Jüdischer Friedhof Kriegshaber Hoover Str.

October 19, 2007

therese-obermayer-grab-kriegshaber.jpgkohanim-kriegshaber.jpgfriedhof-kriegshaber-inschrift.jpgsteine-friedhof-kriegshaber.jpg memorial-kriegshaber.jpggrab-kriegshaber.jpgfriedhofshaus-kriegshaber.jpgkriegshaber-grab.jpg

Ein kurzer geschichtlicher Überblick über den jüdischen Friedhof in Kriegshaber 

Der Friedhof bei Kriegshaber wurde als gemeinschaftliches Begräbnisfeld der jüdischen Fagasch – Gemeinden von Steppach, Pfersee und Kriegshaber benutzt, die über lange Zeiten auf vorderösterreichischem Gebiet eigenständige Gemeinden mit Synagogen, Bädern, Rabbinern und Lehrern besaßen. Zeitweilig gehörte auch Schlipsheim und Fischach dem losen Verband an. Im Laufe des 17. bis 19. Jahrhunderts wurden am Friedhof zahlreiche hochrangige und bedeutende Rabbiner und Thoragelehrte und eine hohe Zahl von Angehörigen der berühmten und angesehenen Familie der Ulmo bestattet, die häufiger entsprechende Ämter bekleideten.  

Wann genau der Begräbnisplatz angelegt wurde, ist unklar. Erstmals historisch fassbar wird der Friedhof südlich von Kriegshaber im Jahre 1627, als sich Augsburger Geistliche des Domkapitels am 21. Tischri 5388, angeregt durch die ihnen untergebenen Stadtberger Ortsvorsteher schriftlich beim Oberamt der vorderösterreichischen Markgrafschaft Burgau über stattfindende jüdische Begräbnisse beschweren. Ihr Protest bleibt trotz einer angeblichen „Seuchengefahr“ wirkungslos. Am 13. Sivan 5455, also am 27. Mai 1695 erteilten die Burgauer den Juden eine weitere Genehmigung für den Ausbau des Friedhofs um „15 Schuh“, offensichtlich in östliche Richtung. 1722 kommt es zu einer nochmaligen Erweiterung und zur Errichtung eines Wächterhauses. Letzteres war wegen anhaltender Übergriffe auf das Gelände und Schändungen zwingend erforderlich geworden. Abermals kommt es zu Protesten christlicher Vertreter Augsburgs bei den Burgauern, die dieses Mal einen handfesten Verlauf nehmen. Das im August 1722 errichtete Wärterhaus wird im Oktober von militärisch bewaffneten Eindringlingen zerstört. Die Burgauer reagierten auf die Verletzung ihres Hoheitsgebietes scharf, drohten empfindlich hohe Geldstrafen und entsprechende militärische Maßnahmen an. Unter dem Schutz burgauischer Soldaten wurde der Neubau des Friedhofshauses am Tag vor dem Neumond des Monats Aw 5484 (1724) fertig gestellt. Weitere Erweiterungen des Friedhofs erfolgten etwa um 1765 und die bislang letzte um das Jahr 1802.  

1825 schließlich wurde eine steinerne Ummauerung des Kriegshaber Friedhofs in Auftrag gegeben, für deren Ausführung der Vorsitzende der Pferseer Gemeinde Bernhard Ullmann am 21. Mai 1826, gemäß den Angaben von Louis Lamm (1912) die Summe von 186 Gulden und 38 Kreuzer bezahlte. Diese Mauer wurde, gemäß der Inschrift am Friedhofswärterhaus (deren heutiger Text nicht in allen Punkten der Vorkriegsvariante entspricht) im Jahr 1871 nochmals erneuert. 

In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft wurde das Eingangstor und Teile der Mauer eingerissen, offenbar um besseren Zugang für den Abtransport von Steinen zu haben. Gegenüber dem noch 1927 archivarisch und photographisch erfassten Zustand kam es zu ganz erheblichen Zerstörungen, die in der Nachkriegszeit nur sporadisch und auf oft fragwürdige Weise kaschiert wurden. Ein Beispiel dafür ist das vor dem Eingang im Sommer 1946 errichtete Denkmal, das aus „herumliegenden“ und „nicht mehr gebrauchfähigen“ Trümmern seltsam passgenau – kein Stein zu viel, keiner zu wenig – zusammengefügt wurde. Wie bis heute (auch in Fachpublikationen, etwa Schwierz 1991) kolportiert wird, soll dies durch vor Ort stationierte US-Soldaten zur Erinnerung an die “Opfer des Holocaust” geschehen sein, wozu am Werk freilich jeder Hinweis fehlt. Tatsächlich aber war es das Gebilde schwäbischer Steinmetze und Bildhauer. Das Denkmal selbst freilich besteht aus Grabsteinen von Menschen, die z.T. lange vor dem Holocaust gestorben waren, falls nicht noch ganz andere Steine beigemischt wurden, um es vervollständigen zu können.

ואתה לך לקץ ותנוח ותעמד לגרלך לקץ הימין

[דניאל יב, יג]

du geh bis zum ende

 und ruhe

und stehe

für dein los

 

 

zum ende der tage

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Daniel 12.13)

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Das jüdische Kriegshaber

January 17, 2007

Die jüdische Geschichte von Kriegshaber, einem vor knapp 90 Jahren (1916) eingemeindeten Stadtteil im Norden von Augsburg umfasst ein halbes Jahrtausend. Erhaltene Belege datieren die Ansiedlung von Juden entlang der Handelsstraße von Augsburg nach Ulm in die Mitte des 16. Jahrhunderts, wobei die tatsächliche Präsenz freilich in die Zeit der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde zurückreicht, die nach 1450 aufgelöst wurde.

torah-parochet-kriegshaber-1723-made-by-elkana-schatz-naumberg-of-furth-147-x-249-cm-geschenk-derTora parochet from Kriegshaber (1723) at Israel Museum in Jerusalem, Israel

Die jüdische Gemeinde entablierte sich entlang der Hauptstraße des Straßendorfes Kriegshaber, das seinen Wohlstand der Entwicklung der jüdischen Viehbauern, Pferdezüchter und landwirtschaftlichen Produktion verdankte. Bis in das frühe 19. Jahrhundert war die Mehrheit der Bevölkerung jüdisch geprägt, weshalb sich erst in den 1860er Jahren eine christliche Kirchengemeinde bildete.

kriegshaber-gieseckestrehem. jüdisches Haus an der Gieseckestraße

Zu den berühmten Familien vor Ort zählten Nachkommen und Nebenlinien des Ulmo-Günzburg-Clans der Zweige Ullmann, Mendle, Obermayer, Untermayer, Oberdorfer, Günzburger, Dick, Mayer, sowie der mit dem berühmten Physiker (über die gemeinsame Herkunft aus Buchau) verwandten Einsteins, die im wesentlichen Vieh- und Pferdezüchter oder Metzger waren, von denen einige zu fürstlichen, königlichen und kaiserlichen Hoflieferanten aufstiegen.

synagoge-kriegshaberformer Kriegshaber synagogue at Ulmerstr. (in May 2005)

Die frühere Hauptstraße heißt heute Ulmerstraße und war zwischen Marstaller Hof und dem Zeughaus in früheren Zeiten komplett jüdisch. Heute erinnert daran allenfalls die Seit Jahrzehnten unbenutzte verfallende ehemalige Synagoge und der gleichfalls vernachlässigte, durch üppigen Wildwuchs dem Verfall überlassenen alten Friedhof an der Hooverstr. (früher: Hummelstraße), der zusammen mit den den Gemeinden von Pfersee und Steppach in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges gegründet wurde.

juedischer-friedhof-tafel-kriegshaberWidmungstafel am Kriegshaber Friedhof (Dezember 2004)

Nachdem Kriegshaber wie auch Augsburg nach 1805 bayerisch wurden, zogen viele Kriegshaber Juden nach Augsburg. Anders als die Gemeinden von Steppach, Schlipsheim und Pfersee, die sich in den 1870er Jahren auflösten, konnte sich die Kriegshaber Gemeinde, die bis 1875 den Vorsitz im schwäbischen Distrikt hatte, bis zur Nazi-Zeit als “orthodoxe” Gemeinde behaupten.

In der Nachkriegszeit wurde die Synagoge bis etwa 1951 von amerikanischen Soldaten und KZ-Überlebenden als Gebetshaus benutzt. Auch am Friedhof wurden bis in die frühen 1950er Jahre Überlebende des “Holocausts” bestattet.

Die Zukunft der ehemaligen Synagoge ist derzeit so ungewiss wie die des Friedhofs. Der JHVA will sich in der Zukunft jedoch ausdrücklich für den Erhalt und für die weitere Nutzung beider Einrichtungen einsetzen, im ursprünglichen Sinne, wie sich von selbst versteht.


Die Geschichte der Juden in Augsburg

November 2, 2006

Jewish Seal of Augsburg year 1298

Jewish Seal of Augsburg year 1298

In wohl keinem anderen Land der Welt – mit Ausnahme Israels – finden sich so viele ”Reste” alter jüdischer Geschichte wie in Deutschland. Grabsteine, Synagogen, Tauchbäder, Plätze, Straßen, Häuser, Denk- und Mahnmale, Friedhöfe, Inschriften, „Stolpersteine“, Museen, usw.  zeugen von einem weit über tausendjährigen, wechselvollen, oft dramatischen Leben „in deutschen Landen“. Wenngleich die frühesten erhaltenen Dokumente die Existenz einer jüdischen Gemeinde schon in der alten Römerstadt Köln bereits für das Jahr 321 gesichert voraussetzen, umspannt die historisch greifbare Epoche jüdischen Lebens in Deutschland im wesentlichen den Zeitraum von den ersten Kreuzzügen bis zu Güterzügen der Nazis. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn die Quellenlage der allgemeinen Geschichtsschreibung im ersten Jahrtausend in Deutschland ist zwar reicher an der Vielzahl von Legenden und Zuschreibungen, aber keineswegs besser dokumentiert.

Wenngleich sehr viele Monumente den Stürmen der Jahrhunderte getrotzt haben, wurde doch auch sehr vieles, sicher das meiste, zerstört, sehr oft mutwillig und gar nicht selten unnachgiebig und viele Spuren und Erinnerungen, die vorsätzlich getilgt werden wollten, sind deshalb auch im gewissen Rahmen „unterirdisch“, weil mit bloßen Auge nicht zu sehen – aber, in Dokumenten und Überlieferungen erfassbar, trotzdem spürbar und präsent. Das verhält sich mit jüdischer Geschichte nicht anders als mit sonstiger.

Obwohl archäologische Befunde Juden bereits im antiken, dem nach Hadrian benannten Augsburg nahelegen und es Hinweise für eine dauerhafte jüdische Besiedlung seit dem frühen zehnten Jahrhundert gibt, gilt trotzdem erst das frühe 13. Jahrhundert als Ausgangspunkt akademischer Überlegungen. Diese um 1210 „erste“ nachweisbare jüdische Gemeinde in der wir einen Maharam vorfinden findet mit den Ausschreitungen vom November 1348 ihr jähes Ende, nur um aus den wenigen Überlebenden rund sieben Jahre später den Grundstock für eine „zweite“ Gemeinde zu bilden, die nach dem Abzug der Juden 1440 für 363 Jahre die letzte Gemeinde der Stadt war. So jedenfalls lautet die gängige Ansicht, die jedoch stapelweise an Belegen über die Anwesenheit von Juden in fast allen Jahren und Jahrzehnten außer Acht lässt, lassen muss.

Die jüdischen Gemeinden in Augsburg zeichneten sich durch einige Besonderheiten aus, die im zeitlichen Kontext auf einen durchaus bemerkenswerten Status in der Reichsstadt schließen lassen. Anders als vielerorts üblich, gab es in Augsburg etwa kein abgeschlossenes Ghetto, sondern verschiedene Viertel, besser gesagt Straßen, die teilweise auch von Christen bewohnt waren, während zugleich einzelne Juden auch außerhalb im ganzen Stadtgebiet wohnten. Darüber hinaus waren christliche Bedienstete – in vielen anderen Städten undenkbar – in jüdischen Haushalten durchaus keine Ausnahme. Das ging soweit, dass städtische Urkunden ausdrücklich betonten, dass jene Bediensteten anders als andere Christen, das jüdische Bad benutzen durften. Für andere Christen stand dies unter Strafe und wurde mit einem ansehnlichen Bußgeld belegt. Der sog. Rindtfleisch-Verfolgung im Jahre 1298, bei der legendär in ganz Süddeutschland 146 jüdische Gemeinden zerstört worden sein sollen, konnte die Augsburger Gemeinde entgehen, da der Anführer rechtzeitig aufgehängt wurde. Die Augsburger Juden, errichteten zum Dank an „ihren“ Kaiser in seiner Reichstadt Augsburg die nordwestliche Stadtmauer auf eigene Kosten, besiegelt von der Stadt und mit dem  „chotam kahal ogspurk”, dem Siegel der jüdischen Gemeinde.

Im mittelalterlichen Augsburg gab es zwei, drei verschiedene Judensiedlungen, die teilweise auch parallel bestanden. Die ältere, obere Siedlung mit dem Zentrum Judengasse (heute Karlstraße) grenzte direkt an den Königshof südlich der Domstadt und lag inmitten eines Gewerbegebietes mit Schmieden, Gerbern und Händlern (woran noch heutige Straßennamen erinnern (Schmiedberg, Obstmarkt, der damals freilich Forchenmarkt hieß, Kesselmarkt, Hafnerberg, Weißfärbergasse). Hier standen die Synagoge, das Gemeindehaus und das Tanzhaus der Judengemeinde. Auch nach 1355 siedelten die Juden dort wieder.

Das zweite, untere Judenviertel bestand unterhalb des Rathauses in einem maßgeblich von Kleingewerbetreibenden geprägten Viertel am östlichen Hang der städtischen Hochterasse zwischen Rathaus und Judenberg. Ein drittes, vermutlich vormaliges Viertel soll in der schon im 14. Jahrhundert abgerissenen Vorstadt Wagenhals beim Vogeltor im Südosten der Altstadt. Bestanden haben. Wie über die Vorstadt selbst sind dazu jedoch nur spärliche Hinweise über erhalten geblieben, weshalb es eher zweifelhaft ist. Sehr wahrscheinlich erklärt sich damit aber die Zuschreibung des nahe gelegenen Rabenbads als „Rabbinerbad“.

Gleichwohl in der Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit immer wieder einzelne, herausragende Juden in der Stadt lebten und in der Umgebung lebende Händler, usw. immer in der Stadt präsent blieben, verlagerte sich vieles in örtliche Randgemeinden, der Fagasch, Steppach, Kriegshaber und das heilige Pfersee. Letzteres wurde unter dem Einfluss der Ulmo gar Sitz des schwäbischen Judentums, beheimatete anstelle Augsburgs eine größere Anzahl berühmter chassidischer Gelehrter und Autoren (wie etwa R. Isak Etthausen oder R. Jehuda Löw Oppenheim) und Handelsfamilien und erlangte ob seiner als Pferseer Handschrift bezeichneten (fast) vollständigen Talmudausgabe aus dem Jahre 1340 Weltruhm. Die Verbindungen der Rabbiner und Gelehrten aus Pfersee und Kriegshaber waren sehr vielschichtig und so wundert es nicht, dass sie ihre Töchter und Söhne mit prominenten Rabbinern und deren Kindern in ganz Europa verheirateten. Ein berühmtes Beispiel dafür wäre etwa Rabbi Elieser, der als Sohn Rabbi Schimon Ulmo aus Ginzburg immerhin die Tochter des weltberühmten Krakauer Gelehrten Mosche Isserles, dem Verfasser der mapah zum schulchan aruch Josef Karos ehelichte. Beide wanderten bereits in dieser frühen Zeit nach Eretz Israel aus und zeigten sich – keineswegs als einzige als frühe chowewej zion, als Zionsliebhaber, wie man die religiös motivierten Vorzionisten nennt. Aus Israel hingegen kamen zahlreiche Gelehrte nach Pfersee, um die berühmte Talmudhandschrift zu studieren, unter ihnen 1754 auch Chida, der weit gereiste schaliach Rabbi Chaim Joseph David ben Isaac Zerachia Azulai (1724 – 1807).

In der Stadt an Lech und Wertach selbst hingegen dauerte es doch recht lange, bis eine dritte Gemeinde zustande kam, obwohl nach 1450 immer wieder einzelne Juden in der Stadt lebten, mal für Wochen, mal für Monate, dann waren es Dutzende, sogar Hunderte von Juden konnten jahrelang in Augsburg leben und unweit des Rathauses eine inoffizielle Betstube betreiben. Erst im Jahr 1803 jedoch, kurz bevor Augsburg im Zuge der Napoleonischen Kriege an Bayern gelangte, damit aufhörte eine „Freie Reichsstadt“ zu sein und ihre Festungseigenschaft verlor, wirkte letzteres sich auch in einem bestimmten Sinne für die Juden der Umgebung aus, die nun wieder eine Gemeinde in der Stadt bilden konnten, die formell aber erst um 1860 begründet wurde. Kurz drauf gründete sich die Synagogen-Gemeinde. Diese bestand sodann bis in die Nazi-Zeit. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde wieder fester Bestandteil der Augsburger Bevölkerung. Als Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte leisteten die Juden auch ihren Beitrag zum sozialen, politischen und geistigen Leben der Stadt. Ihr erstes Gemeindezentrum hatten sie in einem Wohnhaus am Obstmarkt, gegenüber der mittelalterlichen Judensiedlung, ehe es gegen Mitte des 19. Jahrhunderts verlegt wurde in die Wintergasse, wo ein umgebautes Wohnhaus die Synagoge bildete, bis schließlich die Gemeindemitglieder zu zahlreich wurden und nach langer Planung und Bauzeit 1917 die auch heute wieder benutzte Synagoge in der Halderstraße eingeweiht werden konnte. Nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten zwangen Diskriminierung und wirtschaftlicher Druck immer mehr Gemeindemitglieder zu Emigration oder Flucht. Mehr als 1000 Juden aus Augsburg und Umgebung wurden aber von den Nazis und ihren Helfern ermordet. Doch schon rasch nach 1945 gründete sich mehrheitlich aus Zuwanderern aus Osteuropa eine neue, soz. die „vierte“ jüdische Gemeinde der Stadt. Sie musste zwei Gruppen vereinen, Überlebende der Augsburger oder anderen schwäbischen Gemeinden auf der einen, „hängengebliebene“ meist osteuropäische „Displaced Persons“, die in aus Polen oder Ungarn, etc. in schwäbische KZ-Lager zur Zwangsarbeit verschleppt wurden oder Flüchtlinge, die sich von den kommunistischen Befreiern im Osten nichts versprechen durften. Nach vielen Rivalitäten, deren Hauptprotagonisten in den letzten Jahren verstarben, dämmerte Einheitsgemeinde dahin. Sie bekam ein vielbeachtetes Museum auf die Füße gestellt, da man dachte, dass die restaurierte Synagoge sonst keine wohl keine Überlebenschance haben würde. Doch seit den neunziger Jahren wurde die Gemeinde durch sog. Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion erheblich so zahlreich verstärkt, dass sie bald ein faktisch russische Gemeinde wurde. Eher nebenbei gelang es nach langen Jahrzehnten auch wieder eigene Berufs-Rabbiner anzustellen, die jedoch in erster Linie nach außen wirkten und scheinbare „Normalität“ verkörperten, während sie in der Gemeinde eher Zankäpfel ernteten.

Die wechselvolle, aber spannende Geschichte der Juden in Augsburg und Umgebung ist ein kleiner aber nicht der kleinste Teil der Geschichte des jüdischen Volkes. Unsere Arbeit ist ihrem Gedächtnis und den Nachkommenden zum Vermächtnis gewidmet. Die kommenden Jahre werden Aufschluss darüber geben, in welche Richtung die jüdische Gemeinschaft in Augsburg sich entwickelt. Zwar ist die gegenwärtige Gemeinde mit etwa 1800 „Mitgliedern“ die zahlenmäßig größte, die es jemals in Augsburg gab (die Vorkriegsgemeinde hatte 1000-1200 Mitglieder, die größte mittelalterliche nicht mehr als 800), doch ist es zugleich auch die am wenigsten jüdische. Die Masse der aus Russland, der Ukraine, Belarus, etc. stammenden Zuwanderer hat von jüdischen Brauchtum nur eine Ahnung und kennen es lediglich aus der Perspektive eines eher eigenartigen säkularen, orthodoxen Christentums, das typisch war für die Sowjetunion. Man stellte sich im Winter einen Weihnachtsbaum in die Wohnung, weil es jeder so machte und einfach üblich, eben „sowjetisch“ war. Grundlagen wie den Talmud kennt man allenfalls als Begriffe antisemitischer Propaganda.  Dann schon lieber spekulative Pseudo-Mystik. Die kann man leicht auf Russisch lesen. Ein Reform-Rabbiner hat in einer solchen Gemeinde sicher weniger Konfliktpotentiale als der vorherige „orthodoxe“, der zumindest zeitweilig an das etablierte Brauchtum des Judentums erinnerte. Aber schon als Mohel war er de facto arbeitslos. Nicht anders ergeht es dem „Reformer“, der nichts Altes, als Ballast empfundenes über Bord werfen könnte, da das Schiff längst auf dem Trockenem sitzt und Teil der sog. Museumslandschaft geworden ist. Vieles spricht dafür, dass es sich nur um eine Art „Zwischenhoch“ handelt.  Es ist nicht schwer zu prognostizieren, dass die sehr stark überalterte Mehrheit der „Russen“ sich in den beiden Jahrzehnte sich deutlich verringern wird. Da viele der Zuwanderer in Mischehen leben oder aus solchen stammen, während wenige interessierte und engagierte jüdische Jugendliche wie zuvor schon abwandern werden, ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Level vor der „Welle“ der Einwanderung wieder erreicht ist. Ebenso absehbar ist, dass es zu keiner “Renaissance” des Judentums kommen wird, da sich die Mehrheit der wenigen Interessierten jüdische Feste so feiert wie Karneval. Man spielt für ein paar Stunden den Piraten oder Indianer und isst, was dazu passt. Sonst hat das weiter keine Bedeutung. Folklore eben und wie es früher “war” kann man im Museum nachlesen oder in Vitrinen bestaunen. Und nein, das ist kein Pessimismus. 🙂

Unabhängig von diesen, für uns nicht beeinflussbaren Faktoren, wollen wir hier auf den Spuren der Stadtgeschichte – zu der Dank der Eingemeindungen auch inzwischen die Gemeinden der einst selbstständigen Vororte gehören – Anreize bieten, die Geschichte des Judentums in seiner reichen lokalen Entwicklung nachzuzeichnen – wissend, dass das Ganze immer mehr ergibt als die Summe seiner Teile – um einen kleinen Eindruck darüber zu vermitteln, wer diese Juden in Augsburgs Geschichte waren, wie sie gelebt haben und wie trotz aller Verfolgungen doch immer wieder den Mut schöpften, sich in der Stadt niederzulassen und zu ihrem Wohlstand und Fortschritt ihren Beitrag zu leisten.

 


[1]Hirsch – Lopez – Reiseführer durch das jüdische Deutschland, Kovar, München 1995, S.10

[2] Dies geht aus der (in einer Abschrift aus dem 10. Jahrhundert im Vatikan erhaltenen) Urkunde vom 11. Dezember 321 n. a. Z. hervor, in welcher der römische Kaiser Konstantin seine Statthalter in Köln auffordert, die Juden an den öffentlichen Arbeiten des Gemeinwesens zu beteiligen. Im Jahr 2001 war die Urkunde Auftakt der Ausstellung „Entdeckungsreise durch zwei Jahrtausende deutsch-jüdischer Geschichte“ im Jüdischen Museum in Berlin. Der lateinische Text aus dem sog. „Codex Theodosianus“ lautet: „Idem a. decurionibus agrippiniensibus. cunctis ordinibus generali lege concedimus iudaeos vocari ad curiam. verum ut aliquid ipsis ad solacium pristinae observationis relinquatur, binos vel ternos privilegio perpeti patimur nullis nominationibus occupari. dat. iii id. dec. crispo ii et constantino ii cc. conss.” (C. Th. 16.8.3)

[3] Der Übergang von lateinischer zu deutscher Beurkundung vollzog sich langwierig und schwankend zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert und diente vormals meist nur kirchlichen Zwecken.

[4]Zumindest lässt sich das für die Zeit ab dem 13. Jahrhundert sagen, die Geschichte davor liegt fast völlig im Dunklen. Andeutungen lassen jedoch den Schluss zu, dass es früher zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen war.