100. Todestag Ludwig Zamenhof

April 13, 2017

Vor hundert Jahren, am 14. April 1917 starb Ludwig Zamenhof, der Erfinder des Esperando.

Elieser Samenhof als Schüler (1879, wikipedia)

Geboren wurde er am als Eliezer Levi Samenhof am 15. Dezember 1859 in Białystok. Seine Eltern und Großeltern waren bereits in der Haskala engagiert. Nach den Pogromen von 1882 wandte Samenhof sich dem Zionismus zu, am dann aber zu der irrigen Ansicht, dass es nicht gelingen könne, den Staat Israel wieder zu gründen und Hebräisch als gemeinsamen Sprache des Staates zu etablieren. So ersann er unter dem Pseudonym Dr. Esperando („Hoffender“) eine internationale Sprache, die nationale Grenzen überwinden sollte. Aus seinem Pseudonym wurde schließlich der Name der Sprache. Zamenhof starb 1917 in Warschau. Sehr viele seiner Verwandten, die ebenfalls Esperando gelernt hatten, wurden Opfer der Nazis.

Zamenhof-Straße. Tel Aviv (Israel), Wikipedia


1871: Kriegshaber Juden spenden für notleidende Juden im Heiligen Land Israel

December 3, 2015

 

Jerusalem 1870 Western Wall Kotel Westmauersource: upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5b/Jews_at_Western_Wall_by_Felix_Bonfils,_1870s.jpg

Waren es in früheren Zeiten vereinzelte Mäzene aus den Familien Ulmo oder Wertheimer, die mitunter mit durchaus stattlichen Summen die jüdischen Siedler und Gemeinden im Lande Israel unterstützten, so findet man in den 1860ern in jüdischen Zeitschriften immer wieder Listen von mittleren und kleineren Beiträgen die von einzelnen Gemeinden und ihren namentlich genannten Mitgliedern gespendet wurden.
Ein solches Beispiel findet sich in der Beilage zur Nummer 10 der Zeitschrift „Der Israelit – Zentralorgan für das orthodoxe Judentum“, vom Mittwoch, 8. März 1871 (5631) das von Dr. Marcus Lehmann in Mainz herausgegeben wurde. Neben vielen weiteren sind auch die Beiträge der jüdischen Gemeinde aus Kriegshaber genannt. Neben der durchaus respektablen Anzahl von 35 namentlich genannten und alphabetisch geordneten Spender, darunter eine ganze Reihe jüdischer Vereine aus Kriegshaber, sind auch die jeweiligen Summen aufschlussreich:

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Durch den Kultusvorstand in Kriegshaber: Karl Obermeyer (= Carl von Obermayer) und Joseph Fromm: Hermann Aufhauser 1fl. (= Gulden), Nathan Bacherach 30 kr. (= Kreuzer), Leopold Dick 1 fl., Elias Dick 1 fl., Bernhard Dick 1 fl., Abraham Elias Dick 18 kr., Frau Babett Dick 1 fl., Simon Einstein 48 kr., Joseph Eppstein 1 fl., Jakob Fischer 1 fl., Joseph Fromm 2 fl., Bernhard Feldmann 30 kr., Philipp Gumperz 48 kr., Heinrich Gumperz 1 fl., Elkan Gundelfinger 1 fl. 30 kr., Jakob Götz 1 fl. 48 kr., Samuel Gutmann 18 kr., David Koch 30 kr., Heinrich Levinger 1 fl. 10 kr., David Lämle 48 kr., Joel Mändle 30 kr., Henle Obermayer 36 kr., Karl Obermayer (Cousin des Carl von Obermayer) 1 fl. 30 kr., Moritz Obermayer 30 kr., Max Untermayer 30 kr., Moses Weil 1 fl. 10 kr., Simon Weil 1fl. 45 kr., Samuel Weil 30 kr., Seligmann Weisenböck 24 kr., Aaron Wassermann 1 fl., Moses Mayer 30 kr., Frau Henriette Guggenheimer 12 kr., S. Mayer 30 kr., 1 fl. 10 kr.“

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Danach genannt sind auf Hebräisch eine Zahl von Vereinen als Spender: חברא תלמוד-תורה (Talmud-Tora Verein) 1 fl. 30 kr., חברא גמילות-חסידים (Wohltätigkeitsverein) 1 fl. 30 kr., חברא קמחא-דפסחא (Mehl für Pessach Club) 1 fl. 30 kr., חברא דעץ (Holz-Verein, Heizmaterial für Bedürftige) 1fl. 30 kr., חברא בחורים (Jugend-Club) 5fl., der „Frauenverein“ mit 1 fl. 30 kr. und schließlich noch die „Cultus-Kasse“ mit weiteren 5 fl.

(für weitere Einzelheiten zur jüdischen Gemeinde Kriegshaber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siehe: Yehuda Shenef – Mord am Lech, 2013, Kokavim-Verlag, ISBN 978-3944092034).

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Insgesamt spendeten die Kriegshaber Juden im März 1871 (es gab mehrere solcher Spenden-Auflistungen pro Jahr, in der Regel im Vorfeld großer Feiertage), persönlich und/oder über Abgaben an Kriegshaber Vereine 46 Gulden und 57 Kreuzer für notleidende jüdische Gemeinden in Israel. Bemerkenswert ist, dass der Jugendclub mit 5 Gulden neben der Kultusgemeinde mit dem selben Betrag die größten Einzelspender sind. Die meisten Spender sind uns namentlich bekannt, weshalb sich auch manches zu den Personen anmerken ließ.

 

Beispielsweise zu Leopold Dick, dem Sohn von Abraham Moses Dick und seiner Frau Babette, geborene Neuburger. Leopold (Jehuda), kurz Leo spendete einen Gulden für die Armen in Israel. Das ist durchaus bemerkenswert wenn man berücksichtigt, dass Leo Dick damals erst 13 Jahre alt war und offenbar wenigstens etwas vom Ertrag seiner Bar Mitzwa (im Februar 1871) an die Notleidenden in Israel weiterreichte.

Nur vier Jahre später, am 20. August 1875 starb der (in Augsburg beschäftigte) Handlungslehrling bei einem Verkehrsunfall. Gerüchte darüber, dass ein schneller Reiter ihn mehr oder minder absichtlich erfasste, gab es ebenso wie eine Einstellung des Verfahrens durch die lokalen Ermittler, aus Mangeln an Beweisen, bzw. wie es damals formuliert wurde „aufgrund widersprüchlicher Zeugenaussagen wird keine weitere Investigation vorgenommen“. Rechtsstaat eben.

Anzumerken wäre allerdings auch, dass es in der damaligen Zeit, einige Jahrzehnte vor dem Automobil eine überraschend hohe Anzahl an Verkehrstoten und Verletzten gab, die man sich allgemein wohl erst danach vorstellen kann oder will. Eilboten oder Kutscher waren jedoch oft schneller unterwegs, als wir es heutzutage im Stadtverkehr gewohnt sind. Da in der Regel nur Hauptstraßen in Städten gepflastert waren, hörte man sie auch nur dort bereits auf größerer Distanz, während man am Stadtrand von Kriegshaber gewissermaßen aufpassen musste, ob nicht jemand um die Kurve hetzt.

Leopold Juda Dick 1858-1875 Kriegshaber AugsburgLeo Juda Dick – 15. Feb. 1858 – 20. Aug. 1875

Ein Gulden hatte damals 60 Kreuzer. Den heutigen Geldwert (die sog. Kaufkraft”) kann man wegen der Unterschiedlichkeit der Lebens- und Einkommensverhältnisse schwer ermessen. Hilfreich ist aber vielleicht zu wissen, dass der Sold eines einfachen bayerischen Soldaten im Monat bei einem Gulden lag, soviel wie der durchschnittliche Wochenlohn eines Augsburger Webers oder Schneiders, während ein Schullehrer 50 Gulden im Monat und katholischer Bischof mit 8.000 Gulden im Jahr ausgestattet wurde und der Augsburger Bürgermeister (von 1866 bis 1900 war das Ludwig Fischer) 5000 Gulden im Jahr verdiente.

Kaufen konnte man 1870 in Bayern mit einem Gulden jeweils etwa rund 80 Kilo Kartoffeln, 10 Liter Milch oder Bier, 3 Pfund Rind- oder Schweinefleisch, eine Ente oder eine Forelle, 4 Liter Branntwein, 2 Pfund Würfelzucker oder 12 Orangen.

Die Preise in der der damaligen osmanischen Provinz Asch-Scham (‏الشام), von den Briten nach 1917 “Palestine” (Palestina) genannt, waren in Bezug auf die meisten Produkte kaum habl so hoch als in Bayern, was auch mit der sehr geringen, meist ländlichen Bevölkerung zu tun hatte.


Selbstfindung im Dialog

September 26, 2013

Micha BrumlikProf. Micha Brumlik, Vortrag in Augsburg

Am Montag 23. September hielt im Hollbau Annahof in Augsburg Prof. Micha Brumlik einen Vortrag, der versprach „Das Christentum aus jüdischer Sicht“ zu beschreiben. Aus der Perspektive eines „Professors für Erziehungswissenschaften“ (Universität Frankfurt, bis zum Frühjahr 2013) wäre das sicher mal interessant gewesen. Den Besuchern im „Evangelischen Forum Annahof“ (in Kooperation mit der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“) wurde letztlich aber das Gegenteil geboten, nämlich eine Kurzgeschichte des Judentums über Antike, Mittelalter und Neuzeit – aus christlicher Sicht und mit seinen begriffen definiert. Das mag in eine solchen Rahmen vielleicht nicht anders gehen und auch gar nicht anders gewollt sein, ist aber eines eben nicht: „Christentum aus jüdischer Sicht“.

Das stattdessen eher vertrackte Verhältnis könnte man allenfalls so erklären: … Ein Abriss über die Haltung einzelner Gruppen des amerikanischen Reformjudentums die sich dem Christentum weitgehend angenähert haben in für Christen verständlichem Vokabular, ihrem eigenem nämlich.

Nach der (am Umfang des Gesamtvortrags gemessen) recht ausgedehnten Skizzierung der jüdischen Geschichte, lautete Prof. Brumliks an für sich wenig spektakuläre Aussage, dass das Judentum in seiner heute bekannten Form als “rabbinisches Judentum” nicht älter als das Christentum sei. Selbst wenn man das Judentum der Mischna erst nach der Zerstörung des „Tempels“ ansetzen wollte, setzte Brumliks Interpretation eine weitgehend unkritische Haltung gegenüber den historischen Quellen des Christentums voraus. Wie dem auch sei: Das Christentum sei demnach keine „Tochterreligion“ des Judentums, das Verhältnis von Juden und Christen das von Geschwistern. An diesem Punkt war aber wohl lange vorher der polnische Papst Jan Pawel Sekund angekommen, als er 1986 beim Besuch einer römischen Synagoge seine Gastgeber, „die Juden“ als „ältere Brüder“ bezeichnete.

Brumlik spricht mit angedeutetem Humor noch von Christentümern und Judentümern und von ihrem therapeutischen Verhältnis (Verhältnissen?) zueinander, mehrfach von einer problematischen „Karfreitagsbitte“, ehe er zum Kern des selbstgewählten Themas kam: „Das Christentum aus jüdischer Sicht“. Das war dann recht kurz gefasst und konzentrierte sich auf die Frage, ob das Christentum aus jüdischer Perspektive „Götzenkult“ wäre. Wie nun lautete die Antwort des Pädagogen gegenüber seinen evangelischen Gastgebern? Er verwies auf eine Erklärung amerikanischer Reformrabbiner, die am 11. September 2000 in der „New York Times“ unter dem Titel „Dabru Emet – Speak the Truth“, unter anderem behaupteten, dass Juden und Christen „zum selben Gott beteten“ oder der Nationalsozialismus „kein christliches Phänomen“ gewesen sei.

In der anschließenden Diskussion mit dem christlichen Publikum wurden weitere Randphänomene angesprochen, etwa eine „Judenmission“ (die darauf abzielt, Juden zu Christen zu machen) oder Gruppierungen die eine Art „jüdisches Christentum“ („Jews for Jesus“) praktizieren. Abgesehen davon, dass Brumlik hier und da ein hebräisches Wort murmelte oder ein lateinisches Gebet im Wortlaut zitierte, benutzte er doch ihr gemeinsames christlich-akademisches Vokabular. Redner und Publikum verstanden einander genau und so (oder: trotzdem) kam es zu keinen Kontroversen.

Etwas überraschend war, dass zwar ein halbes Dutzend Mal das Wort „Zionismus“  und ein paar Mal auch „Israel“ ausgesprochen wurde, die in Deutschland sonst omnipräsenten Debatten über „den Nahost-Konflikt“ nicht im Ansatz vorkamen. Offenbar bestand auch hier eine Übereinkunft zwischen Redner und Publikum, die sich mir als außenstehenden Zufallsbesucher nicht erschloss.

Micha Brumlik Publikum Augsburg Brumlik vor 29 Zuhöhern im “Ausstellungsraum” des Hollbau 

Zugegeben hatte ich den Namen Brumlik schon mal irgendwo gehört oder gelesen. Nur wo? Vielleicht im Fernsehen? In der „Jüdischen Allgemeinen“, die ich durchschnittlich einmal im Jahr mal an einem Bahnhof-Kiosk kaufe? Egal. Schon der Wikipedia-Artikel zu „Micha Brumlik“ klärt darüber auf, dass er „als Kind jüdischer Flüchtlinge“ 1947 in Davos geboren wurde und ein “Erziehungswissenschaftler” ist und: „Als Publizist und Gastautor diverser Zeitungen veröffentlichte er Sachbücher, Essays und Artikel zur Geschichte des Judentums und zeitgenössischer jüdischer Themen.“ Da hammas ja.

Weiter heißt es im Artikel, dass Brumlik 1967, also im Alter von 20 Jahren nach Israel in … „ein Kibbuz“ … kam, wohl angeregt vom Erfolg der israelischen Armee im Sechstagekrieg, Israel aber als „imperialistisches Land“ erlebt hätte. Trotz der ganz erheblichen Landgewinne des israelischen Militärs ist das natürlich schon im Wortsinn („Imperium“) Blödsinn, aber Mich Brumlik wurde, so fährt der Artikel weiter zum „Antizionisten“ und kehrte aus Israel zurück nach Frankfurt am Main, wo er Philosophie, Sozialpädagogik und dergleichen studierte. D.h. er war einer jener deutschen „68er“. Ob er seinen Kommilitonen als „jüdischer Kronzeuge“ gegen das „imperialistische zionistische Regime“ wohl willkommen war? Wen er damit beeinflusste? Die deutsche Linke nahm jedoch bald eine eindeutig anti-israelische Haltung ein, die teilweise bis heute nachwirkt.

Die goldene Formel dabei: Holocaust-Andenken sollten zur Klage gegen Israel berechtigen. 🙂

Als Israel 1991 während des Irak-Kuwait-Kriegs von Saddam Husseins Militär mit Raketen angegriffen wurde, erklärte er seinen Austritt aus der Partei „Die Grünen“, da diese Waffenlieferungen zur Verteidigung Israels ablehnten. Ein israelischer Psychoanalytiker habe ihm auch dabei geholfen, „seine Haltung zum Staat Israel und zur Bedeutung des Zionismus für das Judentum“ zu überdenken.

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Von 2000 bis 2005 war er der Quelle gemäß Leiter des „Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Wirkung des Holocaust“. 2008 war er in einen Disput über den Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ (ZfA) Wolfgang Benz verwickelt, dem von dem Politikwissenschaftler Clemens Heni angelastet wurde, seine eigene Doktorarbeit unter Karl Bosl verfasst zu haben, der selbst engagierter Nazi-Funktionär war (Lebensraum Ost usw.) und dergleichen mehr (Ost, Nahost, …). Manche Töpfe macht man vielleicht besser gar nicht auf, weil man den Geruch schwer wieder aus den Klamotten kriegt. Das ist wie mit Rauch den man abbekommt. Verbringt man als sog. „Nichtraucher“ mal zwei Stunden in einem solchen Milieu, wird’s einem schon ganz anders

Das nun aber zeitgenössische “Antisemitismus-Forschung” in Deutschland auf noch von Nazis ausgebildeten Leuten basieren „könnte“, ist aber – für Außenstehende – nicht ganz so skandalös und überraschend, wie für Leute, die da mit drin stecken und es ganz anders erscheinen lassen wollen müssen …

Der logische Zusammenhang ergibt sich ja von selbst:

Antisemitismus war Staatsdoktrin,

Anti-Antisemitismus ist Staatsdoktrin.

Das Nähere regelt ein Gesetz.

Da ich von Micha Brumlik nicht mehr wusste, als dass ich den Namen vielleicht schon mal irgendwo gelesen habe und erst siebenundzwanzig Minuten vor Beginn des Vortrags davon erfuhr, dass es ihn geben würde, ergab sich dann nicht mehr, als ein Hand-Shake mit dem Redner im Annahof, kurz vor Beginn. Im Nachhinein hatte ich auch keine Fragen, außer die nach der Beschneidung. Die hatte er als Hindernis bezeichnet für das Judentum und seine Ausbreitung. Da das Christentum keine Beschneidung hat, hätte es sich eben viel leichter ausbreiten können. Und da wollte ich nach dem Islam fragen, der trotz Beschneidung … Naja, egal.

 Die Angaben über Brumliks „Haltung“ zu “Israel” klingen nach einem komplizierten Verhältnis. Man kann vermuten, dass sein Publikum ähnliche Auf-und-Abs durchlebte.

Bei Amazon stünde da die Anmerkung, dass Leute mit solchen (wechselnden, widersprüchlichen) Vorlieben sich auch für Selbstfindungskurse, Bewegungsmelder, Zickzack-Muster oder für Jo-Jos interessieren. Kann sein.

Mein Interesse galt eher dem Gebäude, in dem der Vortrag stattfand. Immerhin gingen hier u.a. Napoleon III, Carl von Obermayer, Ferdinand Wertheimer oder Rainer Werner Fassbinder zur Schule. Damals

Anna Gymnasium Hollbau Annahof

Photos: Margit (Vortrag), Yehuda (Haus)


Blindstudie Israel

July 11, 2013

Israel flag face

Im April dieses Jahres ist im Berliner Links Verlag das Buch „Israel – ein Länderporträt“ erschienen. Verfasst wurde es von Ruth Kinet, die nach der eigenen Beschreibung 1972 geboren wurde, in Augsburg und Berlin Philosophie studierte und bis 2012 einige Jahre in Tel Aviv verbrachte und nunmehr in Berlin lebt. Ihr im Nachwort erwähnter Vater, der evangelische Theologe Dr. Dirk Kinet (geb. 1941) unterrichtet an der Augsburger Universität u.a. Hebräisch – und der Augsburge-Bezug rechtfertigt, dass wir uns das Werk und seinen Hintergrund etwas näher ansehen wollten. Dr. Kinet hat selbst schon Werke zur Geschichte Israels verfasst. In diesen bleibt er mit seiner Bibelkritik im Rahmen der theologischen Mehrheitsmeinung der letzten vier Jahrzehnte.

Deren Ausrichtung war und ist es, systematisch daran zu arbeiten, den Stellenwert der israelischen Frühgeschichte aufzuweichen und im Kontext anderer, in der Prämisse bereits übergeordneter Überlieferungen der Region zu relativieren. Deren Quellen werden kaum oder gar nicht angezweifelt, so wie die Kritik selbstredend natürlich vorsichtshalber schon vorchristlich endet und folglich weder christliche noch islamische Traditionen hinterfragt. Entsprechend richteten sich auch Erwartungshaltung und Fragestellung einer Reihe biblischer Archäologen, deren Zwischenergebnisse als herangezogene empirische Wissenschaften, helfen sollten die neuen Ansichten zu schärfen. Im Rahmen der gesetzten Erwartungen ist das sicher gelungen und in den letzten Jahren haben sich auch einige Vorstellungen über die biblische Archäologie konkretisiert – spektakulär dabei insbesondere auch reihenweise gefälschte Belege für die Existenz des Frühchristentums.

Diese scheinbar objektive Bibelkritik (die sich, wie gesagt, weitgehend auf Negierung oder Relativierung der israelischen, jüdischen Frühgeschichte versteht) ist in Tendenzen seit dem Aufkommen des Zionismus Ende des 19. Jahrhunderts nachweisbar. Mit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 und nach dem Erfolg des 6-Tage-Kriegs im Juni 1967 verstärkte sich dies spürbar und wurde entsprechend auch Teil der anti-israelischen Propaganda. Zur dominanten Ausrichtung  der Forschung wurde dies jedoch erst nach dem Jom Kipur-Krieg im Herbst 1973 und der folgenden „Ölkrise“, als der inzwischen gestürzte libysche Erdöl-Rebel Gaddafi, zum „Kulturkampf“ gegen den Zionismus aufrief und dazu aufforderte, die Legitimation des Staates Israels in Frage zu stellen. Anreize dafür gab Gaddafi mit zahlreichen Millionenspenden an westeuropäische, aber auch US-amerikanische Universitäten. Natürlich muss man sich den Verlauf nicht so vorstellen, dass Theologen oder Historiker nun auf der Gehaltsliste des libyschen Revolutionsführers standen, der von europäischen Linken zeitweilig wie ein „Popstar“ verehrte wurde, aber wir können in den frühen 1970er Jahren getrost davon ausgehen, dass tagespolitische Entwicklungen, und insbesondere auch politische Pamphlete von Führern wie Gaddafi in der Studentenschaft des Westens konvertiert und diskutiert wurden. Dass die Saat politisch aufging, steht ja auch außer Zweifel.

Sieht man sich aber zeitgenössische Zeitungen aus dem Sommer 1967 an, als Israel in wenigen Tagen die Armeen aller seiner arabischen Feinde besiegte, das seit 1948 von den Arabern geteilte Jerusalem wiedervereinigte, Judäa, Samaria, den Golan und den Sinai eroberte, so stößt man überall auf euphorische Unterstützung für den Judenstaat. In einer in dieser Weise heute noch üblichen Straßenbefragung von Passanten in der Innenstadt ermittelte die Augsburger Allgemeine im Juni 1967 die Bereitschaft, Israel zu unterstützen (der 6-Tage-Krieg war da bereits ein paar Tage beendet!). Alle Befragten waren uniso begeistert vom militärischen Erfolg des „schwer geprüften jüdischen Volkes“, während die jungen Befragten, darunter auch Studenten durchweg meinten, dass sie sich vorgenommen hätten, im Sommer, im Herbst, in den Ferien, … selbst nach Israel zu reisen, um dort vor Ort zu helfen. Offenbar bestand damals ein gewisses Bedürfnis sich auf die Seite des Siegers zu stellen, das 1973 dann “irgendwie” abhandenkam. 

 Westerwelle Gaddafi November 2010

Westerwelle und Gaddafi im November 2010

Aber wie nun liest sich das im Kontext dieser Entwicklung 40 Jahre später?

Schon die ersten Sätze im Klappentext von Ruth Kinets Buch suggerieren eine unverkennbare Tatsache:

„Israel entfernt sich immer weiter von der Weltgemeinschaft. Seine vielschichtigen Konflikte im Innern sind kaum noch zu verstehen, der Friedensprozess existiert nur noch in den Wunschphantasien westlicher Politiker, und die politische Rhetorik beschwört das Gefühl, Israel stehe allein gegen den Rest der Welt. Der Graben des Unverständnisses zwischen Israel und seinen Nachbarn und Verbündeten vertieft sich zusehends.“ 

 

Und? Stimmt das etwa nicht? Sicher, wenn man es so – und zwar so und nichts anders – sehen will. Setzt man weiterhin die Prämisse voraus, dass Israel ein „Fremdkörper“ in der nur scheinbar homogenen arabischen Umgebung ist, problematisiert und fokussiert man Israel entsprechend. Aus einer vorgeblich „neutralen“ Position werden Israelis mit Kritik konfrontiert, die oft genug wortgleich mit den Forderungen von Israels Feinden daherkommt, nicht selten sogar noch extremer.

Entsprechend manipulativ ist oft auch bereits das Vokabular zahlreicher Journalisten: Während deutsche Medien (von „taz“ über „Spiegel“ bis zur „Tagesschau“) israelische Parteien wie den Likud des Premiers Netanjahu als „rechtsgerichtet“ bezeichnen – was in deutschen Ohren unleugbar sehr bestimmte Assoziationen weckt und wohl auch wecken soll, tituliert man die gerade erst gestürzte Muslimbruderschaft in Ägypten als „konservativ“. Da denkt man in Deutschland allenfalls an Heiner Geisler, Volker Kauder oder Ilse Aigner. Der im Iran frisch gewählte künftige Präsident, der Scharia-Richter Rouhani, der in den vergangenen Jahren als Verhandlungsführer der iranischen Atomkommission seine europäischen Gesprächspartner an die Wand laufen ließ, wird sogar als „liberal“ porträtiert, so als handele es sich um eine lustig kostümierte Ausgabe von Rainer Brüderle.

 

Wie dem auch sei, zählt zum Wunschdenken der Israel-Kritiker die Behauptung der zunehmenden „Isolation“ Israels, als Folge einer völlig uneinsichtigen Politik der („rechtsgerichteten“) Regierung(en), die tatsächlich aber nur eine Veränderung in der Haltung der „Kritiker“ wiederspiegelt, die sich seit dem noch von Gaddafi in Sirte veranstalteten Gipfel der Arabischen Liga im März 2010 nochmals radikalisiert hat (http://www.danieldagan.com/?p=23219). Schon damals trat der inzwischen auch zu Hause umstrittene türkische Regierungschef Erdogan als ganz unverblümter Gegner Israels in Erscheinung (ebenso die ägyptische Regierung Mubarak/Mussa) und rief dazu auf, den Konflikt um die israelische Gaza-Blockade zu verschärfen. Dies geschah zwei Monate später bekanntlich tatsächlich. Dass diese Zuspitzung unter der (letzten) Schirmherrschaft Gaddafis beim Gipfel der Arabischen Liga verabredet wurde, hat man in der Berichterstattung jedoch weggelassen. Warum wohl?

 

Und wie so oft, wenn es um Juden geht, werden Kriterien zur Beurteilung herangezogen, die in anderen Kontexten niemals zur Anwendung kämen, weil man sie allgemein als völlig absurd einstufen würde. Ein Beispiel dafür gibt uns auch die Autorin Ruth Kinet in ihrem Buch, wo ein Kapitel (S. 127 ff) überschrieben ist mit dem Titel:

 

 „Nicht erwünscht: Menschen mit Behinderungen!

An der Aussage ist nichts unklar, doch recht schnell ist man darüber erstaunt worauf die vorangestellte Prämisse basiert. Als Kinets Kronzeuge tritt ein gewisser Avraham Rabby in Erscheinung. Er ist blind und sei als jüdischer Einwanderer aus den USA nach Israel gekommen. „Bei seiner Einwanderung wurde seine Behinderung in seinem Staatsbürgerschaftsprofil vermerkt. Deswegen wurde er automatisch vom Dienst in der Armee entbunden.“

Das ist alles? Ja, im Grunde.

Herr Rabby machte daraus im August 2012 einigen Wirbel und die englisch-sprachige Jerusalem Post“, auf deren Artikel (http://www.jpost.com/Opinion/Op-Ed-Contributors/Disabled-Israelis-must-also-serve-equally-in-IDF) sich Frau Kinet beruft, räumte angesichts der „Paralympic Games“ in London, Rabby mit einem eigenem (!) Artikel die Gelegenheit ein, an den Staatspräsidenten Schimon Peres zu appellieren und allgemeine Forderungen zu stellen.   

Da nun haben wir den ultimativen Beweis, erbracht von einer „Insiderin“, die sich selbst jahrelang in Israel aufhielt, um hautnah die Veröffentlichung eines Artikels abzuwarten, der entlarvt, wie der israelische Staat mit Behinderten umgeht: Blinde werden nicht zum Militärdienst eingezogen. Skandal! Was für eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit!

Nun, ahnt man ja fast, wer ein ernsthaftes Interesse daran hätte, dies zu ändern … und warum …. und obwohl es angesichts einer solchen „Anklage“ nicht ganz leicht fällt sich zwischen Stirnrunzeln und Lachen zu entscheiden, will ich zunächst die nüchterne Frage stellen, wie das mit Blindheit & Wehrdienst denn etwa im Heimatland der Journalistin gehandhabt wird? 

 

Natürlich findet man über Google im deutschsprachigen Internet Diskussionen zur Frage, ob Blinde zur Bundeswehr müssen (http://www.gutefrage.net/frage/muessen-blinde-menschen-zur-bundeswehr): Ja – man hätte das zumindest ahnen müssen – gibt es diesbezüglich in Deutschland logischerweise sogar DIN-Normen (= Deutsches Institut für Normung – Normen, …), etwa DIN 58220 die regelt, welche maximale Sehhilfen zulässig sind, woraus sich im Umkehrschluss wiederum ergibt, dass Personen mit schwächerer Sehkraft ausgemustert werden.

Mit Blinden will sich die Norm erst gar nicht befassen. Und jetzt können wir raten warum? Wirklich ernst nehmen kann die Frage aber niemand so recht und so lauten die Antworten in den Foren etwa so

Ja, sie werden zu Piloten ausgebildet.“

Ja, sie werden dort zu Minensuchern ausgebildet. Ihr ausgeprägter Tastsinn ist da sehr hilfreich …“

Was soll ein Blinder beim Bund? Blindgänger suchen?“

 

Wer blind ist, entspricht in Deutschland der Tauglichkeitsstufe „T5“ und gilt damit als „nicht wehrdienstfähig“. In diese selbe Kategorie fallen übrigens auch Personen, die an Krebs erkrankt sind (die Diagnose genügt), einen Herzklappenfehler haben, an Psychosen oder Epilepsie (ICD-10: G40) leiden. Nun kann man sich fragen, ob es nicht eine arge Diskriminierung von Behinderten ist, wenn im demokratischen Deutschland Leuten mit Psychosen der uniformierte Dienst fürs Vaterland schlicht verweigert wird. Früher ging das doch auch!

Noch düsterer wird das Bild für die Heimat der Autorin übrigens wenn man sich vergegenwärtigt, dass in die vom Wehrdienst ausschließende T5 – Kategorie auch Personen fallen, die bloß Asthma haben oder Diabetes (und auch hier genügt bereits die Diagnose ..!). Ich meine, dass wir auf eine Diskussion verzichten können, welche die rechtliche Gleichstellung von Diabetikern und Blinden vor deutschen Musterungsbehörden analysieren will.

Zu T5 siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Tauglichkeitsgrad#T5_.28nicht_wehrdienstf.C3.A4hig.29  

 

Natürlich hat man als Blinder auch in anderen Staaten keine Chance auf eine Einberufung in die Armee. Warum also befasst sich eine deutsche Journalistin, die zumindest die Situation im eigenem Land hätte recherchieren können, mit so einer Frage? Um zu zeigen, wie feindselig die israelische Gesellschaft gegenüber Behinderten ist? Im Gegensatz zur „liberalen“ Hamas, die mit Scheich Yassin einen Blinden und Rollstuhlfahrer als Führer hatte, der noch dazu von Israelis in die Luft gesprengt wurde?

Zu Avraham „Rami“ Rabby hätte Kinet auch recherchieren können, dass dieser als „Aktivist“ gerne aneckt und exemplarische Konflikte heraufbeschwört (z.B. http://benetech.blogspot.de/2008/09/dragonair-hauls-rami-off-plane.html), was zugegeben zumindest für Gesprächsstoff sorgt und nicht prinzipiell zu beanstanden ist. Es spricht auch gar nichts dagegen, als Blinder an öffentlichen Diskursen teilzunehmen oder solche gezielt anzustoßen.   

Obwohl blind, arbeitete er dennoch als Diplomat (u.a. in Trinidad, London und Südafrika) für das US-amerikanische Außenministerium. Nebenbei bemerkt: Avraham „Rami“ Rabby ist auch kein Neueinwanderer, sondern wurde in Israel geboren (siehe: https://nfb.org/images/nfb/publications/bm/bm07/bm0709/bm070910.htm): „Born in Israel, Mr. Rabby, who is known as Rami, was sent to live with an aunt in England at the age of ten because his parents believed there were better schools for the blind there. A Hebrew speaker, he quickly mastered English at Worcester College for Blind Boys.“ Erst 1980 wurde er US-Amerikaner.

Ganz offensichtlich hat Frau Kinet aber noch nicht mal den englischen Artikel der Jerusalem Post richtig verstanden und auch nicht weiter recherchiert (wahrscheinlich weil sie die Prämisse in Bezug auf Israel schon als erfüllt ansah). Zwei ganz wesentliche Punkte für die angebliche Diskriminierung Blinder in Israel hätten ihre Aufmerksamkeit erreichen können: Zum einem die Tatsache, dass Rabby 1950 in Israel geboren wurde und kein Neueinwanderer war, wie sie vermutet. Er kehrte 2007 lediglich aus den USA nach Israel zurück. Da sie in einem anderem Kapitel (S. 86 ff) ihres Buches auch über die Armee in Israel schreibt und sogar erwähnt, dass man bis zum Alter von 40 Jahren zum Reservedienst eingezogen werden kann, hätte ihr auch auffallen können, dass Herr Abraham Rabby, als er im Sommer 2012 den besagten Artikel in der Jerusalem Post schrieb, bereits 62 Jahre alt war.

 

Dass Herr Rabby in Israel in Punkto Militärdienst künftig aber nur noch am Alter scheitern würde, kann man zum Thema passend noch aus dieser halbwegs aktuellen Meldung vom 31. Mai 2013 folgern:

“Israeli scientists develop bionic eye for people born blind”

A tiny camera receives visual information from the environment and transmits signals to a bionic contact lens.

Read more: http://www.haaretz.com/news/national/israeli-scientists-develop-bionic-eye-for-people-born-blind.premium-1.526953

 

Nein, es ist nicht Israel, dass sich von der “Weltgemeinschaft” entfernt, es sind Kritiker dieser Art, die sich, auch wenn sie in Israel selbst leben entfernen, und zwar von jeder Form der Vernunft. Ja, das geht! Der eben erst gestürzte Herr Mohamed Mohamed Mursi (MMM) lebte als Anhänger der Muslimbruderschaft (nachdem sie Anwar as Sadat ermordete) Jahrelang im Exil in Kalifornien, etwa zur selben Zeit, als Harvey Milk und andere für die Schwulenbewegung auftraten. Da Triple-M aber sein Weltbild bereits mitbrachte, konnte die „Zügellosigkeit“ der Kalifornier ihn und seine verschleierte Frau jedoch nicht „verderben“, im Gegenteil. Er brauchte nur beobachten und Beispiele für die Verruchtheit des „Westens“ zur No-Tiz bringen.

Die letzten Jahre in Israel waren von immer neuen Rekorden im Tourismus geprägt. Jahr für Jahr, Monat für Monat wächst der Tourismus und damit die Zahl ausländischer Besucher, die in Israel ihren wertvollen Urlaub verbringen. Auch die Zahlen deutscher Besucher steigen kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Von einer zunehmenden „Isolation“ kann gar keine Rede sein. Im Gegenteil, die Aussicht beim Besuch in „alternativen“ Reiseländern wie der Türkei oder in Ägypten (und wer wollte derzeit nach Syrien?) Opfer von militärischer Gewalt oder brutalen Polizei-Aktionen (fragen sie mal Claudia Roth, die Augsburger Parteichefin der Grünen Bundespartei nach ihren jüngsten Erfahrungen in der Türkei …) ist realistisch gegeben, weshalb sich im sicheren Israel eine Reihe zusätzlicher Buchungen ergeben.

Ein anderer Aspekt, der in vielleicht noch drastischerer Weise die angebliche internationale „Isolation“ verdeutlicht, in der Israel sich befinden soll, ist die in den letzten zehn Jahren geradezu sprunghaft angestiegenen Waffenexporte des jüdischen Staates. Mittlerweile werden israelische Rüstungsgüter in 130 Staaten weltweit gekauft. Natürlich kann man über Rüstungsexporte auch kritisch nachdenken – und Deutschland als eine der führenden Nationen in diesem Geschäft, das anders als Israel aber auch autokratische Regime im Nahen Osten beliefert – hätte sicher Anlass zum Nachdenken. Aber von einer Isolation kann hier gar keine Rede sein, nur weil ein paar Leute keine Orangen von jüdischen Siedlern in Samaria kaufen wollen. 

Recht frisch ist die Nachricht darüber, dass arabische Christen in Israel nun eine „Neue Testament“ Partei (Bne Brit Chadasch, Kinder des Neuen Testaments) gründen, Israel als jüdischen Staat anerkennen und auch zum Militärdienst antreten wollen. (source: www.jta.org/2013/07/10)

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Imagine a man, 60 years old, Israeli and (physically) blind. What if this man would not be drafted for military service. Nothing, because no army in the wolrd drafts blind men ..? According to German journalist Ruth KInet from Berlin, who lived a couple of years in Tel Aviv it proves that disabled people are discriminated against in Israel. D0ooo not believe? Well, just read her new 2013 book “Israel – ein Länderproträt”


Talmud oder Turnen?

July 9, 2013

Vor genau hundert Jahren berichtete das Frankfurter Israelitische Familienblatt in Heft 27, vom 11. Juli 1913 über eine sich zuspitzende Kontroverse im zionistischen Lande Israel. Die Kontroverse bestand darin, ob Turnen oder “Sport” im weiteren Sinne sich mit den Maßgaben der überlieferten Talmudschule vereinbaren ließen. Der Einfluss der allgemeinen Sport-Bewegung hatte seit den 1890er Jahre (von Deutschland aus) um sich gegriffen und hatte gerade auch die jüdische Jugend in ihren Bann gezogen, die sich insbesondere, dem bei den Deutschnationalen noch als “englische Fußlümmelei” verschmähten Fußball widmeten.

Die große Mehrzahl der (traditionellen wie Reform-) Rabbiner konnte dem nichts oder nur wenig abgewinnen, weil sie in den Sportlern eine Hinwendung zu den bereits in der Antike verdammten “Javanim” (Griechen) konstatierten. Feierte das Judentum aber nicht den Sieg über das “Griechentum” mit dem Chanucka-Fest? Die Sportler nahmen die Kritik an, jedoch wohl anders als von den Rabbinern erwartet, denn nun wurden zahlreiche Sportvereine absichtlich nach den Makkabäern oder nach Bar Kochba benannt. Ihr Argument bestand dann auch darin, zu behaupten, dass die Makkabäer die griechische Fremdherschaft mit physischen Mitteln beseitigt hatten, nicht mit frommen Wünschen und bloßen Gebeten. Der andere Einwand bestand in der Vermutung, dass unter der Beschäftigung mit dem Sport die allgemeinen Sitten verdarben – Sportler zeigten mitunter der Öffentlichkeit ihre unverhüllten Knie oder gar noch mehr! Darüberhinaus unterstellten sie dem Sport zum Militär hin zu führen, somit zur Gewaltbereitschaft. Eine Gesellschaft die Sport zum Wettbewerb treibe, sei zwangsläufig eine, die zum Krieg rüste.  Schon im Folgejahr brach der später sogenannte Weltkrieg aus. Aber ob man diesen wirklich als Folge sportlichen Trainings in de geselslchaft darstellen kann? Im Frühjahr, Sommer 1913 erreichte die Diskussion jedoch auch die jüdischen Siedlungen und Gemeinden im noch osmanischen Palästina.

Jaffa. Die Jerusalemer Rabbiner haben einen Bann in der Form des Protests gegen die Maccabäer-Vereine Palästinas geschleudert. Diese Art des Verkehrs der Rabbiner mit der heranwachsenden Jugend ist wahrlich nicht angetan, auf unsere Jugend zu wirken. Der scharfe Protest hat natürlich von der Seite der genannten Vereine einen noch schärferen, der eine völlige Auflehnung der Jugend gegen die Rabbiner darstellt, herausgefordert.

Da versteht es Oberrabbiner Kuck von Jaffa besser, mit der ihm zur Erziehung anvertrauten Jugend umzugehen. Auf seinen ausdrücklichen Befehl müssen die Bachurim, die seine Jeschiwa besuchen, die Turnübungen des hiesigen Maccabäer-Vereins mitmachen.

Turnhalle Augsburg Oberhausen

Aufgang zur Turnhalle der Kapellenschule in Oberhausen (Augsburg) 

Rabbi Abraham Kohen Kuck (1865-1935), heute meist in der englischen Lautung „Kook“ geschrieben,  stammte aus Lettland und war n bereits 1904 nach Israel gekommen und wurde der erste Großrabbiner des Landes in der Neuzeit. Wie am Beispiel zu sehen ist, verstand er es die Anschauungen der jüdischen Tradition mit denen des modernen Zionismus zu versöhnen (aus dem Verbot des Sports wurde bei ihm die Pflicht zum Sporttreiben!), was ihm natürlich auch heftigste Kritik seitens säkularer Zionisten wie auch der antizionistischen Religiösen eintrug. Jedoch hatte bereits siebenhundert Jahre vorher der Rambam (der bekanntlich auch Arzt war) auf die positiven Aspekte körperlicher Betätigung hingewiesen und beim Studium vor andauerndem Herumsitzen gewarnt, da dies den Körper schwäche und zu schlechter Atmung führe … Raw Kook begründete die heute noch maßgebliche Merkas HaRaw – Jeschiwa in Israel und gilt als geistiger Vater der nationalreligiösen und der sog. „Siedler“-Bewegung ‏גוש אמונים‎. Heutige Konflikte zwischen Religion und Sport beziehen sich meist auf die Frage, ob Fußball-Spiele, etc. tatsächlich am Schabbat stattfinden müssen, was oft genug der Fall ist, aber religiös definierte Teams herausfordert.

Weltweit nehmen internationale Sportverbände jedoch nur auf wenige christliche Feiertage wie Weihnachten oder Karfreitag Rücksicht. 

Nach Sandy Koufax bleibt es aber wohl die Entscheidung des jeweiligen Sportlers, für sich zu festuzulegen, ob die Karreire wichtiger ist. Koufax hatte 1965 auf die Teilnahme im ersten ersten Spiel der Endspielserie zur US-Baseball-Meisterschaft teilzunehmen, weil dieses auf den Jom Kipur fiel. Natürlich ist die World Series bis heute das Höchste im Baseball und wäre im europäischen Fußball vergleichbar mit dem Champions League – Finale (seit ein paar Jahren ja auch von Mittwoch- auf Samstag-Abend verlegt). Auf der Teilnahme am wahrscheinlichen Höhepunkt der eigenen sportlichen Karriere zu verzichten, um stattdessen 25 h zu fasten, weder zu essen noch zu trinken, dafür unentwegt zu beten, um Vergebung der eigenen Sünden. Das beindruckt nicht umsonst noch heute, auch weil es nur wenige Entsprechungen zu seinem Verhalten gibt.

In anderer Weise verknüpft mit dem Thema sind die Sportler der israelischen Olympia-Mannschaft, die knapp sechzig Jahre später 1972 in München und bei den Gefechten zwischen den palästinensischen Terroristen und der überforderten deutschen Polizei in Fürstenfeldbruck ermordet wurden. 

 

100 years ago rabbis in the land of Israel tried to ban Maccabi gymnastic clubs, in order to protect their students against immoral influences. In contrary Zionist youth movements oppose the rabbis. Rabbi Kook from Jaffa however reconciled both sides and made gymnastics compulsory for the students of his yeshiva.


1933: “Verfolgung des Zionismus in Deutschland”

June 18, 2013

Am Freitag, dem 16. Juni 1933 – also vor achtzig Jahren – stand in der Ausgabe 24  des Wochenmagazins „Der Jüdische Arbeiter, Organ der zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale Zion – Hitachduth in Österreich“ folgende Kurzmeldung auf der Titelseite:

Nazi-Deutschland mordet und verfolgt: 300 Juden getötet, 3000 schwer misshandelt

Der katholische Schriftsteller M. Wilrams***, der in halbamtlicher Funktion als Mitglied des amerikanischen Komitees für die „Untersuchung der Rechte der Minderheiten in Deutschland“ Deutschland bereist hat, berichtet, er habe festgestellt, dass während der „nationalen Revolution“ nicht weniger als 300 Juden getötet und mindestens 3000 schwer verletzt wurden.“

Weitere Schlagzeilen auf der Titelseite tendieren in dieselbe Richtung: „Verfolgung des Zionismus in Deutschland“: „In den letzten Tagen hat die Regierung die Barbestände des Keren Hajessod und des Keren Hajemet beschlagnahmt. In der Redaktion der Berliner „Jüdischen Rundschau“ hat die politische Polizei eine Hausdurchsuchung vorgenommen und alle Exemplare der letzten Nummer beschlagnahmt.

Eine weitere Schlagzeile meldet kurz die „Auflösung jüdischer Studentenvereine“ oder dieses: „An der Breslauer Universitätsklinik hat die deutsche Studentenschaft ein Verbot gegen jeden Verkehr mit jüdischen Hochschülern erlassen“, schließlich: „Im Auftrag der Regierung von Sachsen ist ein Nazi zum Regierungskommissär der jüdischen Schule in Leipzig ernannt worden.  

Entwicklungen dieser Art ließen wollen binnen Tagen und Wochen nach der „Machtübernahme“ durch die Nazis keine wesentliche Zweifel daran, in welcher Richtung sich das Geschehen weiter entwickeln würde. Entsprechend titelte dann auch der Leitartikel „Macht geht vor Recht“ und befasste sich mit den internationalen Implikationen: „Der Traum ist ausgeträumt“ heißt es da desillusioniert: „Die ach so kurze Epoche, da wir hoffen durften, dass als Reaktion auf das vierjährige Völkerschlachten nunmehr eine Vermenschlichung der Völkerbeziehungen eintreten werde, ist beendet, und diese Hoffnung als trügerische Sinngebung des sinnlosen Krieges erwiesen. Was wir heute schaudernd miterleben, ist die Restauration im weitesten Sinne des Wortes, ja mehr noch: die Gewalt gewinnt unumschränktere Macht, als sie sie jemals gehabt hat.“

Die Juden Deutschlands sind Opfer eines Systems geworden, dessen nähere Charakterisierung unter den gegebenen Umständen unmöglich ist, sie sind außerhalb der Rechtsordnung gestellt, ihr Hab und Gut, ihre wohlerworbenen Rechte finden keinen Schutz seitens des deutschen Staates. Unsägliches Leid hat diese Rechtlosigkeit über jüdische Männer, Frauen und Kinder gebracht  – barbarischen Hohn der Machthaber ist die Begleitmusik dazu. Ein Appell an die rechtsstaatlichen Instanzen ist unmöglich …“  

Das deutsche Judentum, der geistig und politisch führende Teil der Weltjudenheit, ist an den Bettelstab gebracht, brot- und heimatlos in den Hauptstädten Europas irrend…“  

Kriegerdenkmal St. Ulrich Augsburg Das inzwischen “verschwundene” Kriegerdenkmal von St. Ulrich in Augsburg (2008)

*** gemeint ist der Tiroler katholische Theologe und Autor Anton Müller (1870-1939), der als „Bruder Willram“ bekannt wurde . Er war zweifelsfrei sowohl Rassist als auch Antisemit und galt als reaktionär und chauvinistisch, war aber andererseits auch kein „Nazi“ im parteipolitischen Sinne, obwohl er deren Blut-Ideologie teilte. Hitler & Co. waren ihm aber nicht katholisch genug. Wenngleich auch weitgehend vergessen, ist es zur Beurteilung der situation in den ersten Wochen und Monate der Nazi-Herrschaft durchaus denkwürdig, dass ein Antisemit zum einem als halbamtlicher Beobachter für eine amerikanische Kommission im Frühjahr 1933 Deutschland bereiste und beurteilte und zum anderen, dass ein “sozialitisch” – zionistisches Magazin ihn zitiert. Interessant ist freilich aber auch der von den Nazis geführte Kamf gegen den Zionismus, der schon in diesen frühen Phase klar erkennbar wird. Relevant ist dies achtzig Jahre später auch für usnere Zeit, wo einige wirre Köpfe meinen, sie könnten “antizionistisch” ohne Antisemit zu sein. Das immer noch gültige Beispiel der Nazis und ihrer von Beginn an ausgeübten Verbrechen spricht eine andere Sprache udnsollte uns dazu ermuntern Antisemiten auch klar als solche zu benennen.

Zionist postcard Bavaria 1912Bavarian / Austrian Zionist postcard about 1912

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Eighty years ago the Austrian Jewish paper “Der Juedische Arbeiter (the Jewish worker)” quotes a report by the Austrian RC autor Brother Willram (Anton Müller) who traveled on behalf of a semi-governmental US organization Germany in early 1933 in order to find out how the treatment of minorities was like. His report says that in the course of the so called “national revolution” – today in Germany frequently belittled as “Machtergreifung” (takeover) – at least 300 Jews were killed and more than 3000 seriously wounded. Other news from the same issue of the paper depict the savage persecution of Zionism by the Nazi even in the early stage of their rule.

However today pretends to be Anti-Zionist “only” but “for sure” not Anti-Semitic needs to know what already eighty years ago the example of German Nazism has told the world: So callecd Anti-Zionism actually is Antisemitism,  don’t let yourself be fooled.


Was genau ist Antisemitismus?

June 12, 2012

Einige an uns häufiger gestellte Fragen lauten, wie wir Antisemitismus beurteilen oder ob wir jede “Kritik an Israel”  antisemitisch einstufen und dergleichen. Der JHVA ist weder eine politische noch eine religiöse Organisation, hat aber in Bezug auf Israel einen erwartbar klaren Standpunkt.

Eher “philosophisch” oder pragmatisch ist demnach aber der Umgang mit den genannten oder verwandten Fragestellungen.

Arabische Karrikatur mit Premierminister Benjamin Netanjahu als Schwein und Israel als Verantwortlichen für die Schweinegrippe (انفلونزا الخنازير)

Was genau ist Antisemitismus?

Kurzerklärung:

Ein anderes Wort für Judenhass, Hass gegen und auf Juden und alles was „besonders“ jüdisch erscheint oder sein soll.

Begriff:

Antisemitismus ist eine Worthülse, die bewusst in die Irre führen wollte und diesen Zweck noch immer erfüllt. Doch dazu müsste man erst klären, was „Semitismus“ sein mag, gegen das manche nun unbedingt „anti“ sein wollen.

Herkunft:

Europäische Sprachwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, die zeittypisch auch nicht judenfreundlich waren, ersannen zur Bezeichnung einiger verwandter nahöstlicher Sprachen den Begriff der „semitischen“ Sprachen. Dies leiteten sie grundlos ab von „Sem“ (hebräisch eigentlich: Schem), dem Sohn des Noah aus der Bibel, der berühmt wurde für seine „Arche“. Dieser „Sem“ hat natürlich keine eigene Sprache erfunden. Zweck der Einteilung war, „semitische“ Sprachen abzugrenzen, etwa von „germanischen“, „romanischen“ oder „slawischen“, wobei die Einteilung ebenso willkürlich ist wie die Benennung. Obwohl es zwischen Altgriechisch und Hebräisch viele Gemeinsamkeiten gibt, wurden beide Sprachen von den Gelehrten in unterschiedliche „Familien“ klassifiziert und somit voneinander getrennt. Andererseits findet kaum ein Deutscher nennenswerte Ähnlichkeiten zum „urgermanischen“ Isländisch, in dem die Edda geschrieben wurde. „Einræðisherrann lét þjóðina dýrka sig etwa würde heißen „der Diktator ließ sich vom Volk bejubeln“.

Zu den „semitischen“ Sprachen gehören auch Maltesisch, Arabisch oder das äthiopische Amharisch, nicht aber das dem Deutschen mitunter sehr ähnliche „germanische“ Jiddisch, dem deshalb von einigen Gelehrten der Status einer eigenständigen Sprache zwingend abgesprochen werden musste. Wer die überwiegend jiddisch oder deutsch sprechenden Juden Mittel- und Osteuropas ablehnte, hätte sich demnach dann auch eher als „Anti-Germane“ bezeichnen müssen. 😉

Absicht:

Dieser scheinbar „wissenschaftliche“ Ansatz, der sich um 1780 zuerst bei August Schlözer (1735-1808) findet, erlaubte es, Juden abseits der Religion zu „etikettieren“. Bald fand die Vokabel so  auch Einzug bei Biologen und Philosophen, die über spezifische körperliche Merkmale „der Semiten“ fabulierten. Schon bei Georg Hegel (1770-1831), einem glühenden Judenhasser wurde daraus um 1800 ein „jüdischer Geist“, der zwar, noch religiös angehaucht „Dämonisches“ und „Hass“ repräsentierte, aber auch bereits eine Art „tierisches Dasein“ bewirkte, das sich nicht „mit der schöneren Form der Menschheit“ vertrug, nämlich mit den „Nichtjuden“. Der Rest ist Geschichte.

Auf Hegel berief sich auch der christlich getaufte Karl Marx (1818-1883), der seinerseits mittelalterliche Geld-Klischees beisteuerte: „Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden“. Der zuvor religiös legitime Hass auf „die Juden“ wich damit jedoch zusehends einer davon unabhängigen Form. Von religiösen Judenhassern trennt sie nur die von diesen eingeräumte Möglichkeit des Übertritts zum Christentum.

Anwendung:

Bereits 1865 definierte das Preußische Staatslexikon das Stichwort „antisemitisch“ als „gegen das typisch Jüdische gerichtet“, jedoch ohne anzugeben, was das nun andererseits sein sollte. Knapp zwanzig Jahre später fanden sich Vereine der „Antisemitismus-Liga“ (Marr), deren Mitglieder sich damals in der Regel mit beträchtlichem Stolz „Antisemiten“ nannten, antisemitische Parteien gründeten und als ein-Themen-Parteien sogar noch eine Reihe von Abgeordneten im Deutschen Reichstag hatten. Alle bekannten Slogans die später von den Nazis verwendet wurden wie “Die Juden sind unser Unglück” waren in diesen Kreisen gängig wurden Jahrzehnte vor Hitler & Co. lautstark propagiert.

Entwertung des Begriffs:

Nach Auschwitz ist dieser Stolz verflogen. Komplett. Kein Judenhasser möchte sich noch als „Antisemit“ bekennen oder als solcher identifiziert werden, auch nicht wenn es Beifall aus arabischen Ländern geben mag, da dies vom öffentlichen Renommee her etwa dem eines Kinderschänders ähnelt. Zumindest ist dies in christlichen Ländern so. In islamischen Ländern gehören antisemitische Stereotypen auf dem Niveau der Nazi-Postille „Stürmer“ durchaus zum alltäglichen Beiwerk. Da dies weltweit aber nicht wirklich gut ankommt, beschränkt sich dies mitunter auf Darstellungen in der Landessprache, etwa auf Arabisch oder Persisch.

Umdeutung:

Da der Antisemitismus offenkundig in einer Sinnkrise steckt, haben heutige Judenhasser es zugegeben schwerer als ihre Vorgänger. Da weder religiöse noch rassistische Stereotype gegenüber Juden in säkularen, offenen und pluralistischen Gesellschaften besonderen Anklang finden können, müssen Judenhasser anders argumentieren. Eine Variante ist es, die „Macht“ der  „Heuschrecken“, der „Spekulanten“, der „Banken“ und „Großkonzerne“ zu verschreien und darauf zu spekulieren, dass die landläufigen stereotypen Finanzklischees der „reichen, gierigen“ Juden von selbst ausreichen, um die entsprechende Assoziation zu wecken. Das klappt aber auch in Zeiten der Banken-Proteste nicht immer und muss deshalb meist bei bloßen Andeutung bleiben: ein paar Familien die die Welt unter sich aufteilen, etc. worüber man ja nicht offen reden dürfe usw.

Erfolgsrezept:  

Viel einfacher und müheloser ist es jedoch „Kritik an Israel zu üben“. Da kein anderes Land und seine Konflikte in der Weltöffentlichkeit über Jahre und Jahrzehnte hinweg weit überproportional thematisiert werden, ist diese Kritik zwar überall Gang und gäbe, wird aber trotzdem von vielen als „Tabubruch“ empfunden. Das muss ja „erlaubt“ sein, ohne dass man als Antisemit „verunglimpft“ wird. Erlaubt ist es, aber auch Kritiker unterliegen der Kritik.

Realität:

„Der“ Nahostkonflikt ist nicht der einzige, was in den letzten Jahren auch der Blindeste verstanden haben dürfte. Kriege zwischen Iran und Irak, um Kuwait, in Afghanistan, nochmal im Irak, blutiger Terror dort zwischen Schiiten und Sunniten, Umstürze in Tunesien und Ägypten, Krieg mit NATO-Beteiligung in Libyen, Massaker in Syrien, und was noch alles lassen selbst die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Hamas und Israel harmlos erscheinen. Die Zahl der Getöteten in Syrien in den seit einem Jahr anhaltenden „Unruhen“ wird von der UN (Stand Mai 2012) auf „etwa zehntausend“ geschätzt, während in diesen Tagen immer neue Massaker mit täglich 50, 80 oder 100 Toten gemeldet werden. Internationale Menschenrechtsorganisationen gehen von wenigstens der doppelten Menge (20.000 + x) aus. Im libyschen Bürgerkrieg sind 2011 nach Angaben der neuen Regierung mehr als 30.000 Menschen getötet und weitere 20.000 schwer verletzt worden. Etwa dieselbe Anzahl von Opfern hatte der türkisch-kurdische Konflikt allein in der Zeit von 1984-1994. Im Krieg zwischen Irak und Iran (1980-1988) gab es über eine Million Tote. Der russische Afghanistan-Krieg kostete fast zwei Millionen Menschen das Leben. Fast ebenso viele Menschen starben in den Kriegen im Sudan, incl. des Genozids arabischer an schwarzen Muslimen in Darfur. In Ruanda wurden 1994 in wenigen Wochen fast 900.000 Menschen getötet.

Die Zahl aller Getöteten in Auseinandersetzungen zwischen Israel und allen seinen arabischen Kriegsgegnern, auf allen Seiten, inklusive Terror- und Vergeltungsschlägen, Kämpfen zwischen Hamas und Fatah, Hinrichtungen, etc. beläuft sich in 60 Jahren seit 1950 auf rund 50.000. Im selben Zeitraum starben bei bewaffneten, politisch motivierten Konflikten weltweit etwa 85 Millionen Menschen. Der Anteil der Getöteten in den israelisch-arabischen Kriegen beträgt demnach 0, 05 % der weltweiten Kriegs- und Terroropfer, während der Anteil der israelischen und palästinensischen Bevölkerung mit zusammen etwa 13 Millionen von 7 Milliarden Menschen derzeit annähernd 0,2 % entspricht. Rein statistisch müsste demnach also die Anzahl der Todesopfer dieses vielbeachteten Konflikts eigentlich viermal so hoch sein.

Wen interessiert’s?  

Es ist angesichts der tatsächlichen Opferzahlen also keineswegs zwingend angebracht, „den“  Nahostkonflikt in den Mittelpunkt des eigenen Interesses zu stellen, außer man ist zufällig tatsächlich Palästinenser oder Israeli. Andernfalls ist es eben nicht naheliegend, sondern erklärt sich aus der psychischen Situation und Sozialisation des Einzelnen.

Methode:

Warum ist es ihnen so wichtig, zum einem „Kritik an Israel“ zu üben, zum anderen aber, Wert darauf zu legen, nicht als Antisemit zu gelten? Nur Antisemiten haben das Bedürfnis sich gegenseitig vom oft noch nicht mal erhobenen Vorwurf des Antisemitismus frei zu sprechen.

Allgemein gilt: Jeder „Kritiker“ macht sich selbst zum Gegenstand der Kritik. Wer an einer offenen Auseinandersetzung interessiert ist, setzt das voraus und weiß, dass er ebenso hinterfragt werden wird und muss wie der Gegenstand seiner Kritik. Wer aber kritisieren will, ohne selbst kritisiert werden zu dürfen, ist nur ein verbaler Heckenschütze, der feige eben mal aus dem Versteck auf die Menge schießen will, um sich hernach zu räuspern oder die Brille zurechtzurücken, wenn dafür nicht spontaner Applaus aufbrandet. War ja nicht so gemeint. Nein, nein …

Wer selbst nicht hinterfragt werden will, soll schweigen. Man kann sich auch über was anderes aufregen und dafür breite Zustimmung erhalten, etwa übers Wetter, über Fußball-Ergebnisse, über den Lärm, das Fernsehprogramm, oder die eigene Regierung.  

Kritik an Israel

Schon die oft gebrauchte Formulierung „Kritik an Israel“ ist kolossal pauschal. Denn so formuliert klingt es danach, als ob schon die Existenz Israels als Problem aufgefasst wird. Wer so argumentiert ist wohl ein Antisemit. Weil es oft so auch gar nicht gemeint ist, zumindest nicht bewusst, spricht man wohl auch vom “Kritik üben“. Und “Übung macht den Meister“. Irgendwann mal, oder auch nicht.

Nun denn: Selbstverständlich kann man Kritik an der Politik der israelischen Regierung üben. Offen gesagt werden Antisemiten faktisch aber wohl jede israelische Regierung gleichfalls kritisieren. Daran ändert auch nichts, dass manche posthum Jitzchak Rabin glorifizieren. Als Rabin im Dezember 1992 die Zahl von 415 Hamas-Aktivisten in den Südlibanon („Niemandsland“) abschieben ließ, wurde dies in Europa von einigen „Kritikern“ mit den Deportationszügen des Dritten Reichs verglichen und Rabin mit Hitler. Da jede israelische Regierung die Sicherheit des eigenen Staates zu schützen hat, wird jede Regierung seitens der „Kritiker“ gescholten werden. Damit erledigt sich auch die inzwischen manchmal nachgereichte Formel, man lehne nicht Israel als Staat ab und habe auch nichts gegen die Bevölkerung sondern kritisiere “nur” die Regierung, also die “nur” die (überwiegende) Mehrheit der Bevölkerung.

Von “Anti-Zionismus” zu reden bringt Antisemiten auch nichts. Da es die Eigenstaatlichkeit des jüdischen Volkes ablehnt, ist es auch nicht harmloser als ein antisemitisches Ressentiment gegenüber einer einzelnen Person oder kleinen Gruppe. Es ist demnach eher eine Steigerung des gewöhnlichen Hasses auf Juden.

Cui bono?

In der Regel werden sich „Kritiker“  nicht für israelische Wirtschafts-, Gesundheits-, Arbeitsmarkt- oder Sportpolitik und dergleichen interessieren, außer etwas verbindet die Thematik mit „den Palästinensern“. Welchen seiner zahlreichen Kritiker interessiert es, dass Israel mit einer Quote von 16 % einen der niedrigsten Mehrwertsteuersätze im internationalen Vergleich (Deutschland 19 %) hat oder eine aktuelle Arbeitslosenquote von 6.4 % und dergleichen? Der “kritische” Blick auf Israel ist in der Regel ein palästinensischer. Bei Palästinensern macht das Sinn. Bei Deutschen ist das gelinde gesagt eiganartig. Wer aber in einem Konflikt Israels mit dessen Feinden offen die Partei von Israels Gegnern ergreift, ist kein Freund Israels, sondern eben das Gegenteil davon. Und da gibt es eben eine alte und lange Tradition, ob man das wahrhaben will oder nicht. Ist eben so.

Antisemiten sind Judenhasser und sie erkennt man so nun auch daran, dass sie sich meist tatsächlich anhören wie die erklärten Feinde Israels. Sie vertreten deren Standpunkte und Interessen. Häufig benutzen sie deren Propaganda und Vokabular und dämonisieren das demokratische Israel und unterstellen ihm beispielsweise Methoden und Ziele des deutschen Nazi-Regimes. Israel-Kritiker neigen also sehr deutlich dazu Israel aus der Sicht seiner Tod-Feinde zu sehen und argumentieren entsprechend.

Und trotzdem, sie gaukeln – mehr sich als anderen – vor, neutrale Mittler zu sein oder gar im Interesse Israel, seiner Bevölkerung und zukünftigen Existenz – deren „Berechtigung“ im Gegensatz zur eigenen stets betont wird – zu sprechen, was natürlich nur in seltenen Ausnahmefällen der Fall ist.

Wer einseitig die Standpunkte des eigenen Gegners übernimmt, was niemand von einem “Freund” annimmt, weil dafür ja Feinde da sind, kann nicht erwarten ernst genommen zu werden.

Gibt es eine berechtigte Kritik?

Kritik ist immer legitim, aber längst nicht immer nützlich, vor allem aber niemals zweckfrei. Jede Kritiker hat – ob bewusst oder nicht – seine eigenen Motive und Interessen, seine Ideale und Kriterien. Das trifft auch auf die eigenen heimischen Medien zu. Wer ohne Sprach- und Ortskenntnis Ferndiagnosen erstellt, muss zwar kein Antisemit sein, aber auch nicht ernst genommen werden.

Im internationalen Vergleich gibt es jedoch wenig objektive Gründe, die israelische Politik gegenüber „den Palästinensern“ zu kritisieren. Israel ist ein souveräner Mitgliedstaat der Vereinten Nationen und hat fast alle 1967 besetzten Gebiete wieder geräumt. Fast alle Palästinenser leben unter der Herrschaft ihrer – freilich rivalisierenden – Autonomieregierungen in Ramalla und Gaza. Davon können Tibeter und andere nur träumen, den Support von „China-Kritikern“ bekommen sie sicher nicht. Notleidende in Katastrophen- oder Hungergebieten wie auf Haiti bekommen seitens internationaler Organisationen (UN, UNRA, EU, etc.) nur einen Bruchteil der Unterstützung die palästinensische „Flüchtlinge“ (die eigentlich seit Jahrzehnten in soliden Häusern wohnen) . Einen Zaun gibt es auch an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, wie jeder weiß, der schon mal in San Diego war. Und wer Nachrichten hört, weiß, dass es dort – wegen Drogenbanden – anders als zwischen Israelis und Palästinensern Todesfälle gibt, oft mehrmals täglich. Der israelische Sicherheitszaun hingegen senkte die Zahl von Terroranschlägen in Israel faktisch auf null und erfüllt seinen Zweck. Über den genauen Verlauf kann man diskutieren, ebenso über die eine oder andere Siedlung – freilich sachlich und Ortskenntnis vorausgesetzt.

Zweifellos ist nicht jeder Einsatzbefehl israelischer Politiker und Militärs der Weisheit letzter Schluss und im Nachhinein ist man oft ein wenig klüger, aber Israels Politik hat israelischen Interessen zu dienen, nicht anderen. Israel ist mit seiner Politik gut gefahren trotz aller Anfeindungen tatsächlicher Feinde und selbsternannter Kritiker.

Ist nun jede Kritik an Israel antisemitisch?

Man tut niemanden großes Unrecht an, wenn man im Zweifelsfall die Frage bis zur weiteren Klärung mit einem

möglichen Ja

beantwortet. Wer aber das zuletzt vergleichsweise bescheidene Abschneiden des 50-fachen israelischen Basketballmeisters und 5-fachen Europapokalsiegers Makkabi Tel Aviv bemäkeln will, kann dies gerne tun und sagen, warum er vom Adriatic Cup nichts hält.

you can’t average out Anti-Semitism

Is all Criticism of Israel Anti-Semitic?

Yes, in most cases. Anti-Semitism addresses Jews only. Criticism of Israel addresses Jews only. So called Anti-Zionism is not more harmless than usual anti-semitism which addresses a person or a small group, but the Jewish people in general. Anti-Zionism is no belittlement, it is a maximization of Anti-Semitism.

So the critic himself has the obligation to provide and to explain his motifs and background first.