Jüdischer Friedhof in Berlin Weißensee


Der 1880 angelegte jüdische Friedhof im nordöstlichen Berliner Stadtteil Weißensee (seit 2011: Bezirk Pankow) gilt mit einer Fläche von ca. 43 Hektar als größter erhaltener jüdischer Friedhof in Europa. Die Zahl von fast 115.000 Grabmalen ist die höchste in Deutschland.

Zugang zum Friedhof erhält man heute am Eingang an der Herbert-Baum-Straße, die benannt wurde nach dem zionistischen und sozialistischen Untergrundkämpfer Herbert Baum (1912-1942), dessen sog. meist aus Juden bestehende „Herbert Baum – Gruppe“ in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft aktiven Widerstand leistete. Neben der Verteilung regimefeindlicher Flugblätter verübte die Gruppe u.a. im Mai 1942 im Berliner Lustgarten einen Brandanschlag auf eine anti-sowjetische Ausstellung. Das Nazi-Regime ließ daraufhin wahllos 500 jüdische Männer verhaften. Wahrscheinlich kam es deshalb zur Denunziation der Gruppe. Etwa 30 von ihnen, darunter eben auch Herbert Baum und seine Frau wurden verhaftet und von den Nazis hingerichtet. Auf dem für Herbert Baum nach dem Krieg in der DDR am Friedhof aufgestellten Ehrenmal neben dem Tahara-Haus steht zu lesen: „Er war ein vorbildlicher Kämpfer gegen Krieg und Faschismus“.

Das von weitem schon sichtbare Tahara-Haus mit Sitz der Friedhofsverwaltung findet sich gleich am Eingang hinter der Mauer und dem schmiedeeisernen Gitter des Eingangs. Vor der Tahara befindet sich eine kleine runde Parkanlage zum Gedenken an „sechs Millionen“ ermordeter Juden mit einzelnen Steinen, welche eine Auswahl von Namen von Konzentrationslagern nennen. In der Mitte befindet sich ein Stein mit der Widmungsinschrift: „Gedenke Ewiger was uns geschehen. Gewidmet dem Gedächtnis unserer ermordeten Brüder und Schwestern 1933 – 1945 und den Lebenden die das Vermächtnis der Toten erfüllen sollen. – Die Jüdische Gemeinde zu Berlin“

Herbert Baum (1912 – 1942)

Entlang der Umfassungsmauern des Friedhofs befinden sich eine imposante Anzahl monumentaler Grabmalanlagen, die keinen Zweifel daran lassen, dass ihre Errichtung kostspielig war. Sie heben sich damit sehr deutlich von den meist eher bescheidenen, in der Mehrzahl auch sehr schlichten Grabsteine innerhalb der einzelnen Sektionen im Inneren des Friedhofs ab, wo monumentale Grabmale nicht die Regel sind. Ähnliche Grabmonumente kann man auf jüdischen Friedhöfen reformerischer Gemeinden überall im Lande sehen. Der Weißenseer Friedhof kann aber als wesentlichster Friedhof des deutschen Reformjudentums gelten und bietet diesbezüglich zweifellos eine Reihe an Superlativen, was Anzahl und Ausmaße entsprechender Monumente anbetrifft. Das Anliegen vieler hier bestatteter Personen reichte über das Bekenntnis zum Judentum hinaus und fixierte sich eher die Demonstration zur Zugehörigkeit zur Bildungs- und Finanzelite des Bürgertums und des Deutschen Reiches. Sehr viele der hier beigesetzten Verstorbenen und ihrer Angehörigen verfügten in ihren Biographien über sehr rasanter öffentliche Karrieren die sie schnell berühmt und reich werden ließen. Mit den bescheidenen Lebensweisen traditioneller und orthodoxer Juden hatten imposante Grabmale, die oft wenig mehr als den bloßen Familiennamen verkündeten nichts zu tun, von frommen Taten ist selten oder gar nicht die Rede.

Grabmal der Familie Rathenau in Berlin Weißensee

Zwar hat die Berliner Stadtregierung die Pflegschaft für eine Reihe der Grabmonumente übernommen, doch beträgt ihre Anzahl nur etwa ein Promille der vorhandenen Gräber und so gibt es unter der großen Menge stark beschädigter Monumente und Grabsteine zweifellos einen Prominenten-Bonus. Selbstverständlich ist dabei das Attribut „prominent“ im zeitlichen Kontext sehr variabel. Tendenziell bevorzugt die gegenwärtige Friedhofspflege aber Hauptwege gegenüber hinteren Reihen und entsprechend werden auch eher repräsentative Monumente restauriert als solche die (heute?) weniger bekannten Namen und Personen zugeordnet werden. Während viele Wege zwischen einzelnen Sektoren des Friedhofs offensichtlich regelmäßig sogar von Herbstlaub gereinigt werden, wachsen viele Zwischenräume einzelner Grabreihen fast mannshoch mit Gestrüpp zu. Während das eine ein fast tägliche Pflege signalisiert, ist letzteres ein Indiz dafür, dass hier jahrelang überhaupt nichts gemacht wurde. Obwohl zwar die Weisheit gilt, dass im Tod alle Menschen gleich sind, heißt dies aber offenbar nicht, dass sich die Lebenden gegenüber jedem Toten gleich verhalten. Davon kann kaum die Rede sein. Andererseits ist an vielen der prächtigen Grabmale zu sehen, dass trotz allem Aufwand zu ihrer Errichtung vielerorts nur noch Bruchstücke der beschriebenen Namen und Identitäten erhalten geblieben sind. Falls überhaupt noch vorhanden sind zahlreiche Trümmer ehemals kostbarer Grabsteininschriften übereinander gepurzelt, mit Dreck verschmiert, von Staub und Spinnenweben eingehüllt oder teilweise von Efeu und anderem Gestrüpp zugewachsen. Monumentaler Prunk und achtloser Zerfall vermischen sich deshalb tausendfach in stets neuen Variationen.

The Jewish Cemetery of Berlin Weißensee, established in 1880 with some 115.000 grave sites is one of the largest in Europe (in Lodz for instance there are 160.000). Only the major paths of the cemetery are maintained carefully. The City of Berlin has a special care for a prominent 0.1 % of the grave markers. So some of the ways at the cemetery are kept free of daily leaf fall while at many other parts the space between two rows of graves are overgrown entirely. Many prominent monuments get some care and restoration, while many others vanish away.
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