Rathaus von Oberhausen bei Augsburg aus dem Jahr 1602

July 3, 2013

Geht es darum, das Alter des historischen Rathauses von Oberhausen zu taxieren, so wurde bislang – auch von unserer Seite – eher grob geschätzt. Da am alten Gasthof nebendran (wo heute das “Absolut” beheimatet ist) eine Tafel die Jahreszahl 1720 zu lesen ist, musste man annehmen, dass das Rathaus wohl eben “etwas älter” sein musste. Eine alte Abbildung die etwa auf das Jahr 1650 datiert wird, zeigt das Rathaus in seiner früheren Fassade:

Hauptstraße Oberhausen bei Augsburg um 1650 mit Rathaus

Das Rathaus in der Bildmitte verfügt damals bereits über die heute noch vorhandenen Etagen. Interessant auf der Hauptstraße ist neben dem Abwasserkanal noch die in der Mitte zwischen Rathaus und Hügel direkt beim damaligen Vogthaus befindliche Barriere. die den Zutritt zum Ort markiert und möglicherweise auch zur Markierung als Eruv benutzt werden konnte.

In den 1825 in Augsburg gedruckten “Denkwürdigkeiten des Oberdonau-Kreises” erwähnt der aus dem zu seiner Geburt noch vorderösterreichischen Freiburg im Breisgau stammende Altertumsforscher und Mitbegründer des Römischen Museums in Augsburg und Ideengeber des (späteren) Historischen Vereins in Schwaben Johann Nepomuk Franz Anton von Raiser (1768-1853) beiläufig, dass im (Juli) 1602 eine ehemalige, nun eingetauschte Sölde zum Amtshaus in Oberhausen wurde:

Oberhausen Rathaus 1602 Amtshaus

Johann Nepomuk von Raiser:  Denkwürdigkeiten des Oberdonau-Kreises, Augsburg 1825, S. 101

Aus von Raisers Aussage ergibt sich für die Einrichtung des Amtshauses von Oberhausen an der Wertach der Sommer 1602 als diverse Besitzungen in Oberhausen gegen andere auswärtige getauscht wurden und im Haus an der Sölde das Amtshaus eingerichtet wurde. Daraus ergibt sich abgesehen davon, dass der Kern des Hauses natürlich noch älter ist und es sicher vom Söldhaus zum Amtshaus erweitert worden sein wird, ein Alter von heute wenigstens 411 Jahren. Damit ist das Oberhausener Rathaus übrigens älter als das Augsburger. Interessant ist vielleicht auch, dass dessen Baumeister Elias Holl, der im Vorjahr von seinen Studien aus Italien zurückkehrte 1602 als Baumeister in Augsburg angestellt wurde, als große Teile Oberhausens in den Besitz Augsburge Bürger ging. Ob Elias Holl auch Oberhausener Rathaus tätig war, ist nicht bekannt, aber villeicht nicht auszuschließen. Belegt ist jedoch, dass er 1619 den Kirchturm von Peter Paul gleich neben dem Rathaus errichtete.

Augsburg Oberhausen Altes Rathaus - Chana Tausenfels


Spuren jüdischer Geschichte im mittelalterlichen Berlin

November 8, 2012

Video:

Ausgrabungen am “Großen Jüdenhof” in Berlin Mitte (Grunerstraße / Jüdenstraße beim Stadthaus). The voices in the background of the video belong to a German school class (prob. age 16) which attended the tower at the same time.

 

Berlin feierte in diesem Jahr seinen 775. Geburtstag. Das Datum bezieht sich auf die älteste bekannte Erwähnung bezieht sich auf einen Priester namens Symeon von Cölln (Köln) vom anderen Ufer der Spree. Der älteste urkundliche Beleg für den Ort Berlin selbst stammt erst aus dem Jahr 1244 und weitere sieben Jahre später, 1251 wird jenes Berlin auch erstmals als Stadt bezeichnet. Ein Siegel aus dem Jahr 1253 notiert den Namen sogar als Berlinburg. Erst im Jahre 1709 schließen sich Berlin und Kölln (die Schreibweisen variieren in den Jahrhunderten) zur gemeinesamen Stadt Berlin zusammen, die dann auch den Namen des bevölkerungsreicheren Teils annimmt.

Rekonstruktion von Altberlin und Cölln von Karl Friedrich von Klöden (1786-1856)

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1e/Kl%C3%B6denplan-Berlin-K%C3%B6lln-Anfang-13tes-Jahrhundert.jpg

 

Eine Widmungstafel am Mauerrest in der Waisenstraße markiert einen „Rest der mittelalterlichen Berliner Stadtmauer“ (der eigentlichen Berliner Mauer sozusagen …):

Errichtet um 1250 – im 14. Jahrhundert ergänzt – die Stadtmauer umgab beide Stadtteile Berlin und Cölln – die noch vorhandenen Mauerteile wurden durch an An- und Umbauten verändert – im 17. Jahrhundert verstärkt durch Bastionen.

Um 1680 zwischen Stralauer Strasse und Klosterkirche durch Häuser ergänzt – seit 1924 befindet sich im Hause Waisenstrasse 16 die Gaststätte „Zur letzten Instanz“. Die 1963 restauriert und erweitert wurde.“

Eine jüdische Besiedlung Alt-Berlins ist am sog. Großen Jüdenhof (Jüdenstraße/ Grunerstraße) bereits im 13. Jahrhundert belegt, wo derzeit archäologische Grabungen unterwegs sind in der Hoffnung, dort Überreste des mittelalterlichen Eruws zu finden. Die Mehrzahl der Funde datieren aber in weit jüngere Zeit. Bis in die Neuzeit hinein war der Hof von 12 Häusern umgeben. Erst in der Zeit der DDR wurden die Bauten neben dem Stadthaus abgerissen und als Parkplatz benutzt. Die archäologischen Grabungen, die man von einem Aussichtsturm aus gut überblicken kann, liefern deshalb überwiegend auch Gemäuer aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Lediglich eine derzeit freigelegte Wand ist erkennbar mittelalterlich, wie auch die Grabungsleiterin gerne erklärt und dabei Auskunft darüber gibt, dass bislang keine plausiblen Indizien für die gesuchte Synagoge oder den offenbar noch stärker erhofften Fund einer mittelalterlichen Mikwe zum Vorschein kamen. Offenbar aber ist man diesbezüglich in Berlin dann aber doch etwas nüchterner als etwa in Erfurt …

Schenkt man der Beschreibung Glauben, hatten die Juden es nicht weit vom Judenhof (wo sie als autonome Selbstversorger wohl alles was sie zum Leben brauchten bereits hatten) zum Molkemarkt, um dort Kredite zu geben oder Geld zu wechseln, wahrscheinlich (- Molk = Melk = Milch -) gegen Milch oder Käse, die damalige Landeswährung von Alt-Berlin und Cölln, die bei unsachgemäßer (Be)Handlung schnell ranzig oder sauer werden konnte. Welch ein Glück, dass solche Beschreibungen heutzutage ohne Klischees auskommen …

Am Aussichtsturm beschreibt ein angeblich genauerer Übersichtsplan das Grabungsgelände. Daraus ergibt sich, dass der Bereich der länglich nach Südosten ausgerichteten Häuser 2,3 und 4 direkt am Stadthaus bislang nicht ausgegraben und untersucht wurden. Zwar ist aus dem Sachzusammenhang eher dort die Synagoge zu erwarten, doch … wie die Archäologen mitteilen, sind dort für Grabungen (zumindest bislang) keine weiteren Mittel bewilligt.

Remnant of a medieval house wall at the “Great Jews Court” in the heart of Berlin

 

Die erste bekannte Ansiedlung im alten Berlin bestand bis zur Ausweisung der Stadt im Jahre 1573. Zwischenzeitlich kam es wie andernorts auch gelegentlich zu Übergriffen auf die jüdische Gemeinde. Ohne dies relaitivieren zu wollen, ist es nicht verkehrt zu berücksichtigten, dass sich die Chrisen in allen Jahrhunderten gegenseitig noch weit mehr und grausameres zufügten. Im Sommer 1510 sollen aber nach einem Schauprozess vierzig Juden getötet worden sein (zehn weitere brachte man vorher schon um), weil ein Christ aussagte, er habe einem Juden eine „geweihte Hostie“ (was das nun ist, erklärt, wie wir gesehen haben das “Jüdische Museum in Berlin  *hüst*  wörtlich heißt es ja “Schlachtopfer”) verkauft, damit dieser selbige mit seinen anderen Judengenossen sie „schänden“ könne. Inwieweit solche “Berichte” (es kommendort natürlich auch der Toposvom geschlachteten Kind für die Matzen vor, während Beschreibungen der örtlichen jüdsichen Verhältnisse dürftig sind) authentisch sind, ist wie andernorts strittig. Aber vorausgesetzt wäre es eben vorausgesetzt. Als die Gemeinde 1573 ausgewiesen wurde hatte sie ihren Sitz mit der Synagoge offenbar in der heutigen Klosterstraße.

Immerhin erinnert heute an der Mollstraße 11 ein Denkmal an das Ereignis des Jahres 1510, bzw. an die Geschichte:

Dieser trägt sogar eine hebräische (!) Inschrift:

 

פו נקברו

עצמות הטהרים מתושבי קהלתנו הקדמוניה

ברלין

נהרגים והנשרפים על קדושת השם ביום יב אב

שנת ה’רע

ויצב מאיר בן ר אברהם סלומונסקי מצב הזאת

על משכבותם בשנת תרצ”ה לפק

Das heißt nun: „Hier sind die reinen Gebeine der Mitglieder unserer vorhergehenden Gemeinde Berlin, ermordet und verbrannt zur Heiligung des Gottes am 12. Aw 270. Meir ben Abraham Slomonski setzte dieses Denkmal im Jahr 675.“

Der 12. Aw (5)270 entspricht im christlichen Kalender dem 19. Juli 1510, das Jahr (5)695 dem christlichen Jahr 1935.

Der in Berlin geborene Meir (Martin) Salomonski (1881-1944) war von 1910 bis 1925 Rabbiner in Frankfurt an der Oder. 1911 erwarb er mit seiner Arbeit „Gemüseanbau in der Mischna“ seinen Doktortitel. Während des Ersten Weltkriegs war er Feldrabbiner und wurde dafür mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Ab 1925 war er Rabbiner der „Liberalen Synagoge“ in Berlin und in den Jahren 1939-1940 in der Neuen Synagoge Oranienburger Straße. Die von ihm gestiftete Tafel zur Erinnerung an die Ermordung der Menschen der jüdischen Gemeinde im Jahre 1510 wurde 1935 in der Lietzmannstraße, der späteren Gerlachstr. Aufgestellt. Heute befindet es sich etwas versetzt an der Mollstraße. Salomonski komponierte auch Orgelwerke für den Dienst in der Synagoge seiner Gemeinde. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert wo er am 16. Oktober starb.

1988 wurde der Tafel noch auf Deutsch zugefügt: „Im Jahre 1510 wurden 38 Berliner Juden wegen angeblicher Hostienschändung verbrannt. Ihre Gebeine sind hier bestattet.“

Ob nun tatsächlich am ersten oder jetzigen Standort des 1935 errichteten Denkmals im Jahr 1510 auf gerichtliche Anordnung verbrannte Juden bestattet wurden, ist nicht nachweisbar. Der Umstand, dass der Stifter des Denkmals selbst in Auschwitz umkam ist in diesem Zusammenhang natürlich zusätzlich tragisch-makaber, besagt dazu aber nichts.

Am fünfhundertsten Jahrestag legte der Kultursstaatsekretär Berlins einen Kranz an das Denkmal und forderte bei einer Rede zu “Toleranz” auf. Unklar blieb jedoch, ob nun endlich gegen die Täter ermittelt werden soll – so langsam wäre es an der Zeit!

 

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Zeitgleich zur mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Alt-Berlin bestand eine weitere im heutigen Stadtteil Spandau. In der dortigen „Jüdenstrasse“ versucht eine etwas eigenartige Inschrift daran (?) zu erinnern:

Bis 1938 hieß diese Straße JÜDENSTRASSE, ob es sich dabei ursprünglich um Ghetto gehandelt hat oder ob von Anbeginn an diese Straße Mitbürger jüdischen und christlichen Glaubens nebeneinander lebten, verliert sich im Dunkeln der Spandauer Stadtgeschichte. Tatsache ist, dass es im Laufe der Geschichte in Spandau Judenverfolgungen gegeben hat.

Die Umbenennung der Jüdenstraße dokumentierte für alle erkennbar den dem Nationalsozialismus innewohnenden Rassenhass, der selbst äußerliche(n) Symbole jüdischen Glaubens ausmerzen wollte. Dieser Rassenhass bedeutete für unsere jüdischen Mitbürger den unausweichlichen Gang in die Gaskammern der Konzentrationslager und die fat völlige Vernichtung. Jeder von uns ist aufgerufen, diesen Teil der deutschen Geschichte nie zu vergessen und diese Unmenschlichkeit nie wieder zuzulassen.“

 

Die Inschrift besagt nichts über die mittelalterliche Geschichte der Juden in Spandau, die durchaus erwähnenswert wäre, schließlich befand sich in Spandau der jüdische Friedhof, der auch von den Juden aus Berlin benutzt wurde. Aber die mittelalterliche Geschichte der Juden „verliert sich im Dunkeln“ wie konstatiert wird. Dies scheint nicht weiter tragisch zu sein, da es scheinbar „Tatsache ist“, dass es in Spandau sowieso zu „Judenverfolgungen“ kam. Da „Judenverfolgung“ und „jüdische Geschichte“ offenbar als (weitgehend) synonyme Begriffe aufgefasst und vermittelt werden (sollen), ist das solcherart wohl auch schon wieder hinreichend erklärt. Diese Stilisierung findet ihre Fortsetzung in der Hypothese, der (zweifellos nicht von Juden erdachte) Name „Jüdenstraße“ sei ein – Zitat – „äußerliches Symbol jüdischen Glaubens“. Nicht minder schwülstig und leer ist das Gerede von „Mitbürgern jüdischen und christlichen Glaubens“ die im mittelalterlichen Spandau nebeneinander gelebt hätten. Es stellt sich die Frage, warum nun ein Miteinander ausgeschlossen werden muss. Schon das benachbarte Berliner Beispiel des Judenhofs (es gab zwei davon, weshalb der eine nun der Große J. heißt) zeigt aber bereits, dass es sich nicht um ein “Ghetto” im Sinne romantischer Antisemiten handelte, sondern um einen von Juden so gewünschten Eruv. Aber wer interessiert sich schon für die jüdische Perspektive jüdischer Geschichte?

* * *

Der mittelalterliche Friedhof in Spandau, seit 1314 urkundlich nachweisbar und als „Spandauer Judenkiwer“ (man vermutet eine Ableitung von hebr. קבר – kewer = Grab) bekannt, befand sich wie vermutet wird auf dem Gebiet Hasenmark genannten nördlich des alten Spandau. Eine Reihe der Grabsteine wurden von den Christen nach 1510 als Baumaterial missbraucht. Heute sind 75 bei verschiedenen Bauarbeiten gefundenen Steine und Fragmente im Keller der Bastion Königin in der Spandauer Zitadelle erhalten. Als ältestes Fundstück gilt der Grabstein des ר יונה בר דן (Rabbi Jona ben Rabbi Dan), bei dem offenbar nur glatte Flächen beschrieben wurden. Zu seinem Tod ist angegeben שהלך לעולמו בירח מרחשון ה לפרט, … der zu seiner Welt ging im Monat Marcheschwan, 5 nach der Zählung. Deutet man die (vollständige?) Angabe als Jahreszahl 5, d.h. als 5005, so entspricht das Datum etwa dem Oktober 1244. Ein weiterer Stein wurde einem ר בנימיו בר מרדכי (Rabbi Binjamin ben Rabbi Mardechai) gewidmet, der im am 27. Tamus des Jahres 44 (= 5044) starb, was nach christlichem Kalender dem 12. Juli 1284 entspräche. Ein anderer ist רבקה בת יהודה (Riwka bat Jehuda) gewidmet und stammt womöglich aus dem Jahr 104 (= 5504, bzw. 1344). Der jüngste Stein der Sammlung wird auf das Jahr 1474 datiert.

 

 

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Von A nach B

Über mittelalterliche Juden aus Berlin ist abgesehen von nicht weiter systematisierten Grabsteinfragmenten und dort genannten Namen wenig bekannt. Ins mittelalterliche Augsburg führt eine Spur zu ר קלמן יוסף מי עיר קולין was wahrscheinlich als Cölln und nicht als Köln (קלן) zu verstehen ist, der im Jahre 1331 von dort kommend auch als Händler in Augsburg in Erscheinung trat. In jener Zeit war Brandenburg im Besitz des Wittelsbacher Kaisers Ludwig dem Bayer, der dort seinen Sohn als Herrscher einsetzte. Kaiser Ludwig hatte recht gute Beziehungen zu den Führern der jüdischen Gemeinde in Augsburg, die ihm immer wieder stattliche Summen liehen und ihn so erlaubten, sich in Szene zu setzen. Bei einer Gelegenheit verpfändete er dafür sogar seinen Sitz München. Es ist deshalb plausibel, dass Kalman Josef in diesem Zusammenhang von Berlin nach Augsburg kam, offenbar um von dort Waren, darunter auch Wein nach Berlin zu liefern. Ob es der einzige Zweck seines Aufenthaltes war, ist unklar, aber eine leichte Reise wird das damals nicht gewesen sein.

Auch die neuere Berliner Gemeinde hat Bezüge zum schwäbischen Judentum. Zu den ersten Juden, die 1670 der Einladung des Brandenburger Kurfürsten folgten gehörten Hirschel und Abraham Ries, die aus Wien kamen, aber wie der Name schon sagt, aus dem Ries stammten. Aus ihrer Ansiedlung und der ihrer Kollegen ging die größte jüdische Gemeinschaft hervor, die um das Jahr 1930 über 150.000 Menschen umfasste.

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Quellen:

Michael Brocke – “Die hebräischen jüdischen Grabmale in Spandau 1244-1474“, in: Ausgrabungen in Berlin. Forschungen zur Ur- und Frühgeschichte, Berlin 9 (1994)

wikipedia

Besuch vor Ort

 


Ghetto oder Eruw?

July 18, 2007

Synagoge Ner Tamid

Ghetto oder Eruw?

Ein weit verbreitetes Missverständnis über das Leben der Juden im mittelalterlichen Europa und insbesondere in Deutschland betrifft das sog. jüdische Ghetto, in welchem Juden abgeschlossen inmitten einer Stadtgemeinde lebten. Dies wird in der Regel so gedeutet, dass auf diese Weise sie als gerade eben noch geduldete Fremdlinge den größten Teil ihres Daseins eingepfercht in engen Gassen hausten, ihre Zeit mit dem Backen von staubtrockenen Matzen oder Schächten verbrachten und sehnsüchtig darauf warteten, bis ein edler Christ bei ihnen an die Türe klopfte um einen natürlich überteuerten Kredit aufzunehmen, den er zinsfrei nicht bekommen konnte. Dieses Grundmuster wird natürlich bei toleranten Gemütern durchaus moderater gesehen und so manche Eigenschaft, die den Juden negativ anhaften soll, wird gerne „mit dem Ghetto“ entschuldigt, auch bei liberalen Juden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die häufiger davon sprachen, den Staub des Ghettos abschütteln zu wollen. Wie so vieles was mit der Wahrnehmung von Juden zu tun hat, ist aber auch der Begriff des Ghettos letztlich ein aus einem Missverständnis selbstständig gewordenes Klischee, das nur wegen der neuzeitlichen Aufbereitung des Begriffs durch die Nazis (Warschauer Ghetto, etc.) seine Wucht nicht verloren hat.

Der geläufigen Ansicht nach stammt der Begriff Ghetto aus Venedig und bezeichnete um das Jahr 1520 dort zunächst die im Stadtteil Cannaregio gelegene Gießerei. Manchmal wird dies sogar so aufgefasst, dass das Wort „Gießerei“ hieße, doch das wäre eindeutig die fonderia. Das Wort getto (im venezianischen Dialekt ghetto, das „h“ verhindert eine Aussprache als dschetto) bedeutet werfen, weshalb nun vermutet wurde, dass bei der Gießerei Abfälle (als „wegwerfen oder „Strahl“ gedeutet) entstanden und man deshalb das Gebiet drum herum so benannt haben soll, was jedoch nicht so recht überzeugt. Einer anderen Ableitung nach soll der Begriff jedoch von „borghetto“ stammen, was „kleines Dorf“ oder „Städtchen“ heißen sollte. Die Aussprache sei demnach durch, aus deutschen Gebieten zugewanderte, Juden entstanden, die das „g“ nicht als „dsch“ sprachen. Gelegentlich wurde gar versucht, den Begriff vom aramäischen גטא (gito) abzuleiten, was wie das hebräisch Äquivalent גט (get) eine Ehescheidungsurkunde bezeichnet. Der nachbiblische Begriff ist erst im späten zweiten Jahrhundert nach christlichem Kalender belegt, bezeichnet aber nirgends ein aus welchen Gründen auch immer abgetrenntes Wohngebiet, sondern ausschließlich die schriftlich verbriefte und damit rechtskräftige Scheidung durch das Rabbinatsgericht.  Denkbar wäre jedoch die Herkunft des ansonsten unklaren Begriffs aus dem aramäischen גיתא (geto), das ursprünglich eine Schafherde bezeichnet, dann im übertragenen Sinne eine „Menge“ und schließlich die Schafhürde. Vom Bedeutungshintergrund käme eine Hürde, Pferch oder Koppel funktional einem Ghetto recht nahe, da darin Schafe oder Pferde, etc. mittels Zäunen, Flechtwerk, etc. gesammelt werden. In einem Ghetto waren nun Juden in einem Gebiet konzentriert und als Wohnviertel der Juden in Venedig ist das Ghetto dann auch allgemein und sicher überliefert.

Mehr oder minder abgeschlossene Wohngebiete sind jedoch keine Erfindung der Venezianer.  Ummauerte oder sonst wie abtrennte Lebensbereiche mit Wohnräumen um Kirchen herum etwa bildeten Klöster. In ähnlicher Weise bemühten sich auch Juden um möglichst geschlossene Wohngebiete. Auf diese Weise entstanden mancherorts kleine Enklaven, „Judenviertel“, oft entlang einer Judengasse oder auf einer Seite daran anschließend, mitunter auch an einer Stadtmauer entlang (wie etwa im mittelalterlichen Nördlingen). Diese Gebiete waren entweder ummauert und hatten sodann auch eigene Zugangstore (Beispiel Prag) oder wurden zeitweilig mit Schnüren oder Ketten abgetrennt, um eine Durchfahrt zu verhindern (wie etwa in Augsburg). Der älteste Beleg für eine solche Einrichtung stammt aus Speyer aus dem Jahre 1084. Die Einrichtung abgeschlossener oder zumindest zusammenhängender und abschließbaren Siedlungsgebiete im Mittelalter stellte keineswegs eine herabwürdigende Ausgrenzung der Juden dar, sondern eine von ihnen selbst so gewünschte Einrichtung, die erforderlich war, um die diesbezüglichen Bestimmungen von Tora und Talmud für Schabbat und Festtage einhalten zu können. In der islamischen Welt, insbesondere in Marokko wäre ab dem 14. Jahrhundert die Entsprechung für eine möglichst geschlossene jüdische Siedlung ملاح (melach), was an der gleich geschriebene arabische Wort für „Salz“, das jedoch als „milch“ gesprochen wird erinnern soll. Hier stammt der Name aus der Stadt Fes und man vermutete nun, dass es nahe der Stadt ein Salzlager gegen haben könnte, um den Begriff zu erklären. Aber auch das scheint ein eher müßiger Versuch zu sein. Es soll uns hier genügen, festzustellen, dass es auch in der islamischen Welt ein Gegenstück zum Ghetto gab – freilich in der Regel ohne negative Konnotation in der Moderne – so wie das osteuropäische שטעטל (schtetel) , das Schtedtel.

Das jüdische Religionsgesetz kennt drei Arten eines Eruw. Zum einem wäre dies עירוב תבשילין (eruw tawschilin), der sich auf die Zubereitung von Speisen an Festtagen für einen direkt darauf folgenden Schabbat bezieht, zum anderen עירוב תחומין (eruw techomin), was sich darauf bezieht, dass man an Orten außerhalb der Grenze des eigenen Wohnorts zuvor zubereitete Speisen deponiert, um und sich weiter als das sonst geltende Limit von 2000 Ellen (ca. 1 Kilometer) laufen zu können, d.h. auf diese Weise die „Grenzen“ zu mischen. Schließlich wäre da ערוב חצרות (eruv chatzerot), die “Mischung der Höfe”. Mit letzterem ist kurz gefasst gemeint, dass man mehrere Höfe, bzw. Häuser mittels einer eigens zu diesem Zweck geschaffenen Absperrung als ein einziges Gebiet zusammen fasst. Der Sinn besteht darin, dass innerhalb des Hofes das Verbot an Schabbes etwas zu tragen nicht gilt. Um in diesem Sinne also am Festtag beispielsweise einen Topf mit Speisen von einem Haus in ein anderes zu tragen, bedarf es der Schaffung eines Eruws, d.h. eines geschlossenen Wohngebiets. Die Erfüllung des Gebots erleichtert die Erfüllung der Schabbesgebote in jüdischen Gemeinden. Einen Eruw zu schaffen, war deshalb immer ein Anliegen jüdischer Gemeinden und nichts was ihnen von außen aufgezwungen werden musste.

In einer von Mauern umschlossenen Stadt, wie im oben zitierten Beispiel des mittelalterlichen Nördlingen, wo das jüdische Viertel sich an der Stadtmauer entlang befand, bedurfte es lediglich einiger weniger Vorrichtungen, um ein geschlossenes Gebiet zu schaffen, nämlich ein kleines Tor am Ausgang der Judengasse. In Augsburg befand sich das mittelalterliche Viertel der Juden entlang der Mauer der Königsburg südlich der Bischofsstadt (heute mit der Straßenbezeichnung Obstmarkt), konzentrierte sich aber in der darauf folgenden Judengasse (heute Karlstraße). Sämtliche Häuser zwischen Obstmarkt und Judengasse weisen große, geräumige Innenhöfe auf, die in der Zeit als das jüdische Viertel bestand durchgängig, d.h. miteinander verbunden waren. Dies erlaubte ein jüdisches Alltags und Festagsleben wie in einer kleinen Stadt, ungestört von der Außenwelt. Man kann also behaupten, dass die Bauanlage als solche als Eruw geplant und ausgeführt wurde. Zusätzlich dazu wurde, wie mehreren Zeugnissen zu entnehmen ist, die Judengasse zum Schabbes und an Festtagen abgesperrt.

Schwieriger verhielt es sich in Dörfern, die mangels Stadtmauer auf keine baulichen Voraussetzungen anknüpfen konnten, zumal wie in den mittelalterlichen Städten die Siedlungsgebieten nicht einheitlich waren. So kam es immer wieder mal vor, dass innerhalb eines von Juden stark dominierten Viertels auch einzelne Christen wohnten, während ab und zu auch Juden außerhalb des Eruws wohnten, weil sie es so wollten oder keine andere Möglichkeit bestand. Die (räumlich) naheliegenden Beispiele der Gemeinden von Kriegshaber, Steppach und Pfersee zeigen aber, dass die Siedlungen entsprechend angelegt wurden, um einen Eruw zu ermöglichen. In Pfersee wurde durch die nördlichen Abschnitte der Leitershofener Straße und der Brunnenbach ein geschlossenes Wohngebiet für die jüdische Gemeinde, das wieder über großräumige gemeinsame Innenhöfe verfügte, während sich außerhalb der dadurch entstandenen „Insel“ kleine landwirtschaftliche Nutzflächen befanden. In Steppach und Kriegshaber hingegen lag die jüdische Ansiedlung direkt zu beiden Seiten der Hauptstraße (die in Kriegshaber auch so hieß, heute: Ulmer Straße, in Steppach war dies die Alte Reichsstraße, die etwas südlich der Ulmer Landstraße verläuft). Die Häuser zu beiden Seiten der Straße verfügten wieder über Hinterhöfe, die miteinander verbunden waren. Auf diese Weise hätte man nun aber zwei getrennte Eruwim auf beiden Seiten der Hauptstraße geschaffen. Da man die Verkehrsstraße, die zugleich auch Handelsstraße zwischen Ulm und dem nahegelegenen Augsburg war, führte dies natürlich zu Konflikten. Die Ironie der Geschichte besteht hier jedoch darin, dass eigentlich nur Konflikte aktenkundig wurden, da die funktionierende Normalität keinen Anlass für Rechtsstreitereien und somit auch keine Urkunden „auslöste“. Aus dem Jahr 1721 ist ein solcher Streit aus Kriegshaber bekannt (anders formuliert: nur ein einziger diesbezüglich in über dreihundert Jahren!).  Damals waren die Schnüre zur Absperrung des Eruv noch auf Straßenniveau, d.h. so niedrig, dass ein auswärtiger christlicher Pfarrer, der zur Segnung eines sterbenden Christen in das jüdische Gebiet musste, gezwungen war, mit seinen Utensilien unter die Absperrung beugen musste. Es fand sich aber auch für Kriegshaber die Lösung, die auch heute noch in über 120 jüdischen Gemeinden außerhalb Israels entsprechend praktiziert wird. Um den Eruv zu schaffen, wurde nun keine Straßensperre mehr geschaffen, sondern auf hohen Masten wurden um das beabsichtigte Gebiet herum Seile oder auch Draht gespannt. Den Zweck der Kennzeichnung erfüllte auch das und weitere Probleme mit Christen gab es damit auch keine mehr. Lange vor elektrischen Leitungen besaßen jüdische Gemeinden an ihren Außengrenzen deshalb aber bereits recht hohe Absperrungen, die aus der Distanz nicht wesentlich anders aussahen als spätere Stromleitungen pder Telegraphenmasten (mit denen sie auf manchen älteren Photographien auch gerne mal verwechselt werden!) und deshalb auch niemanden stören.

Fast, denn mancherorts in den USA sind in den letzten Jahren Kontroversen über die Institution des Eruw entstanden, da zugegeben wenige Nichtjuden sich von der Idee eines Eruws in „ihrem“ Wohngebiet gestört fühlen. Das Vorhandensein eines Eruws verstoße nämlich gegen die Trennung von Staat und Religion im öffentlichen Raum.

Doch logisch ist das nicht, entsteht ein Raum doch erst durch eine Abgrenzung, oder nicht?

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Eruv.jpg&filetimestamp=20060312223359

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