Zur Familiengeschichte jüdischer Viehbauern und Metzger in Kriegshaber

August 28, 2016

Obwohl Dokumente für die Siedlung von Juden in Kriegshaber erst aus der Zeit um 1560 erhalten sind, ist doch davon auszugehen, dass die jüdische Geschichte vor Ort weiter zurückreicht und wahrscheinlich mit der österreichischen Herrschaft in der Markgrafschaft Burgau beginnt. Dafür spricht zum einem die unmittelbare Nähe zu Augsburg, die auch für die damalige Zeit mit Pferden und Wagen keine Welt waren, zum anderen die günstige Verkehrslage auf dem Handelsweg von Augsburg nach Ulm, Frankfurt und Straßburg.

 

Einige der Kriegshaber Juden stammten aus Oberhausen, wo sie nach der Aussiedlung von Augsburg in den frühen 1450er Jahren ausgewichen waren. Unter der vorderösterreichischen Regierung der Habsburger verlagerten sich die Handelswege zunehmend von den Flößern der Wertach auf die Straße, wovon Kriegshaber gegenüber Oberhausen profitierte.

100 Jahre Kriegshaber in Augsburg Logo JHVA

Charakteristisch für die Geschichte Kriegshabers als jüdisches Straßendorf, das die Hauptstraße des Ortes prägte, ist die sehr hohe Anzahl von Viehbauern, Züchtern und Metzgern, mit der es sich von den jüdischen Nachbardörfern Pfersee (Finanzhandel, Chemie) und Steppach (Stoffe) wesentlich unterschied. Zeitweilig war weit mehr als die Hälfte der Kriegshaber mit Viehzucht, Handel oder Metzgerarbeiten beschäftigt. Die führte dazu, dass bald in jedem zweiten Haus ein Metzgerbetrieb war oder damit im Zusammenhang stehende Arbeiten verrichtet wurden. So ist es vielleicht naheliegend, dass 1830 David Skutsch, der Sohn des verstorbenen Kriegshaber Rabbiners und Schwager von dessen Nachfolger in der Ulmer Straße 216 als weltweit erster ein Patent auf die Herstellung von Duftkerzen nebst königlichem Privileg (Alleinvertriebsrecht) erhielt. Den grundlegenden Talg für den umworbenen „Kriegshaber Duft“ gab es vor Ort in Übermaß und billig wie kaum woanders.

Kriegshaber in Bildern - am Straßenrand der Weltgeschichte - 100 Jahre Eingemeindung Augsburg 1916 2016

Da die Metzgereien den Eigenbedarf der Ortschaft, die um 1790 etwa sechshundert Einwohner hatte (davon rund 400 Juden), deutlich überstieg, verwundert es auch nicht, dass die jüdischen Viehbauern vor allem auswärtige Kunden versorgten. Der Erfolg der Kriegshaber Juden war sprichwörtlich und überregional bekannt und stieß freilich nicht nur auf Beifall, sondern auch auf krankhaften Neid. Ein Beleg dafür ist die antijüdische Erzählung des unter dem fiktiven Namen „Veitel Itzig“ veröffentlichte Geschichte eines fränkischen Antisemiten, der Jahrzehnte vor den ominösen „Protokollen der Weisen von Zion“, die Emanzipationsbestrebungen der Juden in den 1830er Jahren als heimliche „Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft“ diffamierte. Der Verschwörer ist ein Metzger und als Ausgangspunkt ist Kriegshaber der Ort der Handlung.

 

Das jüdische Geschichte, wie bereits jeder Bibelleser an Hand zahlreicher Abstammungslisten und Erzählungen in der Bibel weiß, im wesentlichen immer auch vor allem Familiengeschichte ist, lässt sich auch an Hand der Geschichte Kriegshaber nachvollziehen. Anschaulich wird dadurch wie der angestammte Broterwerb sich in den Familienclans fortführte und durch zahlreiche Heiraten neue Impulse integriert wurden.

Kriegshaber jüdische Schule Eingang Ulmer Straße 2013 Umbau

Der bedeutendste Familienzweig unter den Kriegshaber Viehbauern waren ohne Zweifel die Mändle (Mendel), die direkt im Haus neben der Synagoge wohnten, und deren Oberhäupter es zu Hoffaktoren und Ausrüstern von Bischöfen, Herzögen, Königen und Kaisern brachten. Ein besonders herausragendes Beispiel war 1744 die Krönung von Kaiser Karl VI in Frankfurt am Main, für die die Unternehmung Abraham und Josef Mändle von München und Kriegshaber aus den gesamten Fuhrpark nebst Reiterei  besorgte und ausstatte. Eine historische Randnotiz deren logistische Leistung wir heute bestenfalls erahnen können.

 

Mit den Heiraten ging natürlich immer auch ein Wissenstransfer einher. Als im Frühjahr 1699 die Tochter des Vorsitzenden der Pferseer den Sohn des Prager Rabbiners heiratete, erkundigte sie sich bei ihr Kriegshaber Tante Riwke, der Frau des Kriegshaber Metzgerprüfers Meir Ulmo, nach heimischen Kochrezepten und erhielt in einem handschriftlichen Brief eine Sammlung schwäbisch-jüdischer Kochrezepte mit „Wertach-Forchelfisch“ (Forellen), „Erdpirn“ (Kartoffeln), „Leinel“ (Leinöl), gefüllte Mangoldblätter und „Kasbraut“ (Käsekuchen).

 

Wie die Mayer stammten auch die Mändles als Nebenlinien von den Ulmo ab und wurden selbst von den meist aus dem österreichisch-schwäbischen Umland zugezogenen Familien Dick, Einstein, Oberdorfer, Bach und Rothschild aufgefrischt, während  sich die Mayers in Kriegshaber weiter in die Zweige Mayer, Untermayer und Obermayer aufspalteten, die ebenfalls als metzger und Viehzüchter tätig waren, teilweise ein eigenen Betrieben, während andere auf der Basis von Fetten chemische Stoffe herstellten.

 

Besondere Bedeutung für die frühmoderne Geschichte Augsburgs erlangten dabei der Ulmo-Mayer-Nebenzweig Obermayer. Jakob Obermayer und seine Geschäftspartner Feitel Kaula, Westheimer und Efraim Ulmo statteten 1803 die bankrotte Reichsstadt mit einer halbe Million Gulden aus und retteten sie so zwei Jahre vor der drohenden und letztlich dann unausweichlichen Annexion durch das Herzogtum Bayern, die durch Napoleons Besuch 1805 besiegelt wurde. Obermayer durfte nun in Augsburg als Bürger wohnen und gilt damit als Begründer der modernen Augsburger Gemeinde, die Formel freilich erst von seinem Enkel ins Leben gerufen wurde.  Sein Sohn Isidor Obermayer (1795-1862), der 1821 das heute als Augsburger Standesamt bekannte Palais kaufte war Mitbegründer der Bayerischen Staatsbank, wie auch der Hypovereinsbank und besorgte als Eisenbahnpionier aus England auf eigenes Risiko Schienen und Lokomotiven für die erste bayerische Überlandbahn von Augsburg nach München. Sein ebenfalls noch in Kriegshaber geborener Sohn Carl von Obermayer (1811-1889) hatte wenig für Geschäfte übrig, vertrat aber im väterlichen Haus als Konsul die Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg. Dem Augsburger Naturkundemuseum schenkte er bedeutende ethnologische Sammlungen die bei seinen Reisen im Wilden Westen Amerikas erworben hatte, lange vor Buffalo Bill und Karl May. Schließlich wurde er auch Vorsitzender der vom Bayerischen König offiziell anerkannten israelitischen Kultusgemeinde von Augsburg unter dessen Führung diese auch einen eigenen Friedhof und eine neue Synagoge (Wintergasse) bekam.

Bis in die 1930er Jahre blieben in Kriegshaber zuletzt noch die Gebrüder Einstein als Metzger und Viehzüchter präsent. Als Nebenlinie der Mändle hatten sie eine Reihe der früheren anderen betriebe aufgekauft, ererbt und übernommen. Freilich nahm mit der modernen Industrialisierung in großen Massenschlachthöfen den Kriegshaber Juden das zuvor auf Vertrauen und Qualität beruhende Geschäft ohnehin weitgehend aus der Hand. Schließlich wurde im bereits Mai 1933 in Deutschland durch die Nazi-Regierung auch noch das Schächten verboten. Die Einsteins stammten aus Buchau, wie auch die Familie des berühmten Albert Einsteins, dessen Vorfahren ebenfalls Metzger und Viehzüchter waren.

 

Ganz verschwunden ist die Erinnerung an die jüdischen Metzgerfamilien von Kriegshaber auch heute nicht, wenngleich die oft zu hörende Frage, ob der bekannte Kriegshaber Metzger Joachim Goldstein denn auch Jude sei. Doch der ehemalige Fußballprofi der Anfang der 1980er Jahre beim FC Augsburg und beim TSV 1860 München in der zweiten Fußballbundesliga spielte, hat freilich nur einen Familiennamen der in den Ohren mancher „jüdisch“ klingt.

 

Artikel von Yehuda Shenef, erschienen in “Kriegshaber in Bildern – Am Straßenrand der Weltgeschichte”, Wissner-Verlag, Augbsurg 2016, S. 63 und 65 (Abbildung oben)


Simon Schlossberger (1858-1935), Crailsheim

April 9, 2015

Vor recht genau 80 Jahren, am Donnerstag, den 11. April 1935, bzw. 8. Nisan 5695 wurde am jüdischen Friedhof an der Hummelstr. (heute Hooverstr) bei Kriegshaber Herr Simon Schlossberger bestattet. Das war insofern ungewöhnlich, da er bereits am 3. März, also 40 Tage vorher an seinem Wohnort Crailsheim verstorben war.

Simon Schlossberger wurde 1858 im fränkischen Unterdeufstetten (heute Teil von Fichtenau im württembergischen Landkreis Schwäbisch Hall) und war Rinderzüchter. 1884 heiratete er die aus Aufhausen stammende Ernestine (Ester) Neumetzger und übersiedelte mit ihr ins nahe Crailsheim. Das Paar hatte sieben Kinder, wovon drei ihre Kindheit nicht überlebten. 1916 starb ihr Sohn Sigmund im Alter von 22 Jahren als deutscher Frontsoldat in Frankreich. Die 1890 geborene Tochter Ida heiratete nach Kriegshaber in die Viehhändler-Familie Einstein, die einen Betrieb an der Ulmer Straße besaß.  

Nach Simons Tod zog seine Witwe nun Kriegshaber zur Tochter ins Haus der Familie ihres Schwiegersohns Isaak Einstein, weshalb es nun auch dazu kam, dass der Leichnam exhumiert und nach Kriegshaber überführt wurde, wo am 11. April 1935 eben die Besetzung stattfand. Der Grabstein wurde bald darauf gesetzt und stammte wahrscheinlich von der renommierten Nördlinger Steinmetz Familie Koppel.

simon schlossberger grabstein kriegshaber 1858-1935 gravemarker

Grabstein Simon Schlossberger (Foto: yehuda shenef / jhva, 2007)

ש’ץ היה לעדתו וקהילתו

בימי הנוראים עד יום מותו

Die hebräische Grabinschrift besagt, dass der Verstorbene ein שליח ציבור war, also eine Art Gemeindevertreter und Kantor und zwar wie es wörtlich heißt: “in schrecklichen Tagen bis zum Tag seines Todes“. 

Simon Schlossberger 1858 - 1935 jüdischer Friedhof Kriegshaber

Anzeige aus der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 12.3.35

1942 wurde Ernestine Schlossberger fast 80jährig verhaftet und „deportiert“. Sie “verstarb” 1943 im KZ Theresienstadt. Auch ihre Tochter Ida und ihr 1887 geborener Sohn Siegfried wurden wie viele weitere Mitglieder der Familie als Zivilisten ermordet. Wie andere Ermordete aus Kriegshaber haben sie bis heute keine Widmung erfahren.

Crailsheimer Synagoge 1783 - 1938

Synagogue of Crailsheim (1783-1938), source: Alemannia Judaica

80 years ago Simon Schlossberger a cattle breeder from Franconian town Crailsheim (today Wuerttemberg) was buried at the cemetery of Kriegshaber, where a month after his death his widow Ernestine had moved to Kriegshaber (since 1916 a part of Augsburg) in order to live with her daughter who was married to the local Einstein family who where butchers. Five weeks after the first burial Simon Schlossbergers corpse was exhumed at the cemetery of Schopfloch and on April 11, what this exactly 80 years this weekend, he found his final resting place at the cemetery near Kriegshaber. His widow Ernestine and his daughter Ida however where deported and killed by the Nazi-Germans. Until today they as well as others in Kriegshaber have no dedication.

 

Further Info:

http://www.crailsheim.de/1742.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=2717&cHash=299cecddb523cd870c81d4764ae87614

http://www.swp.de/crailsheim/lokales/landkreis_schwaebisch_hall/Die-Familie-Schlossberger-Kind-im-Krieg-verloren;art5722,1721104

Infos zur (ehemaligen) Synagoge und Gemeinde von Unterneufstetten im Landkreis Schwäbisch Schall (Fichtenau): http://www.alemannia-judaica.de/unterdeufstetten_synagoge.htm


“Zur Herkunft des Chanucka-Dreidel”

December 18, 2014

Der סביבון (sewiwon) von סביב (sawiw = rund), jüdisch Dreidel (דריידל) oder früher im Westen auch Trendl (טרענדל) ist ein ungewöhnliches, längst aber klassisches Spielzeug, das sich mit dem jüdischen Lichter- oder Weihefest verbindet und längst zu einem immer wieder anzutreffenden bildlichen Symbol dafür geworden ist. Letzteres ist uns heute als trend bekannt, abgeleitet vom mittelenglischen trenden (sich drehen), friesisch trind (rund), etc. was im Englischen erst etwa in den 1880er Jahren die Bedeutung einer „allgemeinen Tendenz“ bekommt: der Trend. Dreidel hingegen stammt vom jüdischen Wort dreihen = drehen. Der hebräische Neologismus sewiwon wurde erst vor etwa hundert Jahren von Itamar Ben-Avi geprägt, dem Sohn von Elieser Ben-Yehuda. Es gilt daher gemeinhin als gesichert, dass der Dreidel eine aschkenasische, deutsch-jüdische Herkunft hat. Alte indische Formen des Kreisels verwendeten als Basis die Swastika, das im letzten Jahrhundert als „Hakenkreuz“ der Nazis in Verruf gekommene „Glückssymbol“, welches angeblich ein „Sonnenrad“ darstellen soll. Zwar weiß niemand so genau, was das eigentlich sein soll, da zumindest die tatsächlich am Himmel sichtbare Sonne, weder Zacken, Haken noch Räder hat, doch als Ornament findet sich die Swastika freilich auch in Überresten des Jerusalemer Tempels aus der Zeit des antiken Baumeisters und Königs Herodes. Der Dreidel – einer Vielzahl jüngerer Leute wenigstens noch aus dem „Draydel Song“ der Cartoon Serie South Park geläufig – hat mit der Tempelweihe erkennbar ebenso wenig zu tun wie der Weihnachtsmann oder Tannenbaum im Christentum mit der Geburt des Jesus.

Auf einem Gemälde des holländischen Malers Pieter Brueghel mit „allerley spelen der kinderen“ das auf das Jahr 1560 datiert wird, befindet sich am vorderen linken Bildrand auch eine Figur, die eine Art Dreidel in die Luft hebt. Dieser wird als Toton oder Teetotum gedeutet, ein ab etwa dieser Zeit nachweisbares Spiel auf der Basis eines meist vierseitigen Kreisels, der 1871 auch in Lewis Carolls „Alice hinter den Spiegeln“ erwähnt wird, als das Schaf die etwas eigenartige Frage stellt: “Bist du ein Kind oder ein Dreidel …?

Zur Grundlage für das Spiel dienen die jeweiligen Buchstaben die auf jeder Seite aufgemalt oder eingraviert wurden. Eine lateinische Variante hatte die Buchstaben A, D, N, T, gedeutet als aufer (nehmen), depone (ablegen), nihil (nichts) und letztlich namensgebend totum (alles). Es existieren zahlreiche Varianten in unterschiedlichen Sprachen und Abkürzungen. Eine englische Variante des 18. Jahrhunderts etwa hat die Buchstaben N für nothing (nichts), P für put (geben), S für some (einiges) und T für take (nehmen). Neben diesen Varianten gab es weitere mit sechs anstelle von vier Seiten, die gelegentlich auch analog zu einem Würfel einen bis sechs Punkte aufwiesen. Im Spiel , etwa um Geld, entscheidet je nach Regel und danach welche Seite sodann nach dem Drehen des Kreisels oben liegt, ob man seinen Einsatz verliert oder etwas dazugewinnt.

Trotz oder vielleicht auch wegen der mehrsprachigen Belege ist es nicht feststellbar, wo genau der Ursprung des entsprechend mit Buchstaben beschrifteten Dreidels und des damit verbundenen Spiels zu finden ist. An einer wenig wahrscheinlichen Stelle findet sich jedoch eine, wenngleich auch wohl versteckte literarische Anspielung darauf, nämlich im 19. Kapitel des christlichen Evangelium des Johann, als bei der Kreuzigung des Jesus römische Soldaten die Oberbekleidung (ἱμάτια, imatia) des Hingerichteten in vier Teile (τέσσαρα μέρη, tessara me’re) aufgeteilt und die künftigen Eigentümer auf spielerische Weise, sprich durch Auslosen (λάχωμεν) ermittelt werden. Der griechische Text wurde in zahlreichen Sprachen als „würfeln“ übersetzt, jedoch ist dies nur eine veranschaulichende Interpretation, da das griechische Wort für Würfel κυβος (kubos) im Text nicht vorkommt. Letzteres ist auch bekannt von Julius Caesars berühmten Ausspruch alea iacta est (Sueton, Caesar 32) – meist übersetzt als „der Würfel ist gefallen“, was aber, da Caesar sicher eher Griechisch sprach, ein bereits geläufiges griechisches Zitat war, das etwa bei Plutarch als ανερρίφθω κυβος (der Würfel ist geworfen) überliefert ist. Im übrigen lässt sich auch aus dem durch die heute feststehende vor allem mathematische Bedeutung des Worts „kubos“ nicht sagen, dass es sich dabei bereits um unseren nunmehr gebräuchlichen Würfel mit sechs Seitenflächen handelte. Zweifel-los wäre auch ein vierseitiger Dreidel denkbar, da das verwandte hebräische קב (kow) eine Stelze oder Stütze bezeichnet, was notwendigerweise mit der Idee des Kreisels korrespondiert.

Jesus pseudo Hebräisch Inschrift Kruez Augsburg

Interessant ist freilich, dass im Kontext der Kreuzigung des Jesus, am Kreuz selbst eine Inschrift auftaucht, die häufig durch vier Buchstaben abgekürzt wird: Ἰησοῦς ὁ Ναζωραῖος ὁ βασιλεὺς τῶν Ἰουδαίων – also Jesus der Nazaräer als König der Juden. Am bekanntesten ist dabei wohl das lateinische Kürzel INRI, das man auf vielen alten Kruzifixen finden kann. Die Inschrift soll dem Evangelium des Johann gemäß aber in griechischer, hebräischer und lateinischer Sprache angebracht worden sein. Motivisch übereinstimmend mit dem Dreidel ist somit der scheinbar neutrale Losentscheid und die gleich zweimal präsente Vierteilung (zum einem mittels INRI als vier Buchstaben, zum anderen durch die Aufteilung der Kleidung in vier Portionen). Einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Dreidel des Chanucka-Festes ergibt dies nicht, wenngleich das Fest dem militärischen Sieg der Juden über die griechischen Seleukiden im Jahr 164 v.a.Z. und der folgenden (Wieder)Einweihung des Heiligtums in Jerusalem gewidmet ist. Allenfalls das Datum der Weihe-Nacht (= erew chanucka) am 25. Kislev kann als Anzeichen für das erst tausend Jahre später am 25. Dezember gefeierte Geburtsfest des Jesus verstanden werden, zumal die Monate Kislev und Dezember sich regelmäßig überschneiden. Offensichtlich ist aber die ideengeschichtliche Verwandtschaft enger als die des Tannenbaums mit Jesus oder die des Dreidels mit dem Tempel in Jerusalem.

Wie auch immer, ist ganz ähnlich zu den oben genannten Varianten auch die jüdisch-sprachige bis heute als Kinderspiel überliefert, wobei zu Chanucka aber eher um Süßigkeiten als um Geld und ganz sicher nicht um die Bekleidung eines erwachsenen Fremden gespielt wird. Die Buchstaben hierfür sind jüdsich-deutsch ה = האלב (H für halb), ש = שלעכט (SCH für schlecht), נ = נישט (N für nischt, nichts) und schließlich ג = גוט (G für gut). Die hebräischen Entsprechungen wären חצי, רע, לא und טוב, was abgekürzt freilich andere Buchstaben ergeben würde. Die Spielidee, wie auch die Beschriftungen, waren für das Judentum freilich zu alltäglich und entheiligend. Insbesondere der Buchstabe ה dient allgemein üblich zur Abkürzung des Wortes השם (ha-schem, der-Name, gemeint ist der Name Gottes) und kürzt sozusagen bereits die Umschreibung des Gottesnamens respektvoll ab, während die Zahl 15 in hebräischen Ziffern aus dem selben Respekt nicht wie es folgerichtig wäre als 10-5, sondern als 9-6 = ט”ו notiert wird.

Es fand sich demnach also eine heiligende Erklärung für die vier Buchstaben, die nunmehr als Anspielung auf das Lichtwunder im Tempel gedeutet wurden:

נס גדול היה שם – ness gadol haja scham – ein großes Wunder gab es dort.

Praktisch fügte es sich dabei, dass diese Buchstaben, als Zahlen gelesen, sich sogleich auf den Zahlenwert 358 addierten, was dem Wert des Wortes משיח (meschiach = gräzisiert Messias, oder gleich griechisch Christos) entspricht. Auch dies ist ein Wort mit vier, freilich teilweise anderen Buchstaben. Im modernen Israel bildete sich alternativ zur bereits etablierten frommen Lesart die logische Variante

נס גדול היה פה – ness gadol haja po – ein großes Wunder gab es hier.

dreidel Hebräisch

Man konnte sich ja nun auf den Ort des Geschehens, auf Israel beziehen und musste nicht mehr aus der Ferne Bezug nehmen, während andererseits der neue Zahlenwert 138 an Signifikanz einbüßte, wenn man es beispielsweise als סטודנט (student) deutet, ohne den Sinn einer akademischen Ausbildung in Abrede stellen zu wollen.

Doch auch die Idee des Losens, Auslosens ging nicht ganz verloren. Zum einem bieten die Erzählungen der Thora diesbezüglich bereits mit den geheimnisvollen אורים ותומים (urim ve’tumim – etwa: Lichter und Ganze) ein prominentes, wenngleich auch schwer schlüssig zu deutendes Modell, bei dem bereits die Wortbedeutung und Übersetzung nicht unumstritten ist. „Urim“ wird allgemein als Plural von Licht, also als Lichter aufgefasst, das Gegenstück freilich ist als Substantiv schwer zu fassen, bedeutet als Adjektiv aber „rein“, „unschuldig“, „naiv“, „sauber“, „vollendet“ und dergleichen mehr. Im ספר שמות (lat. Exodus) der Thora werden die אורים ותומים beispielsweise als Bestandteil des heiligen Gewands des großen Kohen, des אפוד (efod) erwähnt, welches an anderer Stelle aber auch von König David getragen wurde. Über dem Efod einer Art Weste am Gewand befand sich der חושן eine Brustplatte worin die אורים ותומים aufbewahrt wurden. Über die Beschaffenheit und Verwendung all dieser Gegenstände wurde bereits viel spekuliert – was nicht verwundert, da sie bereits mit dem babylonischen Exil als verschollen gelten – für unseren Kontext reicht die Feststellung, dass es sich bei den Urim und Tumim offenbar um keine bloße Symbolik handelte, sondern um eine konkrete Funktion, der allgemeinen Auffassung nach zum Zweck der Wahrheitsfindung, um Begriffe wie „Orakel“ oder Wahrsagen“ zu vermeiden. Zum Einsatz kamen sie als dritter Weg neben Träumen und Überbringern („Propheten“), um mit Gott zu kommunizieren, bzw. um seinen Willen zu ermitteln.

In einem etwas anderen Kontext begegnet uns das Losen im פורים Purim-Fest, welches wörtlich der Plural von פור (pur) ist und das Los (griech. Κλήρος – kleros) bezeichnet. Hier nun wurde der Tag, an dem der finstere Schurke Haman das jüdische Volk im Reiche des persischen Königs vernichten wollte, per Los bestimmt. Der ermittelte Losentscheid war trotz gegenteiliger Erkenntnisse zum Sachverhalt bindend und unumstößlich, um nicht die Autorität des Herrschers als Entscheidungsträger zu erschüttern. Der festgesetzte Plan musste also mittels Vorbereitung der vorgesehenen Opfer vereitelt werden und die Bestrafung der eigentlichen Übeltäter am ausgelosten Stichtag (sic!), wird heute noch gefeiert. Auch hier wissen wir nicht, um was für eine Art Los es sich handelte, wohl aber, dass es am persischen Hof gebraucht wurde. Offensichtlich war es aber geeignet, ein konkretes Datum zu bestimmen. Denkbar wäre eine Drehscheibe mit Monatseinteilung.

In der kabbalistisch – chassidischen Frömmigkeit nach dem Spätmittelalter hat sich nun auch eine Methodik entwickelt, den Dreidel als divinatorisches Instrument zu benutzen, wobei die klassischen Buchstaben des jüdischen Dreidels entsprechend ausgelegt werden, etwa im Sinne der Zahlenwerte, korrespondierender Begriffe und Wortbedeutungen. Da es viele Varianten davon gibt, konnte sich keine gänzlich durchsetzen.

Der Ursprung dürfte in von den Griechen ἀστράγαλος genannten Sprunggelenksknochen (צם הקרסול – lat. talus, meist von Schafen oder Ziegen) liegen, die als eine Art natürlicher Vorläufer von Würfeln gelten und im antiken südöstlichen Mittelmeerraum gesamten als Spielgerät wie auch zu “Wahrsagezwecken” genutzt wurden. Vielleicht rührt es auch daher, dass in der hebräischen Geschichte des Volkes Israels der Sprung vom Schafshirten zum Propheten oft ein sehr geringer zu sein scheint, … vielleicht nur ein Hammelsprung.

schafsknochen würfel astragaloi (source: wikipedia)

Eine ganze Reihe der biblischen Helden und prägenden Figuren der jüdischen Frühgeschichte waren Hirten: Abraham, Isaak, Jakob, Moses, David, Rabbi Akiwa, um nur einige zu nennen … und so ist es kein Wunder, dass sich nicht nur das Christentum reichlich bemühte, eine entsprechende Metaphorik oder sagen wir „Schafs-Nähe“ zu behaupten und anzusprechen, sondern auch der islamische Rasul Mohamed gleichfalls Schafhirte gewesen sein soll, bevor er bei seinem Onkel Talib kaufmännische geschult wurde und mit ihm auf Reisen ging.

Der biblische Begriff für „Prophet“ ist im hebräischen Original wörtlich ein „Bringer“ (נביא – nawi), damit vergleichbar mit dem griechischen ἄγγελος – lat. „angelus“, meist übersetzt als „Bote“, war aber ganz gewiss kein „geflügeltes“ Wesen, sondern allenfalls ein ebensolches Wort. Das hebräische Wort für Engel wiederum lautet „mal’ach“ (מלאך) und leitet sich von „mal’acha“ (מלאכה) der Arbeit ab, was über die Vermittlung des Jüdisch-Deutschen auch im allgemeinen Sprachgebrauch als „Maloche“ (מאַלאָכע) geläufig ist. Während der hebräische Engel demnach ein „Malocher“ ist, ist der hebräische Prophet ein echter „Bringer“, ein Vermittler, die Personifizierung des Nächsten, des Folgenden, des Kommenden, der Zukunft, der den Willen Gottes (mit oder ohne Schafsknochen) erkundet und ggf. mitteilt.

Jeder Astragal besitzt nun vier Seiten, freilich nicht gleichmäßig wie bei einem exakten, idealen Würfel, jedoch so, dass alle vier Seiten zum Liegen kommen konnten. Ihnen gab man nun Zahlen(werte), die in den meisten Sprachen des Orients mittels Buchstaben ausgedrückt wurden, im Griechischen ebenso wie im Hebräischen/Phönizischen. Die Nummerierung reichte von 1-4, aber Varianten kannten die Werte 1, 2, 4 und 6 und oft kamen fünf Astragale zum Einsatz (oder es wurde entsprechend oft mit einem gewürfelt) und sodann wurden die Werte addiert. Anders als die Kreuzigungsszene im christlichen Evangelion suggeriert, war das Würfelspiel, insbesondere das mit Astragaloi, trotz spielsüchtiger Herrscher wie Claudius, bei den Römern keineswegs gern gesehen, sondern nur während der Saturnalien (= das römische Staatsfest zu Ehren des “Saturn”, zunächst am 17., dann ausgedehnt vom 17. – 23. Dezember, später ab dem 17. bis zum Monatsende) nicht verboten waren. Rein zeitlich würde das, wie der Brauch des Würfelns durchaus zur späteren Chanucka-Tradition passen, darüber hinaus in Bezug auf das auch im jüdischen Kontext sonst ebenfalls nicht erlaubte Glückspiel um Geld. Eine Abart des ursprünglichen Spiels der Astragaloi ist heute auch in Israel noch bekannt als חמש אבנים  5  Steine, was bereits besagt, dass das Material sich geändert hat und man von den Schafsknochen abgekommen ist.

Albert Einstein freilich soll gesagt haben: “Gott würfelt nicht”.

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(Yehuda Shenef – hier im 2010 bereits schon mal veröffentlicht)


Die Augsburger Juden der Nachkriegszeit

April 19, 2013

Augsburg Synagoge Westseite

Zukunft im Land der ‚Täter‘?“ – Jüdische Gegenwart zwischen ‚Wiedergutmachung‘ und ‚Wirtschaftswunder“ 1950-1969“ lautet die Mittwoch Abend im Jüdischen Kulturmuseum Schwaben-Augsburg eröffnete Ausstellung (Unter der Schirmherrschaft der nicht anwesenden Münchner Gemeindevorsitzenden Charlotte Knobloch), als zweiter Teil der Serie „Leben in Augsburg nach der Katastrophe“, die sich der Nachkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinde widmet.

Jüdisches Kulturmuseum Augsburg Schwaben Ausstellung Zukunft im Land der Täter April 2013

Dr. Schönhagen

Theo GandenheimerBürgermeister a.D. Theo Gandenheimer

Dr. Benigna Schönhagen (geb. 1952), Leiterin des Museums und mit der IKG Gastgeberin der Veranstaltung eröffnete die Veranstaltung und zitierte die oft genannten „gepackten Koffer“ und verwies auf Hella Goldfein, die sich in München als Familientherapeutin auch mit Traumatisierungserfahrungen beschäftigt und als Tochter der (in Augsburg bestatteten) Holocaustüberlebenden Meir und Ester Fischl hier aufwuchs. Der ehemalige Augsburger Bürgermeister und langjährige Stadtrat Theo Gandenheimer (geb. 1934) nannte das Ausstellungsthema einen „bislang völlig unbekannten Teil der Geschichte Augsburgs“ und sprach vom „bewundernswerten Mut der Juden sich nach alledem wieder bei uns niederzulassen“. Die 1952 in Dachau geborene Christine Kamm, seit 1990 für die „Grünen“ im Augsburger Stadtrat und seit 2003 im bayrischen Landtag, sagte, die Geschichte der Überlebenden des Holocausts sei „im kollektiven Gedächtnis verloren gegangen“. Die Mitbegründerin des „Vereins der Freunde und Förderer des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben e.V.“  erwähnte ihren Parteikollegen Jerzy Montag (wohl weil dieser neben einer katholischen Mutter einen jüdischen Vater hatte) , berief sich ebenfalls auf die Münchner Diplom-Psychologin und zitierte deren Aussage darüber, dass „die Gedanken der Kinder das Schweigen der Eltern ausfüllte“.

Dr. Andrea Sinn (geb. 1981) sprach als Kuratorin der Ausstellung. Schon als Mitarbeiterin am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität in München beschäftigte sie sich mit Juden, die in der Nachkriegszeit (wieder) in Deutschland lebten. „Nach der Befreiung“, so sagte sie, sei es „für die meisten jüdischen Menschen unvorstellbar“ gewesen nach Deutschland zurückzukehren, weshalb viele „nach Palästina, bzw. Israel“ gingen. Zunächst hätten die Juden in Deutschland keinen Kontakt zu den „Nichtjuden“ gehabt, wohl habe es aber geschäftliche Kontakte gegeben. Zur Zeit des Wirtschaftswunders hätten so auch einige der Juden selbst wirtschaftliche Erfolge erzielen können. Ein Beispiel dafür nannte schließlich auch der Vorsitzende des Stiftungsrates des Museums Dr. Georg Haindl (geb. 1956) und Sohn des Papierfabrikanten Georg Karl Maria Haindl (1914-1970), der wikipedia gemäß dem auf die Kreuzfahrer zurückgehenden „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ (Ordo Equestris Sancti Sepulcri Hierosolymitani) angehörte. Haindl verwies auf Gustav Einstein, der im Besitz der Unterbaarer Schlossbrauerei war, von den Nazis enteignet wurde und in der Nachkriegszeit wieder zu seinem Besitz kam. Der heutige Besitzer der Brauerei habe für die Veranstaltung so auch einiges Bier gespendet, womit sodann auch bereits zum Büffet übergeleitet wurde …

christine kamm grüneChristine Kamm, Grüne Augsburg

Dr Andrea Sinn Kuratorin Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Andrea Sinn, Jewish Museum Augsburg

Dr Georg Haindl Stiftungsrat Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Georg Haindl (III.) Augsburg

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Der Titel der Ausstellung, wurde bereits von den Festrednern in Frage gestellt – damit aber noch nicht in Abrede. Die in manchen Passagen weinerlich anmutenden Stimmen mancher Redner zeugen davon, dass trotz aller Beschwörung einer „Normalität“, sich diese (wenigstens in diesem Rahmen) nicht einstellen will und die Gemüter bis auf weiteres beunruhigt bleiben. Man wählt die Worte ganz behutsam, immer darauf bedacht, keinen Argwohn zu wecken. Obwohl auch gerade Museen mittels ihrer limitierten (nicht selten auch nur zufällig erhaltenen) Dokumente, Modelle und Schnappschüsse fraglos nicht die Alltagswirklichkeit (von in diesem Fall: zwei Jahrzehnten) darstellen können, stapeln sich doch vorsorgliche Entschuldigungen und werden auch bewusst angesprochen, etwa, dass die Ausstellung „keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben“ wolle. Etwas anderes zu erwarten, wäre ziemlich albern, weshalb die Beteuerung wie so oft unsicher wirkt, bewusstseinsgespalten und aufgesteckt.

Formulierungen wie „Tätervolk“, „Land der Täter“ „… der Opfer“, „.. der Taten“ und dergleichen sind seit Jahren, bald schon wieder Jahrzehnten gebräuchlich und kontrovers und noch nach jeder Diskussion sind sich die meisten Diskutanten in etwa darüber einig, dass man nicht pauschalisieren dürfe, solle, könne. Ans Banale grenzende Einsichten dieser Art vorauszusetzen erscheint dann aber offenbar zu anspruchsvoll und vielleicht hat man sich auch deshalb auf Begriffe wie „Erinnerungsarbeit“ verständigt. Dass Fachkreise ihr eigenes Vokabular (er)schaffen, um ihre Wirklichkeit zu beschreiben, ist eine nicht minder geläufige Beobachtung der Linguistik.

Ansonsten dominiert “sowieso” (wie die Schwaben sagen) ganz allgemein der psychologische Zugang zum Thema. Und wo man, bei Bedarf eine Straße einfach überqueren könnte, konstruiert man kunstvolle Wendeltreppen, die verschiedene Perspektiven auf die Straße bieten und ermöglich sie von oben “objektiv” zu betrachten. Wie gut also, dass sich gerade die „zweite Generation“ Therapien zugänglich machen lässt. Θεραπεία heißt eigentlich „Dienen“ und so sind Kunsttherapien und dergleichen gewiss auch (zweck)dienlich.

Von der „Heimkehr der Unerwünschten – eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ sprach bereits das auch schon wieder vor über zwei Jahren erschiene Buch des 1974 geborenen Olivier Guez, das bei einem Preis von 64 Euro offensichtlich nicht zu viele Leser haben sollte, aber vielleicht in Augsburg doch welche fand und somit wohl auch Anregung geben konnte. „Rückkehr unerwünscht“ titelte aber bereits 1978 ein Buch von Joseph E. Drexel (1896-1976). Details.

Als „Unerwünschte“ wurden Juden in Augsburg nun nicht vorgestellt, stattdessen schilderte man einen Konflikt zwischen der recht kleinen Gruppe zurückgekehrter Augsburger Juden und Verschleppten aus Osteuropa. Diese hätten zwei Gemeinden gebildet und erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen zueinander und zur heutigen Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg gefunden. Selbstverständlich wurden auch die erwartbaren Schwierigkeiten mit den schätzungsweise insgesamt etwa 117 mal erwähnten „Nichtjuden“ nicht verschwiegen (aber auch nicht präzisiert, obwohl es da einiges sehr Aufschlussreiches zu berichten gäbe ..!).  Begriffstypisch entspricht dies Nichtrauchern oder Nichtschwimmern, quantitativ ist die auch in Augsburg fast unüberschaubare Gruppe weitgehend deckungsgleich mit der der „Nichtbuddhisten“. Auch hier ist die „Begrifflichkeit“ wieder mit Bedacht gewählt, denn das „Nicht-…“ soll hier nicht ausgrenzen, wie ein „Un-„ (Mensch, Tier, Vermögen, …). Unerwünscht wäre allenfalls “das Judentum” also (sog. “Orthodoxes” solches), eine Gefahr, die aber wohl nicht besteht. Was soll man denn auch einwenden wollen gegen “gebildete Leute” , die Mozart, deutsche Kultur und Sauerkraut mögen oder den FC Bayern München?

Unterbaar Schlossbrauerei Einstein Bier Emblem 1955

Der aus Buttenwiesen stammende Gustav Einstein (1882-1960) war von 1925-1933 im Besitz des Schlosses und der Brauerei in Unterbaar (heute mit Oberbaar zu Baar zusammengefasst, bei Thierhaupten, irgendwo zwischen Meitingen und Pöttmes, 30 km nordöstlich von Augsburg). Erworben hatte er es von den aus Freiburg stammenden Gebrüdern Himmelsbach, die mit Holzverarbeitung ein Vermögen machten, sich dann aber im Wortsinn verspekulierten und Pleite waren. Der “arisierte” Betrieb wurde von Hans Emsländer übernommen, der die Brauerei 1955 wieder an Einstein zurückgeben musste. Einstein starb im November 1960. Seine Erben verkauften Brauerei und Schloss 1963 … Der heutige Eigentüm von Trockau besitzt den Betrieb bereits in zweiter Generation:

www.schlossbrauerei-unterbaar.de

Der Blickwinkel der Ausstellung ist – die Redner hatten es längst verinnerlicht oder wenigstens erkannt – trotzdem einer aufdie Juden“ (und zwar weitgehend im Sinne bloßer Abkömmlinge einer “problematisierten” Abstammung), die nun letztendlich selbst zum Ausstellungsobjekt geworden sind. In gewisser Weise ist damit mein noch in den 1990ern gesagter Satz, dass man als Jude in Augsburgmit einem Bein in der Vitrine …“ stehe, fast Wirklichkeit (im Sinne der durch einen Museums-Besuch gemachte “Erfahrung”) geworden.

Tatsächlich wird es aber noch einen dritten (bis 1985) und einen vierten (bis zur Gegenwart) Teil der Ausstellungskonzeption geben.

* * *

Die Ausstellung ist noch bis 15. September 2013 zu sehen. Dazu erschienen und im Museum für 14 Euro erhältlich ist ein deutsch-englischer “Katalog” (ISBN 978-3-9812246-3-4

(Photos: Margit Hummel)


Das jüdische Kriegshaber

January 17, 2007

Die jüdische Geschichte von Kriegshaber, einem vor knapp 90 Jahren (1916) eingemeindeten Stadtteil im Norden von Augsburg umfasst ein halbes Jahrtausend. Erhaltene Belege datieren die Ansiedlung von Juden entlang der Handelsstraße von Augsburg nach Ulm in die Mitte des 16. Jahrhunderts, wobei die tatsächliche Präsenz freilich in die Zeit der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde zurückreicht, die nach 1450 aufgelöst wurde.

torah-parochet-kriegshaber-1723-made-by-elkana-schatz-naumberg-of-furth-147-x-249-cm-geschenk-derTora parochet from Kriegshaber (1723) at Israel Museum in Jerusalem, Israel

Die jüdische Gemeinde entablierte sich entlang der Hauptstraße des Straßendorfes Kriegshaber, das seinen Wohlstand der Entwicklung der jüdischen Viehbauern, Pferdezüchter und landwirtschaftlichen Produktion verdankte. Bis in das frühe 19. Jahrhundert war die Mehrheit der Bevölkerung jüdisch geprägt, weshalb sich erst in den 1860er Jahren eine christliche Kirchengemeinde bildete.

kriegshaber-gieseckestrehem. jüdisches Haus an der Gieseckestraße

Zu den berühmten Familien vor Ort zählten Nachkommen und Nebenlinien des Ulmo-Günzburg-Clans der Zweige Ullmann, Mendle, Obermayer, Untermayer, Oberdorfer, Günzburger, Dick, Mayer, sowie der mit dem berühmten Physiker (über die gemeinsame Herkunft aus Buchau) verwandten Einsteins, die im wesentlichen Vieh- und Pferdezüchter oder Metzger waren, von denen einige zu fürstlichen, königlichen und kaiserlichen Hoflieferanten aufstiegen.

synagoge-kriegshaberformer Kriegshaber synagogue at Ulmerstr. (in May 2005)

Die frühere Hauptstraße heißt heute Ulmerstraße und war zwischen Marstaller Hof und dem Zeughaus in früheren Zeiten komplett jüdisch. Heute erinnert daran allenfalls die Seit Jahrzehnten unbenutzte verfallende ehemalige Synagoge und der gleichfalls vernachlässigte, durch üppigen Wildwuchs dem Verfall überlassenen alten Friedhof an der Hooverstr. (früher: Hummelstraße), der zusammen mit den den Gemeinden von Pfersee und Steppach in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges gegründet wurde.

juedischer-friedhof-tafel-kriegshaberWidmungstafel am Kriegshaber Friedhof (Dezember 2004)

Nachdem Kriegshaber wie auch Augsburg nach 1805 bayerisch wurden, zogen viele Kriegshaber Juden nach Augsburg. Anders als die Gemeinden von Steppach, Schlipsheim und Pfersee, die sich in den 1870er Jahren auflösten, konnte sich die Kriegshaber Gemeinde, die bis 1875 den Vorsitz im schwäbischen Distrikt hatte, bis zur Nazi-Zeit als “orthodoxe” Gemeinde behaupten.

In der Nachkriegszeit wurde die Synagoge bis etwa 1951 von amerikanischen Soldaten und KZ-Überlebenden als Gebetshaus benutzt. Auch am Friedhof wurden bis in die frühen 1950er Jahre Überlebende des “Holocausts” bestattet.

Die Zukunft der ehemaligen Synagoge ist derzeit so ungewiss wie die des Friedhofs. Der JHVA will sich in der Zukunft jedoch ausdrücklich für den Erhalt und für die weitere Nutzung beider Einrichtungen einsetzen, im ursprünglichen Sinne, wie sich von selbst versteht.