Der Jüdisch Historische Verein Augsburg (JHVA) e.V. läd alle Mitglieder zur ordnungsgemäßen Mitgliederversammlung am
Sonntag, 21. Februar 2010
um 15 Uhr
am intern bekanntgegebenen Ort.
Der Jüdisch Historische Verein Augsburg (JHVA) e.V. läd alle Mitglieder zur ordnungsgemäßen Mitgliederversammlung am
Sonntag, 21. Februar 2010
um 15 Uhr
am intern bekanntgegebenen Ort.
Vor kurzem notierte Marvin J. Rosenthal zu unserem Beitrag zur “ehemaligen Synagoge Ichenhausen” vom 21. Dezember, dass er ein Portrait des Ichenhausener Kunstmalers Florian Kurringer (1804-1877), der einen Ichenhausener Juden namens „Gabrial Goldf“ und fragte, ob wir vom JHVA Informationen zum einem und anderen haben.
Florian Kurringer, so ließ sich in verschiedenen Internet-Seiten ermitteln war ein Kunst- und Kirchenmaler in Ichenhausen. Gemäß den Angaben von Frau Gabriele Walter war Kurringer jedoch selbst in seinem Heimatort weitgehend in Vergessenheit geraten. Sie fand dennoch ca. 20 Ölgemälde und Skizzen von ihm. Geboren wurde er am 3, Mai 1809 als fünftes Kind von Josef Kurringer und seiner Frau Marie Cecilia, geborene Schroeck. 1829 begann er ein Kunststudium in München, kehrte danach aber wieder nach Ichenhausen zurück wo er 1835 Josefa Bader aus Illertissen heiratete. Josefa starb nach der Geburt des dritten Kindes. 1839 heiratete er Viktoria Schweimayer, die ihm weitere acht Kinder gebar von denen vier im Kindesalter starben.
Florian Kurringer verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Ichenhausen, wo er am 18. August 1877 im Alter von 68 Jahren verstarb und am Folgetag am Willibaldsfriedhof bestattet wurde. Das Grab existiert nicht mehr, da der Friedhof im Jahre 1960 beseitigt wurde.
Marvin Rosenthal war heute so freundlich, uns eine Bilddatei des von ihm geerbten Portraits zu senden und eine weitere, welche die Notizen auf der Rückseite des Bildes zeigen.
Die beiden Notizen sind beide in englischer Sprache und ermöglichten es mir, den Dargestellten als Gabriel Wolf zu identifizieren.
Der obere Zettel liest sich als
“1847 – Painted
Kurringer
Painter of Sam’s grandfather”
(deutsch: “1847 gemalt, Kurringer, Maler von Sam’s Großvater”)
Der kleinere untere Zettel lautet:
“Gabriel Wolf
died 1856
over 100 years old
died in Ichenhausen
Bavaria Germany”
(„Gabriel Wolf, gestorben 1856, über 100 Jahre alt. Gestorben in Ichenhausen, Bayern, Deutschland“)
In den Standesregistern (online zu finden unter: http://www.jgbs.org/db.php) zu Ichenhausen entdeckte ich tatsächlich einen Gabriel Wolf, der am 10. Juni 1855 (entspricht dem 18. Tamus 5615 im jüdischen Kalender) starb. Dem Eintrag gemäß war er Metzger und wurde 88 Jahre alt. Das ist zwar nicht „über 100“ Jahre, aber doch ein (gerade auch in der damaligen Zeit) erstaunlich hohes Alter, das vielleicht in späterer Unkenntnis der genauen Daten von den Nachkommen entsprechend kolportiert wurde. Geboren wurde er demnach 1766 oder 1767. Auch im Matrikelregister findet sich Gabriel Wolf als Metzger wieder. Mit ihm genannt ist jedoch auch sein Vater Isak Wolf, der ebenfalls Metzger war und wohl vor ihm die Lizenz besaß.
Die Notiz auf dem oberem Zettel erwähnt den “Maler von Sam‘s Großvater”, woraus hervorgeht, dass Gabriel Wolf einen Nachkommen namens Samuel (Sam dürfte den späteren US-amerikanischen Hintergrund aufzeigen). Im Sterberegister findet sich ein Samuel Wolf, der am 4. November 1858 im Alter von 46 starb, also 1812 geboren wurde. Auch Samuel Wolf war Metzger in Ichenhausen und offenbar der Sohn von Gabriel und Enkel des Isaak Wolf. Das Hochzeitsverzeichnis notiert für den 21. Juni 1842 seine Heirat mit Nanette Goetz aus Fischach (eine Familie die am jüdischen Friedhof von Fischach, den wir erst letzte Woche besuchten, noch mehrfach auffindbar ist). Die Trauung nahm dem Eintrag gemäß Rabbiner Joseph Landauer aus Fischach vor. Im Geburtenregister findet sich noch ein zweiter Gabriel Wolf, der am 14. August 1856 im Alter von nur 26 Tagen starb. Möglicherweise ist ihm einer der abseits stehenden, inzwischen unleserlichen Kindergräber an der Friedhofsmauer beim Eingang gewidmet? Das Geburtsregister jedenfalls besagt, dass der Metzger Samuel Wolf sein Vater war, woraus wir schließen können, dass er seinen Sohn nach seinem eigenen im Vorjahr verstorbenen Vater benannte. Weitere Einträge, die sich erkennbar auf diese Familie beziehen ließen sich kurzfristig nicht finden. Vermutlich haben andere Nachkommen Ichenhausen verlassen und einer davon wird einen Sohn namens Samuel gehabt haben, der die Notiz auf der Rückseite des Bildes erklärt.
Jedenfalls ergibt sich nun eine bereits vier Generationen umfassende Abfolge
Isak Wolf, Metzger in Ichenhausen (x – x)
Gabriel Wolf (1766/67-1855), der protraitierte Metzger
Samuel Wolf (1812-1858), verheiratet mit Nanette Goetz aus Fischach
Gabriel Wolf Jun. (19. Juli – 14. August 1856)
Den Ichenhausener Friedhof hatten wir erst Anfang Dezember 2009 besucht. Trotz Dauerregen konnten wir in kurzer Zeit einige hundert Photographien machen, jedoch befinden sich darunter keine die sich auf diese Familie Wolf beziehen. Der Friedhof ist zwar bereits dokumentiert, d.h. nach Auskunft der Stadtverwaltung wurden die teilweise wahllos herumliegenden Steine und Fragmente genau vermessen und die überwiegend hebräischen Inschriften abgeschrieben, aber die Angaben bleiben offenbar auf (un?)absehbare Zeit unter Verschluss und sind bislang auch nicht übersetzt worden. Wie das Beispiel des Gabriel Wolf jedoch zeigt, wäre es natürlich wünschenswert, wenigstens die grundlegenden Information der Allgemeinheit im Internet frei zugänglich zu machen. Wie sonst sollen Nachkommen und Erben auch die richtige Spuren finden?
Die hebräischen Inschriften zu lesen, wäre kein Problem, jedoch konnten wir vor zwei Monaten nicht ahnen, dass wir auf Grabsteine einer speziellen Familie Wolf ein besonderes Augenmerk legen sollten. Dies müssen wir bei einer künftigen Gelegenheit nachholen, insofern entsprechende Grabsteine oder Fragmente überhaupt erhalten sind.
Einstweilen gilt aber unser besonderer herzlicher Dank Herrn Marvin J. Rosenthal, der uns auf dieses bemerkenswerte und unschätzbare Portrait und damit auch auf die Ichenhauser Metzger-Familie aufmerksam machte. Wir entsprechen sehr gerne seiner Bitte, das Bild und Informationen dazu öffentlich zugänglich zu machen, um sowohl dem Maler Florian Kurringer als auch dem dargestellten Metzger Gabriel Wolf die verdiente Aufmerksamkeit zu ermöglichen.
* * *
Many thanks to Mr. Marvin J. Rosenthal who called our attention to the remarkable as well as invaluable painting of Florian Kurringer from 1847. It is an honor to conform his wish to make the painting and the related background information publicly accessible in order to attract attention to the painter as well as the portrayed butcher Gabriel Wolf from Ichenhausen.
Leaving the Jewish cemetery, we were looking for other Jewish traces in the Bavarian Swabian village Fischach and we met an old Turkish man. His warm clothing revealed that for a quite long time he had accepted snow, ice and winter . I however was a last time tramping with the blackish Chinese low shoes (completely worn out and with huge leaks on both inner sides) I’d acquired for Yom Kippur because they were made from rubber … and of course I had my “famous blue raincoat”… He obviously was much better equipped for the weather, but on the other hand his old age exacted its toll and so he walked and talked very slowly, what did not stop him from addressing us on the street. When he had figured out that we were in the village because of the Jewish history, he seemed to be as happy as a lark and wanted to help us. At the end of the street, he told us “there in a house is the Jewish neighbor Otto Weiss” who “knows everything” und could help us – at least that was what we had grasped. Underway at very slow speed (both walking and talking) he reported from a (former?) workmate he once invited for Turkish food, which was either “hot” (scharf) or sheep (Schaf) or both. He also maintained that there are “about one million Jews in Turkey” (Wikipedia says there only are some 23.000) and “almost all of them are friendly” (Wikipedia has no answer regarding this). We finally reached a house “at the end of the road” and our Turkish friend and helper managed safely to climb some stairs as the door opened and a prying woman ask him: “May I help you ..?” The old man now explained that we are looking for the Jewish cemetery. Now we realized that there was at least one misunderstanding. The huge name plate at the door left no doubt that this was not the house of a person “Otto Weiss” but of a quite other family with a typical German name. I told Mrs. D. that our Turkish “guide” obviously misunderstood that we already visited the Jewish cemetery and thus we have not been looking for it. She sighed with relief and smiled. She also has not known any Otto Weiss but now we realized that in front of Mrs. D.s house actually there was a white car … so we did not understand what the man actually was trying to tell us: He wanted to ask a neighbor in a house at the end of the street about where is “the Jewish” (cemetery) and in front of the house there is a white car or as he pronounced it: “oto wi-se” (car, white). So we understood there will be an Otto Weiss at the end of the street, the last Jew of Fischach who could answer all our questions. But probably there never was an Otto Weiss in Fischach – he was just a phantasm and non-durable as for instance Unumpentium (Uup) but nonetheless it is a quite funny road episode midway between the Jewish cemetery of Fischach and the former synagogue at the old heart of the village, which explains best the difference between now and then.
Ein akustisches Misverständnis erweckte in Fischach den imaginären Juden Otto Weiss in ein kurzfristiges gedachtes Leben, in welchem er uns hätte erzählen können über die alten Juden von Fischach, … ehe es bald klar wurde, dass ein alter türkischer Fischacher uns unaufgefordert zu Nachbarn führen wollte, vor deren Haus ein weißes Auto (“oto wais”) stand. Die Bewohnerin hieß natürlich nicht Weiss und waren auch keine Juden. Sie hätte uns natürlich den Weg zum jüdischen Friedhof in Fischach erklären können, aber von dort kamen wir gerade …
One moment in time ...
Orte mit nachmittelalterlicher jüdischer Geschichte im Bayerischen Schwaben, in Nordschwaben, der ehemaligen österreichischen Marktgrafschaft Burgau und im Medinat Schwaben.
Places in Bavarian Swabia, Northern Swabia, the former (Upper) Austrian Margravate of Burgau and Medinat Shwaben with postmedieval Jewish history.
A Jewish Community in Fischach at least exists since the 1570’s. Until the establishment of an own cemetery in 1774 the Jews of Fischach (and Siegertshofen, now a part of Fischach) frequently buried their dead at the cemetery of Kriegshaber / Pfersee, which is some 19 km away. The Fischach Jewish cemetery is surrounded by a solid stone wall and has a remarkable wooden Tahara (were also is a hearse). There are some 400 grave markers left, among them are two wooden headboards from 1815 and 1833 belonging to Josef Moses ben Abraham Levi and his spouse Brendel. Other than the rotten Kriegshaber wooden plate (which now without any substitution is in the Museum of “Jewish Culture” in Augsburg) the ones in Fischach are in quite good condition, still legible and at their destined place in oder to commemorate the buried.
JD Salinger yesterday passed way age 91. He was best known as the autor of ”The Catcher in the Rye“, “Franny and Zooey” and a number of short stories like “A perfect day for banana fish” … but he already has disappeared decades ago.
So we all will miss to miss you …
“All morons hate it when you call them a moron.”
(JD)
Die Marktgemeinde Fischach mit ca. 4.600 Einwohnern liegt etwa 23 km westlich von Augsburg zu deren Landkreis sie auch gehört. Die Anwesenheit von Juden in Fischach ist zumindest seit 1573 bezeugt. Bis 1803 war auch Fischach österreichisch in der Marktgrafschaft Burgau und wurde sodann bayerisch. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war die Hälfte der etwa 400 Personen im Dorf Juden. Im Jahr 1900 lebten noch 210 Juden in Fischach und machten mehr als ein Viertel der Bevölkerung aus.
Johann Lambert Kolleffel notierte 1750, der Ort verfüge über großen und guten Feldbau. Die in seinem Plan eingezeichneten sechs Häuser im jüdischen Besitz sollen von 32 Haushaltungen bewohnt gewesen sein und liegen allesamt in der Straße die auch heute noch den Namen „Am Judenhof“ trägt. Im Haus 4 war wie eine Widmungstafel besagt von 1739 bis 1938 die Synagoge. Äußerlich deutet wenig auf die frühere Vorgeschichte des Gebäudes, lediglich an der Ostseite des Hauses sind noch Konturen synagogaler Fenster eingelassen. Heute befindet sich im Haus eine Zahnarztpraxis, die sicher nicht bei allen positivere Assoziationen wecken wird. Wie auch immer gilt diese Synagoge als erste und einzige in Fischach. Das jedoch ist wenig plausibel, da für das Jahr 1698 bereits die Bestattung eines „Rabbiners aus Fischach“ am Friedhof von Kriegshaber Pfersee amtlich vermerkt ist. Sich vorzustellen, dass Fischach in dieser Zeit zwar einen Rabbiner aber keine Gebetsräume hatte ist abwegig. Im leer stehenden Nebenhaus 6 befand sich das Gemeindehaus und die jüdische Schule des Ortes – dort so erzählte Frau Kaes habe ihr (christlicher) Großvater noch etwas Hebräisch-Unterricht genossen, um die jüdischen Mitschüler zu verstehen. Fraglich ist wo genau sich die erforderliche Mikwe der Gemeinde befand. Jedoch befinden sich Neufnach und Schmutter, die in Fischach ineinander münden in unmittelbarer Nähe zum Fischacher Siedlungskerns um Synagoge und Kirche.
Sichtbarste Spur der jüdischen Präsenz in Fischach ist der jüdische Friedhof im Süden des historischen Ortskerns. Dem Vernehmen nach wurde er erst 1774 angelegt. Zumindest in der Zeit von 1670 („ein Kind von Fischach“) bis 1706 wurden immer wieder verstorbene Juden aus Fischach, aber wie 1690 auch Siegertshofen (heute ein Teil Fischachs) zur Bestattung nach Pfersee/Kriegshaber gebracht. 1696 waren dies neben dem namentlich nicht genannten „Rabbiner von Fischach“ auch zwei gleichfalls anonyme Kinder. Im Jahr darauf werden insgesamt 9 Todesfälle bei David Ulmo in Pfersee zur Bestattung angemeldet und taxiert. In diesem Jahr verteilen sie sich ohne „Mengenangabe“ auf die Herkunftsorte Pfersee, Kriegshaber, Steppach und Fischach. Eher selten ist es, dass die Notizen der burgauischen Vogtbeamten auch Namen festhalten, etwa 1675 „Samson aus Fischach“ oder 1698 „Hayumb, Judenkind aus Fischach“ (= Hayum bzw. Chaim). Die vorhandenen Aufzeichnungen der christlichen Schreiber sind in dieser Zeit wie so oft nur bruchstückhaft und fehlerhaft. Anders als die feststehenden hebräischen Schreibweisen der Personennamen sind die in lateinischen Buchstaben umlautenden „deutschen“ Schreibweisen nur nach Gehör und subjektiver Vorstellung wiedergeben, was zur Folge hat, dass sich die Schreibweise eines Namens bereits in der Folgezeile wieder geändert haben kann. Zuordnungen der Einträge zu anderen Quellen sind deshalb schwierig, oft aber einziger Anhaltspunkt.
Der jüdische Friedhof ist von einer unversehrten Steinmauer umgeben und in einem vergleichsweise guten Bewahrungszustand. In der hölzernen Tahara gleich neben dem Eingangstor soll auch ein Leichenwagen erhalten sein.
Sichtbar jedoch ist ein Gedenkstein mit gleich zwei Inschriften (schwäbische Sparsamkeit?). Die eine Seite trägt die Inschrift:
„DEN OPFERN DER RASSENVERFOLGUNG GEWEIHT
1933 1945
DEN TOTEN ZUM GEDENKEN, DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG“
Auf der Rückseite desselben Steins steht nun aber zum Gedenken an die jüdischen Soldaten des ersten Weltkriegs:
„ZUM GEDENKEN UNSERER GEFALLENEN
1914 – 1918
BENNO KLOPFER
HERMANN LEVI
ISDOR ERLANGER
SAMUEL MENDLE
ALBERT MAIER
EDMUND HIRSCHMANN
HUGO MENDLE“
Insgesamt sind etwa 400 Grabsteine vorhanden. Das letzte Begräbnis fand noch 1942 statt. Zwar sind viele der älteren Inschrift inzwischen abgeblättert und nur noch teilweise zu lesen, während einige der etwas neueren Grabsteine von Schimmel befallen sind, doch finden sich nur wenig herumliegende Äste, wie auch Bäume im allgemeinen die Standsicherheit der Gräber nicht gefährden. Dies lässt auf eine kontinuierliche Pflege über einen längeren Zeitraum schließen, was in der Region keineswegs Standard ist.
Am bemerkenswertesten am Friedhof sind sicherlich die hölzernen Grabmale des Ehepaars Abraham Levi (gest. 1815) und seiner Frau Brendel (gest. 1833), die anders als das Grabmal von Mordechai Cassel in Kriegshaber nicht nur relativ gut erhalten sondern auch an den bestimmungsgemäßen Grabplätzen geblieben sind. Durch eine intelligente Ummantelung sind sie von den gröbsten Witterungseinflüssen geschützt, haben keinen schädlichen Bodenkontakt und haben zugleich Frischluft, die die Feuchtigkeit trocknen kann. In Folge dessen sind die Inschriften auch heute noch gut lesbar, ganz im Gegensatz zu vielen teilweise jüngeren längst abgebröckelten Sandsteinen.
Berühmter noch als die beiden Holzgrabmale von Fischach ist natürlich die gleichfalls hölzerne Sucka (Laubhütte) aus Fischach, die 1934 im Haus der Fischacher Familie Deller wieder entdeckt und noch Ende der 1930er Jahre nach Israel gebracht werden konnte. Seit 1965 ist die Deller-Laubhütte Bestandteil der Dauerausstellung zum Judentum im Jerusalemer Israel-Museum (in welcher auch der kunstvolle parochet aus Kriegshaber gezeigt wird) , bzw. dessen Vorläufer dem Bezalel Museum. Die Suckah stammt aus den 1850er Jahren und ist handbemalt. Ihr Initiator ist Jakob Deller, der in Fischach ein Zigarren- Wein- und Spirituosen-Handlung betrieb, nachdem ihm 1832 eine anfangs bewilligte Lizenz zum Kaffeee- und Bierausschank 1832 widerrufen wurde. Als Jude sei er dafür angeblich „nicht geeignet“ gewesen. Die Laubhütte wurde von seinem Enkel Albert(o) Deller aus Quito (Ecuador) dem Museum vermacht und ist deshalb ein vielbeachteter Zeuge für das schwäbische Judentum. Gegenwärtig wird die Sucka in der Bretagne restauriert und dann im Laufe 2010 wieder in Jerusalem ausgestellt zu werden.
(Grabstein des Abraham ben Naftali ha-Levi “Albert” Deller, 1860 – 1935 am jüdischen Friedhof Fischach)
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Frau Kaes in Fischach die uns trotz eisiger Kälte (von ca. – 10 ° Celsius) eine kurze Besichtigung des jüdischen Friedhofs ermöglichte und uns hilfreiche Hinweise für die folgende Ortsbesichtigung und Spurensuche gab.
The Jewish Cemetery of Fischach near Augsburg
Jakob ben Jehuda Weil (יעקב בן יהודה ווייל) bekannt als מהרי”ו – die Abkürzung steht für „morenu harav rabbi jakow weil“ (1385 – 1456) war der bedeutendste Schüler des in Augsburg geborenen Maharil (1360-1427) und wie dessen Vater Rabbiner in Augsburg – der letzte Rabbiner im mittelalterlichen Augsburg. 1407 wurde er Rabbiner in Nürnberg und heiratete Rivka, eine aus Augsburg stammenden Tochter der Kalonymos-Familie. Die Augsburger Steuerbücher listen ihn ab 1413 als „Jacob Hochmeister“ auf, wo er neben einem anderen Rabbiner Isaak (gest. 1428) in der Stadt wirkte. 1438 war der Mahariv unter den ersten Juden, die die Reichsstadt verließen, obwohl der Rat der Stadt den Juden bis 1440 Zeit gegeben hatte, die Stadt zu verlassen. Von 1439 bis 1442 war er Rabbiner in Bamberg von 1443 bis zu seinem Tod schließlich Rabbiner in Erfurt. Rabbi Jakob Weil war Sprecher und Führer der Juden im Reich und war als talmudische und halachische Autorität hochverehrt. Der Mahariv war der letzte bedeutende Rabbiner in Augsburg und hinterließ der Nachwelt seine noch oft zitierten und zu Rate gezogenen „sche’elot utschuwot“ (Fragen & Antworten).
The Mahariv – Rabbi Jacob ben Yehuda Weil (1385 – 1456) was the last Rabbi of medieval Augsburg from 1413 to 1438 and a pupil of the Augsburg born Maharil. As leader of the Jews in the Reich he was a great authority on Talmud and Halacha and autor of famous responses.
Verlorene Maßstäbe ist das Motto der diesjährigen „Woche der Brüderlichkeit“ zu der sich dieses Mal christliche und jüdische Brüder (und Schwestern ..?) in Augsburg versammeln. Dabei wird auch Daniel Libeskind der 1946 im polnischen Łódź geborene mit der Buber-Rosenzweig-Medaille des Zentralrats der Juden in Deutschland ausgezeichnet, der als Architekt ganz gewiss (auch: diskutable) Maßstäbe setzt. Es ist aber nicht nur in der Architektur (in Zeiten in denen manche immer noch höhere “babylonische Türme” auf Sand bauen) ein gutes Motto von “verlorenen Maßstäben” zu reden, das nicht nur und nicht erst 2010 Gültigkeit besitzt. Gerade in Bezug auf jüdisches Leben in Deutschland drängt sich hier manche Frage auf in Bezug auf Form und Inhalt. Wenn einem „wertvollen“ Thoraschild mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird, als dem Text der (hoffentlich koscheren) Thora-Rolle, dann kann man ganz klar von verlorenen Maßstäben sprechen, ebenso wenn die Allgemeinheit einer Stadt sich – freilich auch hier ohne Hast – nur um den Erhalt einer ehemaligen Synagoge Sorgen macht – und sei es weil sie nicht ahnt, wie viele ehemalige Synagogenplätze in 1500 Jahren Augsburger jüdischer Geschichte gab – aber einen bestehenden historischen Friedhof bequemlich und töricht verfallen lässt. Warum würdigt die Stadt nicht den reichhaltigen jüdischen Anteil an der gemeinsamen Geschichte? Aber wenn man von „verlorenen Maßstäben“ reden will, ist klar, dass dies keine Augsburger Spezialität ist.
Man braucht nur in einen Buchladen gehen und kann beiläufig Sonderangebote finden, wie etwa das das Kochbuch „Jüdische Küche“ (isb n 3-89508-046-2) von Elisabeth Wolf Cohen, welches noch im Untertitel „100 authentische Rezepte“ verspricht und dabei nicht nur die üblichsten Klischeemahlzeiten anbietet, sondern die eine oder andere Speise trotz der zitierten Vorgaben, recht eigenwillig interpretiert. So werden beispielsweise auf Seite 38 „Piroschki“ (пирожки, eine eher russische als jüdische Speise, …) vorgestellt und im Rezept lauwarme Milch und Butter für den Teig angegeben, während für die Fleischfüllung Rinder- oder Lammhackfleisch empfohlen wird. Da Wolf Cohen‘s Buch ausdrücklich dafür wirbt „Tips und Anleitungen zum koscheren Kochen“ zu geben, stellt sich die Frage ob ihr etwa nicht bekannt ist, dass die Vermengung von Milch und Fleisch in einer Speise im Sinne einer koscheren Speise ein komplettes KO-Kriterium ist. Aber damit nicht genug. In der Beschreibung der Speisezubereitung schreibt sie: „Gehacktes Rind- oder Schweinefleisch (sic!) zufügen und 5-7 Min. unter gelegentlichen Rühren andünsten, bis das Fleisch seine rote Farbe verloren hat…“ Nun, dass Schweinefleisch unter keinen denkbaren Umständen koscher ist, dürfte allgemein bekannt sein, der Autorin (und/oder ihren deutschen Übersetzern?) aber offenbar gleichgültig, weshalb es sich auch nicht mehr lohnt auszuführen, woher die zu verdunstende rote Farbe des Fleisches nun wesentlich herrührt. Nun ist klar, dass eine solch zusammengesetzte und zubereitete Speise in keiner Weise koscher ist. Die „Gebäckstücke“ könnten ebenso „gut“ auch mit Spinnen oder Fledermauslebern gefüllt sein – mit einer jüdischen, zumal koscheren Küche hat dieses rein gar nichts zu tun. Da hilft es auch nicht, dass zum Rezept ein alter Mann mit Bart, Talit und Tfilin abgebildet wird. Es bliebe allenfalls die Frage was es mit der Formel „Gerichte für private und religiöse Feiern“ auf der Rückseite des Buches auf sich haben könnte und wer die eigentliche Zielgruppe eines solchen Buches eigentlich sein soll. Muslime werden es nicht sein, vermute ich und wahrscheinlich würde der Autorin und ihrem Verlag ganz sicher auch der „Mut“ fehlen, ein ähnliches Machwerk für eine authentische islamische Küche mit Schweinefleisch auf den Markt zu werfen … Wolf-Cohen hat noch eine große Anzahl weiterer Kochbücher verfasst, insbesondere zur französischen Küche (die bekanntlich auch mit Fröschen und Schnecken keine Probleme hat), auch ein eigentümliches “Original Elvis Kochbuch“ das auch nicht mehr trefe sein kann als ihr „jüdisches“ .
Es ist klar, dass sich eine größere Anzahl von Juden heute nicht mehr an die Kaschrut ihrer Vorväter und –mütter halten, aber das ist eine Sache, etwas anderes ist es, wenn man explizit ein koscheres Kochbuch anbietet und die Rezepte jede Grundregel der jüdischen Küche systematisch übertritt, als gelte es einen Rekord aufzustellen (wie viele Übertretungen bringe ich einer Speise unter?). Da auch Koch- und Küchenrezepte in ihrer Weise Maßstäbe sind und setzen, ist hier wohl einiges verloren gegangen…
The “New Jewish Cooking” book by Elisabeth Wolf Cohen at least in the German edition promises “advice for kosher cooking” and “dishes for private and religious festivities” but actually describes in all details what one can do to ensure that the prepared meal definitely and by no means in any extent is kosher anymore. The eastern European piroshki (pierogies) recipe on page 38 of the German edition for instance recommends to use milk and butter for the dough and minced beef or lamb for the filling. What is wrong with doing this Mrs. Wolf-Cohen? Right, mixing milk and flesh is not kosher. The last paragraph of the German text even suggests beef or pork (sic!), which you have to braise so it loses its red color … Who is the target group for a “Jewish” cookbook with recipes that are treif ..? The author has written many other cookbooks, especially French ones (who have no problem to deal frogs or snails …) and not to forget „The I Love Elvis Cookbook“. I wonder if she would have the guts to write an Muslim cookbook with pork recipes, too…
Die gelben Judensterne von Fischach
January 27, 2010The yellow badges of Fischach
An conifer at the brumal marketplace of a small rural town in Bavaria decorated with stars is anything but special since most instantly will think of Christmas. In Fischach however at the Marktplatz right where the Hauptstr. begins, in front of the Kreissparkasse (local savings bank) just opposite the corner of the street “Am Judenhof” (”At the Jews court”) was a huge conifer with several dozens of yellow stars in the very manner as the Nazis made their “Judenstern” (but without marking) variation of the Zionist symbol “Star of David”.
The yellow bagde with six pointed rays was introduced by the Nazis as a sign of public stigmatization of Jews in all German occupied Europe. In fact it was the perversion of the book “Stern der Erlösung” (“Star of Redemption”) written by German Jewish historian and philosopher Franz Rosenzweig (1886 Kassel – 1929 Frankfurt), which now had turned to a “Stern der Endlösung” (“Star of Extermination /or: Final Solution”) and is the emblem for the mass murder of more than six millions of Jews …
It is difficult to say, whether this is the way to decorate Christmas trees in Fischach, but as our pictures from today have the date of January 27th – and Christmas obviously was celebrated a whole month ago. So the second guess is that all the umpteen yellow Judensterns at the village center of Fischach refer to the Holocaust Remembrance Day which was established in Germany in 1996 as an annual day of commemoration (in 2001 also adopted by the United Nations).
Geschmückte Nadelbäume sind nichts ungewöhnliches auf winterlichen Marktplätzen. Anders ist es vielleicht in Fischach, wenn einen Monat nach Weihnachten ein großer Baum übersät ist mit gelben Sternen die an die bei den Nazis zur Diskriminierung von Juden gebrauchten „Judensterne“ erinnern. Weihnachten liegt schon mehr als einen Monat zurück. Vielleicht sind die Sterne ja auch eine Würdigung der Fischacher an den 1996 in Deutschland eingeführten Holocaust Gedenktag zur Erinnerung an die „Befreiung“ des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.
(detail)