Mai 1972: Terror in Augsburg

May 3, 2012

Am Freitag, den 12. Mai 1972 detonierten um 12.15 Uhr auf zwei Büroschränken im damaligen Augsburger Polizeipräsidium an der Prinzregentenstraße „zwei Stahlrohr-Sprengkörper mit Batterie und Uhrwerk“ der „Roten Armee Fraktion“, wobei fünf Polizisten z.T. schwer verletzt wurden. Die Decke zum vierten Stockwerk wurde zerschlagen. Zur Tat bekannte sich ein „Kommando Tommy Weisbecker“.  Stunden später gab es einen weiteren Anschlag auf das Landeskriminalamt in München, in den Tagen davor und danach eine Serie weitere Terrorakte der RAF. Wenige Monate vor den Olympischen Spielen in München erlebte Deutschland einen „blutigen Mai“ mit 4 Toten und zahlreichen Verstümmelten.

Thomas Weisbecker (1949-1972) war der Sohn von Ludwig Weisbecker (1915-1979), der als Jude u.a. im Konzentrationslager Buchenwald interniert war, während Thomas Großvater Louis in Auschwitz und Mauthausen gefangen gehalten wurde. Ludwig Weisbecker wurde in der Nachkriegszeit Doktor und Professor der Medizin und war von 1969 bis 1970 darüber hinaus auch Rektor der Christian-Albrecht-Universität in Kiel. Thomas Weisbecker‘s Mutter war Christin und so wurde er entsprechend auch christlich erzogen. Die Familie zog zunächst von Freiburg nach Karlsruhe und zu Beginn der 1960er Jahre nach Kiel. 1967 ging er zurück nach Karlsruhe, schloss sich dort einer „sozialistischen Schülergruppe“ an. Im Jahr darauf bestand er sein Abitur und begann sein Studium in Frankfurt. Um der Einberufung zur Bundeswehr zu entgehen, übersiedelte er sodann jedoch nach West-Berlin. Dort gelangte er allmählich in linksextreme Kreise im Umfeld der entstehenden RAF, in welchem es Anschläge auf Einzelpersonen, Kaufhäuser, usw. gab. Im Februar 1970 griff Weisbecker mit einem Mitstreiter einen Journalisten tätlich an. Einige Monate später wurde er verhaftet. Da sich die Angeklagten etwas ähnlich gesehen haben sollen, entkamen sie aus dem Gericht, wonach er untertauchte und sich sodann der RAF anschloss. Abgesehen von der Prügelei mit dem Journalisten und seiner Flucht aus dem Gericht hatte er offenbar keine weiteren Straftaten begangen – ehe er als Bewohner einer konspirativen Wohnung in das Visier der Staatsschützer geriet, wo er zumindest seit Februar 1972 in der Georgenstraße 14, heute das Pfarrheim „Haus Augustinus“ neben der Kirche St. Georg eine sog. „konspirative Wohnung“ angemietet hatte. St. Georg war in früherer Zeit auch die Hauskirche der Augsburger Mozarts wie auch des späteren französischen Kaisers Napoleon III (1808-1873).

Die Wohnung  wurde bereits seit Wochen observiert, als Weisbecker sie am 2. März gemeinsam mit seiner Kollegin verließ und mit ihr zum Thalia Hotel / Restaurant (obwohl das Lokal noch als Cafe besteht, heute vor allem wegen des Thalia Kinos bekannt) am Obstmarkt / Karlstraße fuhr. Als die Observierten das Thalia wieder verließen, erfolgte der Zugriff der Beamten einer Sonderkommission des bayerischen Kriminalamtes, der offensichtlich misslang. Dabei wurde Thomas Weisbecker durch einen Schuss in die Herz-Gegend tödlich verwundet. Die Beamten fühlten sich dem Vernehmen nach bedroht und rechneten damit, dass Weisbecker auf sie schießen konnte. Unstrittig ist, dass er eine Waffe bei sich trug, umstritten ist hingegen, ob er sie zog oder ziehen wollte oder dazu keine Gelegenheit hatte. Während die Behörden von „Notwehr“ ausgingen, erklärte die RAF und Sympathisanten er sei „absichtlich“ erschossen worden. Eine Absicht ihn zu verhaften habe überhaupt nicht bestanden. Augenzeugen verneinen einen anfangs in der Presse gemeldeten Schusswechsel. Die von Weisbecker‘s Mutter initiierte „unabhängige Untersuchung“ der Todesumstände ihres Sohnes wurde seitens der Staatsanwaltschaft abgelehnt.

Thomas Weisbecker starb 23jährig als jüdischer Nachkomme am Scheitelpunkt des mittelalterlichen jüdischen Viertels welches sich über die Karlstraße (der früheren Judengasse) und dem Obstmarkt (dem früheren Forchenmarkt) erstreckte, etwa an der Stelle wo man durch das frühere Stadttor (dargestellt auf den ersten Stadtsiegeln) von der Bischofsstadt zum Judenviertel und damit zur Bürgerstadt gelangte.

Weisbeckers Komplizin Carmen Roll wurde verhaftet, wegen Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe verurteilt aber 1976 aus der Haft entlassen. Wohl um Weisbecker zu „rächen“ verübte jenes nach ihm benannte „Kommando“ den Sprengstoffanschlag auf das Polizeipräsidium in der Prinzregentenstraße. Gleich nebenan befand sich in der Zeit der Nationalsozialsten die Zentrale der „Gestapo“, der „Geheimen Staatspolizei“. Das Polizeipräsidium existiert nicht mehr im Gebäude, das vollständig der AOK überlassen wurde. In Berlin hingegen wurde 1973 das heute noch bestehende „Thomas Weisbecker Haus“ eingerichtet, wo ein „Wohnkollektiv für Jugendliche und junge Erwachsene“ besteht.

www.tommyhaus.org 

Den „Tathergang“ schildern auch Flugblätter, die aus dem Jahre 1972 stammen sollen und inzwischen zumindest in Berlin „Ausstellungstücke“ sind. Eines titelt „Mord an Weisbecker“ und stammt von einem selbst ernannten „Ermittlungsausschuss ‚Rote Hilfe‘“ (1972) dessen „Ermittler“ jedoch anonym bleiben wollten.

Hier wesentliche Auszüge daraus, die ausführlich zum Geschehen und den Schauplätzen Bezug nehmen und – wenngleich auch offenkundig sehr subjektiv gefärbt – doch eine Reihe von ansonsten inzwischen verlorenen Details wiedergeben:

1. Die Vorgeschichte:

Am Rosenmontag mieten sich dreizehn Kriminalbeamte, zusammengesetzt aus Mitgliedern der Sicherungsgruppe Bonn, des Verfassungsschutzes und des Landeskriminalamtes Bayern im „Augsburger Hof“ ein, die sich als Versicherungsvertreter ausgeben. In den folgenden Wochen beobachten sie eine Wohnung im Augsburger Zentrum von der Sakristei einer gegenüberliegenden Kirche. Die Bundespost leistet Amtshilfe und richtet dort einen gemeinsamen Telefonanschluss ein, über den die Beamten mit dem Polizeifunk verbunden sind.

Die Arbeit der Beamten bleibt kein Geheimnis; eine ganze Reihe von Journalisten und andere Bewohner der Stadt wissen von der Anwesenheit der Beamten, wissen sogar, welches Haus sie beobachten, und wissen und ahnen warum. Als ein Reporter der Augsburger Allgemeinen einen Abend lang den Polizeiautos folgt (Privatwagen mit Kennzeichen aus Nürnberg, München und Mainz), werden einige davon um gespritzt und die Kennzeichen verändert.

2. Der Mord:

Am Donnerstag, den 2. März, kommen die Genossen Thomas Weisbecker und Carmen Roll morgens in Augsburg an und bleiben dort kurze Zeit. Gegen 13.00 Uhr fahren sie in die Innenstadt und parken ihr Auto im Hohen Weg, einer belebten Hauptstraße, vor den Stadtwerken.

Hier beginnen die Lügen der Polizei: sie verfälschen systematisch die Zeitabfolge, um die lange Vorbereitung und genaue Planung der Mordsituation zu verheimlichen. So gaukelt sie der Öffentlichkeit vor (und die bürgerliche Presse fällt prompt darauf rein), Thomas und Carmen hätten sich nur kurze Zeit im Hotel und Restaurant Thalia am Obstmarkt aufgehalten, während sie tatsächlich etwa eine halbe Stunde in der Pizzeria des Gebäudes zu Mittag aßen.

Denn in dieser Zeit bauten die Bullen ein dichtes Netz MP-bewaffneter ziviler und uniformierter Polizisten zwischen dem Standort des Autos und der Pizzeria auf.

Die nun folgende Situation war keine „sich zufällig ergebende“ Gelegenheit, zwei verdächtige Personen zu überprüfen (wie vor allem die lokale Presse berichtete), sondern eine sorgfältig geplante Mordfalle.

Als Carmen und Thomas aus dem Restaurant traten, trennten sie sich. Carmen geht nach links den Obstmarkt hinauf, Thomas nach rechts auf den Hohen Weg zu. Die folgende Szene spielt sich nach Polizeiversion wie folgt ab: „Zwei Beamte gingen auf Thomas Weisbecker … zu und wollten ihn festnehmen. Trotz der Aufforderung der Beamten „Hände hoch und ziehen Sie keine Waffe“, griff Thomas Weisbecker zu seiner im Hosenbund steckenden Waffe. Einer der Beamten riss seine Pistole hoch und drückte ab. Thomas Weisbecker brach auf dem Gehsteig zusammen. Sekunden nach dem Schuss traf im Augsburger Polizeipräsidium ein Funkspruch des Landeskriminalamts ein: „Achtung! LKA! Sofort in die Frauentorstraße 37 kommen! Schicken Sie Rotkreuzwagen mit Richtung Dom. Ein Mann bei Schießerei verletzt. (Augsburger Allgemein Zeitung 3.3.72)

Was geschah wirklich?

Als Thomas in den Hohen Weg einbiegt und etwa 25 m auf sein Auto zugegangen ist, stellen sich ihm nach Zeugenaussagen ein uniformierter und ein ziviler Polizist mit Maschinenpistolen im Anschlag in den Weg. Es bleibt unklar ob sie ihn angesprochen …(haben)…

 

Hier endet das veröffentlichte Flugblatt leider, ein anderes, wohl ursprünglicheres, das gleichfalls von der „Roten Hilfe“ (No. 2, März 72) stammt, schildert den „Tathergang“ jedoch ebenfalls – nehmen wir an, in etwa übereinstimmend mit der verkürzten Nachbearbeitung:

 

Tommi Weisbecker treten auf dem Weg zum Auto zwei Zivilbeamte entgegen. Das nun folgende wird durch widersprüchliche und z.T. offensichtlich unwahre Presserklärungen und Polizeiberichte verschleiert.

Man will uns glauben machen:

1. Die Polizeibeamten hätten a) nach seinem Ausweis gefragt, b) hätten gerufen: Hände hoch, nicht schießen, c) hätten gerufen: Hände hoch stehen bleiben, Finger von der Waffe.

2. Tommi Weisbecker hätte daraufhin a) plötzlich eine Pistole in der Hand gehabt und versucht, sie auf den Polizisten zu richten, b) eine Pistole in der Tasche (Hosenbund), c) versucht eine Pistole aus der Tasche zu ziehen, d) plötzlich mit der Hand eine Bewegung zur Hüfte gemacht

3. Der Schütze hätte dann blitzschnell seine Pistole gezogen und geschossen.

Thomas wird getroffen und fällt nach hinten. Ein Amateurfotograf steht 5 m von Tommi entfernt, hört den Schuss, dreht sich um und knipst. Auf dem Foto sieht man einen uniformierten Polizisten, die Maschinenpistole im Anschlag auf den am Boden liegenden Tommi gerichtet. Der Fotograf berichtet dazu, dass links neben dem Uniformierten ein Zivilist ebenfalls mit einer (Waffe) im Anschlag stand und ihn wegen des Fotografierens bedrohte.

Zeugen berichten, dass die plötzlich zahlreich anwesenden Beamten ihre kugelsicheren Westen auszogen und sich weiße (?) Armbinden als Erkennungszeichen überstreiften. Zeugen berichten, dass das vor dem Audi quergestellte Polizeifahrzeug mit quietschenden Reifen davon fährt. Nach Zeugenaussagen wird unter Tommis Körper eine Pistole hervorgezogen.“

Das kleine, eher pixelige Schwarzweißfoto, dass erkennbar an der Ecke Hoher Weg mit Blick auf das Eckhaus Karolinenstraße und Schmiedberg aufgenommen wurde, lässt nicht wirklich darauf schließen, ob der von hinten gezeigte Polizist neben dem Niedergestreckten tatsächlich mit einer MP bewaffnet ist. Seine Körperhaltung schließt diese Möglichkeit nicht aus, aber die Waffe selbst wäre nicht zu sehen.

Im Anschluss werden seitens der anonymen Verfasser des Flugblatts, die sich sichtlich um eine Art „polizeitechnisches Vokabular“ bemühen („Tathergang“, „Waffe im Anschlag“, etc.)  einige (mitunter suggestive) Fragen gestellt, etwa wie lange ein mit Schutzweste ausgestatteter Beamter denn eigentlich brauche um einzuschätzen, dass für ihn eine Notwehrsituation vorläge. Warum die Polizei verschweige, dass Weisbecker nicht mit einer Pistole, sondern mit einer MP erschossen worden sei (hatten die Schreiber des Flugblatts die Obduktion vorgenommen?). Eine andere Frage war, wie nun eigentlich der Krankenwagen so schnell vor Ort sein konnte und es wird zugleich geargwöhnt, ob dieser möglicherweise schon „bereitgestellt“ worden sei.  Abgesehen davon, dass dies der andererseits behaupteten Tötungsabsicht widersprechen würde, ist die Lösung des „Problems“ wohl darin zu finden, dass zur damaligen Zeit eine Rettungsstation des Roten Kreuzes (sozusagen einer Art „Roter Hilfe“ im anderen Sinne) in der nahegelegenen Straße „Auf dem Kreuz“ bestand. Die räumliche Distanz betrug nur etwa 700 m, weshalb die reine Fahrzeit bei  50 – 60 km/h im Bereich von 1-2 Minuten läge. Wir können voraussetzen, dass mehr oder minder einsatzbereite Rettungskräfte auf Abruf bereit waren. Weniger einfach ist die Frage zu beantworten, was verborgen werden soll, wenn Fotografen, die das Tatgeschehen auf Bildern festhielten, die Filme abgenommen und sie bedroht werden. Zumindest eines der Fotos ist jedoch doch veröffentlicht worden. Der von den Zeitungen zunächst berichtete „Schusswechsel“ habe nicht stattgefunden, was später auch offiziell eingeräumt wurde. Strittig ist auch die Mitteilung, dass Weisbecker offenbar im Hotel eine größere Summe Geld entgegengenommen haben soll.

Das Flugblatt widerspricht im weiteren noch der öffentlichen Darstellung, dass Weisbecker eine halbe Stunde nach dem Schuss im Krankenhaus gestorben sei. Wahr hingegen sei, dass „Tommi“ bereits zehn Minuten nach dem Schuss auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben sei.

Die Anschlagserie der verschiedenen RAF-Kommandos stellte einen ersten Höhepunkt des RAF-Terrors dar. Doch schon wenige Wochen später wurden die prominentesten Mitglieder der Organisation verhaftet: Andreas Baader, Jan-Carl-Raspe und Holger Meins am ersten Juni 1972 in Frankfurt am Main, wenige Tage später Gudrun Enslin in Hamburg und Brigitte Mohnhaupt in Berlin. Am 15. Juni schließlich auch Ulrike Meinhof und Gerhard Müller in Hannover.

Welches Interesse hatte die „Rote Armee Fraktion“ nun daran, im sicher eher beschaulichen Augsburger Georgsviertel eine „konspirative Wohnung“ einzurichten? Zusammen mit München (und Kiel!) war Augsburg 1972 Austragungsort der XX. Olympischen Sommerspiele. Bekanntlich kooperierte die RAF eng mit palästinensischen Terrororganisationen, die in den Jahren zuvor Andreas Baader und andere Terroristen der RAF paramilitärisch ausbildeten. Im September 1972 drangen u.a. von Gaddafi finanzierte arabische Terroristen bekanntlich in die Räume israelischer Sportler und Trainer ein. Sie  überfielen die Schlafenden mit rohrer Gewalt und nahmen sie als Geißeln. Auf diese Weise sollten in Israel inhaftierte Terroristen freigepresst werden, jedoch sollten dabei auch die deutschen RAF-Terroristen Andreas Baader (1943-1977) und Ulrike Meinhof (1934-1976) freikommen. Das folgende Massaker der Palästinenser an den gefesselten israelischen Athleten wurde seitens der RAF bejubelt.

Bereits zu Beginn des Jahres 1970, zwei Jahre vor der Gefangennahme und Ermordung israelischer Sportler bei den olympischen Sommerspielen in München, gerieten jüdische Einrichtungen und „Ziele“ in München und Deutschland ins Visier arabischer Terroristen. Am 10. Februar 1970 attackierten drei bewaffnete Palästinenser am Münchner Flughafen Riem einen Flughafen-Bus und den Wartebereich der israelischen Fluglinie EL AL. Beim Versuch die Boeing 707 in ihre Gewalt zu bringen und die israelischen Passagiere als Geiseln zu nehmen wird ein Israeli getötet, neun weitere Personen werden verletzt.

Nur drei Tage später am Abend des 13. Februar 1970 sterben bei einem Brand im Altenheim des jüdischen Gemeindezentrums in der Münchner Reichenbachstraße sieben ältere Heimbewohner, während in der im selben Gebäudekomplex befindlichen Synagoge das Abendgebet gesprochen wird. Die Polizei ging von Brandstiftung aus. Obwohl die Behörden eine Belohnung von 50.000 D-Mark aussetzten, wurden die Täter bis heute nicht ermittelt, jedoch stehen jüdische Einrichtungen (nicht nur) in München seitdem unter Polizeischutz.

Eine Woche später, am 21. Februar 1970 verüben arabische Terroristen erneut Terroranschläge auf jüdische „Ziele“. Mittels Zeitzündern kommt es an Bord zweier Maschinen zu Explosionen. Ein österreichisches Flugzeug unterwegs von Frankfurt am Main, das Post nach Tel Aviv bringen soll, kann glücklicherweise sicher nach Frankfurt zurückkehren, obwohl eine Bombe 20 Minuten nach dem Abheben ein großes Loch in den Rumpf sprengte. Anders ergeht es dem Swissair Flug 330, als zehn Minuten nach dem Start am internationalen Flughafen Kloten bei Zürich im Gepäckraum eine Zeitzünder-Bombe explodiert. Die Maschine stürtzt nach vergeblichen Landemanövern bei Würenlingen im schweizerischen Aargau ab. Alle 47 Insassen der Maschine kommen ums Leben. Noch am selben Abend bekannte sich die „marxistische“ PLO-Untergruppe PFLP von George Habash (1926-2008) zu beiden Anschlägen. In der Folge verschärfen europäische Flughäfen ihre zuvor kaum vorhandenen Sicherheitskontrollen.

Im Juni 1970 wurde die Synagoge im Gemeindezentrum der Münchner Reichenbachstraße überfallen, wo ein viertel Jahr zuvor sieben Menschen bei einem unaufgeklärten Brandanschlag starben. Dabei wurden mehrere Einrichtungsgegenstände beschädigt und eine Thorarolle geschändet. Der Vorsitzende Hans Lamm bezeichnet den Überfall als „erneuten Akt des Antisemitismus“.

Es ist möglich, dass der konspirative Wohnaufenthalt der RAF-Terroristen in Augsburg einen Bezug zu den Olympischen Spielen hatte. Im Sommer 1971, nach etwa einjähriger Bauzeit wurde der Augsburger Eiskanal beim Hochablass fertig gestellt und ein erster internationaler Wettbewerb veranstaltet. Im Jahr darauf fanden dort die olympischen Wettkämpfe statt, die fast ausschließlich von Athleten der DDR oder der UDSSR gewonnen wurden. Da in Augsburg keine israelischen Sportler starteten, kann aber auch die Nähe Augsburgs zu München eine Rolle gespielt haben.

Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Weisbecker, http://www.tommyhaus.org/thomas-weisbecker.php, http://www.kulturhof.org/, http://www.spiegel.de/, Augsburger Allgemeine

On 12th of May in 1972, at police headquarters Prinzregentenstr. (two houses away from where Ernst Cramer grew up and lived with his family until the Nazi took power) at high noon two pipe bombs exploded, injuring seriously five police men and causing heavily damage. A so called “Commando Thomas Weisbecker” admitted responsibility. The day before, as well as some hours later and days after many other bomb attacks booby-trapped by the Rote Armee Fraktion (Red Army Fraction = RAF, also known as “Baader-Meinhof Bande”/gang).

Thomas Weisbecker however only two months earlier was shot by a special branch of the police. According to the authorities Weisbecker it was an act of self-defense, while supporters of the RAF claimed that he was killed deliberately and that there was no intention to seize him.

Weisbecker who was only 23 years old when he was shot in Augsburg was the son of Jewish professor of medicine Ludwig Weisbecker, who survived Buchenwald concentration camp and from 1969 to 1870 was principal of the University in the northern German town of Kiel. Thomas Weisbecker in his youth politically turned left and left for Western Berlin in order to avoid to be drafted for the Bundeswehr. There he became acquainted with people who afterwards formed the RAF. In 1970 he and a comrade attacked and basted a journalist and where arrested some time later. At the court the two accused managed to escape because there overall appearance was quite similar. Weisbecker now disappeared and went underground, probably becoming part of the RAF. In February 1972 he was subject of the observation of an apartment in Georgenstr. within the historical old city of Augsburg, contiguous to St. George Church, which in previous times knew steady visitors such as the Mozart family or Charles-Louis Bonaparte who later became emperor Napoleon III of France.

According to reports the apartment already was kept under surveillance some four weeks when on March 2nd Weisbecker and his comrade Carmen Roll left Georgenstr. to drive with a stolen car  to Thalia Hotel and Restaurant (today a cinema and coffeehouse by the same name) at Obstmarkt, where they had Pizza. Afterwards they separated. When Weisbecker was moving back to “his” car two police men addressed him. Few moments later Weisbecker lay shot on the street. A photographer who perchance was at the spot and had heard the shot just turned around and snapped a picture, which shows Weisbecker lying on the street and a police men before him. The incident took place next to the medieval Jewish quarter of Augsburg.

Weisbecker obviously was armed and had a gun, but it is rather controversial if he actually drew it or attempted to do so or not. However the fire exchange initially reported by the police and the local press actually did not take place. Weisbecker was hit by a gun bullet in the cardiac region – tough RAF sympathizer claim he was shot by a machine gun. However, although the ambulance from the nearby Red Cross rescue service arrived quickly Weisbecker died on the way to the hospital or soon after arriving there.

Although it is less likely to assume the Weisbecker was killed deliberately as claimed by the RAF, it is unclear why the police and intelligence service men tried to grasp him in the middle of a buy road anyway. As it turned out there was a use of firearms. Since the scene is close to Augsburg Cathedral as well as to the City Hall of Augsburg there was a rather high risk particularly to injure passerby. On the other hand it was much easier to seize Weisbecker at the doorway of  his house in Georgenstr, which is rather traffic-calmed. In the course of one month after the Augsburg bombing almost all prominent members of the RAF were arrested in Frankfurt, Hamburg or Berlin.

An open question is why the RAF had a conspiracy dwelling in Augsburg anyway? One somewhat plausible reason was to assume a context with the XX. Olympic Games in Munich whereby Augsburg herself was Olympic city and host of the canoe racing competitions. As is known in September 1972 Palestinian terrorists raided the lodgings of Israeli athletes and coaches in the middle of the night. They took the sportsmen as hostages in order to obtain the release of several terrorists interned in Israel, but also to obtain the release of Andreas Baader and Ulrike Meinhof from the RAF, who were arrested only a couple of months before. After the Olympic massacre of Fürstenfeldbruck the RAF applauded the action by their Arab friends. Maybe it is conceivable to consider the Augsburg activity of Weisbecker and his comrades with an early state of the planning.


Militärische Ehre für Oberst Carl von Obermayer

December 15, 2008

Im Rahmen unserer Bemühungen zur Erhaltung und Restauration des Jüdischen Friedhofs in Kriegshaber erhielten wir am 24. November hohen militärischen Besuch: Brigadegeneral Johann Berger, stellvertretender Befehlshaber der Deutschen Bundeswehr im Wehrbereich Süd erwies Oberst Carl von Obermayer die Ehre seines Besuches und zeigte sich bestürzt über den jämmerlichen Zustand der stark beschädigten Grabplatte, wie auch des desolaten Zustandes des Friedhofs Kriegshaber im Allgemeinen.

 

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Carl von Obermayer (1811 – 1889) gilt als der ranghöchste jüdische Soldat der Bayerischen Armee und kommandierte von 1862 bis 1869 die Augsburger Landwehr. Wie bereits sein Vater Isidor und sein Großvater Jakob Obermayer ist er am jüdischen Friedhof im heutigen Augsburger Stadtteil Kriegshaber begraben. Wie sie war auch er Bankier. Im Jahre 1803 gehörten die Obermayer neben dem Haus Westheimer & Straßburger und den in Kriegshaber altansässigen Ullmann zu den drei jüdischen Häusern, die nach der Gewährung gewaltiger Kreditsummen an die hoch verschuldete und die um ihre Unabhängigkeit gegenüber Bayern kämpfende Freie Reichsstadt Augsburg, dort ein bleibendes Aufenthaltsrecht erhielten. Freilich gegen massive Widerstände in der Augsburger Bürgerschaft, insbesondere der Kaufleute und unter absurd anmutenden Auflagen.  Dazu gehörte beispielsweise, dass sich die drei Bankierfamilien verpflichten mussten, „unter keinem Vorwand … sich mit anderen kaufmännischen Geschäften zu befassen, als mit dem Wechselverkehr, dem Juwelenhandel und der Handlung im Großen, deswegen es ihnen nicht erlaubt ist, einen offenen Laden zu halten“. Anders als etwa im mittelalterlichen Augsburger Stadtrecht von 1276 und all seinen späteren Zusätzen wurde den Juden nun jeder andere als der Gelderwerb in der Stadt verboten. Die Ausübung ihrer Religion erlaubte der Magistrat hingegen, „wenn sie ihre Religionsübungen innerhalb ihrer Wohnungen etc. halten wollen“. Das erste Wohnhaus der Obermayer war am Obstmarkt wo im Mittelalter auch ein jüdische Wohnviertel bestand. Dort richteten die Obermayer später auch das erste inoffizielle Bethaus der Neuzeit ein, ehe in den 1860er Jahren ein Haus in der Wintergasse für diesen Zweck angekauft und umgebaut wurde.

Carl wurde 1811 als Sohn von Isidor Obermayer, einem Mitbegründer der 1834 auf Initiative König Ludwig I. ins Leben gerufenen Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank (heue Bayerische Hypo- und Vereinsbank), in Augsburg geboren. Ab 1846 war Carl Obermayer Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg. Von 1853 bis 1867 war er der Vorsitzender der langsam aber stetig wachsenden Jüdischen Gemeinde und somit auch erster Vorsitzender der 1861 formal gegründeten Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg. Seiner weiteren sozialen Verantwortung in Augsburg kam er als Mitbegründer einer Suppenküche für Bedürftige und eines Vereins zur Integration von Strafentlassen wie auch der Etablierung der ersten Freiwilligen Feuerwehr in Bayern. Da ihm im Gegenzug untersagt wurde, den 1869 vom württembergischen König Karl I. verliehenen Adelstitel „von“ auch in Bayern zu führen, verlegte Carl von Obermayer seinen Wohnort nach Wien, wo er am 13. Januar 1889 verstarb. Seine Beisetzung fand jedoch Jüdischen Friedhof Kriegshaber im Obermayer‘schen Familienensemble statt. Die meisten Gräber des Ensembles, dass wir erst im letzten Oktober mühsam und sorgfältig freigelegt hatten, sind heute freilich zerstört oder grob beschädigt. Vom Grabmal Jakob Obermayers ist nur noch der Grundstein erhalten, von Isidor Obermayers Grabmonument ist nur eine kleine, kaum noch lesbare Platte erhalten, während die Grabplatte von Oberst Obermayer mehrfach zerschlagen ist.

 

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(General Berger, Hr. u. Fr. Delles, Margit Hummel, Yehuda Schenef)

Wir hoffen sehr, dass es uns mit vereinten Anstrengungen gelingen wird, dass Andenken an diese herausragenden Persönlichkeiten der Augsburger Stadtgeschichte zu bewahren und die Grabmale der Obermayer zu restaurieren.

 

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Wir bedanken uns deshalb sehr herzlich bei Herrn General Berger für seinen Besuch und seine Bereitschaft, unsere Anliegen zu unterstützen. Unserer besonderer Dank gilt auch Herrn und Frau Delles, die den hohen militärischen Besuch im winterlichen Kriegshaber ermöglichten.

 

(Photos: (c) JHVA: Jakow Samoylovych, Yehuda Schenef)


Ghetto oder Eruw?

July 18, 2007

Synagoge Ner Tamid

Ghetto oder Eruw?

Ein weit verbreitetes Missverständnis über das Leben der Juden im mittelalterlichen Europa und insbesondere in Deutschland betrifft das sog. jüdische Ghetto, in welchem Juden abgeschlossen inmitten einer Stadtgemeinde lebten. Dies wird in der Regel so gedeutet, dass auf diese Weise sie als gerade eben noch geduldete Fremdlinge den größten Teil ihres Daseins eingepfercht in engen Gassen hausten, ihre Zeit mit dem Backen von staubtrockenen Matzen oder Schächten verbrachten und sehnsüchtig darauf warteten, bis ein edler Christ bei ihnen an die Türe klopfte um einen natürlich überteuerten Kredit aufzunehmen, den er zinsfrei nicht bekommen konnte. Dieses Grundmuster wird natürlich bei toleranten Gemütern durchaus moderater gesehen und so manche Eigenschaft, die den Juden negativ anhaften soll, wird gerne „mit dem Ghetto“ entschuldigt, auch bei liberalen Juden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die häufiger davon sprachen, den Staub des Ghettos abschütteln zu wollen. Wie so vieles was mit der Wahrnehmung von Juden zu tun hat, ist aber auch der Begriff des Ghettos letztlich ein aus einem Missverständnis selbstständig gewordenes Klischee, das nur wegen der neuzeitlichen Aufbereitung des Begriffs durch die Nazis (Warschauer Ghetto, etc.) seine Wucht nicht verloren hat.

Der geläufigen Ansicht nach stammt der Begriff Ghetto aus Venedig und bezeichnete um das Jahr 1520 dort zunächst die im Stadtteil Cannaregio gelegene Gießerei. Manchmal wird dies sogar so aufgefasst, dass das Wort „Gießerei“ hieße, doch das wäre eindeutig die fonderia. Das Wort getto (im venezianischen Dialekt ghetto, das „h“ verhindert eine Aussprache als dschetto) bedeutet werfen, weshalb nun vermutet wurde, dass bei der Gießerei Abfälle (als „wegwerfen oder „Strahl“ gedeutet) entstanden und man deshalb das Gebiet drum herum so benannt haben soll, was jedoch nicht so recht überzeugt. Einer anderen Ableitung nach soll der Begriff jedoch von „borghetto“ stammen, was „kleines Dorf“ oder „Städtchen“ heißen sollte. Die Aussprache sei demnach durch, aus deutschen Gebieten zugewanderte, Juden entstanden, die das „g“ nicht als „dsch“ sprachen. Gelegentlich wurde gar versucht, den Begriff vom aramäischen גטא (gito) abzuleiten, was wie das hebräisch Äquivalent גט (get) eine Ehescheidungsurkunde bezeichnet. Der nachbiblische Begriff ist erst im späten zweiten Jahrhundert nach christlichem Kalender belegt, bezeichnet aber nirgends ein aus welchen Gründen auch immer abgetrenntes Wohngebiet, sondern ausschließlich die schriftlich verbriefte und damit rechtskräftige Scheidung durch das Rabbinatsgericht.  Denkbar wäre jedoch die Herkunft des ansonsten unklaren Begriffs aus dem aramäischen גיתא (geto), das ursprünglich eine Schafherde bezeichnet, dann im übertragenen Sinne eine „Menge“ und schließlich die Schafhürde. Vom Bedeutungshintergrund käme eine Hürde, Pferch oder Koppel funktional einem Ghetto recht nahe, da darin Schafe oder Pferde, etc. mittels Zäunen, Flechtwerk, etc. gesammelt werden. In einem Ghetto waren nun Juden in einem Gebiet konzentriert und als Wohnviertel der Juden in Venedig ist das Ghetto dann auch allgemein und sicher überliefert.

Mehr oder minder abgeschlossene Wohngebiete sind jedoch keine Erfindung der Venezianer.  Ummauerte oder sonst wie abtrennte Lebensbereiche mit Wohnräumen um Kirchen herum etwa bildeten Klöster. In ähnlicher Weise bemühten sich auch Juden um möglichst geschlossene Wohngebiete. Auf diese Weise entstanden mancherorts kleine Enklaven, „Judenviertel“, oft entlang einer Judengasse oder auf einer Seite daran anschließend, mitunter auch an einer Stadtmauer entlang (wie etwa im mittelalterlichen Nördlingen). Diese Gebiete waren entweder ummauert und hatten sodann auch eigene Zugangstore (Beispiel Prag) oder wurden zeitweilig mit Schnüren oder Ketten abgetrennt, um eine Durchfahrt zu verhindern (wie etwa in Augsburg). Der älteste Beleg für eine solche Einrichtung stammt aus Speyer aus dem Jahre 1084. Die Einrichtung abgeschlossener oder zumindest zusammenhängender und abschließbaren Siedlungsgebiete im Mittelalter stellte keineswegs eine herabwürdigende Ausgrenzung der Juden dar, sondern eine von ihnen selbst so gewünschte Einrichtung, die erforderlich war, um die diesbezüglichen Bestimmungen von Tora und Talmud für Schabbat und Festtage einhalten zu können. In der islamischen Welt, insbesondere in Marokko wäre ab dem 14. Jahrhundert die Entsprechung für eine möglichst geschlossene jüdische Siedlung ملاح (melach), was an der gleich geschriebene arabische Wort für „Salz“, das jedoch als „milch“ gesprochen wird erinnern soll. Hier stammt der Name aus der Stadt Fes und man vermutete nun, dass es nahe der Stadt ein Salzlager gegen haben könnte, um den Begriff zu erklären. Aber auch das scheint ein eher müßiger Versuch zu sein. Es soll uns hier genügen, festzustellen, dass es auch in der islamischen Welt ein Gegenstück zum Ghetto gab – freilich in der Regel ohne negative Konnotation in der Moderne – so wie das osteuropäische שטעטל (schtetel) , das Schtedtel.

Das jüdische Religionsgesetz kennt drei Arten eines Eruw. Zum einem wäre dies עירוב תבשילין (eruw tawschilin), der sich auf die Zubereitung von Speisen an Festtagen für einen direkt darauf folgenden Schabbat bezieht, zum anderen עירוב תחומין (eruw techomin), was sich darauf bezieht, dass man an Orten außerhalb der Grenze des eigenen Wohnorts zuvor zubereitete Speisen deponiert, um und sich weiter als das sonst geltende Limit von 2000 Ellen (ca. 1 Kilometer) laufen zu können, d.h. auf diese Weise die „Grenzen“ zu mischen. Schließlich wäre da ערוב חצרות (eruv chatzerot), die “Mischung der Höfe”. Mit letzterem ist kurz gefasst gemeint, dass man mehrere Höfe, bzw. Häuser mittels einer eigens zu diesem Zweck geschaffenen Absperrung als ein einziges Gebiet zusammen fasst. Der Sinn besteht darin, dass innerhalb des Hofes das Verbot an Schabbes etwas zu tragen nicht gilt. Um in diesem Sinne also am Festtag beispielsweise einen Topf mit Speisen von einem Haus in ein anderes zu tragen, bedarf es der Schaffung eines Eruws, d.h. eines geschlossenen Wohngebiets. Die Erfüllung des Gebots erleichtert die Erfüllung der Schabbesgebote in jüdischen Gemeinden. Einen Eruw zu schaffen, war deshalb immer ein Anliegen jüdischer Gemeinden und nichts was ihnen von außen aufgezwungen werden musste.

In einer von Mauern umschlossenen Stadt, wie im oben zitierten Beispiel des mittelalterlichen Nördlingen, wo das jüdische Viertel sich an der Stadtmauer entlang befand, bedurfte es lediglich einiger weniger Vorrichtungen, um ein geschlossenes Gebiet zu schaffen, nämlich ein kleines Tor am Ausgang der Judengasse. In Augsburg befand sich das mittelalterliche Viertel der Juden entlang der Mauer der Königsburg südlich der Bischofsstadt (heute mit der Straßenbezeichnung Obstmarkt), konzentrierte sich aber in der darauf folgenden Judengasse (heute Karlstraße). Sämtliche Häuser zwischen Obstmarkt und Judengasse weisen große, geräumige Innenhöfe auf, die in der Zeit als das jüdische Viertel bestand durchgängig, d.h. miteinander verbunden waren. Dies erlaubte ein jüdisches Alltags und Festagsleben wie in einer kleinen Stadt, ungestört von der Außenwelt. Man kann also behaupten, dass die Bauanlage als solche als Eruw geplant und ausgeführt wurde. Zusätzlich dazu wurde, wie mehreren Zeugnissen zu entnehmen ist, die Judengasse zum Schabbes und an Festtagen abgesperrt.

Schwieriger verhielt es sich in Dörfern, die mangels Stadtmauer auf keine baulichen Voraussetzungen anknüpfen konnten, zumal wie in den mittelalterlichen Städten die Siedlungsgebieten nicht einheitlich waren. So kam es immer wieder mal vor, dass innerhalb eines von Juden stark dominierten Viertels auch einzelne Christen wohnten, während ab und zu auch Juden außerhalb des Eruws wohnten, weil sie es so wollten oder keine andere Möglichkeit bestand. Die (räumlich) naheliegenden Beispiele der Gemeinden von Kriegshaber, Steppach und Pfersee zeigen aber, dass die Siedlungen entsprechend angelegt wurden, um einen Eruw zu ermöglichen. In Pfersee wurde durch die nördlichen Abschnitte der Leitershofener Straße und der Brunnenbach ein geschlossenes Wohngebiet für die jüdische Gemeinde, das wieder über großräumige gemeinsame Innenhöfe verfügte, während sich außerhalb der dadurch entstandenen „Insel“ kleine landwirtschaftliche Nutzflächen befanden. In Steppach und Kriegshaber hingegen lag die jüdische Ansiedlung direkt zu beiden Seiten der Hauptstraße (die in Kriegshaber auch so hieß, heute: Ulmer Straße, in Steppach war dies die Alte Reichsstraße, die etwas südlich der Ulmer Landstraße verläuft). Die Häuser zu beiden Seiten der Straße verfügten wieder über Hinterhöfe, die miteinander verbunden waren. Auf diese Weise hätte man nun aber zwei getrennte Eruwim auf beiden Seiten der Hauptstraße geschaffen. Da man die Verkehrsstraße, die zugleich auch Handelsstraße zwischen Ulm und dem nahegelegenen Augsburg war, führte dies natürlich zu Konflikten. Die Ironie der Geschichte besteht hier jedoch darin, dass eigentlich nur Konflikte aktenkundig wurden, da die funktionierende Normalität keinen Anlass für Rechtsstreitereien und somit auch keine Urkunden „auslöste“. Aus dem Jahr 1721 ist ein solcher Streit aus Kriegshaber bekannt (anders formuliert: nur ein einziger diesbezüglich in über dreihundert Jahren!).  Damals waren die Schnüre zur Absperrung des Eruv noch auf Straßenniveau, d.h. so niedrig, dass ein auswärtiger christlicher Pfarrer, der zur Segnung eines sterbenden Christen in das jüdische Gebiet musste, gezwungen war, mit seinen Utensilien unter die Absperrung beugen musste. Es fand sich aber auch für Kriegshaber die Lösung, die auch heute noch in über 120 jüdischen Gemeinden außerhalb Israels entsprechend praktiziert wird. Um den Eruv zu schaffen, wurde nun keine Straßensperre mehr geschaffen, sondern auf hohen Masten wurden um das beabsichtigte Gebiet herum Seile oder auch Draht gespannt. Den Zweck der Kennzeichnung erfüllte auch das und weitere Probleme mit Christen gab es damit auch keine mehr. Lange vor elektrischen Leitungen besaßen jüdische Gemeinden an ihren Außengrenzen deshalb aber bereits recht hohe Absperrungen, die aus der Distanz nicht wesentlich anders aussahen als spätere Stromleitungen pder Telegraphenmasten (mit denen sie auf manchen älteren Photographien auch gerne mal verwechselt werden!) und deshalb auch niemanden stören.

Fast, denn mancherorts in den USA sind in den letzten Jahren Kontroversen über die Institution des Eruw entstanden, da zugegeben wenige Nichtjuden sich von der Idee eines Eruws in „ihrem“ Wohngebiet gestört fühlen. Das Vorhandensein eines Eruws verstoße nämlich gegen die Trennung von Staat und Religion im öffentlichen Raum.

Doch logisch ist das nicht, entsteht ein Raum doch erst durch eine Abgrenzung, oder nicht?

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Eruv.jpg&filetimestamp=20060312223359

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