“Tipsiles und die Erfindung des Schießpulvers”

September 13, 2017

Artikel von Alexander Rupflin in der heutigen “Augsburger Allgemeinen” unter Berufung auf unsere Webseite:

Tipsiles und die Erfindung des Schießpulvers

-“Wie der Mann mit dem grünen Turban die Stadt Augsburg vor Feinden gerettet haben soll” (Serie “55 rätselhafte Orte”, Teil 49)

Auf diesem Webblog des JHVA haben wir die Geschichte des “Tipsiles” und seine historischen Hintergründe erstmals 2009 ausführlich erzählt, also vor acht Jahren. 2011 führten diese ersten Berichte zu einer Kontroverse mit der sich sogar der Augsburger Stadtrat befasste. Dabei ging es um die damals geplante Umbenennung des Pulvergäßchens. Mit Berufung auf unsere Tipsiles-Geschichte blieb der alte historische Name erhalten.

Es hat auch zumindest zwei Autoren zu eigenen literarischen Werken inspiriert:

Peter Dempf – Das Geheimnis des Tipsiles (Kinderbuch) (September 2013)

Michael Peters – Donnerkaut – das Geheimnis des Juden Typsiles (Roman) (November 2014)

 

 

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Antisemitismus im Lebkuchen-Haus ..?

December 10, 2013

Prof Wolfgang Benz AugsburgProf. Wolfgang Benz beim Vortrag in Augsburg (*)

Sozusagen als Nachschlag zur am Wochenende im „Kreuzgang“ von St. Anna zu Ende gegangenen Ausstellung zu „Josel von Rosheim“ hielt Prof. Wolfgang Benz (geb. 1941 in Ellwangen), „Emeritus der TU Berlin und bis 2010 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin“ den Vortrag „Judenbilder. Vom christlichen Antijudaismus zurzeit Josel von Rosheim zum Rassenantisemitismus“ in welchem er die bekannten Stereotypen vor seinen 58 Zuhörern Revue passieren ließ.

Vom ominösen „Gottesmord“ über die Behauptung, Geldleihe und Pfandgeschäfte seien ein „jüdisches Monopol“ gewesen, fehlte keines der sattsam bekannten Klischees. Zur Illustrierung zitierte der Historiker schließlich auch den Romanzier Lion Feuchtwanger. Immer wieder zu klären und zu erklären, sei laut Professor Benz die Frage, ob die Juden nun selbst schuld seien, dass man sie überall nicht mag oder ob die Mehrheitsgesellschaft ihre Feindbilder auf Kosten der Minderheit konstruiere.

Josel von Rosheim Ausstellung Augsburg Anna Kirche“… zwischen Einzigartigen und Universellen” (*)

Heute, so machte Prof. Benz wiederholt und ganz unmissverständlich klar, sei Antisemitismus aber in etwa „die am meisten geächtete Anschauung in Deutschland“ und niemand stelle sich vor eine Menge und behaupte, er sei ein Antisemit. Damit hat der emeritierte Forscher freilich recht und nicht nur, weil auch er es nicht tat. In der Tat ist es eine Rarität, dass vereinzelte genital-fixierte Damen sich semi-anonym hervorwagen und allenfalls vielleicht im Internet zum Stolz alter Tage zurückfinden, wenn sie „Antisemit“ als „Menschenrechtler“ und als „wunderbares Lob“ proklamieren (siehe: https://jhva.wordpress.com/2013/10/03/beschneidung-im-europarat-kampf-bis-aufs-messer/#comments) . Im sog. „real life“ wo „die Medien“ von „den Juden“ kontrolliert würden, kann man damit nicht punkten, zumindest hierzulande nicht, derzeit.

Aber was heißt es nun, wenn „der Antisemitismus“ sozial geächtet in der Öffentlichkeit nicht als solcher in Erscheinung tritt? Dass es ihn nicht gibt? Dass er wie seitens periodisch auftauchender Untersuchungen nur „latent“ (im lateinischen Wortsinn also <hinter Ziegeln> „versteckt“) vorhanden sei, zugemauert. Ebenso “latent” vorhanden dürften auch HJ-Bilder vom Opa sein oder Arisierungsgewinne, versteckt eben, hinter Mauern … des Schweigens oder aus Lebkuchen.

Natürlich ist es relativ einfach, sich in Opposition zu mittelalterlichen Vorstellungen zu positionieren und ungläubig den Kopf zu schütteln, wie man „damals“ nur so dumm sein konnte, Menschen unschuldig zu verurteilen und zu bestrafen. So als gäbe es das heute nicht mehr.

Was aber nutzt beispielsweise der Vortrag, wenn Übereinkunft darüber besteht, dass sich niemand offen zu seinem Antisemitismus bekennt, aber man ganz gewiss darüber ist, das wenigstens jeder Fünfte der „Anderen“ ihn hinter seinen Mauern versteckt hält, wie einen Schatz, der irgendwann vielleicht mal auch wieder an Wert gewinnt.

Würde ein heimlicher Antisemit etwa die Gemäuer eines Hauses betreten in welchen ein Vortrag über Antisemitismus gehalten wird, um sich über den aktuellen Stand der Forschung dazu zu informieren? Klar, warum eigentlich nicht? “Outen” muss sich ja nicht, weil niemand sich outen muss, weil alle davon ausgehen, dass sich eh keiner outen muss. Das ist so wie mit der Homosexualität im Iran. Es gibt sie nicht, sie ist nur zionistische Propaganda.

Wenn jeder fünfte Deutsche seinen Judenhass hinter (verbalen?) Mauern versteckt und kaschiert und diese Behauptung (sozial)wissenschaftlich belegbar ist, betrifft dies dann auch das Publikum solcher Vorträge, die Veranstalter, die Redner? Sind Juden etwa davor gefeit Antisemiten zu sein?

Wenn die Behauptung, kein Antisemit zu sein, als solche keine Bedeutung hat, weil niemand sie gebraucht, verschwimmen die Konturen und die Latenzmauer wird brüchig und ermöglicht (ungewollte?) Einblicke und damit auch Bezüge zur Gegenwart.

Die Regierung Netanjahu nicht zu mögen, so Benz, sei kein Antisemitismus. Auch das stimmt, obwohl mit einer solchen Aussage nun wirklich niemand widerlegt wird, da kein Likudnik einen solchen Schmarrn behaupten würde. Schon viel eher könnte jemand, der Obama nicht mag als “Rassist” verdächtigt werden, sicher niemand, der Netanjahu “ablehnt”. Antisemitismus sei es aber, wenn man sage, die Israelis behandelten die Palästinenser wie die Nazi die Juden. Geschenkt, nur, dass selbsternannte Israel-Kritiker nicht nur Netanjahu ablehnen, sondern auch an allen anderen jeweils aktuellen Regierungen des Judenstaates Kritik übten (freilich ohne sich dabei qualitativ zu verbessern). Auch Rabin wurde von deutschen Medien mit den Nazis verglichen, als er 1992 Hisbollah-Kämpfer in das damalige “Niemandsland” abschieben ließ. Da war plötzlich von Deportation die Rede und aus dem Südlibanon wurde in deutschen Redaktionsstuben Treblinka gebastelt. Der tote Rabin wurde natürlich idealisiert.

Jemanden, der sich längerfristig mit solchen Phänomenen beschäftigt, hätte das auffallen können. Vielleicht war aber keine Zeit, hier ins Detail zu gehen.

Prof Wolfgang Benz Hänsel und Gretel AugsburgMultifunktions-Raum: Prof Benz, Hänsel und Gretel Aufbauten, Publikum, Weihnachtsbaum

Stattdessen ließ Prof. Benz immer wieder seine mahnende These anklingen, „den Islam“ in der Rolle des Judentums zu sehen. Wie „früher“ die Juden in Deutschland durch den Antisemitismus, seien heute Muslime durch eine verbreitete „Islamophobie“ zahlreichen „Vorurteilen“ und “Anfeindungen” ausgesetzt. Ob es nach 2400 Jahren jüdischer Geschichte in Europa, 200 Jahre nach Feitel Itzig, 70 Jahre nach Streicher bezüglich Juden in Deutschland noch Vor-Urteile geben könnte, ist eher zweifelhaft, da in etwa alles was gesagt werden kann, schon mal gesagt wurde, das meiste schon tausendfach. Die Begriffe die mit „Jude“ verbunden werden sind fast schon märchenhaft. Die lange Nase des Juden, die krumme Nase der Hexe. Geldgier, fliegende Besen, außer Kröten nichts gewesen.

Ob Muslime in Deutschland tatsächlich genau in derselben Weise auf Ressentiments stoßen wie Juden und nicht wie etwa Inder, Vietnamesen oder Schwarzafrikaner, ist eine ebenso abwegige wie „mutige“ Behauptung – aber letztlich für das Thema „Antisemitismus“ völlig überflüssig.

Ausdrücklich auf den Islam als Religion bezogene Anfeindungen, die frei von Rassismus wären und nicht mit ihm verwechselt werden könnten, dürften, so sie „rechtsextrem“ motiviert sind, kaum vorstellbar sein. Dass islamistischer Terror in aller Welt aber auch reale negative Reaktionen hervorruft und dem allgemeinen Ansehen des Islams abträglich ist, sollte nicht zu sehr verwundern und … gerade Deutschen nicht so ganz fremd sein. Immerhin kennen sie zumindest das Klischee, Deutsche als Nazis zu pauschalisieren. Aber eine populäre Variante, die immer wieder zu hören und zu lesen ist, wäre: man wird doch Israel kritisieren dürfen, ohne als Antisemit zu gelten. Nein, warum? Nutzte das denn wem?

Also bleibt es dabei: Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich, außer man wollte den im Vortrag und in der nachfolgenden Frage-Antwort-Runde etwa 13 mal genannten „Gottesmord“ als eine Art „9/11“ stigmatisieren.  Sicher, es stimmt auch, dass es strukturelle Ähnlichkeiten gibt zwischen Autodiebstahl und Wohnungseinbrüchen, aber was wollte man daraus schlussfolgern? Kausalität und Korrelation sind nun mal nicht dasselbe, es zu suggerieren ist unprofessionell, allenfalls. Trotzdem ist die Positionierung nicht zufällig, gehört  Benz doch auch zum wissenschaftlichen Beirat des seit 2010 herausgegebenen „Jahrbuch für Islamophobieforschung“ (JfI).

Um seinen Standpunkt zu veranschaulichen erzählt der Professor eine Anekdote von seinem neulichen Zahnarztbesuch, wo ihm die Zahnarzthelferin, … eine (Zitat:) „Muslima“ davon berichtete, dass ihre Tochter einen katholischen Kindergarten besuche. Von da nun sei sie eines Tages alarmiert nach Hause gekommen und habe der Mutter berichtet, wer denn nun „die Schlimmsten von allen“ sein. Nachon, „die Juden“. Das Erzählmuster: Die weltoffene „Muslima“ begegnet Antisemitismus offenbar nur durch die Indoktrination, die ihr Kind im katholischen Kindergarten erhält. So jedenfalls suggeriert der Professor den Stand seiner aktuellen Antisemitismus-Forschung im Spätherbst 2013. Das muss man nicht weiter ernst nehmen.

 * * *

Prof Wolfgang Benz Vortrag 2013

Prof Wolfgang Benz

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Es mochte also gute Gründe gehabt haben, dass der Redner nicht die eigentliche Bühne benutzte, auf welchen sich Kulissen zur Aufführung eines Hänsel & Gretel – Stückes befanden. Eine Hütte mit Lebkuchenherzen, die Nachbildung eines Ofens und dazwischen eine Anzahl von Tannenbäumen. Abseits der Bühne stand ein weiterer Tannenbaum, behangen mit roten und silbernen Kugeln, einem etwa zweihundert Jahre alten Brauchtum folgend ist dies der sog. Weihnachts- oder Christbaum. Die Kugeln sollen an Äpfel erinnern, die gemäß dem Wikipedia-Artikel dazu „damals“ teurer gewesen seien als die Glaskugeln, vielleicht waren letztere aber auch nur leichter herzustellen.

Die Aufbauten nun zeigten, das, wie viele wissen, es durchaus möglich ist, unterschiedliche Arrangements und Elemente in einen Raum zu präsentieren, ohne dass man sie zwangsläufig verbinden muss. Ist die Tannenbaumgruppe nun Hänsel & Gretel gewidmet, so der weitere Tannenbaum dem Weihnachtsfest – und allenfalls ein orthodoxer Jude könnte das verwechseln. Und tatsächlich entstammt die Geschichte von Hänsel und Gretel auch keinem bekannten der dutzenden apokryphen Evangelien, sondern ist etwa seit 1810 überliefert, u.a. von den berühmten Gebrüdern Grimm, aber auch in der Sammlung des etwas in Vergessenheit geratenen Ludwig Bechstein (1801-1860).

St. Anna Augsburg Prof Benz Vortrag Hänsel und Gretel 2013

  Hänsel und Gretel Bühnenbild

Die Erzählung hat jedoch einige Anklänge an die hebräische Geschichte des Josef und kann erzähltechnisch vielleicht als deutsches Gegenstück dazu angesehen werden, wenigstens stimmen einige hauptsächliche Elemente der Erzählung überein: Hungersnot, Kindsaussetzung, Lebensgefahr, Gefangenschaft, wundersame Rettung.

 Hänsel und Gretel wurden von ihren Eltern im Wald ausgesetzt, weil sie sie nicht ernähren konnten, bzw. die wenige vorhandene Nahrung nicht mit ihnen teilen wollten. Die Absicht der Eltern (in den neueren Fassungen wird aus der bösen Mutter die Stiefmutter) war den Kindern durchaus bekannt, weshalb sie auf den Weg in den Wald Spuren legten, mittels kleiner Steine, womit sie zum Leidwesen ihrer Eltern den Weg wieder zurück fanden. Als sie beim dritten Versuch den Weg mit den Krümeln einer Brotscheibe markierten, wurden diese von Vögeln gefressen und als der Vater sich von dannen machte, verirrten sich die Kinder endlich doch im Wald.

Schließlich gelangten sie aber wieder zu einem Haus und dieses soll aus „Brot, Zucker und Kuchen“ bestanden haben (… wäre es nun eine jüdische Story, wäre das Haus aus Matzen und die Kinder wären unwillig weitergezogen) . Das wahrscheinlich nicht nur in Punkto Statik bemerkenswerte „Lebkuchen-Haus“ gehört nun einer „Hexe“, einer Frau, die das Zuckerzeug vielleicht satt hatte und wohl spontan entschied, dass ihr Kinderfleisch auch mal schmecken mochte. Sigmund Freud könnte hier erklären, warum die alleinstehende Frau das Mädchen Gretel als Gehilfin beschäftigte, den Jungen Hänsel aber in einem Käfig gefangen hielt und nicht umgekehrt oder beide einschloss. Vielleicht hat es mit dem Begriff des “Hänselns” zu tun, den des “Gretelns” scheint es nicht oder nicht mehr zu geben. Letzteres tat sie um den Knaben zu mästen, das heißt mittels Nahrung soweit zu füttern, dass dieser ihr als nicht näher definierter Braten schmecken mochte. Dem Anschein nach kam die Frau also nicht aus Kalifornien und hatte keine Cholesterin- oder Fett-Phobie. Wie dem auch sei, der Bub war ihr offenbar zu mager. Dazu passt vielleicht auch die deutsche Redeweise, jemand sei „nur eine halbe Portion“.

Keine der Erzählvarianten ist in sich schlüssig und in Bezug auf das Alltägliche auch nicht an Einzelheiten interessiert. So wird der Junge zwar überreichlich gefüttert – und wir nehmen an, dass sich hinter dem Lebkuchen-Haus ein „Aldi“ -Markt befand (mit etwas mehr Glück vielleicht auch ein „Perfetto“) oder dass thailändische Asylbewerber Pizza, Döner oder Nasi Goreng herankarrten – aber wir erfahren nichts über scheinbar vernachlässigbare Haftbedingungen wie Notdurft, Körperpflege und dergleichen.  All dies geschieht latent, d.h. im Verborgenen, hinter Ziegeln aus Marzipan. Und da dem so ist, lässt sich die Frau dadurch täuschen, dass der Junge ihr durch das Gitter des Käfigs Knochen entgegenstreckt, ohne dass gesagt wird, um welche Knochen es sich eigentlich handelt (vielleicht stammen sie von einem früheren Kind oder sie symbolisieren etwas, einen Apfel vielleicht oder eine Glaskugel?). Das verbreitete Klischee der Hexen als „weise“ Frauen war den Übermittlern der Geschichte offenbar noch nicht geläufig, aber vor Klischees sollten wir uns ja nun hüten, zumal sich ja auch Isaak durch ein Fell täuschen ließ.

Die weniger kluge Hexe schloss nun aus dem Betasten der durchgereichten Knochen, dass Hänsel noch nicht zur Schlachtreife gekommen sei. Als der Junge dann doch kräftig geworden war, sollte er nun in den Ofen geschoben werden, offenbar bei lebendigem Leibe, zumindest erfolgt keine vorausgehende Schlachtung und über die anvisierte Zubereitungsart erfahren wir … nichts. Mit der aktuellen Flut an TV-Koch-Shows gäbe es da keine Engpässe. So aber herrschte Schweigen im Märchenwald.

Gretel nun schob die Hexe beim Einheizen in den Ofen. Hänsel wurde befreit und die Hexe sogleich bestraft. Und die Moral von der Geschicht‘ ? Brate kleine Kinder nicht.

Zwar mangelt es der Geschichte, die es in zunächst unterschiedlichen Varianten gibt, in welchem „die Hexe“ auch schon mal „der Wolf“ sein kann (wodurch der Plot aber auch nicht plausibler wird), wie gesagt in mancherlei Hinsicht an der simpelsten Logik, trotzdem oder vielleicht auch deshalb hält man die Erzählung und Aufführung offenbar für „kindgerecht“. Und wahrscheinlich gefiele sie auch der Tochter der Zahnarzthelferin. Sollte sie ihrer Mutter aber erzählen, dass die Frau im Lebkuchenhaus ein Jüdin war, wäre es vielleicht besser den Kindergarten zu wechseln. So nun aber bleibt der Ofen in dem die Hexe den kleinen Hans braten wollte als märchenhafte Anspielung auf die Krematorien der Nazi-Lager  (von denen sich der zynische „Holocaust“-Begriff ableitet), im Raum stehen, während andere Bezüge zum Vortragsthema „Antisemitismus“ nicht ganz so offensichtlich sind.

* * *

Fast siebzig Jahre nach der Niederlage der Deutschen gibt es zumindest ein paar wenige Punkte zum Anhalten, die man abseits des Märchenwalds auf der Weihnachtsinsel zur Kenntnis nehmen darf, wenn man will:

Die Mehrzahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland werden von Muslimen begangen, während die Mehrzahl der Antisemitismus-Forscher Christen sind, die für Toleranz gegenüber Muslimen werben und vor einer Pauschalisierung warnen.

Okay hingegen ist es, israelische Regierungen abzulehnen.

 Und nun? Jede Epoche hat ihre Sprachgeschichte – und Denkmuster. Das zeigten auch Vortrag und Erörterung. Wie schon so oft bleibt aber festzuhalten, dass nur ganz wenige der Anwesenden jünger als 53 Jahre alt sind und dass bestimmte Denk- und Interpretationsweisen der Geschichte, sich wie jede ihrer Vorgänger irgendwann von selbst erübrigen.

Auch im 2013 gedrehten Film Hänsel & Gretel des jungen norwegischen Regisseurs Tommy Wirkola werden „Hänsel & Gretel“ von ihren Eltern im Wald ausgesetzt, dann jedoch „Witchhunter“, zu Hexenjägern also, wobei ein Teil der Handlung sogar in Augsburg spielt, aber in Bamberg gedreht wurde. Wo es sich um Stereotype handelt, sind Details und Quellen bekanntlich eher nachrangig. Es reicht das Klischee, das Exemplarische, das „Gefühl“. Mehr ist auch nicht zu vermitteln, da in Veranstaltungen dieser Art offenbar immer nur elementarte Einführungen gegeben werden können … und sollen.

* * *

oh LORD won’t you buy me

a Professor Benz?

my friends all read Broder

I must make amends

pray hard all my lifetime

no help and no grants

so LORD won’t you buy me

a Professor Benz?

 Photos: Margit Hummel, Yehuda Shenef (*)


Selbstfindung im Dialog

September 26, 2013

Micha BrumlikProf. Micha Brumlik, Vortrag in Augsburg

Am Montag 23. September hielt im Hollbau Annahof in Augsburg Prof. Micha Brumlik einen Vortrag, der versprach „Das Christentum aus jüdischer Sicht“ zu beschreiben. Aus der Perspektive eines „Professors für Erziehungswissenschaften“ (Universität Frankfurt, bis zum Frühjahr 2013) wäre das sicher mal interessant gewesen. Den Besuchern im „Evangelischen Forum Annahof“ (in Kooperation mit der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“) wurde letztlich aber das Gegenteil geboten, nämlich eine Kurzgeschichte des Judentums über Antike, Mittelalter und Neuzeit – aus christlicher Sicht und mit seinen begriffen definiert. Das mag in eine solchen Rahmen vielleicht nicht anders gehen und auch gar nicht anders gewollt sein, ist aber eines eben nicht: „Christentum aus jüdischer Sicht“.

Das stattdessen eher vertrackte Verhältnis könnte man allenfalls so erklären: … Ein Abriss über die Haltung einzelner Gruppen des amerikanischen Reformjudentums die sich dem Christentum weitgehend angenähert haben in für Christen verständlichem Vokabular, ihrem eigenem nämlich.

Nach der (am Umfang des Gesamtvortrags gemessen) recht ausgedehnten Skizzierung der jüdischen Geschichte, lautete Prof. Brumliks an für sich wenig spektakuläre Aussage, dass das Judentum in seiner heute bekannten Form als “rabbinisches Judentum” nicht älter als das Christentum sei. Selbst wenn man das Judentum der Mischna erst nach der Zerstörung des „Tempels“ ansetzen wollte, setzte Brumliks Interpretation eine weitgehend unkritische Haltung gegenüber den historischen Quellen des Christentums voraus. Wie dem auch sei: Das Christentum sei demnach keine „Tochterreligion“ des Judentums, das Verhältnis von Juden und Christen das von Geschwistern. An diesem Punkt war aber wohl lange vorher der polnische Papst Jan Pawel Sekund angekommen, als er 1986 beim Besuch einer römischen Synagoge seine Gastgeber, „die Juden“ als „ältere Brüder“ bezeichnete.

Brumlik spricht mit angedeutetem Humor noch von Christentümern und Judentümern und von ihrem therapeutischen Verhältnis (Verhältnissen?) zueinander, mehrfach von einer problematischen „Karfreitagsbitte“, ehe er zum Kern des selbstgewählten Themas kam: „Das Christentum aus jüdischer Sicht“. Das war dann recht kurz gefasst und konzentrierte sich auf die Frage, ob das Christentum aus jüdischer Perspektive „Götzenkult“ wäre. Wie nun lautete die Antwort des Pädagogen gegenüber seinen evangelischen Gastgebern? Er verwies auf eine Erklärung amerikanischer Reformrabbiner, die am 11. September 2000 in der „New York Times“ unter dem Titel „Dabru Emet – Speak the Truth“, unter anderem behaupteten, dass Juden und Christen „zum selben Gott beteten“ oder der Nationalsozialismus „kein christliches Phänomen“ gewesen sei.

In der anschließenden Diskussion mit dem christlichen Publikum wurden weitere Randphänomene angesprochen, etwa eine „Judenmission“ (die darauf abzielt, Juden zu Christen zu machen) oder Gruppierungen die eine Art „jüdisches Christentum“ („Jews for Jesus“) praktizieren. Abgesehen davon, dass Brumlik hier und da ein hebräisches Wort murmelte oder ein lateinisches Gebet im Wortlaut zitierte, benutzte er doch ihr gemeinsames christlich-akademisches Vokabular. Redner und Publikum verstanden einander genau und so (oder: trotzdem) kam es zu keinen Kontroversen.

Etwas überraschend war, dass zwar ein halbes Dutzend Mal das Wort „Zionismus“  und ein paar Mal auch „Israel“ ausgesprochen wurde, die in Deutschland sonst omnipräsenten Debatten über „den Nahost-Konflikt“ nicht im Ansatz vorkamen. Offenbar bestand auch hier eine Übereinkunft zwischen Redner und Publikum, die sich mir als außenstehenden Zufallsbesucher nicht erschloss.

Micha Brumlik Publikum Augsburg Brumlik vor 29 Zuhöhern im “Ausstellungsraum” des Hollbau 

Zugegeben hatte ich den Namen Brumlik schon mal irgendwo gehört oder gelesen. Nur wo? Vielleicht im Fernsehen? In der „Jüdischen Allgemeinen“, die ich durchschnittlich einmal im Jahr mal an einem Bahnhof-Kiosk kaufe? Egal. Schon der Wikipedia-Artikel zu „Micha Brumlik“ klärt darüber auf, dass er „als Kind jüdischer Flüchtlinge“ 1947 in Davos geboren wurde und ein “Erziehungswissenschaftler” ist und: „Als Publizist und Gastautor diverser Zeitungen veröffentlichte er Sachbücher, Essays und Artikel zur Geschichte des Judentums und zeitgenössischer jüdischer Themen.“ Da hammas ja.

Weiter heißt es im Artikel, dass Brumlik 1967, also im Alter von 20 Jahren nach Israel in … „ein Kibbuz“ … kam, wohl angeregt vom Erfolg der israelischen Armee im Sechstagekrieg, Israel aber als „imperialistisches Land“ erlebt hätte. Trotz der ganz erheblichen Landgewinne des israelischen Militärs ist das natürlich schon im Wortsinn („Imperium“) Blödsinn, aber Mich Brumlik wurde, so fährt der Artikel weiter zum „Antizionisten“ und kehrte aus Israel zurück nach Frankfurt am Main, wo er Philosophie, Sozialpädagogik und dergleichen studierte. D.h. er war einer jener deutschen „68er“. Ob er seinen Kommilitonen als „jüdischer Kronzeuge“ gegen das „imperialistische zionistische Regime“ wohl willkommen war? Wen er damit beeinflusste? Die deutsche Linke nahm jedoch bald eine eindeutig anti-israelische Haltung ein, die teilweise bis heute nachwirkt.

Die goldene Formel dabei: Holocaust-Andenken sollten zur Klage gegen Israel berechtigen. 🙂

Als Israel 1991 während des Irak-Kuwait-Kriegs von Saddam Husseins Militär mit Raketen angegriffen wurde, erklärte er seinen Austritt aus der Partei „Die Grünen“, da diese Waffenlieferungen zur Verteidigung Israels ablehnten. Ein israelischer Psychoanalytiker habe ihm auch dabei geholfen, „seine Haltung zum Staat Israel und zur Bedeutung des Zionismus für das Judentum“ zu überdenken.

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Von 2000 bis 2005 war er der Quelle gemäß Leiter des „Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Wirkung des Holocaust“. 2008 war er in einen Disput über den Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ (ZfA) Wolfgang Benz verwickelt, dem von dem Politikwissenschaftler Clemens Heni angelastet wurde, seine eigene Doktorarbeit unter Karl Bosl verfasst zu haben, der selbst engagierter Nazi-Funktionär war (Lebensraum Ost usw.) und dergleichen mehr (Ost, Nahost, …). Manche Töpfe macht man vielleicht besser gar nicht auf, weil man den Geruch schwer wieder aus den Klamotten kriegt. Das ist wie mit Rauch den man abbekommt. Verbringt man als sog. „Nichtraucher“ mal zwei Stunden in einem solchen Milieu, wird’s einem schon ganz anders

Das nun aber zeitgenössische “Antisemitismus-Forschung” in Deutschland auf noch von Nazis ausgebildeten Leuten basieren „könnte“, ist aber – für Außenstehende – nicht ganz so skandalös und überraschend, wie für Leute, die da mit drin stecken und es ganz anders erscheinen lassen wollen müssen …

Der logische Zusammenhang ergibt sich ja von selbst:

Antisemitismus war Staatsdoktrin,

Anti-Antisemitismus ist Staatsdoktrin.

Das Nähere regelt ein Gesetz.

Da ich von Micha Brumlik nicht mehr wusste, als dass ich den Namen vielleicht schon mal irgendwo gelesen habe und erst siebenundzwanzig Minuten vor Beginn des Vortrags davon erfuhr, dass es ihn geben würde, ergab sich dann nicht mehr, als ein Hand-Shake mit dem Redner im Annahof, kurz vor Beginn. Im Nachhinein hatte ich auch keine Fragen, außer die nach der Beschneidung. Die hatte er als Hindernis bezeichnet für das Judentum und seine Ausbreitung. Da das Christentum keine Beschneidung hat, hätte es sich eben viel leichter ausbreiten können. Und da wollte ich nach dem Islam fragen, der trotz Beschneidung … Naja, egal.

 Die Angaben über Brumliks „Haltung“ zu “Israel” klingen nach einem komplizierten Verhältnis. Man kann vermuten, dass sein Publikum ähnliche Auf-und-Abs durchlebte.

Bei Amazon stünde da die Anmerkung, dass Leute mit solchen (wechselnden, widersprüchlichen) Vorlieben sich auch für Selbstfindungskurse, Bewegungsmelder, Zickzack-Muster oder für Jo-Jos interessieren. Kann sein.

Mein Interesse galt eher dem Gebäude, in dem der Vortrag stattfand. Immerhin gingen hier u.a. Napoleon III, Carl von Obermayer, Ferdinand Wertheimer oder Rainer Werner Fassbinder zur Schule. Damals

Anna Gymnasium Hollbau Annahof

Photos: Margit (Vortrag), Yehuda (Haus)