Kriegshaber Synagogue ornament

March 4, 2014

interior door ornament of the former Torah ark at Kriegshaber synagogue

kriegshaber synagoge ornament(adapted blue-white version)

ארון קודש

Ornament im Tora-Schrein der alten Synagoge von Kriegshaber (adaptiert weiß-blaue Version)

Synagoge Kriegshaber Tora Schrein Ornament Türunrestaurierter Tora-Schrank im Januar 2012

ארון קודש


כי נר מצוה ותורה אור

October 11, 2012

 

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כי נר מצוה

ותורה אור

(6.23 משלי)

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the commandment is a lamp

and the Tora is a light

(Proverbs)

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das Gebot ist eine Lampe

und die Tora ein Licht

(Sprüche)

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Verlorene Orientierung

February 19, 2010

synagogue of kriegshaber - detail

The Thora – Ark of the former Synagogue of Kriegshaber, Ulmerstr. 228, which is (same as in Augsburg or Munich and other than the former synagogue of Pfersee) oriented strictly to the East (Vienna, Budapest or Teheran) and not towards Jerusalem. Obviously a typical “lost in translation” – mistake on the basis of  Mizrach orientation plates used by Sephardi Jews in Northern Africa to indicate the praying direction towards Jerusalem in the household. In Middle Europe of course this custom is senseless and stupid, since Jerusalem now isn’t in the exact East, but rather sourtheastern direction. From South Bavaria, for instance Augsbur or Munich towards East you will pray to Teheran or Kabul.

torah ark synagogue of Kriegshaber

Der Thoraschrein – Erker auf der Ostseite der bis 1942 von der jüdischen Gemeinde in Kriegshaber benutzten ehemaligen Synagoge in der Ulmerstr. 228 –

Ausgerichtet ist er strikt nach Osten, und damit nicht Richtung Jerusalem, wie es sein sollte, sondern Richtung Wien, Baku oder Kabul. Dieser Fehler ist in vielen moderneren Synagogenbauten zu beobachten, so auch in der Augsburger Synagoge in der Halderstr. von Landauer und Lömpel aus dem Jahr 1917.

Die Erklärung für diese verloren gegangene und in der Aktalität auch nicht wiedergefundene Orientierung ist der, in sefardischen Familien Nordafrikas gebräuchliche “misrach”, ein oft kalligraphisch und mit Ornamenten geschmückter Zettel mit dem Wort “misrach” für Osten, der an der Zimmerwand im Heim die Gebetsrichtung nach Jerusalem anzeigte. Aus der Perspektive von Nordafrika ist das verständlich und sinnvoll, da Jerusalem tatsächlich im Osten liegt. In Mittel- oder Nordeuropa führte der Misrach jedoch in die Irre, da Jerusalem nun je nach dem deutlich mehr süd-östlich als strikt im Osten liegt.

Erstaunlicherweise kannten die meisten Erbauer mittelterlicher Synagogen in Europa dieses Orientierungsproblem nicht. Die Synagogen in Worms oder Augsburg waren wie später auch noch die  Synagoge von Pfersee in der Region exakt auf Jerusalem ausgerichtet. In Kriegshaber aber klappte das schon nicht mehr – und ob der in den 1840ern geplante Neubau auf der anderen Straßenseite dies anders gehandhabt hätte, ist fragleich. Die geplante orientalische Fassade allein, wäre kein ausreichendes Indiz, wie der Blick in die Region belegt. Aber auch in Augsburg, wo man ein freies Baugelände zur Planung und Ausführung hatte, klappte es nicht, ebensowenig wie zuletzt beim Bau der neuen Synagoge “Ohel Jakow”  in München am Jakopsplatz wo es noch nicht mal die Notwendigkeit gab, die Außenfassade an eine Straßenführung anzupassen und somit jede Ausrichtung freistand. Aber die synagogale Architektur der europäischen Neuzeit hat oft anderes im Sinn, als zumindest den grundlegenden Erfordernissen zu entsprechen. Selten haben in der Neuzeit deutsch-jüdische Bauherren etwa bei ungünstigen Grundstückslage ihren Synagogenbau so konzipiert, dass er trotzdem dem Erfordernis der passenden Ausrichtung entsprach, etwa das bemerjenswerte Beispiel von Leipzig.

Der Architekt Daniel Libeskind, der demnächst in Augsburg geehrt werden soll, wird auch mit dem Neubau einer weiteren Synagoge in München in Verbindung gebracht, die der neu gegründeten “liberalen” Gemeinde gehören soll. Immerhin haben sie – vor Planungs- und Baubeginn – die noch theoretische Chance, ihr Vorhaben passender auszurichten.

 towards Kabul instead of Jerusalem Orientation of Synagogue Augsburg (on the basis of Google Earth)

misrach Hürben

Scherenschnitt – Misrach aus der rekonstuierten Sucka des Heimatmuseums in Hürben / Krumbach.

אם־אשכחך ירושלם תשכח ימיני׃

“The more you know who you are, and what you want, the less you let things upset you.” (Bob Harris/ Bill Murray: Lost in Translation”)

praying towards Kabul

Ausrichtung der neuen Synagoge am Sankt Jakobs – Platz in München nach –> Baku und Kabul


Der Status der Juden im Augsburger Stadtrecht von 1276

August 17, 2008

Anders als das Stadtrecht von 1156, das älteste in Deutschland, ist das „Stadtbuch“ von 1276 in deutscher Sprache verfasst. Es ist eine der ältesten mittelhochdeutschen Urkunden und eine wahre Fundgrube für alle, die Rechtsgeschichte oder die schöne Sprache studieren. Es mutet deshalb etwas seltsam an, dass das Dokument bis heute noch nicht vollständig ins Hochdeutsche übertragen wurde. Erst 1872 erschien eine Druckausgabe des handschriftlichen Textes, die jedoch nur Anmerkungen, aber keine Übersetzung bietet. Die städtische Verfassung war unter Rudolf von Habsburg entstanden und von einem vierköpfigen Gremium städtischer Räte ausgearbeitet, das auch Geistliche zu Rate zog. Sie verfügten mit kaiserlicher Zustimmung eine Vielzahl von Bereichen wie Zoll, Steuern, Anordnungen über die Nutzung von Gewässern, Wegen, Münz-, Prozess- und Strafrecht. Als Berater für das Judenrecht stand allem Anschein nach Rabbi Meir zur Seite, von 1246 bis 1250 selbst Rabbiner in Augsburg und in jener Zeit als Reichsrabbiner bevorzugter Adressat von Kaisern, Königen, Bischöfen und Stadtoberen im ganzen Reich war. Einige der Verfügungen lassen seinen Einfluss deutlich erkennen.

 

Ein Verständnis der Bestimmungen über den Rechtsstatus der Juden in Augsburg ist im zeitlichen Abstand von über siebenhundert Jahren nicht ohne weiteres möglich. Zudem ist es undenkbar, das „Judenrecht“ aus dem Kontext der vielgestaltigen Gerichtsbarkeit als singuläres Element herauszulösen, da dies unweigerlich zu den verschiedensten Missverständnissen und Fehlurteilen führen muss. Man kommt deshalb nicht umhin, einige grundlegende strukturelle Voraussetzungen der innerstädtischen Machtverhältnisse auszuführen. Obgleich die Reichstadt der kaiserlichen Hoheit unterstand, fungiert der Bischof als formeller Gesetzgeber, während der Gesetzeskodex andererseits tendenziell auch ein Instrumentarium darstellt, die Macht des Bischofs zu beschränken und die Bürgerschaft zu stärken.

 

Die Rechts- und Prozessfähigkeit

 

Allgemein gesprochen konnte jede Person als Streitpartei rechtsfähig sein, mit Ausnahme von Geächteten, Mönchen und Leibeigenen. Letztere galten als „Sachen“, für die sich ihr Eigentümer zu verantworten hatte. Prinzipiell galt das Recht also für alle „Bürger“, nicht zu verwechseln mit (bloßen) Einwohnern, denn als Bürger galt nur, wer auch Steuern entrichtete. Habenichtse schloss dies aus und Auswärtige betraf es nur, solange sie sich vor Ort befanden. Andernfalls mussten Prozesse gegen sie an ihrem heimischen Gerichtsort angestrebt werden.

 

Von der Rechtsfähigkeit unterschied sich freilich nochmals die Prozessfähigkeit, die Grundlage dafür war, als Prozesspartei vor einem Gericht aufzutreten. Letzteres setzte die Mündigkeit einer Person voraus, die nach unterschiedlichen Angaben im Stadtbuch im Alter von 13 bis 15 Jahren einsetzte. Dies betraf freilich nur männliche Personen. Knaben unter diesem Alter wurden von ihren Vätern vertreten. Frauen jedoch unterlagen zeitlebens einer sog. „Geschlechtervormundschaft“ und waren deshalb prinzipiell nicht prozessfähig.

 

Das Augsburger Stadtrecht stellte Frauen damit Knaben unter 13 Jahren oder „Toren“, also Schwachsinnigen gleich. Neben ihnen waren ganz allgemein auch die Dienstmänner als „Huber“ und „Grundholden“ weltlicher oder „Zinsleute“ geistlicher Herren von der Prozessfähigkeit ausgeschlossen. Für sie nahmen ihre Herren vor Gericht Stellung. Jüdische Hausbesitzer hingegen besaßen das Bürgerrecht.

 

Die komplexe Gerichtsbarkeit der Stadt unterteilt sich in mehrere Gerichtsorte und Instanzen, die sich je nach Begebenheit oder Sachverhalt einander bedingten oder aber einander ausschließen konnten. Sie spiegelten die geteilten Machtverhältnisse in der Stadt wieder, die zwischen geistlichen und weltlichen Herrschern, ihren jeweiligen Vertretern und den Stadträten zu keinem Zeitpunkt unumstrittenen war. So ist als scheinbarer Kompromiss das städtische Gericht bereits zweigeteilt, nämlich in das des bischöflichen Burggrafen und in jenes des königlichen Vogtes.

 

Neben diesen „weltlichen“ Gerichtsinstanzen gab es ein geistliches Gericht – das   „Capitel“ oder Chorgericht – mit dem Bischof selbst als Gerichtsherrn, der sich in der Regel freilich von seinem Offizial vertreten ließ. Das Capitel war fast ausschließlich für Kleriker oder religiöse (also innerkirchliche) Streitfragen und das Eherecht zuständig, daneben aber auch für Pfandgeschäfte und Wucher. Als Inhaber des Münzregals waren die Bischöfe schließlich auch allein berechtigt, den Handel mit Silber zu betreiben oder Münzen herauszugeben, einzuziehen und verhandelten alles, was damit in Berührung stand.

 

Der Begriff der Gleichberechtigung ist ein moderner und hat in der Welt des Mittelalters weder eine Entsprechung noch überhaupt eine Grundlage. Die heute selbstverständliche Auffassung alle Menschen seien vor dem Gericht gleich, wozu wir mehr als nur Ansätze in der Bibel finden, spielte in der mittelalterlichen Welt keine Rolle. Sie existierte gar nicht und hätte die damaligen Menschen zumindest sehr beunruhigt oder völlig überfordert. Im Gegensatz dazu legte man äußersten Wert auf Sonderrechte und Vorzüge, die man entweder als einzelne Person, als Familie oder Gruppe in Form von Freibriefen verliehen bekam. Solche Sonderrechte genossen verschiedene Parteien oder Personen, etwa Adelige, Händler oder Geistliche, die ja teilweise auch heute noch der geltenden Rechtsnorm entsprechen. Wie Klöster oder Kaufleute genossen auch Juden Sonderrechte.

 

 

Grundlagen des jüdischen Rechts

 

Auf das Jahr 1090 bereits geht das Rechtsstatut der Kammerknechtschaft Heinrich IV. zurück, welches zunächst die Rechte der jüdischen Gemeinde von Worms definierte und deshalb auch gelegentlich als Wormser Privileg bezeichnet wird. Die darin getroffenen Regelungen garantierten den Juden Schutz von Leben und Eigentum, Freiheit in der Ausübung ihrer Religion, das Recht des freien Handels und der Beschäftigung christlichen Hauspersonals, nebst der Autonomie in der innerjüdischen Rechtssprechung. Für Streitfälle zwischen Juden und Christen wurden hingegen Verfahrensregeln festgelegt. Im Jahre 1236 bestätigte Friedrich Barbarossa das Wormser Privileg und erklärte es für alle Juden und -gemeinden im Reich für rechtsgültig. Die Juden nannte er in diesem Rechtsdokument servi camerae nostri, wörtlich also „Diener unserer Kammern“.

 

 

Das wesentlichste Merkmal des Augsburger Judenrechts im Stadtbuch von 1276 ist zunächst die formelle Anerkennung der eigenen, unabhängigen Rechtssprechung der Juden in der Stadt nach dem Grundsatz des Wormser Privilegs und dessen Fortschreibung. Immer wieder betont das Augsburger Stadtrecht deshalb ganz beiläufig, dieses oder jenes sei nach dem jüdischen Recht zu entscheiden. Das Augsburger Bet Din verfügte also über eine weit reichende Souveränität in der Jurisprudenz, die sie befugte alle innerjüdischen Angelegenheiten, insofern sie nicht Kapitalverbrechen betrafen, völlig autonom zu entscheiden. Entsprechend erspart es sich das Stadtrecht auch, darauf in irgendeiner Weise inhaltlich Bezug zu nehmen und zitiert deshalb keinerlei Bestimmungen des umfangreichen rabbinischen Gesetzes. Ähnlich verhält es sich aber freilich mit den Rechtsstatuten des Burggrafen oder des Vogtes, die gleichfalls eine eigene Gerichtsbarkeit in der Stadt unterhielten. Auch deren Bestimmungen werden nicht zitiert, sondern wie die der Klöster fraglos als gegeben vorausgesetzt.

 

Neben diesen äußeren Faktoren waren für den Rechtsstatus der Juden selbstverständlich auch innerjüdische ausschlaggebend. Die verbindlichen Grundlagen des rabbinischen Rechts sind die Bestimmungen der Thora, also der Gesetze der ersten fünf Bücher der Bibel. Darin finden sich neben den allgemein bekannten zehn Geboten insgesamt 613 Gebote und Verbote.

 

Eines davon legt bereits dort die Grundlage für die späteren Rabbinatsgerichte: „Handle nach den Weisungen und den Rechtsentscheiden, die sie (die Richter) dir erteilen und weiche von ihren Bestimmungen nicht ab, weder nach links noch nach rechts.“[1]

 

Das rabbinische Bet Din setzte sich aus einem Rat zusammen, dem mehrere Dajanim angehörten. Da Urteile von Einzelrichtern zu keiner Zeit Rechtsgültigkeit besaßen, betrug die minimale Anzahl in kleineren Gemeinden drei Richter. Die ungerade Zahl war indes vorgeschrieben, um bei gegensätzlichen Auffassungen eine Mehrheitsentscheidung zu ermöglichen. Große Gemeinden orientierten sich an der entsprechenden Vorgabe des Talmuds und bestanden aus 23 Richtern, dem Kleinen Sanhedrin.

 

Richter konnte jedoch nur ein Rabbiner werden, der sich in seiner Ausbildung hinreichend spezialisiert hatte und der nach seiner Wahl durch die Gemeinde entsprechend den hohen Anforderungen durch die Smicha würdig im Amt bestätigt wurde.[2]

 

 

 

 

[1] Sefer Dwarim, 5. Buch Moses 17.11

[2] Die Anforderungen an einen Richter hat unter anderem Mosche Ben Maimon (Rambam, 1134 – 1205) ausführlich beschrieben: Jeder Richter soll weise und einfühlsam sein, erfahren und gelehrig im Gesetz. Darüber hinaus soll er über eine umfangreiche allgemeine Bildung in der Medizin, Astronomie und Mathematik verfügen und die Methoden der Zauberei und über die verschiedenen Formen des Götzendienstes unterrichtet sein, um entsprechend urteilen zu können. Als sieben grundlegenden Eigenschaften des Richters galten Weisheit, Genügsamkeit, Gottesfurcht, Verachtung von Reichtum, Wahrheitsliebe, Menschenliebe und schließlich ein guter Name. Spielen um Geld und Geldverleih gegen Zinsen disqualifizieren vom Richteramt. War er mit einer Streitpartei verwandt, darf er aus Gründen der Befangenheit nicht Recht sprechen. In seiner Urteilsfindung musste er alle Seiten gleichermaßen anhören und sich weder von der Armut noch vom Reichtum eines Menschen in seinem Urteil trüben lassen. Selbstverständlich durfte er deshalb auch keinerlei Vergünstigungen oder gar Bestechungen annehmen und auch keiner weiteren von anderen abhängigen Arbeit nachgehen. Er musste nicht nur Recht sprechen, sondern auch dafür Sorge tragen, dass es umgesetzt und allgemein erkenntlich wurde. Jeder Richter war verpflichtet zu prüfen, ob die anderen Richter fachlich qualifiziert sind. Kein Richter durfte mit einem anderen zusammenwirken, den er verachtete. Auch durfte er sich seiner richterlichen Verantwortung nicht dadurch entziehen, dass er sich grundlos dem Urteil anderer anschloss, um ein Verfahren zu verkürzen. Und dergleichen mehr…(siehe: Mischne Thora)



Kein Konflikt zwischen Judentum und Naturschutz

July 30, 2008

 

Im Zuge unserer Bemühungen zur Säuberung, Pflege und Restaurierung des Jüdischen Friedhofs zu Kriegshaber wurden seitens der Anwohner Bedenken laut, dass der Baumbestand des Friedhofs einem Kahlschlag zu Opfer fallen könnte. Bei einem gemeinsamen Treffen mit dem Beirat der Anwohner konnten wir diese Befürchtungen als unbegründet ausräumen. Die Zusammenkunft am 24. Juli 2008 im Gemeindezentrum von St- Thaddäus an der Madisonstraße hatte Pfarrer Groll organisiert, wofür wir ihm herzlich danken. Neben den Anwohnern und Vertretern des JHVA erschien auch Herr Engelhard vom städtischen Grünamt der Stadt Augsburg, wegen seiner fachkundigen Informationen für die Anwohner, und für die “Augsburger Allgemeine” Zeitung Frau Karen Eva Noetzel, die wir beide dazu eingeladen hatten.

In unserer geschichtlichen Dokumentation des Friedhofs ergab sich ein ganz klares Bild. Die Umgebung des Friedhofs war über Jahrhunderte hinweg ein freies, unbebautes kärglich fruchtbares Gelände ohne jeglichen Baumbestand. Noch bis in die 1930er Jahre gab es um den Friedhof herum sog. Halbtrockenrasen, der nur einmal jährlich eine Heuernte, die Mahd ermöglichte. Danben befand sich seit den 1800er Jahren ein militärisches Gelände mit einem Kugelfang für Schießübungen und dergleichen. Erst unter US-amerikanischer Besatzung entstanden um den Friedhof herum Wohncontainer für die Unterbringung von Soldaten und ihrer Familien. Sie bilden heute die Wohnanlagen der Nachbarschaft.

 

Es ist uns völlig verständlich, dass die Anwohner des jüdischen Friedhofs das Gelände auch von außen als eine Art „grüner Lunge“ in ihrer ansonsten immer dichter bebauten und verkehrs- aber wenig abwechslungsreichen Umgebung schätzen. Wir verstehen voll und ganz, dass sie sich darum sorgen, dass der Baumbestand am Friedhof gefährdet ist. Und in der Tat, er ist es.

 

Als historischer Verein ist der JHVA selbstverständlich der Dokumentation und Bewahrung des Erbes der jüdischen Kultur und dem Gedenken an die jüdischen Menschen, die hier Jahrhunderte lebten verpflichtet. Wir sind deshalb natürlich in erster Linie daran interessiert und der Aufgabe verpflichtet, jeden Grabstein, jedes Fragment, jeden Buchstaben zu retten und zu bewahren. Jedoch bedeutet dies nicht, dass wir dem Naturschutz in irgendeiner Weise ablehnend gegenüberstünden.

Das Gegenteil ist der Fall.

 

Einige grundsätzliche Standpunkte der jüdischen Religion, die in der heutigen Zeit der Verstädterung zugegeben immer weniger Beachtung finden, erläutern dies selbstredend.

 

Schon der Mensch selbst – hebräisch adam – findet sein sprachliches Gegenstück in adama, was wörtlich Erde bedeutet. Der Mensch und die Erde – adam ve-adama – bilden deshalb ein Paar im Angesicht Gottes.

  

 Die Lehren des Judentums beinhalten nicht nur das älteste Lebensmittel-, sondern auch das älteste Naturschutzrecht. Dies beginnt bereits im ersten Buch der Bibel mit dem Gan oder Garten Eden als Sinnbild des vollkommenen, mühelosen irdischen Lebens inmitten einer befreundeten Natur. Es ist kein Zufall, dass in dieser Geschichte der Thora Bäume als Quell des Lebens und der Erkenntnis aufgezeigt werden. In der Thora finden Juden das Verbot selbst im Kriegsfall Nutzbäume zu fällen. D.h. der Naturschutz wird höher bewertet als möglicherweise entscheidende Erfolge im Krieg. Allgemeiner bekannt ist auch das biblische Gebot des Schmitta-Jahres, sozusagen als Schabbat-Jahr für die Natur, die sich wie der Mensch am siebten Tag im siebten Jahr von ihrer Arbeit und Mühe erholen soll. Schließlich feiert man heute in Israel und zunehmend auch im Rest der Welt, das alte talmudische vom modernen Zionismus wieder aufgegriffene Neujahrsfest der Bäume – rosch ha-schana ha ilanot – mit der Anpflanzung neuer Bäume. Ganze Wälder sind auf diese Weise in den letzten Jahrzehnten in Israel neu entstanden, zum Nutzen von Menschen und Tieren.

 

Es wird deshalb auch nicht verwundern, dass im jüdischen Gebetbuch, dem Sidur gleich nach der Thoralesung die Thora selbst als Baum des Lebens bezeichnet wird: „HaThora … Etz chajim hi le-macha-sekim ba…”.“Die Thora ist ein Baum des Lebens für jene, die sich an sie klammern.“

 

Im Judentum bezeichnet man Friedhöfe häufig auf Hebräisch als Bet Chajim oder Bet Olam. Bet Chajim lässt sich je nach Auffassung als „Haus des Lebens“ oder schlicht als „Leben“ übersetzen. Das ist kein Euphemismus, um von den Toten abzulenken, da nach jüdischer Auffassung auf einem Friedhof eigentlich nichts von den Toten und dem Gedenken an sie ablenken soll. Der Begriff besteht wegen der Nähe und der Einbettung der Grabstätten in die Natur. Und die lebt und soll leben. Bet Olam wiederum wird mit „Haus der Welt“ oder schlicht „Welt“ übersetzt, wobei das zugrunde liegende Verb ala, ola wörtlich aufsteigen, wachsen, emporwachsen bedeutet. Schon sprachlich also ist die „Welt“ im Judentum deshalb „das Wachsende“, also begrifflich, das was wir lateinisch „Natur“ nennen. Über Juden die bestattet werden spricht man deshalb auch das biblische Wort „Erde zu Erde und Staub zu Staub“, bzw. „Staub warst und Staub wirst du wieder“. (…ve-afa taschuw)

 

Für uns Juden ist der Friedhof auch ein Vorgeschmack auf die künftige Welt – ha-olam haba – und damit auf den Garten Eden. Denkmalschutz und Naturschutz können also in der Perspektive des Judentums keine Gegensätze sein und stehen deshalb grundsätzlich in keinem Konflikt.

 

Ganz allgemein lässt sich sagen: Das talmudische (oder christlich gesprochen: das pharisäische) Judentum ist nicht ideologisch, sondern durchweg pragmatisch und auf das menschenmöglich Machbare Bezogen. Der universelle Grundsatz dabei ist immer die Annahme, dass Gottes Gebote Nutzen bringen und nicht schaden. Das bedeutet, dass alles, was uns in dieser Welt begegnet durch das Gebot Gottes lösbar wird, wenn wir es verstehen, seinen Gehalt zu erfassen und umzusetzen. Es gibt deshalb keine Patentrezepte, sondern nur praktische Erfahrungswerte. Im Talmud heißt es, man urteile nicht über einen Menschen, wenn man nicht in seiner Sachlage ist und nicht über ein Problem, dessen Details man nicht kennt.

 

Für die Lage am Friedhof bedeutet dies, dass wir auch aus religiösen Gründen den Naturschutz ungefragt ernst nehmen, da wir unsere Gräber als Bestandteil der Natur verstehen und von nichts anderem ausgehen können und wollen.

 

Das grundlegende Problem am fast 400 Jahre alten Kriegshaber Friedhof ist die Vernachlässigung des Geländes in den letzten 90 Jahren. Mit Auflösung der thoratreuen Kriegshaber jüdischen Gemeinde im Jahre 1911 kam der Sinn für die Verantwortung abhanden. Zwar gab es in der Folge Generationen von Friedhofswärtern, die nach dem Rechten sahen, aber sie gestalteten das Gelände mehr und mehr im Eigennutz und kümmerten sich wenig. In den letzten Jahren geschah nicht mal mehr das Nötigste.

 

In der Folge wuchsen Efeu und Bäume wild und brachten endloses Gestrüpp hervor. Der Efeu nun bedroht nicht nur die Grabsteine der hier bestatteten Menschen, sondern auch die Bäume. Er nimmt ihnen das notwenige Licht und tötet jeden Baum, den er umschlingt, früher oder später ab, und raubt im Wurzelreich die notwenigen Nährstoffe, usw. Der Baum wird also sozusagen stranguliert. Schon Plinius der Ältere hat vor rund 1900 Jahren die gleiche Erfahrung gemacht: „Lässt du Efeu einfach wachsen, wird dein Garten irgendwann nur noch aus Efeu bestehen.“ (historia naturalis)

 

Grundsätzlich gehen wir, was die Bewahrung und Restaurierung der Grabsteine anbetrifft davon aus, dass man jeden einzelnen Fall gesondert betrachten und lösen muss. Wenn ein groß gewachsener – gesunder – Baum einen noch halbwegs intakten Grabstein in seiner Substanz bedroht, ist es sinnvoll und machbar, den Stein zu versetzen. Dies ist prinzipiell möglich. Handelt es sich um nachwachsende Sämlinge, die zwar jetzt keine Gefahr darstellen, aber nach weiteren zehn Jahren Gleichgültigkeit zu einer werden, so handelt man besser jetzt. Bereits zerbrochene Steine werden aber auch nicht wieder heil wenn man einen unversehrten Baum beseitigen würde, usw. Es ist also klar, dass in jedem einzelnen Fall, die gar nicht so gegensätzlichen Interessen des Denkmal- wie des Naturschutzes optimal berücksichtigt werden müssen, um jeweils die beste Lösung zu finden.

 

Jedoch sind kranke Bäume, die umstürzen eine Gefahr für Menschen und den Grabsteinbestand. Erst im März ist ein groß gewachsener maroder Baum nach einem Sturm umgestürzt und hat zum Glück keine Grabsteine beschädigt. Zum noch größeren Glück ist er auch nicht nach außen, sondern ins Gelände gestürzt.

Aber stellen wir uns vor, was wäre, wenn ein schadhafter Baum nach außen fällt, und etwa ein Auto beschädigt. Dass dabei auch Passanten oder spielende Kinder getroffen werden könnten, wollen wir uns – Gott bewahre – nicht ausmalen. Da der Grad der Baumschädigung zunimmt und die Anzahl der Stürme offenbar auch, gibt es ein objektives Problem, eine potentielle, reale Gefahr. Diese betrifft in allererster Linie die Anwohner des Friedhofs – aber sie betrifft auch den rechtlichen Eigentümer des Friedhofs, der haftbar wäre für entsprechende Schäden, da dies Fragen der „Verkehrssicherheit“ betrifft.

 

Herr Engelhard stellte fest, dass die Bäume von ihrer Substanz nichts besonderes und nicht schützenswert seien. Prinzipiell könnten sie alle gefällt werden, was natürlich nicht wünschenswert wäre – und auch nicht beabsichtigt ist. Ausgenommen sind der Baumverordnung nach Bäume, deren Umfang in einer Meter Höhe mindestens 80 cm beträgt. In diesen Fällen müsse der Eigentümer des Friedhofs eine Fällung eigens beantragen. Hinzu kämen rechtliche Fragen hinsichtlich der Vögelnistplätze. Das geltende Recht schreibt hier vor, dass Bäume beispielsweise nicht in der Brutzeit gefällt werden dürfen. Herr Engelhard nahm aber sehr erfreut zur Kenntnis, dass es zwischen den Interessen keinen wirklichen Konflikt gibt und sich die Sachlage im Einzelfall, so und so lösen lässt und für tatsächlich zu fällende Bäume auf geeignetem Gelände auch sinnvolle Neueinpflanzungen möglich sind.

 

Auch die Bewohner waren sichtlich erleichtert, dass die Missverständnisse gänzlich ausgeräumt und geklärt werden konnten. Jedoch machten sie uns auf aktuelle Bebauungspläne aufmerksam, die ggf. darauf hinauslaufen könnten, dass an der Ostseite des Friedhofs im alten Kraftwerk der US-Siedlung ein neuer Eigentümer ein Restaurant errichten könnte. Eine „Gaststätte zum Friedhof“ halten wir vom JHVA nicht für geschmackvoll und nur wenige Meter vom Friedhofsgelände auch nicht für wünschenswert, da dies unsere Bemühungen für den Erhalt des Friedhofs in der Tat abträglich sein könnte. Auch die Anwohner wollen in ihrer Nachbarschaft keine Lärmbelästigung, die zwangsläufig entstünde und so stellten wir am Ende unseres gemeinsamen Treffens fest, dass wir unsere Kräfte bündeln können.