Reiseberichte über die jüdischen Gemeinden von Augsburg, Kriegshaber, Steppach und Pfersee in der Mitte des 19. Jahrhunderts


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Um die Mitte der 1840er Jahre erschienen in der jüdischen Wochenzeitung „Der Israelit im neunzehnten Jahrhundert – eine Wochenschrift für die Kenntnis und Reform des israelitischen Lebens“ in loser Folge „Aufzeichnungen eines reisenden Schullehrers“ . Der anonyme Autor der Berichte, freilich mit offenkundigen Beziehungen zum Judentum der schwäbischen Landgemeinden, nutzt ganz natürlich das damals im Aufbau befindliche Eisenbahnnetz in Bayern und liefert demgemäß sogleich auch wohl einen der ersten Überland-Reisebeschreibungen mit der damals weltverändernden Technik. Seine Exkursionen führen in das seit rund vier Jahrzehnten bestehende Gebiet von Bayrisch-Schwaben und somit auch nach Augsburg und seine benachbarten, später eingemeindeten zuvor österreichischen westlichen Vororte. Damals, also im Sommer 1847 hatte Augsburg etwa 38.000 Einwohner, wovon nur etwa 100 Juden waren. Einen eigenständigen Synagogenbau gab es zu dieser Zeit noch nicht. Erst im Jahre 1861 wurde die jüdische Gemeinde als Israelitische Kultusgemeinde formell durch das Königreich Bayern anerkannt und der Sitz des Distriktrabbinats von Kriegshaber nach Augsburg verlegt. Der Reisebericht kann auch als eine Bestandsaufnahme angesehen werden, wie sich seit der dauerhaften Wiederansiedlung von Juden in der ehemaligen Reichsstadt jüdisches Leben in der Region entwickelt hat oder auch nicht:

Wir erzählen nichts von unserer Fahrt auf der Eisenbahn, denn die Judenfrage wird in Deutschland nicht mit Dampf betrieben und wir dürfen daher diese heterogene Dinge hier nicht in Verbindung bringen.

Wir versetzen dich (gemeint ist der Leser) aber sogleich noch schneller als die Eisenbahn nach Augsburg. Den dortigen jüdischen Zuständen tut aber einige Dampfkraft dringend Not. Auf der ganzen Reise und nirgends fand ich sie so im Argen liegend. Du findest hier keine israelitische Schule, keine öffentliche Anstalt für den Religionsunterricht der jüdische Kinder und man darf sagen fast keine Synagoge. Denn als das Haus, in welchem sich das enge Betstüblein befand, zum Verkaufe kam, gab man sich der Hoffnung hin, die aus 12 Gliedern bestehende sehr reiche Gemeinde – sie zählt einen Millionär und mehrere, die Hunderttausende besitzen zu den ihren – werde das Haus erwerben. Aber nein! Es ging in den Besitz eines Christen über und die Augsburger Judenschaft ist mit ihrer Andacht zur Miete zu einem Garkücher geflüchtet.. Von der Stube, der Speisestube, gelangt man in ein beschränktes Kämmerchen, groß genug für die Stände und um sich allenfalls noch zum Nachbarn zur lauten Besprechung von Börsenangelegenheiten bewegen zu können. Eine finstere Klause neben an, die bei hellem Tage beleuchtet werden muss, dient dem schönen Geschlecht zum Ort des öffentlichen Gebets. Muss der Speisewirt eines schönen Tages diese gemietete Wohnung räumen, so sehen wir nicht, was die Andächtigen (? – so im Originaltext) anfangen werden. Doch der Rabbiner, den wir bald näher kennen lernen werden, führte ja beim Auszug aus der alten Synagoge den Spruch an:

 בכל מקום אשר אזכיר את שמי

Das erst genannte enge Betstüblein befand sich im eigentlich recht geräumigen Wohnhaus am Obstmarkt, das Jakob Obermayer (1755-1828) bei seinem Umzug nach Augsburg erworben hatte, das aber von seinem Sohn Isidor nach dem Tod seiner Mutter Ida im Februar 1845 verkauft wurde. Isidor Obermayer (1783-1862) war auch der angesprochene Millionär in der jüdischen Gemeinde, der inzwischen jedoch im stattlichen Wohnhaus an der Maximilianstraße, dem heutigen Augsburger Standesamt wohnte. Obwohl das prächtige Patrizierhaus ungleich mehr Platz bot, war dort die Einrichtung einer neuen Betstube für Isidor Obermayer offenbar kein Thema. Doch kam ja wie oben gesagt jeder Ort der Wahl in Betracht.

In der nächsten Ausgabe fuhr der Bericht des reisenden Schullehrers fort:

Das hiesige Gymnasium und die polytechnische Schule werden von mehreren israelitischen Jünglingen besucht. Sie erhalten auf höhere Anordnung Religionsunterricht in wöchentlich zwei Stunden von Seiten des Rabbiners, müssen aber die Kosten hierfür (60 Gulden jährlich) selbst bestreiten. Unsere Regierung ist oft zärtlich für den israelitischen Religionsunterricht besorgt; es darf ihr aber nichts kosten. –

Der zuständige Rabbiner hat aber seinen Sitz in dem eine Stunde entfernt liegenden Dorfe Kriegshaber, welches 60 Gemeindeglieder (= Familien), mit einer Religionsschule von nur 30 Kindern besucht, besitzt, die in einem kürzlich erst neu und zweckmäßig hergerichteten Lokale von dem Religionslehrer Herrn Bachmann angemessenen Unterricht in täglich vier Stunden erhalten. Dieses Lokal wurde לתלמוד תורה verstiftet und konnte also nicht zweckmäßiger verwendet werden. Sehr befremdete es mich, in einem anständigen Wirtshaus eine echt jüdelnde Unterhaltung mit anhören zu müssen. Lärmend und schreiend saßen modern gekleidete Leute bedeckten Hauptes um einen Tisch herum und stritten sich um eine יגדל Melodie, ob sie am י’ט oder י’ט gesungen werde. Endlich wurde der kompetenteste Richter, der Vorsänger, aus dem Garten zur Entscheidung herein geholt. In diesem Kreise fiel mir ein junger Mann von seinem Benehmen. Ich erfuhr, dass es der Kaufmann Jakob Feucht war, in dessen schönem Hause der Prinz Luitpold mit Gemahlin bei der letzten Revue sich einlogiert und seinem Wirte mit Zusendung seines und seiner hohen Gemahlin Bildnis in köstlichem Rahmen nebst Handschreiben beehrt hatte. Ich ließ mir später das schöne Haus nebst den Bildnissen zeigen. Man trifft überhaupt hier und in anderen schwäbischen Dörfern herrliche Häuser von Juden erbaut und bewohnt. Aber die hiesigen Juden machen es nicht wie die Herren Augsburger; sie wollen nicht in Häusern von Zedern wohnen, während die Lade Gottes hinter Teppichen ruht.

Obgleich sich hier eine ziemlich schöne Synagoge befindet, die erst noch nicht lange durch Subsellien verschönert worden ist, so wollen sie gleichwohl eine neue großartige Synagoge an die Straße hin bauen und soll bereits hierzu ein durch freiwillige Gaben aufgebrachter Fond von 10.000 Gulden vorhanden sein. – Es besteht hier ein Verein, der für jüdische Handwerkslehrlinge das Lehrgeld bezahlt und seit der langen Zeit seines Bestehens schon viel geleistet hat. – Herr Rabbiner Guggenheimer, in den fünfziger Jahren stehend, genießt allgemein Achtung. Er ist einer der ersten geprüften und deutschsprechenden Rabbiner gewesen, der auch viel über sich sprechen lassen musste. Seine Predigten, die er frei und unabhängig von Konzept etwas zu rasch vorträgt, sind gehaltreich. Die in der schwäbischen Synagogenordnung angeordnete Confirmation hat er schon einigemal feierlich abgehalten. Die anderen Rabbiner dieses Kreises ignorieren diese Bestimmung gänzlich. Eben zu der Zeit meiner Anwesenheit hatte sich ein kleiner Federkrieg gegen ihn erhoben. Ein schöngeistiger Commis glaubte ihm eine öffentliche Rüge erteilen zu müssen, weil er bei einem vorkommenden Todesfall unaufgefordert keine Grabrede gehalten hatte. Herr Guggenheimer replizierte angemessen und mit Würde. Eine Duplik strich die Augsburger Zensur und man wollte sie durch die Münchner bringen. Ob es gelang, hat für uns alle kein Interesse.“

Rabbiner Aaron Guggenheimer (1793-1872) erteilte demgemäß in Kriegshaber täglich vier Stunden Religionsunterricht, im „eine Stunde entfernten“ Augsburg hingegen, wo es keinen eigenen jüdischen Lehrer gab, lediglich zwei Stunden pro Woche. Der jüdische Religionsunterricht in jener Zeit setzte sich zusammen aus dem Erlernen der hebräischen Quadrat- und Kursivschriften, dem Übersetzen von Gebeten und biblischen Texten und dem Singen von Liedern. Hinzu kam biblische und jüdische Geschichte und die Vermittlung geographischer Kenntnisse des Landes Israel. Die älteren Jahrgänge lernten zusätzlich Raschi-Kommentare und Einführungen in die Mischna, etc. Man kann sich jedoch leicht vorstellen, wie weit man dabei mit der ungleichen Anzahl an Wochenstunden vorankam. Immerhin befähigte ihre Bildung aber Kriegshaber Juden zu einem eigenartigen Wirtshausstreit über die Frage, welche Melodie eines Gebetes man an Jom Kipur oder an anderen Feiertagen sang. Anders sah der reisende Schullehrer die Verhältnisse in Augsburg, wo reiche Juden zwar in edlen Häusern wohnten, die Tora aber sozusagen versteckten. Rabbiner Guggenheimer, der zu den gemäßigten Reformern gehörte, entsprach offensichtlich dem Geschmack des Blattes, das bekanntlich Reformen befürwortete. Guggenheimer‘s Konfirmationen, die analog zum Christentum, nicht individuelle Bar Mitzwa – Feiern waren, sondern für einen Jahrgang gesammelt an Schawuot stattfanden, wurden dem Vernehmen nach von den anderen Rabbinern des Distrikts trotz staatlicher Weisung ignoriert. Man sieht hier das Spannungsfeldzwischen Tradition und Reform auf der einen Seite und am Negativbeispiel von Augsburg die mitunter völlige Vernachlässigung andererseits. Die damals geplante neue Synagoge, deren Fassade orientalisch anmutende Elemente aufweisen sollte, kam über das Entwurfsstadium nicht hinaus und wurde nicht gebaut. Stattdessen wurde die alte, heute baufällige Synagoge an der Ulmer Straße nochmals renoviert.

In dem nahen Steppach wohnen 40 Judenfamilien, welche eine alte verfallene dickbauchige Synagoge und eine von 16 Schülern besuchte Religionsschule haben. Doch haben alle Religionslehrer dieses Kreises wenigstens 200 Gulden Gehalt, während die Mittelfranken in der Regel nur 150 Gulden beziehen. Was Umsicht und Beharrlichkeit in jenem Gebiet vermögen, das beweist wieder der hiesige Religionslehrer Herr Laudenbacher, mein teuerer Freund und früherer Seminargenosse. Seit 10 Jahren arbeitet er an der Zustandebringung einer vereinigten Schule, wiederholte misslungene Schritte bei der Gemeinde, den Schulbehörden, der Kreisregierung schreckten ihn nicht ab, immer wieder neue Versuche zu machen. Die Gemeinde hat sich endlich in ihrer großen Mehrheit dafür erklärt.“

Zuletzt besuchte der reisende Schullehrer nun auch noch Pfersee:

Pfersee heißt ein Dorf in der Nähe, in welchem 22 jüdische Familien wohnen, deren Religionsschule 24 Schüler dermalen besuchen. Schreckt einen nur die kerkerähnliche Vorhalle der Synagoge nicht ab, diese selbst ist für die kleine Gemeinde nicht übel eingerichtet. Der Lehrer Herr Crailsheimer ist auch Vorsänger und betreibt einen kleinen Bücherhandel nebenbei. Mitten im Dorfe befindet sich eine Tafel mit einem Gebet zur Bekehrung der Juden. Den dortigen Christen wäre eine Bekehrung zu dem uns allen gleich heiligen Gebot der Nächstenliebe nicht überflüssig, dann würden judenfeindliche Gesinnungen nicht oft in unchristlichen Ausbrüchen sich zeigen! – Ich besuchte hier einen Vetter, der 40 Morgen Grundstück besitzt und den ich ackernd mit drei Pferden traf. So soll es sein!“

Den Wortlaut der Pferseer Tafel ist uns an anderer Stelle überliefert. Nahe der Synagoge bei einem kleinen Bauernhäuschen war ein Marienbild mit einem von Strahlen umgebenen Stern und einem fünfzeiligen Reim angebracht:

Hilf, o heller Morgenstern!

Dass die Juden sich bekehr’n

Irrtum lassen, endlich fassen,

Dass Ein Gott, Personen Drey

Christus der Messias sey!

(„Der Bayerische Volksfreund – ein Unterhaltungsblatt für alle Stände“, Band 4, München 1827, S. 349).

 Die Tafel wurde wohl ca. 1825 aufgestellt und blieb bis ca. 1850 bestehen. Der Bezug auf den Stern war sicherlich auch als Anspielung auf die früher Pfersee dominierende Familie der Ulmo zu verstehen, deren bekanntes Familienwappen drei Sterne aufwies. Zu dieser Zeit hatte die heilige jüdische Gemeinde von Pfersee jedoch bereits ihre herausragende Stellung eingebüßt. Eine Meldung der Regensburger Zeitung aus dem November 1835 berichtete sodann auch davon, dass “böse Geister” für häusliche Probleme ganz anderer Art bei den einst stolzen Juden von Pfersee sorgten: „Aus glaubwürdiger Quelle erfährt man, dass man den Brandstifter, welcher schon einigemal bei einem Israeliten in Pfersee Feuer legte, ausgemittelt habe. Es war die eigene Magd desselben; man fand Kohlen, in Lumpen von ihr eingewickelt, und dadurch verdächtigt gestand sie auch also bald die Tat, mit dem Vermerken, ein böser Geist habe sie zu dem abscheulichen Vorhaben verleitet. Sie sitzt in der Fronfeste beim königlichen Landgericht Göggingen.“

* * *

In 1847 a Jewish travelling Jewish school teacher visited the Jewish community of Augsburg as well as the neighboring rural communities in Kriegshaber, Steppach and Pfersee as one of the first railroad travelers of his time. Although Augsburg had a rich Jewish community with a millionaire and many other wealthy members, some four decades after the permission of an anew permanent residence of Jews in Augsburg actually had no synagogue but a small prayer room in the backyard of a cook-shop. In the neighboring פג”ש communities Jews farmed their land, squabbled about melodies of prayers in the pub next to the synagogue and Jewish children had four hours daily Jewish lessons – while in Augsburg their fellow believers only had two a week – hold by the rabbi of Kriegshaber.

3 Responses to Reiseberichte über die jüdischen Gemeinden von Augsburg, Kriegshaber, Steppach und Pfersee in der Mitte des 19. Jahrhunderts

  1. Joshua says:

    Beautiful picture of the former synagogue by the way. Are there any developments regarding the construction works ..?

  2. Joshua says:

    “Augsburg. Den dortigen jüdischen Zuständen tut aber einige Dampfkraft dringend Not …. nirgends fand ich sie so im Argen liegend …”

    So basically nothing has changed eversince😉

  3. […] #split {}#single {}#splitalign {margin-left: auto; margin-right: auto;}#singlealign {margin-left: auto; margin-right: auto;}#splittitlebox {text-align: center;}#singletitlebox {text-align: center;}.linkboxtext {line-height: 1.4em;}.linkboxcontainer {padding: 7px 7px 7px 7px;background-color:#ffffff;border-color:#ffffff;border-width:0px; border-style:solid;}.linkboxdisplay {padding: 7px 7px 7px 7px;}.linkboxdisplay td {text-align: center;}.linkboxdisplay a:link {text-decoration: none;}.linkboxdisplay a:hover {text-decoration: underline;} function opensplitdropdown() { document.getElementById('splittablelinks').style.display = ''; document.getElementById('splitmouse').style.display = 'none'; var titleincell = document.getElementById('titleincell').value; if (titleincell == 'yes') {document.getElementById('splittitletext').style.display = 'none';} } function closesplitdropdown() { document.getElementById('splittablelinks').style.display = 'none'; document.getElementById('splitmouse').style.display = ''; var titleincell = document.getElementById('titleincell').value; if (titleincell == 'yes') {document.getElementById('splittitletext').style.display = '';} } Microsoft: Die Xbox wird 10 Jahre alt – kostenloses für den AvatarPOLYTECH Health and Aesthetics GmbH aus Dieburg: Stabile Arbeitsplätze dank erfolgreicher Expansion Maximiliane feiert mit Theater Lakritz 10 jähriges Jubiläum20 Jahre F.I.S.T. JubiläumslehrgangNetzwert Reloaded LVII: Abbauen und abgebaut werdenReiseberichte über die jüdischen Gemeinden von Augsburg, Kriegshaber, Steppach und Pfersee in der … […]

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