Augsburger Dunkel

May 10, 2013

So ziemlich jeder hat schon etwas vom berühmten „Bayerischen Reinheitsgebot“ (Bavarian Brewing Act oder Purity Law) von 1516 gehört, der in Ingolstadt beschlossenen Regelung der erlaubten Bierzutaten, nämlich wie es dort heißt „zu kainem pier merer stueck dann allain gersten, hopfen unn wasser gepraucht solle werden“. Unzählige Male zitieren Werbeanzeigen, Reise- oder Speiseführer, aber auch politische oder wissenschaftliche Publikation die geläufige Formel vom „ältesten Lebensmittelgesetzt der Welt“. Den ältesten Beleg dafür, den ich bislang gefunden habe, datiert auf das Jahr 1967 zurück (Bernd Ücker: Bayern, der widerspenstige Freistaat, S.31), wo der bayerische Bier-Mythos noch als „historischer Witz“ bezeichnet wird: „Die Bayern, ausgerechnet die Bayern haben den Weinbau nach Osten hin ausgebreitet …“ Das Bierbrauen hätten die Bayern dann erst von den Preußen gelernt, was so nun aber auch wieder nicht stimmt.

Tatsache ist aber, dass Bayern mit Bier zunächst wenig anfangen konnten und nur wenig davon brauten, womit wir hier natürlich Alt-Bayern meinen und von den später einverleibten Gebieten der Franken und Schwaben gesondert betrachten … Franken und Schwaben nämlich hatten sehr wohl eine alte Tradition des Bierbrauens, beide bereichert von Böhmen, deren Hopfen zuerst importiert und dann im 18. und 19. Jahrhundert von jüdischen Hopfenhändlern und Bauern heimisch gemacht wurde. Dass der Handel mit böhmischen Hopfen schon weit früher eine jüdische Domäne war geht aus Bestimmungen im England des frühen 15. Jahrhunderts hervor, die zeitweilig die Einfuhr von Hopfen beschränkten oder gar verboten. Dieser kam durch jüdische Händler über die Niederlande aus Böhmen. In der Folge mussten auch die Briten einige Jahrhunderte helles Dünnbier trinken, bzw. Weinanbaugebiete in Frankreich erobern. Erst um 1660 kam in London, wo sich seit 1656 wieder sephardische Juden aus Holland niederlassen durften, das später weltberühmte Darkbeer auf, zu welchem bereits auch Hefe als Bestandteil erwähnt wird, die im Reinheitsgebot von 1516 fehlt. 1828 und 1830 folgten Alehouse und Beerhouse Acts, welche Herstellung und Ausschank von Bier unter strikte Regeln stellten. Das kräftige Dunkelbier kam beim Volk gut an und da sich mit dem Massenprodukt viel Geld verdienen ließ, zielten die Regulierungen auch darauf ab, die Juden aus „ihrem“ Geschäft zu drängen. Das klappte dann auch und so ist es dann eine weitere Ironie der Geschichte, dass sich beispielsweise die Rothschilds dem Weinbau zuwandten.

Fürst Wallerstein Dunkles Landsknecht Bier

Aus Augsburg stammt die tatsächlich älteste nachweisbare Erwähnung von Bestimmungen für die Herstellung und den Ausschank von Bier, worauf in der Stadtrechtsurkunde vom 21. Juni 1156 angespielt wird. Demnach soll bestraft werden, wer schlechtes Bier macht oder ungerechtes Maß ausschenkt. Ähnliche Regelungen sind zwohundert Jahre später (1363) auch in der Augsburger „Filiale“ München (die vom Herzog zeitweilig auch an die Vorstände der Augsburger Juden verpfändet war) nachweisbar. 1447 wird dort dann auch bereits Gerste, Hopfen und Wasser als alleinig erlaubte Bestandteile fortgeschrieben. Der Ingolstädter Beschluss von 1516 hatte, anders als man vermuten möchte, keine nennenswerte Auswirkung. Der bayerische Adel bevorzugte weiterhin Wein und christliche Mönche brauten weiterhin mit allerlei Kräutern und Gewürzen, darunter auch Wermut oder halluzinogene Pflanzen wie das Bilsenkraut. Letzteres wurde 1551 dann nochmal ausdrücklich verboten, zugleich aber auch die Beifügung von Lorbeer, Rosmarin, Wacholder, Korinthen und dergleichen mehr ausdrücklich erlaubt. Gleichzeitig erschwerten die Bayern auch den (überwiegend jüdischen) Hopfenhandel nach Augsburg und (österreichisch) Schwaben, weshalb dieser über Franken und das Ries abgewickelt wurde. Um das trotzdem vorhandene bayerische Dünnbier geschmacklich abermals etwas aufzupeppen, wurde den Brauern auch Salz und Kümmel als weitere Zutaten erlaubt.

Hasenbräu Augsburg

Als im Zuge der napoleonischen Kriege Bayern zum Königreich aufstieg und Schwaben und Franken (von denen Teile tatsächlich zeitweilig preußisch waren und so interpretiert „Preußen“ den Bayern das Bierbrauen beibringen mussten, wie s im obigen Zitat heißt) Provinzen davon wurden, ging man daran, eine gemeinsame Identität zu erfinden. Das Bier der Franken und der Schwaben wurde sodann zum Bier der Bayern und Bayern zum Land des Bieres. Um 1860 herum besann man sich dann auch wieder der mittelalterlichen Biergesetze, um eine nicht vorhandene Kontinuität vorzugaukeln. Natürlich entschied man sich sodann für „1516“, obwohl es in Schwaben und Franken ältere Bestimmungen gab, auf die man sich berufen hätte können. Da Ingolstadt aber gerade eine Garnisonsstadt war, verband sich damit auch die Möglichkeit das Bier mit dem Soldatentum zu verbinden, wovon im Ingolstädter Armeemuseum einige entsprechende Bierkrüge zeugen. Bald war so auch vom „Deutschen Reinheitsgebot“ die Rede. Wie im mittelalterlichen England begann man nun auch im deutschen Kaiserreich damit, die Juden, die noch immer über drei Viertel des Hopfenanbaus kontrollierten und zahlreiche Brauereien betrieben aus der nun völkisch umgedeuteten „Bierseligkeit“ zu verdrängen. Das letzte überregional bekannte Beispiel für den Kampf gegen das „Judenbier“ war Joseph Schülein (1854-1938), der 1933 gezwungen wurde seinen Münchner „Löwenbrau“ zu verkaufen.

Ausgburger Regiment Bierkrug 1908 1910Augsburger Regimentsbierkrug 1908 / 1910 im Armeemuseum Ingolstadt

Nach dem „Vorläufigen Biergesetz“ von 1993 darf für untergäriges Bier Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser verwendet werden, für obergäriges Bier ist zusätzlich auch die Verwendung von „anderem Malz“ (wobei Malz definiert wird als „alles künstlich zum Keimen gebrachte Getreide“) und Rohr-, Rüben-, Invertzucker, etc. zulässig. Das kann zu Unterschieden in den mit „Bayerischem Reinheitsgebot“ oder „Deutschen Reinheitsgebot“ führen.

Heute ist helles Dünnbier üblich geworden wie pastellfarbene Dirndl von Lidl und Co. und gehören zum „bayerischen Lebensgefühl“ scheinbar dazu. Dass aber auch in Augsburg vor rund hundert Jahren die Verhältnisse diesbezüglich noch ganz andere waren, ergibt sich aus einer Beschreibung von Walter Brecht (1900-1986), dem jüngeren Bruder von Eugen Bertold Friedrich, besser bekannt als Bert Brecht (1898-1956), der davon erzählt, dass er (wohl um 1910) mit seinem Bruder abends immer Bier für seinen Vater holte:

Als Gefäß für das Bier diente entweder ein offenes Bierglas oder ein mit dem Brecht-Wappen versehener irdener Krug, der einen kräftigen, hellen Zinndeckel trug. Ein sogenannter Maßkrug, der einen Liter Bier fasste und von den Handwerkern, vor allem von Maurern, bevorzugt wurde, war verpönt, obwohl man wusste, dass das Bier daraus getrunken, besonders gut schmeckte.

Bier in Flaschen gab es nicht, wie es auch ausschließlich dunkles Bier war, das man bei uns trank.  Das Bierglas fasste einen halben Liter … er kostete 5 Pfennig. Man schätzte eine stabile Schaumkrone und trank das Bier nicht so kalt wie heute … Das Augsburger Bier hatte einen vorzüglichen Ruf. Die Kenner fanden es dem Münchner Bier überlegen. Bekannte Brauereien waren „Zur Goldenen Gans“, der „Hasenbräu“, „Riegele“, die Brauerei „Stötter“ in der Jakobervorstadt und viele andere.“

(Walter Brecht, Unser Leben in Augsburg, damals, S. 67)

 

 

Erwähnenswert wäre übrigens auch noch die Deutung des Augsburger Stadtwappens, der bekannten Zirbelnuss, die keine Nuss darstellt, sondern einen Zapfen. Zur Verwirrung mancher hat dabei aber beigetragen, dass der Zapfen in den ältesten Illustrationen in grüner Farbe dargestellt wurde, was zugleich auch das Grün in den Augsburger Stadtfarben ausmacht. Da andererseits nun aber die Zapfen bekanntlich nicht grün, sondern bräunlich sind, kamen schon bei den humanistischen Gelehrten des 15. und 16. Jahrhunderts spekulative Deutungen auf, etwa über eine ominöse Weintraube („Beere“) namens Augster (woran man erkennen kann, welchem Getränk sie selbst zuneigten) oder ein nicht minder mysteriöses „grünes Feuer“ (hergeleitet von der „Stadtpyr“ wobei man „pyr“ als griechisches Wort für Feuer wertete). Es würde bereits an der auch im Mittelalter wirkenden Gravitation scheitern eine Weinrebe auf mit dem sich nach oben verjüngenden Teil an der Spitze zu halten, weshalb es abwegig ist, zu vermuten, dass dieses Kunststück das Wappen der Stadt sein sollte, auch gibt es weder grünes Feuer noch grüne Zapfen. Was es jedoch gibt, und im Kontext dieses Textes kann man es ja auch mal diesbezüglich erwähnen ist Hopfen und eine gewisse Ähnlichkeit hat die grüne Hopfendolde schon mit dem Emblem der Reichsstadt. Der lateinische Name des Hopfen ist übrigens “humulus”, wovon sich in vielen europäischen Sprache die jeweiligen Beziehcnungen ableiten, z.B. humle (dänisch, schwedisch), “humal” (estnisch), komló (ungarisch), humala (finnisch), usw. vielleicht ja auch der auch in jüdischen Friedhöfen nachweisbare Familienname Hummel – falls es nicht gewichtigere Argumente dafür gab, den Namen vom Insekt abzuleiten. Den Stadtpyr kann man nun vielleicht auch besser als Stadt-Bier zum Anstoß nehmen 🙂

HopfendoldenHopfendolden

Advertisements

Die Augsburger Zirbelnuss

May 9, 2012

Das Wappen der Zirbelnuss findet sich in Augsburg an allen möglichen Plätzen, ob in „himmlischen“ Höhen an Rathaus und Perlach oder als Siegel zum Abgrund auf Kanaldeckeln. Man findet sie auf Briefköpfen der Stadtverwaltung ebenso wie auf dem Emblem des Bundesligisten FC Augsburg, als Plüsch-Figur aber ebenso wie als steinerne Plastiken aus Römerzeit und Renaissance.

Die Zirbelnuss stellt offensichtlich den Zapfen eines Nadelbaumes, wahrscheinlich aus der Gruppe der Kieferngewächse (Pinaceae) dar. Die Zapfen verschiedener Bäume wie Pinien, Kiefern oder auch Zedern sehen sich relativ ähnlich und unterscheiden sich für Laien im bloßen Augenschein allenfalls durch ihre maximale Größe und dadurch, dass sie hier und da mal länglicher, mal gedrungener ausfallen. Da es nun andererseits auch eine große Anzahl recht unterschiedlicher, in der Regel auch stilisierter Varianten des heraldischen Symbols gibt, ist es nicht objektiv zu bestimmen, um welchen Baum es sich genau handelt. Namentlich leitet sich die Zirbelnuss von der  verwandten Zirbelkiefer (Pinus cembra) ab, die in den Alpen beheimatet ist, über zwanzig Meter hoch wachsen kann, aber auch Arbe oder Schweizer Pinie (so im Englischen Swiss pine) genannt wird.

Der Name „Zirbel“ bedeutet kleine „Zirbe“ was vom mittelhochdeutschen „zirben“ stammt und „sich drehen“ oder „wirbeln“ heißt (vgl. „zwirbeln“ = kreisen, winden, drehen, wickeln, etc.) und ein anderes Wort für das heute verwendete Zapfen ist. Die Bezeichnung für einen bestimmten Baum stammt demnach aus einer späteren Zeit und hat nur die Bewandtnis, eine kleinere „Zirbel“ zu bezeichnen. Die Blütenzapfen der Zirbelkiefer werden bis zu neun Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit und sind damit etwas kleiner als jene der Pinie (Pinus pinea) die bis zu 15 cm lang und 10 cm dick werden. In der Regel sind die Kerne der verschiedenen Bäume essbar. Die Nüsse der Zirbelkiefer schmecken ein wenig wie Walnüsse.

Mit echter und einer Anzahl imposanter antiker Zirbelnüsse aus Stein im Römischen Museum Augsburg

Ein gleichfalls für die Zirbelnuss verwandte Begriff lautete „Pyr“, vor allem anzutreffen in der Wendung des „Stadtpyr“. Der Begriff πυρ („pür“ oder „pir“) stammt aus dem Griechischen wird wie in „Pyromanie“ meist als Feuer (welches eher φωτιά wäre) übersetzt, heißt eigentlich aber eher Fackel (πυρ, neugriechisch: πυρσός). Die Namensgebung für den „Stadtpyr“, wie er im Stadttor neben dem früheren Königshof, im ersten Stadtwappen zu sehen ist, ergibt sich wohl aus dem Gebrauch aufgesteckter Zapfen als Fackeln. Die Verwendung des Zapfens als Symbol für die Stadtselbst  ergab sich jedoch kaum aus der „Fackel“, sondern schlicht aus der Existenz römischer Darstellungen des Zapfens, die mitunter bis zu einem Meter hoch sein konnten. Diese fanden sich insbesondere auf mehr oder minder gut erhaltenen, größeren und kleineren Grabmalen. Der Grabschmuck geht zurück auf den von wohl orientalischen Römern nach Rätien gebrachten Kult der Kybele, die häufiger mit Pinien-Zapfen dargestellt wurde. Diese Zapfen stellten dabei den abgetrennten Phallus dar, durch welchen im Frühjahr der „Gott Attis“ neu erstand. In selber Weise versinnbildlicht der Zapfen auf dem Grabmal die Hoffnung auf eine Auferstehung des Verstorbenen. In der christlichen Tradition gibt es seit einigen Jahrhunderten den Brauch, Nadelbäume für das Weihnachtsfest aufzustellen und festlich zu schmücken.

Altes Stadtwappen vom alten Rathaus in Augsburg (ca. 1450), welches sich heute auf der Rückseite des neuen Rathauses befindet, der Darstellung der Monatsbilder gemäß jedoch ursprünglich in bunten Farben bemalt war.

Der früheste Beleg für die Verwendung des Zapfens wenigstens als Teil des Stadtwappens datieren wie die Belege für die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Augsburg in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. In älteren deutschen Überlieferungen aus dieser Zeit ist dabei gelegentlich von „statber“ oder „-bir“ die Rede, was zu der Vermutung geführt hat, dass es sich um eine Beerenfrucht handeln soll. Der von den Römern bereits stilisierte Tannenzapfen wurde deshalb von manchen Zeitgenossen gar als „augster“ bezeichnete „Weinbeere“, bzw. umgekehrte Weinrebe aufgefasst. Tatsächliche handelt es sich aber wohl nur um eine ggf. falsch gedeutete Lautmalerei, die von der bereits genannten griechischen „Pyr“ herrührt.

Ab dem 16. Jahrhundert deutete man das regional durch Römerfunde öfter anzutreffende Zeichen dann doch wieder als Zapfen und über die in den Alpen heimische Zirbelkiefer wurde der orientalische Zedern- oder Tannenzapfen sodann zur Zirbel oder Zirbelnuss. In der Darstellung der humanistischen Augsburger schmückte sich hingegen aber auch die von ihnen als vorrömisch, besser gesagt aber wohl nur vor-christliche „Stadtgöttin Cisa“ auf der Spitze des erst 1615 fertigstellten Perlachturm mit einer Zirbelnuss in der Hand. Anders formuliert handelt es sich lediglich um eine Darstellung der Kybele, die zwar gewiss keine „keltische“ oder heimische, sondern eine aus dem Orient importierte „Göttin“ ist, die aber durchaus in vorchristlicher Zeit in der Ursiedlung verehrt worden sein kann. Die alten Römer stammten eher selten tatsächlich aus der gleichnamigen Stadt und waren eben auch keine Katholiken, sondern brachten ihre orientalischen Götter mit.

Wie dem auch sei, die Zirbelnuss ist heute wie gesagt in allerlei Varianten überall in Augsburg anzutreffen, weshalb sie manches Mal auch übersehen wird. Wie viele Organisationen und Vereine benutzte auch die jüdische Vorkriegsgemeinde die Zirbelnuss, eingefasst in der Mitte des sechszackigen David- oder Judensterns, dies tut auch der JHVA. Sehr bemerkenswert ist auch der Umstand, dass auch im fernen Prag das Grab des berühmten Rabbi Löw, dem die Legende die Kreation eines Golem zuschreibt, von einer Zirbelnuss bekrönt wird.

* * *

The coat of arms of the City of Augsburg depicts the cone of a pine, called „Zirbelnuss“ (to be pronounced something like tzeer-bel-nooooos), which you may find every in Augsburg, on the roof of public buildings, as emblem on letters by the municipality, as club emblem of Bundesliga football team FC Augsburg, as well as on sewer covers or many house facades. Also the prewar Jewish community used the symbol, which was brought by ancient Romans to their city and then was attributed to the Cybele cult. However the nuts of the tree are as tasty as walnuts.

Zirbelnuss as Jewel, by courtesy of Goldschmied Werner, Maximilianstr. 40, Augsburg

סמל העיר אוגסבורג הוא סוג של אורן הצנובר

סמל כמעט בכל מקום בעיר, והוא גם סמל של מועדון הכדורגל אוגסבורג