Trommeln in der Nacht

June 22, 2016

Passend zur UEFA EM und den Sicherheitsdebatten drum herum:

Trommeln in der Nacht: zeitgenössische Szenarien frei nach Brecht

Yehuda Shenef

56 Seiten, ISBN-13: 978-3739-211-879

auch als ebook

Yehuda Shenef - Trommeln in der Nacht 2015

Im ursprünglichen Stück von Brecht ging es um Heimkehrer aus dem verlorenen Ersten Weltkrieg, die auf eine revolutionäre Stimmung in der Heimat stießen und vor diesem Hintergrund um die ganz privaten Verwicklungen in Sachen Glaube, Liebe, Treue und Zuversicht.

Die Adaption versetzt die Handlung in den Sommer 2014, als ein zum Islam konvertierter Heimkehrer aus dem Syrien-Krieg gleichfalls in letzter Minute zur geplanten Verlobung seiner Liebsten stößt, die ausgerechnet am Abend des WM-Endspiels von statten gehen soll.

Der Text wurde im Frühjahr 2015 als Wettbewerbsbeitrag für den seit 2005 jährlich verliehenen Literaturpreis des Bezirks Schwaben zum Motiv „In der Nacht“ eingereicht, wurde aber von der Jury nicht berücksichtigt.

Die Idee des Stücks, die Feier von Fußball-Spielen mit der Furcht vor Terroranschlägen durch Islamisten zu verknüpfen, war vor einem halben Jahr sicher noch etwas abwegiger, doch spätestens seit den Anschlägen von Paris und der Absage eines Fußball-Länderspiels in Hannover Mitte November 2015 leider kein bloßes Hirngespinst mehr.

ISBN-13: 978-3739-211-879


Arab-Israeli diplomat Georg Deek on Israel – Palestine conflict

November 3, 2015

If you are one of the “very few” people who are actually interested in the basic motives of the so called Middle East conflict (the big MEC) between Muslim Arabs and Jews/Israelis, here is Arab-Israeli diplomat George Deek, born from a Christian Palestinian family in Jaffa, who explains intelligibly and well-founded, what beside all headlines and arguements it is all about: …. the ability to accept otherness and diversity.

The title of the video is somewhat misleading since the talk quite more is on the underlying contrasts of the parties … However: have 90 worthwhile minutes of reflection, insight and understanding, which may also change your opinions on “the” conflict.

 


Jüdische Gemeinde in Kopenhagen forderte Polizeischutz

February 15, 2015

In Reaktion auf die Anschläge von Paris

Auch wenn man es wie Barack Obama (der jüngst in Bezug auf den koscheren Supermarkt in Paris von einem bloßen Zufall sprach -“random”) leugnet und nicht wahrhaben will, radikale Islamisten sehen in jüdischen Einrichtungen primäre Anschlagziele. Das war am Tag des Anschlags von Paris auch der kleinen jüdischen Gemeinde in Kopenhagen bewusst.

Mitteilung vom 13. Januar 2015 (afp):

Jüdische Gemeinde Kopenhagen fordert Polizeischutz nach Anschlag Januar 2015 Paris

sidder krudttønde

another random case?

* * *

Og nu er vi alle danskere? Eller jøder?

For ytringsfriheden? Mod grundløse islamofobi?


à la fin

January 11, 2015

Et à la fin

et à la fin nous sommes tout charlie

nous sommes tous Charlie


Je suis …

January 9, 2015

אני כשר - I am kosher je suis cacher

 

ich bin koscher twitter

 

אני צ'רלי העבדו - I am Charlie Hebdo Hebrew


Keine FIFA-WM in Qatar, stoppt Hamas in Gaza.

July 25, 2014

Der israelische Wirtschaftsminister Naftali Bennet weist in einem Interview mit dem britischen SKY-news völlig zurecht daraufhin, dass die Hamas und ihr Terror von Qatar finanziert wird und nicht mit der FIFA WM 20222 belohnt werden sollte. Wer Israels Verteidigung kritisiert solle drüber nachdenken, wie er selbst handeln würde, wenn man ihn permanent beschießt. Oder selbst den Job machen.

Übrigens kommen in Qatar hunderte Bauarbeiter um, beim Versuch Fußballstadien auf Sand zu bauen, wie im Frühjahr Menschenrechtsorganisationen ermittelten. Details darüber erfährt man nicht. Offenbar ist es gefährlicher von dort zu berichten als aus Gaza.

Israeli minister Naftali Bennet quite correctly pointed out that Hamas actually is financed by QATAR which in Europa at best is known as host of the FIFA world cup in 2022. However a regime which sponsors many terror groups hardly can be a host for an international football tournament.

Stop Qatar, stop Hamas.

 


Israel im Spiegel des statistischen Weltfriedens

May 1, 2014

Berlin Alexanderplatz Fernsehturm Weltzeituhr“Weltzeituhr” am Alexanderplatz, Berlin

Die Wahrnehmung Israels und der Nahostkonflikte im weltweiten Vergleich

In einer repräsentativ eingestuften, von der EU beauftragten Umfrage meinten 65 % der befragten Deutschen im Jahr 2003, Israel sei die größte „Bedrohung für den Weltfrieden“. Aus einer vorgegebenen Liste konnten die Teilnehmer mehrere Länder als entsprechend „gefährlich“ einstufen. Weit hinter dem „Favoriten“ Israel rangierten Nordkorea, der Iran, Irak und Afghanistan, gefolgt von den USA und Russland. Nach Staaten der EU wurde nicht gefragt, auch nicht nach Deutschland, Lichtenstein, dem Vatikan oder der Schweiz.

Das Ergebnis der Umfrage wurde damals und seit dem sehr kontrovers diskutiert. Meist in der Weise, warum es in Deutschland eine doch so hohe Bereitschaft gebe, Israel einseitig „an den Pranger“ zu stellen, oder aber, ob die “in der gesamten EU verbreitete Kritik” an „Israels Politik“ trotz mancher Überzogenheit nicht doch ein gewisses Quantum „Wahrheit“ beinhalte.

Nicht hinterfragt wurde jedoch das Motiv dafür, Israel, dessen Militär sich bislang nicht außerhalb der eigenen Grenzgebiete betätigte, in einer Frage nach dem „Weltfrieden“ aufzulisten, so als wären wenigstens Ansätze dafür erkennbar, dass der Judenstaat etwa Argentinien, West Sahara, Hongkong, Tibet, Tasmanien oder doch wenigstens Mekka und Medina erobern wolle, von der Rückeroberung Altona, Worms und Kriegshaber mal ganz zu schweigen. Wenngleich also sachlich eher fragwürdig, mag schon die Auflistung wie auch die „Wahl“ der Befragten mit der übergroßen, nicht zu leugnenden Popularität Israels zu tun haben, sind Berichte zum sog. „Nahostkonflikt“ seit Jahrzehnten doch fester Bestandteil der Medienberichte weltweit, wie sonst nur Börse, Sport und Wetter, insbesondere auch gerade in Deutschland.

Als „Nahostkonflikt“ wird damit im Jargon der Medien – trotz zahlreicher andere, erheblich gewalttätigerer Konflikte und Kriege in der Region – begrifflich noch immer “der” Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern (bzw. ggf. Arabern) bestimmt. Wann immer also sonst nichts gesagt ist, meint der Begriff sodann auch fast immer und ausschließlich die „Ungleichung: Israel-Palästina“. Annähernd, aber dann doch nicht ganz so stereotyp handhabt dies der amerikanische Begriff „Middle East“, denn zumindest seit dem „9/11“ hat sich der Blick für die Region auch für die Korrespondenten etwas geschärft. Trotzdem hinkt die Analyse der Erkenntnis manchmal noch immer weit hinterher.

Baustellenwerbung in Berlin Schutt füllt BadewannenBaustellen-Plakat in Berlin

Seit 1935, also in fast achtzig Jahren, kamen nach Schätzungen der UNO in den Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Juden etwa 55.000 Menschen ums Leben. Das ist keine kleine Zahl und ergibt einen rechnerischen Durchschnitt von etwa 690 Toten pro Jahr, wovon ebenfalls statistisch etwa 2/3 Palästinenser und weniger als 1/3 Israelis sind. In Jahren mit Kriegen ist die Zahl wesentlich höher, in anderen liegt sie naturgemäß deutlich niedriger. Im Vergleich zum sonstigen Geschehen auf dem Planeten ist die Zahl der Toten im Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern jedoch erstaunlich gering.

Um dies zu verdeutlichen lohnt es sich bereits, den Blick im sog. „Nahen Osten“ etwas auf die zahlreichen zum Teil äußerst blutigen Gefechte zu erweitern. Einige wenige, noch wenigstens halbwegs geläufige Beispiele aus der Region genügen:

– Im Krieg zwischen dem Irak und dem Iran zwischen 1980 und 1988 starben „über eine Million“ Menschen (Guardian, 2010 und Berufung auf UN-Schätzungen). Die genaue Zahl der Toten zu ermitteln ist übrigens auch nicht im Interesse der Vereinten Nationen, die sich damit zufrieden gab, festzustellen, dass die Opferangaben auf Seiten der ehemaligen Kriegsgegner strittig sind und aus propagandistischen Zwecken wohl absehbar auch bleiben werden. Es wäre also auch möglich, dass eine Million und 55.000 Menschen ums Leben kamen. Wir werden es nie erfahren und keinen Menschenrechtler interessiert es, obwohl der Irak zur Zeit Saddam Husseins etwa 150.000 Palästinenser als Söldner im Krieg gegen den Iran anheuerte.

– Im Zeitraum von 2003 bis 2013 starben im Irak 127.000 Zivilisten und weitere 174.000 Kämpfer bei militärischen Auseinandersetzungen und Terroranschlägen. Offizielle Angaben der irakischen Regierung listen in der Zeit nach dem Sturz von Saddam Hussein bis zum 31.12.2011 die Zahl von 1126 Selbstmordanschlägen auf, bei denen 12.844 Zivilisten und 204 alliierte Soldaten (USA und westliche Verbündete) getötet wurden. 30.644 Zivilisten wurden schwer verletzt, darunter auffallend viele Kinder und Jugendliche, da diese seltener in Autos sitzen, sondern oft in Gruppen frei bewegten. Mit dem Abzug der amerikanischen Soldaten aus dem Irak ist die Anzahl der Anschläge und Todesopfer nicht gesunken, sondern disproportional zum kaum noch vorhandenen Medien-Interesse, deutlich gestiegen.

– Die Zahl der Toten im Libyen-Krieg, der zum Sturz der Regierung von Muamer Gaddafi führte, wurde Ende 2011 von verschiedenen Seiten in der Größenordnung von 20-25 Tausend angegeben, während des Krieges jedoch noch um einiges höher, wahrscheinlich aus Gründen der Kriegspropaganda. Inzwischen gilt seitens der UN die Zahl von 6.121 durch NATO-Angriffe getöteten Zivilisten als bestätigt. Da es „objektiv“ auch tatsächlich schwierig sein konnte, im Kriegsgeschehen einzelne Tote ihren Verursachern zuzuordnen, schließt dies eine tatsächlich noch höhere Zahl nicht aus. Ein ausgeprägtes Interesse besteht seitens der Weltpresse, den internationalen Organisationen oder Menschenrechtsaktivisten auch in diesem Fall nicht. So musste sich auch die NATO nicht für „über 6000“ ums Leben gekommene libysche Zivilisten rechtfertigen. Im sog. Gaza-Krieg im Dezember 2008 bis Mitte Januar 2009 kamen nach halbwegs übereinstimmenden Angaben des israelischen Militärs, der Hamas und internationalen Menschenrechtsgruppen etwa drei- bis neunhundert Zivilisten ums Leben, was für einen internationalen Aufschrei sorgte und auch in winterlichen deutschen Städten den Ruf „Kindermörder Israel“ erschallen ließ. Dass allein die durch „Einsätze“ der NATO verursachten Kollateral-Toten um ein vielfaches höher lagen, interessierte weltweit niemanden. Kritische Einzelstimmen vermerken jedoch in der Nachbetrachtung, dass wenn man im Libyen-Krieg auch Anschläge und Mordkommandos in einzelnen Städten und Dörfern – auf welcher Basis auch immer – mit berechnete, man zu weit höheren Opferzahlen käme. So resümierte im Herbst 2013 die englische „International Business Times“: „Libya: Civil War Casualties could reach 100.000“. Die oben genannte Zahl der ca. 55.000 Toten im achtzig-jährigen Konflikt zwischen Juden und Arabern, wäre in Libyen binnen acht Monate verdoppelt worden.

Die Zahl der Getöteten im syrischen “Bürgerkrieg” hat nach internationalen Schätzungen nach zwei Jahren Kampfdauer, die „psychologische“ Marke von 100.000 überschritten. Auch wenn die Berichte westlicher (US, Europa) Medien den Krieg mitunter tage- oder wochenlang „vergessen“ könne, scheint es doch weiterhin tägliche Gefechte mit Dutzenden oder hunderte Toten zu geben. Im März 2014 schätzten internationale Experten die Zahl der Getöteten im nunmehr dreijährigen „Bürgerkrieg“ auf 150.344 (Daily Star, 1 April, 2014). Keine Angaben liegen aus dem Libanon vor, der seit 2012 durch die mit Assad verbündete Hisbollah zur Konfliktpartei geworden ist. Auch über die Arbeit der deutschen UNIFIL-Soldaten, deren Aufgabe übrigens darin besteht, Waffenschmuggel über die Grenzen des Libanon zu verhindern, liegen keine offiziellen Nachrichten vor. Wahrscheinlich besteht im akuten Kriegsfall aber auch gar keine Notwendigkeit für Waffenschmuggel.

Gelegentliches Aufsehen kann nur der Einsatz von Giftgas gegen Zivilisten oder eine wenigstens dreistellige Zahl von getöteten Zivilisten erregen. Die Aufmerksamkeit ist aber immer nur kurzlebig und nicht ernst gemeint. Demonstrationen gibt es keine und auch Menschenrechtlicher, die sonst mutig die sog. Gaza-Blockade durchbrechen wollen, sind offenkundig anderweitig beschäftigt.

Man könnte natürlich auch unterhalb der “Kriegsebene” beleuchten wollen, wie viele Menschen bei Demonstrationen für oder gegen die sog. Muslim-Bruderschaft in Ägypten starben. Unsere Medien begnügen sich mit der Rechnungseinheit „mehrere Dutzend Tote und hunderte Verletzte“, was zugleich auch in etwa der Wahrnehmungsschwelle entsprechen dürfte, unterhalb der kein „Nachrichtenwert“ besteht. Und was tut sich in Algerien, im Jemen, in Jordanien, in Saudi Arabien, im Iran oder Irak? Interessiert das irgendwen?

Allenfalls sind einige wenige darüber empört, dass im öl- und einflussreichen Katar, dessen Scheichs in Europa, und gerade auch in Deutschland im großen Stil Banken und Versicherungen aufkauften, ausländische Billigarbeiter unter als skandalös beschriebenen Bedingungen ihr Leben verlieren, beim Bau von Fußball-Stadien für die FIFA-WM. Weit populärer ist es da vergleichsweise aber Israel „diskriminierende“ Kontrollen palästinensischer Arbeiter vorzuwerfen, die im Judenstaat oder in den „illegalen“ Siedlungen überdurchschnittlich gut bezahlte Arbeit finden, zumindest wenn man die Löhne vergleicht, die sie in “Palästina” selbst, im benachbarten Ausland oder in Katar bekämen.

Als Zwischen-Fazit lässt sich feststellen: Trotz der beträchtlichen Aufmerksamkeit auch in den sog. westlichen Medien (Europa, Amerika) ist zumindest gemessen an den realen Opferzahlen (Kriege, Terroranschläge, Militäreinsätze) der direkten Nachbarschaft „der“ Nahostkonflikt eher unbedeutend und ja,  fast harmlos. Kein Wunder, dass sich dies auch auf die allgemeinen Lebensumstände auswirkt, die keineswegs den Erwartungen Außenstehender entsprechen.

Synagoge AleppoSynagogue of Aleppo, Syria

So ist nun auch die statistische Gefahr Opfer einer Gewalttat zu werden – und dazu rechnen wir Kriege, Terroranschläge, Raubüberfälle, Schießereien, Drogen- und Bandenkriege und dergleichen – weder in Israel, noch in den Palästinenser-Gebieten sonderlich hoch, weder im regionalen, und schon gar nicht im weltweiten Vergleich:

Nach Angaben der OECD ist die weltweit höchste Sterblichkeitsrate mit 21 Toten pro 1.000 Einwohnern im Jahr derzeit im südafrikanischen Lesotho anzutreffen, gefolgt von Afghanistan und Swasiland mit 18 und dem Kongo mit „15.8“ Toten pro 1000 Menschen und Jahr. Das erste europäische Land folgt erst auf Platz 9 dieser Liste mit der höchsten Sterblichkeitsrate und passt sicher nicht in die von unseren Medien vermittelte Realität: Es ist das kleine eher als beschaulich und mondän empfundene Monaco mit der Quote von 15.2, die in diesem Fall jedoch hochgerechnet werden musste, da das Fürstentum an der Cote Azur nur 36.000 Einwohnern hat – nicht wenige davon gelten als recht wohlhabend.

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Auf Platz 45 findet sich bereits Deutschland, mit einer Sterblichkeitsrate von 10.4, die etwa der von Rumänien entspricht. Niedriger ist sie in Italien (9.7) und Griechenland (9.6) , Länder, die wir gedanklich eher mit Urlaub verbinden, aber auch mit einem gewissen Maß an Korruption, oder wie im Fall von Italien mit der sog. „Mafia“ und ihren Mordkommandos. Ähnliche Werte kennt die Statistik für Bosnien (9.2) und Österreich (9.1). Den Weltdurchschnitt von 8.3 „Toten pro hunderttausend Einwohnern im Jahr“ erreichen punktgenau Madagaskar, Benin und Grönland und wir können uns selbst überlegen, welche Assoziationen dies für uns weckt oder warum in Deutschland zu leben tendenziell gefährlicher ist als dort. Die USA liegen mit 8.1 etwas darunter, kommen damit aber nur auf Platz 104 und sind allgemein sicherer als Deutschland, auch wenn „die“ Medien uns ein ganz und gar anderes Bild der Wirklichkeit vermitteln, wollen, warum auch immer.

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Indien, Canada und China erreichen je 7.1 Platz 133. In der Türkei, in Irland und in Brasilien beträgt die jährliche Quote nur 6.2 und im Iran (Platz 172.) liegt sie bei 5.9. Wo nun aber ist sind eigentlich Israel und die Palästinenser abgeblieben? Sie sind nun schon in Sichtweite.

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Der karibische Inselstaat Antigua and Barbuda, den meisten Menschen allenfalls für seine Tourismus-Werbung der „365 beaches“ bekannt, erreicht bei 85.000 Einwohner (wovon derzeit immerhin 285 Militärdienst leisten) eine jährliche Sterblichkeitsquote von 5.4. Mit nur 5.3 etwas besser ist die Quote die Israel (Platz 190.) erreicht. Die jährliche Sterblichkeitsrate in Israel ist damit nach OECD-Angaben nur halb so hoch wie in Deutschland. Aber fragen Sie mal Ihr Bauchgefühl danach, auch danach, welche Eindrücke von der Wirklichkeit Medienberichte vermitteln.

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Wegen der geringeren Sterblichkeitsziffer können die Israelis nun aber neidisch auf folgende Staaten blicken: Südkorea etwa mit statistischen 5.0 (Platz 195), Singapore mit 4.5 (206.) oder eben auch auf die „Palestinian Territories“, wie sie in der OECD Statistik genannt werden. Sie erreichen – Kriege, Terror und Vergeltungsschläge hin oder her – einen Wert von 4.0 und sehr eindrucksvollen Platz 216 in der Weltstatistik, der nichts anderes besagt, als dass in 215 anderen Staaten Menschen ein höheres Risiko haben zu sterben (sei es durch Gewalt, Hunger, Krankheit, Katastrophen, oder woran auch immer).

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Syrien ist in der Studie noch mit dem Wert von 3.1 angegeben, der sich in den letzten beiden Jahren vermutlich aber deutlich erhöht haben wird. Die derzeit niedrigsten Sterblichkeitsraten weltweit finden wir in den arabischen Golfstaaten, deren Luxusbauten alle Welt beeindrucken: Das oben schon genannte Katar mit seinen 2 Millionen Einwohnern (davon sind 80 % Ausländer!) erreicht 1.1 Tote pro 1000 und Jahr und damit den vorletzten Platz 235. Umgerechnet sind das 22 Tote im gesamten Jahr (Fußball-Stadien Arbeiter nicht einberechnet, noch nicht). Offenbar sind arabische Milliardäre dann doch glücklicher als jene die in Monaco leben und weit häufiger sterben. In den Vereinigten Arabischen Emiraten liegt die Quote nur bei 0.9. Ein Todesfall kann da kaum noch eine natürliche Ursache haben.

Etwas abweichend von den Ergebnissen der OECD sind jene des CIA-Factbook, das jedes Jahr soweit möglich die entsprechenden Zahlen aktualisiert. Dort landet Südafrika mit 17.4 vor der Ukraine mit 15.8 (vor den aktuellen Auseinandersetzungen!). Mit 14.2 Toten pro 1000 bereits spürbar sicherer scheint Afghanistan zu sein, das eine etwa vergleichbare Sterblichkeitsrate hat wie Russland mit 13.9 oder wie Serbien mit 13.7. Auch in dieser Liste rangiert Deutschland mit dem Wert von 11.2 und Platz 36 relativ weit oben unter den Sterbenden, etwa gleichauf mit Uganda, den Tschechen und den Kongolesen (10.6). Laut Angaben der CIA kommen die USA hier mit 8.4 auf Platz 87, geringfügig über den Weltdurchschnitt von 8.0. Israel liegt hier 5.5 auf Platz 171, der Gaza-Streifen kommt auch hier mit 3.15 auf eine der niedrigsten Sterblichkeitsraten der Welt. Nur in sechs Staatswesen oder Territorien ist sie niedriger, am niedrigsten mit dem 1.4 liegt auch nach CIA-Analyse Katar.

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(http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_death_rate)

Hofbräuhaus Münchenbeim Hofbräuhaus in München

Nun, man mag einwenden, dass in dieser Art von Statistik, die den Anteil der Sterbefälle in der Gesamtbevölkerung misst, davon beeinflusst wird, dass eine hohe Anzahl von Geburten, die Quote der Sterblichkeit drückt. Dieser Einwand ist berechtigt, trotzdem misst diese Statistik dann aber doch den Einfluss den die Sterblichkeit auf die Entwicklung einer Gesellschaft oder eines Staatswesens hat.
Da bei „den Palästinensern“ ab und an propagandistisch gar von „Völkermord“ die Rede ist, kann dies mittels internationaler Bevölkerungsstatistiken und Studien klar widerlegt werden. Eine Bevölkerung die kontinuierlich stark anwächst, und zwar deutlich über dem weltweiten Durchschnitt wird nicht „ausgerottet“, sie wächst stark an.

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Auch wenn man sich im internationalen Vergleich ansieht, wie es sich mit Personen verhält, die bei Gewaltakten umkommen, d.h. bei Kriegen, Terror, Kriminalität oder Selbstmord (Faktoren also, die gerade im Nahen Osten nicht immer so genau zu trennen sind), ergibt sich keine wesentlich andere Situation. Anders aber in der Todesursache, die ein beabsichtigtes (Fremd)Verschulden voraussetzt.

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Die Angaben der UNODC („Homicide Statistics 2012“, United Nations Office on Drugs and Crime), beziehen auch politische Terroranschläge (wie etwa Selbstmordattentate im Irak oder Schießereien in Mexiko, etc.) mit ein, was methodisch richtig ist, da die Beispiele der Hisbollah im Libanon und der Taliban in Afghanistan belegen, dass politischer, religiös begründeter Terror durchaus mit internationalen Drogenhandel einhergehen kann, sich oft genug auf diese Weise sogar auch erst finanzieren lässt. Wenn im Folgenden also von „Mord“ oder einer „Mordrate“ die Rede ist, schließt sie jede ermittelte Gewalttat mit ein, den Giftmord ebenso wie Bandenkriminalität oder Terroranschläge und Kriegshandlungen!

Die weltweit höchste Gewaltrate hat demnach aktuell welcher Staat? Richtig, … Honduras. Die Quote der Todesopfer durch Gewalteinwirkung liegt in dem kleinen mittelamerikanischen Staat bei 96 pro Hunderttausend. Um das zu verstehen braucht man es nur statistisch umrechnen: Augsburg beispielsweise hat rund 270.000 Einwohner. Bei einer Quote wie in Honduras wären das 259 jährliche Mordopfer in Augsburg, rechnerisch also fünf Mordopfer jede Woche. Nach Angaben des Polizeiberichts 2012 entspräche dies aber in etwa der Zahl aller in der Kategorie zusammengefassten „Morde und alle übrigen vorsätzlichen Tötungen“ für ganz Bayern (2011: 335, 2012: 307). Nach Honduras am gefährlichsten ist ein weiteres mittelamerikanisches Land, nämlich El Salvador bei einer Quote von 69.1, gefolgt von der westafrikanischen Elfenbeinküste mit 56.9 (mit eingerechnet der Bürgerkrieg 2011). Auf Platz 4 folgt bei einer Quote von 45 Venezuela, das statistisch also nur halb so gefährlich ist wie Honduras, aber es de facto dann doch auf jährlich 13.000 Gewaltopfer bringt – die Hauptstadt Caracas hat mit 92 die höchste Gewaltquote aller Großstädte weltweit, wobei es hauptsächlich um Drogen geht, aber auch um politisch motivierte Anschläge. Durch Medienberichte bekannt geworden ist die hohe Kriminalitätsrate in Südafrika, das nach zahlreichen schwarzafrikanischen Staaten mit einem Wert von 31 Morden auf Platz 14. landet. Auf Platz 25 ist Mexiko erwähnenswert, mit der geschätzten jährlichen Zahl von etwa 25.000 Toten im Drogenkrieg, vor allem an der Grenze zu den USA. Die Quote beträgt 23.7.
Das Land mit der höchsten Mordrate in Europa ist Russland, das in der weltweiten Statistik mit der Rate von 10.2 und der totalen Zahl von 14.754 tödlichen Gewaltverbrechen jedoch erst auf Platz 71 rangiert. Das entspricht etwa der Kriminalität von Costa Rica, Liberia oder Gambia. Auf Platz 87 folgt trotz der Vielzahl der Terroranschlägen in den letzten Jahren Pakistan mit der Quote 7.8 und 13.860 Ermordeten. Platz 98 nimmt mit 5.2 die Ukraine ein. Auf dem 100. Platz folgt Kuba, das von vielen als Ferien- oder sozialistisches Paradies eingeschätzt wird. Die Mordquote von 5.0 ist jedoch statistisch ein klein wenig höher als bei großen ideologischen Feindbilde, den USA, die im gesamten auf den Wert von 4.9 kommen (Platz 102.).

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Auf Platz 110 folgt in der Statistik „Palestine“ (definiert als Gaza-Streifen und Westbank, soweit diese unter palästinensischer Selbstverwaltung stehen, was für 98.7 % der Bevölkerung zutrifft – ab und an ermordete jüdische Siedler werden übrigens nicht mitgerechnet, obwohl ihr bisheriger Wohnort zuvor auch international und medial ausdrücklich thematisiert wurde). Die jährliche Todesquote beträgt 4.1 und beinhaltet die Opfer israelischer Militärangriffe. Offenbar nur geringfügig sicherer ist die Türkei auf Platz 121 und einer Mordquote von 3.3, somit gleichauf mit Taiwan und Lettland. Noch etwas harmloser ist derzeit der Iran auf Platz 125 und einer offiziellen Quote von 3.0 Gewaltopfern im Jahr. Auf Platz 129 folgt Liechtenstein und der Quote von 2.8, was einem Gewaltopfer pro Jahr entspricht. Auf 134 finden wir das kleine Luxemburg mit immerhin 12 Mordopfern pro Jahr und der daraus resultierenden Quote von 2.5.

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Den 141. Rang nimmt Finnland mit 2.2 ein, weshalb man dort doch noch ein klein wenig gefährlicher lebt als in Israel (Platz 143), das den Wert von 2.0 erreicht und die Anzahl von 159 Ermordeten (Terror inklusive). Nur wenig sicherer geht es in Tschechien (Platz 151: 1.8), Belgien (Platz 152: 1.8) oder Canada (Platz 153: 1.7) zu. Auf Platz 168 folgt mit der Mordquote von 1.2 Groß Britannien, auf Platz 185 Italien mit der schon recht geringen Quote von 0.9 (Mafia inklusive) und auf Platz 191 folgt schließlich auch Deutschland mit der Quote von 0.8, die weltweit nur noch von 16 Staaten unterboten wird, darunter Österreich, Japan, Singapore und Monaco.
Da die sehr geringe Mordrate in Monaco, falls man bei statistischen „0.0“ überhaupt von einer solchen sprechen kann, einer der höchsten Sterberaten weltweit widersprochen wird, können wir nur hoffen, dass die Todesursachen jeweils korrekt ermittelt wurden. Zweifellos spielen deshalb vielleicht ja auch andere Faktoren eine Rolle, etwa die Zahl der vorgenommenen Obduktionen, die in Deutschland mit unter einem Prozent übrigens eine der niedrigsten unter allen Industriestaaten ist.

Fleinhausen Kirche Friedhof DinkelscherbenDorfkirche von Fleinhausen bei Dinkelscherben

Wie dem auch sei: Die Wahrscheinlichkeit in Israel als Opfer von Waffengewalt zu sterben ist so hoch wie in Liechtenstein, Finnland oder Luxemburg, während sie in Gaza dem Risiko auf Kuba oder in den USA entspricht.
Vielleicht sollte man dies mal durch- und überdenken, wenn man sich zum sog. “Nahostkonflikt” äußern möchte.


Mai 1972: Terror in Augsburg

May 3, 2012

Am Freitag, den 12. Mai 1972 detonierten um 12.15 Uhr auf zwei Büroschränken im damaligen Augsburger Polizeipräsidium an der Prinzregentenstraße „zwei Stahlrohr-Sprengkörper mit Batterie und Uhrwerk“ der „Roten Armee Fraktion“, wobei fünf Polizisten z.T. schwer verletzt wurden. Die Decke zum vierten Stockwerk wurde zerschlagen. Zur Tat bekannte sich ein „Kommando Tommy Weisbecker“.  Stunden später gab es einen weiteren Anschlag auf das Landeskriminalamt in München, in den Tagen davor und danach eine Serie weitere Terrorakte der RAF. Wenige Monate vor den Olympischen Spielen in München erlebte Deutschland einen „blutigen Mai“ mit 4 Toten und zahlreichen Verstümmelten.

Thomas Weisbecker (1949-1972) war der Sohn von Ludwig Weisbecker (1915-1979), der als Jude u.a. im Konzentrationslager Buchenwald interniert war, während Thomas Großvater Louis in Auschwitz und Mauthausen gefangen gehalten wurde. Ludwig Weisbecker wurde in der Nachkriegszeit Doktor und Professor der Medizin und war von 1969 bis 1970 darüber hinaus auch Rektor der Christian-Albrecht-Universität in Kiel. Thomas Weisbecker‘s Mutter war Christin und so wurde er entsprechend auch christlich erzogen. Die Familie zog zunächst von Freiburg nach Karlsruhe und zu Beginn der 1960er Jahre nach Kiel. 1967 ging er zurück nach Karlsruhe, schloss sich dort einer „sozialistischen Schülergruppe“ an. Im Jahr darauf bestand er sein Abitur und begann sein Studium in Frankfurt. Um der Einberufung zur Bundeswehr zu entgehen, übersiedelte er sodann jedoch nach West-Berlin. Dort gelangte er allmählich in linksextreme Kreise im Umfeld der entstehenden RAF, in welchem es Anschläge auf Einzelpersonen, Kaufhäuser, usw. gab. Im Februar 1970 griff Weisbecker mit einem Mitstreiter einen Journalisten tätlich an. Einige Monate später wurde er verhaftet. Da sich die Angeklagten etwas ähnlich gesehen haben sollen, entkamen sie aus dem Gericht, wonach er untertauchte und sich sodann der RAF anschloss. Abgesehen von der Prügelei mit dem Journalisten und seiner Flucht aus dem Gericht hatte er offenbar keine weiteren Straftaten begangen – ehe er als Bewohner einer konspirativen Wohnung in das Visier der Staatsschützer geriet, wo er zumindest seit Februar 1972 in der Georgenstraße 14, heute das Pfarrheim „Haus Augustinus“ neben der Kirche St. Georg eine sog. „konspirative Wohnung“ angemietet hatte. St. Georg war in früherer Zeit auch die Hauskirche der Augsburger Mozarts wie auch des späteren französischen Kaisers Napoleon III (1808-1873).

Die Wohnung  wurde bereits seit Wochen observiert, als Weisbecker sie am 2. März gemeinsam mit seiner Kollegin verließ und mit ihr zum Thalia Hotel / Restaurant (obwohl das Lokal noch als Cafe besteht, heute vor allem wegen des Thalia Kinos bekannt) am Obstmarkt / Karlstraße fuhr. Als die Observierten das Thalia wieder verließen, erfolgte der Zugriff der Beamten einer Sonderkommission des bayerischen Kriminalamtes, der offensichtlich misslang. Dabei wurde Thomas Weisbecker durch einen Schuss in die Herz-Gegend tödlich verwundet. Die Beamten fühlten sich dem Vernehmen nach bedroht und rechneten damit, dass Weisbecker auf sie schießen konnte. Unstrittig ist, dass er eine Waffe bei sich trug, umstritten ist hingegen, ob er sie zog oder ziehen wollte oder dazu keine Gelegenheit hatte. Während die Behörden von „Notwehr“ ausgingen, erklärte die RAF und Sympathisanten er sei „absichtlich“ erschossen worden. Eine Absicht ihn zu verhaften habe überhaupt nicht bestanden. Augenzeugen verneinen einen anfangs in der Presse gemeldeten Schusswechsel. Die von Weisbecker‘s Mutter initiierte „unabhängige Untersuchung“ der Todesumstände ihres Sohnes wurde seitens der Staatsanwaltschaft abgelehnt.

Thomas Weisbecker starb 23jährig als jüdischer Nachkomme am Scheitelpunkt des mittelalterlichen jüdischen Viertels welches sich über die Karlstraße (der früheren Judengasse) und dem Obstmarkt (dem früheren Forchenmarkt) erstreckte, etwa an der Stelle wo man durch das frühere Stadttor (dargestellt auf den ersten Stadtsiegeln) von der Bischofsstadt zum Judenviertel und damit zur Bürgerstadt gelangte.

Weisbeckers Komplizin Carmen Roll wurde verhaftet, wegen Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe verurteilt aber 1976 aus der Haft entlassen. Wohl um Weisbecker zu „rächen“ verübte jenes nach ihm benannte „Kommando“ den Sprengstoffanschlag auf das Polizeipräsidium in der Prinzregentenstraße. Gleich nebenan befand sich in der Zeit der Nationalsozialsten die Zentrale der „Gestapo“, der „Geheimen Staatspolizei“. Das Polizeipräsidium existiert nicht mehr im Gebäude, das vollständig der AOK überlassen wurde. In Berlin hingegen wurde 1973 das heute noch bestehende „Thomas Weisbecker Haus“ eingerichtet, wo ein „Wohnkollektiv für Jugendliche und junge Erwachsene“ besteht.

www.tommyhaus.org 

Den „Tathergang“ schildern auch Flugblätter, die aus dem Jahre 1972 stammen sollen und inzwischen zumindest in Berlin „Ausstellungstücke“ sind. Eines titelt „Mord an Weisbecker“ und stammt von einem selbst ernannten „Ermittlungsausschuss ‚Rote Hilfe‘“ (1972) dessen „Ermittler“ jedoch anonym bleiben wollten.

Hier wesentliche Auszüge daraus, die ausführlich zum Geschehen und den Schauplätzen Bezug nehmen und – wenngleich auch offenkundig sehr subjektiv gefärbt – doch eine Reihe von ansonsten inzwischen verlorenen Details wiedergeben:

1. Die Vorgeschichte:

Am Rosenmontag mieten sich dreizehn Kriminalbeamte, zusammengesetzt aus Mitgliedern der Sicherungsgruppe Bonn, des Verfassungsschutzes und des Landeskriminalamtes Bayern im „Augsburger Hof“ ein, die sich als Versicherungsvertreter ausgeben. In den folgenden Wochen beobachten sie eine Wohnung im Augsburger Zentrum von der Sakristei einer gegenüberliegenden Kirche. Die Bundespost leistet Amtshilfe und richtet dort einen gemeinsamen Telefonanschluss ein, über den die Beamten mit dem Polizeifunk verbunden sind.

Die Arbeit der Beamten bleibt kein Geheimnis; eine ganze Reihe von Journalisten und andere Bewohner der Stadt wissen von der Anwesenheit der Beamten, wissen sogar, welches Haus sie beobachten, und wissen und ahnen warum. Als ein Reporter der Augsburger Allgemeinen einen Abend lang den Polizeiautos folgt (Privatwagen mit Kennzeichen aus Nürnberg, München und Mainz), werden einige davon um gespritzt und die Kennzeichen verändert.

2. Der Mord:

Am Donnerstag, den 2. März, kommen die Genossen Thomas Weisbecker und Carmen Roll morgens in Augsburg an und bleiben dort kurze Zeit. Gegen 13.00 Uhr fahren sie in die Innenstadt und parken ihr Auto im Hohen Weg, einer belebten Hauptstraße, vor den Stadtwerken.

Hier beginnen die Lügen der Polizei: sie verfälschen systematisch die Zeitabfolge, um die lange Vorbereitung und genaue Planung der Mordsituation zu verheimlichen. So gaukelt sie der Öffentlichkeit vor (und die bürgerliche Presse fällt prompt darauf rein), Thomas und Carmen hätten sich nur kurze Zeit im Hotel und Restaurant Thalia am Obstmarkt aufgehalten, während sie tatsächlich etwa eine halbe Stunde in der Pizzeria des Gebäudes zu Mittag aßen.

Denn in dieser Zeit bauten die Bullen ein dichtes Netz MP-bewaffneter ziviler und uniformierter Polizisten zwischen dem Standort des Autos und der Pizzeria auf.

Die nun folgende Situation war keine „sich zufällig ergebende“ Gelegenheit, zwei verdächtige Personen zu überprüfen (wie vor allem die lokale Presse berichtete), sondern eine sorgfältig geplante Mordfalle.

Als Carmen und Thomas aus dem Restaurant traten, trennten sie sich. Carmen geht nach links den Obstmarkt hinauf, Thomas nach rechts auf den Hohen Weg zu. Die folgende Szene spielt sich nach Polizeiversion wie folgt ab: „Zwei Beamte gingen auf Thomas Weisbecker … zu und wollten ihn festnehmen. Trotz der Aufforderung der Beamten „Hände hoch und ziehen Sie keine Waffe“, griff Thomas Weisbecker zu seiner im Hosenbund steckenden Waffe. Einer der Beamten riss seine Pistole hoch und drückte ab. Thomas Weisbecker brach auf dem Gehsteig zusammen. Sekunden nach dem Schuss traf im Augsburger Polizeipräsidium ein Funkspruch des Landeskriminalamts ein: „Achtung! LKA! Sofort in die Frauentorstraße 37 kommen! Schicken Sie Rotkreuzwagen mit Richtung Dom. Ein Mann bei Schießerei verletzt. (Augsburger Allgemein Zeitung 3.3.72)

Was geschah wirklich?

Als Thomas in den Hohen Weg einbiegt und etwa 25 m auf sein Auto zugegangen ist, stellen sich ihm nach Zeugenaussagen ein uniformierter und ein ziviler Polizist mit Maschinenpistolen im Anschlag in den Weg. Es bleibt unklar ob sie ihn angesprochen …(haben)…

 

Hier endet das veröffentlichte Flugblatt leider, ein anderes, wohl ursprünglicheres, das gleichfalls von der „Roten Hilfe“ (No. 2, März 72) stammt, schildert den „Tathergang“ jedoch ebenfalls – nehmen wir an, in etwa übereinstimmend mit der verkürzten Nachbearbeitung:

 

Tommi Weisbecker treten auf dem Weg zum Auto zwei Zivilbeamte entgegen. Das nun folgende wird durch widersprüchliche und z.T. offensichtlich unwahre Presserklärungen und Polizeiberichte verschleiert.

Man will uns glauben machen:

1. Die Polizeibeamten hätten a) nach seinem Ausweis gefragt, b) hätten gerufen: Hände hoch, nicht schießen, c) hätten gerufen: Hände hoch stehen bleiben, Finger von der Waffe.

2. Tommi Weisbecker hätte daraufhin a) plötzlich eine Pistole in der Hand gehabt und versucht, sie auf den Polizisten zu richten, b) eine Pistole in der Tasche (Hosenbund), c) versucht eine Pistole aus der Tasche zu ziehen, d) plötzlich mit der Hand eine Bewegung zur Hüfte gemacht

3. Der Schütze hätte dann blitzschnell seine Pistole gezogen und geschossen.

Thomas wird getroffen und fällt nach hinten. Ein Amateurfotograf steht 5 m von Tommi entfernt, hört den Schuss, dreht sich um und knipst. Auf dem Foto sieht man einen uniformierten Polizisten, die Maschinenpistole im Anschlag auf den am Boden liegenden Tommi gerichtet. Der Fotograf berichtet dazu, dass links neben dem Uniformierten ein Zivilist ebenfalls mit einer (Waffe) im Anschlag stand und ihn wegen des Fotografierens bedrohte.

Zeugen berichten, dass die plötzlich zahlreich anwesenden Beamten ihre kugelsicheren Westen auszogen und sich weiße (?) Armbinden als Erkennungszeichen überstreiften. Zeugen berichten, dass das vor dem Audi quergestellte Polizeifahrzeug mit quietschenden Reifen davon fährt. Nach Zeugenaussagen wird unter Tommis Körper eine Pistole hervorgezogen.“

Das kleine, eher pixelige Schwarzweißfoto, dass erkennbar an der Ecke Hoher Weg mit Blick auf das Eckhaus Karolinenstraße und Schmiedberg aufgenommen wurde, lässt nicht wirklich darauf schließen, ob der von hinten gezeigte Polizist neben dem Niedergestreckten tatsächlich mit einer MP bewaffnet ist. Seine Körperhaltung schließt diese Möglichkeit nicht aus, aber die Waffe selbst wäre nicht zu sehen.

Im Anschluss werden seitens der anonymen Verfasser des Flugblatts, die sich sichtlich um eine Art „polizeitechnisches Vokabular“ bemühen („Tathergang“, „Waffe im Anschlag“, etc.)  einige (mitunter suggestive) Fragen gestellt, etwa wie lange ein mit Schutzweste ausgestatteter Beamter denn eigentlich brauche um einzuschätzen, dass für ihn eine Notwehrsituation vorläge. Warum die Polizei verschweige, dass Weisbecker nicht mit einer Pistole, sondern mit einer MP erschossen worden sei (hatten die Schreiber des Flugblatts die Obduktion vorgenommen?). Eine andere Frage war, wie nun eigentlich der Krankenwagen so schnell vor Ort sein konnte und es wird zugleich geargwöhnt, ob dieser möglicherweise schon „bereitgestellt“ worden sei.  Abgesehen davon, dass dies der andererseits behaupteten Tötungsabsicht widersprechen würde, ist die Lösung des „Problems“ wohl darin zu finden, dass zur damaligen Zeit eine Rettungsstation des Roten Kreuzes (sozusagen einer Art „Roter Hilfe“ im anderen Sinne) in der nahegelegenen Straße „Auf dem Kreuz“ bestand. Die räumliche Distanz betrug nur etwa 700 m, weshalb die reine Fahrzeit bei  50 – 60 km/h im Bereich von 1-2 Minuten läge. Wir können voraussetzen, dass mehr oder minder einsatzbereite Rettungskräfte auf Abruf bereit waren. Weniger einfach ist die Frage zu beantworten, was verborgen werden soll, wenn Fotografen, die das Tatgeschehen auf Bildern festhielten, die Filme abgenommen und sie bedroht werden. Zumindest eines der Fotos ist jedoch doch veröffentlicht worden. Der von den Zeitungen zunächst berichtete „Schusswechsel“ habe nicht stattgefunden, was später auch offiziell eingeräumt wurde. Strittig ist auch die Mitteilung, dass Weisbecker offenbar im Hotel eine größere Summe Geld entgegengenommen haben soll.

Das Flugblatt widerspricht im weiteren noch der öffentlichen Darstellung, dass Weisbecker eine halbe Stunde nach dem Schuss im Krankenhaus gestorben sei. Wahr hingegen sei, dass „Tommi“ bereits zehn Minuten nach dem Schuss auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben sei.

Die Anschlagserie der verschiedenen RAF-Kommandos stellte einen ersten Höhepunkt des RAF-Terrors dar. Doch schon wenige Wochen später wurden die prominentesten Mitglieder der Organisation verhaftet: Andreas Baader, Jan-Carl-Raspe und Holger Meins am ersten Juni 1972 in Frankfurt am Main, wenige Tage später Gudrun Enslin in Hamburg und Brigitte Mohnhaupt in Berlin. Am 15. Juni schließlich auch Ulrike Meinhof und Gerhard Müller in Hannover.

Welches Interesse hatte die „Rote Armee Fraktion“ nun daran, im sicher eher beschaulichen Augsburger Georgsviertel eine „konspirative Wohnung“ einzurichten? Zusammen mit München (und Kiel!) war Augsburg 1972 Austragungsort der XX. Olympischen Sommerspiele. Bekanntlich kooperierte die RAF eng mit palästinensischen Terrororganisationen, die in den Jahren zuvor Andreas Baader und andere Terroristen der RAF paramilitärisch ausbildeten. Im September 1972 drangen u.a. von Gaddafi finanzierte arabische Terroristen bekanntlich in die Räume israelischer Sportler und Trainer ein. Sie  überfielen die Schlafenden mit rohrer Gewalt und nahmen sie als Geißeln. Auf diese Weise sollten in Israel inhaftierte Terroristen freigepresst werden, jedoch sollten dabei auch die deutschen RAF-Terroristen Andreas Baader (1943-1977) und Ulrike Meinhof (1934-1976) freikommen. Das folgende Massaker der Palästinenser an den gefesselten israelischen Athleten wurde seitens der RAF bejubelt.

Bereits zu Beginn des Jahres 1970, zwei Jahre vor der Gefangennahme und Ermordung israelischer Sportler bei den olympischen Sommerspielen in München, gerieten jüdische Einrichtungen und „Ziele“ in München und Deutschland ins Visier arabischer Terroristen. Am 10. Februar 1970 attackierten drei bewaffnete Palästinenser am Münchner Flughafen Riem einen Flughafen-Bus und den Wartebereich der israelischen Fluglinie EL AL. Beim Versuch die Boeing 707 in ihre Gewalt zu bringen und die israelischen Passagiere als Geiseln zu nehmen wird ein Israeli getötet, neun weitere Personen werden verletzt.

Nur drei Tage später am Abend des 13. Februar 1970 sterben bei einem Brand im Altenheim des jüdischen Gemeindezentrums in der Münchner Reichenbachstraße sieben ältere Heimbewohner, während in der im selben Gebäudekomplex befindlichen Synagoge das Abendgebet gesprochen wird. Die Polizei ging von Brandstiftung aus. Obwohl die Behörden eine Belohnung von 50.000 D-Mark aussetzten, wurden die Täter bis heute nicht ermittelt, jedoch stehen jüdische Einrichtungen (nicht nur) in München seitdem unter Polizeischutz.

Eine Woche später, am 21. Februar 1970 verüben arabische Terroristen erneut Terroranschläge auf jüdische „Ziele“. Mittels Zeitzündern kommt es an Bord zweier Maschinen zu Explosionen. Ein österreichisches Flugzeug unterwegs von Frankfurt am Main, das Post nach Tel Aviv bringen soll, kann glücklicherweise sicher nach Frankfurt zurückkehren, obwohl eine Bombe 20 Minuten nach dem Abheben ein großes Loch in den Rumpf sprengte. Anders ergeht es dem Swissair Flug 330, als zehn Minuten nach dem Start am internationalen Flughafen Kloten bei Zürich im Gepäckraum eine Zeitzünder-Bombe explodiert. Die Maschine stürtzt nach vergeblichen Landemanövern bei Würenlingen im schweizerischen Aargau ab. Alle 47 Insassen der Maschine kommen ums Leben. Noch am selben Abend bekannte sich die „marxistische“ PLO-Untergruppe PFLP von George Habash (1926-2008) zu beiden Anschlägen. In der Folge verschärfen europäische Flughäfen ihre zuvor kaum vorhandenen Sicherheitskontrollen.

Im Juni 1970 wurde die Synagoge im Gemeindezentrum der Münchner Reichenbachstraße überfallen, wo ein viertel Jahr zuvor sieben Menschen bei einem unaufgeklärten Brandanschlag starben. Dabei wurden mehrere Einrichtungsgegenstände beschädigt und eine Thorarolle geschändet. Der Vorsitzende Hans Lamm bezeichnet den Überfall als „erneuten Akt des Antisemitismus“.

Es ist möglich, dass der konspirative Wohnaufenthalt der RAF-Terroristen in Augsburg einen Bezug zu den Olympischen Spielen hatte. Im Sommer 1971, nach etwa einjähriger Bauzeit wurde der Augsburger Eiskanal beim Hochablass fertig gestellt und ein erster internationaler Wettbewerb veranstaltet. Im Jahr darauf fanden dort die olympischen Wettkämpfe statt, die fast ausschließlich von Athleten der DDR oder der UDSSR gewonnen wurden. Da in Augsburg keine israelischen Sportler starteten, kann aber auch die Nähe Augsburgs zu München eine Rolle gespielt haben.

Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Weisbecker, http://www.tommyhaus.org/thomas-weisbecker.php, http://www.kulturhof.org/, http://www.spiegel.de/, Augsburger Allgemeine

On 12th of May in 1972, at police headquarters Prinzregentenstr. (two houses away from where Ernst Cramer grew up and lived with his family until the Nazi took power) at high noon two pipe bombs exploded, injuring seriously five police men and causing heavily damage. A so called “Commando Thomas Weisbecker” admitted responsibility. The day before, as well as some hours later and days after many other bomb attacks booby-trapped by the Rote Armee Fraktion (Red Army Fraction = RAF, also known as “Baader-Meinhof Bande”/gang).

Thomas Weisbecker however only two months earlier was shot by a special branch of the police. According to the authorities Weisbecker it was an act of self-defense, while supporters of the RAF claimed that he was killed deliberately and that there was no intention to seize him.

Weisbecker who was only 23 years old when he was shot in Augsburg was the son of Jewish professor of medicine Ludwig Weisbecker, who survived Buchenwald concentration camp and from 1969 to 1870 was principal of the University in the northern German town of Kiel. Thomas Weisbecker in his youth politically turned left and left for Western Berlin in order to avoid to be drafted for the Bundeswehr. There he became acquainted with people who afterwards formed the RAF. In 1970 he and a comrade attacked and basted a journalist and where arrested some time later. At the court the two accused managed to escape because there overall appearance was quite similar. Weisbecker now disappeared and went underground, probably becoming part of the RAF. In February 1972 he was subject of the observation of an apartment in Georgenstr. within the historical old city of Augsburg, contiguous to St. George Church, which in previous times knew steady visitors such as the Mozart family or Charles-Louis Bonaparte who later became emperor Napoleon III of France.

According to reports the apartment already was kept under surveillance some four weeks when on March 2nd Weisbecker and his comrade Carmen Roll left Georgenstr. to drive with a stolen car  to Thalia Hotel and Restaurant (today a cinema and coffeehouse by the same name) at Obstmarkt, where they had Pizza. Afterwards they separated. When Weisbecker was moving back to “his” car two police men addressed him. Few moments later Weisbecker lay shot on the street. A photographer who perchance was at the spot and had heard the shot just turned around and snapped a picture, which shows Weisbecker lying on the street and a police men before him. The incident took place next to the medieval Jewish quarter of Augsburg.

Weisbecker obviously was armed and had a gun, but it is rather controversial if he actually drew it or attempted to do so or not. However the fire exchange initially reported by the police and the local press actually did not take place. Weisbecker was hit by a gun bullet in the cardiac region – tough RAF sympathizer claim he was shot by a machine gun. However, although the ambulance from the nearby Red Cross rescue service arrived quickly Weisbecker died on the way to the hospital or soon after arriving there.

Although it is less likely to assume the Weisbecker was killed deliberately as claimed by the RAF, it is unclear why the police and intelligence service men tried to grasp him in the middle of a buy road anyway. As it turned out there was a use of firearms. Since the scene is close to Augsburg Cathedral as well as to the City Hall of Augsburg there was a rather high risk particularly to injure passerby. On the other hand it was much easier to seize Weisbecker at the doorway of  his house in Georgenstr, which is rather traffic-calmed. In the course of one month after the Augsburg bombing almost all prominent members of the RAF were arrested in Frankfurt, Hamburg or Berlin.

An open question is why the RAF had a conspiracy dwelling in Augsburg anyway? One somewhat plausible reason was to assume a context with the XX. Olympic Games in Munich whereby Augsburg herself was Olympic city and host of the canoe racing competitions. As is known in September 1972 Palestinian terrorists raided the lodgings of Israeli athletes and coaches in the middle of the night. They took the sportsmen as hostages in order to obtain the release of several terrorists interned in Israel, but also to obtain the release of Andreas Baader and Ulrike Meinhof from the RAF, who were arrested only a couple of months before. After the Olympic massacre of Fürstenfeldbruck the RAF applauded the action by their Arab friends. Maybe it is conceivable to consider the Augsburg activity of Weisbecker and his comrades with an early state of the planning.