Zur Familiengeschichte jüdischer Viehbauern und Metzger in Kriegshaber

August 28, 2016

Obwohl Dokumente für die Siedlung von Juden in Kriegshaber erst aus der Zeit um 1560 erhalten sind, ist doch davon auszugehen, dass die jüdische Geschichte vor Ort weiter zurückreicht und wahrscheinlich mit der österreichischen Herrschaft in der Markgrafschaft Burgau beginnt. Dafür spricht zum einem die unmittelbare Nähe zu Augsburg, die auch für die damalige Zeit mit Pferden und Wagen keine Welt waren, zum anderen die günstige Verkehrslage auf dem Handelsweg von Augsburg nach Ulm, Frankfurt und Straßburg.

 

Einige der Kriegshaber Juden stammten aus Oberhausen, wo sie nach der Aussiedlung von Augsburg in den frühen 1450er Jahren ausgewichen waren. Unter der vorderösterreichischen Regierung der Habsburger verlagerten sich die Handelswege zunehmend von den Flößern der Wertach auf die Straße, wovon Kriegshaber gegenüber Oberhausen profitierte.

100 Jahre Kriegshaber in Augsburg Logo JHVA

Charakteristisch für die Geschichte Kriegshabers als jüdisches Straßendorf, das die Hauptstraße des Ortes prägte, ist die sehr hohe Anzahl von Viehbauern, Züchtern und Metzgern, mit der es sich von den jüdischen Nachbardörfern Pfersee (Finanzhandel, Chemie) und Steppach (Stoffe) wesentlich unterschied. Zeitweilig war weit mehr als die Hälfte der Kriegshaber mit Viehzucht, Handel oder Metzgerarbeiten beschäftigt. Die führte dazu, dass bald in jedem zweiten Haus ein Metzgerbetrieb war oder damit im Zusammenhang stehende Arbeiten verrichtet wurden. So ist es vielleicht naheliegend, dass 1830 David Skutsch, der Sohn des verstorbenen Kriegshaber Rabbiners und Schwager von dessen Nachfolger in der Ulmer Straße 216 als weltweit erster ein Patent auf die Herstellung von Duftkerzen nebst königlichem Privileg (Alleinvertriebsrecht) erhielt. Den grundlegenden Talg für den umworbenen „Kriegshaber Duft“ gab es vor Ort in Übermaß und billig wie kaum woanders.

Kriegshaber in Bildern - am Straßenrand der Weltgeschichte - 100 Jahre Eingemeindung Augsburg 1916 2016

Da die Metzgereien den Eigenbedarf der Ortschaft, die um 1790 etwa sechshundert Einwohner hatte (davon rund 400 Juden), deutlich überstieg, verwundert es auch nicht, dass die jüdischen Viehbauern vor allem auswärtige Kunden versorgten. Der Erfolg der Kriegshaber Juden war sprichwörtlich und überregional bekannt und stieß freilich nicht nur auf Beifall, sondern auch auf krankhaften Neid. Ein Beleg dafür ist die antijüdische Erzählung des unter dem fiktiven Namen „Veitel Itzig“ veröffentlichte Geschichte eines fränkischen Antisemiten, der Jahrzehnte vor den ominösen „Protokollen der Weisen von Zion“, die Emanzipationsbestrebungen der Juden in den 1830er Jahren als heimliche „Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft“ diffamierte. Der Verschwörer ist ein Metzger und als Ausgangspunkt ist Kriegshaber der Ort der Handlung.

 

Das jüdische Geschichte, wie bereits jeder Bibelleser an Hand zahlreicher Abstammungslisten und Erzählungen in der Bibel weiß, im wesentlichen immer auch vor allem Familiengeschichte ist, lässt sich auch an Hand der Geschichte Kriegshaber nachvollziehen. Anschaulich wird dadurch wie der angestammte Broterwerb sich in den Familienclans fortführte und durch zahlreiche Heiraten neue Impulse integriert wurden.

Kriegshaber jüdische Schule Eingang Ulmer Straße 2013 Umbau

Der bedeutendste Familienzweig unter den Kriegshaber Viehbauern waren ohne Zweifel die Mändle (Mendel), die direkt im Haus neben der Synagoge wohnten, und deren Oberhäupter es zu Hoffaktoren und Ausrüstern von Bischöfen, Herzögen, Königen und Kaisern brachten. Ein besonders herausragendes Beispiel war 1744 die Krönung von Kaiser Karl VI in Frankfurt am Main, für die die Unternehmung Abraham und Josef Mändle von München und Kriegshaber aus den gesamten Fuhrpark nebst Reiterei  besorgte und ausstatte. Eine historische Randnotiz deren logistische Leistung wir heute bestenfalls erahnen können.

 

Mit den Heiraten ging natürlich immer auch ein Wissenstransfer einher. Als im Frühjahr 1699 die Tochter des Vorsitzenden der Pferseer den Sohn des Prager Rabbiners heiratete, erkundigte sie sich bei ihr Kriegshaber Tante Riwke, der Frau des Kriegshaber Metzgerprüfers Meir Ulmo, nach heimischen Kochrezepten und erhielt in einem handschriftlichen Brief eine Sammlung schwäbisch-jüdischer Kochrezepte mit „Wertach-Forchelfisch“ (Forellen), „Erdpirn“ (Kartoffeln), „Leinel“ (Leinöl), gefüllte Mangoldblätter und „Kasbraut“ (Käsekuchen).

 

Wie die Mayer stammten auch die Mändles als Nebenlinien von den Ulmo ab und wurden selbst von den meist aus dem österreichisch-schwäbischen Umland zugezogenen Familien Dick, Einstein, Oberdorfer, Bach und Rothschild aufgefrischt, während  sich die Mayers in Kriegshaber weiter in die Zweige Mayer, Untermayer und Obermayer aufspalteten, die ebenfalls als metzger und Viehzüchter tätig waren, teilweise ein eigenen Betrieben, während andere auf der Basis von Fetten chemische Stoffe herstellten.

 

Besondere Bedeutung für die frühmoderne Geschichte Augsburgs erlangten dabei der Ulmo-Mayer-Nebenzweig Obermayer. Jakob Obermayer und seine Geschäftspartner Feitel Kaula, Westheimer und Efraim Ulmo statteten 1803 die bankrotte Reichsstadt mit einer halbe Million Gulden aus und retteten sie so zwei Jahre vor der drohenden und letztlich dann unausweichlichen Annexion durch das Herzogtum Bayern, die durch Napoleons Besuch 1805 besiegelt wurde. Obermayer durfte nun in Augsburg als Bürger wohnen und gilt damit als Begründer der modernen Augsburger Gemeinde, die Formel freilich erst von seinem Enkel ins Leben gerufen wurde.  Sein Sohn Isidor Obermayer (1795-1862), der 1821 das heute als Augsburger Standesamt bekannte Palais kaufte war Mitbegründer der Bayerischen Staatsbank, wie auch der Hypovereinsbank und besorgte als Eisenbahnpionier aus England auf eigenes Risiko Schienen und Lokomotiven für die erste bayerische Überlandbahn von Augsburg nach München. Sein ebenfalls noch in Kriegshaber geborener Sohn Carl von Obermayer (1811-1889) hatte wenig für Geschäfte übrig, vertrat aber im väterlichen Haus als Konsul die Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg. Dem Augsburger Naturkundemuseum schenkte er bedeutende ethnologische Sammlungen die bei seinen Reisen im Wilden Westen Amerikas erworben hatte, lange vor Buffalo Bill und Karl May. Schließlich wurde er auch Vorsitzender der vom Bayerischen König offiziell anerkannten israelitischen Kultusgemeinde von Augsburg unter dessen Führung diese auch einen eigenen Friedhof und eine neue Synagoge (Wintergasse) bekam.

Bis in die 1930er Jahre blieben in Kriegshaber zuletzt noch die Gebrüder Einstein als Metzger und Viehzüchter präsent. Als Nebenlinie der Mändle hatten sie eine Reihe der früheren anderen betriebe aufgekauft, ererbt und übernommen. Freilich nahm mit der modernen Industrialisierung in großen Massenschlachthöfen den Kriegshaber Juden das zuvor auf Vertrauen und Qualität beruhende Geschäft ohnehin weitgehend aus der Hand. Schließlich wurde im bereits Mai 1933 in Deutschland durch die Nazi-Regierung auch noch das Schächten verboten. Die Einsteins stammten aus Buchau, wie auch die Familie des berühmten Albert Einsteins, dessen Vorfahren ebenfalls Metzger und Viehzüchter waren.

 

Ganz verschwunden ist die Erinnerung an die jüdischen Metzgerfamilien von Kriegshaber auch heute nicht, wenngleich die oft zu hörende Frage, ob der bekannte Kriegshaber Metzger Joachim Goldstein denn auch Jude sei. Doch der ehemalige Fußballprofi der Anfang der 1980er Jahre beim FC Augsburg und beim TSV 1860 München in der zweiten Fußballbundesliga spielte, hat freilich nur einen Familiennamen der in den Ohren mancher „jüdisch“ klingt.

 

Artikel von Yehuda Shenef, erschienen in “Kriegshaber in Bildern – Am Straßenrand der Weltgeschichte”, Wissner-Verlag, Augbsurg 2016, S. 63 und 65 (Abbildung oben)

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Werbeanzeigen jüdischer Läden in Augsburg aus dem Januar 1934

December 13, 2013

Augsburg 1934 Jüdische Geschäfte Anzeigen Werbung934Geschäftsanzeigen der Augsburger Firmen: Justin Maier, M. Untermayer, Ernst David, Ginsberger, Regensburger, S. Bach, Polatschek, Elias Dampf, Kupfer, Landauer in der “Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung” vom 1. Januar 1934


Video: Naomi Harris Rosenblatt reads from the Kriegshaber Cemetery Geniza Sidur

June 8, 2010

Mrs. Naomi Harris Rosenblatt from Washington D.C. is a psychotherapist and author on topics related to women in the Bible and married to the lawyer Ambassador Peter R. Rosenblatt . Visiting with us the cemetery in order to look for graves of her husband’s Swabian ancestors the new renter of the former Tahara house (where the corpses were washed) Richard Mills called our attention for some findings he had made days before in the attic of the house. Along with some phials or small bottles he has discovered an old Jewish book under the floor board. Since he could not read the Hebrew letters he also could not figure out what kind of book it is, but was aware that it must be an old, rare and  valuable one. Since the former keeper of the cemetery Hermann Felber Jun. decades ago already discovered a Hebrew devotional book for mourning and funerals (from the Hebrew year 5608) in the attic all indications are that in the attic and under the roof of the former Tahara house is a kind of Geniza.

The Hebrew term Genisa or: Geniza (גניזה) literally means “treasure” and is a store-room for worn-out Hebrew books and papers on religious topics and the like since it is forbidden to throw away writings containing the name of God in Hebrew. The best known Geniza in the world is the one of Old Cairo (Fustat) where Jacob Saphir discovered in 1864 in the old Ben Ezra Synagogue almost 200.000 documents dating from 860 to 1860. However it is quite usual to remove the contents of a Geniza periodically and to bury them at a cemetery, so of course commonly there are not that many items in a Geniza unless it was not forgotten. Hence the term Geniza itself does indicate not quantity but quality of findings, namely if the finding was deliberately hidden under a floor board, in a niche and so on. That obviously was the case in the attic of the former Tahara of the Kriegshaber cemetery.
Since there was no professional scientific examination and inventory so far it is of course more appropriate to expect further findings under the roof of that 285 year old building – which by the way by far is one of the oldest preserving in Kriegshaber and Pfersee. The local and stately monument conservator, the community and museum were informed and so we should hope the best for the preservation of the Jewish heritage. The prayer book itself contains at least some prototypes for that. In recent decades many Geniza findings were made especially in Southern Germany, for instance in the Lower Franconian small town of Veitshoechheim (1994).

The video shows all items Mr. Mills had presented us just a minute ago in front of the house. Mrs. Rosenblatt who actually was born in the Israeli harbor town of Haifa fortunately speaks good Hebrew and also is used to the content of orthodox Hebrew prayer books.  She was offhandedly ready and willing to present the book to my camera, to describe and to read from it so that I may film it for the purpose of our documentation of the cemetery and its history. Since it may be unclear for a longer time what will happen to the finding and when it will be accessible to what kind of public it was the best decision and we are very grateful that Mr. Rosenblatt helped us to document this.

The Sidur itself is in the Ashkenazi (the medieval Hebrew term for Germany) and Polish tradition (מנהג) and was printed in Amsterdam.  There will be a further more detailed description in the near future.

Video: ( just click the link and start the player at vidup.de )

Naomi Rosenblatt reads from the Krieg… | Vidup.de high quality video upload

Naomi Harris Rosenblatt aus Washington D.C. ist Psychotherapeutin und Autorin zu Themen über Frauen in der Bibel und verheiratet mit dem Rechtsanwalt und früheren US-Botschafter Peter R. Rosenblatt. Beim Besuch mit uns auf dem Friedhof, um nach Gräbern der zahlreichen schwäbischen Vorfahren ihres Mannes zu sehen, machte uns Richard Mills der neue Mieter des ehemaligen Tahara Haus (wo die Leichen gewaschen, aufgebahrt und für sie gebetet wurde) darauf aufmerksam, dass er beim Verlegen von Leitungen Tage zuvor auf dem Dachboden des Hauses unter den Dielen einige Funde gemacht hatte. Zusammen mit einigen Ampullen oder Fläschchen entdeckte er ein altes jüdisches Buch unter dem Boden. Obwohl er die hebräischen Buchstaben nicht als solche identifizieren und das Buch nicht lesen und auch nicht herausfinden konnte, welche Art von Buch es ist, wurde ihm doch bewusst, dass es sich um ein sehr altes, seltenes und wohl auch wertvolles Exemplar handeln musste. Da auch der ehemalige Friedhofspfleger Hermann Felber (bis 1980) vor Jahrzehnten bereits ein hebräisches Andachtsbuch für Trauer und Beerdigung auf dem Dachboden entdeckte, sprechen alle Anzeichen dafür, dass auf dem Dachboden und unter dem Dach des ehemaligen Tahara Haus eine Art Geniza zu erwarten ist.

Der hebräische Begriff Genisa oder: Geniza (גניזה) bedeutet wörtlich “Schatz” und ist ein Abstellraum für abgenutzte hebräische Bücher und Papiere mit religiösen Bezügen, der benutzt wird, da es verboten ist, Schriften wegzuwerfen, in denen der Name Gottes im Hebräischen genannt ist, um nicht das Gebot den Gottesnamen zu missachten zu übertreten. Die bekanntesten Geniza der Welt ist zweifellos jene in Alt-Kairo (Fustat), wo Jacob Saphir 1864 in der alten Ben Esra Synagoge fast 200.000 Dokumente aus der Zeit von 860 bis 1.860 entdeckte. Das ist aber natürlich kein Maßstab für die übliche Verwendung einer Genisa, da üblicherweise die angesammelten Inhalte einer Genisa dort nur angesammelt wurden, um sie in regelmäßigen Abständen auf einem geeigneten jüdischen Friedhof zu bestatten. In aller Regel sind in einer Geniza also nicht hunderte oder gar tausende von Fundstücken zu erwarten, insofern sie nicht aus welchen Gründen auch immer vergessen wurde. Daher definiert sich der Begriff Geniza auch nicht über die Quantität, sondern über die Qualität der Funde, die bewusst in einem sonst unzugänglichen Teil, etwa unter einem Fußboden oder in einer Nische versteckt sein müssen. Dass nun war im Dachgeschoss des ehemaligen Tahara Hauses am jüdischen Friedhof von Kriegshaber und Pfersee augenscheinlich der Fall. Da es dato keine professionelle wissenschaftliche Prüfung und Bestandsaufnahme des Fundes und der Fundsituation gibt, aber umfangreiche Baumaßnahmen des neuen Mieters im Gange sind, ist es natürlich sinnvoller, weitere Funde unter dem Dach des 285 Jahre alten Gebäude (übrigens bei weitem eines der ältesten erhalten in Kriegshaber und Pfersee) zu erwarten. Die lokalen und staatlichen Denkmalpfleger; Gemeinde und Museum wurden informiert und so sollten wir das Beste hoffen für den Bestand und Erhalt des jüdischen Erbes – wofür zumindest das Gebetbuch selbst eine Reihe von Textvorlagen bietet. In den letzten Jahrzehnten viele Geniza Ergebnisse wurden vor allem in Süd-Deutschland, zum Beispiel in der unterfränkischen Kleinstadt Veitshöchheim (1994).

Das Video zeigt nun alle Gegenstände die Herr Mills uns gerade erst vor dem Haus präsentiert hatte. Frau Rosenblatt, die in der israelischen Hafenstadt Haifa geboren wurde spricht glücklicherweise gut Hebräisch und ist, wie sich zeigte zudem auch mit dem Inhalt orthodoxer hebräische Gebetbücher vertraut. Sie war gerne und spontan dazu bereit, das Buch für die Kamera zu präsentieren, zu beschreiben und daraus zu lesen, um das Sidur auf diese Weise für unsere Dokumentation des Friedhofs und seiner Geschichte zu filmen. Da auf unabsehbare Zeit wohl unklar bleibt, was mit dem Fund passiert, wann und wo er einer wie gearteten Öffentlichkeit in welcher Weise präsentiert und zugänglich gemacht wird, war unsere spontane und unmittelbare Aufzeichnung vielleicht die zunächst beste Weise von der Existenz des Fundes und der Qualität etwas zu vermitteln.
Das Sidur selbst ist in der aschkenasischen (die mittelalterliche hebräische Bezeichnung für Deutschland) und polnischen Tradition (מנהג) und wurde in Amsterdam gedruckt.
Unser Dank gilt Herrn Mills für die Bewahrung des Fundes und Frau Naomi Rosenblatt für ihre Bereitschaft den Fund angemessen zu dokumentieren.


US Botschafter Peter Rosenblatt auf den Spuren seiner schwäbischer Vorfahren

June 6, 2010

Der frühere US-Botschafter und außenpolitische Berater von US Präsident Barack Obama Peter Rosenblatt aus Washington D.C. besuchte uns kürzlich mit seiner Frau Naomi Harris Rosenblatt in Augsburg und begab sich mit uns auf die Spurensuche nach der langen Geschichte seiner Vorfahren in Bayerisch-Schwaben. Sein mütterlicher Urgroßvater Isidor Untermayer (1811-1860) wanderte 1841 nach Lynchburg, Virginia aus, wo er dem Ruf seines mütterlichen Cousins Salomon Guggenheimer aus Hürben (Krumbach) folgte. Isidors Mutter Jette Guggenheimer (1771-1839) stammte gleichfalls aus Hürben, war aber zu ihrem Mann den Metzgermeister Isaak Mayer Untermayer (1761-1838) nach Kriegshaber gezogen, wo sie unweit der Synagoge ein Haus mit Ladengeschäft besaßen. In Virginia änderte der junge Immigrant die Schreibweise seines Namens in Isadore Untermyer und heirate die gleichfalls aus Hürben stammende Therese Landauer (1827-1895). Nachdem Isadore für die Südstaaten am Amerikanischen Bürgerkrieg teilnahm und früh verstarb zog die Witwe mit den Kindern nach New York City, wo die Guggenheimer und Untermyer als Anwälte zu Ruhm und Ansehen kamen. Samuel Untermyer (1858-1940), in Virginia geborener Sohn von Isidor und Jette war einer der Mitbegründer der US Notenbank Federal Reserve und einflussreicher Berater verschiedener US Präsidenten, engagierter Zionist und entschiedener Gegner der Nazis in Deutschland. Peter Rosenblatt nun ist der Enkel von Samuel Untermyers Schwester Addie, welche den späteren US Diplomaten Laurence Steinhart ehelichte, der u.a. US Botschafter in der Sowjetunion zur Zeit des Hitler-Stalin-Paktes und in der Tschechoslowakei während der Benesch-Dekrete war.

In Kriegshaber sind von den Grabsteinen der Untermayer-Familie nur wenige Bruchstücke erhalten geblieben. Interessanterweise sind es aber gerade Überreste der Grabplatte seiner mütterlichen Urgroßeltern die die Zerstörungen der letzten 170 Jahre überdauerten, während die meisten anderen Untermayer-Grabplatten zerstört wurden.  Sie befindet sich eingemauert im Monument neben dem Eingang des Friedhofs, welches der verbreiteten Legende gemäß nach dem Krieg von amerikanischen Soldaten aus herumliegenden Grabsteinen zusammengebastelt worden sein soll, als Mahnmal für die Toten des Holocausts. Tatsächlich waren es jedoch deutsche Steinmetze der schwäbischen Bildhauer- und Steinmetzinnung, die erstaunlich passgenau und ohne Reste das Monument zusammensetzten. Sechzig Jahre später ist zumindest diese eine Inschrift noch sichtbar und zu rekonstruieren – es ist zu vermuten, dass die Inschriften der anderen Steine mit der Schriftseite in das Dokument eingefügt wurden. Überraschend ist, warum die vorhandene Inschrift in den Jahrzehnten vor der Dokumentation des JHVA niemanden aufgefallen war, obwohl davon ausgegangen werden muss, dass der Erhaltungszustand der Inschrift 1945 sicher besser gewesen sein muss als nun 2010. Glücklicherweise ist nun aber nicht nur die Grabplatte teilweise erhalten, sondern auch der Grabplatz von Peter Rosenblatts schwäbischen Urgroßeltern bekannt, weshalb der Botschafter verständlicher Weise anregte, dass beides zusammengefügt werden sollte, um eine Erinnerung an seine Vorfahren am Platz ihres Begräbnisses zu ermöglichen.

Wir konnten den Rosenblatts zahlreiche weitere Verwandte am Friedhof aufzeigen, wie etwa die Kahns aus Steppach. Bei den Kriegshaber Untermayer wie bei den noch zahlreicher vertretenen Obermayer aus Kriegshaber handelt es sich um Seitenzweige der alteingesessenen Ulmo-Familie aus Pfersee, deren charakteristische Gräber einen größeren Anteil des ältesten Teils des  Friedhofs belegen. Folglich vergrößert sich entsprechend auch die Anzahl der direkten Vorfahren des Botschafters auf dem Gräberfeld an Hooverstraße. Nicht anders verhielt es freilich beim Besuch in Hürben. Wie unser Führer Herr Herbert Auer erläuterte, sind die Familien Guggenheimer und Landauer – Töchter beider verheirateten sich mit Kriegshaber Untermayers – auf dem dortigen Friedhof dominierend, weshalb auch hier die über Generationen reichende Verwandtschaft umfangreich und beeindruckend ist. In Kriegshaber und Huerben besuchten wir noch die ehemaligen Wohnviertel und Häuser der Guggenheimer, Landauer und Untermayer, sowie die jeweiligen Überreste der früheren Synagogen. Peter und Naomi Rosenblatt zeigten sich sehr beeindruckt und fasziniert von der Vielzahl der Informationen, aber auch von der oft schlichten Schönheit der Landschaft und der in Hürben in gelungener Weise restaurierten ehemaligen Wohnhäuser.

photos (c) by jhva (Margit Hummel, Yehuda Shenef)


“Jüdische Familien aus Pfersee und Kriegshaber”

October 2, 2008

 Vortrag:

„Grabsteine erzählen Orts- und Familiengeschichten“

Geschichten berühmter schwäbischer jüdischer Familien aus Pfersee, Kriegshaber und Augsburg und ihrer Nachkommen

Dienstag 28.10.08, 19.30 Uhr

Kath. Thaddäus-Zentrum

St. Wolfhard-Haus Madisonstr. 12

 


Artikel: “Ein bedrohtes Weltkulturerbe am Stadtrand”

August 13, 2008

     

Der Artikel stammt bereits aus dem Oktober 2007, konnte aber wegen redaktioneller Umstellungen erst im Heft 2/2008″ des EURO-Journal / pro management” erscheinen.

Besten Dank an Herrn Verbata auch an dieser Stelle.


Bilder der Veranstaltungen zum Jüdischen Friedhof Kriegshaber

June 19, 2008