Die Geschichte der Purim: Esther, Fest oder Los gelöst ..?


 http://en.wikipedia.org/wiki/File:Tomb_of_Ester_and_Mordechai_interior.jpg

Teil 1

Das Purim-Fest wird heute vielerorts als eine Art Karneval gefeiert. In früheren Zeiten, als es noch jüdische Landgemeinden gab, wurde mancherorts, so es sich zeitlich einrichten ließ, auch tatsächlich Fassnacht und Purim gemeinsam gefeiert. Logischerweise verkleideten sich damals aber auch Christen noch nicht als arabische Scheichs, Cowboys, Indianer, Außerirdische oder Bären. Jüdische Kinder tun das unter den „modernen“ Einflüssen der Karneval-Industrie durchaus. Die etwas älteren, geben sich aktuell mitunter der nicht weniger falschen Annahme hin, die Ester-Geschichte sei eine Art Blaupause für die aktuelle Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm – und wenn nicht dies, dann doch wenigstens ein Beleg für die Feindschaft zwischen Israel und den Persern. Man liest und hört auch derartiges inzwischen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Unter den Völkern der Antike verband Israel und das jüdische Volk kein anderes traditionell so sehr mit Freundschaft, wie eben das persische. Der Bösewicht „Haman“ in der Geschichte steht keineswegs stellvertretend für die Iraner oder Perser, allenfalls für ein zeitweiliges, womöglich finsteres Regime, wie es überall mal vorkommen kann.

Abgesehen davon bleiben dann allenfalls noch Hamantaschen oder Haman-Ohren, als dreieckige zusammengefaltetes, meist recht süßes Mohngebäck. Auch dies entspringt einer eher jüngeren Tradition, trotzdem manche natürlich weit ältere vermuten oder behaupten, die zumindest doch ins 17. oder 15. oder noch mehr ins 13. Jahrhundert zurückreichen soll. Das basiert aber entweder auf geneigtem Wunschdenken oder schlimmer auf sprachlichen Missverständnissen, wenn etwa Wendungen wie לאכל את המן die auf das Essen des „Man“ aus der Tora, das „man“ freilich dann eher als himmlisches „Manna“ kennt Bezug nehmen, falsch versteht. Wie auch immer, zumindest seit etwa um 1850 lässt sich aber auch die „הומענטאַש“ zweifelsfrei belegen. Dass es geschmacklich (מוֹן-טאש) mehr an Wiener Caféhaus erinnert als an den biblischen Schauplatz der Ester-Geschichte im südlichen Persien im heutigen Iran, stört die meisten auch nicht. Schließlich soll man sich ja auch so sehr betrinken – mit koscherem Wein freilich – dass man, bis Mordechai und Hamen verwechselt, was schon passieren kann, wenn man den Lärm berücksichtigt, der gemacht werden soll, wenn bei der Lesung der Rolle der Name des Bösewichts genannt wird. Über all diesem können einige Schichten Puderzucker mehr nun auch nicht mehr schaden.

Haman-Ohren: http://he.wikipedia.org/wiki/%D7%A7%D7%95%D7%91%D7%A5:Homemade_hamantaschen.jpg

Die Geschichte des Buches Ester (Esther) spielt sich ab am persischen Königshof vor rund 2500 Jahren, zu einer Zeit, als das Großreich Teile Griechenlands, die heutige Türkei, Ägypten und Äthiopien umfasste und im Osten bis nach Indien und Afghanistan reichte.

Der persische König Achaschverosch (Ahasveros, Ahasver, etc.) veranstaltet in der Hauptstadt seines Reiches Schuschan (Susa) ein halbjähriges Fest um die Pracht seines Reiches und seiner Königsfamilie zu zeigen, also eine Art EXPO, vermutlich mit Vertretern aus allen „127 Provinzen“. Im Anschluss daran spendiert er noch mal eine 7 Tage umfassende Abschlussfeier für die Prominenten, wie man heute sagen würde. Wahrscheinlich, um der ganzen Veranstaltung noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen, soll Vaschti, die Königin für die vielleicht bereits betrunkenen Herrschaften tanzen. Sie weigert sich.  Im talmudischen Kommentaren wird gesagt, dass sie ihn schützen wollte, da sie fürchtete, dass man ihn wegen ihrer Schönheit umbringen könnte. Diese Deutung korrespondiert natürlich mit der Geschichte Abrahams und Saras im alten Ägypten. Wie auch immer, Vaschti tanzt nicht und das wird als Affront aufgefasst. Nach all dem Aufwand stünde der König nun als „Warmduscher“ da und würde zum Gespött. Der offenbar recht geschickte Ratgeber Menucham aber macht aus der Not im Handumdrehen eine Tugend und schlägt vor, die Königin abzusetzen und ihren Stelle neu auszuschreiben. Schönheiten aus allen Teilen des Reiches, die mit ihrer Teilnahme gewiss zur Aufwertung des geschmähten Herrscheransehens beitragen, geraten in die vielleicht erste überlieferte „Casting-Show“, an deren Ende Ester als neue Königen ausgewählt wird.  

Ester heißt eigentlich Hadassa und ist die Adoptivtochter des jüdischen Hofbeamten Mardechai (Mordechai), der einen Komplott gegen den Herrscher gemeldet hatte, aber sodann vergessen wurde. Jedoch gerät er sodann in das Visier von Haman, dem Kanzler der Königs, der es nicht hinnehmen will, dass Mardechai sich nicht, wie allgemein vorgeschrieben, vor ihm stattlich verneigt. Auch das ist natürlich ein Affront gegen die Hofetikette. Haman, der offenbar keinen klugen Ratgeber an seiner Seite hat, schießt mit seiner Reaktion deutlich über das Ziel hinaus und erreicht, Mardechais Weigerung als allgemeine Haltung der Juden zu definieren und sie deshalb im gesamten Reich zu einem per Los ermittelten Datum zu töten. Mordechai hingegen instrumentalisiert nun seine Adoptivtochter, die ja immerhin Gattin des Herrschers und damit Königin ist. In einer schlaflosen Nacht liest König Achaschverosch nun von den Verdiensten jenes Mardechais der ihn einst vor einem Komplott bewahrte. Er will diesen nunmehr dafür ehren und niemand anderes als Haman ist gezwungen dies vorzunehmen. Bei einem weiteren Festmahl bei der Königin wird Haman nun entlarvt und dabei erwischt, wie er Ester nachstellen will. Nun wird anstelle von Mardechai dann aber Haman gehängt. Das zuvor ausgeloste Datum kann jedoch nicht zurückgenommen werden, da auch das wahrscheinlich die Autorität des Königs untergraben könnte. Jedoch dürfen die Juden sich bewaffnen und an jenem Tag die Angreifer zurückschlagen. Die Errettung wird als Purim-Fest gefeiert. Bis heute. Irgendwie.

Ganz allgemein geht man heute davon aus, dass es sich bei der Geschichte lediglich um eine Art Legende handelt, zwar mit interessanten Einzelheiten und sprachlichen Eigenheiten, aber so doch ohne festen historischen Boden. Man vermutete Bezüge zu mythologischen Geschichten, populären Erzählungen, die Märchen-ähnlich variiert wurden, um einen vielleicht historischen wahren Kern herum, der verloren ging. Andererseits sind eine Reihe der Namen im Buch zweifelsfrei altpersisch und eine Reihe von Sitten und Gebräuchen stimmen mit anderweitig überlieferten Gepflogenheiten überein. Trotzdem blieben alle Versuche einer klaren Zuordnung bislang vergeblich.

Ein wesentlicher Gesichtsbuch des Ester-Buches ist schließlich auch der Umstand, dass sich die Überlieferer damit ein weniger schwer taten. In den berühmten Kumran-Funden beispielsweise finden sich mehr oder minder vollständige Exemplare oder Fragmente aus allen Büchern der jüdischen Bibel – abgesehen von der Ester-Rolle. Das kann natürlich ein bloßer Zufall sein. Christentum und Islam bedienten sich in ihren Schriften – Evangelium und Kuran – bereitwillig beim hebräischen Schrifttum, das sie als wahre Fundgrube zur Ausstattung und Fundamentierung ihrer eigenen Lehren in großen Umfang benutzten. Die große Ausnahme ist aber auch hier das Buch Ester. Lediglich an je einer Stelle gibt es klare Bezüge, etwa das Angebot des halben Königreichs an Ester oder später an die schöne Salome im Evangelium oder im Kuran die Erwähnung eines Haman in Ägypten, der dort freilich als Bösewicht in den Kindermord verwickelt ist, dem Moses entgeht. Aber Ester ist nicht Salome und “Johann der Täufer” wohl nicht “Haman der Böse”. Auch ist Schuschan nicht Augsburg, Purim nicht Pessach, Ester nicht Josef und Angela Mekel nicht Cinderella.

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