Raw, Rabbi, Rabbiner – eine Begriffsbestimmung

May 21, 2013

Wie so oft im Leben sind gerade die geläufigeren Begriffe nicht immer die aufschlussreichsten, zumindest dann wenn man sie ausnahmsweise mal auf ihre scheinbar so selbstverständliche Herkunft und Bedeutung hinterfragen sollte. Schnell stellt man fest, dass die aktuelle Deutung oder Bedeutung die Begriffs- und Entwicklungsgeschichte, die an für sich jedes Wort haben muss sozusagen zustellt. So man aber die Auffassungen der eigenen Epoche fraglos auf vergangene überträgt, so als wären diese immer schon „so“ vorhanden gewesen, sind Missverständnisse und Trugschlüsse meist nicht mehr zu vermeiden. Deshalb ist es eigentlich immer ratsam, sich kritisch zu vergegenwärtigen, in welcher Weise (heute) übliche Bezeichnungen und Begriffe denn nun eigentlich üblich geworden sind und warum man sie mehr oder minder allgemein für alternativlos hält. Das Hinterfragen lohnt sich, denn fast immer steckt die eine oder andere spannende Geschichte dahinter, gar nicht selten auch neue Einsichten und ein substantielleres Verständnis.

 

In hochmittelalterlichen (mittelhoch-)deutschen Schriften des 13. / 14. Jahrhunderts ist gewöhnlich von einem „Judenmeister“, „Schulmeister“, „Judenbischof“ oder „Hochmaister“ die Rede, wenn es darum geht, die aus christlicher Sicht als Oberhaupt der Judenschaft erscheinende Person, bzw. Amtsträger zu bezeichnen. Die Entlehnung des Begriffs Bischofs war unmittelbar verständlich, weil ja auch die Christen Bischöfe hatten (der vom griechischen ἐπίσκοπος abgeleitete Begriff heißt wörtlich nur Aufseher, Wächter, usw.). Wie die Bezeichnung der mittelalterlichen jüdischen Friedhöfe als Judenkirchhof geschah dies offenkundig neutral und ohne Untertöne. Der Begriff des Meisters hingegen bedurfte mitunter der Erklärung und wurde treffend als Ableitung vom lateinischen „magister“ definiert. Zwar wird Magister in der Regel als „Lehrer“ übersetzt, bedeutet wörtlich jedoch „Oberster“, „Größter“, etc. (von magnus = groß, dieses wiederum von griechisch μαγες (mages) = groß) und ist damit eine wörtliche Übersetzung des hebräischen Begriffs רב (raw), welchem die Bezeichnungen Rabbi und Rabbiner zugrundeliegen. Seit dem 16./ 17. Jahrhundert findet sich anstelle des Judenbischofs oder Meisters die von humanistischen Hebraisten direkt aus dem Hebräischen übernommene Formel des „Rabbi“ (die sich beispielsweise im Englischen bis heute gehalten hat), רבי, was wörtlich heißt „mein raw“ (bzw. falls das unverständlich wäre „mein Magister/Meister“).

Seinen ältesten schriftlichen Beleg hat der Begriff übrigens als ῥαββίin der christlichen Bibel. Im älteren hebräischen Teil kommt die Bezeichnung nicht vor. In den Texten der ausschließlich auf Griechische verfassten christlichen Texte lautet der Begriff zur Definition der jüdischen Gelehrten, die mit Jesus in mitunter eigenartige Streitereien verwickelt werden „Pharisäer“. Der im Christentum fast ausschließlich abwertend benutzte Begriff, der sich ansonsten nur noch bei Josef Flavius findet, wurde in der christlich-deutschen Sprache als ein Synonym für selbstgerechte „Heuchler“ oder „Schwindler“ und dergleichen aufgefasst. Das in den griechischen Quellen benutzte Wort φαρισαῖος wird allgemein vom hebräischen Verb פרש (parasch) abgeleitet, was eigentlich ein– oder abteilen bedeutet und im Judentum vor allem in der wöchentlichen Einteilung der פרשת השבוע geläufig ist, welche den gesamten Text der Tora so aufgliedert, dass er sich aufs Jahr verteilt in wöchentliche Portionen lesen lässt. Möglicherweise reflektiert der christliche Begriff bereits diese Praxis des Judentums, jedenfalls handelt es sich bei „den Pharisäern“ trotz der beliebten diesbezüglichen Auffassung, um keine Eigenbezeichnung irgendeiner jüdischen Gruppierung. Trotzdem entsprechen „die Pharisäer“ in der christlichen Auffassung dem auf ihm basierenden oder mit ihm identischen „rabbinischen Judentum“.

sanhedrinVorstellung des Sanhedrins (18. Jhd.)

Der antike Ausgangspunkt dazu ist der bereits in den christlichen Schriften etwa zwei Dutzend Mal erwähnte „Synhedrion“(συνέδριον), der als „Gericht“ aufgefassten Einrichtung der Juden. Der hebräische Begriff סנהדרין (sanhedrin) wird heute aus dem Griechischen abgeleitet, was im gleichlautenden Talmud-Traktat freilich nicht erwähnt ist. Dahingegen wird dort aber erläutert, dass es drei unterschiedliche Formen des Sanhedrin gibt, wovon genaugenommen nur eines ein Gericht mit drei Richtern ist, die in zivilrechtlichen Fragen (etwa Schadensersatz, Körperverletzung, etc.) Urteile fällen. Diese Art von Gericht fand sich wenigstens in jeder selbstständigen Ortschaft oder Gemeinde mit mehr als 120 Menschen. In späteren Zeiten entspricht dies den sog. „Rabbinatsgerichten“, die im Mittelalter seitens Kaiser, Königen und Fürsten weitreichende Kompetenzen erhielten, die in etwa denen des christlichen Klerus entsprachen. Im Talmud sind aber noch zwei weitere Formen des Sanhedrin genannt, zum einem das סנהדרי קטנה mit 23 Mitgliedern  das „Kleine Sanhedrin“, zum anderen der סנהדרי גדולה der große Rat, der 71 Abgeordnete hatte, mitgerechnet dessen Vorsitzenden den נשיא (heute das hebräische Wort für Präsident). Zwar besaßen beide Institutionen durchaus richterliche Kompetenzen und konnten auch Todesurteile fällen, da es zugleich aber auch bestehende Regelungen beraten, aufheben oder verändern konnte und in zahlreichen Sitzungen darüber gestritten wurde, ehe eine Mehrheit entschied, handelte es sich dabei genaugenommen um ein Parlament mit zwei Kammern. Auch wenn heute unisono vom „Gericht“ die Rede ist, wurde durchaus bewusst differenziert zwischen dem בית דין einerseits und dem בית משפט andererseits, bzw. auf der Ebene der handelnden Personen entsprechend zwischen einem שופט und einem דין. Der Unterschied zwischen beiden ist in der praktischen Funktion des Amtes zu sehen. Die Dajanim berieten über Gesetze und beschlossen sie, die Schoftim hingegen waren die Richter, die das Gesetz im Streitfall zur Anwendung brachten, also Recht sprachen, Strafen im Einzelfall verhängten, etc. Wir würden heute von Richtern und Parlamentariern sprechen, bzw. von Legislative und Judikative. Der griechische Begriff συνέδριον bedeutet wörtlich „Sitzung“ oder „Rat“, weshalb in deutschen Bibelübersetzungen „synhedrion“ an für sich ganz passend auch häufig mit „Hoher Rat“ wiedergegeben wurde. Im Talmud ist, wie bereits erwähnt, vom Großen Rat mit 71 Abgeordneten und vom Kleinen Rat mit 23 Abgeordneten die Rede. Der historische Vorläufer dieser Institution war die „Große Versammlung“ (כנסת גדולה) mit 120 Mitgliedern, nach deren Vorbild sich das heutige israelische Parlament, die Knesset mit derselben Anzahl von Abgeordneten richtet. Die erste antike jüdische Demokratie bestand etwa hundertdreißig Jahre von der Zeit Esras (um 460 ante) bis zur Besetzung des Landes durch die Mazedonier und ihrer Verbündeten (um 330 ante). Mit der griechischen Fremdherrschaft wurde nicht nur die jüdische Demokratie beendet, sondern auch die biblische Überlieferung. An die Stelle des ersten antiken jüdischen Parlaments, der Großen Knesset, traten militärische Statthalter und Marionettenherrscher. Anders als man meinen könnte, hatten die Griechen den antiken Juden keine „Demokratie“ gebracht, sondern ihr Parlament zerstört. Als erst eineinhalb Jahrhunderte später um 165 ante mit dem erfolgreichen Aufstand der Hasmonäer die Fremdherrschaft der auf die Ptolemäer gefolgten Seleukiden abgeschüttelt werden konnte, etablierte sich ein neues Priesterkönigtum. Dieses mündete in der Herrschaft des Konvertiten Herodes, dessen Nachkommen am römischen Kaiserhof erzogen wurden und bis zum Ausbruch des römisch-jüdischen Krieges im Jahr 65 als weitere Marionettenkönige in Judäa herrschten.

Grabstein von Rabbi Moses Mendelsohn Berlin

Hebrew Info panel Moses Mendelsohn Berlin

Information zu Mendelsohn auf Hebräisch am Friedhof Hamburger Straße in Berlin

In der christlichen Bibel findet die Anklage und Anhörung des Jesus im Synhedrion statt, wenigstens wird dies bei Matthäus 26.59 behauptet. Der Autor des Textes hatte aber offenbar keine rechte Vorstellung davon, was das Synhedrion eigentlich war und wo es untergebracht war. Seiner Schilderung nach handelt es sich dann auch um eine abendliche Zusammenkunft im Palast des Oberpriesters, an der Priester des Tempels und Schriftgelehrte teilgenommen haben sollten. Demgegenüber befand sich das Ratsgebäude aber auf der Rückseite des Tempels, wo die Abgeordneten in einem Tagungsraum zusammentrat – übrigens bereits in der Sitzanordnung einer Mondsichel (הסהר), d.h. eines Halbrunds, so wie wir es heute aus vielen modernen Parlamenten kennen. Wie auch immer handelt es sich in der Geschichte der Evangelien um einen Anachronismus, da das Sanhedrin seinen Sitz nicht in Jerusalem hatte, sondern im etwa 60 km westlicher gelegenen Jawne. Als Gründer gilt Johann Sakai (יוחנן בן זכאי‎, ca. 30-90). In Anknüpfung an die schon seit rund 400 Jahre nicht mehr bestehende “Große Knesset” rief er den Sanhedrin ins Leben, um das institutionelle Machtvakuum zu schließen, das durch den Krieg entstanden war. Im Falles des militärischen Sieges sollte der Rat wie in alter Zeit seinen Sitz beim Heiligtum in Jerusalem einnehmen. Dazu kam es aber bekanntlich nicht. Das Sanhedrin blieb dennoch bestehen und überdauerte kurioserweise den Krieg wie auch die militärische Niederlage gegen die Römer und die Zerstörung des Tempels. Die Römer verstanden den Sinn des Parlaments (von franz. parlez = reden) auch gar nicht und gaben sich damit zufrieden, teilweise das zerstörte Jerusalem und die wichtigsten Handelsstraßen zu kontrollieren. Nach allgemeiner Ansicht wird Jawne als eine Wiege des rabbinischen, talmudischen Judentums angesehen. Von 70 bis 80 tagte der Sanhedrin in Jawne, hernach für weitere zehn Jahre in Uscha in der Nähe von Haifa. Während der Kriege zur Zeit des messianischen Königs Bar Kochba siedelte sich der Sanhedrin wieder in Jawne an, kehrte aber ein zweites Mal nach Uscha zurück. Nach dem neuerlich verlorenen Krieg um das Jahr 136 verlegte der Rat seinen Sitz unter der der Leitung von Jehuda Nasi, der vor allem als Redaktor der Mischna bekannt wurde, für ein paar Jahre nach Zipori (griech. Sepphoris), im Jahr 150 schließlich ins benachbarte Tiberias am Kinneret-See. Hier und im galiläischen Umland etablierte in den folgenden Jahrhunderten eines der wesentlichen Zentren des nunmehr talmudischen Judentums, das sich freilich im wesentlichen auf Kulturpolitik beschränkte. Auf diese Weise wurde das heute noch gültige System der Vokalisation der hebräischen Texte festgelegt, dass man entsprechend als „tiberianisches System“ bezeichnet. Auch wird die neben dem Babylonischen Talmud bestehende kleinere Schriftsammlung mitunter auch Tiberianischer Talmud, inzwischen häufiger aber als Jerusalemer Talmud genannt. Aufgelöst wurde er erst um das Jahr 425 auf Druck byzantinischer Christen. In der Folge verlagerte sich der Schwerpunkt der jüdischen Bevölkerung nach Babylon, wo die Juden über Jahrhunderte hinweg in weitreichend autonomen Kleinstaaten leben konnten. Das Herkommen des talmudischen Judentums vom Ratssystem der Großen Knesset und seine Ausformung im nach-templischen Sanhedrin steht außer Frage. Unter dem Verfolgungsdruck der Muslime gelangte es etwa ab Mitte des neunten Jahrhunderts auch nach Europa, wo sich seine „Rabbis“ in langen und harten Kämpfen gegen das karäische (den Talmud ablehnende) Judentum durchsetzte. Letztere umfassen heute nur noch wenige Tausend Mitglieder. Sie haben keine eigenen Rabbiner oder Jeschiwot und entsprechend auch keine Rabbinate. Ihre eigenen Auslegungen der biblischen Schriften sind mangels anhaltender Traditionen weitgehend unsystematisch und weichen mitunter erheblich von den Praktiken des talmudisch geprägten Judentums ab. Beispielsweise lehnen sie das Anzünden von Kerzen für den Schabbat ab, da diese dann am Schabbat-Abend noch brennen würden und gegen das Verbot des Feuer-Machens am Schabbat verstießen. Von den Rabbinaten des talmudischen Judentums in Israel, das alleinige Befugnisse darüber hat, zu bestätigen, wer Jude ist, werden sie entsprechend nicht als Juden und ihre Schlachtungen nicht als koscher anerkannt, weshalb sie sich diskriminiert fühlen.

Isidor Kaufmann Portrait eines RabbiIsidor Kaufmann: Portrait eines Rabbiners (wikipedia)

Die heute im deutschen gebräuchliche Ausdrucksform „Rabbiner“ bürgert sich erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Vor 1800 kommt der „Rabbiner“ kaum vor und wenn doch, dann eher in Schriften kirchlicher Antisemiten. Ein sehr frühes Beispiel dafür wäre das 1737 gedruckte Werk des Schwabacher protestantischen  Vikars und Predigers Johann Hellwig Engerer, der sich besonders der Missionierung der „verstockten“ Juden verschrieben hatte, dabei aber trotz zahlreicher Behauptung keine bleibenden Erfolge erzielte und sich 1732 etwas verschnupft in einer zehnseitigen Publikation über „jüdischen Taufbetrug“ ausließ. Aus dem Jahr 1737 stammt ein Werk von ihm in der damals populären Reihe „Gespräche im Reich der Toten“, in welchen verschiedene Autoren fiktive Rededuelle zugunsten ihrer jeweiligen Helden ersannen. Sein eigenartiger Beitrag dazu lautete nun „Gespräch in dem Reiche der Todten über die Bibel und den Talmud zwischen dem seligen Herrn Doctor Luther und dem berühmten jüdischen Ausleger namens Raschi oder wie wir Christen solchen heißen R. Salomon Zarchi in welchem eine Probe der thörichten Fabeln und verkehrten Rabbinischen Auslegungen der heiligen Schrift mit einer kurzen Widerlegung dargestellt wird.“ Dort nun findet sich bereits im ersten Satz der Vorrede der Rabbiner-Begriff, bzw. in der noch für längere Zeit benutzten Mehrzahlform der „Rabbinen“: „Dass die ohnehin in Verstockung lebende Juden durch ihre Rabbinen noch verstockter werden ist eine bekannte Sache …“ Aus dem Jahr 1756 stammt eine weitere ominöse Schrift, als dessen Autor ein katholische Pater und Magister namens Alphonso Bonhomine „… aus dem löblichen Orden S. Dominici“ genannt wird. Der Anfang des bandwurmartigen Buchtitels heißt „Kurze Abhandlung des Rabbi Samuel …“, was dann aber in gewohnter Weise mit zig Untertitelungen fortgesetzt wird. Dabei wird das Werk vorgestellt als eine Art Enthüllungsbuch, in welchem ein jüdischer Gelehrter namens Samuel in zwanzig Kapitel dargelegt haben soll, dass die jüdische Religion falsch und verderbt, die christliche aber die wahre und alleinselig machende sei. Insbesondere biblische Zitate werden zugunsten der Lehren des Christentums aus ihrem jüdischen Kontext entnommen und zum Wohle der Christenheit umgedeutet. Das Werk selbst, so ist zu erfahren soll bereits im 13. Jahrhundert verfasst worden sein und zwar auf Arabisch (!), der Sprache in der auch der Talmud verfasst worden sein soll – wobei der christliche Gelehrte wahrscheinlich Arabisch mit Aramäisch verwechselte. Als es dann ins Lateinische übersetzt wurde, sei es „von denen Juden in allen Orten zusammen gesammelt und verborgen (worden), damit dieses Werk in die ewige Vergessenheit gerathen solle“. Das soll sagen, dass die Juden alle Exemplare aufkaufen und verschwinden ließen. Bis auf eines natürlich, dass nun (also im Jahr 1740) „mit Verwilligung des heiligen Inquisitions-Amts zu Macerata (Hauptstadt der Marche-Region in Italien) aufs neue in Druck verfasst mit Genehmigung des Hochwürdigsten Ertz-Bischöflichen Constistorii zu Prag … zur Verteidigung des wahren christ-catholischen Glaubens wider verstockte Juden in die teutsche Sprache übersetzt und aus wohlmeinenden Gemüte herausgegeben von AManDo Liebhaber der geistlichen Schriften“.

Die kurzen, eher einfältigen Kapitel die allesamt mit den schmachtenden Worten „Mein Herz!“ einleiten haben Überschriften wie „Warum die Juden im Zorn Gottes seynd“ (1) oder zeigen, „dass die Juden blind seynd“ (5), „… sich selbst und andere betrügen“ (6) oder erläutern schließlich „Von der Verwerfung des Opfers der Juden und Erwählung des Sacraments der Christen“.  Zweifelsfrei hat das weitgehend unbekannte und einflusslose Werk seinen Zweck verfehlt. Ob dies daran lag, dass Juden überall die wahrscheinlich nicht hohe Auflage aufkauften und abermals verschwinden ließen, kann nur vermutet werden. Der jüdische Autor dieser Zeilen verdankt seine Einblicke in das alberne, ja peinliche Machwerk Google Books, die ein eingescanntes Exemplar der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Relevant ist das Werk allenfalls ideen- und begriffsgeschichtlich, etwa weil auch hier bereits der im 18. Jahrhundert seltene Begriff der „Rabbiner“ auftaucht.

Auf das Jahr 1801 datiert sich eine weitere Schmähschrift eines christlichen Theologen dessen Absicht darin besteht mittels Beleidigungen des Judentums für die eigene Kultur zu werben. Das Werk heißt „Leviathan oder: Rabbiner und Juden“ und verspricht im Untertitel ein „mehr als komischer Roman und doch die Wahrheit“ und „voll der kurzweiligen Erzählungen und doch Ernst“ zu sein. Unterteilt ist das Buch in eine „erste, zweyte und dritte Parascha“ und gedruckt worden soll es angeblich sein in „Jerusalem im Jahre der kleinen Zeitrechnung 561, der christlichen 1801, der republikanischen 9.“ In der das Judentum nachäffenden Weise bereits eine Art Vorläufer der Schriften des (fiktiven) Feitel Itzig Stern beinhaltet das Druckwerk noch zahlreiche weitere hebräische Worte mitunter auch sogar in hebräischen Buchstaben – etwa zur Begrüßung im Vorwort als „שלום vom שר שלום“ was bei der damals ohnehin recht hohen Quote an Analphabeten die angepeilte Leserschaft gewiss noch weiter eingegrenzt haben dürfte. Autor der Schrift war der Theologe und Antisemit Andreas Riem (1749-1814), der als Sohn des Direktors der Lateinschule und einer Pfarrerstochter im pfälzischen Frankenthal geboren wurde und unter anderem Oberinspektor der preußischen „Bienenplantagen“ in Schlesien war, sich publizistisch aber auf „die Juden“ verlegte. Im Vorwort heißt es bereits recht deutlich: „Der Rabbiner war zu allen Zeiten ein erbärmlicher Mensch, und die Zahl derer unter ihnen, welche für das Gesetz 600000 verschiedene Auslegungen glaubten und in ihrer eigenen Meinung Gottes Wort fanden, war unendlich gegen das unglaublich geringe Häuflein der Vernünftigen.“

Im Zeitalter der napoleonischen Kriege begann sich der zuvor nur sporadisch und eher unbeabsichtigte Begriff des Rabbiners allmählich zu etablieren, wobei es mit wenigen Ausnahmen vor allem christliche Autoren waren, die das Wort für ihre Schmähschriften und Polemiken gegen das talmudische Judentum benutzten. Eine der Ausnahmen war Moses Mendelsohn (1729-1786), der ab 1783 mit seinen mehrbändigen und in vielen Auflagen nachgedruckten „Ritualgesetze der Juden“ als erster deutschsprachiger Jude den zunächst christlichen und/oder judenfeindlichen Terminus übernimmt und im damit im Laufe der Zeit seine Popularisierung ermöglicht. Freilich dauert es noch bis etwa 1820, ehe der Begriff „wertneutral“ allgemein gängig wurde.

Im Jahre 1829 wurde das „Collegio Rabbinico“ gegründet – im italienischen Padua. 1854 erst entstand das für den deutschen Sprachraum bedeutsame Rabbinerseminar in Breslau, das sich auch auf die Lehren von Mendelsohn  stützte. 1859 wurde die Ecole rabbinque de France in Paris geschaffen, die seit 1829 einen Vorläufer in Metz hatte. Sinn und Zweck jener Rabbinerseminare war es einen Ausgleich zu den an „allgemeinen“ (sprich christlichen) Universitäten fehlenden jüdisch-theologische Fakultäten – wenn überhaupt, so gab es nur christliche – um dem staatlichen Diktat entsprechende Führer des Judentums auszubilden.

Seit dem Mittelalter waren die rawanim hochverehrte Gelehrte und vor allem als Lehrer oder Leiter von Jeschiwot (der sprichwörtlich bekannten „schul“), Autoren gelehriger Bücher und Kommentare und insbesondere als Richter oder Vorsitzende eines Bet Din (welches man in der deutschen Erklärung gewöhnlich als „Rabbinatsgericht“ umschreibt …) beschäftigt. Insbesondere auf die richterliche Funktion bezog sich in der Regel auch der Titel eines „Raw“, der damit nicht einfach nur ein „Großer“ war, sondern ein „Oberer“ und zwar des Gerichts. Der mittelalterliche רבist deshalb auch weitgehend identisch mit dem דין – der als Vorsitzender גאון heißt oder אב בית דין. Im Zuge der sog. Säkularisierung, die christlichen Kirchen Besitzungen an Immobilien und Ländereien in ganz erheblichen Ausmaß abverlangten, verloren auch die jüdischen Gemeinden im weitesten Sinne ihre rechtliche Eigenständigkeit, die sie nur bei Kapitalverbrechen (so genannt weil sie buchstäblich den Kopf kosten konnten) der kaiserlichen Gerichtsbarkeit unterwarf. Davon übrig blieb nur die minimale Funktion einer Art Standesbeamten der Heirats- (כתובה) oder Scheidungs- (גט) Urkunden ausstellen durfte. Da diese in der Regel dann auch noch standardisiert und vorformuliert (heute sogar häufiger auch vorgedruckt) wurden und nur noch Namen und Daten eingetragen wurden, war das verbliebene Restansehen für die nunmehr unter dem Titel „Rabbiner“ auftretenden Personen nicht mehr sehr hoch. Lediglich die älteren Gelehrten aus der alten Zeit behielten ihr Ansehen.

Die neu ausgebildeten Rabbiner erhielten zum Ausgleich Funktionen christlicher Pfarrer, von denen sie auch Talar und Beffchen übernahmen, so wie zahlreiche „Reform“-Gemeinden zudem auch Orgeln oder aus dem Christentum entlehnte Sprachregelungen wie „jüdisches Osterfest“ anstelle von פסח, „Kommunion“ statt בר מצוה und Bräuche wie Geschenke zum Chanucka-Fest, als eine Art „jüdische Entsprechung“, zum christlichen Weihnachtsfest, das in der bekannten Weise aber auch kaum älter als 150 Jahre ist. Zu den weiteren Aufgabengebieten der neu geschaffenen Rabbiner gehörte vor allem die Predigt, die seitens des Staates in deutscher Sprache verlangt wurde, Schulunterricht der Kinder in sogenannter Religionslehre, Trauungen, Scheidungen, schließlich auch Beerdigungen und allgemein verstandene „Seelsorge“ nach christlichem Vorbild. Lediglich in Bezug auf ברית מילה ,כשרות und  שכיטאblieben staatliche Regularien aus – zunächst, um in den Folgejahrzehnten mit voller Wucht über die gesamte jüdische Gemeinschaft hereinzubrechen.

Um die Mitte der 1840er Jahre wurden in Frankfurt am Main Rabbiner-Versammlungen abgehalten, deren veröffentlichte „Protokolle“ vermutlich Anregungen für den gleichzeitig aufstrebenden „Anti-Semitismus“ bot. Fast alle Judengemeinden im deutsch-sprachigen Raum wandten sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts der sog. Reform zu, deren Bestrebung darin bestand so viele optische Schwierigkeiten zur Anpassung an die säkular-christliche Lebensweise wie möglich aufzuheben und auszugleichen, da diese als „modern“ empfunden wurde. Wie weitreichend ihre „Reformen“ dabei gingen, kann man daran ermessen, dass sie ohne weiteres dazu in der Lage waren, Schabbes-Gebote zu brechen, bzw. abzuschaffen, Heiratsverbote für Kohanim aufzuheben oder an Fasten- und Trauertagen wie dem 9. Aw (an dem der Zerstörung der „Tempel“ gedacht wird) ganz allgemein das Heiraten zu erlauben. Um den Stellenwert der Debatten Christen wenigstens halbwegs zu veranschaulichen, müsste man vergleichsweise katholischen Priestern die Ehe erlauben, generell an Karfreitag heiraten dürfen und die Sonntagsruhe abschaffen. Von alledem ist die weltanschaulich nur mutmaßlich neutrale Gesellschaft in Deutschland freilich auch noch 170 Jahre nach den Anfängen der jüdischen Reformer weit entfernt. Stattdessen existieren weiterhin gesetzliche Bestimmungen wie beispielsweise ein Tanzverbot am christlichen Karfreitag.

Rabbiner Henry Brandt Bischof Mixa Augsburg 2007Rabbiner und Bischof im Augsburger Dom

Als Gegengewicht zu den von ihnen so bezeichneten „Neologen“ etablierten sich ab den 1850er Jahren auch Gruppierungen die deren „Reform“-Bestrebungen strikt ablehnten, sich selbst nun aber als „orthodox“ bezeichneten, was begrifflich ebenfalls dem Christentum entlehnt wurde und insofern eigentümlich ist, dass noch nicht mal die sog. russisch-orthodoxe Kirche den Begriff „orthodox“ verwendet, sondern offiziell православная церковь heißt. Staatlich ausgebildete und/oder finanzierte Rabbiner haben aber längst keine Schwierigkeit sich an der „allgemeinen“ Nomenklatura zu orientieren und sich orthodoxe Rabbiner zu nennen.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass der Begriff  des „Rabbiners“ in seinen Anfängen christlich und dabei einem überwiegend anti-jüdischem Umfeld entsprang. Moses Mendelsohn und dem ihm nachfolgenden „Reformern“ der haskala ist es zu verdanken, dass der Begriff sich letztlich auch in weiten Teilen des Judentums durchsetzte zur Bezeichnung eines beruflichen Anforderungsprofils, das sich in weiten Teilen dem christlichen Pfarrer angeglichen hatte.

      


Die Rabbiner im schwäbischen Hainsfarth

May 19, 2013

Ein Film von Sibylle Tiedemann, gemäß Wikipedia bereits im Jahr 2001 im Auftrag des bayrischen Rundfunks entstanden (der sich aber weder in der Mediathek von BR TV oder BR Alpha, noch auf youtube oder auf DVD finden lässt), trägt den Titel „Hainsfarth hatte einen Rabbiner“. Kurzbeschreibungen gemäß beschäftigt sich der 45-minütige Dokumentarfilm jedoch in erster Linie mit damals bereits sehr betagten (christlichen) Zeitzeugen und ihren Erinnerungen an die um 1940 ausgelöschte jüdische Gemeinde von Hainsfarth. Der Titel spielt auf einen neuzeitlichen, nur zeitweilig in Hainsfarth tätigen Hilfsrabbiner an. Die Absicht bestand wohl darin, für den auch in modernen jüdischen Quellen kaum beachteten Ort, eine gewisse Aufmerksamkeit zu wecken.

Hainsfarth Synagoge Leuchter Stern Kreuzceiling at former Synagogue of Hainsfarth with Jewish Star symbol as well as with a marked cross

Die zeitgenössische (christliche) Forschung scheint sich aber völlig einig darüber, dass die Hainsfarther Juden keinen eigenen Rabbiner hatten. Auf Seite 1 seines umfassenden Buches über das neuzeitliche Hainsfarth im 19. und 20. Jahrhundert  (Wissner-Verlag 2002) sagt dies Prof. Herbert Immenkötter knapp und deutlich „Aber einen Rabbiner hat Hainsfarth nie gehabt“. In der Fußnote beruft er sich dabei auf einen entsprechenden Beitrag von Hermann Kucher zu den „Rieser Kulturtagen 1998“ (Nördlingen 2000). Schließlich heißt es dann auch in der 2005 erschienen Ortschronik „1200 Jahre Hainsfarth“ auf Seite 172 klipp und klar: „Die jüdische Gemeinde von Hainsfarth hatte zu keiner Zeit einen eigenen Rabbiner.“

Für die Feststellung, dass Hainsfarth zu keinem Zeitpunkt seiner Geschichte Rabbiner besessen habe, bedurfte es demnach auch keiner Argumente oder Erläuterungen, sondern es reichte die bloße Behauptung, die in gegenseitigen Referenzen allenfalls noch im Satzbau umgestaltet wurde. 

In unserem eigenem Beitrag zu Hainsfarth auf diesem Webblog vom 5. Oktober 2010 hieß es – auch weil Hainsfarth nur eine von vier Friedhofstationen an diesem Tag war und Zeit für eine Nachprüfung der Quellen von vor Ort aufgefundenen Behauptungen fehlte – jedoch etwas vorsichtiger: (Hainsfarth) „… hatte in der Neuzeit keinen Rabbiner napoleonischer Facon“. Diese Vorsicht war, wie man sich bereits denken konnte, ganz angebracht. 

dead-end Hainsfarth Sackgassedead end Hainsfarth

In seinem Beitrag zur 1996 erschienen Broschüre „Die ehemalige Synagoge Hainsfarth“ zitierte der ehemalige Schuldirektor und Heimatforscher Albert Schlagbauer (1913-2001) jedoch in seinem Artikel zu „100 Jahre israelitische Schule in Hainsfarth“, eine Mitteilung aus dem Jahr 1672: „Joseph Esel zu Heinsfurt Sohn, oettingisch-oettingisch schutzverwandten Juden, hat den Judenschuelmeyster Abraham wegen eines am Schechten nit geratenen Bocks vor der Schül injuriert.“

Schlagbauer ist zwar bewusst, dass der erstmals 1667 erwähnte  Abraham „Meister der Synagoge“ genannt wurde, geht aber davon aus, dass es keinen Rabbiner in Hainsfarth gab. Also auch nicht vor 1800. Woher seine Auffassung stammt, bleibt unklar, jedoch ist ihm bekannt, dass Schulmeister Abraham auch als Schächter, Vorsänger und Talmudlehrer der Hainsfarther Gemeinde tätig war. All dies wären jedoch auch Aufgaben eines Rabbiners gewesen, während andererseits im 17. Jahrhundert ganz sicher auch in Hainsfarth keine Schule bestand, die den Anforderungen der bayrischen Reformen von 1813 um eineinhalb Jahrhunderte vorweggegriffen hätte.

Synagoge Hainsfarth Scheune

Bereits in mittelalterlichen Quellen wird der Begriff „Rabbiner“ einem lateinischen „magister“ entsprechend aufgefasst und deutsch als “Meister” übersetzt. Ein Augsburger Beispiel wäre Schulmeister Koppelman, der zweifelsfrei in Nürnberg und Augsburg als Rabbiner bekannt war, letzteres im Sinne eines Vorsitzenden des Rabbinatsgerichts, das vor Ort wenigstens aus drei rabbinischen Richtern bestehen musste. In der Regel sind jene awot-bet-din, die Mittelalter als Rabbiner oder Meister, Schulmeister, Hochmeister und dergleichen genannt werden, auch als Oberhäupter der jüdischen Gemeinden aufgefasst (und oft auch missverstanden worden).

Hainsfarth jüdische Schule Türold door of the former Jewish school house at Hainsfarth next to the former synagogue

Neben dem für die Zeit um 1670 genannten Schulmeister und Schächter Abraham lassen sich, in hebräischen Quellen noch um 1764 Rabbi Jakob Ettingen und 1783 Rabbi Hirsch ben R. Schimon als für Hainsfarth genannte Rabbiner u.a. als Subskribenten finden, weshalb man davon ausgehen kann, dass es wohl über hundert Jahre lang Rabbiner in Hainsfarth gab.

Der in den 1780ern genannte Rabbi Hirsch könnte aber vielleicht der letzte in dieser Kette gewesen sein, da ab Ende August 1795 der in Oettingen sitzende Rabbiner Pinchas Jakob Katzenellenbogen auch für Hainsfarth zuständig wird. Aber noch über dreißig Jahre später bemängelt der Magistrat von Oettingen, in Bezug auf die ab 1813 vorgeschriebenen deutschen Predigten, dessen unzureichende Deutschkenntnisse und dass dieser nur hebräische Ansprachen halte (1826). Gut nur, dass der Rebbe nicht erfahren musste, dass heutige “Experten” behaupten, dass Hebräisch eine bereits in der Antike ausgestorbene Sprache war … wie unlängst beim Vortrag eines Pfarrers bei der DIG in Augsburg zu hören war. 

Hainsfarth Schaf Hahn sheep chickensheep and rooster at backside of Hainsfarth synagogue

Rabbiner im Sinne der angestrebten Reform mussten freilich auch erst mal erfunden werden. Sie waren dann imstande den eigentümlichen griechisch-lateinischen Gelehrten-Mischmasch nachzuahmen und statt Tfilin von Phylakterium zu sprechen, das sefer dwarim „Deuteronomium“ zu nennen und sich wie christliche Pfaffen zu kleiden. Immerhin sind diese aber der heutigen Forschung als “Rabbiner” im beruflichen Sinne ausreichend verständlich. Und tatsächlich scheint Hainsfarth keine Berufsrabbiner dieser (staatlichen) Facon gehabt zu haben. Wahrscheinlich kein wirklicher Makel. 

Rabbiner im Sinne der authentischen jüdischen Überlieferung gab es, ohne Zweifel.

Hainsfarth synagoge Rest alte Treppe Rückseitederelict leftover of a stair at the rear of synagogue and Jewish school house Hainsfarth

Although contemporary historians and local experts on rural Jewish community (among them the retired Augsburg Professors Immenkoetter and Kiesling, the later had a talk in Hainsfarth last week) maintain that the Jewish community in Hainsfarth at no time had an own rabbi in the course of their century long history, at least three true rabbis in the time from 1667 to 1783 are actually known. One Abraham is already mentioned in the second half of the 17th Christian century as “schulmeister” (school master), what in previous times, when there were no ordinary schools in rural villages was of course the rabbi. Two others were mentioned in Hebrew sources and of course it likely is possible to find further names. So far the academic experts had no need to explain their surprisingly unique and unrivaled stance, which however appears as incorrect and does not even bear a simple once-over.

Hainsfarth synagogue windows


Der mittelalterliche Judenkirchhof in Erfurt

June 5, 2012

at former Judenkirchhof

Der lokalen Überlieferung gemäß verfügte die jüdische Gemeinde Erfurts beim ehemaligen Moritztor über einen eigenen Friedhof, der zeittypisch Judenkirchhof genannt wurde. Einem alten Plan zufolge befand sich innerhalb des ummauerten Geländes eine „Judenkirch“ (von Jaraczewsky 1868 als „Synagoge“ gedeutet), wobei es sich aber eher um eine Abkürzung für das übliche „Judenkirchhof“ gehandelt haben dürfte, während das Gebäude wahrscheinlicher eine Tahara war. Wann der Friedhof begründet wurde, ist unbekannt, jedoch ist das frühe 13. Jahrhundert zu vermuten. Das Areal des Friedhofs umfasste etwa 1.5 ha, welche für wenigstens 5000 Gräber ausreichen konnte.

Genutzt wurde der Friedhof bis zur Ausschaffung der Erfurter Juden im Jahre 1458. Wenn wir eine zweieinhalb Jahrhundert andauernde Nutzung annehmen, ergäbe dies einen jährlichen Schnitt von etwa zwanzig Begräbnissen, wobei am Erfurter Judenkirchhof auch Tote aus einer Reihe von benachbarten Orten bestattet wurden. Fraglich ist, ob der Friedhof zum Zeitpunkt, als die Gemeinde vertrieben wurde, noch über viele freie Grabflächen verfügt hatte. Heute befindet sich auf dem Gelände, das entlang Große Ackerhofgasse und Glockengasse verlief und seitlich von der Andreasstraße und der Moritzstraße begrenzt wird, der gegenwärtig zu einem Parkhaus (!) konvertierte spätmittelalterliche Kornspeicher und eine Reihe von Wohnanlagen. Zeitungsberichten gemäß wurden dort bei den Bauarbeiten, im Februar dieses Jahres weitere Grabsteine entdeckt, u.a. ein Fragment, welches Dulca, der Tochter des Rabbi Ascher gewidmet ist, die der Inschrift gemäß im Jahr 19 im sechsten Jahrtausend starb, was im christlichen Kalender dem Jahr 1259/60 entspricht. Mit anderen Funden befindet sich der Stein nun im Depot des Anger-Museums.

Der Stein ist Dulca der Tochter von R. Ascher und datiert ohne genaues Datum auf das Jahr 19 zum sechsten Jahrtausend, was demnach dem Jahr 1259 entspricht. Damit gilt der Stein als ältester erhaltener in Erfurt.

 

Drei weitere Grabsteine werden im Eingangshof des Museums „Alte Synagoge“ an einer Betonwand ausgestellt, darunter ein Fragment, welches einem Mädchen namens Juta gewidmet ist

ציון

הלו הוקם

לראש מרת

יוטא הבחורה בת

Dieses Denkmal wurde errichtet zum Haupt von Frau Juta dem Fräulein, Tochter des …“ Leider erfahren wir nicht, wessen Tochter sie war, auch ist das Datum nicht erhalten, jedoch ist ihr Gedenkstein mit einem Rad geschmückt, das als Erfurter Stadtwappen gedeutet wird, welches erstmals um 1286 bezeugt ist.

Links davon ist ein größerer Stein der das Begräbnis eines Sohnes oder einer Tochter von Rabbi Josef notiert (in der Mitte des Steins leider beschädigt) und dieses auf den 15. Nisan des Jahres 94 datiert, was dem ersten Tag des Pessach entspricht und nach christlichem Kalender Dienstag, 22. März 1334.

Abschriften von hebräischen Grabsteinen wurden von den beiden Erfurter Rabbinern Jaraczewsky und Kroner übermittelt. Einer wurde, wie Jaraczewsky in seiner Geschichte der Juden von Erfurt berichtet im September 1863 im Flussbett der wilden Gera “unter dem Kartäusergerinne” aufgefunden. Der Stein (No. 36 bei Kroner) soll im Erfurter Anger-Museum ausgestellt sein, war dort aber nicht aufzufinden. Mehrere befragte Angestellte des Museums waren nicht dazu in der Lage, irgendeine Auskunft zu geben oder Ansprechpartner für Rückfragen zu nennen. Von hebräischen Grabsteinen oder einem Lapidarium in ihrem Haus hatten sie angeblich „noch nie was gehört“.

Die denkwürdige Inschrift lautet:

במצבה הזה

הקורא יחזה שהוא

בעט ברזל נחצב ולציון

הוקם ונצב לראש ר

אלעזר ב’ר קלונימוס

הלוי שנאסף בשנת

ארבעים ותשע לפרט

בירח מרחשון ינוח של

על משכבו אמן סלה

An diesem Grabstein sieht der Leser mit eiserner Feder gehauen und zum Gedenken errichtet und aufgestellt zum Haupt von Rabbi Elieser ben Rabbi Kalonimos ha-Levi, der aufgenommen wurde im Jahr 49 der Zählung im Monat Marcheschwan. Er ruhe in Frieden in seinem Grab. Amen sela

Die Datierung entspricht im christlichen Kalender dem Oktober 1288. Etwas befremdend ist die Einleitung der Inschrift, die „den Leser“ an für sich überflüssig darauf hinweist, dass sie mit einem Eisenstift in den Stein gehauen wurde. Das dürfte jedem bekannt gewesen sein und bei anderen Steinen nicht anders. Aber womöglich gab es einen sachlichen, womöglich beruflichen Grund für die Erwähnung. Jaraczewsky identifiziert  den Adressaten der Denkinschrift jedenfalls als den „Masoretiker“ und „Punktator“ קלונימוס נקדן בן רב אליעזר, dessen Manuskript nach dem Urteil Sachverständiger als „Unicum“ gelte und in der hiesigen Erfurter Ministerial-Bibliothek aufbewahrt werde. Zeitgenössischer Experten deuten die Bezeichnung ר für Rabbi(ner) nicht mehr als solche, sondern als Äquivalent zum deutschen „Herr“, was nun weder richtig noch völlig falsch, aber im Prinzip müßig zu diskutieren wäre. Anders als in der Neuzeit handelte es sich um keine Berufs-, sondern um eine Ehrenbezeichnung, in der Regel vergleichsweise verdient. Bemerkenswert ist zweifellos die Erwähnung des Namens Kalonymos, der nicht zwangsläufig auf die prominente Gelehrten-Familie verweisen muss. Grabstein 48 der Sammlung von Theodor Kroner erwähnt das Fragment einer namentlich nicht überlieferten בת ר קלונימוס הלוי wobei es sich wohl um die Schwester des oben genannten Eleasar handeln könnte.

An anderer Stelle erwähnt Jaraczewsky noch einen weiteren Kalonimos-Stein, der bereits 1794 von J.J. Bellermann  in dessen De Inscriptionibus hebraicis Erfordiae repertis zitiert wurde:

פה נקבר איש

חכם ונבר כא

מחסוד דבר הישיש

משה בר קלונימוס

שכבה נרו והלך לעולמו

ביום ו יד שבט על האבן

נחרט שעסק בגמילות

חסידים וטרח באמונה

והובא לקבורה בשנת

קנ’א לפרט לאלף

הששי תנצבה

 א א א ססס

 

Hier begraben ist der weise, ehrenwert und fromm genannte, der Greis Mosche Sohn des Kalonimos, dessen Licht erlosch und der zu seiner Welt ging, am Tag 6, dem 14. Schwat. Der Stein notiert, dass sein Handeln stets fromm und aufrichtig war. Er wurde ins Grab gebracht im Jahr 151nach der Zählung fürs sechste Jahrtausend …“

Die imposante immerhin 12-zeilige Inschrift ist auf das Jahr 151 datiert, was christlich dem Jahr 1391 entspricht.

Erfurt – “Vor dem Moritztor”

 

Weitere Inschriften:

האבן הזאת הקומה מצבה לראש הבתולה שרה ב’ר יוסף שנאספה בשנה שלישים לאל’ שש מנוחתה בגן עדן

Dieser Stein wurde als Grabmal aufgestellt zum Haupt der Jungfrau Sara, Tochter von Rabbi Josef, die gesammelt wurde im Jahr 30 des sechsten Jahrtausends und die im Garten Eden ruht.“  ( entspricht dem Jahr 1270)

 

באחד ועשרים

יום לירח אייר

נקבר ר יהודא

ב’ר יוסף שנת

שמונים ושמונה

לפרט תנצבה

Am 11. Tag des Monats Ijar wurde begraben Rabbi Jehuda Sohn des Rabbi Josef, im Jahr 88 der Zählung …“ ( = 1328)

* * *

Wie Rabbiner Kroner in seinem Artikel den Chronisten Johann Weinrich zitiert fanden sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf dem Feld des Erfurter Judenkirchhofs noch einige „Leichensteine“ mit hebräischen „Epitaphia“ gefunden. Die meisten der Steine seien aber verbaut worden und so verwundert es nicht, dass immer wieder bei Abbruch- oder Bauarbeiten einzelne Steine oder Fragmente gefunden wurden.  Kroner schaffte es immerhin, die ihm bekannten Inschriften von Grabsteinen und Fragmenten, immerhin 88 an der Zahl zu ordnen und ein Register der hebräischen Abschriften zu erstellen, das gewiss Grundlage sein könnte für eine um neuere Funde ergänzte Fortschreibung sein könnte.

No. 5 in seiner Sammlung ist ein Grabsteinfragment, das auf das Jahr 1251 zurückgeht.

… … …

שרגי בר בנימין

הכהן אשר נפטר

שנת אחת עשר

לאלף ששי בירח

אסף עם צדיקים…

Gewidmet wurde die Inschrift Schragi, dem Sohn von Benjamin des Kohen (Deutung des mit בנ beginnenden Namens), der verstarb im Jahr 11 des sechsten Jahrtausends (= 1251) und der versammelt wurde mit den Gerechten.

Die Nummern 72-75 der „Erfurter Grabsteininschriften“ aus der Sammlung von Rabbiner Kroner: der Junge Mosche Sohn des Jitzchak, gestorben am 10. Sivan 5142, der Junge Schlomo Sohn des Jitzchak, gestorben am 30. Tamus 5142 und der Junge Elischa Sohn des Jitzchak der am Abend des Jom Kipur 5142 starb. Ob alle drei Söhne ein und desselben Jitzchak und damit Brüder waren, ist zumindest möglich. Daneben abgebildet ist die bereits bei Jaraczewsky und hier weiter oben beschriebene Inschrift des Grabsteins von Mosche bar Kalonimos.

 

Quellen:

Jaraczewsky, Adolph: Geschichte der Juden in Erfurt, Erfurt 1868

Kroner, Theodor: Die Geschichte der Juden in Erfurt, Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge in Erfurt am 4. September 1884, Erfurt 1885

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/zoom/633294

Kroner, Theodor: Die Erfurter Grabinschriften. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 33; 1884, S. 349-363

 

* * *

The medieval Jewish Cemetery of Erfurt (so called “Judenkirchhof“, lit. Jews Churchyard) was destroyed by the Christians after the expulsion from the Jews in 1458 and was overbuilt with several structure. However in 1713 there still were some tomb stones with Hebrew inscriptions there, as reports say. Most of the tomb stones however where mis-used as building material within the city. Time and again some grave markers or fragments come to light when there are construction works. In February this year the grave marker of Dulca from 1259, the oldest still exsting grave marker was discovered. 19th century rabbis like Adolph Jaraczewsky and Theodor Kroner fortunately collected some 90 medieval Hebrew grave marker inscriptions known at their time unfortunately the one of R. Jakob Weil who until 1438 was rabbi in Augsburg before he came to Erfurtis not among them. Many of them were placed at the Jewish cemetery at Cyriakstr. but most of them were destroyed during the Nazi rule. Today some of the findings were exhibited in municipal museums, but most are disappeared or hidden. The written collection of Theodor Kroner however was a good starting point for an updated and complemented version of medieval grave markers from Erfurt, freely accessible to the public.


Die “Alte Synagoge” von Erfurt

May 21, 2012

Als große Attraktion und Kernpunkt der Bewerbung Erfurts um eine Auszeichnung als „Weltkultur-Erbe“ der UNESCO präsentiert die Stadt seit einigen Jahren die sog. „Alte Synagoge“ als“ älteste erhaltene Synagoge Europas“, in welchem heute ein jüdisches Museum untergebracht ist. Dort sind die Exponate des sog. „Erfurter Judenschatz“ ausgestellt, die 1998 unweit in der Michalistr. 43 unterhalb einer Kellermauer gefunden wurde, sowie Faksimile mittelalterlicher hebräischer Bücher aus Erfurt, deren Originale sich in der Berliner Staatbibliothek befinden. Im Hof des Museums befinden sich unter Glas drei mittelalterliche Grabsteinfragmente. Mit inbegriffen sind zahlreiche touristische Angebote, etwa eine (sachlich und altersgerechte?) Führung für Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren mit dem vielsagenden Titel „Taharah – von kalten Füßen, nackten Frauen und Geistern“ (http://alte-synagoge.erfurt.de/jle/de/altesynagoge/service/).

Nach allgemeiner Auffassung soll das im Laufe von Jahrhunderten in mehreren Bauphasen immer wieder veränderte Gebäude auf eine auf das Jahr 1094 datierte Synagoge zurückgehen, wovon ein sieben Meter langes und bis zu ca. zwei Meter hohes Mauerstück noch erhalten sein soll. Zu den historischen Begebenheiten nimmt Adolph Jaraczewsky (1829-1911), von 1862 bis 1879 Rabbiner in Erfurt, in seiner 1868 veröffentlichten „Geschichte der Juden in Erfurt“ ausführlicher Bezug. Am 21. März 1349 kam es im Erfurt zum sog. „Judensturm“. Da es andernorts schon zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen war, rechneten die Erfurter Juden mit einem Angriff und sollen sich massiv bewaffnet haben: „“Diesen Überfall fürchteten sie in der Zeit, da sie im Gotteshause versammelt waren … und dachten an Gegenwehr. Denn man fand in der Synagoge treffliche Rüstungen an Armbrüsten, Spießen und Pfeilen, so dass man nicht wenig überrascht war, in dem Gotteshaus auch ein Zeughaus zu entdecken.“ (Jaraczewsky, S. 26). In einem an selber Stelle zitierten christlichen Bericht des Petersklosters heißt es: „In Erfurt fiel die Bürgerschaft wie ein ergrimmter Tiger über seinen Raub her.  Hundert fielen in ihre Dolche, oder wurden unter ihrem Streithammer zerschmettert. Die Entkommenen retteten sich in ihre Häuser, verriegelten Tür und Fenster, besetzten alle Eingänge und machten sich zur Gegenwehr bereit. Die Wut stieg mit dem Widerstand. Man warf Feuerbrände, und hoch loderte die Flamme über den Opfern der Unschuld. Mehr als 5000, wovon sich ein Teil selbst ins Feuer stürzte, fanden hier, auf eine, die Menschheit empörende Weise den Tod.“

In Wilhelm Horns äußerst interessanten „Charakterisierung der Stadt Erfurt – ein medizinisch-statistischer Beitrag“ aus dem Jahr 1843 (S. 228) liest sich das dort freilich auf 1346 (!) datierte Geschehen kurz gefasst so: „Einige Junker trachteten nicht nur, die Juden zu erschlagen, sondern wollten auch bei einem solchen Tumult das Stadt-Regiment an sich ziehen. Sie vereinigten sich heimlich mit einigen übelgesinnten Ratsherren und irregeleiteten Gewerken. Als dies der Rat erfuhr, schickte er seine Diener den Juden zur Hilfe; allein der Auflauf war schon zu groß, als dass der Rat hätte gehört werden können. Gegentausend Juden wurden erschlagen, die übrigen aber, welche sich verloren glaubten, liefen in einige Häuser zusammen, zündeten sie an, und verbrannten sich mit Allem, was sie bei sich hatten. Es sollen damals 6000, nach Anderen sogar 9000 Juden in Erfurt gewesen sein, welche alle umkamen. Man fand in der Judenschule Rüstungen, Armbrüste, Spieße und Pfeile, deren Zweck man nicht einsah. Der Kurfürst Gerlach war über dieses Benehmen der Bürgerschaft höchlich erzürnt, die Stadt gab als Ursache der Verfolgung den Verdacht der Brunnenvergiftung an; da dieses jedoch keineswegs erwiesen war, und der wahre Grund vielmehr deutlich hervorleuchtete, so wurde die Stadt verurteilt, jährlich 100 Mark Silbers als Strafe zu geben; – eine Strafe die aber nicht lange gezahlt wurde.“

Jaraczewsky zweiter Nachfolger im Amt des Erfurter Rabbiners Theodor Kroner formulierte in seiner Festschrift zur Einweihung der neuen Erfurter Synagoge am 4. September 1884, sich weitgehend auf die Peterschronik stützend: „Mit Dolch und Streithammer tötete man dieselben, stürmte ihre Häuser und als sie sich in den selben zur Wehr setzten, zündete man die Häuser an. In Wirklichkeit wohl nur 100, der Sage nach 5000, nach Anderen 6000 oder gar 9000 Juden, wovon sich ein Teil selbst ins Feuer stürzte, fanden hier auf eine die Menschheit empörende Art ihr Grab.

Die genannten möglichst hohen Zahlen tausender getöteter Juden in Erfurt sind sicher eine maßlose Übertreibung seitens der christlichen Chronisten (oder Wunschdenken), da die gesamte Einwohnerschaft Erfurts zur Mitte des 14. Jahrhunderts kaum über 10.000 Einwohner hinausgekommen sein wird. Vielleicht werden deshalb allgemein wohl auch die gleichwohl genannte Zahl der “hundert” zitiert. Doch bereits bei der Rückkehr der Juden im Jahr 1350/51 sind 33 Hausbesitzer verzeichnet. Jaraczewsky schätzt die Anzahl der Hausbesitzer auf ein Drittel und deshalb die Anzahl der Juden auf etwas über 500, was sicher eher konservative Werte sein dürften. Die Erfurter Juden waren vor dem „Sturm“ wohl in benachbarte Städte geflüchtet, etwa nach Arnstadt 15 km südlich von Erfurt, oder ins 20 km westlich gelegene Gotha oder ins gleichweit entfernte östliche Weimar.

Wie anderer zurückgelassener Besitz wurde die Synagoge in Abwesenheit beschlagnahmt und gelangte so in „Privatbesitz“. Dazu passt nun offenbar der durch dendro-chronologische Verfahren ermittelte Befund, der erhaltene Holzbalkenreste auf das Jahr 1351 datiert, welche nun aus der Zeit des Umbaus stammen sollen. Daraus folgte dann jedoch, dass die neuen Besitzer sich rasch um einen Umbau bemühten. Sollten tatsächlich Brände gelegt worden sein, müssten in einer eng bebauten mittelalterlichen Altstadt erhebliche Schäden angerichtet worden sein. Kaum vorstellbar, dass ggf. beschädigte oder gar ausgebrannte Häuser hernach einfach so „in Privatbesitz“ übergegangen sein konnten. Den nach Erfurt zurückkehrenden Juden soll 1357 auf städtische Kosten der Bau einer neuen Synagoge bewilligt worden sein, welche später in der handschriftlichen Chronik von Samuel Fritz abgebildet wurde. Die Überreste dieser neuen mittelalterlichen Synagoge wurden nach dem großen Brand von 1736 abgetragen.

Ob es sich wirklich um eine ganz neue Synagoge handelte oder ob der durch Feuer oder anderweitig Zerstörungen beeinträchtigte alte Bau erneuert wurde, ist etwas unklar. Einer Variante der Geschichte gemäß, wurde tatsächlich keine neue Synagoge gebaut, sondern bisherige wieder von den zurückgekehrten Juden genutzt. Demnach kamen im Jahr 1357 Abraham von Fulda, Cassel von Arnstadt, Adelkind von Dornburg mit Rabbi Feudlin und anderen nach Erfurt zurück und „mieteten vom Rat die Judenschule welche dieser in den Sturmjahren an sich gebracht hatte und die jetzt wüst lag, um etliche Mark.“ (Jaraczewsky, S. 33). Demnach wurde die Synagoge beim sog. „Judensturm“ wohl stärker beschädigt und lag noch acht Jahre später „wüst“. Dies widerspricht natürlich einer zwischenzeitlichen „privaten“ Nutzung und hinterfragt ein wenig auch die Datierung von Holzstücken auf den Winter 1350/51. Berichten gemäß wurde die „neue“ Synagoge 1479 zur Kirche geweiht, rund zwanzig Jahre nachdem 1458 die mittelalterliche Geschichte der Juden in Erfurt mit der Ausweisung endet. Das ehemalige Synagogengebäude soll 1736 beim Stadtbrand völlig ausgebrannt sein.

Es ist nun fraglich, ob jener Bau, der als „Alte Synagoge“ rekonstruiert oder gar nur konstruiert wurde tatsächlich auf eine mittelalterliche Synagoge zurückgeht.

Die „Entdeckung“ der Synagoge vor etwa zwanzig Jahren wurde als „Wunder“ aufgefasst, da man angeblich nicht ahnen konnte, um was für einen Bau es sich handelte.  Die Unklarheit darüber ist jedoch eigenartig da schon im Jahre 1862 der Erfurter Lokalhistoriker Bernhard Hartung im selben Gebäude „die alte Synagoge der ehemals berühmten Erfurter Judengemeinde“ vermutete und dies nicht geheim hielt. Ausführlicher noch setzte sich der Erfurter Jaraczewsky in seinem 1868 publizierten Buch zur Geschichte der Juden in Erfurt damit auseinander, wobei er verständlicher Weise bereits geläufige Auffassungen aufgriff:

Ihre Hauptsynagoge (denn eine zweite lag auf ihrem Friedhof), welche noch jetzt in ihren Umfassungsmauern vorhanden ist, scheint mit ihrer Fronte nicht an der Straße gelegen zu haben und bildet gegenwärtig das Hintergebäude eines öffentlichen Lokals (eines sog. Kaffeehauses) Hausnummer 2545. Es ist ein mächtiges, beinahe viereckiges, drei Stock hohes Gebäude, in dessen oberen Geschoss, an der Ost- und Westseite, sich größere Fenster im ältesten Spitzbogenstil, und neben diesen Fenstern am westlichen Giebel noch zwei runde Fenster befinden. Leider haben die mannigfachen Bauten, welche im Laufe von Jahrhunderten im Innern des Gebäudes vorgenommen wurden, dasselbe so verändert, dass sich nicht mehr erkennen lässt, welche Einteilung es damals gehabt haben mag, als es gottesdienstlichen Zwecken diente.“

Auch die modernen Interpreten des Baus kommen nicht umhin, einzugestehen: „Der Grundriss (der Synagoge) in Erfurt weicht jedoch in ungewöhnlicher Weise von den übrigen (zeitgenössischen) Synagogen ab“ und „Der Grund für diese Abweichung … ist bisher unklar“ (Alte Synagoge und Mikwe zu Erfurt, S. 38/39). Trotz aller Rekonstruktionsversuche in den letzten zwanzig Jahren deutet kaum etwas auf eine frühere Synagoge hin.

Der Grundriss des heutigen Baus hat eine Fläche von ca. 18 auf 12 m. Die Orientierung der Längsseite ist einigermaßen südöstlich, ist dabei jedoch anders als erforderlich und zu erwarten nicht nach Jerusalem ausgerichtet, sondern nach Laibach, Brindisi in Süditalien, Ost-Libyen, schließlich Sudan und Kampala in Uganda. Auch wenn neuzeitliche Reformgemeinden es in der Regel bei einer vereinfachten Ost-Ausrichtung belassen, die der Talmud in Vermeidung einer vorstellbaren Sonnenanbetung untersagt, nahmen antike und mittelalterliche Juden die genaue Ausrichtung nach Jerusalem in aller Regel doch sehr genau. Dies gilt umso mehr, wenn Gelegenheit dazu bestand, einen Neubau vorzunehmen. Wie auch immer, wäre beim Erfurter Bau der Aron Kodesch an der schmalen etwa 12 m langen Südost-Mauer zu erwarten gewesen, jedoch deutet heute nichts auf eine entsprechende Nische hin. Die Hauptfassaden verlaufen entlang der ca. 18 m langen Seiten mit eigenartigen Fensteranordnungen auf mehreren Etagen, die zum einem erst  wieder freigelegt, ein möglichst hohes Alter anzeigen, andererseits aber kaum besagen können, dass die mittelalterliche Synagoge bereits entsprechend eingeteilt war und über vier (unterschiedlich belegte) Fenster-Etagen verfügt haben soll.

Die überlieferte Abbildung der alten Synagoge in Erfurt, die wahrscheinlich irrtümlich einem Neubau zugeschrieben wird, zeigt keine wesentlichen Übereinstimmungen mit dem heutigen Museumsbau. Auch das für das äußere Erscheinungsbild der freigelegten Südwest-Fassade charakteristische asymmetrische hölzerne Giebeldreieck der Synagoge ist keineswegs einmalig in Erfurt, sondern findet sich in Varianten im Bereich der Erfurter Altstadt, beispielsweise an der Barfüßer Kirche oder weit weniger hochragend an einem Haus in der Marstallstraße / Lange Brücke.

Die auf einer alten Karte zu sehende zugespitzte Form findet sich wieder auf der restaurierten Fassade der Synagoge:

Zusammengefasst deutet trotz aller Rekonstruktionsversuche in den letzten zwanzig Jahren nichts darauf hin, dass es sich bei der beworbenen „Alten Synagoge“ in Erfurt tatsächlich um den auf den Fundamenten einer mittelalterlichen Synagoge errichteten Nachfolgebau oder gar um die älteste erhaltene Synagoge, ob nun der Stadt, Deutschlands oder Europas handelt.

Dass es bis ins 15. Jahrhundert eine bedeutende mittelalterliche jüdische Gemeinde gab, steht außer Zweifel ebenso wie die Notwendigkeit diese im Kontext der Fakten zur Stadtgeschichte angemessen zu würdigen. Ohne Zweifel wäre es durchaus wünschenswert, könnte man möglichst viele originale Zeugnisse mittelalterlichen Judentums entdecken und bewahren.

Im Abstand von 660 Jahren ist es fragwürdig, ein ohne Zweifel mehrfach erheblich umgebautes Gebäude, das nur phasenweise originale Bausubstanz, dafür aber jede Menge Spuren seiner weiteren Geschichte enthält, „pars pro toto“ umzudeuten, als gelte es im Sinne von Aristoteles ein „Ergon“ zu finden, um auf „auf gut Glück“ an eine Ortsgeschichte zu erinnern, die nun aber am gezeigten Schauplatz in dieser Form sehr wahrscheinlich nie bestanden hat.

Auch wenn die Intention anhand der eigenen Stadtgeschichte mehr als nur Allgemeinplätze  des Judentums (das 1350 ein anderes ist als heute) zu vermitteln (wozu eine Edition „Erfurter“ hebräischer Schriften durchaus geeigneter wäre)„positiv“ zu werten ist, ist dies im Grunde doch bloße Science Fiction. Daran ändert weder die (mehrfach) ausgezeichnete Präsentation (etwa eine Auszeichnung für das einheitliche Design der Bücher und Prospekte zu den jüdischen Orten der Stadt oder ein „European Tourism Award“ der British Guild of Travel Writers, …), noch eine Bewerbung als „Weltkulturerbe“.

* * *

Although the British Guild of Travel Writers in 2011 has awarded the Old Synagogue of Erfurt with its “European Tourism Award” it most likely rather refers to a successful tourism concept than to historical facts. The building is regarded and promoted as “oldest synagogue of Europe”, but of course was not used as synagogue during the last 663 years and is no synagogue today. Furthermore there hardly is anything what may indicate that it was an ancient synagogue at all. The orientation of an ancient synagogue in medieval times was toward Jerusalem. Only in more recent times, mistaken by a North African “Mizrakh”, a mere eastern orientation was regarded as sufficient, altough it made no sense in Central or Northern Europe. The building in Erfurt however only to some degree orientates towards south-eastern direction, but clearly not towards Jerusalem, but only towards Laibach, south Italian Brindisi or finally towards East Libya, Sudan and finally Kampala, capital of Uganda. Although the building unquestionable is pretty old it also was converted, rebuilt and reconstructed time and again, so that already in 1868 Mr. Adolph Jaraczewsky, rabbi of Erfurt from 1862 until 1879, said in his “History of the Jews in Erfurt”: “unfortunately the manifold constructions at the interior of the building in the course of centuries have varied so much so that it is not possible to see which sections it may had in the times it was used for (religious) services. Also the new promoters of the building as synagogue admit that the outline (of the building) in Erfurt differs exceptionally from all other known (contemporary) synagogue buildings and that the reason for this until now is still “unclear”. According to the law of parsimony one rather simple reason to answer the question maybe was that it never was a synagogue.

Local tradition examined more closely shows a number of contradictions. The popular version has it that in spring 1349 a mob attacked the Jews in Erfurt and killed all or at least most of them. With that the old synagogue ceased to be the center of Erfurt’s Jewry. When a couple of years later they returned to Erfurt the municipality financed a new synagogue for the Jews, while the old one passed into “private” ownership, whatever this could have meant in mid-fourteenth century. However, the newly built second synagogue was depicted in a handwritten chronicle and was used by the Jewish community of Erfurt until their expulsion from the city in 1458. Some twenty years later, the building was converted into a church. After the conflagration of 1736 the remnants of the church were pulled down, so that there is no leftover from the second synagogue.

Another version says that the Jews resisted the attackers so that they set the Jewish houses on fire. However in 1357 a number of Jewish leaders returned to Erfurt from neighboring towns like Arnstadt and rehired their former property within the city, thus also the old synagogue which laid waste for some years. The synagogue in this version was refurbished.

Since there is no reasonable indication for a synagogue in this building, it is entirely possible that the old synagogue of Erfurt damaged in 1349 and afterwards was used until 1458 and converted into a church in 1479 was a quite different building than the one which today is promoted as “oldest synagogue” of Europe. Since the building however wasn’t used as a synagogue for 660 years anyway it would not matter anyway, but if the intention is to provide some pieces of genuine history it of course is appropriate to go better without science fiction or wishful thinking.        

בארפורט יש בית הכנסת העתיק ביותר באירופה. זה מה שהם אומרים

אבל יש רק הוכחה קטנה והרבה וחשיבה חיובית

* * *

A Erfurt, nella capitale est-tedesca della Turingia, si trova la più antica sinagoga europea. Questo è ciò che si dice. Anche se vi è solo una prova molto poco, hanno un sacco di pensiero positivo e concetti di marketing buoni. Forse sufficienti per guadagnare Patrimonio dell’umanità premio di UNESCO …


Rabbiner von Augsburg: der Maharil

July 14, 2009

Rabbi Jakob ben Mosche Ha-Levi wurde 1365 geboren und war in Mainz Schüler seines Vaters Rabbi Mosche Molin, der in zumindest in der Zeit zwischen 1364 und 1368 Rabbiner in Augsburg war und dort in den städtischen Steuerlisten als “Meister Molin” verzeichnet ist. Es ist deshalb plausibel anzunehmen, dass sein Sohn nicht wie allgemein vermutet in Mainz, sondern in Augsburg geboren wurde. Rabbi Jakob lernte auch bei Rabbi Schalom ben Jitzchak in Wien Neustadt und war selbst in den Jahren 1412-1414 wie bereits sein Vater als Rabbiner in Augsburg, wo er als “Rabbi Jakob” verzeichnet ist.

Bekannt ist er unter dem Akronym maharil, was abgekürzt steht für “morenu haraw raw jakow levi” (unser Lehrer der verehrte Rabbiner Jakob Levi”) und für sein Hauptwerk “Sefer Minhagim” (Buch der Bräuche), das gelegentlich nach ihm auch “Sefer ha Maharil” genannt wurde, welches eine wesentliche und oft zitierte Grundlage für den Kommentar “HaMapa” von Mosche Isserles zum “Schulchan Aruch” des Josef Caro bildete. Der Maharil gilt als einer der herausragendsten jüdischen Gelehrten des ausgehenden Mittelalters und wurde auch als Chazan (Vorsänger) berühmt. Eine Anzahl heute noch gebräuchlicher Melodien aus dem Gottesdienst geht auf ihn zurück. Allgemein volkstümlich geworden ist sein Beharren, die bestehenden Ordnungen in Mainz unverändert zu lassen: “Mainz bleibt Mainz“.

Der bedeutendste der zahlreichen Schüler des Maharil war Rabbi Jakob ben Jehuda Weil (MaHaRiW), der ihm nachfolgte und Augsburgs letzter bedeutender Rabbiner war.

Rabbi Mosche ben Jakow Ha-Levi Molin, der MaHaRIL

Rabbi Mosche ben Jakow Ha-Levi Molin, der MaHaRIL

 

Rabbi Moshe ben Jacob Ha-Levi was born in 1365, and was a student of his father Rabbi Moshe Molin in Mainz (Mayence), who at least between 1364 to 1368 was rabbi in Augsburg where he is listed in the municipal tax book as a “Meister Molin”. It therefore is plausible to assume that his son was not born in Mainz, as commonly assumed, but rather in Augsburg. Rabbi Jacob also learned with Rabbi Shalom ben Yitzchak in Vienna Neustadt. In the years 1412-1414 as his father he was Rabbi of Augsburg, where he is noticed as “Rabbi Jacob” in the tax payer list.  
He is known by the acronym MaHaRIL, which is abbreviated for “raw morenu haraw Yakov levi” (our dear teacher Rabbi Jacob Levi) and his main work “Sefer Minhagim” (Book of Customs), which is occasionally referred to him as “Sefer ha Maharil”, which is an essential and often-cited basis for the comment “HaMapa” by Moshe Isserles to the “Shulchan Aruch” of Joseph Caro. The Maharil is regarded as one of the greatest Jewish scholars of the late Middle Ages and also was considered as a famous Chazan (precentor). A number of still common melodies go back to him.

                                                                                    
The most important of the many disciples of the Maharil was Rabbi Jacob ben Yehuda Weil (MaHaRiW), who himself follow him to be the last significant rabbi of Augsburg.


Rabbiner von Augsburg: der MaHaRaM

June 24, 2009

Der MaHaRaM (Morenou HaRav Meïr) Meir bar Baruch (- ר מאיר בר ברוך  -) wurde 1215 als Sohn von Rabbi Baruch in Worms geboren und studierte in Wien, Augsburg, Würzburg und hernach u.a. bei Rabbi Jechiel ben Josef in Paris. Dort wurde er Zeuge von Angriffen gegen Juden und Verbrennungen des Talmuds, doch es gelang ihm im Jahr 1242 zu entkommen und ein kostbares Exemplar des Buches aus Paris zu retten.

Meir erwarb sich schnell einen bedeutenden Ruf als Tosafist und gelehrsamer Rabbiner der bedeutendsten deutschen Gemeinden seiner Zeit, darunter Nürnberg, Würzburg, Worms, Mainz und Augsburg. In die allgemeine Geschichte eingegangen ist er freilich als Rabbi Meir von Rothenburg.

Im Jahre 1283 reagierte Rabbi Meir auf die drückende Besteuerung und sich wiederholende Anschuldigungen über sog. Schändungen von Hostien (lat. „Schlachtopfer“) mit einem Appell an alle Juden des Landes, ins Land Israel auszuwandern – mehr als sechshundert Jahre vor Theodor Herzl. Mit seiner Familie und zahlreichen Anhang machte er sich auf den Weg, wurde aber verraten und am 4. Tammus 5047 (= 1286) gekidnapped – das Datum jährt sich übermorgen zum 723. mal. Die Steuereinnahmen der Juden wollten sich die Herrscher nicht entgehen lassen. Für die Freilassung des Rabbiners versuchten Bischöfe und Kaiser die (bei einer jährlichen Kopfsteuer von einem Gulden) damals unfassliche Summe von 30.000 Gulden zu erpressen, doch Rabbi Meir weigerte sich dies zu akzeptieren, um keinen Präzedenzfall zu schaffen und verbot seiner Familie und Anhängern, Geld für diesen Zweck zu sammeln. So kam es, dass er in der Festung Ensisheim Jahre bis zu seinem Tod im Frühjahr 1293 als Gefangener verblieb. Dies trug ihn u.a. auch den Ehrentitel des Meor hage’ula – Licht des Exils – ein, neben Raschi und Rabbenu Gerschon der einzige Rabbiner, der so bezeichnet wurde. Erst Jahre nach seinem Tod durfte sein Leichnam auf dem Friedhof seiner Geburtsstatt Worms bestattet werden. Dort ist sein Grab heute noch Anziehungspunkt zahlreicher Pilger aus aller Welt, während Rothenburg vor allem touristisch für ihn wirbt.

Dass der MaHaRaM aber sowohl als Lernender wie auch als bedeutsamer Lehrender in Augsburg weilte, ist in Augsburg selbst seit Jahrhunderten kein Thema gewesen, …

Kein Platz, keine Tafel erinnert an ihn …

 

מהר"ם - Meir bar Baruch - Rabbi of Augsburg

מהר"ם - Meir bar Baruch - Rabbi of Augsburg

Meir bar Baruch, the Maharam, Augsburg’s major Rabbi his expertises still  are of high relevance to advanced students of Talmud-Torah and mediaeval history as well.


The Angel of Dead

October 31, 2008

A sort of solitude

 

Caused me to listen

To an unheard voice

 

The language of stones

Whispered illegible

Invisible, thrice

 

Stoned silence

Yells in the air

Each letter a siren

 

The fragments of life

Shattered in the mud

Faded dim-light stories

Of three flower buds

 

 

 

The Dead

They have chosen me

The Dead

They’ve singled me out

From the Living

To be

 

To be

their speaker

their messenger

their angel

 

Each of them

Is telling me

History

To be told

The Rabbis, the babies

The young and the old

 

Tell them

They say

Tell them:

I was someone

 

Tell them

They dun me

To tell you:

There has never been

Another time

 

The Dead do not praise

Neither the voiceless*

 

So I speak

Their plain speech of desire

So I speak words of wisdom

Although their voice

Never will be mine

 

Everything

I am speaking of

I am not

 

Since I am still alive

I am nothing

 

Even tough I speak

Because I speak

 

My hands are tied

My tongue is tired

 

 

————————————– 

(Yehuda Schenef,

 dedicated to the Deads of Kriegshaber, Pfersee and Steppach at the Jewish Cemetery of Kriegshaber,

7th of Av 5768 )

 

(* Psalm 115.17)