Lachoudisch – Reste jüdischer Sprache aus Schopfloch

August 24, 2010

Im fränkischen Schopfloch, so heißt es, hat sich eine jüdische “Geheimsprache” namens “Lachoudisch” im mittelfränkischen Dialekt der nunmehr seit über 70 Jahren „judenfreien“ Dorfbevölkerung gehalten. Die Nachrichten darüber erregten in den letzten Jahrzehnten auch internationales Aufsehen.

did they know lachoudish ..?

Die Bezeichnung „Lachodisch“ (לכודיש) (schon die isch-Endung suggeriert eine Sprache) geht auf eine korrumpierte Form des Hebräischen „laschon kodesch“ zurück, was im Hebräischen wörtlich „heilige Sprache“ bedeutet und die hebräische Sprache – als Sprache der Bibel – selbst bezeichnet. Das häufiger als „Schopflocher Geheimsprache“  bezeichnete Lachodisch (in der Regel „Lachoudisch“ geschrieben, was aber die Aussprache freilich nicht vereinfacht, wenn man nicht (mehr) weiß, dass es einen Laut zwischen einem dumpfen o und einem au – Diphthong anzeigen soll) zieht die beiden Worte zu „la(schon) kodesch“ zusammen, das sich in der Region dann wohl nach „lasch’n kaudesch“ angehört haben dürfte. Der westjüdische Jargon ist ein süddeutscher Akzent der jüdisch – deutschen Sprache, jener Sprache, die von den spätmittelalterlichen Juden der Region im 14. – 17. Jahrhundert selbst noch als „taitsch“ also „deutsch“ bezeichnet wurde. „Taitsch“ nannte man die Sprache gelegentlich in Abgrenzung zur Sprache der Aschkenasen, was im 16. Jahrhundert noch die Bezeichnung für nichtjüdische Deutsche war, während man heute damit „deutsche“ Juden meint – nun in Abgrenzung zu den Sefarden, den „spanischen“ Juden. Das jüdische Taitsch hingegen wird heute allgemein nach amerikanischen Vorbild als Jiddisch (Yiddish) bezeichnet (weil Juden in Amerika zunächst mehrheitlich deutschsprachig und Yiden waren, bevor sie Jewish wurden …), wobei es mehr oder minder noch immer strittig ist, ob man dieses „Yiddish“ nun als eigenständige germanische Sprache ansieht wie etwa Englisch, Deutsch, Holländisch oder Schwedisch, oder als bloßes Kauderwelsch, Jargon oder Dialekt der deutschen Sprache. Eine Besonderheit des jüdischen Taitsch, der es von den in Frage kommenden anderen germanischen Sprachen abgrenzt ist der Umstand, dass sie in hebräischen Buchstaben geschrieben wird. Zudem ist der Wortschatz mit recht vielen hebräischen und aramäischen Lehnwörtern und Wendungen angefüllt, die freilich in aller Regel ganz anders als in den Herkunftssprachen ausgesprochen werden, während ihr nicht jüdisches Gegenstück „Deutsch“ – in früheren Fassungen ebenfalls Taitsch genannt sozusagen mit lateinischen und griechischen Vokabular durchsetzt ist. Mit einer gewissen Berechtigung könnte man deshalb von jüdischen und christlichen Deutsch als Parallelsprachen sprechen, die auf ihre Weise nicht nur begrifflich Zeugnis ablegen von der etwas komplizierten wechselseitigen Beziehung. Chassiden etwa im „orthodoxen“ Jerusalemer Stadtviertel Mea Schearim würden unter „laschon kodesch“ sicher nichts anderes als Hebräisch bezeichnen und keinesfalls ihre als Jiddisch bezeichnete Sprache, die öfter auch mame-loschen (wörtlich Mutter-Sprache) genannt wird …  (*אבער פרוממע בכל אופן ווולן זוגן *לשון קוידעש).

Was heute (seit etwa 1969) noch als „Lachodisch“ überliefert ist, ist mangels Juden in der Region wohl nur eine Anzahl von Überresten einer nur noch mündlich tradierten Weitergabe eines früheren westjüdischen Dialekts, der freilich regionale Spracheigenheiten in sich aufgenommen hat. Da der allgemein gesprochene Dialekt in der Region erhalten blieb, ist es natürlich so, dass vor allem jene Sprachelemente als „lachodisch“ aufgefasst werden, die ihre jüdische Abkunft aus dem hebräischen ableiten, was die ursprüngliche Sprache der Juden natürlich erheblich verkürzt. Umgekehrt könnte man verfahren, wenn man nur jene Begriffe als „typisch“ für die regionalen Christen gelten ließe, die eine eindeutig lateinische Herkunft aufweisen.  Vorausgesetzt ist dabei natürlich, dass es sich in einem wie im anderen Fall nicht um Lehnwörter handelt die völlig im deutschen Allgemeinwortschatz aufgegangen  sind und von ihrer lateinischen (z.B. Pfeil von „pilum“) oder hebräischen (z.B. Pferd von „pered“) Herkunft nicht mehr erkenntlich sind.

Der unter diesen Vorzeichen nun als „Lachodisch“ geltende Wortschatz – angeblich sind noch rund 200 dieser Begriffe in der Dorfsprache erhalten, 1994 freilich nur unter 12 Personen ermittelt – beinhaltet eine ganze Reihe von Lehnwörtern aus dem Hebräischen, die sich in der regionalen Lautung auch für hebräisch sprechende Zeitgenossen selten auf Anhieb verstehen lassen– aber welcher Nichtbayer erkennt „minga“ auf Anhieb als „München“  oder ein bayrisches „lem“ als Leben“ ..? Etwas leichter tut man sich, wenn man das heute als Jiddisch bezeichnete versteht, das allerdings in der Regel seit langem keine aus Deutschland stammenden Muttersprachler mehr kennt.

Dem Vernehmen nach sei Lachoudisch als Sprache von Viehhändlern und wird von vielen gerne auch als deren „Geheimsprache“ aufgefasst. Dazu passt natürlich das offenbar gerne geglaubte Klischee, jüdische Händler „mauschelten“ untereinander, um mit ihrem vermeintlichen „Kauderwelsch“  nicht jüdische Kunden auszutricksen und zu täuschen, förmlich über den Tisch zu ziehen, weil diese ja nicht im Stande seien, deren Sprache zu verstehen.  Eine solche Sicht ist freilich völlig realitätsfremd und fern jeder Praxis. Zum einen war der Viehhandel in der Region zu keinem Zeitpunkt ein jüdisches Monopol, zum anderen waren die jüdischen wie auch andere Viehhändler darauf angewiesen mit den Bauern und Schlachtern mit denen sie handelten ein gutes Auskommen zu haben. In kleinen dörflichen Strukturen kann man sich kaum erlauben, wenige feste Kunden zu verprellen, da alle mehr oder minder aufeinander angewiesen sind. Gegen die Einschätzung des lachodischen Idioms als berufliche Geheimsprache jüdischer Viehhändler spricht aber auch der überlieferte Wortschatz, der nur wenig mit Viehhandel zu tun hat und nicht zuletzt auch der Umstand, dass eine Anzahl von Begriffen dem Vernehmen nach ja nun Bestandteil der Dorfsprache der christlichen Schopflocher geworden sein soll. In vielen Orten in denen auch in Süddeutschland im Laufe des 16. bis 19. Jahrhundert kleine Dörfer von einer größeren jüdischen Bevölkerung mitgeprägt wurden und in der sie oft ein Drittel, die Hälfte oder manchmal auch die große Mehrheit der Einwohner stellten, gab es immer wieder die drei Zentren des Dorfgeschehens, die die Trennung wie auch die Verbundenheit der christlichen und jüdischen Nachbarn manifestieren, die Kirche, die Synagoge und als Ort der Gemeinsamkeit die Dorfkneipe. Letztere lebte später im ausgehenden 19. Und frühen 20. Jahrhundert in gesellschaftlich gehobenen Kreisen dann noch etwa als Wiener Caféhaus – Kultur weiter. Die Dorfkneipe aber war die Begegnungsstätte für Juden und Christen in den Dörfern und hier dürfte auch beim gemeinsamen Bier die gemeinsame Sprache der Nachbarn und Geschäftsleute gepflegt worden sein – zweifellos nicht im immer in der Art und Weise wie es auch dem Pfarrer und Rabbiner gefallen hätte.

Wenig verwunderlich taucht unter den Begriffen „acheln“ oder „achlen“ (אכלען) auf, das „essen“  bedeutet und sich vom hebräischen „ochel“ (אוכל) herleitet. Passend erscheint auch soref als Schnapps (שנאפס), was sich offensichtlich von hebr. שורף ableitet und wohl auf das Brennen anspielt, wie es ja auch der Branntwein oder weniger offensichtlich der englische Brandy tut, der vom holländischen brandewijn herrührt. Da überraschen eher „kaserem“, was nicht auf Anhieb erkennbar, den hebräischen Plural chasir-im (חזירים) von Schwein wiedergibt. Eine ganze Reihe der an vielen Stellen zitierten Begriffe sind keineswegs ungewöhnlich, manche wie Massel (Glück), malochen (arbeiten), koscher (tauglich, rein), schachern (handeln), meschugge (verrückt) sind allgemein geläufig. Andere wie schuk (שוק -Markt), bais von bait (בית) = Haus, majem = Wasser von hebr. (מים – majim), jajem = Wein von hebr. jajin (יין -jajin), kufes als Plural von über jidd. chuwes von hebr. chowot (חובות) = Schulden, usw. Mit dem Wort juschbes oder gar juschpes soll nun die Kneipe, das Wirtshaus bezeichnet worden sein, jedoch ist die Herkunft schwer zu ermitteln, da allenfalls bes am Wortende noch auf das bereits erwähnte Haus (בית – bet, bait) deutet. Das Schwäbische kennt in diesem Zusammenhang übrigens das vom Hebräischen herkommende „boiz“ oder „boitz“ für die Kneipe. Wofür nun das vorangestellte „jusch“ nun stehen soll, ist schwer zu sagen, aber vielleicht kann uns einer unserer Leser weiterhelfen ..?

Mit dem Begriff „schofet“ (שופט) bezeichnete man den Bürgermeister, was relativ ungewöhnlich ist, da man einen solchen sonst als ראש bezeichnen würde. Schofet hingegen bezeichnet eigentlich einen (nichtreligiösen) Richter – im Gegensatz zum dajan (דין) des bet din (בית דין) – jedoch kann dies unter besonderen lokalen Umständen Aufschluss geben über die richterliche Gewalt der früheren Ortsvorsteher als Vertreter ihrer marktgräflichen oder fürstlichen Herren von Ansbach oder Oettingen.

Nur wenig aus dem aufgezeigten Vokabular bezieht sich auf den eigentlichen Viehhandel etwa bauker für boker (בקר – Rind) oder bore für Kuh von hebräisch para (פרה -Kuh) oder par (פר – Ochse) die andererseits aber wieder weit weniger „geheimnisvoll“ als Farren und Färse auch in der deutschen Allgemeinsprache Eingang gefunden haben und so zumindest im Viehhandel noch gängige Bezeichnungen sind. Dies erleichtert es nicht gerade den überlieferten Wortschatz in seinem Kontext zu beurteilen, zumal Fachbegriffe für den Viehhandel fehlen. Schließlich stellt sich auch die Frage, warum nun gerade diese Begriffe sich im Schopflocher Dialekt erhalten haben sollen, während andere, die in den Verhältnissen einer kleinen keineswegs begüterten Landgemeinde  durchaus zu erwartende Begriffe es nicht in den „Schopflocher Kanon“ schafften. Dieser wurde dem ursprünglichen Anspruch etwas widersprechend vom ehemaligen Bürgermeister Schopflochs Hans Rainer Hofmann, der auch Autor eines Buches zu Thema ist, unter anderem auch in Kursen an der Volkshochschule verbreitet.

In einem Artikel des Evangelischen Presseverbands Bayern (EPV- “Medien mit christlichen Inhalten“) vom Oktober 2006 (http://www.epv.de/node/2695) heißt es “Schoufet Oswald Czechsteht auf der Bürotasse im Schopflocher Rathaus“ und ein Schild mit der Aufschrift “Kouhne quere!” beim Kindergarten warne Autofahrer vor Kindern die auf die Fahrbahn springen könnten. Bei unserem auch hier wieder viel zu kurzen Aufenthalt in Schopfloch sind uns solche „Besonderheiten“, die offenbar eine Verschriftlichung und allgemeine Präsenz des „Lachoudisch“ am Ort suggerieren wollen nicht aufgefallen und den Schopflocher Kleinkindern ist aus Gründen der Sicherheit zu wünschen, dass es sich hier nur um eine Finte handelt. Die Erwartung, dass (eventuell auch auswärtige?) Autofahrer mit der Aufschrift etwas anfangen könnten, wäre gelinde gesagt eigenartig.  Da der Begriff „kouhne“ auf Anhieb auch nicht einzuordnen ist, hoffen wir, dass es sich (insgesamt) um einen Marketing-Gag handelt.


Der „Zuchtspiegel“ des Rabbi Schimon ben Elieser Ulmo Ginzburg

March 10, 2010

Schimon Ben Elieser Ulmo wurde 1506 in Günzburg geboren und war ein rabbinischer Gelehrter, Haupt der angesehenen Jeschiwa in Burgau und zugleich auch kaiserlicher Hoffaktor in der österreichischen Marktgrafschaft. Sein Vater Elieser (1477-1544) stammte als Urenkel des Falk ben Lemlin (1390-1465) ab, dessen Ahnen wiederum auf die Familie der Kalonymos zurückgeht und  im Jahre 1439 die Reichsstadt Augsburg zusammen mit seinem Bruder Baruch (1384-1459) samt familiären Anhang verlassen hatte und nach Ulm zog.  An seinem Geburtsort Günzburg war Schimon nach der Herkunft seines Vaters noch als Ulma bekannt, in Burgau jedoch wegen seines eigenen Geburtsort nun mit dem Beinamen Ginzburg oder Günzburg. Sein eigener Name Schimon wurde geläufig auch als Simon aufgefasst und zudem verfügte er über den „Spitznamen“ Seligman. Wegen seines hohen Bekanntheitsgrades, Reichtums und Einfluss gilt Schimon allgemein als Stammvater der sehr weitverzweigten Familie der Ulmo-Günzburg (gelegentlich nach dem alten Stadtnamen auch Ulma, später auch Ulman, Ullman, Ulmann, usw. sowie Ginzburg, etc).

Die Vielfalt der Namen und vorhandenen Kombinationen und Schreibweisen ist auf den ersten Blick etwas verwirrend, aber keineswegs eine Besonderheit, sondern allgemeines „Schicksal“ fast aller Zeitgenossen der damaligen Welt. Verlässlich, weil unumstößlich blieb lediglich die hebräische Namensüberlieferung „A Sohn des B“. in der Regel ist, wenn ansonsten keine Dokumente mit persönlichen Bezügen vorhanden sind – was nun eher die Ausnahme ist – nur so eine genealogische Abfolge nachvollziehbar.  Bereits im Eintrag der Jewish Encyclopedia zu seiner Person wird eine Verwechslung mit dem gleichnamigen Hofarzt Seligman Günzburg aus dem polnischen Slutsk korrigiert, der auch Vorsteher der Gemeinde in Posen war. „Unser“ Schimon wird hier auch in säkularen Wissenschaften bewandert bezeichnet, unter anderem als Architekt und Geometer (Landvermesser, Kartograph, Mathematiker). Dazu passt die Überlieferung, dass er in Günzburg sowohl eine Synagoge errichtete als auch einen Friedhof anlegen ließ.

Als Schimon 1506 in Günzburg geboren wurde und dort wie auch im benachbarten Burgau aufwuchs, war noch der bereits betagte Jona Weil (1451-1530) Rabbiner der nur ca. zehn Kilometer entfernten Gemeinden in Günzburg und Burgau (unter dem allgemeinen Titel des hohen Rabbiners von Schwaben und der Schweiz) und bis zu seinem Tod zugleich auch Vorsitzender des rabbinischen Gerichts für die Region. Ihm folgte Jitzchak ben Josef Segal, der von 1530-1568 als Rabbiner amtierte.  Wie Segal hatte auch Jona Weil Augsburger Ahnen, war er doch der Sohn des bereits hoch betagten Jakob ben Jehuda Weil (1385-1456), der 1438 als einer der ersten die Stadt verlassen hatte, nachdem der Rat unter kirchlichem Drängen den Juden zwei Jahre einräumte um Augsburg bis 1440 zu verlassen. Es liegt auf der Hand, dass Schimon, der selbst von Augsburger Juden abstammte unter dem Einfluss dieser Gelehrten die Erinnerung an die alte Heimat aus erster Hand erfuhr und an seine Nachkommen weiterreichte. Wie wir einer Urkunde aus dem Jahre 1544 entnehmen können, besaß Schimon gemeinsam mit seinem Bruder Jakob das kaiserliche Schutzprivileg von Kaiser Karl V. Im selben Jahr vertrat er gemeinsam mit Josel von Rosheim die jüdischen Gemeinden am Reichstag von Speyer. Im Jahre 1569 ist Schimons Sohn Mosche der erste nachweisbare Vertreter, der später dominierenden Ulmo-Familie in Pfersee und zählt zu den Gründern der Gemeinde dort. Ein weiterer Schutzbrief aus dem Oktober 1617 erwähnt mit Salomon einen weiteren Sohn von Schimon „der Zeit wohnhaft zu Pfersen bey unseres heyl. Reiches Statt Augspurg gelegen“ und mit ihm drei Söhne: Schimon, Kalman und Samuel. Von letzterem ist aus dem Folgejahr ein eigener Schutzbrief bekannt, der zugleich auch für die wachsende jüdische Gemeinde seines Ortes, also Pfersee galt. Pfersee, das nur zweieinhalb Kilometer von den Toren der Reichsstadt Augsburg entfernt lag, entwickelte sich sodann rasch zum Zentrum der schwäbischen Juden und übernahm mit dem Ende des 30jährigen Krieges den Amtssitz des Rabbinats von Medinat Schwaben der zwischenzeitlich an Thannhausen übergegangen war.

Schimon ben Elieser Ulmo Günzburg war er für seine Wohltätigkeit, Gelehrigkeit und Frömmigkeit weit über die Grenzen Schwabens bekannt und gerühmt. Von seinen Schriften ist uns seine Sammlung talmudischer Redensarten überliefert, die unter dem Namen „Sefer Ma‘re Musar“ mehrfach nachgedruckt wurde. Das Werk enthält auf 78 Seiten mehr als 500 alphabetisch geordnete Redensarten und Spruchweisheiten aus dem Talmud und anderen Schriften mit Quellenangabe und jiddischer (eigentlich: „taitscher“) Übersetzung, oder besser gesagt Umschreibung. Schimon Ulmo übertrug die talmudischen Weisheiten nämlich öfter in Reimen, weshalb der Inhalt eher sinngemäß als wörtlich widergegeben wird, wohl weil das insgesamt auch kaum gelingen kann. Für regionale Sprachforscher interessant sind die häufigen deutsche Redensarten zur Erklärung dazu, die er in der damaligen Zeit wohl in seiner schwäbischen Umgebung vorfand. Davon sind sicherlich nicht mehr alle geläufig. Zur Zielgruppe des Verfassers gehören wie er ausdrücklich bemerkt auch Frauen, damit diese in den ruhigen Stunden an Schabbes und Feiertagen einen geeigneten Lesestoff zur Erbauung haben. Der jiddische Titel des Buches wird in den Druckausgaben um 1680 als „Zuchtspiegel“ angeben, was eine nicht ganz zutreffende Übersetzung ist, für die der Autor wohl nicht verantwortlich ist. מסר (masar) bedeutet ursprünglich „herausgeben, aushändigen“ (z.B. einen Brief, eine Ware, etc.) und davon abgeleitet im übertragenen Sinne „mitteilen, übergeben, überliefern“. Daraus folgt später dann auch der „masor / moser“  = Denunziant, wie auch „masoret“ und „masora“ (מסורה) – die Überlieferung, worunter  heute  im engeren Sinne vor allem die punktierten Texte der Bibel („masoretischer Text“) verstanden werden. Zwar wird מוסר (musar) gerne mit „Moral“ oder „Ethik“ übersetzt, jedoch sind diese „philosophische“ Begriffe zwar heute (in der Bedeutung flachgetreten) allgemein geläufig, jedoch ohne Entsprechung in der Gedankenwelt insbesondere des mittelalterlichen Judentums. Sie würden damit auch die Perspektive verfälschen, passender wäre allenfalls das lateinische „Tradition“.  מראה hingegen kann nicht nur als „Spiegel“ verstanden werden, sondern auch als „Ausblick, Ansicht, Schau“ und eine geeignetere deutsche Wiedergabe des Titels wäre demnach wohl „Ansicht der Überlieferung“ und eine solche wollte der Autor bieten.

Zum Abschluss genügt zunächst fürs erste ein Beispiel (die mehrfache Umschreibung des Textes ist etwas zeitraubend, aber weitere Beispiele werden noch folgen. Zudem sehen wir das Werk als Bestandteil der angestrebten Sammlung von Schriften früherer Augsburger oder mit Augsburg in Beziehung stehender Gelehrten von Rang.

Die Transkription des jiddischen (bzw. „taitschen“) Textes erfolgt der Einfachheit halber der hebräisch notierten Vorgabe, somit freilich auch ohne die heute gerne zitierte Umlautung, die einen ostjiddischen Klang simulieren will. Für das Werk insgesamt verweisen wir auf die digitalisierte Ausgabe des Drucks von Frankfurt 1679 unter der URL http://www.literatur-des-judentums.de wo noch drei, vier weitere Exemplare des Buches zu finden sind, eben vielen anderen interessanten Werken (grundsätzlich gesagt).

friendship or death

או חברותא או מיתותא

(תענית פ”ג)

ווען שון דער מענש אויף דר וועלט העט אלי וואול לושט פון גוט אונ געלט אונ העט קיין גוטי גיטרייאי חברים ניט, דו ער זיך קענט דר פרייאין מיט, דא האט ער בייא אל זיינם גוט קיין פריליכן מוט אונ זיין לעבן איז גיגליכן זו איין טוטן מענשין, וויא דו שפריך ווארט זאגט: איך וועלט מיך ניט אליין אין הימל ווינשן. אך וויא דיא אשכנזים  גימיינדליך איין שפריך ווארט האבין, אליינט ארבין, זעלב אנדר זו בעט, זעלב דריט אויף דעם וועג, זעלב פירט זום שפיל, זעלב פינף זום טרינקן.

(Transkription: wen schon der mensch oif der welt het ale wol luscht fun gut un gelt un het kain gute getreie chowrim nit do er sich kent der fraien mit, da hat er bai al sainm gut kain frilichn mut, un sain lebn is geglichn su ain totn menschin, wi do sprich wart sagt, ich welt mich nit alain in himl winschn, ach wie die aschchenasim gemaindlich ain sprich wart haben: alaint arben, selb ander su bet, selb drit oif dem weg, selb firt sum spil, selb finf sum trinkn. 

(Im heutigen Deutsch heißt dies in etwa: „Wenn der Mensch auf der Welt allen Spaß von Besitz und Geld hat, aber keine innigen Freunde, mit denen er sich freuen kann, so hat er mit all seinem Gut keinen fröhlichen Mut und sein Leben gleicht dem eines toten Menschen, so wie es das Sprichwort sagt: „Ich wollte mich nicht alleine in den Himmel wünschen.“ Auch die Aschkensim (nach heutigem Verständnis „die Deutschen“) haben ein allgemeines Sprichwort dazu: „Alleine erben, mit einem andern ins Bett, zu dritt auf den Weg, zu viert beim Spiel und zu fünft zum Trinken. „

Die Redensart ist nun ein Zitat aus dem Talmud Bawli (Taanit 80.3) und dort in Anspielung auf die in unserem Kontext nicht weiter erläuterbare Person (חוני המעגל) Choni des Kreisziehers, der legendär nach 70 Jahren vom Schlaf erwachte und als er dann keine Kameraden zum Studium der Thora vorfand, aus Kummer starb (מת מרוב צער).  Die Redensart sagt man im heutigen Hebräisch או חברות או מוות was man übersetzen kann mit „Freundschaft oder Tod“, äquivalent zu einem „einsamen Tod“. Etwas was in unser “modernen” Zeit eher häufiger als seltener wird, auch wenn der Schlaf im Wandel der Zeit den Betroffenen nicht immer bewusst ist..

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