Der Mantel des Propheten

January 10, 2014

Der Mantel des Propheten*

ein Gedicht von J. H. Hirschfeld, Rabbiner in Augsburg

O kühn schlug Deines Wortes Flamme,

und mächtig weckend in das Herz

dem formverjüngten, alten Stamme,

und hub es schwunghaft himmelwärts.

Drum hebt Dich heut, im Festgetümmel,

Begeist’rungsflamme in den Himmel,

wo Geisteshelden sind die Sterne,

die weithin glänzen in die Ferne.**

* * *

Die Himmelfahrt ins Reich der Geister

Kann der jedoch nicht schauen hier,

dem Du beim Abschied, edler Meister,

den Rednermantel gabst von Dir.

Nun denn! S leist‘ ich auch Verzicht,

Auf Deines Geistes Doppel-Licht,

Und gebe gerne mich zufrieden,

ist nur die Hälfte mir beschieden.***

* Der Verfasser erhielt, bei seiner Abreise nach Deutschland, vom Herrn Mannheimer einen Prediger-Mantel zum Geschenk.

** Die Geisteshelden werden strahlen wie der Glanz des Firmaments, und die Beförderer der Tugend wie die Sterne für und für. (Daniel 12.3)

*** Könige II. Traktat Gittin 28 a

Das Gedicht von Jakob Heinrich Hirschfeld (1819-1902) wurde abgedruckt im nur in geringer Auflage gedruckten  „Mannheimer-Album, ein Nachhall zur siebzigjährigen Geburtstagsfeier Seiner Ehrwürden des Herrn Isak Noah Mannheimer, Prediger der israelitischen Cultusgemeinde zu Wien, herausgegeben von Mayer Kohn Bistritz, Wien 1864“.

Zitiert nach:

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/pageview/1371843

synagoge Augsburg wintergasse 1863 1917 Paul Tautenhahndie alte Synagoge Wintergasse in der Darstellung von Paul Tautenhahn

Isaak Noah Mannheimer (1793 Kopenhagen – 1865 Wien) galt als einer der wesentlichen Protagonisten der sog. jüdischen „Reformbewegung“, verzichtete zunächst gänzlich auf die hebräische Sprache und verwendete absichtlich christliche Musikstücke für seine Gottesdienste. In seinen letzten Lebensjahren wendete er sich von diesen radikalen Positionen ab, da er zur Einsicht gelangte, dass sie zwangsläufig zu einer Abspaltung vom eigentlichen Judentum führen mussten. Mannheimer verfasste zahlreiche Schriften, darunter das einflussreiche „Wiener Gebetbuch“ aus dem Jahre 1840. Zu seinem 70. Geburtstag 1863 gewährte ihm die Stadt Wien ein Bürgerrecht ehrenhalber.

Jakob Heinrich Hirschfeld den wir auf diesem Blog schon öfter erwähnt hatten, wurde tatsächlich zur Zeit des Jubiläums von Mannheimer Rabbiner in Augsburg, dem ersten offiziell amtierenden in der Stadt seitdem Jakob Weil zwei Minuten vor 1440 die Stadt verließ. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht war er, wie ja auch der Bezug zu seinem Förderer Mannheimer (den er mit seinem obigen Gedich ausdrücklich als “Prophet” verehrt) eigentlich nahelegt, keineswegs „orthodox“, sondern ein überzeugter Reformer. Auch im „Biographischen Handbuch der Rabbiner“ (Brocke/Carlebach, Band 1, No. 0738, S. 449) wird gesagt: „vermeidet Kultusreform trotz liberaler Gemeindemehrheit“, während dort seine Entlassung in Augsburg und die Gründe dafür, unerwähnt bleiben. Tatsächlich wurde Hirschfeld aber entlassen, weil er als Reformer entgegen dem Votum der Augsburger Gemeinde in der Wintergasse der sog. „Augsburger Synode“ beiwohnen wollte. Im Gegenzug wurde in jüdischen Zeitungsblättern öffentlich zum Boykott gegen ihn und andere Teilnehmer der „Synode“ aufgerufen. Hernach fand er nur noch als privater Religions- und Musiklehrer Anstellungen.

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