Augsburger Besonderheiten herauszuarbeiten und zu verdeutlichen, welche Gefüge vor Ort bestanden.

Wer waren jene, die rasche und Jahre anhaltende Karrieren machten, wer half dabei und wer passte sich an? Wer profitierte im Einzelnen von den sog. „Arisierungen“ und von der Verdrängung jüdischer Bürger in der Stadt? Welche Personen waren es in Augsburg, die Regimegegner denunzierten oder verhafteten, mit „Boykott“-Tafeln vor den Geschäften standen oder für das Reichssippenamt genealogische Studien betrieben oder jüdische Friedhöfe in der Stadt schändeten oder in der sog. „Reichskristallnacht“ früh morgens um halb vier die Synagoge anzündeten und Thorarollen zerfetzten?

Es ist richtig, dass der „30. Januar 1933“ nicht einfach vom Himmel fiel, aber auch die Geschehnisse danach können nicht als „Selbstläufer“ aufgefasst werden und so bleibt die Frage nach „Hitlers willigen Helfern“ (Goldhagen) weitgehend unbeantwortet und unter der anders verstandenen Formel „Wehret den Anfängen“ bleibt „das Tabu“ im Grunde bestehen.

 

Die Ausstellung (im Unteren Fletz des Augsburger Rathauses) selbst bietet, wie Dr. Cramer-Fürtig betonte, nur rund hundert von mehreren hundert verfügbaren Exponaten, der Katalog immerhin die doppelte Menge. Sie boten – gruppiert um teilweise mit Stacheldraht gekrönten Bauzäunen – einen eigentümlichen Kontrast zu den zahlreichen geladenen Gästen, die mit Sektgläsern bewaffnet neben Bildern von Hitler, Naziaufmärschen ,  Photographien der zerbombten Augsburger Innenstadt oder politischen Propagandaplakaten einander zuprosteten und mit sich selbst und der Kontaktpflege beschäftigt waren. Zur nüchternen Betrachtung bleibt freilich noch bis zum 16. November Zeit und im Rahmen begleitender Ausstellungen und Vorträge Gelegenheit.

 

 

 

Katalog zur Ausstellung:

Michael Cramer-Fürtig, Bernhard Gotto (Hg.), Machtergreifung in Augsburg. Anfänge der NS-Diktatur 1933–1937 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. 4), Augsburg 2008.

ca. 420 Seiten mit mehr als 300 Abbildungen, Klappenbroschur, 19,80 Euro, Wißner-Verlag Augsburg, ISBN: 978-3-89639-654-9.