Salomon Rosenbuschs Haustür in Augsburg

July 30, 2015

Augsburg Maximilianstr Salomon Rosenbusch Tor Davidstern

Das Tor des früheren Anwesens von Salomon Rosenbusch in der Augsburger Maximilianstraße. Rosenbusch stammte aus Pfersee und war Getreide- und Hopfenhändler in Augsburg zur Zeit, als das Bier noch (ungefärbt) dunkel und gut war, wie auch Bert Brechts Bruder noch zu berichten wusste.

Von 1868 bis 1878 war Salomon Rosenbusch Vorsitzender des Israelitischen Kultusgemeinde in der Nachfolge von Carl von Obermayer, von dem er dann auch dessen benachbartes Palais A 28 (seit 1956 das heutige Standesamt) übernahm. Rosenbusch gehörte auch dem Stadtrat an und wurde am jüdischen Friedhof im Stadtteil Hochfeld begraben zusammen mit seiner Frau.

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Beim Obermayer-Palais in Augsburg

February 25, 2015

 

 

Wo in Augsburg ist eigentlich das Obermayer-Palais?

Wen auch immer man danach fragt, kaum jemand, nicht einer von tausend wird es einen sagen können, da kein Gebäude unter diesem Namen bekannt ist.

Freilich kennt eigentlich jeder in Augsburg und Umgebung das Standesamt in der Maximilian-Straße, der einstigen “Prachtstraße”, nächtlichen “Party-Meile”, wo sog. Autokorsos (meist türkische) Hochzeitspaare oder (meist deutsche) Fußball-Länderspiel-Siege feiern, Betrunkene des nachts Randale machen oder engstirnige Döner-Verbote diskutiert werden.

Das Haus in welchem sich das das Standesamt befindet, gleich beim Herkules-Brunnen, neben “Norma”, gegenüber vom Schaezler-Palais, unweit vom Hotel “Drei Mohren”, dem Fugger-Palais, zwischen Moritz-Kirche und St. Ulrich und was man sonst noch an prominenten Namen aufzählen könnte, gehörte nämlich ab 1821 dem jüdischen Bankier Isidor Obermayer (maßgeblich am Bau der der ersten bayerischen Überlandbahn von Augsburg nach München beteiligt, für die er aus England sowohl die Schienen als auch die Lokomotive besorgte, und ohne beides wäre das wohl auch nichts rechtes geworden, …) und nach seinem Tod im Jahre 1862 seinem Carl (von) Obermayer (beide waren übrigens gebürtige Kriegshaberer), der in genau diesem Haus Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika im Königreich Bayern war und zugleich auch erster Vorsitzender der neugegründeten Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Augsburg. Als er 1868 nach Wien ging, verkaufte er das Haus an Salomon Rosenbusch (aus Pfersee), der auch sein Nachfolger als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Augsburg wurde.

Das stattliche mittelalterliche Palais blieb noch bis 1938 im Besitz der jüdischen Familien Rosenbusch-Heymann, ehe es “arisiert” wurde.

An die immerhin 117-jährige jüdische Geschichte des Hauses das auch als Amtssitz US-amerikanischer Konsule und Amtssitz von drei Vorsitzenden der frühneuzeitlichen jüdischen Gemeinden in Augsburg diente, erinnert heute nicht, obwohl der JHVA vor einigen Jahren, im Vorfeld zum 200. Geburtstag von Carl von Obermayer (1811-1889) versuchten, die Stadt Augsburg (heutiger Eigentümer) zu einer Gedenktafel zu bewegen. Das war Ende 2010 und nochmals 2011. Das Ergebnis kann man sehen.

Wen interessiert hierzulande schon jüdische Stadtgeschichte, die nicht direkt mit dem “Holocaust” zu tun hat?

Obermayer Palais Augsburg Standesamt Herkulesbrunnen

Obermayer – Rosenbusch – Palais mit Herkules-Brunnen in Augsburgs berühmter Maximilian -Str.

One of the most prominent buildings in Augsburg famous Maximilian Street (where is St. Ulrich, the renowned “3 Mohren” Hotel, the Fugger – Palais, the not less famous Hercules – fountain (by Adriaen de Vries) and many more also is the former Palais which from 1821 to 1868 was owned by Jewish banker family Obermayer and afterwards until 1938 when the house was “aryanized” by the Jewish families Rosenbusch and Heymann. 

Today nothing reminds of the long Jewish history of the very prominent building, which since it hosts the municipal registry office  is known to all people of Augsburg and surroundings. 
So despite of its history nobody calls the “Standesamt” Obermayer – Palais, while the Schaezler-Palais opposite of it still bears the name Schaezler.

 

 


Rabbiner von Augsburg: Heinrich Gross (1835-1910)

January 1, 2010

Der als Henoch ben Elijahu geborene, international eher als Henri Gross (ungarisch: Grosz) bekannt gewordene Heinrich Gross war der zweite neuzeitliche in Augsburg angestellte Rabbiner und trat 1875 die Nachfolge Jakob Heinrich Hirschfeld aus Pecs (Kulturhauptstadt 2010) an, der 1871 die sog. Augsburger Reformsynode unterstützte und daraufhin von der Gemeindeleitung unter Salomon Rosenbusch (der 1867 die Nachfolge des offiziellen Gemeindegründers Carl von Obermayer antrat) entlassen und gemeinsam mit anderen Teilnehmern der illustereren Konferenz seitens des traditionellen Judentums öffentlich gebannt wurde. Die umstrittene Synode fand zwar in Augsburg statt, wurde aber von der noch mehrheitlich konservativ eingestellten Gemeinde weitgehend ignoriert wenn nicht gar abgelehnt. Wie auch immer entwickelte sich die Kultusgemeinde in den Folgejahren dann doch einigermaßen zügig in die Reformrichtung, weshalb es offenbar schwierig war, einen neuen Rabbiner zu finden, der nach Augsburg kommen wollte, um die Gräben zwischen den Fraktionen zu überbrücken.

Heinrich Gross wurde am 6. November 1835 im heute slowakischen, damals ungarischen Senica (Scenicz) geboren. Er war ein Schüler von Jehuda Aszod (1794-1866), der noch über profundes talmudisches Wissen verfügte und unter anderem mit Rabbi Moses Sofer geistreiche und reizvolle halachische Korrespondenzen führte. 1864 gehörte Sofer er zu einer Delegation klassischer Rabbiner die beim österreichischen Kaiser Franz Joseph in Wien vorsprach und erfolgreich darum bat, die Pläne für eine von der Regierung ausgehendes Institut zur staatlichen Ausbildung der Rabbiner fallen zulassen. Ein solches, fürchteten die vorsprechenden Gelehrten könnte von reformerischen Strömungen dominiert werden und den geistigen Tod des Judentums bewirken. Der Kaiser entsprach der Bitte und hatte eine eigene: er bat um einen Segen durch die Rabbiner. Diesen erteilte ihn Moses Sofer und wünschte ihm ein langes Leben und eine lange Regentschaft. Wünsche die in Erfüllung gegangen waren, als der Monarch 1916 im Alter von 86 Jahren und nach 68 Jahren Regentschaft verstarb.

Zumindest an weltlicher Gelehrsamkeit stand Gross seinem ersten Lehrer nicht nach. Er studierte er der Jewish Encyclopedia gemäß zunächst in Breslau, das damals als Hochburg des neuorthodoxen Judentums galt und dann in Halle, wo er 1866 über Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) promovierte. Hernach war er zwei Jahre als Privatlehrer am Pariser Wohnsitz des weltweit berühmten ukrainisch-russischen Baron Horace Günzburg (1833-1909) angestellt, der zu den wesentlichen Initiatoren und Führern der insgesamt doch eher glücklosen jüdischen Emanzipationsbewegung in Russland gehörte, in einer Zeit als dort nach und nach die ominösen „Protokolle der Weisen von Zion“ erdichtet und in Umlauf gebracht wurden. Der Nachkomme aus der schwäbischen Ulmo-Günzburg-Linie war seit 1880 auch Vorsitzender der späteren Jüdischen Landwirtschaftsgesellschaft , die einen nicht geringen Einfluss auf die bald formulierten Pläne von Theodor Herzl nehmen sollte. In St. Petersburg, seinem eigentlichen Wohnort freilich baute er eine große eindrucksvolle Synagoge deren Vorstand er zeitlebens blieb. Aus gelehrter jüdischer Tradition stammend war er jedoch auch dem Allgemeinwohl verpflichtet und finanzierte eine Armenküche für hungernde Kinder in Petersburg. In Paris nun kam Heinrich an der Bibliothèque Nationale auf sein Thema, das ihn publizistisch am meisten beschäftigen sollte: die Geschichte der mittelalterlichen Juden in Nordfrankreich, die in großem Umfang unter dem Namen Gallia Judaica erschien und wegen seiner guten systematischen Gliederung lange als Standartwerk zur Geschichte der Juden in Frankreich galt. Von besonderem Interesse auch für die Geschichte seines späteren Arbeitsplatzes in Augsburg ist dabei insbesondere auch das Eingangskapitel „L’identification de tour les noms géographiques français mentionnés dans la littérature rabbinique du moyen âge“ seines von Moses Bloch herausgebenen „Dictionaire geographique de la France d’après les sources rabbiniques“, dem wertvolle Hinweise zu entnehmen sind. Gross publizierte dazu auch zahlreiche Artikel und Einzeldarstellungen, von denen viele in der vom Dresdner Rabbiner Zacharias Frankel 1851 ins Leben gerufenen und später von Heinrich Graetz geführten  „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ publiziert wurden.

Mit seiner Amtszeit von 1875 bis zu seinem Tode am 31. Januar 1910 ist Heinrich Gross einer der ausdauerndsten in Augsburg und in der Tiefe talmudischen und geschichtlichen Wissens ein bis dato letztes Aufflackern früherer Gelehrsamkeit in der Stadt an Lech und Wertach. Verheiratet war seit 1873 Heinrich mit Anna, die immerhin um 17 Jahre jünger war als er. Ihr einziger Sohn Arthur wurde am 2. November 1874 geboren, verstarb aber bereits im Alter von 20 Jahren am 8. Sivan 5664, d.h. am 12. Juni 1895, unverheiratet und kinderlos, dem Vernehmen nach durch einen Unfall. Heinrich Gross verfasste auch ein “Lehrbuch der Israelitischen Religion für die Oberen Klassen der Mittelschulen” (1907 im Verlag J. Kauffmann, Frankfurt am Main erschienen). In seiner Amtszeit wandelte sich die traditionelle jüdische Gemeinde in Augsburg in eine rein reformistische , was insgesamt der Zeitströmung in Deutschland entsprach. Seine Amtszeit umfasst wesentlich die Präsenz der jüdischen Gemeinde in der Wintergasse, der westlichen Seitenstraße zu Augsburgs „Prachtstraße“ der Maximilianstraße, in welchen Fugger, Schaezler, in dieser Zeit aber u.a. auch längst Obermayers oder etwa Salomon Rosenbusch residierten. Gross stand einer modernen städtischen Gemeinde vor in einer Zeit die neben sozialen Verwerfungen auch mittels zahlreicher technischen Einrichtungen das Alltagsleben und die Wahrnehmung der Menschen nachhaltig prägte, sei es Photographie. Telefon, elektrisches Licht, Kino, Autos, Motorräder, Grammophone, usw.

Heinrich Gross starb am 31. Januar 1910 im Alter von 74 Jahren. Seine Frau Anna folgte ihm im selben Jahr am 25. Oktober. Sie wurde nur 58 Jahre alt. Anna und Heinrich Gross sind gemeinsam am jüdischen Friedhof im Augsburger Stadtteil Hochfeld begraben. Die hebräische Grabinschrift würdigt Heinrich Gross als berühmten Rabbiner und Vorsitzenden des Rabbinatsgerichts.

פ”נ

הרב מפורסם החריף ובקי

מהור”ר חנך בן אליהו גראסס

אב”ד דק”ק אוגסבורג והמדינה

י”נ ביום כ”א שבט תר”ע  ק’

 

Dr. Heinrich Gross, Distrikrabbiner in Augsburg

geb. 6. November 1835, gest. 31. Januar 1910

Frau Anna Gross,

geb. 9. Dezember 1852, gest. 25. Oktober 1910

  In diesem Jahr gedenken wir ihnen jeweils zum 100. Todestag.

We commemorate the centenary of the death of Rabbi Heinrich Gross (1835-1910) aka Henri Gross or Grosz, who was Rabbi of Augsburg and distrct rabbi from 1875 until his death January 31 in 1910. Rabbi Gross was somewhat famous since he was the author of the “Gallia Judaica”, the then most comprehensive work on the history of medieval Jews in France he has written in Paris when he was employed by the famous and influential Russian-Jewish Baron Horace Guenzburg. In Augsburg the position of the rabbi was vacant since in 1871 the Jewish community fired Rabbi Hirschfeld becaus he embraced Reform-Judaism which held a nationwide conference in Augsburg back then. Henri Gross and his wife Anna as well as their son Arthur are buried at the Jewish Cemetery of Hochfeld in Augsburg (Haunstetter Str. Alter Postweg).