Wie Antisemiten 2016 ((( Juden ))) öffentlich “kennzeichnen”

June 21, 2016

Seit einiger Zeit kursieren Gerüchte über Antisemiten (Nazis, Islamisten), die Namen von Juden in sog. “social networks” als jüdische kennzeichnen und zwar mit (((…))) drei Klammern vor und nach dem Namen des betreffenden, z.B. (((Jesus))).

brackets Jews Klammern Juden

http://www.br.de/puls/themen/welt/nazis-und-trump-anhaenger-trollen-juden-mit-drei-klammern-um-juedische-namen-100.html

http://www.bbc.com/news/technology-36459990


1933: “Verfolgung des Zionismus in Deutschland”

June 18, 2013

Am Freitag, dem 16. Juni 1933 – also vor achtzig Jahren – stand in der Ausgabe 24  des Wochenmagazins „Der Jüdische Arbeiter, Organ der zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale Zion – Hitachduth in Österreich“ folgende Kurzmeldung auf der Titelseite:

Nazi-Deutschland mordet und verfolgt: 300 Juden getötet, 3000 schwer misshandelt

Der katholische Schriftsteller M. Wilrams***, der in halbamtlicher Funktion als Mitglied des amerikanischen Komitees für die „Untersuchung der Rechte der Minderheiten in Deutschland“ Deutschland bereist hat, berichtet, er habe festgestellt, dass während der „nationalen Revolution“ nicht weniger als 300 Juden getötet und mindestens 3000 schwer verletzt wurden.“

Weitere Schlagzeilen auf der Titelseite tendieren in dieselbe Richtung: „Verfolgung des Zionismus in Deutschland“: „In den letzten Tagen hat die Regierung die Barbestände des Keren Hajessod und des Keren Hajemet beschlagnahmt. In der Redaktion der Berliner „Jüdischen Rundschau“ hat die politische Polizei eine Hausdurchsuchung vorgenommen und alle Exemplare der letzten Nummer beschlagnahmt.

Eine weitere Schlagzeile meldet kurz die „Auflösung jüdischer Studentenvereine“ oder dieses: „An der Breslauer Universitätsklinik hat die deutsche Studentenschaft ein Verbot gegen jeden Verkehr mit jüdischen Hochschülern erlassen“, schließlich: „Im Auftrag der Regierung von Sachsen ist ein Nazi zum Regierungskommissär der jüdischen Schule in Leipzig ernannt worden.  

Entwicklungen dieser Art ließen wollen binnen Tagen und Wochen nach der „Machtübernahme“ durch die Nazis keine wesentliche Zweifel daran, in welcher Richtung sich das Geschehen weiter entwickeln würde. Entsprechend titelte dann auch der Leitartikel „Macht geht vor Recht“ und befasste sich mit den internationalen Implikationen: „Der Traum ist ausgeträumt“ heißt es da desillusioniert: „Die ach so kurze Epoche, da wir hoffen durften, dass als Reaktion auf das vierjährige Völkerschlachten nunmehr eine Vermenschlichung der Völkerbeziehungen eintreten werde, ist beendet, und diese Hoffnung als trügerische Sinngebung des sinnlosen Krieges erwiesen. Was wir heute schaudernd miterleben, ist die Restauration im weitesten Sinne des Wortes, ja mehr noch: die Gewalt gewinnt unumschränktere Macht, als sie sie jemals gehabt hat.“

Die Juden Deutschlands sind Opfer eines Systems geworden, dessen nähere Charakterisierung unter den gegebenen Umständen unmöglich ist, sie sind außerhalb der Rechtsordnung gestellt, ihr Hab und Gut, ihre wohlerworbenen Rechte finden keinen Schutz seitens des deutschen Staates. Unsägliches Leid hat diese Rechtlosigkeit über jüdische Männer, Frauen und Kinder gebracht  – barbarischen Hohn der Machthaber ist die Begleitmusik dazu. Ein Appell an die rechtsstaatlichen Instanzen ist unmöglich …“  

Das deutsche Judentum, der geistig und politisch führende Teil der Weltjudenheit, ist an den Bettelstab gebracht, brot- und heimatlos in den Hauptstädten Europas irrend…“  

Kriegerdenkmal St. Ulrich Augsburg Das inzwischen “verschwundene” Kriegerdenkmal von St. Ulrich in Augsburg (2008)

*** gemeint ist der Tiroler katholische Theologe und Autor Anton Müller (1870-1939), der als „Bruder Willram“ bekannt wurde . Er war zweifelsfrei sowohl Rassist als auch Antisemit und galt als reaktionär und chauvinistisch, war aber andererseits auch kein „Nazi“ im parteipolitischen Sinne, obwohl er deren Blut-Ideologie teilte. Hitler & Co. waren ihm aber nicht katholisch genug. Wenngleich auch weitgehend vergessen, ist es zur Beurteilung der situation in den ersten Wochen und Monate der Nazi-Herrschaft durchaus denkwürdig, dass ein Antisemit zum einem als halbamtlicher Beobachter für eine amerikanische Kommission im Frühjahr 1933 Deutschland bereiste und beurteilte und zum anderen, dass ein “sozialitisch” – zionistisches Magazin ihn zitiert. Interessant ist freilich aber auch der von den Nazis geführte Kamf gegen den Zionismus, der schon in diesen frühen Phase klar erkennbar wird. Relevant ist dies achtzig Jahre später auch für usnere Zeit, wo einige wirre Köpfe meinen, sie könnten “antizionistisch” ohne Antisemit zu sein. Das immer noch gültige Beispiel der Nazis und ihrer von Beginn an ausgeübten Verbrechen spricht eine andere Sprache udnsollte uns dazu ermuntern Antisemiten auch klar als solche zu benennen.

Zionist postcard Bavaria 1912Bavarian / Austrian Zionist postcard about 1912

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Eighty years ago the Austrian Jewish paper “Der Juedische Arbeiter (the Jewish worker)” quotes a report by the Austrian RC autor Brother Willram (Anton Müller) who traveled on behalf of a semi-governmental US organization Germany in early 1933 in order to find out how the treatment of minorities was like. His report says that in the course of the so called “national revolution” – today in Germany frequently belittled as “Machtergreifung” (takeover) – at least 300 Jews were killed and more than 3000 seriously wounded. Other news from the same issue of the paper depict the savage persecution of Zionism by the Nazi even in the early stage of their rule.

However today pretends to be Anti-Zionist “only” but “for sure” not Anti-Semitic needs to know what already eighty years ago the example of German Nazism has told the world: So callecd Anti-Zionism actually is Antisemitism,  don’t let yourself be fooled.


Von Martin Luther und seinen Lügen

July 27, 2010

Zugegeben, der Titel liest sich für manche wohl etwas ungewohnt, kehrt er doch eine Schrift aus dem Jahr 1543 namens „Von den Juden und ihren Lügen“ von Martin Luther (1483-1546) um. Luther war der Begründer der nach ihm benannten Kirche, der Lutherischen Kirche, deren “Weltbund” (Lutheran World Federation = LWF) seit kurzem von dem Palästinenser Munib Younan geleitet wird, der den Staat Israel mit der südafrikanischen “Apartheid” gleichsetzt und Israels Politik als „Sünde gegen Gott“ bezeichnet. Dass nun Younan in Stuttgart zum Vorsitzender der Lutheraner gewählt wurde, ist sicher kein Zufall, wenn man die Ansichten des Urdeutschen Martinus Luther zu “den Juden” besieht.

Kurz gefasst war Martin Luther ein fanatischer Judenhasser, der sie, „die Juden“ mit ihm, „dem Teufel“ gleichsetzte. Er unterstellte Juden pauschal Räuber und Betrüger zu sein. Dass er sich dabei nicht gegen ein, zwei Leute richtete, mit denen jeder mal schlechte Erfahrungen machen kann, oder vielleicht selbst nur einen schlechten Tag hatte oder zwei, geht aus seinen dann doch sehr zahlreichen Verleumdungen gegen Juden hervor, die er über Jahre und Jahrzehnte hinweg immer wieder publizierte. Er diffamierte Juden tatsächlich wo er konnte, und zwar pauschal, wie gesagt. So schrieb er bereits 1526 „1400 Jahre sind die Juden unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen.“ Unter Berufung auf Luther hatten politische Antisemiten (die als sog. ein Thema – Partei jahrelang im Reichstag saßen) im späten 19. Jahrhundert daraus den Slogan „Die Juden sind unser Unglück“ verkürzt gebastelt, der auch zum Motto von Julius Streichers Verleumdungspostille „Stürmer“ wurde. Ihr Vorbild Luther nannte Juden unentwegt „Teufel“ und sagte, dass er sie „am liebsten eigenmächtig umbrächte.“

Luther Augsburg St. Gallus 21 Oktober 1518

Martin Luther Tafel bei St. Gallus in Augsburg: … einst selbst auf der Flucht

In seiner „Lügen“-Schrift forderte er schrill dazu auf, Synagogen und Schulen zu verbrennen, jüdische Häuser zu zerstören und die Juden „wie die Zigeuner“ in Ställen wohnen zu lassen. Ferner wollte er den Juden den Talmud und ihre Gebetbücher “wegnehmen”, ihren Rabbinern das Lehren verbieten, Juden generell freies Geleit untersagen, ihren jedes Bargeld und Schmuck nehmen, und sie schließlich zur Zwangsarbeit verdammen.

Wenn moderne Historiker darin das Nazi-Regime vorweg erkennen, ist das wohl keine sonderliche Gehirnleistung, erforderte aber bei den betroffenen Anhängern des Verleumders bis in die letzten Jahre einige Anstrengung und Überwindung. Wie will man auch damit umgehen, wenn der eigene Prediger der Rechtschaffenheit “plötzlich” als “Wegbereiter des Holocaust” porträtiert (und öffentlich diskutiert!) wird. Nichts das daran irgendetwas Neues wäre, man hatte sich doch früher ganz ausdrücklich dazu bekannt, mit Unmengen von Stolz und lautem Geschrei und nicht nur die wesentlichsten Nazi-Führer haben sich dabei auf Luther berufen, so auch Hitler, Goebbels und Streicher, sondern Lutheraner landauf, landab.

In einer weiteren Schrift stellte Luther 1544 fest, dass es nicht seine Absicht ist, Juden zu bekehren, sondern den „Deutschen Historien“ aufzuzeigen, „was ein Jude sey“ und dass die Warnung vor ihnen „vor dem Teufel selbst zu warnen“ ist: „nicht um die Juden zu bekehren, welches eben so nützlich ist als den Teuffel zu bekehren.“

Luther des Teufels Dudelsack von Erhard Schön 1536… und als “Dudelsack des Teufels” (1536) verspottet: Luther-Kopf

Viele Luther-Apologeten versuchen seine Äußerungen unvermeidlich schönzureden, hängt ihr sonstiges Weltbild doch nicht unwesentlich von ihm und seinen Lehren ab. Eine dieser Sinnestäuschung besteht in der Behauptung, dass der frühe Luther den Juden durchaus “wohlgesonnen” gewesen sei, dann aber enttäuscht darüber war, dass sie sich vom ihm nicht zum wahren Christentum bekehren ließen. Auch sei er, trotz seiner zahlreichen, pauschalisierten, Juden verteufelnden Ansichten “im Grunde kein Rassist” gewesen, da er sich in seinen Schriften ja sogar auf einen angeblichen konvertierten Juden berufen habe. Gemeint ist Antonius Margaritha, der ein Sohn des letzten mittelalterlichen Regensburger Rabbiners gewesen sein will und 1522 zum Christentum übergetreten war, um ein Enthüllungsbuch mit dem Titel „Der gantze jüdisch Glaub“ zu verfassen. Das Werk wurde 1530 in Augsburg gedruckt, jedoch gelangte der Autor dort auch in Haft, da der jüdische Gelehrte Rabbi Josel von Rosheim (den Luther sich übrigens weigerte zu treffen!) den Fälscher anzeigte und öffentlich nachwies, dass er zahlreiche erfundene und verfälschte Aussagen als jüdische in sein Werk setzte, um die Juden zu verleumden. Schon damals als Fälschung entlarvt, spricht nichts wirklich dafür, dass es sich tatsächlich um einen Juden handelte, der zum Christentum übertrat, vieles deutet aber darauf hin, dass er mit diversen Wendungen ansatzweise vertraut war, und wohl ein christlicher Diener der Regensburger Juden war oder wahrscheinlicher um einen Pfaffen aus der neidischen Nachbarschaft.

Wie dem auch sei, weil Luther diesen Autor zitierte, konnte er wohl kein Rassist und Antisemit sein. Ganz so als würde ein Antisemit “niemals” Verleumdungen über Juden zitieren, die von sog. “Kronzeugen” stammten? Ganz so als ob Antisemiten an sich rechtschaffene Leute wären, die nur lautere Methoden nutzten.

Es ist im Grunde sehr erbärmlich, solche Argumente zu benötigen.  Aber das liegt nur daran, dass man derzeit Hass auf Juden als Schande sehen muss. Aber der Nahe Osten bietet aktuell und in Zukunft offenbar den Ausweg aus dem Dilemma. Und so ist es unter der neuen palästinensischen Schirmherrschaft der Lutheraner auch kein Wunder, dass sich zumindest schon auf Arabisch und Englisch Antisemiten wieder auf Luther und seine Lügen über die Juden berufen. Wie die Lage einzuschätzen ist, ergibt sich daraus sicher eine neue eigene Dynamik unter den frommen Lutheranern und Israel als postuliertes Feindbild.

Yehuda Shenef 2009 Gelber Ring yellow ring AugsburgGelber Ring von Augsburg 1434


70. Jahrestag der “Kristallnacht” in Augsburg

November 10, 2008

In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 (- das Datum entspricht nach jüdischem Kalender dem 15./16. Cheschwan 5699), etwa gegen halb vier Uhr wurde wie in zahlreichen anderen Städten auch die Synagoge im Herzen der Augsburger Innenstadt überfallen, angezündet und geschändet. Juden in der ganzen Stadt wurden aus den Betten gezogen, geschlagen und verhaftet. Viele wurden nach Tagen der Haft im Gestapo-Gefängnis am Katzenstadl, wo sich im Mittelalter der historische jüdische Friedhof der Stadt befand inhaftiert und von dort in das KZ Dachau überstellt. Trotz der systematischen Entrechtung der Juden in Deutschland ab 1933 betrachtet man die “Kristallnacht” als “eigentlicher” Auftakt zum “Holocaust”.

Heute jährt sich dieses Geschehen, das in einigen Städten bereits am Abend des 9. November begann, zum 70. mal.

Unser etwas nervöses Video will dem Geschehen in Augsburg gedenken.

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70th Anniversary of “Kristallnacht” in Augsburg


Die verwehrten Anfänge

September 15, 2008

 

How was it possible that Nazis in Germany  were able to seize power 75 years ago – seemingly without enormous efforts and what were the circumstances in Augsburg? Taboo breaching questions for decades an exhibition is trying to answer now, without digging to deep into the past.

 

Die am 14.09.2008 eröffnete Ausstellung „Machtergreifung“ in Augsburg. Anfänge der NS-Diktatur 1933 – 1937 und der dazu erschienene Katalogband versuchen Erklärungen dafür zu finden, wie und warum sich der Nationalsozialismus in der Stadtgesellschaft Augsburgs vor 75 Jahren so rasch etablieren konnte. Im Katalog vermerkt Prof. Dr. Andreas Wirsching, dass sich die NS-Diktatur in Augsburg „ohne großen Widerstand durchsetzteohne dass zuvor eine besonders breite nationalsozialistische Parteibasis bestanden“ habe.

Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte des Nationalsozialismus stand „lange Zeit nicht so im Fokus, wie man es bei einer Stadt in der Größe Augsburgs voraussetzen müsste“, konstatierte so auch Dr. Michael Cramer-Fürtig vom Augsburger Stadtarchiv. Zuvor bemängelte bereits Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl in seinem Grußwort im Goldenen Saal des Rathauses, dass es in den sechs Jahrzehnten seit dem Ende der Naziherrschaft, in Augsburg „fast ein Tabu“ gab, sich mit deren lokaler Verstrickung und Ausprägung näher zu befassen und „es offenbar auch eines Generationswechsels bedurfte“, um die kritische Aufarbeitung zu ermöglichen. Beigetragen dazu habe sicherlich „eine personelle Kontinuität“ in vielen Institutionen und Behörden, die eine frühere Auseinandersetzung verhindert habe. Das klingt ungewohnt kritisch, ja mitunter selbstkritisch, andererseits aber auch eher wie eine (vielleicht ungewollte) Begründung für einen Machterhalt alter Seilschaften nach der Kapitulation des Nazi-Regimes, als nach einer Erklärung für den Aufstieg der Nationalsozialisten, dem eigentlichen Thema der Ausstellung. In diesem Kontext stellte Beate Merk, Bayerns Justizministerin fest, dass es gerade auch Richter waren die den Nazis gegenüber erstaunliche Nachsicht übten und sie mit Freisprüchen und milden Urteilen  belegte, während Gegner der Nazis oft verunglimpft und verspottet worden seien. Diese Auffassung lässt sich zwar ohne weiteres anhand zahlreicher Beispiele belegen, jedoch erklärt sich daraus nicht, wie und warum die damaligen Richter so eingestellt waren und welche Voraussetzungen dafür vorlagen. Merk zufolge zeige dies aber, dass „die Institution einer Demokratie alleine nicht ausreicht, um vor politischen Extremisten zu schützen, wenn die Gewaltenteilung nicht funktioniert und die Justiz versagt“. Sachlich ist auch dies richtig, aber welche Lehre sollen wir heute daraus ziehen, wenn in Deutschland anders als etwa in den USA Richter nach wie vor nicht demokratisch gewählt, sondern ernannt werden ..?

Der nächste Redner, Prof. Pyta aus Stuttgart, Autor einer Hindenburg-Biographie, verwies darauf, dass Hitler nicht an die Macht gekommen wäre,  wäre es nach den Bayern und Süddeutschen gegangen – eine Aussage, die vor bayerisch-schwäbischen Publikum gut ankommen musste und zahlreiches bestätigendes Nicken in den Reihen der Zuhörer auslöste. Erstaunlich eigentlich, 75 Jahre danach und ohne Anwesenheit eines damals bereits erwachsenen Zeitzeugen. Zugleich ist es natürlich auch zutreffend, dass „die Würfel in Berlin gefallen sind“, wie Pyta es formulierte. Und hier führte er die Spur auf den Reichspräsidenten Hindenburg, der keineswegs ein seniler alter Mann gewesen sei, sondern genau gewusst habe, was er tat. Hindenburg habe realisiert, dass die Mehrheit der Bevölkerung antidemokratischen Kräften folgte und sei selbst alles andere als ein Freund einer liberal-demokratischen Demokratie gewesen. Hitler schien ihm deshalb als Instrument zur Beseitigung dieses Konstrukts durchaus willkommen, insofern sich dieser selbst beherrschen ließe. In der Tat gehörten Hitlers Kabinett zunächst ja auch nur zwei weitere Minister der NSDAP an.

Obwohl allseits betont wurde, dass das „große Geschehen“  gerade durch die lokalen Bezüge „dem Publikum“ greifbarer und verständlicher gemacht werde, wollten die Beiträge der Redner nicht so ganz zum Ausstellungstitel passen. Und so tat man sich sichtlich schwer damit, Augsburger Besonderheiten herauszuarbeiten und zu verdeutlichen, welche Gefüge vor Ort bestanden.

Wer waren jene, die rasche und Jahre anhaltende Karrieren machten, wer half dabei und wer passte sich an? Wer profitierte im Einzelnen von den sog. „Arisierungen“ und von der Verdrängung jüdischer Bürger in der Stadt? Welche Personen waren es in Augsburg, die Regimegegner denunzierten oder verhafteten, mit „Boykott“-Tafeln vor den Geschäften standen oder für das Reichssippenamt genealogische Studien betrieben oder jüdische Friedhöfe in der Stadt schändeten oder in der sog. „Reichskristallnacht“ früh morgens um halb vier die Synagoge anzündeten und Thorarollen zerfetzten?

Es ist richtig, dass der „30. Januar 1933“ nicht einfach vom Himmel fiel, aber auch die Geschehnisse danach können nicht als „Selbstläufer“ aufgefasst werden und so bleibt die Frage nach „Hitlers willigen Helfern“ (Goldhagen) weitgehend unbeantwortet und unter der anders verstandenen Formel „Wehret den Anfängen“ bleibt „das Tabu“ im Grunde bestehen.

 

Die Ausstellung (im Unteren Fletz des Augsburger Rathauses) selbst bietet, wie Dr. Cramer-Fürtig betonte, nur rund hundert von mehreren hundert verfügbaren Exponaten, der Katalog immerhin die doppelte Menge. Sie boten – gruppiert um teilweise mit Stacheldraht gekrönten Bauzäunen – einen eigentümlichen Kontrast zu den zahlreichen geladenen Gästen, die mit Sektgläsern bewaffnet neben Bildern von Hitler, Naziaufmärschen ,  Photographien der zerbombten Augsburger Innenstadt oder politischen Propagandaplakaten einander zuprosteten und mit sich selbst und der Kontaktpflege beschäftigt waren. Zur nüchternen Betrachtung bleibt freilich noch bis zum 16. November Zeit und im Rahmen begleitender Ausstellungen und Vorträge Gelegenheit.

 

 

 

Katalog zur Ausstellung:

Michael Cramer-Fürtig, Bernhard Gotto (Hg.), Machtergreifung in Augsburg. Anfänge der NS-Diktatur 1933–1937 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. 4), Augsburg 2008.

ca. 420 Seiten mit mehr als 300 Abbildungen, Klappenbroschur, 19,80 Euro, Wißner-Verlag Augsburg, ISBN: 978-3-89639-654-9.